KULTURATIONOnline Journal fŁr Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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Redaktionsarchiv Kulturation
R√ľckblick aus dem Jahre 2000 - Erinnerungen an die "Zwischenrede" von 1989

Hier in der Rubrik "Zeitdokumente" ver√∂ffentlicht die Redaktion von Kulturation das Wortprotokoll einer deutsch-deutschen Kulturdebatte, die vor 25 Jahren stattgefunden hat ("Zwischen-Rede 1989"). Erg√§nzt wird dieses kulturhistorische Dokument durch die hier eingestellten r√ľckblickenden Kommentare von Teilnehmern dieser deutsch-deutschen Begegnung. Sie sind von der Redaktion zum 10. Jahrestag des Ereignisses erbeten worden und konnten damals nicht publiziert werden. Sie sind nach weiteren 15 Jahren inzwischen selbst zu historischen Dokumenten geworden.

Horst Groschopp

Kulturdialog ‚Äď Kurzer Kommentar zur ‚ÄěZwischenrede‚Äú von 1989

Heute vor zehn Jahren, am 22. Dezember 1989, fand in Berlin, im gro√üen Saal der Akademie der K√ľnste Ost, die ‚ÄěZwischenrede‚Äú statt. Damals zu viel erwartet? Das Falsche bef√ľrchtet? Alles dies zwischen Fatalismus und Aktionismus. R√ľckerinnerung bedeutet, dieses Ereignis aus einem B√ľndel von anderen heraus zu sch√§len, zum Beispiel der √Ėffnung des Brandenburger Tores am gleichen Tag. Weihnachten stand bevor, Tage der Besinnung ank√ľndigend. (Es wird der rum√§nische Conducator erschossen werden; die Bilder, wie es ausgehen kann, warnend auf dem Fernsehschirm.)

Es war ein Freitag. Am Montag zuvor waren die w√∂chentlichen Demonstrationen endg√ľltig in ihren Parolen umgeschlagen in Richtung Wiedervereinigung. Weizs√§cker hatte wenige Tage davor Modrow getroffen. Das Signal stand deutlich sichtbar auf Einheit. Die Fragen waren jetzt konkreter zu stellen: wie, zu welchem Preis, was mitnehmen?

Das Ereignis in der Akademie der K√ľnste Ost, es verlief seltsam diszipliniert. Die Anwesenden nahmen die Vorg√§nge ‚Äď so k√∂nnte man es formulieren ‚Äď gefasst auf, aber auch wie die Ruhe vor einem Sturm, den alle bef√ľrchten. Au√üerhalb der Akademie, in den Medien und Betrieben, hielten die Selbstbezichtigungen und Anklagen noch an. Freies Reden √ľberall. Ziemliche Gewissheit bei fast allen, die im Raum sprechen, der einem medizinischen H√∂rsaal gleicht. Man h√∂rt geb√ľndelte Lebenserfahrung, doch unterschiedliche Verk√ľndigungen. Diskutanten aus Ost und West, ohne Absprache irgendwie abwechselnd. Nie wieder wird das so sein. Gesprochen wird voller Illusionen und mit Endzeitwarnungen √ľber das, was dann wirklich anders kam. Dabei die ostdeutsche K√ľnstlerschaft im Hochgef√ľhl, im R√ľcken den 4. November, die gro√üe Demonstration. (Wer da alles aus den Partei- und Staatsapparaten mitlief!)

Ulrich Roloff-Momin, der sp√§tere ungl√ľckliche Kultursenator, und Gisela Oechelhaeuser, deren Ungl√ľck erst Jahre sp√§ter eintritt, leiten bestimmt, einf√ľhlsam und sind Dame und Herr der bunten Versammlung. Das Haus ist proppenvoll, ein st√§ndiges Kommen, wenige gehen wieder; alles verl√§uft ruhig, vor allem, wenn jemand spricht. Eine gro√üartige Auff√ľhrung. Wenn man nur die historische Stunde gef√ľhlt h√§tte: Das gibt es nie wieder, so viele K√ľnstler unterschiedlicher Genre in einem Saal.

Aber wieso h√§tte man dies ahnen sollen? Es gab ja in dieser Zeit pausenlos Aufregendes: Gerade erst ein gest√ľrztes ZK; gerade Christa Wolfs und anderer Aufruf ‚ÄěF√ľr unser Land‚Äú. Und die Arbeiterschaft begann, sich zu melden. Sie fordern nicht ihre Betriebe, sondern ordentliches Wirtschaften, mehr Geld und: die Bonzen raus, besonders die der ‚ÄěArbeiterpartei‚Äú und der Gewerkschaft. Aber der Aufruf des Neuen Forums zum Generalstreik ist endg√ľltig gescheitert.

Die Tagung war ein Produkt der KulturInitiative '89, die damit an die √Ėffentlichkeit trat und zun√§chst ein gemischter Ost-West-Laden war. Da war sie noch nicht Verein, jedenfalls nicht so richtig. Sie wollte aber die KuPoGe [Kulturpolitische Gesellschaft] der DDR werden, wie alle irgendetwas gr√ľndeten, um endlich alles anders zu machen. Doch Dietrich M√ľhlberg verk√ľndete zugleich: Dieser Klub soll nie einen Apparat bekommen (was ja eingetreten ist).

Wesentlich von Roloff stammte das Motto ‚ÄěZwischenrede‚Äú. Es wurde in langem Hin und Her mit ‚ÄěGustav‚Äú (Hardt-Waltherr H√§mer) und Krista Tebbe in deren R√§umen des Kunstamtes Kreuzberg gebastelt. Thomas Flierl war dabei, wenn er konnte, noch im Kulturministerium angestellt. Er verstreute pausenlos Problembewusstsein und Adressen Ost, alles haufenweise. Jedenfalls blieb h√§ngen: so einfach wird das nicht gehen mit der Einheit, schon gar nicht im Kulturbereich. Das war schon viel in jenen Tagen. (Krista Tebbe wird daraufhin Hermann Glaser anrufen und der wird Dieter Sauberzweig anrufen und es wird eine Tagung dazu vorbereitet.)

Hin und wieder kann Katja Jedermann an den Sitzungen teilnehmen, die K√ľnstlerin mit der F√§higkeit zum theoretischen und politischen Streit, leise, aber grunds√§tzlich und immer vom K√ľnstlersein ausgehend. ‚ÄěBibi‚Äú (Joachim G√ľnther), Abgeordneter der SPD, ganz anders, wie auch Christiane Zieseke, im Westberliner Kulturapparat t√§tig. Sie sind in dieser Zeit der ruhende Pol des Teams und ganz praktisch: Wie ist mit wem wann wor√ľber zu reden?

G√ľnther ist der aufgekl√§rte Parteimensch, Kr√§fteparallelogramme wertend. Er problematisiert fr√ľh einen politischen Druck, der die Folgezeit pr√§gt. Aber noch ist nicht entschieden (jedenfalls nicht bekannt), ob die ostdeutsche SDP auch sozialdemokratische SED-Leute aufnimmt. (Sie wird verneinen, dass es das gibt.) Zwei Tage zuvor noch hatte die Bundes-SPD ein neues Parteiprogramm angenommen ‚Äď da wird noch mit der DDR gerechnet.

Ich selbst war mit vielem, vor allem mit der Vorbereitung des ersten Berlin-Berliner-Diskurses (des ersten deutsch-deutschen) √ľber kommunale Kulturarbeit besch√§ftigt. Das Treffen fand dann im Januar '90 zuerst im Th√§lmannpark, dann im Kunstamt Kreuzberg statt. Rein vom Verkehr aus gesehen komplizierte Kontakte mit Reinhard Gericke und dem Institut f√ľr soziale Demokratie, dem Partner der KI '89 bei dieser Tagung. Die Konferenz k√∂nnte platzen, da der Direktor des Prater, wo sie urspr√ľnglich stattfinden soll, einige Tage nach dem Fall der Mauer in den Westen gefl√ľchtet ist und im SPD-Parteihaus Wedding Asyl gefunden hat; vertrauensf√∂rdernde Ma√ünahmen: Gespr√§che mit ihm √ľber Gericke als Vermittler.

N√ľtzlich f√ľr die geplante Tagung am Rande der Teamrunden die Gespr√§che mit Krista Tebbe √ľber ‚ÄěKulturarbeiter‚Äú. Kreuzberg hatte soeben eine (!) Stelle geschaffen, die sogar so hie√ü. Flierl nennt die Zahlen Ost: gro√ües Erschrecken West. Ich versuche eine ‚ÄěTheorie‚Äú darauf.

Tagen will die ‚ÄěKulturInitiative‚Äú nur im Westen. Erstens gibt es die Mauer noch. Zweitens die Grenzabfertigungen. Drittens kommt man zu dieser Zeit schneller vom Osten in den Westen als umgekehrt: noch ist nicht alles geregelt, was dann sehr fix √ľberfl√ľssig wird. Viertens: Telefonieren zwischen den beiden Stadth√§lften eine Tortur. Doch vor allem f√ľnftens: Wie soll man im Osten und vom Osten aus so ein Event organisieren?

Die Ostmenschen im Vorbereitungsteam lernen im Kunstamt, in der HdK, bei ‚ÄěGustav‚Äú zu Hause: da nimmt man das Fax, da den PC, dort eine Hilfskraft; Telefone sind verbindliche Verabredungsinstrumente; unterschrieben wird erst, wenn das letzte Komma an der richtigen Stelle steht ‚Äď das sind keine Verz√∂gerungen des revolution√§ren Fortgangs der Ereignisse, sondern Beschleuniger der Herstellung √ľbereinstimmender Auffassungen. Da nimmt man es ganz genau. Das Individuum hat etwas zu verlieren. Kein Kratzen am guten Namen, Dreck geht nie mehr weg. (Das schert den Ostmenschen weniger, immer wieder werden dunkle Ahnungen ge√§ussert, was alles demn√§chst passieren kann. Besonders M√ľhlberg tut sich als Seher hervor. Es kam ja dann immer zwei bis drei Grade grunds√§tzlicher.)

Die ‚ÄěZwischenrede‚Äú hie√ü ja nicht nur so, weil da jemand irgendwie Einspruch erhebt oder weil ein Moment in einem Prozess fest gehalten werden sollte. Daran h√§tten sich Roloff und H√§mer nicht so lange mit dem Thema aufgehalten. Nein, alle in der Vorbereitungsgruppe gingen tats√§chlich ganz selbstverst√§ndlich von der Existenz zweier Kulturen in Deutschland aus. Das war eine Tatsache, die Gewissheit: Reden zwischen den Kulturen; zwei Seiten reden miteinander; Kulturen sind sich schlie√ülich fremd.

Es hat nach diesem Ereignis sehr lange gedauert und noch immer gibt es einige Schwierigkeiten, dies so zu sehen, bis wieder von zwei deutschen Kulturen, unterschiedlichen Mentalit√§ten und differenten Auffassungen von Kultur geredet werden konnte. Erst einmal war die ‚ÄěKulturnation‚Äú dran als eingebildeter Kitt der Einheit.

Zu viel erwartet? Das Falsche bef√ľrchtet? Man wusste mehr (genauer: es schwante einem mehr), als Bereitschaft bestand ‚Äď auch psychisch und politisch sowieso ‚Äď die Lage und den Verlauf anzuerkennen. Dabei war mir selbst doch alles gesagt worden schon am 18. Oktober 1989 abends in Dortmund bei einem Umtrunk nach einem Vortrag von Kurt Koszyk √ľber Arbeiterpresse, zu dem Hans Mommsen eingeladen hatte. Ein Bote verk√ľndet, Honecker sei abgesetzt. Na, Herr Groschopp, was wird jetzt aus der DDR? Na ja, diese und jene Errungenschaft werden die Arbeiter vielleicht behalten wollen. Konf√∂deration scheint der Weg. Mommsen: Kann sein, aber sehen Sie, ‚ÄěAntifaschismus‚Äú war nicht erfolgreich, die DDR als dauerhaften zweiten deutschen Staat nach innen und au√üen zu legitimieren; ‚ÄěKultur‚Äú auch nicht und eigene ‚ÄěNation‚Äú schon gar nicht. Wenn die Russen Sie fallen lassen, dann Gnade Ihnen Gott. Geschichte ist nach vorn offen. ‚Äď Es folgt rege Debatte. Darunter ein Kollege: Es wird wohl besser sein, ich warte mit dem joint venture mit der Dresdner Kaffeefabrik, die mal meinem Vater geh√∂rt hat. Jetzt will ich sie wieder haben.


Anna Elmiger

10 Jahre später.
Meine Sorge und meine Angst sind gewachsen.
Es gab inzwischen einen großen Zapfenstreich am Brandenburger Tor.
Die neuen Nazis sind durch das Brandenburger Tor marschiert.
Schlaglichter auf eine Entwicklung, die bedrohlich ist.
Das Brandenburger Tor;
Wahrzeichen Berlins;
ein Triumphtor, ein kriegerisches Symbol.
Das vereinigte Deutschland hat doch auch andere, schöne Seiten!
Es hätte andere Wahrzeichen und Symbole verdient;
oder sogar nötig.


Rainer Höynck

Identität - vom Umtausch ausgeschlossen

Das mit den ,,bl√ľhenden Landschaften" h√§tten wir dem Zufallskanzler der ohne sein Verdienst ausgebrochenen Einheit von Anfang an nicht durchgehen lassen d√ľrfen. Die Entt√§uschungen w√§ren wohl milder ausgefallen ohne die Fallh√∂he von √ľbertriebenen Erwartungen zu besserem Augenmass.

F√ľr Schadenfreude und Rechthaberei ist die Sache aber zu ernst, die Aufgabe zu wichtig: bessere Verst√§ndigung zwischen Ossis und Wessis, was nur geht wenn die Parole vom l√§ngst eingetretenen Ende der Unterschiede verstummt, wenn das Sch√∂nreden der Folgen von vier Jahrzehnten deutsch-deutschen Auseinanderdriftens abgel√∂st wird von n√ľchterner Einsch√§tzung. Vielleicht kann noch hinzugef√ľgt werden, dass Verdr√§ngungen und Verleugnungen von Tatsachen eine explizit konservative Gesinnung verraten. Aber so genau l√§sst sich die Grenze zwischen eher linker kritischer Grundhaltung und eher rechter emotionaler Unsch√§rfe nicht ziehen. Helmut Kohl konnte ja nie als Intellektueller eingesch√§tzt werden; dieses Defizit teilt er mit manchen Kollegen auch von den anderen Fl√ľgeln der Parteipolitik.

Also zehn Jahre zu sp√§t f√ľr klaren Blick und sorgsame Strategien? Nein, es w√§re nie zu sp√§t, wenn die Richtung stimmte. Die Sozialisation in beiden Teilen Deutschlands war nun mal verschieden bis gegens√§tzlich. Von Zusammengeh√∂rigkeit konnte bisher nur als Ziel, nie als Zustand gesprochen werden. Am Beginn des Weges stand - um einen Begriff aus der gegenw√§rtigen Fusionsspirale der Wirtschaft zu verwenden - eine feindliche √úbernahme. Die ging einher mit Beschwichtigung von √Ąngsten und Ruhigstellung von Opposition und wurde sch√∂ngeredet mit einem Katalog vermeintlicher Vorteile und angenehmer Aussichten.

Am Beginn der neuen Jahrtausends - genauer gesagt ein Jahr davor - sollten fortwirkende Verh√§rtungen und aufbrechende Widerst√§nde nicht als Belege f√ľr R√ľckschritte gedeutet werden, sondern als SignaIe besserer Orientierung. Wenn zum Beispiel 23 junge Autoren eines "Buches der Unterschiede" hinter den Berufsbezeichnungen mit dem Kennzeichen "Ost" oder "West" eingeordnet werden, ist solche Information zum Verst√§ndnis der Positionen nicht √ľberfl√ľssig. Der Titel der Essay-Sammlung lautet: "Warum die Einheit keine ist". Ein ermutigendes Zeichen von Neuanfang mit realistischen Prognosen.

Nachträgliche Schuldzuweisungen verkennen die Schwierigkeiten von 1989. Die bundesrepublikanische Politik mit ihren kapitalorientierten Szenarien liess sich nicht mit alternativem Denken und Planen, schon gar nicht mit der Idee eines demokratischen Sozialismus in EinkIang bringen.

Im Herbst wird ein neues Buch √ľber den "Berliner Ring" erscheinen, √ľber die Ver√§nderungen des Industrie- und Landschaftsg√ľrtels rund um Berlin mit seinen √úberg√§ngen und Spannungen zwischen Gro√üstadt und brandenburgischem Umfeld. Eine Fortsetzung des gleichnamigen ersten Bandes von 1990, wieder von den Berliner Festspielen herausgegeben nach einer Idee des Intendanten Ulrich Eckhardt. Im Vorwort schrieb ich damals:

"Zu hoffen ist, dass Einsichten in die Aufhaltsamkeit des Raubbaus wachsen, dass Pl√§doyers f√ľr Behutsamkeit, gegen Dominanz des Kosten-Nutzen-Denkens Geh√∂r finden. Und zu hoffen ist, dass mit dem Konkurs des real existierenden Sozialismus, der in Wahrheit ein verlogener Missbrauch sozialistischer Ideen und Ideale war, nicht ein f√ľr allemal die unentbehrliche Utopie einer gerechteren Welt, einer humaneren Gesellschaft auf dem M√ľll der Geschichte landet."

Die Hoffnung auf Einsichten blieb weitgehend unerf√ľllt. Aber wie geht es weiter?

In ein paar Jahren werden die Ost-Einkommen auf einhundert Prozent angehoben sein, weil sich nicht l√§nger √ľbersehen l√§sst, dass Tramfahrschein und Benzin, D√∂ner aus der Imbissboutique und Flug nach Mallorca hier wie da dasselbe kosten. Aber die polymorphen Kr√§nkungen werden nicht so rasch vergessen sein. Die grenz√ľberschreitende Gesellschaft von BiIdzeitungslesern und Freizeitzerschredderern wird teils separate, teils √§hnliche Vorurteile pflegen. Leute mit Differenzierungsverm√∂gen finden eher gemeinsame Kriterien. Da hilft bewusst machen, bewusst werden. Ehrlichkeit im Umgang miteinander.

1989 zuviel erwartet? Eher nur das Mindeste. War das zu hoch gegriffen?

1989 das Falsche bef√ľrchtet? Die Sorgen waren berechtigt. Aber k√∂nnen wir uns an die damaligen Ideen noch erinnern?


Johannes Heisig

Immer, wenn ich an die Veranstaltung in der Akademie zur√ľckdachte in den vergangenen zehn Jahren, beschlich mich ein ungutes Gef√ľhl. Ich sah dann das Auditorium vor mir, die Gesichter, die mich anblickten w√§hrend meines Beitrages; merkw√ľrdigerweise habe ich das von Christa Wolf in besonderer Erinnerung. Skepsis und Distanz glaubte ich darin zu lesen. Ich hatte das Gef√ľhl, dass ich unklar geblieben war, und dass es nicht unbedingt n√∂tig gewesen w√§re, auch hier noch meinen Senf dazuzugeben.

Als ich nun vor kurzem die Mitschrift meines Beitrages bekam, war ich erstaunt, einigerma√üen zufrieden und auch ein bisschen bedr√ľckt. Trotz der Spontaneit√§ten und Aufgeregtheiten des Augenblicks hatte ich damals etwas gesagt, was ich auch heute nicht wesentlich modifizieren m√ľsste. Solche Best√§tigung stimmt nicht nur froh, denn in manchem h√§tte ich mich lieber geirrt.

Zum Beispiel in der Frage der Gnadenlosigkeit √∂konomischer Bandagen: Inzwischen hat die Kulturpolitik (in Berlin so √ľberzeugend repr√§sentiert durch Herrn Radunski) l√§ngst letzte Widerst√§nde aufgegeben und das Primat des √∂konomischen Ertrags verinnerlicht. Die Gewinn- und Leistungsfetischisierung ist selbst und an sich geradezu ein KuIturph√§nomen geworden. Nicht mehr weit ist es bis zum bekennenden R√ľckzug des Staates aus seinen Verpflichtungen f√ľr Kultur und Bildung, denn: alles muss sich rechnen.

Auch blieb der Diskurs auf Augenh√∂he zwischen Ost- und Westkunst ein frommer Wunsch. In allen Lagern zieht man den bequemen Weg vor: bewusst verk√ľrzte Zeichnung des "Gegners" h√§lt die eigenen Argumentationsgeb√§ude einigermassen intakt. √úberhaupt blieb es Illusion, aus dem neuen Deutschland ein neues Deutschland zu machen. Noch heute verspricht sich der Bundeskanzler: Wenn er "Wir" sagt, meint er die alten Bundesl√§nder. Vielleicht brennen ja auch inzwischen ganz andere Themen auf den N√§geln.

Der damalige Ausgangspunkt der Versammlung in der Akademie wurde beschrieben mit einem Versuch zur "demokratischen Begegnung zweier deutscher Kulturen". Richtigerweise wurde da ein Kulturbegriff benutzt der √ľber seine √ľbliche Reduktion auf das Betreiben von Opernh√§usern und Hochschulen hinausgeht und eine innere Verfasstheit, eine Lebensform meint. Wie gro√ü die Gr√§ben aus diesem Blickwinkel heraus waren (und teilweise immer noch sind), haben die folgenden Jahre erst deutlich gemacht. Es ist nicht gelungen, aus diesen Spannungen Energie zu gewinnen, etwa f√ľr die Gestaltung neuer europ√§ischer Zusammenh√§nge. Jedenfalls waren die von den Polarisierungen der Nachkriegszeit Gezeichneten damit √ľberfordert, sich dieses Deutschland neu zu denken. Entscheidend wird die Sicht einer Generation sein, die nach 1989 erwachsen wurde und wird. Denen h√§tte man die Sache freilich etwas erleichtern k√∂nnen, etwa im Vorleben der Erkenntnis, dass Ungewohntes nicht a priori bek√§mpft werden muss, sondern bereichernd wirken kann. So bleibt der Ansatz der "KulturInitiative '89" von damals aktuell, weitere, permanente, "Zwischenreden" sind n√∂tig.


Werner Liersch

Die große Welle vor Augen, war das 1989 gesagt worden. Die Namen stimmen, von heute aus gesehen, nicht unbedingt, es waren Synonyme, und die Abwicklung des DDR-Verlagswesens sollte andere Wege noch gehen, als die im Dezember 89 erkennbaren, doch die damaligen Tendenzen haben sich nicht dementiert. Was sich Ende 1989 abzeichnete, wäre der heutigen Entwicklung anzunähern. Von den gegenwärtig rund 80 000 im Jahr produzierten Buchtiteln, entfallen auf die "neuen Bundesländer" beispielsweise ganze 4,6 %. Und die traditionsreiche Buchstadt Leipzig steht heute an 16. Stelle in der Liste der deutschen Verlagsstandorte.

F√ľr gewisse Vorg√§nge in der Geschichte ist das Wort "Restauration" gebr√§uchlich. Das Charakterwort des letzten Jahrzehnts deutscher Geschichte hei√üt "R√ľckabwicklung". Es ist keine polemische Erfindung, es ist legitimistisch. Die altbundesdeutschen Eliten gebrauchen es im Hinblick auf bestimmte von ihnen gesteuerte gesellschaftliche Prozesse in Ostdeutschland. Es ist die verbeamtete Form des alten Wortes, das in der Sache regiert. Die R√ľckabwicklung ostdeutschen Besitzes in andere H√§nde umfasst ja mehr als das Materielle. Der Bestand an Geschichte, Lebens- und Kulturerfahrung, sozialen Kommunikationsweisen ist diesem Prozess mitunterworfen. Es geht in ihm drastisch zu. Ungeniert etwa werden Bilder vergangenen und heutigen ostdeutschen Lebens produziert, die, w√ľrde von Italienern, T√ľrken, Japanern, Farbigen so geredet, ihren Urhebern mit Recht den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit einbringen w√ľrden. Monika Maron hat erstaunlicherweise daran en detail und en gros ihren Anteil. Die Beitr√§ge reichen von der Nachwendeerregung √ľber Fleischpakete in den Einkaufswagen der Ostdeutschen bis zu ihrem in einer Laudatio zur Verleihung eines Journalistenpreises eingeschlossenen Postulat von 1999, dass es keine ostdeutsche Kultur gegeben habe. Verdutzt reibt man sich die Augen. Alles, alles war ganz anders. Reihenweise sa√üen die Kinder in den Kinderg√§rten zur Ein√ľbung des Systemzwangs auf den Nacht√∂pfen. Sp√§ter wurden sie Skinheads. Alles, alles war ganz anders. Selbst die Abschaffung der DDR durch ihre B√ľrger im Herbst 89 sieht sich als Eigentum dieser B√ľrger in Frage gestellt. Mit Selbstverst√§ndlichkeit suchten die √Ėffizi√∂sen bei der √∂ffizi√∂sen Feierstunde des Bundestages zum zehnten Jahrestag des "Mauerfalls" unter sich zu bleiben. Bei der Zusammenstellung der Rednerliste fielen nur sie selbst sich als Redner ein. Alles ist gleich, nur anders, hei√üt ein gefl√ľgeltes Wort. Zum 30. Jahrestag der "Befreiung vom Faschismus", dem 8. Mai 1975, tauchten in der DDR-Presse Beschreibungen der Eroberung des ersten Oderbruchdorfes auf der Westseite des Stroms durch sowjetische Soldaten im Januar 1945 auf, die sich wenigstens f√ľr Zeitzeugen seltsam lasen. Keine Rede, dass die Dorfbewohner das Weite suchten oder sich verbargen, wie es der Wahrheit entsprochen h√§tte. Von ihrem Erstaunen war zu lesen. Doch der Tenor war klar. An einem der k√ľnftigen "Tage der Befreiung vom Faschismus" w√ľrden sie die Rotarmisten als "Befreier" begr√ľ√üt haben. Zu welcher Unerkennbarkeit wird es die ostdeutsche Geschichte bringen? Es ist zu keinem kleinen Teil die Manipulation der DDR-Wirklichkeit, die sie nicht vergangen sein l√§sst.

Im Dezember 89 hatte ich gew√ľnscht, ein Mangel sollte erhalten bleiben, der Mangel an Anpassungsf√§higkeit in der DDR-Kunst. Er ist ja ein Bestandteil von Literatur √ľberhaupt. G√ľnter Grass wird nicht m√ľde, von ihr eine subversive Kraft zu verlangen. Und das ist mit Gewissheit etwas anderes als postmodernes Auff√§lligwerden. Es gibt keinen schlichten Ost-West-Konflikt. Das Grasssche Essentiell hatte Hermlin als das Recht der Dichter, zu tr√§umen, vorgebracht. Nat√ľrlich war nicht eine wesenlose Phantasterei gemeint. Gemeint war, das Bestehende nicht als das einzig M√∂gliche zu nehmen. Es war die Erinnerung, dass die Literatur dar√ľber hinausgehen und versuchen sollte, das vorgeblich Unausweichliche zu durchl√∂chern. Leszek Kolakowski sah vor langem schon den Menschen ohne Alternative seine Menschlichkeit einb√ľssen. Die gro√üe, nach 89 einsetzende Verdammung der "Utopie", zeigt sp√§testens heute ihren Marktbereinigungscharakter. Nichts soll dem scheinbaren Fatum des Marktes entgegen stehen. Keine anderen Erw√§gungen d√ľrfen neben ihm Platz haben. Kein Platz mehr f√ľr die Anspr√ľche der jahrhundertelangen Humanisierungs- und Aufkl√§rungsgeschichte. Gleichheit, Freiheit, Br√ľderlichkeit- Spottgeburten. Unmoderner Kram. Vor f√ľnfzig Jahren meinte Thomas Mann sagen zu k√∂nnen, die Zeiten des "Manchestertums und passiven Liberalismus" seien vorbei. Heute halten Pierre Bourdieu und G√ľnter Grass in einem Gespr√§ch f√ľr m√∂glich, dass die Traditionen der Aufkl√§rung abbrechen k√∂nnten.

"DDR" hat wenig verwertbare Antworten in ihrer kurzen Geschichte produziert. Aber doch ein paar brauchbare, subversive Fragen an eine Gesellschaft und ihre Oberen. Einige lohnen, weiter gestellt zu werden, wie etwa die Einforderungen von tats√§chlicher, nicht durch materielle und politischer Repression, Monopolisierung der Diskurse eingeschr√§nkter Freiheit. Es w√§re bemerkenswert, w√ľrden die bundesdeutschen Eliten sie heute √§hnlich favorisieren wie 1989.


Klaus Staeck

R√úCKBLlCK

Mit dem Abstand von zehn Jahren lesen sich meine schon damals recht skeptischen Einlassungen doch etwas wundergl√§ubig. Die erhofften neuen Strukturen wuchsen nicht aus den Ruinen. Auch Erhaltenswertes fiel der Dampfwalzenpolitik West zum Opfer. Der erhoffte intellektuelle Schub von den Kollegen Ost, die immerhin zum Sturz einer maroden Diktatur beigetragen haben, ist ausgeblieben. Die ebenfalls reformbed√ľrftigen Verh√§ltnisse West kamen nicht auf den nun gesamtdeutschen R√ľtteltisch.

Dem Generalverdacht, die meisten DDR-K√ľnstler w√§ren, weil PriviIegienempf√§nger, Handlanger eines Unrechtssystems gewesen, waren die Neub√ľrger hilflos ausgeliefert. Zumal sich einige ehemalige DDR-√úbersiedIer an dieser von Regierungsseite durchaus gewolIten intellektuellen Demontage √§u√üerst aktiv beteiligten.

Obwohl man es ahnte, wollte man es damals noch nicht glauben, dass der staatlichen Vereinigung keineswegs der Zusammenschluss der zahlreichen Institutionen und Vereinigungen folgte. Ich habe mich in der FoIgezeit um ein möglichst gleichberechtigtes Zusammengehen der beiden deutschen Akademien und PEN-Zentren erfolgreich aktiv eingesetzt. Der Kampf um die Rettung des Radiosenders DS-Kultur war insofern nicht ganz erfolglos, als der ehemalige DDR-Sender im DeutschlandRadio aufging.

Gegen die CDU-Parole "Wir sind ein Volk" war kein Kraut gewachsen mit allen bis heute absehbaren Folgen.

31. 01. 2000


Sabine Weissler

Wiedervereinigtes Wetter

Dezember 89 war zuallererst Dezember. Es war nasskalt und fr√ľh dunkel. Eigentlich musste man immer noch "Eintritt" bezahlen, wenn man nach Ostberlin einreiste. Aber durch Absprachen und Interventionen, die mir irgendwie unheimlich waren, blieb den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Treffens diese Zahlung erspart.

Ich √ľberschritt die Grenzen an der Invalidenstrasse. Zu Fu√ü! Dort war ich immer nur mit dem Auto 'r√ľbergefahren'. Die Akademie Iag gleich hinter der Grenze. Das hatte ich kurz vorher √ľberrascht auf dem Stadtplan gesehen. Ich wohnte also gar nicht weit weg von der "Akademie der K√ľnste zu Berlin". "Zu" - wohlgemerkt. Am "zu" konnte man sie als Ost-Akademie erkennen.

Ich wusste wie ich von der Grenze zur "St√§ndigen Vertretung" kam. Der Rest der Ostberliner Topographie war mir unbekannt, Ostberlin geh√∂rte nicht zu meiner Wahlheimatstadt. Es war Ziel touristischer Exkursionen. Auch beruflich f√ľhrten diverse Besuche dorthin. Diese Orte hatte ich auch wieder gefunden. Der gewaltige Rest aber war dunkel oder sehr schlecht beleuchtet, roch im Winter noch schlimmer als SO 36 und war irgendwie leer. Da die dortigen √ľber 1,5 Millionen Einwohner nicht zu sehen waren, mussten sie sich offensichtlich anders und an anderen Pl√§tzen bewegen als wir das im Westen taten. Sie waren in der Regel nicht drau√üen. Nur vielleicht am 1. Mai, da war ich aber nicht drin - in Ostberlin. Da sah ich das dortige Leben im Fernsehen. Alles so sch√∂n bunt dort. Kaum zu glauben, dass in Ostberlin das gleiche Wetter wie im Westen herrschte. Es hatte geregnet und vielleicht regnete es immer noch. Alles gl√§nzte nass. Im Westen und im Osten.

Ein Z√∂llner nahm meinen behelfsm√§√üigen Personalausweis. Er suchte meinen Namen auf einer Liste. Ich erhielt irgendwelche Zettel und durfte einreisen. Das ging recht schnell. An der Grenzbude standen schon andere Menschen, die ich kannte, und es begann ein Geschnatter. W√§hrend ich einigerma√üen fasziniert und immer noch sehr misstrauisch die Rituale dieser neuen Grenzkultur erlebte, sah ich in dieser feucht glitzernden Dunkelheit gro√üe wei√übunte Pakete von West nach Ost gehen. Viele, sehr viele. Auf einigen stand Persil, auf anderen Ariel. Die Pakete schaukelten knapp √ľber dem Boden. Der Abstand zwischen ihnen war unregelm√§√üig, manche gingen nebeneinander her. Hin und wieder konnte ich dazwischen zerbeulte Aldi-T√ľten erkennen, die aber durch ihre unregelm√§√üigen Formen nicht die beh√§bige W√ľrde der Pakete ausstrahlten. Die spazierenden Waren faszinierten mich. Dass Menschen von West nach Ost nach Hause gingen mit jenem m√ľden Schrittma√ü, wie man es nach l√§ngeren Einkaufsbummeln im Dezember eben noch aufbringt. All diese abgek√§mpften Eink√§ufer waren winterlich dunkel gekleidet. Ich nahm sie nur wie murmelnde Schatten wahr. Schwarzes Theater.

Auf zur Akademie, Saal finden. Merke: Es gibt also zahlreiche R√§ume in dieser Stadt, mit denen ich nicht vertraut bin. Aber mit dem routinierten Partyblick findet man auch in diesem Saal, der irgendwie an einen H√∂rsaal in Heidelberg erinnerte, sofort seine lnseln der Vertrauten und steuert auf die entsprechende Sitzgelegenheit zu. Man trifft Leute, die man mag und solche, die man nicht leiden kann, aber die leider immer da sind. Es ist wie immer und √ľberall. Das ist die zweite √úberraschung an diesem Abend. Sieht man ab von der unglaublich historischen Bedeutung und dem ganzen Tamtam, wehte zumindest meinem Empfinden nach der Hauch beginnender Normalit√§t durch den Saal. Schon die Tatsache, dass alle nicht sittsam da sa√üen und den "kulturvollen" Abend diszipliniert an sich vor√ľber ziehen lie√üen, sondern quatschten, winkten, sich kennenlernten, beobachteten und einander absch√§tzten. St√§ndig fragte man jemanden, wer wohl der da hinten sei, oder jener Redner, wo der herkommt, oder man beantwortete solche Fragen.

Im Raum schwebte die Neugier. Und sie hatte alles Hintergr√ľndige f√ľr diesen Moment verloren. Es war eine Versammlung der Zukunft. In der R√ľckschau habe ich den Eindruck, dass sehr viel mehr mitgeteilt als zugeh√∂rt wurde. Es war ein einziges Vorstellen, √Ėffnen. Die Normannenstrasse war gerade nicht gest√ľrmt worden. Es war nicht klar, welche L√ľgen und Wahrheiten noch Herzen brechen w√ľrden.


Gisela Oechelhaeuser

Zur Moderation der "Zwischenrede" am 22.12.1989 - Erinnerungen 10 Jahre danach

Ich erinnere mich recht genau an das Gespr√§ch mit Dietrich M√ľhlberg, w√§hren dessen er mich fragte, ob ich wohl die Moderation f√ľr die "Zwischenrunde" am 22.12.1989 √ľbern√§hme. Wie so viele hatte auch ich in diesen wilden Herbstwochen Aufgaben √ľbernommen, die mich in bis dahin nicht erlebter Weise forderten.

Im Oktober 1989 hatte ich im "Haus der jungen Talente" in Berlin ein europaweit √ľbertragenes Zusammentreffen von Oppositionellen und gespr√§chsbereiten Funktion√§ren der DDR moderiert. Vielleicht dachte Dietrich M√ľhlberg, ich sei ge√ľbt in der Moderation explosiver Gespr√§chsrunden. Vielleicht war ich auch einfach nur die Quoten-Ossi-Frau. Jedenfalls sagte ich zu. Ich war des Erfolgs nicht gewiss.

Ich hatte keinerlei konkrete Vorstellungen von den West-Kollegen, auf die wir da treffen w√ľrden. Nat√ľrlich hatte ich durch die Kulturinitiative¬ī89 den einen oder anderen Namen geh√∂rt. Jedenfalls war ich sehr aufgeregt. Beruhigend wirkten folgende √úberlegungen: Wer sollte unsere Interessen vertreten, wenn nicht wir selbst, und die dort eingeladenen K√ľnstler und Geistesschaffenden waren mir mehrheitlich bekannt. Bekannt war mir folglich auch das Mehrheitsbestreben, die Gunst der Stunde zu nutzen und einzugreifen in die Gestaltung des zu bewertenden deutsch-deutschen Kulturverh√§ltnisses.

Die Veranstaltung selbst habe ich durchaus ambivalent im Ged√§chtnis. Im Vorbereitungszimmer in der Akademie am Robert-Koch-Platz traf ich auf Ulrich Roloff-Momin. Ich f√ľhlte mich freundlich angenommen, er schien - wie ich - die andere unbekannte Seite freundlich gelten zu lassen. Dann ging ich in den gro√üen Saal und entdeckte zu meiner gro√üen Freude viele bekannte Gesichter: Christa Wolf, Volker Braun, Jo Jastram. Beruhigend sagte ich halblaut vor mich hin: "Das sind ja lauter Bekannte". Darauf der neben mir stehende Stefan Hilsberg: "Ja, eben". Das war durchaus nicht freundlich gemeint. Die Veranstaltung habe ich qu√§lend im Ged√§chtnis - der Funke wollte nicht √ľberspringen. Die bleichen Gesichter der K√ľnstler aus der DDR lie√üen mich an ein Leichenschauhaus denken. Da war nichts von energischem Aufbruch in ungeahnte M√∂glichkeiten, vielmehr war da die L√§hmung vor der ungewissen Zukunft. Da war auch die Bereitschaft, die Erfahrungen der jeweils anderen Seite gelten zu lassen. Viel Selbstvertrauen seitens der ostdeutschen K√ľnstler war da nicht. Dennoch √ľberwog ein Gef√ľhl, ganz einfach so zu beschreiben: Das war jetzt gut, dass wir uns getroffen haben - das weitere wird sich finden.

In den Folgemonaten nahm die Kommunikationsbereitschaft ziemlich schnell ab. Uns wurde sehr deutlich gesagt, dass ein vereinigtes Deutschland sehr wohl auf unsere Erfahrungen verzichten k√∂nnte. Ich selbst war dann auch nur noch sporadisch Gast bei der Kulturinitiative. Die Arbeit an meinem Kabarett erforderte alle Kraft. Auch dort versuchten wir, enge Kontakte zu unseren Westkollegen zu kn√ľpfen. Wir luden regelm√§√üig Westkabarettisten als Gast in unsere Satiresendung "Der scharfe Kanal" ein. Ebenso empfingen wir die Westkollegen mit ihren Gastspielprogrammen. Wir trafen uns zu Hause lie√üen sie teilnehmen an unserem Alltag, immer in dem Wissen: die gemeinsame Sprache hat uns doch Jahrzehnte getrennt. Also wollten wir nachholen durch Erz√§hlen und Zuh√∂ren. Auf Augenh√∂he ankommen, war unsere Sehnsucht.

Manchmal schien das sogar zu gelingen. Aber es schien wohl nur so. F√ľr die meisten der Westkollegen, allm√§hlich auch f√ľr weite Teile der Ostkollegen, war es viel zu anstrengend, sich jenseits der Klischees des Kalten Krieges ein realistisches Bild von sich selbst und dem Zusammenleben beider deutscher Staaten zu machen. Die Klischees sind ein so unglaubliches Ruhekissen. Darauf sollte man freiwillig verzichten?

Vor Jahresfrist hatte ich mit einem Westkollegen ein Streitgespr√§ch im Auftrag des "Spiegel". Ich hatte diesen Kollegen mehrfach als Mitwirkenden in der Fernsehsendung "Der scharfe Kanal" gesehen, aber auch als Gast mit einem abendf√ľllenden Programm. Jedesmal hatten wir zusammengesessen und lange erz√§hlt. Jetzt, im Januar 1999, sp√ľrte ich w√§hrend des mehrst√ľndigen Gespr√§chs, dass da Wichtiges ungesagt blieb. Ich fragte nach und bekam zur Antwort: "Das w√§re doch unerh√∂rt!" Auf meine Frage "Was?" erhielt ich zur Antwort: "Dass ihr einfach so weitergemacht habt - aus der Diktatur kommend!" Ich war perplex: Weniger √ľber seinen Vorwurf, sondern dass er ihn solange unausgesprochen vor sich hergetragen hatte. Ich vermute mal, die n√§chste fruchtbringende "Zwischenrede" sollte den Titel haben: "Was wir uns schon immer einmal sagen wollten."

Die Klischees werden nicht besiegt, es sei denn, sie werden √∂ffentlich eingestanden (gemacht?). Der unabweisbare erste Schritt f√ľr ihre √úberwindung.

28. März 2000