KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 2/2005
Kulturelle Differenzierungen der deutschen Gesellschaft
Franziska Heinze und Sebastian Stoppe
Aufbruch in eine neue Republik
Ein Essay
I.
Seit der deutsch-deutschen Einheit im Jahre 1990 hat es wohl kaum ein Thema auf der politisch-kulturellen Ebene so verstanden, andere innenpolitische Diskurse zu überlagern wie die Differenzierung zwischen Ost- und Westdeutschland. Gleich welche Diskussion in der Wissenschaft, der Politik oder den Medien momentan Konjunktur hat, nahezu jedes Thema differenziert zwischen Ost- und Westdeutschen. Damit steht nicht eine geografische Unterscheidung im Vordergrund, sondern vielmehr die Betonung von 40 Jahren getrennter Vergangenheit. Als Beispiel mag die soeben stattgefundene Bundestagswahl 2005 dienen: 15 Jahre nach der deutschen Einheit wird immer noch ein argwöhnischer Blick darauf geworfen, ob „der Osten bestimmt, wer in Deutschland Kanzler wird“ (Edmund Stoiber, 05. August 2005). Dieses willkürlich zitierte Ereignis mag nur stellvertretend für zahllose Unterscheidungen zwischen West- und Ostdeutschland stehen, die sich quer durch alle innenpolitischen Themen – sei es die Arbeitslosenstatistik oder das Medienkonsumverhalten – ziehen.

Jubiläumsjahre wie dieses rufen in Politik und Gesellschaft jedoch immer auch mahnende Worte nach einer inneren Einheit Deutschlands hervor, zu deren Erreichung eine Beseitigung ökonomischer Differenzen zwischen Ost und West als dringend notwendig erachtet werden.

Doch basiert die Unterscheidung in Ost und West nur auf der ökonomischen und damit auch soziostrukturellen Ungleichheit? Kristallisieren sich nach 15 Jahren deutsch-deutscher Geschichte mehr ost- und westdeutsche Eigenheiten als Gemeinsamkeiten heraus? Was macht eine gesamtdeutsche Bundesrepublik aus?

Wir wollen in diesem Essay anregen, die Einheit Deutschlands mit den Augen von 2005 zu betrachten und aufzeigen, dass womöglich die bewusste Unterscheidung in Ost und West vor dem Hintergrund der deutschen Einheit das eigentliche Problem darstellen könnte.


II.
Nach vierzig Jahren getrennter Entwicklung überraschte die rasante Entwicklung der friedlichen Revolution 1989 die alte Bundesrepublik. War kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in der neu gegründeten Bundesrepublik der Ruf nach einer schnellen Wiedervereinigung noch laut, so arrangierte sich der Westen nach und nach mit der „Zone“ und dem Status Quo. Die vorsichtige, jedoch kontinuierliche Annäherung zwischen Bundesrepublik und der „Zone“ – wie die DDR im westdeutschen Sprachgebrauch abfällig genannt wurde – in den siebziger Jahren unter Willy Brandt, kann unter diesem Aspekt auch als eine späte Anerkennung der DDR verstanden werden, wenngleich die besondere Beziehung zwischen beiden deutschen Staaten stets besonders hervorgehoben wurde. Umso überraschter musste die alte Bundesrepublik auf den Umbruch im Osten reagieren, hatte man sich doch in Gedanken schon längst mit einer Teilung Deutschlands abgefunden.

Auf dem Gebiet der DDR artikulierte sich die friedliche Revolution nicht nur in der berühmten Skandierung des eigenen Selbstbestimmungswillen („Wir sind das Volk!“), sondern auch in der Anspielung „Wir sind ein Volk!“ auf die Teilung der deutschen Nation sowie in dem Willen, aus dem im Zerfall begriffenen Staat herauszuwollen. Dabei mag man unterstellen, dass die Ostdeutschen den Westen durchaus als Vorbild sahen.

Wir haben also guten Grund zu der Annahme, dass auf der einen Seite ein konsternierter Westen sich konfrontiert sah mit dem Osten, der dem westlichen System nacheifern wollte. Und wenn nun der Osten so werden wollte wie der Westen, was lag näher als im Laufe des folgenden Jahres die Weichen für einen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik zu stellen?

Das Problem ist aber: Auch wenn die Ostdeutschen unzufrieden mit ihrem herrschenden System waren, lag in dem Beitritt der DDR zu einem für diesen Staat völlig wesensfremden Gesellschafts-, Sozial- und Wirtschaftssystem ein unausweichlicher Automatismus?

Festzuhalten ist in jedem Fall, dass die Deutsche Einheit nach Art. 23 GG als Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland vollzogen wurde, was in letzter Konsequenz bedeutete, dass eben diese Einheit dann vollendet werden würde, wenn die Ostdeutschen praktisch über Nacht (oder zumindest über einen absehbaren Zeitraum hinweg) zu Westdeutschen würden.

Dies hätte aber nicht nur eine völlige Angleichung an das westdeutsche Wirtschafts- und Rechtssystem, sondern auch einen Wandel im Selbstverständnis der Bürger aus der ehemaligen DDR bedeutet.

Der Konstruktionsfehler der Deutschen Einheit – wir möchten es einmal so pointiert ausdrücken – liegt aber nun mal darin, dass es mit dem Beitritt der DDR zu der alten Bundesrepublik faktisch keine Ostdeutschen mehr gab, die hätten zu Westdeutschen werden können. Denn mit dem Beitritt endete die Ära zweier deutscher Staaten einer Nation; entstanden war ein gemeinsamer Staat, in dem die Verfassung eben nicht zwischen West- und Ostdeutschen unterscheidet.

„In Ostdeutschland hat sich nach dem Beitritt zur Bundesrepublik alles geändert. Im Westen aber blieb alles beim alten? Auch das stimmt und ist doch nur die halbe Wahrheit.“[1] Oder anders ausgedrückt: Während die ostdeutsche Gesellschaft nach der Wiedervereinigung einen beispiellosen Strukturwandel in nahezu allen politischen, ökonomischen wie sozialen Feldern durchlebte, glaubte der „übernehmende“ Westen weiterhin an die Unfehlbarkeit seines Systems. Denn schließlich war nach alter Ideologie genau der Fall eingetreten, der früher oder später hätte eintreten müssen: Der (rheinische) Kapitalismus erwies sich scheinbar als das siegreiche System, der Sozialismus hingegen galt mit dem Kollaps des politischen Systems der DDR als besiegt.

Spätestens Mitte der neunziger Jahre jedoch hätte auf politischer Ebene festgestellt werden müssen, dass eine Assimilation von mehr als 16 Millionen Bürgern so leicht nicht ist und auch der „Aufbau Ost“ allein nicht das gewünschte Ergebnis bringen kann.

Stattdessen wurden Wirtschafts- und Strukturförderung im Osten immer häufiger als zu teuer bezeichnet und ein Rückgang der Wirtschaftskraft des Westens in diesem Kontext diskutiert.
Wollten die Ostdeutschen sich nicht in das kapitalistische (Wirtschafts-)System integrieren? Musste man ihnen vielleicht einfach nur noch ein wenig mehr Zeit geben? Oder müssen nicht Veränderungen im kapitalistischen System des Westens verstärkt auch unter global politischen und ökonomischen Aspekten betrachtet werden?

Die nach Art. 23 GG favorisierte Einheit im Sinne eines Beitritts, oder schärfer gesagt: im Sinne der Assimilierung der ostdeutschen Gesellschaft an die westdeutsche, fiel im Bereich der Wirtschaft in eine Zeit gravierender ökonomischer Umbrüche weltweit. Innerhalb Europas sollte ein europäischer Wirtschaftsraum zu einer politischen Union werden, die schon bald auch den Beitritt von zehn osteuropäischen Staaten forcierte. Weltweit wurden nationale Märkte Teil eines globalen Aktionsfeldes, politisch wie ökonomisch.

Und nicht nur das: „Es ist ja noch viel mehr passiert, was dem Land hätte Unruhe bringen können: Führungswechsel in fast allen Parteien, […] nach dem nationalen Pathos der Vereinigungsfeiern die europäische Bereitschaft zur Osterweiterung, der Durchbruch vom industriellen ins digitale Zeitalter.“[2]

Kurz gesagt, es gab tief greifende Veränderungen in allen Bereichen der neuen Bundesrepublik: Bevölkerungszuwachs, weltweite politische und ökonomische Veränderungen, die Notwendigkeit des Umgangs mit zwei Historien und daraus resultierende unterschiedliche Reflexionen der gemeinsamen Gegenwart in der Bundesrepublik. Ist es da zu viel gesagt, von veränderten bzw. neuen Rahmenbedingungen der Bundesrepublik von 1990 zu sprechen?

Im Jahre 2005 steht die Debatte um eine innere deutsche Einheit neben Diskussionen um weit reichende Veränderungen gesellschaftlicher Rahmenbedingungen und Reformen des Sozialstaats. Beide Diskussionen sind gesamtdeutsche Herausforderungen, werden jedoch vor unterschiedlichen Erfahrungshintergründen reflektiert. Für Ostdeutsche ist die Systemdebatte ein seit 1990 kontinuierlich andauernder Prozess eines Systemwandels, für Westdeutsche hingegen die Herausforderung, ein traditionsreiches, aber reformbedürftiges System verändern zu müssen.

Allerdings ist diese Herausforderung für Westdeutsche gar nicht neu. Spätestens seit den Wirtschaftskrisen der siebziger Jahre ist deutlich geworden, dass das deutsche Wirtschaftswunder (welches ohnehin stets auch ein globales Wirtschaftswunder im Gefolge des Zweiten Weltkriegs war) an Dynamik verlor. Und bereits vor der ostdeutschen Wende stand die Zukunft des westdeutschen Sozialsystems vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung längst auf dem Prüfstand. [3] Jedoch erwehrte sich die alte Bundesrepublik schon vor der deutschen Einheit allen Maßnahmen, mit denen man auf die veränderten ökonomischen Rahmenbedingungen hätte reagieren können. Man kann in diesem Kontext von einer breiten Verweigerungshaltung sprechen, deren oberstes Ziel der Ausgleich von allem ist: „Eine Gesellschaft, für die Konstanz und Gleichförmigkeit die höchsten Werte sind...“[4]

Geradezu paradox wirkt in diesem Zusammenhang der deutsch-deutsche Einigungsprozess: Ostdeutschland sollte möglichst schnell auf westdeutsches Niveau gehoben werden, ein Ausgleich sollte geschaffen und die Lebensbedingungen einander angenähert werden. Für den Osten der Republik war und ist dies mit einem fundamentalen Wandel verbunden, der jedoch dieser Ausgleichsgesellschaft zuwiderläuft. Der westdeutschen Ausgleichslethargie steht eine ostdeutsche Transformationsdynamik gegenüber, die zunehmend auch Auswirkungen auf die alten Länder zeigt.

Die damit verbundene Frage lautet: Wieso will der Westen die innerdeutschen Wandlungsprozesse vor dem Hintergrund globaler Veränderungen eigentlich nicht akzeptieren? Sei die alte Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg möglicherweise zu erfolgreich gewesen, denn: „Nur die Deutschen haben eine tiefe Angst davor, mit jeder Veränderung, mit jeder Reform, die diesen Namen verdient, ihre so lange vermisste Stabilität wieder aufgeben zu müssen.“[5] Insofern muss die ostdeutsche Transformationsdynamik auf Westdeutsche nahezu wie ein Verrat an liebgewordenen Traditionen wirken.

Schon anlässlich des zehnjährigen Bestehens der deutschen Einheit wurden weit gehende Überlegungen über eine tatsächliche Einheit getätigt: „Auf die Frage, was eine Nation ausmache, hat seinerzeit Auguste Renan geantwortet: Gemeinsame Erinnerung und der Wille zu einer gemeinsamen Zukunft. Der Maßstab ist brauchbar: Den Willen zur gemeinsamen Zukunft stellt niemand ernsthaft infrage. […] Schlechter ist es da schon um die gemeinsame Erinnerung der Deutschen bestellt.“[6]

Mag ein Wille zur gemeinsamen Zukunft tatsächlich bestehen, so sollten West- wie Ostdeutsche sich einer gemeinsamen Erinnerung gewahr werden. Die deutsche Geschichte vor 1990 besteht eben nicht nur aus dem westdeutschen Wirtschaftswunder, sondern auch aus vierzig Jahren SED-Herrschaft. Diese Vergangenheit einseitig zu diffamieren befördert eine gemeinsame Erinnerung ebenso wenig, wie bewusstes Totschweigen oder (N)Ostalgisieren. Daher erscheint es notwendig, dass nicht nur 16 Millionen Bundesbürger ihre spezielle Historie reflektieren, sondern auch, dass die Bundesbürger der alten Republik ihre tradierten Werte im Kontext der neuen Gegebenheiten überdenken.

Die Wiedervereinigung war eben nicht nur der Beitritt von fünf neuen Ländern zu einem alten und scheinbar bewährten politischen und gesellschaftlichen System, sondern bedeutete ebenso eine Veränderung desselben durch den Bevölkerungszuwachs, den Solidarpakt, unterschiedliche biografische und politische Hintergründe, unterschiedliche ökonomische Voraussetzungen und damit verbunden der weitergeführten Unterscheidung in Ost und West.

Oder zugespitzter: Die Wiedervereinigung markiert selbstredend und wegen der parallel verlaufenen globalen Veränderungen den Beginn einer neuen Republik.


III.
Wenn wir also davon ausgehen, dass der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik eine Zäsur in deren Entwicklung bedeutete, die zu einem fundamentalen Wandel im gesellschaftlichen, ökonomischen wie politischen System führte, ist es dann noch zeitgemäß, stets zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen zu differenzieren?

Selbstverständlich ist hier nicht die Rede davon, real existierende (biografische, geografische, ökonomische etc.) Unterschiede in Abrede zu stellen. Jedoch wird ein Rückgriff auf die trennende Geschichte die gesamtdeutsche Krise – sowohl die Ost-West-Problematik als auch die politisch-sozialen Reformnotwendigkeiten – nicht lösen können. Die Forderung, die Ostdeutschen müssten sich quasi zu Westdeutschen assimilieren und wirtschaftlich aufschließen, ist nicht haltbar. Jede gegenteilige Forderung nach einer Anpassung der Westdeutschen an ostdeutsche Besonderheiten würde unter Hinweis auf die DDR-Geschichte abgelehnt werden; jedoch ist das ein sehr begrenzt gedachter Grund. Wenn Dietrich Mühlberg anmerkt, „die hegemonialen Ansprüche der Westdeutschen gegenüber der ostdeutschen Minderheit sind viel besungen, einschließlich der Rolle der Medien, die den Osten Deutschlands unbeirrbar als ‚Sonderzone mit Sonderbewohnern’ propagieren“[7], dann drückt er hier ein Missverhältnis aus, welches dringend überwunden werden sollte.

Es ist ein Irrglaube, wenn man annimmt, die innere Einheit Deutschlands wäre dann vollendet, wenn der Osten wirtschaftlich auf dem gleichen Niveau angelangt sei wie der Westen. (Denn betrachtet man sich die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Nord und Süd, dann hätte selbst in der alten Bundesrepublik eine innere Einheit nicht existieren können.) Gefordert sind neue Ideen und Konzepte. Die innere Einheit Deutschlands wird nur dann erfolgreich abgeschlossen sein, wenn West und Ost sich gegenseitig auf Augenhöhe begegnen können, wenn beide Seiten ihre jeweils eigene Historie reflektieren und einbringen können, wenn sich ein offener Dialog entwickeln kann, um für gemeinsame strukturelle Probleme auch gemeinsam eine Lösung finden zu können.

Das erfordert von den Bürgern im Osten der Republik weiterhin ein starkes Durchhaltevermögen, denn der Strukturwandel dort wird mittelfristig noch andauern. Die Westdeutschen hingegen sollten ihre alte Republik mit einer wohl abgewogenen Distanz betrachten und ernsthaft darüber nachdenken, ob manche Errungenschaft aus vierzig Jahren Wirtschaftsaufschwung und sozialer Marktwirtschaft in der heutigen, veränderten Welt nicht anachronistisch geworden ist. Die Ostdeutschen haben 1989 bereits Tatkraft bewiesen, ein unzeitgemäßes System abzuschaffen. Soweit muss heute niemand gehen, aber ein wenig mehr Mut zur Veränderung täte unserer neuen Republik gut.


Anmerkungen

[1] Roland Czada, Vereinigungskrise und Standortdebatte, in: Leviathan 1/1998, S. 25.
[2] Johannes L. Kuppe, Vom Charme neuer deutscher Gelassenheit, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 39-40/2001, S. 4.
[3] Vgl. Paul Nolte, Generation Reform, Jenseits der blockierten Republik, München 2004, S. 22 ff.
[4] Nolte, ebenda, S. 133.
[5] Nolte, ebenda, S. 136.
[6] Richard Schröder, Zehn Jahre deutsche Einigung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 40/2000, S. 3.
[7] zitiert nach: Michael Strohmann, Historische Einordnung mit Hindernissen, Braunschweiger Zeitung vom 24. September 2005, Seite H3.


Zu den Autoren:

Franziska Heinze
, geboren 1983 in Ueckermünde (DDR), lebt in Leipzig, studiert Lehramt Gymnasium (Französisch/Kunstpädagogik) sowie Erziehungswissenschaft, Allgemeine Sprachwissenschaft und Polonistik an der Universität Leipzig und arbeitet im Bereich politische Bildung.

Sebastian Stoppe, M. A., geboren 1978 in Helmstedt (BRD), lebt in Leipzig, studierte bis 2005 Politikwissenschaft und Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Leipzig und promoviert zur Zeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.