KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2005
Kulturelle Differenzierungen der deutschen Gesellschaft
Dietrich Mühlberg
Die Sozialisten und die Bildung
Vortrag auf der Bildungspolitischen Konferenz der PDS (3.-5. Mai 2005) in Weimar
Als ich einem skeptischen Freunde erzählte, dass ich auf dieser Arbeitstagung etwas Allgemeines über das Verhältnis der Sozialisten zur Bildung sagen solle und wolle, riet er ab. „Seit keine der Parteien mehr weiß, in welche Richtung es geht oder gehen sollte, haben sie zur Ablenkung das Bildungsthema entdeckt. Das soll die Antwort in einer ratlosen Zeit sein? Es gehe stracks in eine Wissensgesellschaft und nun entscheide Bildung über die Zukunft? Und das jetzt auch noch bei der PDS? Musst du dir das antun …“

Ich rechtfertigte mich, dass sei bei Sozialisten noch nie das Problem gewesen, die haben immer gewusst, wohin es geht und gehen sollte (bei der PDS sogar in drei verschiedene Richtungen, sie nennen das ihr „Dreieck“). Dann habe ich auf die fundierten „Leitlinien“ und die eingeladenen Fachleute verwiesen – beides verspräche eine spannende Debatte. Und schließlich führte ich noch mein Berufsinteresse als Kulturwissenschaftler ins Feld.

Denn willst Du wissen, welche Kultur eine Gesellschaft entwickelt und pflegt, dann betrachte ihr Bildungssystem. Hier findest du das Selbstverständnis einer Gesellschaft materialisiert vor: Wie sich die herrschenden Eliten und die gebildeten Schichten vorstellen, was alle wissen und können sollten und was dagegen den Besitzenden vorbehalten ist, wie die Arbeitenden auf ihre soziale Rolle vorzubereiten sind, wie mit der natürlichen Verschiedenheit der Menschen umgegangen wird, was vom Körper, was vom Geiste verlangt wird, welche Idealbilder vom Menschen in Umlauf sind, wie die inneren Gegensätze und Spannungen verarbeitet werden sollen usw. usw. Wo Du auch ansetzt – beim Bildungskanon, bei der Lehrerausbildung, bei den Finanzierungsmodi oder beim Slogan vom „lebenslangen Lernen“ – immer stößt Du auf systemimmanente Mechanismen in Gestalt kulturell begründeter Absichten, die das volkserziehende System legitimieren und die es umzusetzen hat. Richtig spannend wird das bei Gesellschaften, die eine innere Opposition haben, die auch die gegebene Praxis der Volksbelehrung kritisiert – egal ob sie gleich alles ändern will oder für einen „gemäßigten Fortschritt in den Schranken des Gesetzes“ (so der Name einer von Jaroslav Hašek gegründeten Partei) eintritt.

Es muss also neugierige Kulturhistoriker provozieren, wenn die notorischen Oppositionellen der kapitalistischen Gesellschaften, wenn Sozialisten aus deutschen Ländern sich ausgerechnet in Weimar, dem Entstehungsort des deutschen Bildungsbegriffs, an diesem Wallfahrtsort des deutschen Bildungsbürgertums – wo anders sonst sollte man Wilhelm Meisters „Pädagogische Provinz“ suchen als in Sachsen-Weimar? – wenn sie sich also ausgerechnet hier versammeln, um über deutsche Bildungspolitik zu streiten.

Und selbstverständlich auch, um sich – Schiller lesend – zu dieser Zentralgestalt deutscher Bildung zu bekennen. Ein sehr deutsches Kulturereignis. Es regt dazu an, in kulturgeschichtlicher Perspektive auf das Verhältnis der Sozialisten zur Bildung zu blicken. Und da wäre schon das positive Verhältnis der Sozialisten zur deutschen Klassik und ihrer Bildungsidee ein herausragendes Thema. Es ist die Vision der freien Bildung und Entfaltung aller subjektiven Anlagen des einzelnen. Solch hohes Ziel mochte ja für alle gelten, gar ein Menschenrecht sein. Und so haben es auch die sozialistisch orientierten Arbeiter und Kleinbürger verstanden, die an den Schillerfeiern von 1859 teilgenommen und Schiller als Künder einer freien Nation gleichberechtigter Deutscher sahen. Tatsächlich markierten diese Schillerfeiern das Ende der politischen Totenstille nach 1848. Schon im Folgejahr entstanden in vielen Orten Arbeiterbildungsvereine, aus denen dann 1863 die erste sozialistische Partei hervorgegangen ist. Als dann vor hundert Jahren die Konservativen aller Orten Schiller zur Zentralgestalt eines nationalistischen Personenkults machten, reklamierte die deutsche Sozialdemokratie einen eigenen Schiller und dabei sollte es dann bleiben. 1955 haben die in der DDR maßgebenden Sozialisten die Schillerehrung zu einem „zentralen Staatsakt“ gemacht, denn das ZK der SED hatte beschlossen, dass Schillers literarisches Werk "alle deutsche Patrioten zum Kampf um die Überwindung der Spaltung und um die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes auf demokratischer Grundlage" begeistere. Kulturminister Johannes R. Becher verkündete hier im Deutschen Nationaltheater "Denn er ist unser: Friedrich Schiller, der Dichter der Freiheit". Und ich hörte – als Student im 2. Semester zur "Schiller-Ehrung der deutschen Jugend" delegiert – die Rede des Sozialdemokraten Grotewohl "Wir sind ein Volk". Dann hat der längst tote, aber frisch gebettete Schiller im November noch einen Geburtstagsfackelzug in burschenschaftlicher Tradition bekommen, dies aber wohl von der national gestimmten örtlichen FDJ.

Immer war das Nationale im Spiel und immer wurde er gefeiert, um ein „Wir“ zu beschwören. Offenbar könnte Schiller auch heute gut angerufen werden, um nationale Verantwortung gegen die beengende deutsche Kleinstaaterei zu stellen – auch in Bildungssachen?

Abgesehen davon, dass sich Ideen wie eine Nation, ein Volk, ein Wir, eine Bildung nicht nur für Sozialsten inzwischen erledigt haben, wäre Schiller auch als geistiger Patron völlig ungeeignet, um Bildung für alle zu fordern. Denn seit Schiller war Bildung – und da war er Realist - gerade das, was die Vielen nicht hatten, nicht haben wollten und nicht haben konnten. Positiv definiert: Bildung war der Kanon des Wissens und der Regeln, nach und mit denen man unter Gebildeten, unter Bildungsbürgern kommunizierte; auch der Bourgeois blieb da außen vor. Obwohl diese Art von tonangebender Bildungsschicht inzwischen verschwunden ist, hat Dietrich Schwanitz jüngst für eine Art Crash-Kurs zusammengestellt, was wir heute wissen und beachten müssen, um unter Gebildeten kommunizieren zu können. Sein Buch „Bildung“ von 1999 war auch im Osten ein Bestseller.

Bei aller Freiheitsbegeisterung grenzten sich Schiller und das Bürgertum auch von den unter ihnen rangierenden Schichten ab. In Deutschland mangels Macht und Geltung vorzüglich durch Bildung. Möglichen Ansprüchen des Pöbels - vor dem auch Schiller graute - suchte die Sozialpädagogik seiner Zeit vorzubeugen und durch moralische Erziehung eine anspruchslose Lebensweise zu befördern. "Man lehre das Kind nur soviel, als ihm für seinen Stand brauchbar ist. Alles was darüber geht, ist von übel."[1]

Als Schiller seine Idee von ästhetischer Erziehung skizzierte, wendete er sich an "feingestimmte Seelen" und "wenige auserlesene Zirkel".[2] August Herrmann Niemeyer, ein wirklich einflussreicher Mann, Direktor der Franckeschen Stiftungen, preußischer Volksbildungsstratege und Vertrauter des Königs, hat Schillers Ideen in die Volksbildungspraxis übertragen, auch er war Realist. Kunstsinn usw. wären ja ganz schön, "dennoch sieht Jeder ein, der nicht von einem philanthropischen Schwindel ergriffen ist, mit welcher Überlegung und Vorsicht man an der Cultur jener arbeiten müsse, denen man doch einmal mit ihrer Ausbildung nicht zugleich eine Lage schaffen oder verbürgen kann, welche mit einer höheren Bildung in dem gehörigen Verhältnis stände."[3] Als Demokrat wie als Sozialist mag man solche Haltung bemäkeln, doch bei näherem Hinsehen muss man zugestehen, dass der Mann die Sachlage richtig gesehen hat und seine Feststellung auch heute noch gilt.

Erziehung sollte sich bei den einfachen Leuten auf einige sittliche Qualitäten beschränken: Reinlichkeit, Ordnungsliebe, Anspruchslosigkeit, Anstand und Höflichkeit. "Was darüber hinausgeht, gleicht geborgten Purpurstreifen, die nicht dahin gehören, oder einem eitlen Putze, hinter welchem sich die Armseligkeit kleinlich verstecken will ... Was soll auch der Pflüger, der Taglöhner, der Hirte, der kleine Handwerker, mit diesem Geschmacke? Solche Cultur könnte nur dienen, ihm seinen Zustand zu verleiden."

Solch klare Worte hat auch Schiller gefunden: „Noch so viele Freunde der Wahrheit mögen zusammenstehen, ihren Mitbürgern auf Kanzeln und Schaubühnen Schule zu halten, der Pöbel hört nie auf, Pöbel zu sein, und wenn Sonne und Mond sich wandeln und Himmel und Erde veralten wie ein Kleid.“ Das schrieb er 1781 in der Vorrede zu den Räubern.

Im Demetrius-Fragment heißt es:
"Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn,
Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen,
Der Staat muß untergehn, früh oder spät,
Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet."

Dieser Mann war weder Demokrat noch Sozialist. Es sei ihm zugute gehalten, dass er eine der erziehungsphilosophischen Grundfragen aufgeworfen hat, ob denn die Kunst – als Ort der Bildung des ganzen Menschen – einen erzieherischen oder moralischen Auftrag erfüllen könne oder ob sie vollständig autonom sein müsse. Und obwohl er für sein dramatisches Werk von Nietzsche der „Moraltrompeter von Säckingen“ gescholten worden ist (Marx und Engels äußerten sich ähnlich), ist er sicher der Begründer einer Autonomieästhetik, die jeden nichtästhetischen Anspruch an die Kunst zurückweist.

Das selbe erziehungsphilosophische Problem bewegte übrigens seinen plebejischen Zeitgenossen Fichte, der wohl in die Ahnenreihe des Sozialismus gleichermaßen gehört wie zu der der dann von Humboldt ausformulierten humanistischen Bildungsidee. Ich erwähne dies, weil einige der Zielformulierungen in den bildungspolitischen Thesen so oder ähnlich bei Fichte zu finden sind. Unter dem Einfluss der Jakobiner entwarf er einen Vernunftstaat, eine Art sozialistischen Staatswesens, das jedem einzelnen das Grundrecht garantiert, von seiner Arbeit auskömmlich leben zu können. Der „geschlossene Handelsstaat“ kann es, weil Planung das wirtschaftliche Chaos ersetzt und der Staat nicht nur die gesamt Produktion organisiert, sondern auch das Sozialprodukt verteilt. Eine vom Staat geplante und gelenkte einheitliche Erziehung der Jugend beendet auch das pädagogische Chaos.

Marx und Engels haben Fichte für seinen „subjektiven Idealismus“ abgekanzelt und seinen sozialen Ordnungsvorschlag kleinbürgerlich genannt. Darum übersehen wir vielleicht, dass hier bei Fichte erstmals die Idee des Sozialstaats mit dem ins Grundsätzliche getriebenen Freiheitsanspruch des Individuums zusammen gedacht worden ist. Jedenfalls sollten wir an diese Linie der deutschen Geistesgeschichte denken, wenn wir gegen das neoliberale Geschwätz polemisieren, staatliche Vorsorge und individuelle Freiheit schlössen einander grundsätzlich aus. Und wir sollten neu bedenken, wer alles zur großen Familie der Sozialisten gehörte oder gehören könnte.

Wer und was ein Sozialist ist, wird selbstverständlich immer aktuell bestimmt - durch stolzes Selbstbekenntnis oder anschwärzende Zuschreibung. Aber hinter beidem steht eine lange Kulturgeschichte die – wer einst Friedrich Engels gelesen hat, wird es noch wissen – mindestens bis zu den griechischen Sophisten, zu Platon, zu den urchristlichen Gemeinden zurückreicht. Denn seitdem soziale Ungleichheit den Menschen für ihr kurzes irdisches Dasein höchst unterschiedliche Lebensweisen zwangsweise zuschreibt, hat es immer wieder Menschen gegeben, die Benachteiligungen, die Armut und Unterdrückung angeprangert haben und die Vorschläge hatten, wie blinder Egoismus der Besitzenden überwunden und die Welt gerechter eingerichtet werden könnte – eben Sozialisten.

Sie hatten von Anfang an zwei Gegenkräfte. In der politischen Ausformung des Gegensatzes im 19. Jahrhundert hießen sie die Liberalen und die Konservativen. Setzten die einen auf vermeintlich sichere Werte und Strukturen (und kritisierten damit auch den gewissenlosen Umgang der Liberalen mit den von ihnen ausgebeuteten Mittellosen), priesen und preisen die Liberalen die Freiheit des einzelnen und seines (wirtschaftlichen) Handelns.

Aber die Liberalen waren es auch, die schon um 1830 die ersten Bildungsvereine für Arbeiter gründeten. In den Vierzigern hatte das dann einen bemerkenswerten Aufschwung. Sie versprachen einer leistungsorientierten Arbeiterelite, ihre berufliche und allgemeine Bildung zu verbessern. Bei Fleiß und Sparsamkeit werde sie das gesellschaftlich und politisch gleichberechtigt machen. Hier schon hatte das Gerede von der Bedeutung des Bildungsfaktors für das wirtschaftliche Geschehen seinen Anfang. Diese bürgerlichen Bildungsbemühungen waren noch weit davon entfernt, selbst zu einem profitablen Geschäft zu werden. Vielmehr überwog die Tendenz, den Staat mit der Zurichtung der Menschen für den wirtschaftlichen Verwertungsprozess zu beauftragen. Das sollte auch so bleiben. Noch als die Wirtschaft 1964 in der Bundesrepublik die „Bildungskatastrophe“ verkünden ließ, war auch klar, wer verantwortlich war und wer zu handeln hatte. Sollte das heute so ganz anders sein?

Allerdings waren die liberalen Arbeiterfreunde Vorreiter, erst mit der Reichsgründung konnte sich im bürgerlichen Denken allgemein durchsetzen, dass etwas für die Bildung der Arbeiter getan werden müsste. Als Dachorganisation entstand die Gesellschaft zur Verbreitung von Volksbildung, die glaubte, durch Teilhabe der Arbeiterschaft an der Volksbildung das revolutionäre Potenzial in der Gesellschaft verringern zu können. Aus diesen volkspädagogischen Anfängen heraus entwickelte sich unter dem Druck von Unten (später auch aus dem Osten) ein ganzes Universum an präventiven Maßnahmen, die schließlich als Sozialstaat einen dauerhaften Kompromiss zwischen den unterschiedlichen Interessengruppen oder Klassen verhießen.

Dies aber nur, weil aus den Gründungen arbeiterfreundlicher Liberaler selbständige sozialistische Organisationen (vor allem der Arbeiter) hervorgegangen waren. Es hatte symbolische Bedeutung, dass einer ihrer Parteigründer, Wilhelm Liebknecht, das Francis Bacon zugeschriebene Wort „Wissen ist Macht“ aufgenommen hat und seinem Festvortrag für den Dresdener Arbeiterbildungsverein 1872 die Überschrift gab „Wissen ist Macht – Macht ist Wissen“. Aus seiner bürgerlichen Karriere als Lehrer kannte er die die frühe bürgerliche Pädagogik und Salzmanns Spruch „Aufklärung ist das Mittel, um allen Ungehorsam für immer unmöglich zu machen“. Auch die Erwartung des preußischen Volksschulreformators Diesterweg war ihm geläufig: „Steigerung der Intelligenz des Volkes durch fortgesetzten Unterricht ist ein wahres Gegengift gegen alle revolutionäre Gesinnung“. Der Sozialist und Lehrer Liebknecht erwartete etwas anderes, allerdings nur von einer anderen Art der Unterrichtung. Sozialkritisches Wissen - gegen das Herrschaftswissen der Mächtigen gestellt – konnte die Ohnmächtigen zu einem Machtfaktor machen. Aber ebenso klar war, dass erst wirklicher politischer Einfluss, dass nur wirkliche Macht die Bildungssituation der Besitzlosen ändern würde.

An dieser Stelle möchte ich an zwei mehr oder weniger bekannte strukturelle Probleme erinnern. Zu den Macht- und Herrschaftsstrukturen von Gesellschaften gehört immer eine Art von „Bildungsmonopol“ der Macht ausübenden Gruppen. Das kann nur mit der Aufhebung dieser Machtstrukturen überhaupt „überwunden“ werden. Der Nestor der ostdeutschen Bildungsgeschichte Robert Alt hat dies für die Geschichte der Klassengesellschaft als „objektive Gesetzmäßigkeit“[4] nachgewiesen, sein großer Kollege im Westen, Heinz-Joachim Heydorn, nannte dies die Dialektik von Bildung und Herrschaft[5]. Mit großer Sympathie habe ich gelesen, wie Ulrich Bauer und Uwe Bittlingmayer an die gesellschaftskritische Tradition der frühen 70er anknüpfen und die heutigen Befunde zu einer Bestandsaufnahme mit Handlungsvorschlag zusammenfasen.

Damit verbunden scheint ein zweites strukturelles Problem auf. Wenn alle Machtmittel bei den besitzenden Klassen und ihren Zuträgern versammelt sind, nützt sozialkritisches Wissen allein wenig. Besitzlose können allein durch ihr abgestimmtes und organisiertes Handeln ein demokratischer Machtfaktor sein. Ihre Vorhaben werden, wie man heute sagt, zum „Projekt“, das Treue zur Gemeinschaft verlangt, und auch Bekenntnis, Dienst an der „Sache“, Unterordnung. Und unter der Hand kann - so die Erfahrung von Sozialisten – ein Hegelsches Theorem wie „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“, zu einer alltagspraktischen Forderung nach Unterordnung werden. Das ist eine Tatsache, an der Sozialisten sich nicht vorbeimogeln können. Und weil im hier vorgelegten bildungspolitischen Konzept viel von Staat und von Gemeinschaft die Rede ist, möchte ich dazu noch etwas sagen.

Jeder Sozialist kennt die Sätze, in denen Marx und Engels die Quintessenz des Parteiprogramms zusammenfassten, das sie 1848 für den Bund der Kommunisten geschrieben haben. Dessen Ziel sei eine Gesellschaft, in der die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller sei.

Wer in der DDR gelebt hat, kennt die ganz selbstverständliche Interpretation dieses Satzes: es ist alles zu tun, damit sich alle frei entwickeln können – diesem hohen Ziel haben sich alle unterzuordnen. Ich will nicht auf die mit der sowjetischen Industrialisierungspolitik verbundenen Arbeitslager und andere Repressionen hinweisen, denn sie werden als ideologische Keule benutzt, um das grundsätzliche Problem gar nicht erst anzugehen, worin denn überindividuelle Interessen bestehen, die ein großes „Wir“ rechtfertigen könnten und wie sie mit den individuellen zu vermitteln sind. Brecht hatte die Nachgeborenen um Nachsicht gebeten: die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit konnten selber nicht freundlich sein.

Die klassisch-humanistische Bildungsphilosophie, die die reflexive Selbstbildung des einzelnen als Ideal propagiert, ist nach 1945 in beiden deutschen Gesellschaften aufgegeben worden. Im Westen lebten sie anfänglich bei dem Rückgriff auf konservative Leitbilder wieder auf und wurden erst mit Eintritt der „Bildungskatastrophe“ auf Druck vor allem der Wirtschaft aufgegeben. Das reformierte, stärker praktisch orientierte und vor allem etwas offenere und durchlässigere Bildungssystem bestätigte für mindestens zwei Generationen die Erwartung der Reformsozialisten: Aufstieg durch Bildung schien offensichtlich möglich zu sein.

Dagegen haben die radikalen 68er die sozialdemokratische Bildungshuberei ebenso abgelehnt wie das uniformierende staatliche Bildungssystem der DDR. Interessanterweise haben sie am klassischen bürgerlichen Bildungsideal die möglichen sozialen und emanzipatorischen Aspekte stark betont und kritisch gegen den Gesellschaftszustand wie gegen die Bildungspraxis gewendet. Doch diese Kritik verlief sich langsam, wie auch die damals durchgesetzten Reformen - Schnee von gestern. Zwanzig Jahre später geboren - so sagt mein skeptischer Freund - wäre ein Typ wie Gerhard Schröder heute auf Hartz IV.

Im Osten hatten sozialistische Bildungsreformer – unter sowjetischer Aufsicht – gleich nach der Befreiung die Chance zur Modernisierung. Die Entmachtung der alten Eliten führte zu einer völlig neuen Situation. Das humanistische Bildungsideal wollte aber – bei allen Bekenntnissen zur Weimarer Klassik – nicht so recht den realen Lebensbedingungen schwer arbeitender Menschen entsprechen und auch nicht, wie man bald sagte, den gesellschaftlichen Erfordernissen. Eine neue dialektische Bildungsphilosophie bildete sich aus, die die gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Bindungen – voran die Arbeit – stärker beachtete, in denen sich das handelnde Individuum dialogisch entwickelt. Dies ist in teils sehr klugen Büchern festgehalten, allerdings oft in einer unglaublich ideologisierten Sprache versteckt.

Trotz dieser theoretischen Betonung des handelnden Subjekts bin ich überzeugt, dass eine der Ursachen für das Misslingen des „sozialistischen Experiments“ ein geistiger Defekt war, der auch das Bildungssystem geprägt hat. Tief im Innern der herrschenden Ideologie hauste die Überzeugung, die kollektivistische Unterordnung des Individuums unter die Macht des Staates sei unbedingt durchzusetzen. Es war also gerade das die innere Überzeugung, was von den konservativen wie liberalen Gegnern als Vorwurf erhoben wurde und wird und was andere Sozialisten nach einem „Dritten Weg“ suchen ließ.

Ich muss hier nicht aufzählen, welche schädlichen Folgen das für das politische Leben, für die Wissenschaften, für die Künste und vor allem für das Verhältnis der Menschen zu „ihrem Staat“ hatte. Ich erinnere nur daran, wie viel Kraft die SED aufbrachte und verbrauchte, um immer wieder neue Bekenntnis- und Ergebenheitsrituale zu erfinden! Das „Ich“ ein kleinbürgerlicher Überrest, der zu überwinden ist – vom Ich zum Wir.

Nun wissen wir, dass gerade solche Einengungen und Rituale widerständiges und schöpferisches Handeln auf bemerkenswerte Weise anregen können,
wir wissen, dass die aufbegehrenden jungen Leute sich wohlwollender Anteilnahme wie Förderung durch viele Lehrerinnen und Lehrer sicher sein konnten
wir wissen, dass die meisten Ostdeutschen Kontrolle und Repression durch die diversen Kollektive ganz selten erinnern und dagegen Verlusterfahrungen dominieren – usw. Mir sind so gut wie alle Argumente bekannt, mit denen der Anti-Individualismus des DDR-Sozialismus bestritten, relativiert oder entschuldigt werden kann - dennoch:

der „heilige“ Satz von der freien Entwicklung eines jeden einzelnen ist – aus welchen Gründen auch immer - in Ideologie und Praxis in sein Gegenteil verkehrt worden. Das sollte laut gesagt werden, gerade weil „die“ Sozialisten in diesem Punkte in der Defensive sind.

Rechte Neoliberale nehmen den Individualismus für sich in Anspruch, die durch ihre Wirtschaftspolitik die Handlungsfreiheit und Lebenschancen großer Bevölkerungsgruppen einschränken. Die „Ich-AG“ preisen sie als Form klassischer Selbstverwirklichung und wollen den Wohlfahrtsstaat auf das Niveau der Armenpflege drücken. Sozialisten verteidigen ihn, weil seine Leistungen die Selbständigkeit und Würde aller Gesellschaftsmitglieder sichern sollen. Er ist auch Voraussetzung jeder Bildungsreform.

Vielleicht muss „sozialistischer Individualismus“ für unsere Zeit neu definiert werden? Sicher nicht im idealistischen Überschwang des klassischen Selbstverwirklichungsideals und sicher auch gegründet auf die geschichtliche Erfahrung, dass Gewinne an individueller Freiheit immer das Ergebnis kollektiver Aktionen waren, Resultat gemeinsamer Kämpfe Gleichgesinnter.

Aber vielleicht ist ja die Quintessenz des Kommunistischen Manifests für Sozialisten gar kein heiliges Gebot mehr, vielleicht war es nur der historische Versuch, das Menschenbild der klassischen Humanisten mit der radikalen Analyse und Kritik der kapitalistischen Gesellschaft zu verbinden. Vielleicht nur ein Nachklang jener großartigen Utopie von Fourier, der die soziale Welt – wenigsten in seinen Phalanxen - so einrichten wollte, dass alle sozialen Rollen und Aufgaben, die notwendig zu vergeben sind, den Bedürfnissen und Neigungen der nach Anlagen, Alter und Geschlecht so unterschiedlichen Menschen entgegen kommen?

Für seine „Neue Liebeswelt“ hat er bekanntlich genaue Pläne gehabt, viele sehr detailliert. Das was wir heute als Kanalisation kennen, war den achtjährigen Knaben auf Zeit zugewiesen, die nach seinen Beobachtungen eh am liebsten im Modder spielten. Er wollte keinen neuen Menschen erziehen oder bilden, sondern sie sollten ihre Neigungen auf eine Weise ausleben können, dass sie für die Gemeinschaft als Tugenden sich erweisen. Bei bestimmten Knaben wäre das eben die „Neigung zu Schmutz, Stolz, Frechheit und Ungehorsam“[6], aus der die Gemeinschaft ihren Nutzen ziehe.

Zum Glück legt sich diese bestimmte Neigung zu Schmutz mit den Jahren, was uns aber eingeboren bleibe, das wäre der Schmetterlingstrieb, der Drang zum Wechsel der Beziehungen und Tätigkeiten. Und so hatte er die Idee, nicht nur die Beziehungen der Geschlechter und Generationen von den triebfeindlichen Zwängen zu befreien, sondern auch die Arbeit. Allen bekannt ist Schillers Klage über die Folgen der Arbeitsteilung: „Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus; ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft.“[7]

Fourier sah das ähnlich, doch nicht der verfehlten Idee vom ganzen Menschen galt sein Interesse, sondern den widerstrebenden Neigungen der Betroffenen. Der Schmetterlingstrieb in uns, das unstillbare Bedürfnis nach Abwechslung, lasse es nicht zu, Tag um Tag nur einer Profession zu dienen – schon gar nicht lebenslang. Seine Abhilfe war die großartige Idee vom Wechsel der Arbeit. Die fand der Sozialist Marx schon ganz richtig, doch Fouriers Vorstellung, Arbeit könne zum Spiel werden und auch die von ihm entsprechend ausgearbeiteten Tages- und Wochenplänen nannte er grisettenhaft naiv. Aber da war Fourier schon 20 Jahre tot und inzwischen sichtbar, dass der schnelle technologische Fortschritt ohnehin alle früher festen „Berufe“ auflöste und immer neue Anforderungen von den Arbeitenden zu bewältigen wären, sie zum Wechsel zwangen.

Die wohl wichtigste Neuerung, die die Sozialisten in die Bildungstheorie des 19. und 20. Jahrhunderts eingebracht haben, ist die Einbindung der Arbeit in das Bildungsprogramm. Der Kernsatz aus den „Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats der I. Internationale“, den Marx 1866 schrieb, steht für die Fassung dieser Idee vor 140 Jahren: „Die Verbindung von bezahlter produktiver Arbeit, geistiger Erziehung, körperlicher Übung und polytechnischer Ausbildung wird die Arbeiterklasse weit über das Niveau der Aristokratie und Bourgeoisie erheben.“[8] Es wäre schon interessant, das Schicksal dieser sozialistischen Grundideen durch die Geschichte zu verfolgen, sich erneut den Bildungsausschuss der „alten“ Sozialdemokratie anzuschauen, die Bildungspolitik im „Roten Wien“ und die der „Entschiedenen Schulreformer“, das sozialistische Bildungskonzept in der DDR wie die Wirksamkeit der Sozialisten bei den Bildungsreformen im Westen und auch die 68er Radikalkritik an der bürgerlich-autoritären Erziehung darauf zu prüfen, wie weit heutige Problemkonstellationen damit verwandt sind und was sich als völlig anders erweist.

Mir erscheint das auch als dringlich, weil die neue Situation, die mit der Krise des Sozialismus in Osteuropa begann und mit dem folgenden Zusammenbruch der sozialistischen Systeme offen ausbrach, eine Neuorientierung auch in den Traditionen verlangt, auf die sich Sozialisten heute berufen können. Aktuelle Debatten zeigen, dass die deutsche Teilung auch bei den Linken zu recht unterschiedlichen Vorstellungen von einem ideal eingerichteten Bildungssystem geführt hat.

Wenn zu Recht gefordert wird, die Erfahrungen des Bildungswesens der DDR endlich ohne Tabus zu sehen und daraus zu lernen, dann dürfte der Hinweis auf das so gelobte finnische Schulsystem nicht genügen, das eben auch ostdeutsche Erfahrungen nutzte. In diesem Felde sollten die 40 Jahre DDR mit weitem Blick als Moment der Geschichte des Sozialismus (als Idee und Bewegung) in Deutschland und in Europa gesehen werden. Und dabei müssten vor allem die Anstrengungen, Erfolge und Niederlagen der westdeutschen Sozialisten aller Strömungen und Bekenntnisse beachtet werden. Nur in solch „weiter“ Perspektive werden die linken Sozialisten aus Ost und West besser zueinander finden.

Das Wort „Sozialismus“ kam erst 1832 in Umlauf, die Ideen und Bewegungen, die es seitdem zusammenfassend bezeichnet, sind seit über zweihundert Jahren eine der großen kulturellen Kräfte nicht nur der europäischen Gesellschaften. Sie reklamieren - als Gegenkraft zur zerstörerischen Verwertungstrategie der Herrschenden - das Verlangen der Vielen auf ein würdevolles Leben nach ihrer Fasson. Dieser Anspruch und diese Einbindung sollten nicht vergessen werden, wenn heute und morgen spezieller Sachverstand mobilisiert wird, um die aktuellen Nöte und Chancen hier im Lande zu diskutieren.

Und wenn es um sog. „Chancengleichheit“ geht, wenn notwendiger Pragmatismus gefordert wird und wenn auf Bürgernähe gedrungen wird: immer mal an den vielleicht etwas altmodisch klingenden Wilhelm Liebknecht denken: „Durch Bildung zur Freiheit, das ist die falsche Losung der falschen Freunde. Wir antworten: durch Freiheit zur Bildung!“


Anmerkungen
1 Friedrich von Cölln, Beiträge zur Beförderung der Volksbildung, Lemgo 1800, S. 73.
2 Friedrich Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen; in: ders., Über Kunst und Wirklichkeit, Leipzig 1959, S. 393.)
3 Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts für Eltern, Hauslehrer und Schulmänner, Bd. 1, Halle 1824, S. 581 f. S. 579 f.)
4 Robert Alt, Das Bildungsmonopol, Berlin 1978.
5 Heinz-Joachim Heydorn, Über den Widerspruch von Bildung und Herrschaft, 1970
6 Charles Fourier, Aus der neuen Liebeswelt, Berlin 1977, S. 200f.
7 Schiller, Briefe zur ästhetischen Erziehung, a. a. O., S. 286.
8 Marx/Engels Werke, Band 16, S. 195.