KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ZeitdokumentKulturation 2012
Dietrich Mühlberg, unveröffentlichtes Manuskript
DDR-Kulturwissenschaft 02:
Zum Verhältnis von Jugend und Erbe - ein Papier aus dem Jahre 1985
Im Frühjahr 1985 hielt Kurt Hager in der Akademie der Künste einen Vortrag zum Thema "Jugend und Erbe"; er fiel in der damals sattsam bekannten Art aus: den Jugendlichen seien die großen kulturellen Werte etc. nahezubringen. Mit der Vorbereitung war die ZK-Abteilung Wissenschaft beauftragt, die sich 1984 u.a. an den Wissenschaftsbereich Kultur der HUB wendete, seine Vorstellungen zu diesem Thema mitzuteilen. Nach Beratung mit Herbert Pietsch und Thomas Koch, die umfangreiche Skizzen zum Thema vorgelegt hatten, habe ich einen thesenartigen Text abgefaßt und im März abgeschickt; eine Reaktion hat es nicht gegeben. Dieser Textwurde leicht überarbeitet und als internes Material im Herbst 1985 zur Vorbereitung einer Diskussion (Versammlung des Wissenschaftsbereichs Kultur am 4. November 1985) über das eigene "Erbe-Verständnis" unter den KollegInnen verteilt. Es handelt sich also um ein internes Papier; die Ausführungen sind skizzenhaft und waren für einen bestimmten Zweck gedacht: Versuch einer kritischen Einflußnahme auf kulturpolitische Rahmenbedingungen der praktischen Seite eigener kulturgeschichtlicher Forschung und Lehre.
Dietrich Mühlberg


Unmittelbarer Anlaß für ein kritisches Überdenken unseres Verhältnisses zum Erbe sind Darstellungsprobleme der Kulturgeschichte. Doch dieser Gegenstand ist von allgemeinem kulturwissenschaftlichem Interesse, gründet sich doch jede kulturelle Wertung auf ein spezifisches Traditionsverständnis, auf eine besondere Bindung an "das Erbe". Jugend kommt ins Spiel, weil sie als Nachfolgegeneration durch ihr Kulturverständnis, durch ihren kulturellen Habitus darüber entscheidet, wie das, was wir als Erbe ansehen, künftig behandelt wird. Das vielleicht abzusehende Verhältnis Jugendlicher zum Überkommenen ist darum ein Indikator für kulturelle Trends und Ausdruck kultureller Entwicklungsfähigkeit der Gesellschaft.

Gerade dieser Beziehung sollten wir größere Aufmerksamkeit schenken und eine Art "Bestandsaufnahme" anstreben. Denn das (sicher meist unausgesprochene) Ziel unserer wissenschaftliche Arbeit ist es ja, Traditionsverhalten mitzubestimmen oder wenigstens zu beeinflussen. Denn wir wissen ja aus der Geschichte, in welchem Maße die Arbeit der (Kultur)historiker nationales Selbstwertgefühl zu beeinflussen vermochte. Dabei ist der Adressat (schon durch unsere universitäre Anbindung) unserer Lehren immer die Nachfolgegeneration. Überdies haben wir auch den allgemeineren kulturpolitischen Auftrag angenommen, an der "Pflege unseres Erbes" mitzuwirken. All dies verlangt von uns eine Verständigung über die Mechanismen dieses Vorgangs, über den gegenwärtigen Stand der Dinge, seine historisch-kritische Beurteilung und auch Ableitungen für ein erfolgversprechendes Einwirken auf kulturelle Institutionen unserer Gesellschaft.

Nähern wir uns dem angefragten Verhältnis, so fällt zunächst auf, daß die Beziehung zum "eigenen Erbe" der DDR-Gesellschaft schwach entwickelt ist, es kaum ein Verständnis für die positiven und negativen Besonderheiten der eigenen geschichtlichen Situation gibt. Solch Unverständnis ist verschieden zwischen Oben und Unten, zwischen den sozialen Gruppen, doch als Grundzug ist es allgemein. So ist eine ganze Reihe von sozial-kulturellen Tatbeständen wenig reflektiert. Etwa der überaus hohe Grad der Politisierung aller Schichten (die ja für alles Wichtige immer zwei Interpretation bekommen, die ständig mit einer realdeutschen Alternative zur eigenen Lebenslage konfrontiert sind, für die darum alles Gewöhnliche blitzschnell zu Politikum werden kann), oder das beinahe völlige Fehlen von Nationalismus (wie soll er in dieser spezifischen deutsch-deutschen Konfrontation gedeihen?) und von Rassismus (für den die Anlässe selten und die Äußerungsmöglichkeiten gering geworden sind). Nennen möchte ich den wahrscheinlich höchsten Grad heute erreichbarer sozialer Sicherheit des einzelnen auf einem relativ hohen Niveau des Lebensstandards und bei sehr geringem sozialen Gefälle (klarsichtige Kollegen meinen, daß die Gleichheit schon zu weit getrieben worden sei), die in rechtlicher und ökonomischer Hinsicht wohl konsequenteste Gleichstellung der Frau (selbst wenn zu fragen ist, was daraus bislang kulturell gemacht worden ist). Ich will die Aufzählung nicht fortsetzen, jeder könnte dem aus seinem Arbeitsfelde noch einiges hinzufügen: von höchster Scheidungsrate über die Alkoholisierung bis zur auffällig ausgeprägten Arbeitswütigkeit. Und an dieser Arbeitsorientierung macht sich auch das Fremdbild des (Ost)deutschen fest: Ordnung, Disziplin und Arbeit. Von den anderen freilich eher negativ, mindestens distanziert gesehen (worin ja der Sinn nationaler Abgrenzungen besteht) - für uns aber weitgehend positiv besetzt.

Allerdings: die Reflexionen über "nationales Selbstverständnis" sind rar (geschuldet der besonderen "nationalen Lage" der Deutschen). Damit aber fehlt im politischen und im wissenschaftlichen Bewußtsein, was in den Künsten gelegentlich ausgesprochen wird: die Kenntnis der bedauerlichen bis riskanten Leerstellen und Brüche in der kulturellen Tradition. Mit den folgenden Notizen (zu denen Herbert Pietsch und Thomas Koch beigetragen haben) möchte ich darauf aufmerksam machen und die Diskussion anregen. Es werden Eindrücke aufgelistet, nach den Ursachen wird nicht gefragt (obwohl in einigen Fällen die Antworten auf der Hand liegen).

Zunächst sei an Selbstverständlichkeiten erinnert. Was wir als "Erbepflege" verstehen, ist eine Form der Traditionsbildung. In diesen Vorgang sind unterschiedliche soziale Kräfte verwickelt. Er erhält seine Dynamik auch dadurch, daß jede Generation eine eigene Beziehung zur Geschichte ausbildet, vornehmlich an ihrem Verhältnis zum Überkommenen. Das geschieht in allen Bereichen des alltäglichen Lebens junger Leute. Es ist dies ein teils aktiv-suchendes, teils ein passiv-unbewußtes Verhalten, das durch die Erbepflege der Gesellschaft und das Traditionsbewußtsein der jeweiligen sozialen Umgebung mitbestimmt und beeinflußt wird. Allerdings ist - gemessen am Aufwand - der tatsächliche Einfluß der "Erbe-Pfleger" erstaunlich gering.

Eine der Ursachen dafür ist in der Enge des Erbe-Begriffs zu suchen. Er bezieht sich nur auf bestimmte Bereiche ausschließlich der "geistigen Kultur" (und wählt daraus nach marxistisch-leninistischen Grundsätzen und praktischen politischen Erfordernissen jeweils aus). Dabei wird der überwiegende Teil dessen, was real als das Erbe unseres Volkes anzusehen ist, schon vom Ansatz her ausgeschlossen. Damit meine ich einerseits fast die gesamte gegenständliche Umwelt, die politisch "erobert" wurde und als Lebensbedingung genutzt wird: die Fabriken, die Landschaften, die Stadtkultur, die Siedlungsformen, Fassaden, Bäume usw. usw. Dies alles wird von Politikern, Ökonomen, Technikern und von den Leuten nicht als ein "kulturelles Gut" angesehen und entsprechend behandelt. Wir finden kaum etwas, an dem entsprechendes Pflegeverhalten symbolisch betrieben wird. Wer aus dem Westen kommt, wo vieles davon als Privateigentum gehegt und gepflegt wird, erlebt es als Schock: alles wird zunächst als schmutzig, ungepflegt, verkommen und notdürftig erhalten wahrgenommen. Intellektuelle Alternative des Westens finden das sympathisch: wir kleben nicht so an den Dingen, hier fehlt die Sterilität der gleichmäßig verputzten Fassaden usw. Arbeiter und Bauern von dort können dies wahrscheinlich nur mit distanzierter Verwunderung betrachten, denn so darf man mit vergegenständlichter Arbeit nicht umgehen.

Die bei "jungen Leuten" festgestellte überhandnehmende Laxheit im Umgang mit dem gesellschaftlichen Eigentum wird von den Kritikern auf mangelndes Rechtsempfinden zurückgeführt. Tatsächlich dürfte dahinter etwas anderes stehen: die DDR-Gesellschaft hat in dem für alle sichtbaren Bereich des überkommenen "gegenständlichen Reichtums" kein hinreichend demonstratives (symbolisches) Pflegeverhalten ausgebildet. Ansätze dazu ("Kultur der Arbeit", Umweltschutz etwa) wurden teils falschen Verantwortlichen übertragen oder scheiterten an ökonomischen Notwendigkeiten.

Doch nicht nur die ganze dingliche Welt bleibt im "Erbe-Konzept" unberücksichtigt. Schon vom Ansatz her ist auch die im Volke lebende Überlieferung ausgeschlossen, das Wissen über unser Herkommen, die Bräuche, Sitten und Gewohnheiten im Umgang mit den Menschen, mit den Dingen, mit den "Kulturtechniken". Die spezifische Auswahl aus dem Bestand nur der geistigen Kultur beschränkt die gesellschaftliche Traditionspflege auf das, was seit Beginn der Klassengesellschaft und vollends seit dem 19. Jahrhundert nur noch von Spezialisten produziert und anschließend "gepflegt" oder in der produktiven Anwendung tradiert wird. Dafür gibt es inzwischen spezielle Institutionen. Die Folge ist, daß sich die Erbe Vermittlung auf das beschränkt, was so institutionalisiert wurde: bestimmte Kunstrichtungen, Künstler und Kunstwerke, bestimmte überragende Personen, bestimmte Ideen und Prinzipien (also: Bach und Semperoper, Bechers Gedichte und Brechts Nachlaß, Marx und bestimmte Arbeiterführer, Luther und Friedrich II., Solidarität und Humanismus etc. etc.).

Das von Spezialisten (wissenschaftlich) Aufgearbeitete wird dann "vermittelt" von Schule, Jugendverband, Armee, öffentlichen Kultureinrichtungen, Massenmedien. Auch in diesen Institutionen ist es häufig die Ressortangelegenheit von allerlei Spezialisten und keinesfalls strukturell angelagert. Wofür diese Ressorts nicht zuständig sind, wurde und wird in der DDR nicht gepflegt, verfiel, geriet in einen unkultivierten Zustand oder wurde vergessen.

Diese Institutionalisierung ist für alle modernen Gesellschaften charakteristisch und auch in der BRD nicht anders. Doch Erbepflege ist dort nicht das Monopol staatlicher Institutionen oder Zuwendungen. Denn hier wirken soziale Gruppen und Schichten weiter, die auch bei uns vor 1945 einen großen Teil der jetzt unbeachteten Kulturbereiche geprägt haben, die einflußreiche Kulturmuster entwickelten und durch ihr Leben und ihren öffentlichen Anspruch so oder so orientierend gewirkt haben. Ich meine die bildungstragenden Mittelschichten. Sie sind in anderen sozialistischen Ländern zwar weitgehend entmachtet worden, doch blieben sie dort - im Unterschied zur DDR - doch in beträchtlichem Umfang "personell" erhalten und anwesend und haben sich irgendwie eingerichtet.

Zugleich wurde in der DDR darauf verzichtet, eine kulturelle Alternative von unten zu pflegen. Auch die Traditionen in der Lebensweise der fortgeschrittenen Arbeitergruppen blieben unbeachtet. Nicht nur das, sie wurden sogar bekämpft. Entweder als kleinbürgerliche Beflissenheit von Arbeiteraristokraten oder als Proletkult. So entstand der Eindruck, als hätte die Arbeiterbewegung nichts als die Eroberung und ständige Verteidigung der politischen Macht im Sinne gehabt. Das ist weitab von den geselligen und hedonistischen Zügen der tatsächlichen Lebensweise. (Und hat zur Folge, das unsere "Reichen" und unsere Privilegierten ihren Lebensstil nicht mit demonstrativer Selbstverständlichkeit üben können. Sie haben unterschiedliche Rücksichten zu nehmen. Auch haben sie den Anschluß an vergleichbare westliche Eliten verloren, das Anschauen von Dallas dürfte kein Ersatz sein.)

Dem entspricht die ganze Art unserer institutionalisierten Erbe-Pflege: sie ist demonstrativ, ist auf Respektabilität gerichtet, soll Bündnispartnern und Gegnern im In- und Auslande Achtung abnötigen. Schon deshalb beschränkt sie sich auf das, was unserer Ansicht nach den Bürgern und der politischen Klasse anderswo wertvoll ist oder sein sollte.

Auf diese Weise sind Normen und Lebensformen zerschlagen, verdrängt oder vergessen worden, und es wurden nur für wenige Bereiche neue "entwickelt" oder allgemein akzeptiert. Dies wird von jungen Leuten als Verhaltensunsicherheit erlebt, als Normenchaos und Wertepluralismus. Ein sichtbarer Ausdruck dafür ist die zu große (weil akzeptierte Orientierungen fehlen) oder zu geringe (weil enge Wertvorstellungen aufgedrückt werden sollen) Toleranz in allen Bereichen des menschlichen Umgangs. Besonders Jugendliche spüren die Unentschiedenheit in den Formen des Alltagslebens und suchen nach Halt und Hilfe um sich zurechtzufinden.

Wir können darin eine kulturell produktive Situation sehen in der Neues entsteht. Die DDR-Forschung des Westens ist uns da voraus, für sie wurden Jugendkultur, Frauen und Randgruppen bevorzugte Gegenstände: an ihnen besonders wäre der innere Wandel sozialistischer Gesellschaften abzulesen. Hier dagegen besteht die Neigung, alle solche Artikulationen (besonders wenn Künstler sie aufnehmen) abzudrängen, sich nicht von solchen "Problemchen" beirren zu lassen.

Also: wir haben in wichtigen Bereichen der Erbepflege und Traditionsbildung große Lücken. Einerseits ist das eine produktive Situation, andererseits folgte daraus ein Mangel an elementarer menschlicher Bildung, der in allen Schichten der DDR-Jugend zu beobachten ist und unabhängig von der Haltung zur gesellschaftlichen Ordnung ist (also in der Spannweite von sozial und politisch Engagierten bis zu den Gleichgültigen und den "Aussteigern"). Solche Leerstellen sehr ich u.a.

(1) im Umgang mit der deutschen Sprache (Wortschatz, Stilgefühl, dialogische Fähigkeiten, sprachlicher Selbstausdruck, Kultur der sprachlichen Kommunikation). Ein "Beststudent" der DDR ist einem durchschnittlichen Hauptschulabgänger der BRD darin deutlich unterlegen, man höre sich Studentenvorträge und Diskussionen an (Von der Sprachkultur der Vorlesungen oder politischen Reden ist hier ja nicht zu sprechen.)

2) rudimentär ausgebildet sind individueller Lebensstil und damit zusammenhängende Umgangsformen. Es fehlt schon an elementaren Formen der Höflichkeit, an Regeln für den Ausdruck akzeptierter sozialer Ränge (des Alters, der sozialen Stellung usw.), an kultivierten Formen der Distanzierung, an Respekt vor der Selbständigkeit und Eigenart des anderen. Aus dem Alltag sind die Erinnerungen an die aufklärerischen, humanistischen, liberalen Formen verschwunden, die einmal für das Austragen und Bewältigen von Konflikten entwickelt worden waren und zumindest als Ideal galten. So gut wie gar nicht kultiviert ist die Fähigkeit zum Arrangieren von Kommunikation und Geselligkeit. Verschwunden sind verbindliche Tischsitten, akzeptierte Festrituale, allgemein anerkannte Formen von Trauer und Leid. Es mag ein Vorzug sein, daß in dieser Ordnung niemand mehr zur Freundlichkeit gezwungen ist (oder gezwungen werden kann). Die bedauerliche Folge: es kann auch nicht mehr gelernt werden, wie man das "macht". Dem "Westler" fällt auf, wie ruppig hier die Leute öffentlich miteinander umgehen. Auch "unsere Alten" beklagen das. Allgemein wird Unfreundlichkeit zur Schau gestellt. Das geht bis in die medienvermittelte Öffentlichkeit. Während die Politiker der anderen Seite mindestens einmal freundlich-verbindlich auf dem Bildschirm jeder Wohnung auftauchen, sind die unseren hölzern, distanziert und spröde, sie demonstrieren den unnahbaren Geheimnisträger. Dies nicht nur aus politischen Prinzipien, sondern schon weil sie für ihren Beruf nie die Elementarformen freundlicher Zuwendung einstudiert haben. Sensible junge Leute neigen dazu, aus dieser harschen und barschen Welt auszusteigen und in materiell anspruchslosem Lebensstil und liebevoller Partnerschaft eine eigene Lebenswelt zu definieren.

(3) Unsicher ist unser Konsumverhalten, unser Umgang mit den Dingen und mit der Zeit. Es gibt im Alltag keine verbindlichen Normen dafür, "was der Mensch braucht", wie er seine Lebenszeit nutzen sollte. Nebeneinander gedeihen primitiver Hedonismus und überspannte Askese. Die "preußischen Tugenden" (deren Verfechter sie immer auch als Korrektiv der Kapitalisierung verstanden haben) sind ebenso vergessen, wie die lebensreformerisch beeinflußten Grundsätze der früheren Arbeiterfunktionäre. In solchen gelebten Tugenden wird ja das Verhältnis des einzelnen zur sozialen Gemeinschaft "gestaltet". Ihr Fehlen ist eine der Ursachen für den rücksichtslosen Umgang mit der Zeit der anderen, mit der vergegenständlichten Arbeit, mit dem kollektiven und gesellschaftlichen Eigentum. Und besonders erstaunlich: auch mit der eigenen Gesundheit. (Wir können ja nicht, wie es die Amerikaner offensichtlich sind, zu einem Volk leistungsbesessener Gesundheitsapostel werden, doch die nun erreichte Weltspitze im Saufen ist auch kein Beleg rechten Umgangs mit den Gütern und Genüssen!) Aus der Kulturgeschichte des Proletariats wissen wir, daß mit der industriellen Produktion von notwendigen Dingen der Verbrauch den früher üblichen Gebrauch verdrängt hat. Früher lag das Maß im Ensemble der dauerhaft verfügbaren Dinge selbst. Erst der expandierende Markt des ständig Neuen (und in den Gebrauchseigenschaften immer weiter Spezialisierten) führte zum Unmaß. Da der Proletarier (im Unterschied zum Groß- und Kleinbesitzer) nicht emotional an seinen Dingen hängt, ist er (außer der Arbeit) ganz besonders leichtsinnig im Umgang mit ihnen, ist er der typische Verbraucher, der nur durch die Normen seines Milieus reguliert wird.

(4) Ein seltsamer Gegensatz besteht zwischen der enormen Rolle, die die Arbeit in unserem Leben spielt (längste Arbeitszeit in Europa, höchster Grad der Frauenerwerbstätigkeit in der Welt, Arbeit als liebste Freizeittätigkeit) und der weitgehenden Ignoranz gegenüber den deutschen Traditionen von Arbeitsamkeit, Fleiß, Nützlichkeit und klar berechneter Leistung. So werden weder die durch Luther geprägte protestantische Arbeitsethik noch die Traditionen deutschen Handwerks gepflegt. Von den enormen Arbeitsleistungen des deutschen Industrieproletariats und den dabei ausgebildeten Normen und Verhaltensregeln wird gleich gar nicht gesprochen. Auch hier dürfte mangelnde Erbepflege eine Ursache für Defizite in der Arbeitskultur sein. Sie wiegen schwer, wenn die (kapitalistische) Leistungskonkurrenz ausgeschaltet ist. Jugendliche Haltung der Arbeit gegenüber reicht vom Hinnehmen eines "notwendigen Übels" bis zum Feld der Selbstverwirklichung. Arbeit als Dienst oder gar als "heilige Pflicht" kommt nicht vor, bestenfalls (aber auch hier stark abnehmend) in den Bereichen mitmenschlicher Hilfe; ein schlechtes Zeichen für eine Gesellschaft mit wachsendem Sektor sozialer Dienste.

(5) Insgesamt mangelt es an Verständnis dafür, daß alles, was auf uns überkommen ist, vielfältige menschliche Bedeutungen trägt, die sich nicht mit der offensichtlichen Gebrauchseigenschaft decken. Diese an den "Dingen" haftende "kulturelle Bedeutsamkeit" wandelt sich, verschwindet aber nicht. Jugendliche machen das bewußt, wenn sie die Dinge anders sehen als wir (die Alten). Es wird zunehmend schwerer, "unser" Erbe-Verständnis zu erklären. Häufig läuft das auf eine nachträgliche ideologische Verbrämung ökonomischer (früher eher politischer) Entscheidungen hinaus. Wenn heute gesagt werden darf, daß (rekonstruierte) "Mietskasernen" besser als Neubauten sind, so reagiert das nicht auf Traditionsgefühle oder respektiert überkommene Lebensformen. Mit solchen Worten entschuldigen wir ökonomische Erfordernisse. Daß der eigentliche Wert historisch gewachsenen Milieus darin besteht, traditionsgeladener Lebensraum von Menschen mehrerer Generationen zu sein, wissen Rekonstruierer und Wohnraumbewirtschafter großenteils nicht (und können das in ihrem Job auch kaum berücksichtigen). Ähnlich liegt das, wenn gemeint wird, mit Straßennamen Politik zu machen. Sie sind ja selbst ein Erbe, leben lange fort und haben alle zeitbedingten Umbenennungen überdauert, zeigen sie doch Geburtsort und Heimat an, garantieren sichere Orientierung (die Stadt ist ein Geflecht mir bekannter Straßen). Jede Umbenennung provoziert emotionale Ablehnung. Wer möchte schon in einer Jaques-Duclos-Straße oder in einer "Allee der Kosmonauten" wohnen oder ins Kino "Sojus" gehen oder die "MZG Kalinka" besuchen?

Nach unserem heutigen Verständnis von Kultur und Kulturgeschichte ließen sich noch weitere Leerstellen nennen. In vielen Bereichen haben wir einen Traditionsbruch, ohne daß wir uns der Hinterlassenschaft stellen und sie "aufheben". Das ist kein Zeichen von Stärke. Es macht die eigenen kulturellen Lösungen schwächlich. (Erstaunlich ist, daß die hiesige Geschichtswissenschaft mit all dem wenig zu tun hat). Nun kann es nicht darum gehen, für alle diese Brachen "zuständige" Institutionen zu finden. Wir müßten uns aber der Tatsache stärker bewußt sein, daß unsere Gesellschaft in der kurzen Zeit ihres Bestehens für weite Lebensbereiche noch keine verbindlichen und dauerhaften Kulturformen ausgebildet hat. Hier müßten auch die historischen Wissenschaften mehr leisten. Denn bewußte Traditionspflege ist ein erster Schritt dazu

In diese Richtung nun geht auch das Drängen vieler - ich möchte sie so nennen - "sozial bewußter Jugendlicher", die bemerkenswert offen für traditionalistische Gedanken und historisches Denken sind. Mich erstaunte bei den Prüfungen des 1. Studienjahres das große Interesse an den "alten Germanen"; die Schlacht im Teutoburger Wald kann offenbar auch heute als ein Ereignis der nationalen Geschichte verstanden werden, über das sich etliche freiwillig höchst umfangreich unterrichtet haben. Wir müssen wohl nachdenken, was da in den Köpfen vorgeht. Übrigens hat das Geschichtsstudium enormen Andrang. Ganz offensichtlich suchen sozial bewußte Jugendliche im Überkommenen oder Vergangenen nach den festen Grundsätzen, die sie in ihrer aktuellen Umwelt häufig vermissen oder nicht entdecken können. Sie wollen selbst zum Authentischen vorstoßen und sich nicht mit den Interpretationen begnügen, wollen die Fakten und nicht die Verallgemeinerung. Viele wollen selbst "die Wahrheit" finden und fragen mißtrauisch, ob wir ihnen auch redlich alles das sagen, was wir wissen.

Damit korrespondieren weitere Züge im Verhalten sozial aktiver junger Leute. Sie wollen etwas bewahren, stehen dem Wachstum und der technisch bedingten Veränderung auch skeptisch gegenüber (auch skeptisch, weil sie zugleich ungeduldig den Entwicklungsrückständen gegenüber sind). Das schafft eine gewisse Sympathie für die "Grünen", weil Natur in deren Augen der wichtigste zu bewahrende Wert ist, der Natur gegenüber etwas geleistet werden muß und kann. Selbst bei Ablehnung der politischen Kultur der "Grünen" (die bei Jugendlichen sehr selten zu finden sein dürfte), bleibt doch die wachsende Sensibilität für ökologische Fragen. In unser Erbe-Konzept wurde die Natur erst kürzlich, noch dazu halbherzig und eklektisch eingefügt. Es meint mehr die "gestaltete Landschaft" usw., bestenfalls die Natur als nutzbare Lebensgrundlage, nicht aber die Natur selbst als Wert.

Aber generell ist - neben der Hinwendung zur Natur als einem zu pflegenden Erbe - alles offiziell nicht beachtete Alte im Wert gestiegen. Die bewahrende Haltung selbst wird gepflegt, die Objekte sind - sofern alt - beinahe beliebig. Sie richtet sich gegen Umweltvernichtung, Verschwendung, zivilisatorischen Verfall, Gleichgültigkeit gegenüber dem Kleinen, Individuellen und Schutzlosen - damit auch immer gegen Entscheidungen und Unterlassungen staatlicher Einrichtungen. Das macht das grundsätzlich obrigkeitsdistanzierte volkskulturelle Erbe anziehend und gibt manches Muster für solch selbstbestimmtes Engagement von unten.

Die pflegende Haltung ist nicht abstrakt, sondern praktisch. Man will etwas tun: Störche zählen, Kröten über die Straße tragen, Friedhöfe erhalten, Denkmalschutz soll tätig sein, in Museen will man etwas machen. Es gibt einige Einrichtungen, die das fördern, großenteils sind die Kulturfunktionäre überfordert, können den jugendlichen Elan nicht produktiv machen, wittern oder befürchten darin Indifferentes oder antisozialistische Ideologie.

Umgekehrt zeigen Jugendliche grundsätzlich eine altersbedingte Distanz zu all dem, was die Autoritäten pflegen. Notwendig sehen sie darin etwas Fremdes oder wittern (häufig berechtigt) Mißbrauch zu erzieherischen Zwecken. Wie stark diese gerichtete Distanzierung sie selbst gerade auf das fixiert, was sie ablehnen, können sie noch nicht wissen. Auch später werden nur wenige bemerken, daß dies die Weise ist, in der man so wird wie die Väter. Darum konzentriert sich heute (wie wohl immer) das Interesse Jugendlicher auf jene Bereiche des Erbes, die nicht oder nur ungenügend in der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit sind und ihnen Impulse, Anregungen, Aufschlüsse und vor allem Wertkriterien verheißen:

- gewöhnlicher, alltäglicher Faschismus, Deutung seiner Ursachen, Verstrickung der eigenen Vorfahren und der politischen Autoritäten;
- Territorialgeschichte (Preußens, Sachsens, Pommerns, Mecklenburgs usw.) landschafts- und ortsgebundene Traditionen, Folklore;
- Erbe der Massenkultur, vor allem der Musik (Rock und Pop seit den 50er Jahren), Alltagskultur der 50er;
- besondere technische Leistungen, deutsche Technikgeschichte
- Alltag der Vorfahren, besonders der eigenen Familie, Pflege aller überkommenen Dokumente, Bilder, Utensilien
-Geschichte der Religionen und der damit verbundenen Möglichkeiten zur Selbstbestimmung und Selbsterkundung
- deutsches soldatisches Heldentum (Bundeswehr gilt als amerikanisiert, NVA lehrt alte sowjetische Heldentaten gegen Deutsche)

Vor dem Hintergrund dieser Interessen werden (etwa von den entsprechend aufmerksamen Studenten) die inhaltlichen Wandlungen der "Erbepolitik" (im Großen wie im kulturpolitischen Alltag der Provinz) positiv bewertet und als gewisse Bestätigung ihres zweifelnden Fragens verstanden. Doch werden die - offiziell auch nicht sehr deutlich ausgesprochenen - wirklichen Gründe für neue Akzentuierungen unseres Geschichtsverständnisses häufig nicht verstanden und dahinter politischer Pragmatismus vermutet, der zu solchen Konzessionen veranlaßt.