KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2003
Kulturelle Differenzierungen der deutschen Gesellschaft
Dietrich Mühlberg
Eine Diskussion über "die Kultur der Deutschen" - Zur Einleitung der Tagung
Diese kulturwissenschaftliche Arbeitstagung schließt eine Vortragsreihe ab, die der Arbeitskreis Wissenschaft der KulturInitiative'89 über zwei Jahre hin betrieben hat. Einleitend sollen einige der Erfahrungen mitgeteilt werden, die die Veranstalter dabei gemacht haben. Da etliche der treuen Mitwirkenden anwesend sind, wird mein Versuch eines Resümees sicher korrigiert und ergänzt werden.


1. Kurze Erläuterung der Absichten

Der Titel unserer Tagung - "Kulturen der deutschen Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts" - mutet vielleicht altmodisch und zugleich leicht größenwahnsinnig an. Für marxistisch-antiquiert könnte diese Überschrift gehalten werden, weil sie Kultur offensichtlich als eine Art Zubehör und Ergebnis von Gesellschaft versteht und nicht, der Mode folgend, Kultur als den wissenschaftlichen Leitbegriff in die Mitte rückt, weil erst über diese Zentralkategorie alles andere erschließbar wird. Tatsächlich ist es etwas schlicht, "Gesellschaft" als den grundsätzlichen Strukturzusammenhang all derer zu verstehen, die heute in den Grenzen der Bundesrepublik Deutschland leben. Denn selbstverständlich ist diese Bezugseinheit in sich gegliedert - nach Teilgesellschaften, Makrogruppen, Milieus, nach Geschlechtern und Generationen, nach Ethnien, Regionen und Landschaften. Dennoch: es gibt sie, die deutsche Gesellschaft und der kulturwissenschaftliche Blick aufs Detail berücksichtigt das.

Zugleich ist der Titel unseres Unternehmens unangemessen anspruchsvoll, denn auf einer kleinen Arbeitstagung kann ja kein Jahrhundertpanorama vom Zusammenspiel der vielfältigen Kulturen präsentiert werden, die von all jenen Menschen gelebt und hervorgebracht werden, die heute in die deutsche Gesellschaft strukturell eingebunden sind. Es sollte damit allein die Überzeugung ausgedrückt werden, dass "die Kultur" der "deutschen Gesellschaft" - beide haben sich als sinnvolle Begriffe erwiesen - nur als Summe und Wechselspiel verschiedener Kulturen verstanden werden kann. Gesagt werden sollte auch, daß dieser kulturelle Zustand der Deutschen im nun begonnenen Jahrhundert wohl anders organisiert sein dürfte, als er es in der zurückliegenden Epoche gewesen ist. Allem Anschein nach verfügen wir jedoch über kein Modell für dieses Wechselspiel und keinen überzeugenden Vorschlag, worin denn "die Summe" oder "das Ganze" bestehen könnte. Den so stark belasteten Begriff der Nation möchten viele dafür nicht auf neue Weise mobilisieren, selbst vor dem Wort "deutsch" zucken wir eher zurück und so behelfen wir uns mit der politischen Vokabel vom "Bund", um einen Geltungsbereich abzustecken. Statt deutsch und national sagen wir lieber "bundesweit" und enthalten uns damit jeder anderen Festlegung als der topografischen. Was "bundesweite Kultur" sein könnte, mögen Kulturwissenschaftler nicht auf einen zusammenfassenden Begriff bringen. Sie blättern lieber in den Unterverzeichnissen und verbleiben - so sie das überhaupt für sinnvoll halten - in der Phase beobachtender Bestandsaufnahme.

Dennoch: worin denn das für die deutsche Gesellschaft spezifische Resultat der Wechselwirkungen ihrer inneren kultureller Kräfte bestehen könnte, scheint eine der dauerhaften Streitfragen zu sein, die uns seit der vor einem Jahrzehnt eingetretenen neuen Weltlage und nach dem Anschluß der DDR an die Bundesrepublik beschäftigt haben: was stellt dieses "Deutschland" in Europa und in der Welt kulturell dar, was ist es für die verschiedenen Gruppen seiner Bürger und für jeden einzelnen, der hier lebt?


2. Drei Jahre Debatten über deutsche Kulturen

Diese Nachfrage wach zu halten und bei der Betrachtung vieler einzelner Felder zu erwägen, war die Absicht einer Reihe von kulturwissenschaftlicher Debatten, die seit dem Herbst 1999 läuft. Ihren Anlass und ihr Motiv hatte dieses nun dreijährige Projekt in einer keineswegs lokalen Misere. Seit Anfang der 90er Jahre war die KulturInitiative '89 (eine Vereinigung vornehmlich von Kulturwissenschaftlern, Kulturpolitikern und Kulturarbeitern) unermüdlich dabei, kulturpolitische Debatten anzuzetteln. Schließlich füllte sie - neben den "Ostdeutschen Kulturtagen" - mehrmals im Jahr den Saal der Stadtbibliothek. Aber dann ließ nach Mitte der 90er das Interesse daran merklich nach. Die glanzlose berlinische Stadtpolitik hatte sich mit dem gegebenen Zustand abgefunden und der Streit um kulturpolitische Konzepte lief wegen schrumpfender Handlungsspielräume immer offensichtlicher ins Leere und wurde so unergiebig, wie er es bis heute ist. Inzwischen zwingt die Haushaltslage alle dazu, sich auf Abwehrstrategien zu konzentrieren. Gleichzeitig blockiert die gesellschaftspolitische Dauerkontroverse "Neoliberalismus versus Sozialstaatskonservatismus" allenthalben konstruktives Denken - ein zukunftsfähiges Gesellschaftsbild steht hinter keiner der Positionen und wird auch anderswo nicht sichtbar. Vielleicht eine falsche Erwartung? Könnte der mitunter schwer zu entschlüsselnde "Verbalakrobat" Sloterdijk den Punkt getroffen haben, als er sich zu der einfachen und klaren Aussage entschloß, es gäbe jenseits des Gegebenen gar keine anderen Möglichkeiten? "Man ist endgültig aus dem Zeitalter der großen Alternativillusionen herausgetreten und muß sie durch ein kühles Sachfragenbewußtsein ersetzen ..."[1]

Das wußten wir vor fünf Jahren noch nicht so genau und die Reaktion unseres Kulturvereins auf die einsetzende kulturpolitische Starre bestand in dem Versuch, in kleiner Runde und für sich eine Verständigung über den kulturellen Zustand der deutschen Gesellschaft in Gang zu halten. Damit ging die Federführung vom Arbeitskreis Kulturpolitik an den Arbeitskreis Wissenschaft. Der sollte kein akademisches Oberseminar organisieren, sondern kluge und teils auch prominente Leute aus verschiedenen Disziplinen und Szenen einladen und sich dabei bemühen, auch mögliche politische Implikationen der einschlägigen Befunde sichtbar werden zu lassen und Politik, soweit sie uns denn wahrnahm, auch anzuregen.

Das Spektrum der Themen war breit. Unter anderem diskutierten wir Modelle deutscher Kulturgeschichte nach 1945 und die Perspektiven von Kulturwissenschaft, beschäftigten uns mit politisch-kultureller Hegemonie in Ostdeutschland und fragten, inwiefern kulturelle Vielfalt eine Ressource sein könnte. Wir verglichen Soziokultur in West und Ost, beleuchteten die Schwierigkeiten der Ostdeutschen mit ihrer Geschichte und fragten nach den Kulturen in Ostdeutschland. In verschiedenen Anläufen wurde Europa kulturell definiert. Wir griffen die Frage in Bausingers Buchtitel - "Wie deutsch sind die Deutschen?" - auf und bestimmten das Lokale als eine totale Erfahrung. Perspektiven des Kulturföderalismus beschäftigten uns ebenso, wie die Frage, inwiefern die Systemwechselprozesse in Ostdeutschland und Osteuropa vergleichbar sind. Verglichen wurden alltagskulturelle Phänomene in Deutschland und den USA, die wissenschaftlichen Eliten Ost und West wie die Reaktionen auf Huntingtons Buch. Wolfgang Engler erläuterte seine Thesen zur Auflösung der arbeiterlichen Gesellschaft im Osten, Detlef Pollack die deutschen Konfessionsgrenzen und Wolfgang Ruppert die Dauerhaftigkeit des Künstlerhabitus. Fast alle Beiträge (und meist noch mehr zum Thema) waren auf unserer Homepage nachzulesen, die wir inzwischen in ein Online-Journal verwandelt haben, das Sie von der nächsten Woche an unter der Adresse www.kulturation.de finden können. Die Beiträge dieser Tagung werden dort nachzulesen sein.


3. Ein Westen als Maßstab?

Den Auftakt unserer Debatten im November vor drei Jahren bildete eine heftige Kontroverse (zwischen zwei ausgewiesenen Kennern der ostdeutschen Spezies), die uns dazu anregte, unsere Vorstellungen "vom Westen" zu überprüfen. Wolfgang Engler hatte mit seinen Thesen „Deutschland vor der Wahl: die Vereinigten Staaten oder Europa?“ eine Alternative aufgemacht. Die Deutschen stünden - wie alle Europäer - vor der Entscheidung, sich kulturell den USA anzuschließen oder sich zum positiven Kern europäischer Zivilisation zu bekennen. Die tendiere, im Alltagsleben tief verwurzelt, zu einer Verantwortungs- und Pflichtgesellschaft mit sozial ausgleichenden Institutionen, wohinter allemal die Utopie materieller Gleichheit aufscheine. Darum könne es auch nicht verwundern, daß - bei allen Unterschieden - der kulturelle Kanon der Ost- und Westdeutschen sich als grundsätzlich gleich erweise. Dies werde aber erst jetzt, in der aktuellen Konfrontation mit dem US?amerikanischen Gesellschaftsmodell bewußt.

Als er dann noch die meisten der in Europa bestimmenden Politiker als Statthalter des Neoliberalismus in der eigenen Gesellschaft identifizierte, mußte Albrecht Göschel grundsätzlich dagegen halten. Von Ostdeutschen werde mit solchen Vorstellungen das Ergebnis der Westbindung der alten Bundesrepublik in Frage gestellt und ein vormoderner etatistischer Paternalismus als Ideal für einen Kampf gegen die angelsächsische Demokratie beschworen. Dies sei nicht hinzunehmen, es könne aber erklärt werden, was solche Ahnungslosigkeit und zugleich gefährliche Demokratiefeindschaft bei Ostdeutschen verursacht habe. Ausgebliebener Wertewandel habe sie beim Typus des missionierenden Gemeinschaftsmenschen verharren lassen, unfähig zu distinktivem Selbstverständnis, das das Andersein nicht nur toleriere, sondern als unerläßliches Agens der Selbstbestimmung brauche. Fliehe der eine darum den Gemeinschaftsmief pflichtbewußter Kollektivmenschen, wolle der konfliktscheue Ostmensch nach wie vor mit seiner Pflichtethik gemeinschaftlich die Welt irgendwie in Ordnung bringen. Das führe ihn in eine Frontstellung gegen den Liberalismus, den er als Angriff auf vermeintliche Sicherheiten missverstehe. Wer dabei war erinnert sich sicher, welche Bewegung im Saal war und es so gut wie jeden der Anwesenden drängte, dazu seinen Kommentar abzugeben.

Offenbar wurde schon vor drei Jahren gespürt, was uns bald immer intensiver beschäftigen sollte: ob Ostdeutschland denn eine Chance habe, "dem Westen" kulturell anzugehören und welcher Westen denn da gemeint ist. Sollte "Westen" der gesuchte kulturelle Oberbegriff sein - das einigende Band eines gesellschaftlichen und kulturellen Großzusammenhangs, der uns vom "Osten" abgrenzt und verhindert, wieder in die alte Position der Mitte zu geraten? Während Göschel jenen Westen meinte, in den die Westdeutschen - aus dem alten Deutschland der Mitte kommend - unter Mühen übergetreten sind, hatte Engler da zweierlei Westen ausgemacht und die Verwandtschaft der Ostdeutschen mit dem "alten Westen" herausgekehrt. Inzwischen kommt der ganze europäische Osten in den Westen, was den den schon zitierten Peter Sloterdijk unlängst) dazu veranlaßt hat , zwischen einem ersten, zweiten und dritten Westen zu unterscheiden. Er nun sieht den "alten", quasi unmodernen Westen in den USA, und (eben noch Realismus anmahnend), äußerte er sich nun programmatisch: Auf unserem Kontinent müsse die "Absage an die Menschenverachtung, die allen Imperialismen innewohnt, politische Gestalt annehmen". Die Unterscheidung vom "ersten Westen" jenseits des Atlantik sei nicht antiamerikanisch, sondern kennzeichne nur eine von Europa geschichtlich erworbene heilsame Furcht vor sich selbst, einen neuen europäischen Typ von Westlichkeit". Ähnlich wie in unserer von zwei Monaten angelaufenen neuen Vortragsserie, die die kulturellen Beziehungen in Ostmitteleuropa thematisiert - sieht er einen "dritten Westen" in jenen Ländern Ost- und Südeuropas, "die nach unserem Vorbild das Zugleich von politischer Demokratie, kapitalistischer Wirtschaftsweise und konsumistischer Lebensform versuchen".[2]


4. Deutsche Ost-West-Spannungen

Die hier angedeutete Anfangskontroverse zeigte uns gleich fast alle Dimensionen des "innerdeutschen" Kultur-Problems, dessen Spannungsbogen von der zwiespältigen atlantischen Wertegemeinschaft bis zur vormodernen Mentalität des ahnungslosen Ostdeutschen reicht. Das Bewusstsein dieser Weite bestimmte den Horizont fast aller folgenden Debatten, immer wieder ist wenigstens versucht worden, die Beziehungen zwischen den beobachteten mikrokulturellen Zuständen und Abläufen einerseits und den verschiedenen Schichten kultureller Makroprozessen und Großstrukturen aufzuweisen, an denen sie möglicherweise ihr Maß finden.

Selbstverständlich kann eine Vortragsreihe mit immer wieder neu ansetzender Debatte das Thema nicht schlüssig behandeln, sondern bestenfalls das Problembewusstsein schärfen oder wenigstens Erstaunen hervorrufen. Man denke nur an den Tumult, den der Kultursoziologe Jürgen Gerhards mit seinem Dreiervergleich (zwischen USA, West- und Ostdeutschland) auslöste, der die unterschiedlichen Lebensziele und familiären Wertvorstellungen gegenüberstellte, wie sie Mitte der 90er Jahre in weltweiten soziologischen Untersuchungen ermittelt worden sind. Da erwiesen sich die Ostdeutschen in Erziehungsstil und Sexualverständnis als die Liberalsten, teilten aber - obwohl mehrheitlich atheistisch - mit den religös-autoritären US-Amerikanern ein irrationales Arbeitsethos. Als diese hohe Bewertung der Arbeit durch einen kleinen Präsentationsfehler des Soziologen für einen Moment fälschlich der westdeutschen Population zugeschrieben wurde, protestierten die anwesenden Ostdeutschen nicht nur, sondern erklärten die Ergebnisse der zugrundliegenden UNESCO-Studien schnell zur Fälschung und verdächtigten den vortragenden westdeutschen(!) Kultursoziologen sogar einer gewissen Mittäterschaft.

Diese Episode ist aus drei Gründen erwähnenswert. Zunächst zeigt sie - wie andere Ost-West-Mißverständnisse auch - wie anregend das Zusammentreffen zweier deutscher Kulturen sein kann. Jürgen Gerhards war jedenfalls erstaunt und erfreut zugleich, über den heftigen interpretatorischen Streit, den seine Zahlenkolonnen in der deutsch-deutschen Debatte auszulösen vermochten.

Detlef Pollack hat jüngst in seinem Essay über die Vorteile ostdeutscher Fremdheit gegenüber der westdeutschen Realität und Kultur geschriebenund dabei Alfred Schütz bemüht: "Lange bevor sich der Einheimische durch die Symptome sozialer Veränderungsprozesse irritiert fühle, spüre der Fremde das Knistern des sozialen Wandels und registriere er 'mit schmerzlicher Klarsichtigkeit' das Heraufkommen einer Krise, die die Gültigkeit des Gewohnten bedroht." [3] Allerdings widmet sich Detlef Pollack nicht dieser Klarsicht, sondern fragt nach den vielfältigen Ursachen dafür, warum dann von Ostdeutschland kaum geistige Impulse für Gesamtdeutschland ausgehen. Vielleicht wird uns dieses Ost-West-Problem bewegen, wenn wir heute und morgen über Berlin reden, das ja als einmaliges Ballungszentrum ganz unterschiedlicher "Fremder mit der Anlage zur Klarsicht" gelten kann.

Doch noch einmal zurück zum einhelligen Protest der Ostdeutschen gegen die Unterstellung, ausgerechnet sie würden die Freizeit höher als die Arbeit schätzen. Dies scheint mir gegen Wolfgang Englers These zu sprechen, sie wären jene Avantgardisten, denen ein Leben ohne Arbeit eher möglich sei, als denen im ersten und zweiten Westen. Aber vielleicht gilt mein Einwand nur für den innerdeutschen Kulturvergleich und es sähe schon anders aus, wenn diese spezielle kulturelle Verwandtschaft von Ostdeutschen und US-Amerikanern näher untersucht würde. Übrigens auch eine Lehre unserer unvermeidlich immer wieder aufflackernden Ost-West-Debatten: der Ost-West-Vergleich ist - wie Karl Schlögel auf den ganzen "dritten Westen" verallgemeinernd ausdehnt - eine "defiziente Form der Erkenntnis". Und dies, weil er dem "dritten Westen" keine originäre Entwicklung zugesteht, weil er unvermeidlich den ersten und zweiten Westen zur Norm macht. Hinzuzufügen bliebe: wie es auch die paradigmatischen Begriffe "Transformation" und "Übergangsgesellschaft" tun. [4]

Dies sollte sich als entscheidender Punkt erweisen. Auch an diesem kleinen interpretatorischen Streit wurde nicht nur sichtbar, auf welch verschiedenen Ebenen und Schichten sich kulturelle Differenzen, Unterschiede, Analogien, Ähnlichkeiten und Konkordanzen ausmachen lassen, sondern auch, daß die "westlichen" Großtheorien darüber hinweggehen und das soziologisch-gesellschaftstheoretische Paradigma, das da Individualisierung und Globalisierung als die zwei zusammenhängenden Entwicklungsmodi aller modernen Gesellschaften sieht, kaum allein dazu geeignet wäre, das Wechselspiel von Kultur und Gesellschaft aufzuklären. Daran orientierte kulturwissenschaftliche Konzepte verfallen schnell der Tendenz, die Makroprozesse als eine Art allgemeinen Rahmen sachlich auszublenden oder eher noch als eine äußerliche Gefährdung zu verstehen. In dieser Perspektive erscheint die Globalisierung als Ursache für ein Gegeneinander der Kulturkreise, lässt neue gefährlich militärische Allianzen entstehen und dereguliert die wirtschaftlichen Prozesse mit partiell oder weltweit katastrophalen Folgen. Bekanntlich wird das augenscheinlich außer Kontrolle geratende Gesellschaftsganze inzwischen als Risikogesellschaft interpretiert, weil aus dem kollektivistischen sozialen Handlungsantrieb der materiellen Not, der Gerechtigkeit einfordert, die lähmende Angst aller geworden sei, die vor den Gefahren gleich sind.


5. Der Hang zum Kleinteiligen: Region und Raum

Wer kulturwissenschaftlich auf dieser Abstraktionsebene noch mitreden will, muß ein starkes ethisches Sendungsbewußtsein haben und sich entschließen, auf die eigentlichen Freuden phänomenologischen Entdeckens, sinnlichen Forschens, auf die Überraschungen des kulturellen Alltags zu verzichten. Die Neigung dazu ist weder bei den empirisch Forschenden noch bei den Kulturhistorikern sonderlich groß und so konzentriert sich deren Aufmerksamkeit meist auf die leichter zu fassenden mikrokulturellen Phänomene der "zweiten Moderne". Auch wir konnten diesem Trend nicht widerstehen und haben uns mit der thematischen Einschränkung der Tagung auf Stadt und Region der Mode angeschlossen, den Raum kulturwissenschaftlich neu zu entdecken.

Auch diese Hinwendung zum Raum scheinen wir der neuen deutschen Situation zu verdanken. Denn während in den USA und in Frankreich die Beschäftigung mit den Räumen der Gesellschaft schon länger Konjunktur hatte und sich dort eine neue soziale Geographie ausbildete, die bald auch die Cultural Studies beeinflußte, werden bei uns die räumlichen Kategorien erst langsam wieder gesellschaftsfähig.

Aus bekannten Gründen war "deutsche Geographie" nach 1945 "echt verboten", die Erdkunde beschäftigte sich besser mit physikalischen als mit politisch-sozialen Phänomenen. Denn der Geographieprofessor Albrecht Haushofer hatte seinem Privatschüler Adolf Hitler den Zusammenhang von Volk und Raum zu eindringlich erklärt. Die Zurückhaltung gegenüber der Geographie änderte sich in Westdeutschland erst unter dem Einfluß der in den USA auflebenden Strömung der "kritischen Geographen". Im Osten war das kein solches Problem, hier wurde selbst die Geographie von der Partei zu einer marxistischen Orientierung gezwungen. Als Philosophiestudent habe ich Mitte der 50er ein Semester mit Kritik der Geopolitik und der Widerlegung von Ratzel, Haushofer und Konsorten verbracht. Damals erfuhr ich auch, daß es Karl Marx wohl von Heinrich Heine wußte, daß Räume sozial konstruiert werden. Später war die "kulturelle Topographie" der DDR ein Dauerthema und es wurde als sinnvoll angesehen, Kulturwissenschaft zusammen mit dem Fach Geographie zu studieren. Dies auch, weil wir in den 70ern die raumordnerischen Konzepte der sozialdemokratisch geprägten Regionalplanung im Westen beobachteten, die im Zuge der "Neuen Kulturpolitik" eindrucksvolle Modelle praktisch umzusetzen vermochte. Für die nach historischen Landschaften organisierten Volkskundler der DDR war der heimatliche Raum ohnehin konstitutiv, sie waren selbst bei sich zu Hause zugleich immer "im Felde". Erst nach 1989 haben wir recht begriffen, wie weit "die Raumfrage" eine Machtfrage ist.

Zu einer Art "räumlichen Wende" in vielen Disziplinen kam es, als allenthalben die Globalisierung diskutiert worden ist. Während die Nation, nationalstaatlich als Raum mit bewachten Grenzen definiert - an Gewicht verlor, lebte das um 1989 beinahe endgültig erloschene Interesse an der Region plötzlich wieder auf. Nicht etwa Nationen, sondern die Regionen waren nun die "Knoten im globalen Netzwerk " - "nodes in global network")[5]. Häußermann und Siebel beobachteten die "Kulturalisierung der Regionalpolitik"[6] und identifizierten dabei das "regionale Milieu" als den entscheidenden regionalen Entwicklungsfaktor. Sie definierten es auf eine Weise, die für sozial orientierte Kulturwissenschaft sympathisch und brauchbar ist. Karl Schlögel und andere dagegen beobachten, daß Europa in bestimmten "Korridoren" zusammenwachse, jenseits derer Ödnis drohe. Die Kategorien dieser neuen Geographie klingen alle irgendwie kulturell. So wird unvermeidlich auf Kultur verwiesen, wenn da von Lebensräumen regionaler Gemeinschaften oder von lokalen Akteuren und "Identifikationsräumen" die Rede ist. Ästhetisch konnotierte Wörter, wie Nähe und Ferne, bezeichnen heute soziale Chancen, Peripherie und Zentralität konstituieren jetzt kulturelle Topographien.

Als Karl Schlögel neulich den versammelten Literaturwissenschaftlern des ZfL beinahe zehn Minuten lang aus Berliner Branchenverzeichnissen vorlas, entgegnete er ihrem anschwellenden Unmut: dies ist "eine Übung, um die räumliche Dimension der Geschichtewiederzugewinnen" und nur auf diese Weise könne verstanden werden, welchen Verlust dieser städtische Raum zwischen 1932 und 1947 erlitten habe. Zur Bekräftigung der "räumlichen Wende" erklärte die Direktorin des Hauses (Sigrid Weigel): "Der Raum ist der Freund der Kulturwissenschaft"[7]. Vielleicht gilt auch die Umkehrung und die Kulturwissenschaft erweist sich hier als Freundin des Raums. Jedenfalls wollen wir uns den kulturellen Räumen mit dieser Tagung freundlich zuwenden - allerdings noch ohne einen kulturwissenschaftlichen Raumbegriff voraussetzen zu können.

Im ersten Teil der Tagung wird es um Regionen und Teilkulturen gehen. Einleitend wird auf die Beziehung eingegangen, in der der "Netzknoten" Region zu anderen Raumordnungen, nämlich denen der Nation und ihrer bündischen Ländertopographie steht. Danach werden Aspekte möglicher Regionenbildung - reale Bildungen oder durch Zuschreibung entstandene - behandelt. Der Situation entsprechend werden auch dabei wieder kulturelle Eigenheiten der beiden deutschen "Großregionen" eine Rolle spielen. Der Zweite Teil der Tagung ist dem städtischen Raum und seiner Kultur gewidmet. Hier geht es zunächst um den geschichtlichen Wandel von Stadtkultur auf den heutigen problematischen Zustand hin, der dann spezieller an der deutschen Hauptstadt betrachtet werden soll.


6. "Das Deutsche" bleibt die offene Frage

Wie mein Rückblick vielleicht schon anzudeuten vermochte, ist mit der Beschränkung auf kleinere Räume die Perspektive auf das Große und Ganze nicht völlig ausgeblendet. Doch tritt die Frage deutlich zurück, wie denn "das Deutsche" topographisch zu fassen wäre, was Deutschland heute ist und was es werden könnte. Darauf möchte ich abschließend aber noch kurz zurückkommen. In unserer dreijährigen Debatte haben wir die Erfahrung gemacht, daß die in der jüngsten Geschichte einzig wahrnehmbare und alle Deutschen, wie auch alle Seiten ihrer Kultur erfassende Veränderung durch den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik ausgelöst worden ist. Dieser Anschluß der Ostdeutschen war selbstverständlich Moment einer globalen Veränderung der politischen und wirtschaftlichen Machtstrukturen. Beides zusammen, der äußere und der innere Umbruch, hat das neu konstituierte Deutschland in eine andere Position gebracht. Dadurch erst wurde die schon vergessene oder eher ethnologisch behandelte Frage wieder aufgeworfen, wer wir, die Deutschen, eigentlich sind, wie es um Deutschland bestellt ist und in welche Richtung sich die deutsche Gesellschaft wohl bewegen werde.

Es ist eigentümlich und beunruhigend, wie gering die Neigung ist, sich dem zu stellen. Nur am rechten Rande regt es sich, stumpfsinnig bis intellektuell-zündelnd. Auch von hier aus, in Sichtweite des Reichstagsgebäudes, kann ich keinen Ort erkennen, an dem das grundsätzlich verhandelt würde. Spielen da nennenswerte gesellschaftliche Kräfte mit verdeckten Karten und verschweigen ihre strategischen Optionen klug? Auch an den Reaktionen auf die folgenreichen Ereignisse, die über Deutschland durch seine Verflechtungen mit Europa und der Welt kommen, waren Grundtendenzen noch nicht abzulesen. Erst langsam zeigt sich, welche Positionen da möglich sind. Auch wissen wir inzwischen (und erfahren es mit jedem Walser und Möllemann immer wieder neu), wie abhängig das von der Beurteilung und Bewertung durch nahe und ferne Nachbarn ist, vom Bild, das andere Völker und Kulturen von den Deutschen haben.

Nun ist ein Kanzler von den Deutschen augenscheinlich noch einmal gewählt worden, weil er standhaft deutsches Mitwirken am amerikanischen Krieg verweigerte. Darin könnte die bislang wichtigste "Interpretation" der neuen deutschen Situation gesehen werden. Sie läßt hoffen, daß die "erworbene heilsame Furcht vor sich selbst" in eine neue deutsche Selbstdefinition eingeht.

Es gehört vielleicht nicht hier her, weil wir ja über Region und Stadt uns austauschen wollen. Weil wir aber die erfolgreiche Diskussionsreihe heute abschließen, möchte ich noch einmal kurz auf den Streit zurückkommen, mit dem wir sie begonnen haben. Albrecht Göschel befürchtete damals, daß die ostdeutsche Distanz zu den USA die fundamentale demokratische Wende der (West)Deutschen nicht verstehe oder gar zurückzunehmen drohe, mit der sie sich endgültig gegen autoritäre Herrschaft und Gefolgschaft immunisiert haben. Ein innerer Wandel, der über die Jahrzehnte freilich noch nicht bewirken konnte, daß "die Deutschen" von außen nicht mehr das symbolische Volk der Täter gesehen werden. Zu einzigartig und suggestiv waren die Gewalt- und Schreckenstaten der Nationalsozialisten, die uns Deutsche ausdrücklich zu weltweiten Symbolen der modernen Grausamkeit machen sollten und auch gemacht haben. Man mag über die Motive des Kanzlers streiten, dem Druck der amerikanischen Machtelite zu widerstehen. Doch nach innen wie nach außen kann diese Verweigerung ein neues Selbstverständnis der Deutschen signalisieren.

Das dürfte zwar den wohl eingeborenen Generalverdacht unserer näheren und ferneren Nachbarn nicht tilgen, aber doch dem Ensemble der übrigen kulturhistorisch entstandenen Stereotype einen neuen Akzent geben, durch deren Brille "wir" von "den anderen" gesehen werden. Sie sind ja deutlich kleingewichtiger als die großen Worte von historischer Schuld und Sühne. Darum werden sie von den Historikern und Politikern auch den Ethnologen und Kulturwissenschaftlern überlassen. Georg Bausinger hat sie uns mit der nötigen ironischen Distanz alle vorgestellt und damit umrissen, wie "das Deutsche" jenseits nachbarlicher Ängste gesehen wird. Und das führt zum Thema der Tagung zurück: Die Deutschen haben eine eigene Topographie, sie sind Meister im Abstecken eigenen Raumes und haben es darin gern eng und angefüllt. Nur so ist es ihnen gemütlich. Doch zugleich muß alles sauber, ordentlich und gesund sein. Auf Humor und Eleganz verzichten sie gern. Alles Außenbeschreibungen, die das aktuelle populäre Bewußtsein der Nachbarn im Begriff "deutscher Fußball" zusammengefaßt hat.

Aber auch in höheren Sphären müssen wir damit leben, daß uns Unvermögen unterstellt wird. Trotz seines inflationären Gebrauchs kennen wir ja keinen heiligeren Begriff als den der Kultur. Und ausgerechnet den sollen wir Deutschen völlig mißverstehen, weil wir Kultur mit Arbeit und Kultiviertheit mit Wohlstand verwechseln. Wie wir in unseren Debatten erleben konnten, reagieren Deutsche in Ost und West verschieden auf solch üble Nachrede. Auf dieser Tagung sollten wir gemeinsam gegen das Vorurteil der gepflegten Plumpheit angehen, indem wir versuchen, unsere Befunde und Interpretationen mit Charme und Witz vorzutragen um sie dann in aller uns gegebenen freundlichen Eleganz zu diskutieren.


Anmerkungen

[1] "Kohls Erbe wirkt bis heute nach". Interview mit Peter Sloterdijk in: Profil Online (39), Wien 2002.
[2] Peter Sloterdijk, Schröders Differenz oder Die Stimme Europas. Frankfurter Rundschau vom 27.09.2002.
"Ohne die Fakten zu überanstrengen, darf man dies als einen Hinweis darauf lesen, dass sich unter dem Wesensnamen "der Westen" ein größeres Maß an Diversität verbirgt als die inklusiven Sprachspiele der Mobilisateure sichtbar werden lassen. Der Westen - um dessen Selbstbehauptung es zu gehen scheint - zerfällt für heute und alle Zukunft unweigerlich zumindest in den Ersten Westen jenseits des Atlantiks, von dem die imperialen Akzente der Gegenwart ausgehen, und den Zweiten Westen, den wir Europäer bilden und der weiter nach einer politischen Form sucht, die seinem ökonomischen Schwergewicht entspräche, (um für den Augenblick von dem Dritten Westen nicht zu sprechen, zu welchem all die Länder des Ostens und Südens rechnen, die nach unserem Vorbild das Zugleich von politischer Demokratie, kapitalistischer Wirtschaftsweise und konsumistischer Lebensform versuchen)."
[3] Detlef Pollack, Wer fremd ist, sieht besser. Die Ostdeutschen passen immer noch nicht ganz in den Westen. Das ist ihr Vorteil, in: DIE ZEIT Nr. 42, 10. 10. 2002.
[4] alles zitiert nach: Karl Schlögel, Die Mitte liegt ostwärts. Europa im Übergang, München 2002.
"[5] Ash Amin, Nigel Trift, Globalization, Institutions and Regional Development in Europe. Oxford 1994.
[6] Hartmut Häußermann, Walter Siebel, Die Kulturalisierung der Regionalpolitik. In: Geographische Rundschau 45 (1993), H. 4, S. 218-223.
[7] Mein Freund, der Raum. Kulturwissenschaftler versuchen, Orte der Geschichte zum Sprechen zu bringen, Bericht von Amory Burchard, in: Der Tagesspiegel vom 01. 11. 2002.