KULTURATIONOnline Journal fŁr Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
 Start  Reports  Themen  Texte  Zeitdokumente  Kritik  Veranstaltungen 
 Editorial  Impressum  Redaktion  Forum  Suche 
ZeitdokumentKulturation 2014
Dieter Kramer / Archiv Kulturation
Dieter Kramer: Zwischen-Rede - die Entdeckung deutsch-deutscher Kulturpolitik
Ein Manuskript von der Jahreswende 1989

Vorspruch im Mai 2014
Dieser Text ist ein historisches Dokument. Ich m√∂chte zwei, drei Dinge heute (2015, f√ľnfundzwanzig Jahre sp√§ter) herausgehoben zitieren:
Auch heute. Nach der neoliberalen Offensive, ‚Äěliegen noch keine √ľberzeugenden Konzepte‚Äú f√ľr eine ‚Äě√∂kologisch gepr√§gte √úberlebens-Kultur‚Äú vor. In manchen Aspekten sind die damaligen Diskussionen √ľberraschend aktuell, etwa in dem zitierten Wortwechsel Kirsch/Duve:
Rainer Kirsch (DDR) warnt davor, jetzt einen falschen Gott durch einen richtigen, "das Volk", zu ersetzen. Er fragt: Wird man je wieder sagen k√∂nnen, dass auch das Volk irren kann? Freimut Duve verteidigt daraufhin vehement das Prinzip der demokratischen Mehrheitsentscheidung und gibt den Ball zur√ľck: Ob Mehrheiten irren, sei auch eine Frage des Engagements der K√ľnstler.
√Ąhnliches gilt f√ľr den Hinweis auf Kultur (K√ľnste) als ‚ÄěRessource gesellschaftlicher Entwicklungsf√§higkeit, auch wegen ihrer F√§higkeit, ‚ÄöGegen√∂ffentlichkeiten‚Äė herzustellen‚Äú.
Nicht missen m√∂chte ich auch das Stichwort ‚Äě√Ėkonomisierung ist etwas anderes als √∂konomische Vernunft‚Äú (und die Umkehrung).
Im November 1989 habe ich mich f√ľr einige Zeit auf den Ritten bei Bozen zur√ľckgezogen um √ľber die Ver√§nderungen nachzulesen und nachzudenken. Wenig sp√§ter habe ich zwei kleine Aufs√§tze geschrieben, in denen meine Vorstellungen von den anstehenden Aufgaben formuliert sind. Es kam alles anders.


Zwischen-Rede - ein Manuskript von der Jahreswende 1989/90

Neue Diskussions-Strukturen

Noch zwei Tage vor Weihnachten 1989, in einem rasch einberufenen Treffen, kamen Kulturproduzenten und Kulturpolitiker in der Ost-Berliner Akademie der K√ľnste zusammen: Repr√§sentanten der West-Berliner rot-gr√ľnen Szene, angereichert durch einige G√§ste aus der Bundesrepublik, diskutierten im gro√üen Saal der Akademie mit K√ľnstlern und Kulturforschern aus der DDR, die sich gerade in der "KulturInitiative '89 / Gesellschaft f√ľr demokratische Kultur, DDR" zu organisieren versuchten. Deren erster "Aufruf zur Mitwirkung" vom 17. November 1989 formuliert einen hohen Anspruch: "In einer √∂kologisch gepr√§gten √úberlebens-Kultur k√∂nnte ein origin√§rer Beitrag der DDR-Gesellschaft zur europ√§ischen Kultur bestehen." Die "Thesen f√ľr eine programmatische Erkl√§rung (Entwurf)" vom 18. Dezember 1989 thematisieren die Aufgaben: ,,Es liegen noch keine √ľberzeugenden Konzepte dar√ľber vor, wie die unumg√§nglichen und weitreichenden wirtschaftlichen, politischen und rechtlichen Umgestaltungen so eingeleitet werden, dass sie am Ende noch den kulturellen Wertvorstellungen entsprechen, von denen sich die Reformbewegung ideell leiten lie√ü: Achtung der Menschenrechte, individuelle Selbstbestimmung, soziale Gerechtigkeit, wirkliche Gleichstellung der Geschlechter, weitgreifende Solidarit√§t, Schutz der nat√ľrlichen und historischen Voraussetzungen des Lebens und mehr individuelle Autonomie in allen Formen der Arbeit (f√ľr Arbeiter und Bauern ebenso wie f√ľr K√ľnstler und Wissenschaftler)."
Es bem√ľhten sich um Moderation: die Kabarettistin Gisela Oechelhaeuser (DDR) und Ulrich Roloff-Momin (Berlin-West). Gr√ľ√üen l√§sst Peter H√§rtling, der gern dabei gewesen w√§re, wenn √ľber die "verdammte gemeinsame deutsche Verdr√§ngungspraxis" gesprochen wird. Im √ľbrigen: formlos, aber diszipliniert.
Dass so etwas auch chaotisch enden kann, lie√ü schon zu Beginn der Beitrag des Philosophen Gerd Irrlitz erkennen: "In der Niederlage ist gut tr√§umen", res√ľmiert er und holt aus zu einem geschichtsphilosophischen Exkurs, der in der unproblematisierten Forderung gipfelt, unter allen Umst√§nden als Voraussetzung aller √Ąnderungen die Produktivit√§t der Arbeit zu steigern. Das Publikum murrt - vermutlich, weil niemand hergekommen ist, um nur das zu h√∂ren, was man ohnehin wei√ü. Die Fragen, die hier zur Debatte stehen, sind komplexer.

Die Käseglocke der materiellen Sicherheit
Nat√ľrlich ist den K√ľnstlern ihre eigene materielle Perspektive wichtig. Eine drohende √Ėkonomisierung der Kultur w√ľrde sie hart treffen. Kulturminister Dietmar Keller, berichtet Joachim Doese, hat gesagt, dass die Kulturfonds-Mittel reduziert werden m√ľssen. Ein Transparent zitiert eine ihm zugeschriebene These: Man m√ľsse die ,,Spreu vom Weizen trennen durch Markt-Mechanismen". Er wolle, referiert ein anderer, die Honorarordnung durch das freie Spiel der Kr√§fte ersetzen. Das sei Thatcherismus, aber ohne Abfederung durch M√§zene. Ob die S√§chsische Dichterschule nicht mehr f√∂rderungsw√ľrdig sei, ob, wie Helke Misselwitz vom DEFA-Dokumentarfilm warnt, die einzigartige Dokumentarfilm-Kultur der DDR aus Sparsamkeit aufgegeben wird - das sind Entscheidungen, die tief in die kulturelle Substanz dieses Staates eingreifen. Dabei ist, wie Klaus Staeck meint, die DDR reich durch ihre K√ľnstler (und mit Bitterkeit sagt der Theaterkritiker Ernst Schumacher: Die DDR hatte mehr Talente als sie brauchen konnte); Erika Runge empfiehlt Ausnutzung der Erfahrungen der BRD-Mediengewerkschaft im Umgang mit Medienriesen.
Eine Kultur des Widerstands gegen die einseitige Vorherrschaft des √∂konomischen Diskurses ist gewiss nicht nur f√ľr die in ihrer Substanz bedrohten K√ľnste wichtig. Vielleicht besteht ja die Chance, dass, gerade weil die Kulturproduzenten selbst so intensiv von der √Ėkonomisierung betroffen w√§ren, mit ihrer Hilfe ein besonders intensiver √∂ffentlicher Diskurs diesbez√ľglich gef√ľhrt wird (vielleicht aber versucht man sie auch deswegen von der Kapitalseite schnell ,,einzukaufen"). Der Staat kann sich in der DDR nicht allzuschnell aus seiner Verantwortung bez√ľglich der K√ľnste entlassen: "Entstaatlichung" mag interessant sein, aber vieles geht nicht mehr ohne den Staat. Und: √Ėkonomisierung ist etwas anderes als √∂konomische Vernunft.

Kulturpolitik neuer Qualität
Die Gesellschaftstheorie in der DDR hat neue Aufgaben. Zurechtkommen muss sie mit der Erkenntnis: Vergesellschaftung ist nicht Verstaatlichung. Der Staat ist nur Instrument von Vergesellschaftung, nicht deren "h√∂chste Stufe". Das stellt der Kulturpolitik neue Aufgaben. Sie beziehen sich auf mehr denn auf die materielle Struktur der Kulturproduktion. Es steht an: Der √úbergang von einer Kulturpolitik, die in imperativen ideologisch-politischen Zielvorgaben bzw. Orientierungen das prinzipielle Steuerungs-Instrument der Kulturpolitik sah, zu einer Kulturpolitik, die bewusst in sich selbst regulierenden (freilich in st√§ndiger R√ľckkoppelung mit der gesellschaftlichen Realit√§t stehenden) freien kulturellen Kr√§ften, gepr√§gt von ihrem "Eigensinn" (zu dem ausgepr√§gte "Bereichsethiken" geh√∂ren k√∂nnen) eine Potenz der Vielfalt sieht, mit deren Hilfe Lebensqualit√§t, Innovationsf√§higkeit und Entwicklungsf√§higkeit der Gesellschaft erh√∂ht werden k√∂nnen. √Ąhnlich wie Gorbatschows Reform ist die Kulturtheorie sich dar√ľber im klaren, dass die Erschlie√üung der Produktivit√§tsressource "Individualit√§t" n√∂tig ist, dass somit Kulturentwicklung als Produktivit√§tsquelle fungiert.

Aber es geht um mehr (sonst liefe Kultur ja Gefahr, der √∂konomischen Instrumentalisierung zum Opfer zu fallen): Kultur ist Ressource gesellschaftlicher Entwicklungsf√§higkeit, auch wegen ihrer F√§higkeit, ,,Gegen√∂ffentlichkeiten" herzustellen, die Konfliktlagen und Probleme rechtzeitig thematisieren k√∂nnen (nicht zuletzt daran hat es in der DDR gefehlt, sonst w√§re jenes 20 Jahre aufgeschobene St√∂hnen bei den Mitgliedern der SED, von dem Peter Stein sprach, schon fr√ľher h√∂rbar gewesen). Es ist erstaunlich, wie die Funktion√§re der staatlichen Wirtschaft (die schon lange wussten, dass dank der Wirtschaftspolitik des Herrn Mittag ihr Staat von der Substanz zehrt, aber nie etwas dagegen zu sagen wagten), jetzt, wo's zu sp√§t ist, einen Verband der Unternehmensleiter gr√ľnden wollen. H√§tten sie das doch fr√ľher gemacht!

Es geht daher auch in dem eingangs zitierten Aufruf um kulturelle Selbstbestimmung in Vielfalt, "progressive Entstaatlichung" - gegen G√§ngelei, "nicht aber gegen staatliche Pflichten" (auf dem Kultursektor), um eine "Kultur der industriellen Arbeit" und ein "√∂kologisch gepr√§gtes Kulturkonzept", um Aufwertung der Kommunen, neue Medien- und Bildungspolitik, um das Einbringen der besonderen Z√ľge der DDR-Kultur in die aktuellen (auch europ√§ischen) Prozesse. Und die K√ľnstler werden Wert darauf legen, dass Kultur kein "Trainingslager" ist, sondern Basislager f√ľr den langen Marsch durch die "anst√§ndige" Existenz, und Teil von ihr, nicht Hilfsmittel zu ihr.

Kulturpolitischer Diskussionsbedarf
Diesen komplexen Funktionen m√ľssen neue Strukturen geschaffen werden; Kulturpolitik (eine Vokabel, die manche in den osteurop√§ischen L√§ndern nicht m√∂gen) ist dazu aufgerufen. Die Aufgabe ist deswegen schwierig, weil bisher Staat und Gesellschaft identisch schienen und hinter den politischen Strukturen fast nur Vakuum ist: Gesellschaftliche Kr√§fte waren weitgehend an Partei und Staat gebunden. Notwendig sind neue institutionelle, rechtliche (und materielle) Rahmen (z.B. Vereinsgesetz, Stiftungsgesetz usw.). Klaus Staeck h√§lt ein Mediengesetz f√ľr vordringlich, damit nicht Springer an die Stelle der SED tritt. Investigativen Journalismus zu pflegen sei n√∂tig; Strukturen solle man √ľberdenken, nicht unbedingt zerschlagen. √Ąhnlich wie Staeck pl√§dierte Freimut Duve daf√ľr, den staatlichen Kulturb√ľrokratien in Ost und West nicht das Feld zu sehr zu √ľberlassen. Die Kulturprojekte des Kulturabkommens z.B., meint Duve, d√ľrfen auf Dauer nicht durch das Nadel√∂hr der staatlichen Zulassung gehen. Er schl√§gt daher eine st√§ndige Ost-West-Kulturkonferenz, getragen von den Kulturverb√§nden, vor, und dies rasch, denn auch die √Ėkonomie hat's eilig.

Diskutiert wird √ľber die St√§rkung der Kommunen und ihre Ausstattung mit eigenst√§ndiger kultureller Kompetenz. All das verlangt eine Menge Arbeit und Erfahrung. Die "Kulturinitiative'89" plant daher weitere kulturpolitische Veranstaltungen mit den Themen:
Staat und Kultur
Dezentral/zentral: Kommunale Kulturarbeit
Kulturelle Minderheiten
Die europäische Kultur-Dimension
Kulturindustrie.
Und nicht zuletzt, meint Kulturtheoretiker Helmut Hanke, steht die Gestaltung einer attraktiven linken Massenkultur an.

Die neue Offenheit
Die gegenw√§rtige Diskussion ist gepr√§gt von Offenheit im doppelten Sinne: Niemand hat die Ergebnisse schon in der Tasche (wie sonst so gern bei "Diskussionen" im ehemaligen Sozialismus), und es gibt keine Tabus. Allenfalls sind neue im Entstehen: Rainer Kirsch (DDR) warnt davor, jetzt einen falschen Gott durch einen richtigen, "das Volk", zu ersetzen. Er fragt: Wird man je wieder sagen k√∂nnen, dass auch das Volk irren kann? Freimut Duve verteidigt daraufhin vehement das Prinzip der demokratischen Mehrheitsentscheidung und gibt den Ball zur√ľck: Ob Mehrheiten irren, sei auch eine Frage des Engagements der K√ľnstler. Aber auch Duve m√∂chte wohl kaum in der BRD die Frage der Todesstrafe zur Abstimmung stellen. Kirsch (und √§hnlich Volker Pf√ľller) pr√§zisieren sp√§ter: Nicht alles k√∂nne man der Abstimmung unterwerfen; K√ľnstler beugen sich in ihrer Kunst keinen Mehrheiten.

Fertige Antworten hat niemand. Heiner Carow (Film-Regisseur, DEFA) √ľberkommen Gef√ľhle hilfloser Aggressivit√§t in der raschen Wende. Helga K√∂nigsdorf bekennt sehr offen, sehr ehrlich: Dies war das Jahr, in dem ich aus der Rolle fiel. Aus allen Rollen. Und: Meine Sehnsucht nach Heimat, nach Geborgenheit hat mich mitschuldig gemacht. Ich wollte dazugeh√∂ren. Sie f√ľhlt sich als Opfer und T√§ter gleichzeitig. Kunstwerk und Revolution, Kunst und Leben sind vermischt. Dieser Sturz ist gut f√ľr uns und andere; aber die Zeit der ersten sch√∂nen Emp√∂rung ist vorbei. Auch jetzt gilt es, Strukturen zu zerschlagen, keine Menschen. Und Gisela Oechelhaeuser sucht nach Selbstschutz gegen sich anbahnenden Wahnsinn. Sie meint: Auch Helligkeit, wei√ü die Bibel zu berichten, macht Angst, nicht nur Dunkelheit. Wir verstehen alles, und k√∂nnen doch nichts begreifen. Sie erinnert sich an ihre Schmerz-Reaktion, als im Fernsehen die 77 Namen derjenigen K√ľnstlerinnen und K√ľnstler vorgelesen wurden, die weggegangen waren.

Identität und Ausverkauf
Das r√ľhrt auch an das Verst√§ndnis von dem, was als DDR-Identit√§t verstanden wird/werden kann. Es fragt der Maler Johannes Heisig: War es vielleicht eine Segnung der Mauer und der von ihr produzierten K√§seglocken-Situation, dass sie es m√∂glich machte, mit relativ geringem Aufwand Beifall zu ernten? Jetzt, ohne Mauer, wird man mehr liefern m√ľssen. Vor dem Hintergrund dieser eigenen Tradition gilt es, Spezifik und Unterschiede neu zu definieren. Und ein anderer benennt die widerspruchsreiche Rolle der Staatsb√ľrgerschafts-Diskussion: Immerhin hat deren Nicht-Anerkennung durch die BRD erst die Dynamik der Fluchtbewegung und damit die Reform in Gang gebracht. Roloff-Momin benennt als West-Berliner die Scheu, sich einzumischen. Krista Tebbe wei√ü: Andere z√∂gern nicht, sich einzumischen. Neue DDR-√úber-Ichs entstehen. Und es gibt Beispiele positiven deutsch-deutschen Erfahrungsaustausches (der ja keine Einmischung zu sein braucht): Der Architekt Hardt-Waltherr H√§mer aus West-Berlin, bekannt geworden durch seine Sanierungen in Kreuzberg, warnt davor, die notwendigen st√§dtebaulichen Erneuerungen in Spekulations-Strukturen durchzuf√ľhren: Es geht auch, wie in Kreuzberg bewiesen wurde, auf behutsame Weise und ist dann sogar noch billiger.

Christoph Hein wei√ü: Die St√§dte in der DDR und in der BRD sehen, je auf ihre Art, grausam aus. Unsere Leute werden nicht l√§nger auf ihren Wohlstand warten wollen, aber Geschenke werden teuer bezahlt. Wir werden uns auf viele Gesch√§fte einlassen m√ľssen, bei denen uns das Herz blutet - eine Chance besteht freilich darin, dass jetzt nichts mehr hinter dem R√ľcken der √Ėffentlichkeit geschehen kann.

Wir wollen endlich ran an den Kuchen - kann man das den Menschen in der DDR und anderswo verdenken? Der Kulturwissenschaftler Helmut Hanke spitzt zu: Die Banane soll nicht ins Staatswappen, er habe aber auch nichts prinzipiell gegen Bananen, genauso wenig wie gegen Reisen. Gegen Konsumismus k√∂nne man sein, brauche deswegen aber keinen Konsumverzicht zu verlangen. Es gab, res√ľmiert er, in der DDR keine Kraft, die materielle Arbeiterinteressen offensiv vertrat - und jetzt wundere man sich, wenn diese Arbeiter ihre Interessen selbst auf der Stra√üe vertreten. Die neue SED m√ľsse die Interessen der auch in der DDR unter schweren Bedingungen lebenden Arbeiter vertreten k√∂nnen.

Unterschwellig immer die Angst vor dem Ausverkauf. Stehen wir, fragt Johannes Heisig, vor einem Tr√ľmmerhaufen? Muss man den Sozialismus neu definieren? Muss man zur √∂konomischen Rettung des Landes die Wirtschaft verkaufen?

Oder: Findet ein √úbergang zu marktwirtschaftlichen Formen statt in einer Zeit, wo die Diskussion um die wirtschaftliche Rolle der Kultur in der BRD nicht nur die dabei angewandten wirtschaftswissenschaftlichen Theoreme problematisiert, sondern auch erkennbar wird, dass boomende Einvernahme durchaus auch kulturelle W√ľsten hinterlassen kann (im Film z.B.)? Christoph Hein hofft, dass das Volk der DDR besser begreifen wird, was Kapitalismus ist. Aber es hat keine √úbung in Demokratie, sieht im politischen Gegner gleich den Feind. Und das kann schlimm werden, wo das Missverstehen, das Nichtverstehen Quelle tragischer Konflikte werden kann.

Die Diskussion um die deutsche Einheit ist eine Phantom-Diskussion, meint Klaus Staeck - sie steht nicht an. Der Dollar f√§llt, die DM steigt - wer wei√ü, was uns das noch an Problemen bescheren wird. Nationalistische Parolen verursachen "Ekel und Ratlosigkeit" (G√∂hler). Aber aktuell wichtig ist's immerhin, zu vermeiden, dass im "europ√§ischen Haus" die neuen Mitglieder dank der bereits bestehenden Strukturen √ľber den Tisch gezogen werden.

Worum es auch noch geht
Die √Ąnderungen in den sozialistischen Staaten scheinen unvermeidlich, ausgehend von Gorbatschows einst angeblich vom Geheimdienst empfohlenen Reformen zur √úberwindung der Stagnationsphase in der Sowjetunion. Nur die Formen unterscheiden sich noch. Selbst die bessere √∂konomische Situation der CSSR (die lange Zeit f√ľr eine relative Isolierung der intellektuellen Reformer sorgte), selbst der perfektionierte, vom Volk hermetisch abgetrennte omnipotente Sicherheitsapparat Ceaucescus waren keine Hindernisse. So oder so, die Karten in Europa werden neu gemischt. Vielleicht ist auch das Ergebnis √ľberhaupt nicht vom Zufall abh√§ngig, sondern Produkt materieller Verschiebungen. Europa emanzipiert sich von den USA, wird mit der SU eine neue Gro√ümacht, der die USA und Japan/China gegen√ľberstehen - mit v√∂llig neuen Konfliktpotentialen. Es gab einst Utopien der Regionalisierung, der Aufteilung in viele Mittelm√§chte als eher friedensf√§hige Konstellation - ist sie vorbei?

Wir sollten die neue europ√§ische Situation nicht euro-borniert sehen, sondern weltweit. "Globale Fragen" geh√∂rten zu den zentralen Motiven von Gorbatschows Reformen, wie sie zu Beginn noch deutlicher und intensiver formuliert wurden als in j√ľngeren Phasen krisenhafterer Entwicklungen (in denen es darum ging, rasch L√∂cher zu stopfen, und die strategischen Orientierungen mehr in den Hintergrund traten). Aber die Themen bleiben: Die Zukunftsaufgabe "dauerhafte Entwicklung" steht an; notwendig ist eine √∂kologisch gepr√§gte √úberlebenskultur als attraktive Form. Nichts gegen Bananen, wenn sie ohne zerst√∂rerische Folgen produziert, angemessen bezahlt und gerecht (bzw. human) verteilt werden. Unsere W√ľnsche sind vielleicht heute bescheidener als Herbert Marcuses Frage vom Vietnam-Kongress 1966, der noch auf eine nicht-kapitalistische Industrialisierung der Dritten Welt hoffte [Ralf Wiggershaus, Die Frankfurter Schule. M√ľnchen: 1988, S. 681). Wir begn√ľgen uns mit "dauerhafter Entwicklung" - aber auch sie ist wohl kaum denkbar ohne soziale Gerechtigkeit, Demokratie, Frieden. Freimut Duve hat bei der Berliner Konferenz daran erinnert, dass Kapital nach Rendite und Risikopr√§mie, nach Markt und Kaufkraft fragt, und es schw√§rmt davon (er zitiert dazu aus einer Holtzbrinck-Zeitung), die Faszination der 80er Jahre in die 90er zu verl√§ngern - und das bedeutet, die Probleme, die z. B. Biedenkopf in seinem Buch "Zeitsignale" (M√ľnchen 1989) thematisiert hat, noch einmal eine Wachstumsphase vor sich her schieben zu k√∂nnen, noch einmal eine Frist zu haben. Es scheint, die Chancen stehen schlecht f√ľr eine vern√ľnftige, perspektivische Politik: Der Rausch des Wachstums l√§sst daf√ľr keinen Raum. Oder?

Man wird ja wohl einmal dar√ľber nachdenken d√ľrfen
Die Konstellationen sind ja andererseits eigentlich nicht schlecht: Die schlimmste Gefahr des atomaren Krieges in Europa ist zun√§chst einmal gebannt. Wir haben uns das ja nicht nur vorgemacht, damals, in den fr√ľhen 80ern: Atomkrieg f√ľhren und gewinnen, Atomkriegsschauplatz Europa ("Besucht Europa, solange es noch existiert!"), dem sowjetischen Huhn den Kopf abschlagen, Fulda-Gap-Planspiele, und was da noch alles an perversen Milit√§rstrategien existierte. Heute l√§uft ein Air-Land-Battle-Konzept ins Leere.

Es waren, so ist zu vermuten, politische Einsichten in den milit√§rischen Sackgassen-Charakter der Atomr√ľstung, die als Faktor f√ľr das Umdenken eine Rolle spielten - wir k√∂nnen das bei McNamara nachlesen. Es waren Forschungen √ľber den "atomaren Winter", die die Absurdit√§t der Vorstellung eines "Sieges" im Atomkrieg erkennbar machten; es waren die unbezahlbaren Kosten, welche das "Krieg-der-Sterne"-Projekt zu M√ľll werden lie√üen. Und es war unsere Friedensbewegung, die dies alles publikumswirksam verbreitet hat, zum un√ľbersehbaren Allgemeinbesitz der politischen Diskussion nicht nur bei uns gemacht hat und damit zur Fundierung einer solchen Politik beigetragen hat.

Das ist Faktor eins: Der unmittelbare Druck der Kriegsgefahr in Europa ist genommen (es gibt trotzdem immer noch viel zu tun), und nur in diesem Klima konnten die Ver√§nderungen in Osteuropa vor sich gehen. Frieden ist nicht alles - aber alles ist nichts ohne Frieden, haben wir damals gesagt. Vielleicht m√ľssen wir uns jetzt mehr Gedanken √ľber den ersten Teil des Satzes machen.

Zweiter Faktor: Der europ√§ische Boom. Unabh√§ngig von der Frage, was in den osteurop√§ischen Staaten von "Sozialismus", von den humanistischen Prinzipien einer von der Politik im Sinne der Lebensinteressen der Menschen gesteuerten Wirtschaft √ľbrigbleibt, unabh√§ngig von der Entwicklung des Gegensatzes USA - Europa, wird es in Gesamteuropa einen gewaltigen wirtschaftlichen Boom geben.

Es wird ein eurochauvinistischer Boom sein, von dem andere wenig profitieren werden. Ist es nur ein neuer kr√§ftiger Schluck aus der Pulle, eine Dosis der s√ľchtig machenden Droge Wachstum, die keine Probleme l√∂st? Vielleicht, angesichts der √∂kologischen Probleme, sogar der "goldene Schuss"?

Oder liegt darin auch eine Chance? Biedenkopf hat darauf hingewiesen, dass ohne Wachstum unsere Gesellschaft bisher keine Reformkapazität besitzt, und dass sie selbst mit Wachstum ihre Probleme weitgehend vor sich her schiebt.

Das bedeutet aber umgekehrt: Wenn es eine Chance f√ľr Reformen gibt, dann in einer Situation des Wachstums - sofern die politischen Kr√§fte daf√ľr da sind.

Ein dritter Aspekt: Wer, wenn nicht wir, kann Ans√§tze f√ľr eine Politik und Lebensweise der ,,dauerhaften Entwicklung" formulieren und praktizieren? Der Brundtland-Bericht betont, dass der Druck auf die Umwelt in vielen Teilen der Welt dann am st√§rksten wird, wenn Armut die Menschen zwingt, zur √úberwindung des Hungers ihre Ressourcen zu zerst√∂ren (dass es in vielen, vielleicht den meisten F√§llen der Weltmarkt ist, der kr√§ftig daran mitwirkt, dass wir dar√ľber indirekt profitieren, und dass unser hemmungsloser Luxus seinerseits mit Ressourcen unmittelbar zerst√∂rerischen Raubbau betreibt, darf nicht verschwiegen werden). Es bleibt freilich: Die technisch-wissenschaftlichen Kapazit√§ten, um neue Energieformen, umweltfreundliche und zu "dauerhafter Entwicklung" f√§hige Technologien zu gestalten, sind in hohem Ma√üe bei uns versammelt (sicher finden entsprechende Prozesse nicht im Selbstlauf statt, und sicher erw√§chst viel der notwendigen Kreativit√§t erst aus der hautnahen Konfrontation mit den gravierendsten Problemen. Aber das √§ndert nichts am prinzipiellen Verh√§ltnis).

Und ferner: In den wohlhabenden Staaten waren Menschen bisher bereit, Teile ihrer Lebensgewohnheiten, ihrer Lebensweise in Ans√§tzen umzustellen. Sie k√∂nnen es sich leisten, etwas mehr f√ľr bessere "biologische" Nahrung auszugeben, sie k√∂nnen der Kultur ihres K√∂rpers, ihrer Gesundheit mehr Zeit widmen. Schon beim Transport, bei der Fortbewegung h√∂rt's dann meistens auf - aber immerhin!

Hier eher als bei denjenigen, die jetzt das Gef√ľhl haben, sie m√ľssten Vers√§umtes nachholen (wie die Osteurop√§er), ist auch die mentale Bereitschaft zu erkennen, in die Lebensqualit√§ts-Definition Aspekte √∂kologischer Verantwortung einzubeziehen (in der DDR z.B. ist noch offen, wieweit jenes √∂kologische Bewusstsein, das aus einem gro√üen unmittelbaren Problemdruck und aus den ethischen Impulsen der kirchlichen Umweltbewegung resultiert, politikf√§hig und -relevant bleiben wird).

Frieden hat eine Chance; Wachstum kann qualitativ gewendet werden; wer, wenn nicht wir, kann es sich leisten, Ansätze einer ,,dauerhaften Entwicklung" zu praktizieren? Das sind die drei Komponenten möglicher positiver Entwicklungen.

Sicher, das ist alles sehr labil - schon der aus der Chaos-Forschung bekannte "Schmetterlings-Effekt" kann v√∂llig neue Situationen erzeugen: Wenn etwa winzige Ereignisse in irgendeinem sowjetischen oder balkanesischen Territorium Ausl√∂ser von gr√∂√üeren Destabilisierungs-Effekten sind, werden viele der notwendigen Potenzen anderweitig gebunden (aber h√∂chst instabil war ja auch das R√ľstungsgleichgewicht). Aber immerhin, wir werden ja wohl auch einmal die Chancen durchspielen d√ľrfen.

Nichts geht im Selbstlauf; notwendig sind politische Potenzen. Das wäre dann aber auch die Konsequenz aus unseren Überlegungen: Wenn denn die Chance genutzt werden können soll, dann nur mit entsprechendem politischem Hintergrund, ja Druck. Und damit sind wir bei den anstehenden Aufgaben: Sie bleiben uns bestehen.

Bei der Berliner Diskussion wandte sich Thomas Kr√ľger gegen linke Melancholie; Adrienne G√∂hler (Hamburg) wollte nicht die Freude √ľber die Ver√§nderungen allein den Rechten √ľberlassen. Wird's m√∂glich sein?