KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ZeitdokumentKulturation 2014
Dieter Kramer / Archiv Kulturation
Dieter Kramer: Zwischen-Rede - die Entdeckung deutsch-deutscher Kulturpolitik
Ein Manuskript von der Jahreswende 1989

Vorspruch im Mai 2014
Dieser Text ist ein historisches Dokument. Ich möchte zwei, drei Dinge heute (2015, fünfundzwanzig Jahre später) herausgehoben zitieren:
Auch heute. Nach der neoliberalen Offensive, „liegen noch keine überzeugenden Konzepte“ für eine „ökologisch geprägte Überlebens-Kultur“ vor. In manchen Aspekten sind die damaligen Diskussionen überraschend aktuell, etwa in dem zitierten Wortwechsel Kirsch/Duve:
Rainer Kirsch (DDR) warnt davor, jetzt einen falschen Gott durch einen richtigen, "das Volk", zu ersetzen. Er fragt: Wird man je wieder sagen können, dass auch das Volk irren kann? Freimut Duve verteidigt daraufhin vehement das Prinzip der demokratischen Mehrheitsentscheidung und gibt den Ball zurück: Ob Mehrheiten irren, sei auch eine Frage des Engagements der Künstler.
Ähnliches gilt für den Hinweis auf Kultur (Künste) als „Ressource gesellschaftlicher Entwicklungsfähigkeit, auch wegen ihrer Fähigkeit, ‚Gegenöffentlichkeiten‘ herzustellen“.
Nicht missen möchte ich auch das Stichwort „Ökonomisierung ist etwas anderes als ökonomische Vernunft“ (und die Umkehrung).
Im November 1989 habe ich mich für einige Zeit auf den Ritten bei Bozen zurückgezogen um über die Veränderungen nachzulesen und nachzudenken. Wenig später habe ich zwei kleine Aufsätze geschrieben, in denen meine Vorstellungen von den anstehenden Aufgaben formuliert sind. Es kam alles anders.


Zwischen-Rede - ein Manuskript von der Jahreswende 1989/90

Neue Diskussions-Strukturen

Noch zwei Tage vor Weihnachten 1989, in einem rasch einberufenen Treffen, kamen Kulturproduzenten und Kulturpolitiker in der Ost-Berliner Akademie der Künste zusammen: Repräsentanten der West-Berliner rot-grünen Szene, angereichert durch einige Gäste aus der Bundesrepublik, diskutierten im großen Saal der Akademie mit Künstlern und Kulturforschern aus der DDR, die sich gerade in der "KulturInitiative '89 / Gesellschaft für demokratische Kultur, DDR" zu organisieren versuchten. Deren erster "Aufruf zur Mitwirkung" vom 17. November 1989 formuliert einen hohen Anspruch: "In einer ökologisch geprägten Überlebens-Kultur könnte ein originärer Beitrag der DDR-Gesellschaft zur europäischen Kultur bestehen." Die "Thesen für eine programmatische Erklärung (Entwurf)" vom 18. Dezember 1989 thematisieren die Aufgaben: ,,Es liegen noch keine überzeugenden Konzepte darüber vor, wie die unumgänglichen und weitreichenden wirtschaftlichen, politischen und rechtlichen Umgestaltungen so eingeleitet werden, dass sie am Ende noch den kulturellen Wertvorstellungen entsprechen, von denen sich die Reformbewegung ideell leiten ließ: Achtung der Menschenrechte, individuelle Selbstbestimmung, soziale Gerechtigkeit, wirkliche Gleichstellung der Geschlechter, weitgreifende Solidarität, Schutz der natürlichen und historischen Voraussetzungen des Lebens und mehr individuelle Autonomie in allen Formen der Arbeit (für Arbeiter und Bauern ebenso wie für Künstler und Wissenschaftler)."
Es bemühten sich um Moderation: die Kabarettistin Gisela Oechelhaeuser (DDR) und Ulrich Roloff-Momin (Berlin-West). Grüßen lässt Peter Härtling, der gern dabei gewesen wäre, wenn über die "verdammte gemeinsame deutsche Verdrängungspraxis" gesprochen wird. Im übrigen: formlos, aber diszipliniert.
Dass so etwas auch chaotisch enden kann, ließ schon zu Beginn der Beitrag des Philosophen Gerd Irrlitz erkennen: "In der Niederlage ist gut träumen", resümiert er und holt aus zu einem geschichtsphilosophischen Exkurs, der in der unproblematisierten Forderung gipfelt, unter allen Umständen als Voraussetzung aller Änderungen die Produktivität der Arbeit zu steigern. Das Publikum murrt - vermutlich, weil niemand hergekommen ist, um nur das zu hören, was man ohnehin weiß. Die Fragen, die hier zur Debatte stehen, sind komplexer.

Die Käseglocke der materiellen Sicherheit
Natürlich ist den Künstlern ihre eigene materielle Perspektive wichtig. Eine drohende Ökonomisierung der Kultur würde sie hart treffen. Kulturminister Dietmar Keller, berichtet Joachim Doese, hat gesagt, dass die Kulturfonds-Mittel reduziert werden müssen. Ein Transparent zitiert eine ihm zugeschriebene These: Man müsse die ,,Spreu vom Weizen trennen durch Markt-Mechanismen". Er wolle, referiert ein anderer, die Honorarordnung durch das freie Spiel der Kräfte ersetzen. Das sei Thatcherismus, aber ohne Abfederung durch Mäzene. Ob die Sächsische Dichterschule nicht mehr förderungswürdig sei, ob, wie Helke Misselwitz vom DEFA-Dokumentarfilm warnt, die einzigartige Dokumentarfilm-Kultur der DDR aus Sparsamkeit aufgegeben wird - das sind Entscheidungen, die tief in die kulturelle Substanz dieses Staates eingreifen. Dabei ist, wie Klaus Staeck meint, die DDR reich durch ihre Künstler (und mit Bitterkeit sagt der Theaterkritiker Ernst Schumacher: Die DDR hatte mehr Talente als sie brauchen konnte); Erika Runge empfiehlt Ausnutzung der Erfahrungen der BRD-Mediengewerkschaft im Umgang mit Medienriesen.
Eine Kultur des Widerstands gegen die einseitige Vorherrschaft des ökonomischen Diskurses ist gewiss nicht nur für die in ihrer Substanz bedrohten Künste wichtig. Vielleicht besteht ja die Chance, dass, gerade weil die Kulturproduzenten selbst so intensiv von der Ökonomisierung betroffen wären, mit ihrer Hilfe ein besonders intensiver öffentlicher Diskurs diesbezüglich geführt wird (vielleicht aber versucht man sie auch deswegen von der Kapitalseite schnell ,,einzukaufen"). Der Staat kann sich in der DDR nicht allzuschnell aus seiner Verantwortung bezüglich der Künste entlassen: "Entstaatlichung" mag interessant sein, aber vieles geht nicht mehr ohne den Staat. Und: Ökonomisierung ist etwas anderes als ökonomische Vernunft.

Kulturpolitik neuer Qualität
Die Gesellschaftstheorie in der DDR hat neue Aufgaben. Zurechtkommen muss sie mit der Erkenntnis: Vergesellschaftung ist nicht Verstaatlichung. Der Staat ist nur Instrument von Vergesellschaftung, nicht deren "höchste Stufe". Das stellt der Kulturpolitik neue Aufgaben. Sie beziehen sich auf mehr denn auf die materielle Struktur der Kulturproduktion. Es steht an: Der Übergang von einer Kulturpolitik, die in imperativen ideologisch-politischen Zielvorgaben bzw. Orientierungen das prinzipielle Steuerungs-Instrument der Kulturpolitik sah, zu einer Kulturpolitik, die bewusst in sich selbst regulierenden (freilich in ständiger Rückkoppelung mit der gesellschaftlichen Realität stehenden) freien kulturellen Kräften, geprägt von ihrem "Eigensinn" (zu dem ausgeprägte "Bereichsethiken" gehören können) eine Potenz der Vielfalt sieht, mit deren Hilfe Lebensqualität, Innovationsfähigkeit und Entwicklungsfähigkeit der Gesellschaft erhöht werden können. Ähnlich wie Gorbatschows Reform ist die Kulturtheorie sich darüber im klaren, dass die Erschließung der Produktivitätsressource "Individualität" nötig ist, dass somit Kulturentwicklung als Produktivitätsquelle fungiert.

Aber es geht um mehr (sonst liefe Kultur ja Gefahr, der ökonomischen Instrumentalisierung zum Opfer zu fallen): Kultur ist Ressource gesellschaftlicher Entwicklungsfähigkeit, auch wegen ihrer Fähigkeit, ,,Gegenöffentlichkeiten" herzustellen, die Konfliktlagen und Probleme rechtzeitig thematisieren können (nicht zuletzt daran hat es in der DDR gefehlt, sonst wäre jenes 20 Jahre aufgeschobene Stöhnen bei den Mitgliedern der SED, von dem Peter Stein sprach, schon früher hörbar gewesen). Es ist erstaunlich, wie die Funktionäre der staatlichen Wirtschaft (die schon lange wussten, dass dank der Wirtschaftspolitik des Herrn Mittag ihr Staat von der Substanz zehrt, aber nie etwas dagegen zu sagen wagten), jetzt, wo's zu spät ist, einen Verband der Unternehmensleiter gründen wollen. Hätten sie das doch früher gemacht!

Es geht daher auch in dem eingangs zitierten Aufruf um kulturelle Selbstbestimmung in Vielfalt, "progressive Entstaatlichung" - gegen Gängelei, "nicht aber gegen staatliche Pflichten" (auf dem Kultursektor), um eine "Kultur der industriellen Arbeit" und ein "ökologisch geprägtes Kulturkonzept", um Aufwertung der Kommunen, neue Medien- und Bildungspolitik, um das Einbringen der besonderen Züge der DDR-Kultur in die aktuellen (auch europäischen) Prozesse. Und die Künstler werden Wert darauf legen, dass Kultur kein "Trainingslager" ist, sondern Basislager für den langen Marsch durch die "anständige" Existenz, und Teil von ihr, nicht Hilfsmittel zu ihr.

Kulturpolitischer Diskussionsbedarf
Diesen komplexen Funktionen müssen neue Strukturen geschaffen werden; Kulturpolitik (eine Vokabel, die manche in den osteuropäischen Ländern nicht mögen) ist dazu aufgerufen. Die Aufgabe ist deswegen schwierig, weil bisher Staat und Gesellschaft identisch schienen und hinter den politischen Strukturen fast nur Vakuum ist: Gesellschaftliche Kräfte waren weitgehend an Partei und Staat gebunden. Notwendig sind neue institutionelle, rechtliche (und materielle) Rahmen (z.B. Vereinsgesetz, Stiftungsgesetz usw.). Klaus Staeck hält ein Mediengesetz für vordringlich, damit nicht Springer an die Stelle der SED tritt. Investigativen Journalismus zu pflegen sei nötig; Strukturen solle man überdenken, nicht unbedingt zerschlagen. Ähnlich wie Staeck plädierte Freimut Duve dafür, den staatlichen Kulturbürokratien in Ost und West nicht das Feld zu sehr zu überlassen. Die Kulturprojekte des Kulturabkommens z.B., meint Duve, dürfen auf Dauer nicht durch das Nadelöhr der staatlichen Zulassung gehen. Er schlägt daher eine ständige Ost-West-Kulturkonferenz, getragen von den Kulturverbänden, vor, und dies rasch, denn auch die Ökonomie hat's eilig.

Diskutiert wird über die Stärkung der Kommunen und ihre Ausstattung mit eigenständiger kultureller Kompetenz. All das verlangt eine Menge Arbeit und Erfahrung. Die "Kulturinitiative'89" plant daher weitere kulturpolitische Veranstaltungen mit den Themen:
Staat und Kultur
Dezentral/zentral: Kommunale Kulturarbeit
Kulturelle Minderheiten
Die europäische Kultur-Dimension
Kulturindustrie.
Und nicht zuletzt, meint Kulturtheoretiker Helmut Hanke, steht die Gestaltung einer attraktiven linken Massenkultur an.

Die neue Offenheit
Die gegenwärtige Diskussion ist geprägt von Offenheit im doppelten Sinne: Niemand hat die Ergebnisse schon in der Tasche (wie sonst so gern bei "Diskussionen" im ehemaligen Sozialismus), und es gibt keine Tabus. Allenfalls sind neue im Entstehen: Rainer Kirsch (DDR) warnt davor, jetzt einen falschen Gott durch einen richtigen, "das Volk", zu ersetzen. Er fragt: Wird man je wieder sagen können, dass auch das Volk irren kann? Freimut Duve verteidigt daraufhin vehement das Prinzip der demokratischen Mehrheitsentscheidung und gibt den Ball zurück: Ob Mehrheiten irren, sei auch eine Frage des Engagements der Künstler. Aber auch Duve möchte wohl kaum in der BRD die Frage der Todesstrafe zur Abstimmung stellen. Kirsch (und ähnlich Volker Pfüller) präzisieren später: Nicht alles könne man der Abstimmung unterwerfen; Künstler beugen sich in ihrer Kunst keinen Mehrheiten.

Fertige Antworten hat niemand. Heiner Carow (Film-Regisseur, DEFA) überkommen Gefühle hilfloser Aggressivität in der raschen Wende. Helga Königsdorf bekennt sehr offen, sehr ehrlich: Dies war das Jahr, in dem ich aus der Rolle fiel. Aus allen Rollen. Und: Meine Sehnsucht nach Heimat, nach Geborgenheit hat mich mitschuldig gemacht. Ich wollte dazugehören. Sie fühlt sich als Opfer und Täter gleichzeitig. Kunstwerk und Revolution, Kunst und Leben sind vermischt. Dieser Sturz ist gut für uns und andere; aber die Zeit der ersten schönen Empörung ist vorbei. Auch jetzt gilt es, Strukturen zu zerschlagen, keine Menschen. Und Gisela Oechelhaeuser sucht nach Selbstschutz gegen sich anbahnenden Wahnsinn. Sie meint: Auch Helligkeit, weiß die Bibel zu berichten, macht Angst, nicht nur Dunkelheit. Wir verstehen alles, und können doch nichts begreifen. Sie erinnert sich an ihre Schmerz-Reaktion, als im Fernsehen die 77 Namen derjenigen Künstlerinnen und Künstler vorgelesen wurden, die weggegangen waren.

Identität und Ausverkauf
Das rührt auch an das Verständnis von dem, was als DDR-Identität verstanden wird/werden kann. Es fragt der Maler Johannes Heisig: War es vielleicht eine Segnung der Mauer und der von ihr produzierten Käseglocken-Situation, dass sie es möglich machte, mit relativ geringem Aufwand Beifall zu ernten? Jetzt, ohne Mauer, wird man mehr liefern müssen. Vor dem Hintergrund dieser eigenen Tradition gilt es, Spezifik und Unterschiede neu zu definieren. Und ein anderer benennt die widerspruchsreiche Rolle der Staatsbürgerschafts-Diskussion: Immerhin hat deren Nicht-Anerkennung durch die BRD erst die Dynamik der Fluchtbewegung und damit die Reform in Gang gebracht. Roloff-Momin benennt als West-Berliner die Scheu, sich einzumischen. Krista Tebbe weiß: Andere zögern nicht, sich einzumischen. Neue DDR-Über-Ichs entstehen. Und es gibt Beispiele positiven deutsch-deutschen Erfahrungsaustausches (der ja keine Einmischung zu sein braucht): Der Architekt Hardt-Waltherr Hämer aus West-Berlin, bekannt geworden durch seine Sanierungen in Kreuzberg, warnt davor, die notwendigen städtebaulichen Erneuerungen in Spekulations-Strukturen durchzuführen: Es geht auch, wie in Kreuzberg bewiesen wurde, auf behutsame Weise und ist dann sogar noch billiger.

Christoph Hein weiß: Die Städte in der DDR und in der BRD sehen, je auf ihre Art, grausam aus. Unsere Leute werden nicht länger auf ihren Wohlstand warten wollen, aber Geschenke werden teuer bezahlt. Wir werden uns auf viele Geschäfte einlassen müssen, bei denen uns das Herz blutet - eine Chance besteht freilich darin, dass jetzt nichts mehr hinter dem Rücken der Öffentlichkeit geschehen kann.

Wir wollen endlich ran an den Kuchen - kann man das den Menschen in der DDR und anderswo verdenken? Der Kulturwissenschaftler Helmut Hanke spitzt zu: Die Banane soll nicht ins Staatswappen, er habe aber auch nichts prinzipiell gegen Bananen, genauso wenig wie gegen Reisen. Gegen Konsumismus könne man sein, brauche deswegen aber keinen Konsumverzicht zu verlangen. Es gab, resümiert er, in der DDR keine Kraft, die materielle Arbeiterinteressen offensiv vertrat - und jetzt wundere man sich, wenn diese Arbeiter ihre Interessen selbst auf der Straße vertreten. Die neue SED müsse die Interessen der auch in der DDR unter schweren Bedingungen lebenden Arbeiter vertreten können.

Unterschwellig immer die Angst vor dem Ausverkauf. Stehen wir, fragt Johannes Heisig, vor einem Trümmerhaufen? Muss man den Sozialismus neu definieren? Muss man zur ökonomischen Rettung des Landes die Wirtschaft verkaufen?

Oder: Findet ein Übergang zu marktwirtschaftlichen Formen statt in einer Zeit, wo die Diskussion um die wirtschaftliche Rolle der Kultur in der BRD nicht nur die dabei angewandten wirtschaftswissenschaftlichen Theoreme problematisiert, sondern auch erkennbar wird, dass boomende Einvernahme durchaus auch kulturelle Wüsten hinterlassen kann (im Film z.B.)? Christoph Hein hofft, dass das Volk der DDR besser begreifen wird, was Kapitalismus ist. Aber es hat keine Übung in Demokratie, sieht im politischen Gegner gleich den Feind. Und das kann schlimm werden, wo das Missverstehen, das Nichtverstehen Quelle tragischer Konflikte werden kann.

Die Diskussion um die deutsche Einheit ist eine Phantom-Diskussion, meint Klaus Staeck - sie steht nicht an. Der Dollar fällt, die DM steigt - wer weiß, was uns das noch an Problemen bescheren wird. Nationalistische Parolen verursachen "Ekel und Ratlosigkeit" (Göhler). Aber aktuell wichtig ist's immerhin, zu vermeiden, dass im "europäischen Haus" die neuen Mitglieder dank der bereits bestehenden Strukturen über den Tisch gezogen werden.

Worum es auch noch geht
Die Änderungen in den sozialistischen Staaten scheinen unvermeidlich, ausgehend von Gorbatschows einst angeblich vom Geheimdienst empfohlenen Reformen zur Überwindung der Stagnationsphase in der Sowjetunion. Nur die Formen unterscheiden sich noch. Selbst die bessere ökonomische Situation der CSSR (die lange Zeit für eine relative Isolierung der intellektuellen Reformer sorgte), selbst der perfektionierte, vom Volk hermetisch abgetrennte omnipotente Sicherheitsapparat Ceaucescus waren keine Hindernisse. So oder so, die Karten in Europa werden neu gemischt. Vielleicht ist auch das Ergebnis überhaupt nicht vom Zufall abhängig, sondern Produkt materieller Verschiebungen. Europa emanzipiert sich von den USA, wird mit der SU eine neue Großmacht, der die USA und Japan/China gegenüberstehen - mit völlig neuen Konfliktpotentialen. Es gab einst Utopien der Regionalisierung, der Aufteilung in viele Mittelmächte als eher friedensfähige Konstellation - ist sie vorbei?

Wir sollten die neue europäische Situation nicht euro-borniert sehen, sondern weltweit. "Globale Fragen" gehörten zu den zentralen Motiven von Gorbatschows Reformen, wie sie zu Beginn noch deutlicher und intensiver formuliert wurden als in jüngeren Phasen krisenhafterer Entwicklungen (in denen es darum ging, rasch Löcher zu stopfen, und die strategischen Orientierungen mehr in den Hintergrund traten). Aber die Themen bleiben: Die Zukunftsaufgabe "dauerhafte Entwicklung" steht an; notwendig ist eine ökologisch geprägte Überlebenskultur als attraktive Form. Nichts gegen Bananen, wenn sie ohne zerstörerische Folgen produziert, angemessen bezahlt und gerecht (bzw. human) verteilt werden. Unsere Wünsche sind vielleicht heute bescheidener als Herbert Marcuses Frage vom Vietnam-Kongress 1966, der noch auf eine nicht-kapitalistische Industrialisierung der Dritten Welt hoffte [Ralf Wiggershaus, Die Frankfurter Schule. München: 1988, S. 681). Wir begnügen uns mit "dauerhafter Entwicklung" - aber auch sie ist wohl kaum denkbar ohne soziale Gerechtigkeit, Demokratie, Frieden. Freimut Duve hat bei der Berliner Konferenz daran erinnert, dass Kapital nach Rendite und Risikoprämie, nach Markt und Kaufkraft fragt, und es schwärmt davon (er zitiert dazu aus einer Holtzbrinck-Zeitung), die Faszination der 80er Jahre in die 90er zu verlängern - und das bedeutet, die Probleme, die z. B. Biedenkopf in seinem Buch "Zeitsignale" (München 1989) thematisiert hat, noch einmal eine Wachstumsphase vor sich her schieben zu können, noch einmal eine Frist zu haben. Es scheint, die Chancen stehen schlecht für eine vernünftige, perspektivische Politik: Der Rausch des Wachstums lässt dafür keinen Raum. Oder?

Man wird ja wohl einmal darüber nachdenken dürfen
Die Konstellationen sind ja andererseits eigentlich nicht schlecht: Die schlimmste Gefahr des atomaren Krieges in Europa ist zunächst einmal gebannt. Wir haben uns das ja nicht nur vorgemacht, damals, in den frühen 80ern: Atomkrieg führen und gewinnen, Atomkriegsschauplatz Europa ("Besucht Europa, solange es noch existiert!"), dem sowjetischen Huhn den Kopf abschlagen, Fulda-Gap-Planspiele, und was da noch alles an perversen Militärstrategien existierte. Heute läuft ein Air-Land-Battle-Konzept ins Leere.

Es waren, so ist zu vermuten, politische Einsichten in den militärischen Sackgassen-Charakter der Atomrüstung, die als Faktor für das Umdenken eine Rolle spielten - wir können das bei McNamara nachlesen. Es waren Forschungen über den "atomaren Winter", die die Absurdität der Vorstellung eines "Sieges" im Atomkrieg erkennbar machten; es waren die unbezahlbaren Kosten, welche das "Krieg-der-Sterne"-Projekt zu Müll werden ließen. Und es war unsere Friedensbewegung, die dies alles publikumswirksam verbreitet hat, zum unübersehbaren Allgemeinbesitz der politischen Diskussion nicht nur bei uns gemacht hat und damit zur Fundierung einer solchen Politik beigetragen hat.

Das ist Faktor eins: Der unmittelbare Druck der Kriegsgefahr in Europa ist genommen (es gibt trotzdem immer noch viel zu tun), und nur in diesem Klima konnten die Veränderungen in Osteuropa vor sich gehen. Frieden ist nicht alles - aber alles ist nichts ohne Frieden, haben wir damals gesagt. Vielleicht müssen wir uns jetzt mehr Gedanken über den ersten Teil des Satzes machen.

Zweiter Faktor: Der europäische Boom. Unabhängig von der Frage, was in den osteuropäischen Staaten von "Sozialismus", von den humanistischen Prinzipien einer von der Politik im Sinne der Lebensinteressen der Menschen gesteuerten Wirtschaft übrigbleibt, unabhängig von der Entwicklung des Gegensatzes USA - Europa, wird es in Gesamteuropa einen gewaltigen wirtschaftlichen Boom geben.

Es wird ein eurochauvinistischer Boom sein, von dem andere wenig profitieren werden. Ist es nur ein neuer kräftiger Schluck aus der Pulle, eine Dosis der süchtig machenden Droge Wachstum, die keine Probleme löst? Vielleicht, angesichts der ökologischen Probleme, sogar der "goldene Schuss"?

Oder liegt darin auch eine Chance? Biedenkopf hat darauf hingewiesen, dass ohne Wachstum unsere Gesellschaft bisher keine Reformkapazität besitzt, und dass sie selbst mit Wachstum ihre Probleme weitgehend vor sich her schiebt.

Das bedeutet aber umgekehrt: Wenn es eine Chance für Reformen gibt, dann in einer Situation des Wachstums - sofern die politischen Kräfte dafür da sind.

Ein dritter Aspekt: Wer, wenn nicht wir, kann Ansätze für eine Politik und Lebensweise der ,,dauerhaften Entwicklung" formulieren und praktizieren? Der Brundtland-Bericht betont, dass der Druck auf die Umwelt in vielen Teilen der Welt dann am stärksten wird, wenn Armut die Menschen zwingt, zur Überwindung des Hungers ihre Ressourcen zu zerstören (dass es in vielen, vielleicht den meisten Fällen der Weltmarkt ist, der kräftig daran mitwirkt, dass wir darüber indirekt profitieren, und dass unser hemmungsloser Luxus seinerseits mit Ressourcen unmittelbar zerstörerischen Raubbau betreibt, darf nicht verschwiegen werden). Es bleibt freilich: Die technisch-wissenschaftlichen Kapazitäten, um neue Energieformen, umweltfreundliche und zu "dauerhafter Entwicklung" fähige Technologien zu gestalten, sind in hohem Maße bei uns versammelt (sicher finden entsprechende Prozesse nicht im Selbstlauf statt, und sicher erwächst viel der notwendigen Kreativität erst aus der hautnahen Konfrontation mit den gravierendsten Problemen. Aber das ändert nichts am prinzipiellen Verhältnis).

Und ferner: In den wohlhabenden Staaten waren Menschen bisher bereit, Teile ihrer Lebensgewohnheiten, ihrer Lebensweise in Ansätzen umzustellen. Sie können es sich leisten, etwas mehr für bessere "biologische" Nahrung auszugeben, sie können der Kultur ihres Körpers, ihrer Gesundheit mehr Zeit widmen. Schon beim Transport, bei der Fortbewegung hört's dann meistens auf - aber immerhin!

Hier eher als bei denjenigen, die jetzt das Gefühl haben, sie müssten Versäumtes nachholen (wie die Osteuropäer), ist auch die mentale Bereitschaft zu erkennen, in die Lebensqualitäts-Definition Aspekte ökologischer Verantwortung einzubeziehen (in der DDR z.B. ist noch offen, wieweit jenes ökologische Bewusstsein, das aus einem großen unmittelbaren Problemdruck und aus den ethischen Impulsen der kirchlichen Umweltbewegung resultiert, politikfähig und -relevant bleiben wird).

Frieden hat eine Chance; Wachstum kann qualitativ gewendet werden; wer, wenn nicht wir, kann es sich leisten, Ansätze einer ,,dauerhaften Entwicklung" zu praktizieren? Das sind die drei Komponenten möglicher positiver Entwicklungen.

Sicher, das ist alles sehr labil - schon der aus der Chaos-Forschung bekannte "Schmetterlings-Effekt" kann völlig neue Situationen erzeugen: Wenn etwa winzige Ereignisse in irgendeinem sowjetischen oder balkanesischen Territorium Auslöser von größeren Destabilisierungs-Effekten sind, werden viele der notwendigen Potenzen anderweitig gebunden (aber höchst instabil war ja auch das Rüstungsgleichgewicht). Aber immerhin, wir werden ja wohl auch einmal die Chancen durchspielen dürfen.

Nichts geht im Selbstlauf; notwendig sind politische Potenzen. Das wäre dann aber auch die Konsequenz aus unseren Überlegungen: Wenn denn die Chance genutzt werden können soll, dann nur mit entsprechendem politischem Hintergrund, ja Druck. Und damit sind wir bei den anstehenden Aufgaben: Sie bleiben uns bestehen.

Bei der Berliner Diskussion wandte sich Thomas Krüger gegen linke Melancholie; Adrienne Göhler (Hamburg) wollte nicht die Freude über die Veränderungen allein den Rechten überlassen. Wird's möglich sein?