KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2005
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Alexander Holmig
„Wenn`s der Wahrheits(er)findung dient ...“
Wirken und Wirkung der Berliner Kommune I (1967-1969)*
Anlauf: Paris - MĂŒnchen - Westberlin
Prolog: "Revolution von innen und außen?"
Totalisierung der Politik durch Inszenierung des Scheins
Erster Akt: "Der große Tanz"
Zweiter Akt: "Imagepflege"
Schlussakt: "Körper und Konflikte"


„Was ist die Kommune, diese Sphinx, die den
Bourgeoisverstand auf so harte Proben setzt?“

(Karl Marx, Der BĂŒrgerkrieg in Frankreich)


Kommune I. Wenn ĂŒberhaupt noch im kollektiven bundesrepublikanischen GedĂ€chtnis aufzufinden, so ist das zunĂ€chst einmal ein Bild: Sieben Erwachsene, drei Frauen und vier MĂ€nner, sowie ein kleines Kind stehen nackt mit dem Gesicht zu einer Wand. Die Wand ist, bis auf ein kleines Waschbecken links der Gruppe, weiß und kahl. Ihre Arme sind erhoben, ihre Beine wie bei einer polizeilichen Feststellungsmaßnahme leicht gespreizt. Abgesehen von dem kleinen Kind, das sich im Augenblick der Aufnahme dem Fotografen zugewandt hat, sind von den Beteiligten lediglich die unbedeckten „RĂŒckansichten“ zu sehen.

Seit seiner ersten Veröffentlichung erhielt dieses Bild des Fotografen Thomas Hesterberg durch die bis heute kanonische Wiederholung in den Medien eine nahezu symbolische Dimension. [1] Immer dann, wenn in den Medien von den sogenannten „68ern“ – einer mehr bequemen als wirklich aussagekrĂ€ftigen Sammelbezeichnung der Studenten- und Jugendbewegung Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts in der Bundesrepublik Deutschland – die Rede ist, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass jenes Bild auftaucht. Mit diesem Foto transportiert sich auch ein bestimmtes Image der Gruppe der dort (Selbst-) Dargestellten. Kommune I, das war und ist fĂŒr Zeitgenossen und auch Nachgeborene in spontaner Assoziation freie Liebe und PromiskuitĂ€t, groteskes sich gebĂ€rden in der Öffentlichkeit, Namen wie Teufel, Langhans, Kunzelmann, Vollbart und Nickelbrille, wallende Locken oder auch der tolle Körper der schönen Uschi Obermaier. Geistiger Motor einer – keineswegs allein – bĂŒrgerlichen Neugier und Fantasiewelt. Mythos. [2]

Innerhalb des Gesamtkomplexes Jugend- und Studentenbewegung der 60er Jahre gehörte die Berliner Kommune I zu jenen Gruppierungen, die sich im Umfeld des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) herausbildeten und von innen und außen auf diesen Verband – dem „Motor der außerparlamentarischen Opposition“ (Wolfgang Kraushaar) – und somit auf die gesamte Bewegung maßgeblichen Einfluss ausĂŒbten. Das wesentliche Merkmal der Kommune bestand in ihrem besonderen politischen SelbstverstĂ€ndnis, der Betonung des subjektiven Faktors – amalgamiert in der Forderung „das Private ist politisch“ – und ihren daraus abgeleiteten Aktionsformen, seien es RegelĂŒberschreitungen und Provokationen direkter (Happening) und indirekter (literarischer) Art, die Gegenstand der hier verfolgten Analyse sind.

Eine BeschĂ€ftigung mit der Kommune I fand bisher hauptsĂ€chlich im Rahmen spezieller Darstellungen zur Erforschung der Geschichte des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) statt. [3] Nun entwickelte sich die Kommune I zwar aus dem SDS heraus, wurde aber spĂ€ter vom Verband ausgeschlossen. Die Zeit nach ihrem Ausschluss kommt dort nur am Rande in den Blick. Durch die Existenz verschiedenster Fraktionierungen innerhalb des SDS, sowie der Gruppierungen in seinem Umfeld war außerdem das, was augenscheinlich geschlossen unter der Bezeichnung „APO-Berlin (West)“ firmiert, durch eine ambivalente Struktur gekennzeichnet. Soweit die Autoren der bekannten Literatur zum Thema selbst Akteure und ehemalige Mitglieder unterschiedlicher Fraktionen des SDS waren, ist es hier also notwendig das SpannungsverhĂ€ltnis von wissenschaftlicher Ambition, biografischen Aspekten und zeitlichem Abstand im Blick zu behalten. Ähnliches trifft auf Interviews, (auto-)biografische und Tagebuchaufzeichnungen ehemaliger Kommunarden/-innen und Personen aus dem GrĂŒnderkreis und Umfeld der Gruppe zu, die hier u. a. ausgewertet wurden.[4] Ende 2004 erschien erstmalig eine Monographie ĂŒber die Kommune I. [5]

Bei der BeschĂ€ftigung mit der Literatur zum Thema Kommune I fĂ€llt auf: ein ironischer, bisweilen sarkastischer Unterton schwingt vor allem in Ă€lteren Publikationen mit. PrĂ€formierende Zuschreibungen fĂŒr die K I wie z.B. „existenzialistische Pseudolinke“, „Politclowns“, „Springers Hofnarren“, „Horrorkommune“ etc. finden dabei Verwendung, wirken von vorn herein diskreditierend und erschweren den unvoreingenommenen Zugang zum historischen Gegenstand. [6] Wolfgang Kraushaar hat darauf hingewiesen, dass die Mitglieder der „Protagonisten einer Aktionsmethode [darstellten], die fĂŒr eine gewisse Zeit außerordentlich erfolgreich war“, die dabei aber „von den meisten Zeitgenossen nicht verstanden wurde“. [7] Was genau kennzeichnet den Politikbegriff – das „Politische“ – der Kommune I?


Anlauf: Paris – MĂŒnchen – Westberlin

1957 vereinigten sich in Frankreich verschiedene, in der Tradition des Dadaismus, Surrealismus und der Lettristischen Internationale der spĂ€ten 40er Jahre stehende, KĂŒnstlergruppen zur Situationistischen Internationale (S. I.), deren Kritik sich gegen die fest gefĂŒgten Strukturen moderner europĂ€ischer Industriegesellschaften in ihren Teilbereichen wie z.B. der Architektur, des StĂ€dtebaus, des Verkehrs, des Kunstmarktes, der Film- und Freizeitindustrie usw. richtete, und die sie durch die Störung bzw. „Umgestaltung“ von alltĂ€glichen, funktionalen AblĂ€ufen (z.B. das VerĂ€ndern von Verkehrsschildern) zum Ausdruck bringen wollten:

„Unser Hauptgedanke ist der einer Konstruktion von Situationen – d.h. der konkreten Konstruktion kurzfristiger Lebensumgebungen und ihrer Umgestaltung in eine höhere QualitĂ€t der Leidenschaft.“. [8]

Anders formuliert: in der Erschaffung eines experimentellen Erlebniszusammenhangs sollten konkrete gesellschaftliche VerhĂ€ltnisse, die ihnen innewohnenden funktionalen AblĂ€ufe und Gewohnheiten durch „spektakulĂ€re“ AktivitĂ€ten gezielt gestört werden. Als zentraler Begriff in der Denkart der Situationisten stand hierfĂŒr „dĂ©tournement“, was ĂŒbersetzt soviel wie „umfunktionieren“ oder „Zweckentfremdung“ bedeutet. Einer Sache wird die ihr ursprĂŒnglich zugewiesene Bedeutung und Funktion genommen, indem sie in einem neuen, ungewohnten Zusammenhang mit erweitertem Sinngehalt genutzt wird. Es wurde das Ziel verfolgt, in einem Prozess des Hinterfragens gewohnter AblĂ€ufe, sowohl bei Zuschauern als auch Beteiligten, kritisches Bewusstsein entstehen zu lassen.

Seit sie 1959 den MĂŒnchner Kongress der Situationisten ausgerichtet hatte, war die Schwabinger-KĂŒnstlergruppe SPUR, als deren deutsche Sektion, Mitglied der S.I. Im Kern bestand SPUR zu diesem Zeitpunkt aus nur vier Leuten, den Malern Hans-Peter „HP“ Zimmer, Helmut Sturm, Heimrad Prem und Lothar Fischer. Zu ihnen gesellte sich Ende 1960 Dieter Kunzelmann, der in Schwabing das Leben eines Bohemiens fĂŒhrte, dessen Interessen bis dato aber weniger der Malerei, sondern der Literatur galten. Mit seinem autodidaktisch angeeigneten Wissen ĂŒber die Frankfurter Schule, aber auch Marx und psychoanalytischer Literatur ergĂ€nzte er die Gruppe in ihrer gesellschaftskritischen Ausrichtung um den Part des Theoretikers. In FlugblĂ€ttern und der von ihnen herausgegebenen Zeitschrift „SPUR“ – dem deutschsprachigen Organ der S.I. – provozierten und kritisierten sie die lebensweltliche RealitĂ€t der Adenauer-Ära, gegen weltliche und kirchliche AutoritĂ€ten, sexuelle Unfreiheit, Massenkonsum und Manipulation. So heißt es z.B. in einem 1961 herausgegebenen Flugblatt mit dem Titel „Januarmanifest“:

„1. Wer in Politik, Staat, Kirche, Wirtschaft, MilitĂ€r, Parteien, soz. Organisationen keine Gaudi sieht, hat mit uns nichts zu tun. (...) 14. So wie Marx aus der Wissenschaft eine Revolution abgeleitet hat, leiten wir aus der Gaudi eine Revolution ab. (...) 18. Wir fordern allen Ernstes die Gaudi. Wir fordern die urbanistische Gaudi, die unitĂ€re, totale, reale, imaginĂ€re, sexuelle, irrationale, integrale, militĂ€rische, politische, psychologische, philosophische ... Gaudi.“ [9]

Der spielerische Mensch, Johan Huizingas „homo ludens“, als Sinnbild der Wiederaneignung einer durch Faschismus, Krieg und VerdrĂ€ngung verlorenen gegangenen Phantasie; einzig dem „Prinzip Hoffnung“ (Ernst Bloch) verpflichtet. Das, was die Gruppe SPUR in ihren Schriften aber noch hauptsĂ€chlich in ihrer Malerei transportierte, kann als der „Beginn einer Ă€sthetisch-politischen Opposition in der Bundesrepublik“ bezeichnet werden. [10]

Nach dem Ausschluss von SPUR aus der S. I. wandte sich Dieter Kunzelmann nun mehr der politischen als der kĂŒnstlerischen TĂ€tigkeit zu und initiierte 1962 die GrĂŒndung der „Subversiven Aktion“. Die Gruppe bildete Sektionen (sog. „Mikrozellen“) in MĂŒnchen, Berlin (West) und NĂŒrnberg, spĂ€ter auch in Stuttgart und Frankfurt/Main. Zu ihr gehörten in Berlin Rudi Dutschke und Bernd Rabehl, die aus der DDR nach West-Berlin gekommen waren, um an der Freien UniversitĂ€t zu studieren. Vor dem theoretischen Hintergrund der Philosophen und Soziologen der Frankfurter Schule, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse aber auch Karl Marx und psychoanalytischen Schriften von Sigmund Freud und Wilhelm Reich definierten sie sich als eine „direkt auf Aktion ausgerichtete Pariaelite (...) [mit dem Ziel der] EntblĂ¶ĂŸung gesellschaftlicher Repression.“ [11] Mit ihrer Forderung „Kritik muß in Aktion umschlagen“ wollten die Mitglieder der Subversiven Aktion das was die kritische Theorie lediglich analysiert hatte, nun in die Praxis umsetzen. Ihre Proteste gegen den Vietnamkrieg, gegen die Manipulation durch die Medien (z.B. sprengten Mitglieder der Gruppe eine Jahrestagung von Werbeleitern in Stuttgart), FlugblĂ€tter gegen den Massenkonsum (vor allem zur Weihnachtszeit) wurden begleitet durch Diskussionen um die richtige revolutionĂ€re Konzeption, woran sich die Gruppe schließlich spaltete. Der Widerspruch wurde zur Herausforderung. Die Berliner Mikrozelle bildete schnell ein eigenstĂ€ndiges Profil heraus, nannte sich „Anschlag-Gruppe“ und gab unter gleichem Namen eine Zeitschrift fĂŒr die gesamte Subversive Aktion heraus, in der deren inhaltliche Spaltung zwischen traditionellem Marxismus und Kulturindustriekritik deutlich wurde. [12] Bei aller unausdiskutierten Zusammenarbeit waren hier zwei Vorstellungswelten aufeinandergeprallt, die sich – zumindest was einige Personen wie z. B. Kunzelmann und Dutschke betraf – magisch anzogen. Der BerĂŒhrungspunkt lag im aktionistischen Moment.

Als neue Plattform fĂŒr die Durchsetzung von politischer Praxis suchte man Anfang 1965 die NĂ€he des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), einer ehemals SPD-nahen[13] Vereinigung, in der zu dieser Zeit hauptsĂ€chlich traditionelle Politikformen dominierten. Der Übertritt von Mitgliedern der Subversiven Aktion in regionale Gruppen des SDS in MĂŒnchen aber vor allem in Westberlin (Dutschke, Rabehl) sollte sich schon bald als „folgenreiche ‚aktionistische‘ Symbiose“ (Karl A. Otto) fĂŒr die Entstehung einer „AntiautoritĂ€ren Bewegung“ erweisen. Die sich herauskristallisierenden Strömungen zwischen einer, wenn man so will, subversiv-existenzialistischen Richtung um Kunzelmann („die MĂŒnchner“) und einer subversiv-aktionistischen um Dutschke/Rabehl („die Berliner“) veranschlagten im Jahr darauf eine seit langem fĂ€llige gemeinsame Aussprache und weiterfĂŒhrende Strategiediskussion ihres Unterwanderungskonzepts.

Mitte bis Ende Juli 1966 trafen sich in einem Landhaus am Kochelsee in Bayern 9 MĂ€nner, 5 Frauen und 2 Kinder: die „Viva Maria“-Gruppe, benannt nach einem anarchistisch inspirierten Film von Louis Malle. [14] Unter ihnen Mitglieder der Subversiven Aktion, Studenten und SDS-Mitglieder wie beispielsweise Rudi Dutschke, Bernd Rabehl, Dieter Kunzelmann, Marion Stergar, Dagmar Seehuber, Hans-Joachim Hameister, Eike Hemmer u.a.. Sie diskutierten eine Woche lang ĂŒber Bedingungen und Möglichkeiten von revolutionĂ€rer Praxis in Westeuropa und hierbei rĂŒckten kollektive Wohnprojekte in den Mittelpunkt des Interesses. Die SchlĂŒsseltexte innerhalb der Debatten in Kochel bildeten die Schriften Herbert Marcuses „Triebstruktur und Gesellschaft“, der Aufsatz „Repressive Toleranz“ und sein bis dato nur in englisch vorliegender „One-Dimensional Man“. [15] Vor dem integralen Manipulationszusammenhang den Marcuse hier fĂŒr fortgeschrittene Industriegesellschaften entwirft, sahen die Diskutierenden nur eine Möglichkeit der Befreiung: die bĂŒrgerliche Vereinzelung musste in handlungsfĂ€hige politische Lebens- und Wohngemeinschaften, revolutionĂ€re Kommunen ĂŒberfĂŒhrt werden. Der marxistischen „Tendenzanalyse“ in den Theoriezirkeln des traditionell strukturierten SDS sollte mit konkreter Praxis als neuer Form politischer Arbeit begegnet werden, um durch die Emanzipation von der eigenen, bĂŒrgerlich geprĂ€gten Sozialisation die Gesellschaft nachhaltig zu verĂ€ndern. Die Trennung zwischen „Freizeitsozialismus“ im SDS und „Privatexistenz“ musste aufgehoben werden.

Treibende Kraft hinter den KommuneplĂ€nen war Dieter Kunzelmann, der nun von den anderen erwartete, was er fĂŒr sich lĂ€ngst vollzogen hatte: die bĂŒrgerlichen Wurzeln kappen, die Sicherheiten aufgeben, die eigene Persönlichkeit riskieren, Zweierbeziehungen und das Privateigentum grundsĂ€tzlich in Frage zu stellen – kurz: das Privatleben rigoros zu politisieren. [16] Die Meinungen der ĂŒbrigen, auch die von Dutschke, schwankten zwischen Begeisterung und Skepsis. Noch herrschten innerhalb der Gruppe keine konkreten Vorstellungen ĂŒber das „Wie“ des Anfangens. Die „Viva-Maria“-Gruppe trug ihre Überlegungen im Herbst 1966 in den Berliner Landesverband des SDS, wo sich in den folgenden Wochen eine sehr wortreiche und heterogene Kommune-Diskussion entwickelte in der besonders konzeptionelle Differenzen zu Tage traten.

In den ersten Aktionen der inzwischen auf 25-30 Leute angewachsenen Kommune-Gruppe, wie der Sprengung einer Diskussionsveranstaltung des AStA der Freien UniversitĂ€t Berlin mit Rektor Lieber am 26. November 1966 (bei der Mitglieder der spĂ€teren Kommune 2 das sogenannte „Fachidioten-Flugblatt“ verlasen) oder auch dem Happening der spĂ€teren K I anlĂ€sslich einer Anti-Vietnamkriegs-Demonstration am 10. Dezember 1966 (begleitet von Sprechchören wie: „WeihnachtswĂŒnsche werden wahr, Bomben made in USA!“ und anschließender Konfrontation mit der Polizei) offenbarte sich zudem eine neue Art von Protestpraxis.

In der Konsequenz ihrer theoretischen Diskussionen beschlossen Ende Dezember 1966 zwölf Mitglieder der Kommune-Gruppe kĂŒnftig zusammenzuleben. FĂŒr sieben von ihnen stand nach einer krĂ€ftezehrenden Aussprache in den Morgenstunden des 1. Januar 1967 fest, das Wagnis Wohngemeinschaft einzugehen. Es waren Dieter Kunzelmann (27 Jahre alt), Dagmar Seehuber (28), Hans-Joachim Hameister (26), Fritz Teufel (23), Volker Gebbert (27), Dorothea Ridder (24) und Ulrich Enzensberger (22). Die „1. Berliner Kommune“: Kommune I.


Prolog (Januar – MĂ€rz 1967) – „Revolution von innen nach außen?“

Eine Möglichkeit zusammen zu ziehen hatte sich durch Ulrich Enzensbergers Freundin Dagrun Enzensberger (37 Jahre), die geschiedene Frau seines Bruders Hans-Magnus (37), ergeben, die nun auch zur K I stieß. Sie besaß SchlĂŒssel zur Atelier- und Arbeitswohnung des Schriftstellers Uwe Johnson in der Niedstr. 14, dessen eigentlicher Wohnung in der Stierstr.3, sowie dem Haus ihres Ex-Mannes in der Fregestr. 19, alle drei in Berlin-Friedenau gelegen. Johnson, der lĂ€ngere Zeit in den USA weilte, hatte ihr die Wohnung fĂŒr die Dauer seines Aufenthaltes ĂŒberlassen bzw. die Atelier-Wohnung an Ulrich Enzensberger untervermietet. Erstes Resultat gemeinsamer Praxis der K I war Ende Januar ein „Zirkular ĂŒber unsere bisherige Entwicklung“, durch das sie die abgebrochene Diskussion mit den „noch-nicht-eingezogenen“ Teilnehmern der Gesamt-Kommunegruppe wiederaufnehmen, oder besser, forcieren wollten. Darin wurde resĂŒmiert:

„Unser politisches Programm ist nicht weiter gediehen als bis zur Technik. An die Inhalte, die in unserer Selbstrevolution umgewĂ€lzt werden mĂŒssen, haben wir uns noch gar nicht herangetraut. So können wir zwar ohne weiteres die traditionelle Praxis öffentlich destruieren und eine neue Demonstrationsform an ihre Stelle setzen. Sobald wir aber ĂŒber die Beschreibung der Technik hinaus sagen sollen, was denn mit Hilfe dieser Technik geschehen, wozu sie verwandt werden soll, sind wir ĂŒberfordert. Der Rekurs auf die traditionelle Theorie lĂ€ĂŸt uns den Faden verlieren.“ [17]

Auf der anschließenden Diskussion ĂŒber das Zirkular, zu der die K I am 29. Januar, in der Wohnung Stierstr. 3 eingeladen hatte, brachen die GegensĂ€tze in der seit dem Treffen in Kochel gewachsenen Kommunegruppe offen aus. „In einer explosiven AtmosphĂ€re, die Spannung drĂŒckte sich in AnbrĂŒllen, Rauslaufen usw. aus“ [18] spaltete sich die Gruppe in drei Fraktionen. Die K I-Mitglieder wollten sich im zukĂŒnftigen Zusammenleben vor weiterer politischer Arbeit zunĂ€chst auf sich selbst und ihre psychischen Probleme konzentrieren.

Im Gegensatz dazu bestand eine andere Fraktion antiautoritĂ€rer SDSler darauf, dass die WidersprĂŒche der Individuen nur nach außen in gemeinsamer politischer Arbeit, nicht nach innen in der vordergrĂŒndigen Zuwendung zu den psychischen Schwierigkeiten aufgelöst werden könnten. Man hoffte, durch die kollektive Arbeit allmĂ€hlich auch den Zugang zu den persönlichen Problemen zu bekommen. Daher sollten kommuneĂ€hnliche Wohn- und Arbeitsgemeinschaften aufgebaut werden, die als „funktionale Einheit zur Ermöglichung von Praxis“ innerhalb des SDS den „Freizeitsozialismus“ ĂŒberwinden halfen, und als neues Organisationsprinzip an die Stelle der bisherigen Theoriezirkel und Arbeitskreise traten. Uwe Bergmann, Klaus Gilgenmann und Rainer Langhans ließen sich auf der ordentlichen Landesvollversammlung des Berliner SDS, am 4. Februar 1967, in den neuen „kollektiven“ Landesvorstand wĂ€hlen. Letztere grĂŒndeten wenig spĂ€ter gemeinsam mit Eike Hemmer, Eberhard Schulz, Jörg Schlotterer, Jan-Carl Raspe u. a. die Kommune 2 (auch „SDS“- bzw. „Politkommune“ genannt), die als Arbeitskollektiv in eine Wohnung im SDS-Zentrum, ein kriegsbeschĂ€digtes Haus am KĂŒrfĂŒrstendamm 140, einzog. [19]

Andere, wie die „RevolutionĂ€re“ Dutschke und Rabehl, zogen in keines der Wohnkollektive und mussten sich eingestehen, den bloßen „Versuch der Revolutionierung des bĂŒrgerlichen Individuums“ nicht leisten zu können bzw. zu wollen – die „Dialektik der AufklĂ€rer“.

Nach dem Eklat der Zirkulardiskussion vom 29. Januar zogen sich die K I-Mitglieder vollstĂ€ndig aus der linken Öffentlichkeit in die erwĂ€hnten Wohnungen zurĂŒck, um sich, wie angekĂŒndigt, vor weiterer politischer Arbeit zunĂ€chst auf sich selbst zu konzentrieren. Es ging darum, sich mit den einzelnen Lebensgeschichten der Mitbewohner zu befassen, die nun plötzlich in der gemeinsamen Wohnung zusammenliefen. Die im „Zirkular“ angesprochenen „Inhalte“, an die man sich „noch gar nicht herangetraut“ hatte. Ulrich Enzensberger erinnert sich an diese Zeit so:

„SpĂ€ter wurde jeder richtiggehend verhackstĂŒckt. Da kam auch der Begriff ‚Psychoterror‘ auf, und der Begriff ‚Zweierbeziehung‘ in einer ganz abwertenden Bedeutung. Jeder wurde psychologisch auseinandergenommen und auf seine AutoritĂ€ten, auf seine Leitbilder und sein Verhalten hin untersucht, total ĂŒberprĂŒft.“ [20]

War es „terroristische Selbstanalyse“ oder eine Art emotional aufgeladene „Team-Vorbesprechung“? Neuerdings geben, erst im Jahr 2003 in die BestĂ€nde des Berliner APO-Archivs eingegangene, Justizakten Aufschluss ĂŒber diese gerade fĂŒr die Herausbildung des K I-Politikbegriffs konstitutive Phase. [21] Im Zusammenhang mit dem Vorwurf der Anschlagsplanung beim Berlin-Besuch des US-VizeprĂ€sidenten Hubert Horatio Humphrey waren Mitglieder der Kommune I am 5. April 1967 von Beamten der Abteilung I (Politische Polizei) verhaftet worden. Sie wurden der GeheimbĂŒndelei bzw. der GrĂŒndung einer kriminellen Vereinigung gemĂ€ĂŸ damals geltenden §§ 128, 129 StGB verdĂ€chtigt, woraufhin die Atelier-Wohnung Niedstr. 14 polizeilich durchsucht und Beweismaterial, u. a. ein „Schnellhefter rot ohne Aufschrift“ und ein „Schnellhefter gelb mit der Aufschrift ‚Kommune-Protokolle Dagmar‘“, sichergestellt wurde. [22]

Die Aufzeichnungen im roten Hefter, unter dem Titel „Kommune-Organisation“, beginnen am 9. MĂ€rz 1967. [23] Im Abschnitt „V. Internes“, finden sich protokollartige Mitschriften einzelner GesprĂ€che und Diskussionsrunden innerhalb der K I im Zeitraum vom 13. MĂ€rz bis 4. April 1967. Er ist der eigentlich interessante Teil des roten Hefters – wenngleich aufgrund des stichpunktartigen Charakters der Mitschriften oft sehr kryptisch geraten. [24]

Den ersten Eintragungen vom 13., 15. und 17.3. ist noch stark der Einfluss der Konzentration auf sich selbst und die psychischen Probleme anzumerken, der man sich den gesamten Februar ĂŒber zugewandt hatte. Man bekommt einen Eindruck von bestehenden EifersĂŒchteleien und entstandenen Spannungen zwischen einzelnen Kommune-Bewohnern. Ein Bericht zur momentanen Gruppensituation sollte gegeben werden. Zwischen unleserlichen Notizen erscheinen plötzlich die Begriffe „Hausbes.[etzung, A. H.] spielwiese“, „einzug fabrikhalle“, „aktion“ und zum ersten Mal der Name „Humphrey“.

Der Entschluss einer weiteren Kommune-Aspirantin ob des „chaotischen Zustands“ nun doch nicht in die Wohngemeinschaft einzuziehen, bildete den Anlass einer Grundsatzdiskussion der restlichen Kommunarden, die sich auf den folgenden Seiten Bahn bricht, und in deren Zentrum man sich einigte, „auf das alte Problem wieder einzugehen“. Die Vermittlung von Privatexistenz und politischer Existenz musste wieder zum Hauptgegenstand von Kommune gemacht werden, und durfte nicht, wie in den letzten Wochen geschehen, auf einen der beiden Pole beschrĂ€nkt bleiben. Am Vormittag des 19.3. wurde die Diskussion (diesmal im Beisein von Rainer Langhans, der einen Umzug von der K 2 in die K I erwog) erneut aufgenommen. Die Beantwortung der Frage „Wie soll es konkret weitergehen?“ sollte in den nĂ€chsten Tagen aus der Analyse der Kommunesituation erfolgen.

Ab dem 22.3. wurde versucht, die GesprĂ€chsrunden durch eine neue Form der „Reihendiskussion“ ergebnisorientiert zu intensivieren und inhaltlich zu organisieren. Jedes Mitglied Ă€ußerte sich nun nacheinander zu einem vorher gemeinsam vereinbarten Thema. Die vernachlĂ€ssigte politische Existenz kehrte allmĂ€hlich in Form von konkreten Aktionsvorstellungen zurĂŒck. Am Nachmittag des 24.3. war in der K I eine heftige Diskussion ĂŒber die Bedeutung gemeinsamer Aktionen entbrannt. Einige empfanden es als Widerspruch, dass sie sich zum Ziel gesetzt hatten den Alltag zu verĂ€ndern und dabei im eigenen Alltag doch wieder das „Altgewohnte“ machten, z.B. bei der Wohnungssuche. Die Idee einer Hausbesetzung wurde wieder angesprochen. Thema des sich anschließenden ReihengesprĂ€chs deshalb: „Revolutionierung des Alltags u. Agitation“. [25]

Dieter Kunzelmann, der sich wĂ€hrend der vorangegangenen GesprĂ€che ĂŒber die privaten BedĂŒrfnisse eher im Hintergrund gehalten hatte, sah hier den Zeitpunkt gekommen, da sich die Diskussion wieder in eine auch fĂŒr ihn akzeptable Richtung entwickelte. Mit seiner Kritik forderte er die anderen regelrecht heraus: die Überlegungen zur Hausbesetzung fielen ja wohl „objektiv als Gedankenspielerei“ aus, „weil [die] Wohnungssuche genauso weiterlĂ€uft. Wenn wir beginnen mit dem Revolutionieren des Alltags der Bruch mit bĂŒrgerlichen Gesellschaft schon stattgefunden haben muss.“ Damit gelang es Kunzelmann, geistiger Vater der Kommuneidee, einen wesentlichen Begriff innerhalb der Diskussion zu reaktivieren. „Der Bruch mit der bĂŒrgerlichen Gesellschaft“ den er lĂ€ngst vollzogen hatte und seit jeher propagierte (Vgl. „Notizen zur GrĂŒndung...“ vom Nov. 1966) war nun wieder auf der Tagesordnung. Fritz Teufel reimte: „Wird der Spießer nicht enteignet, bleibt er`s selbst, auch wenn er`s leugnet.“

In der Tat geht aus den Aufzeichnungen hervor, dass gerade die Angst vor dem selbstauferlegten „Bruch mit der bĂŒrgerlichen Gesellschaft“ das eigentliche Motiv der thematisierten „internen Probleme“ darstellt. In annĂ€hernd allen folgenden RedebeitrĂ€gen (Dorothea, Hans-Joachim, Volker, Ulrich) wird diese Angst kurz angesprochen, um darauf in den Konjunktiv neuerlicher AktionsvorschlĂ€ge verdrĂ€ngt zu werden. Dieter Kunzelmann, im roten Hefter offenbar der Protokollant dieser Diskussion, bemĂ€ngelte genau das in nachgetragenen Stichpunkten: „jedesmal wird etwas neues entwickelt – Widerspruch Ideen u. Konkretion“.

Am 26.3. nahm die Kommune I am Ostermarsch der Kampagne fĂŒr AbrĂŒstung teil. Einigen antiautoritĂ€ren SDSlern war es gelungen, den Demonstrationsverlauf durch gezielte „Provo-Aktionen“ massiv zu stören. Es gab Verhaftungen. Im Vorfeld waren auf dem KurfĂŒrstendamm auch Mitglieder der K I (z.B.: Dieter und Dagrun) in polizeilichen Gewahrsam genommen worden. Kunzelmann hatte Farbeier auf Polizeifahrzeuge geworfen. [26]

Die Demonstration wurde am folgenden Tag ausgewertet und sogleich in Beziehung zur „Revolutionierung des Alltags“ gesetzt. [27] Dagmar gestand offen: „Eierwerfen etc war bei mir purer Aktivismus“. Das GefĂŒhl von Isolation im Nachhinein habe ihr aber mehr Angst bereitet als frĂŒher. Davon hĂ€nge jedoch die kĂŒnftige AktionsfĂ€higkeit der K I ab: „FĂŒr mich ist es wurst was wir hier drin in der K.[ommune] tun. Das wir aber zukĂŒnftige Aktionen planen, schon jetzt. (Humphrey) Wie wir agieren könnten. Wenn jeder vor sich hin popelt wird nichts.“ Fritz Teufel, dem es so vorkam als sei er bis gestern „rumgelaufen wie ein Rindvieh“, machte deutlich, dass er die augenblickliche Aktions-Abstinenz kaum noch ertrage. Die stĂ€ndige Dominanz der internen Probleme lasse ihn bereits ernsthaft ĂŒber einen Ausstieg nachdenken. Dagrun stimmte ihm zu und bemerkte, das es Zeit wĂ€re andere LösungsansĂ€tze fĂŒr die internen Probleme zu finden. Sie z.B. habe durch ihre Verhaftung „einen Bruch geschafft u. auch endlich erfahren, daß Angst absurd ist.“ Letztlich waren alle Diskutierenden von der Notwendigkeit einer Aktion anlĂ€sslich des bevorstehenden Berlin-Besuches des US-VizeprĂ€sidenten ĂŒberzeugt. Einigkeit auch in Fragen der Form: eine provokative Störung in der Art eines politischen Happenings.

Besuche und einhergehende GesprĂ€che in der K 2 ließen deutlich werden: die ursprĂŒnglichen Schwerpunktsetzungen beider Kommunen hatten sich zwischenzeitlich verschoben. In der SDS-Kommune war man vom Ziel „die WidersprĂŒche der Individuen nur nach außen in gemeinsamer politischer Arbeit aufzulösen“ abgekommen, und wandte sich mittlerweile – ganz entgegen dem eigenen Vorsatz – doch vordergrĂŒndig den inneren psychischen Schwierigkeiten der Bewohner zu. [28] In der Kommune I hatte man aber nicht einfach die Relevanz der beiden Pole „privat“ (innen) und „politisch“ (außen) vertauscht, sondern war auf dem Weg, der als hemmend empfundenen Dominanz der inneren Probleme durch die stĂ€rkere Zuwendung zu politischer Arbeit in einer gemeinsamen Aktion zu begegnen.

In den letzten GesprĂ€chsnotizen[29] vor dem 6. April 1967, dem Tag des Humphrey-Besuchs, steht ganz die Vorbereitung der Aktion im Mittelpunkt. Am 2.4. stand der Ablauf fest. Demnach sollte die Wagenkolonne des US-VizeprĂ€sidenten auf ihrem Weg zum Rathaus Schöneberg – dem damaligen Sitz der Westberliner Administration – abgefangen werden. Unter Einsatz „möglichst vieler Roter Rauchbomben“ wĂŒrde man zum Auto laufen und dabei Sachen wie „SuperbĂ€lle“ (kleine Vollgummi-SpringbĂ€lle), Schlagsahne, Pudding oder auch „tutti frutti“ werfen. Sobald das Fahrzeug angehalten habe, sollten Lieder wie „Hoch soll er leben“, „Backe, backe Kuchen“ oder „Berlin ist eine Reise wert“ gesungen werden. Anschließend wolle man sich verhaften lassen und den zu erwartenden Gerichtsverfahren entgegen sehen. Der entscheidende Satz in diesen letzten Notizen kam von Ulrich Enzensberger, der mittlerweile zu der Überzeugung gekommen war, dass die Humphrey-Aktion als erste gemeinsame Aktion der Kommune I nicht in erster Linie „nach außen“ wirke, „sondern die innerste Aktion ĂŒberhaupt“ darstelle.

Zusammenfassend lÀsst sich feststellen:
Die internen Aufzeichnungen und GesprĂ€chsprotokolle der Kommune I dokumentieren die entscheidende Phase der BeschĂ€ftigung mit sich selbst, die drei Wochen vom 13. MĂ€rz bis 4. April 1967. Die ursprĂŒnglich schwerpunktmĂ€ĂŸig verfolgte Auseinandersetzung mit den internen Problemen der Kommunarden wurde in diesem Zeitraum zugunsten einer konkreten politischen Aktionsplanung anlĂ€sslich des Berlin-Besuchs von US-VizeprĂ€sident Hubert Horatio Humphrey zurĂŒckgenommen. Dabei ist die K I nicht – wie ihr spĂ€ter von verschiedenen Seiten vorgeworfen wurde – an der Lösung der persönlichen Probleme ihrer Mitglieder gescheitert, die nun einfach in Aktionen nach außen kompensiert wurden. [30]

Vielmehr ist ihnen erstmals in der Praxis des gemeinsamen Zusammenlebens bewusst geworden, das die beabsichtigte „Aufhebung der Trennung von PrivatsphĂ€re und Öffentlichkeit“ nicht in der aufeinander folgenden Einzelbearbeitung beider Felder zu leisten ist. Die persönlichen (privaten, internen) Probleme resultierten schließlich, so die Argumentation der Kommunarden, aus den gleichen Ängsten, die den einzelnen an der AusfĂŒhrung einer politischen Aktion, d.h. am Aufbringen des nötigen Mutes gegen sich selbst und die eigene Konditionierung auf bĂŒrgerliche Norm- und Wertvorstellungen, hemmen. Die „Aktion“ wurde nicht zum Surrogat, um ungelöste persönliche Probleme, unbewĂ€ltigte Ängste zu verdrĂ€ngen, sondern in der Aktion bzw. im Mut der Teilnahme an ihr lag fĂŒr die Kommunarden der SchlĂŒssel zur Problemlösung.

Bei dem Versuch die Ebenen „privat“ und „politisch“ vermitteln, bildete die „Aktion“ den Transmissionsriemen. Die Außenwirkung der Kommune bewirke zugleich eine innerliche VerĂ€nderung ihrer Mitglieder. Das war es, was Ulrich Enzensberger auf den Punkt brachte, als er die erste gemeinsame Aktion der K I nach außen zugleich als „innerste Aktion ĂŒberhaupt“ bezeichnete. Dadurch, dass die SphĂ€re des Privaten auf der politischen Agenda der Kommune I verblieb, entwickelten sie einen existenziellen, allumfassenden Politikbegriff.


Totalisierung der Politik durch Inszenierung des Scheins

In einer Ausgabe der Zeitschrift „Konkret“ von 1968 findet sich eine Werbeanzeige, in der Bernward Vespers „Voltaire-Verlag“ das dort soeben erschienene Buch „Klau mich“ der Kommune I anpreist. [31] Darin ist die Rede von einem „Franktireur-Angriff auf die geheiligten Piedestale‚ unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung‘ (...) Die Satire will hier nicht Justizkritik ĂŒben, sie ersetzt in ihrer TotalitĂ€t die antiquierten Rechtsnormen bereits.“ Wer auch immer diese Zeilen zu diesem Zeitpunkt verfasst hatte, er erfasste hier bereits den Politikbegriff der Kommune I in seinem Kern.

Das Franktireur-Motiv taucht wieder auf bei Klaus Hartung, seit Mitte der 1960er selbst Mitglied des Berliner SDS, der 1977 in seinem „Versuch, die Krise der antiautoritĂ€ren Bewegung wieder zur Sprache zu bringen“ die RĂŒckkehr eines lĂ€ngst ĂŒberwunden geglaubten, traditionellen Politikbegriffs beklagt. Eines Begriffs von Politik der, so Hartung:

„die besten FĂ€higkeiten des Ichs, die List, das Tricksen, die Freude, den Gegner an seiner schwĂ€chsten Stelle zu treffen, fĂŒr nichts erachtet – FĂ€higkeiten, die wir, wenn wir sie entwickelt haben, doch nur mit schlechtem Gewissen gegen unsere Konkurrenten anwenden. Politische Partisanen sind nicht gefragt.“ [32]

Genau diese „Politischen Partisanen“ [33] seien sie, die AntiautoritĂ€ren und mehr noch die Kommunarden im Berliner SDS, aber zehn Jahre zuvor gewesen:

„Wir waren Subjekt und Objekt der Bewegung zugleich. Was wir gerade begriffen hatten, hatten wir dem anderen voraus.“ Dies unterstreichend fĂŒgte Hartung hinzu: „Die Auftritte von Rainer Langhans waren sorgfĂ€ltig inszeniert.“

Subjekt und Objekt zugleich – Privat ist gleich politisch. Einige Jahre spĂ€ter hat Klaus Hartung seine Überlegungen zum Politikbegriff der K I weiter prĂ€zisiert als „die Totalisierung der Politik“ [34] bezeichnet. Darum sei es den Kommunarden im Kern gegangen. Nicht die Verwirklichung eines individuellen GlĂŒcksanspruchs stand im Vordergrund, sondern das Politische in seiner Gesamtheit neu zu formulieren. Bringt man das mit den vorangegangenen Überlegungen in Einklang, so könnte man auch sagen:

„Total“, also auf mehreren Ebenen gleichzeitig agieren kann nur, wer sich in der Gestalt des Partisanen außerhalb jeglicher Norm stellt, bisher gĂŒltige Spielregeln durchbricht, trickst, sich des „schönen Scheins“ oder eines Kunstgriffs bedient. Genau diese Elemente beinhaltete der Politikbegriff der Kommune I.

Wolfgang Kraushaar beschrieb diese „Neuformulierung des Politischen“ (Hartung) als „immer das Gegenteil von dem, was Realpolitik zu sein beanspruchte [betrieben durch] Bluff, Imitation und Simulation.“ [35] Gerd Koenen nennt als wesentliches Charakteristikum der Kommune I deren FĂ€higkeit der „DĂŒpierung einer bigotten Öffentlichkeit“. [36]
Das diese „Totalisierung von Politik“ keinen durchweg kontrollierbaren Vorgang darstellte, darĂŒber war man sich innerhalb der K I sehr frĂŒh im Klaren. Der bekannte Sozialpsychologe Alexander Mitscherlich bemerkte richtigerweise schon 1968, dass das Experiment Kommune I eine Art „testing the limits, eine Erprobung der TragfĂ€higkeit konstruierter neuer Situation“ darstelle. [37]

Als Resultat der Diskussionen Ende MĂ€rz 1967 hatten die Kommunarden eine augenscheinliche Tatsache bereits erkannt: Wenn die Ă€ußere (politische) und die innere (private) Wirkung einer Aktion gekoppelt sind, so ist durch Steigerung des einen auch eine Zunahme des anderen zu erwarten. In den Blick kam also das Feld des Wirkens, die Frage nach dem „Wie?“ einer Aktion. Die Antwort lautete „Inszenierung“. In einer Definition von Erika Fischer-Lichte zielt der Begriff der Inszenierung „als Ă€sthetische und zugleich anthropologische Kategorie [auf] schöpferische Prozesse, in denen etwas entworfen und zur Erscheinung gebracht wird – auf Prozesse, welche in spezifischer Weise ImaginĂ€res, Fiktives und Reales (Empirisches) zueinander in Beziehung setzen.“ [38]

Als kommunikatives Mittel fĂŒr diesen Zweck hatte sich ja bereits im Vorfeld die „Provokation“ als wirksam erwiesen. Deren Bedeutungskern, so der Politikwissenschaftler Franz Schneider, beinhalte jenes „Herausrufen, Herausfordern aus dem ĂŒblichen und Hereinholen in Regelwidriges und Regelfremdes.“ [39] Schneider weist in diesem Zusammenhang auf den Begriff der „Verfremdung“ hin, den Bertolt Brecht einst fĂŒr das Theater erfand, der sich aber inzwischen zu einer „Kommunikationsstrategie allgemeiner Art“ entwickelt hĂ€tte, was insbesondere fĂŒr den Zeitraum Ende der 1960er Jahre gelte:

„Was Brecht meinte, ist dies: Verfremdung soll das SelbstverstĂ€ndliche und Gewohnte wieder so fremd machen, daß man disponiert wird zu einer neuen Eroberung und Erschließung seines Sinnes und seiner Bedeutung. Verfremden heißt neue Distanz gewinnen zu allzu Bekanntem, damit ein kritischeres Kennenlernen ermöglicht wird. Das Staunen ĂŒber sich selbst und die ZustĂ€nde, die man aktiv oder passiv formt, soll VerĂ€nderungsbewußtsein schaffen, das sich gegebenenfalls zum VerĂ€nderungswillen verlĂ€ngert.“ [40]

Das entspricht exakt jenen Merkmalen des situationistischen „dĂ©tournement“ – einer Tradition, die sich innerhalb der Kommune I vor allem in Person eines Dieter Kunzelmann, manifestiert hatte.

Fassen wir einmal zusammen: Der Politikbegriff der Kommune I erstrebte in seiner totalen Ausrichtung eine Neuformulierung des Politischen. Sein Ziel war die BewusstseinsverĂ€nderung – zunĂ€chst bei den Kommunarden selbst, danach bei ihren Rezipienten. Die Auflösung und VerĂ€nderung autoritĂ€rer Charakterstrukturen. Der Zweck ist die Inszenierung, durch die das bewirkt werden sollte. Das Mittel hierfĂŒr stellte die Provokation dar.

Kommune I, das war eine regelrechtes „Konzept spielerischer Inszenierungen und ironischer Provokationen“, so der Kulturhistoriker Wolfgang Ruppert, welches den „Normenbruch in symbolischen Formen“ beinhaltete. [41]

Die Kommune I verfolgte eine Kommunikationsstrategie, die mit Hilfe der Theorie des Dortmunder Politikwissenschaftlers Thomas Meyers als „Symbolische Politik“ beschrieben werden kann. Symbolische Politik in dieser Lesart meint nicht das Handeln mit Symbolen, sondern „die Tat als Symbol, als das andere ihrer selbst“. „Symbolische Politik ist Kommunikation, die sich als Handeln verstellt.“ [42] WĂ€hrend in der symbolischen Politik von oben ein Handeln zum Tragen kommt, in dem nichts Wirkliches verdichtet und auf nichts Wirkliches verwiesen wird – eine „Inszenierung des Scheins“ – , die die Strategie einer bloß vorgetĂ€uschten, „placebo-artigen“ Kommunikation (Manipulation) verfolgt, geht die symbolische Politik von unten als „Meta-Inszenierung“ darĂŒber hinaus. Der Schein, der hier inszeniert wird, behauptet nicht er sei real. Vielmehr soll er als „Dramatisierungsritual einer gestörten VerstĂ€ndigung“ wirken. Eine Placebo-Politik die – so paradox es zunĂ€chst klingen mag – Reflexionsprozesse beim Publikum hervorrufen will. Hierzu noch einmal Meyer:

„Symbolische Politik von oben lebt davon, daß wir das Placebo schlucken, als wĂ€re es gute Medizin. Symbolische Politik von unten bietet es uns augenzwinkernd an, damit wir uns auf das, was wir tun, neu besinnen. Symbolische Politik von unten enthĂŒllt das, was die von oben verschleiert. Das ist der klassische Unterschied zwischen Manipulation und AufklĂ€rung.“ [43]

Dadurch, dass etwas in der Art seiner PrĂ€sentation besonders dramatisiert, ĂŒberspitzt ist oder ad absurdum gefĂŒhrt wird – so durch „Verfremdung“ im Brechtschen oder „dĂ©tournement“ im situationistischen Sinne –, soll der Schein durchschaubar, und eine „wirkliche Kommunikation“ hergestellt werden.

Mittels Symbolischer Politik kann Kommunikation also entweder in manipulativer oder aufklĂ€rerischer Absicht verzerrt werden. Die Voraussetzung dafĂŒr liegt, so Meyer, im „Zutritt zu den BĂŒhnen der Massenkommunikation“, sprich: den Medien.

„Symbolische Inszenierung von unten ist daher nur als eine Ausnahme möglich. Ziviler Ungehorsam[44] ist symbolische Politik von unten, aber eine, die durch öffentliche Selbstthematisierung den Schein, den sie hervorbringt, selbst wieder aufhebt. Sie nutzt die Gesetze der wirksamen MedienprĂ€senz, um verdrĂ€ngten Themen dramatische Öffentlichkeit zu verschaffen, und sorgt durch das Arrangement ihrer Inszenierungen und deren Interpretation dafĂŒr, daß der im Handeln erzeugte Schein nur zu dem Zweck genutzt wird, den politischen Diskurs wiederherzustellen. Sie nutzt die Regeln der Regie der Wahrnehmung, nicht um Fakten oder Argumente vorzutĂ€uschen, sondern, um ein gefĂ€hrdetes GesprĂ€ch zu retten. Sie macht den symbolischen Status ihrer Aktionen selbst noch zum Gegenstand des Arrangements der Inszenierung.“ [45]

Diese Art der symbolischen Regelverletzung ist es, was von der K I im Idealfall beabsichtigt wurde. (Zu den unangenehmen Begleiterscheinungen jeglicher Praxis gehört aber auch die Tatsache, mit wiederkehrender RegelmĂ€ĂŸigkeit vom Ideal abzuweichen.) Der Politikbegriff der Kommune I zeigt sich demnach in ihrem inszenatorischen Wirken, als auch in der dadurch entfalteten Wirkung.


Erster Akt (April 1967 - Dezember 1967) – „Der Große Tanz“ [46]

Die erste, am Ende ihrer „Mammut-Diskussion“ minutiös geplante, symbolische Inszenierung der Kommune I anlĂ€sslich des Besuchs von Lyndon B. Johnson-Vize Hubert Humphrey wurde bereits beendet, bevor sie ĂŒberhaupt stattgefunden hatte. Am Mittwoch dem 5. April 1967, Tag der letzten entscheidenden Vorbereitungen der Aktion, wurden 11 Kommunarden „unter dem Verdacht, daß sie unter verschwörerischen UmstĂ€nden verabredet hĂ€tten, den VizeprĂ€sidenten der Vereinigten Staaten, H. Humphrey, bei seinem Besuch durch Einsatz von Sprengkörpern oder anderen gefĂ€hrlichen Tatmitteln an Leib oder Leben zu gefĂ€hrden“ von der Berliner Politischen Polizei verhaftet.

Die CIA hatte die Telefon- und RaumgesprĂ€che der Wohnung Uwe Johnsons (dessen Frau Elisabeth man des Kontakts zum Tschechischen Geheimdienst verdĂ€chtigte) abgehört und in den GesprĂ€chen der Kommunarden ĂŒber Rauchkerzen, Pudding und Törtchen die Vorbereitung eines Attentats vermutet. Wie es sich fĂŒr einen Nachrichtendienst gehört, wurden diese „brisanten“ Informationen an die zustĂ€ndigen deutschen Behörden (Staatsschutz) weitergeleitet, die daraus fĂŒr den Bericht ein Bombenattentat konstruierten und an die Presse weiterleiteten.

Die Zeitungsmeldungen am 6.4., allen voran die der Springerschen Boulevardzeitungen, ĂŒberschlugen sich förmlich. „Bild“ titelte: „Geplant – Berlin: Bombenanschlag auf US-VizeprĂ€sidenten – Elf Verschwörer gefaßt“. Andere BlĂ€tter schwenkten in den Kanon der Hysterie mit ein. Schon bald war klar, was da statt der vermuteten Bomben geworfen werden sollte. HierĂŒber hielt sich die Berichterstattung dann in Grenzen, besonders bei denen, die am lautesten Zeter und Mordio geschrieen hatten. Über Rundfunk und Fernsehen (ARD-Sendung „Panorama“) verbreitete sich die Meldung weltweit. Selbst die „New York Times“ hatte die Kommune I auf ihrer Titelseite.

Die Verhafteten mussten einen Tag nach dem Humphrey-Besuch wegen fehlender HaftgrĂŒnde wieder entlassen werden. Eine verhinderte Scheininszenierung hatte, dank geheimdienstlicher Mithilfe und medialer Eigendynamik, eine Wirkung entfaltet, wie sie sich die Kommunarden nicht im Traum ausgemalt hatten. „Ein Nicht-Ereignis wurde zum weltweit beachteten Spektakel (...).“[47] Zwar war das „Puddingattentat“, wie es von jetzt an hieß, „bedauerlicherweise nicht zur AusfĂŒhrung gekommen“ (Kunzelmann) – was den Kommunarden, ob des nichtzukalkulierenden Sicherheitsrisikos durch diensteifrige Secret Service Leute sehr entgegen gekommen sein dĂŒrfte – doch mittels des ĂŒberraschenden PublizitĂ€tsschubs eröffneten sich nun inszenatorisch noch breitere Möglichkeiten.

Die Kommune I nutzte sie. Nach einer ersten Pressekonferenz im SDS-Zentrum im Anschluss an ihre Freilassung (7.4.) traf sich die K I am darauffolgenden Vormittag mit Reportern des Magazins „Stern“ zum Lokaltermin Niedstr. 14. [48] In dem daraus resultierenden Artikel wurden die Eckpfeiler des kĂŒnftigen K I-Medienimages gesetzt. Zu richtigen „Medien-Profis“ sollten sich die Kommunarden allerdings erst noch entwickeln. Auf der einen Seite rangiert in dem Stern-Artikel die expressive Selbstdarstellung der Kommunarden, fassbar in rein provokativen Aussagen wie z.B. „Maos Politik ist die einzige realistische Formel fĂŒr die Zukunft der Welt“ (Kunzelmann) oder „Die sexuellen Probleme sind im Kommuneleben entkrampft“ (Langhans). [49] Dem gegenĂŒber steht die interpretierende Fremdwahrnehmung eines Autors, von dem sich die Kommunarden das „inszenatorische Zepter“ stellenweise noch zu leicht aus der Hand nehmen ließen. Aus der Langhans-Äußerung wurde „ungezwungene Liebe im Kollektiv“ oder die erotisierende Feststellung, dass die beiden verbliebenen Kommune-Frauen Dagmar und Dorothea „theoretisch die GefĂ€hrtinnen sĂ€mtlicher mĂ€nnlicher Maoisten“ seien.

Obwohl die Inszenierung der K I hier noch sehr zaghaft und eher unprofessionell vonstatten ging – besonders den Fotos merkt man ihre „GekĂŒnsteltheit“ und den Zeitdruck unter dem sie entstanden sind an (Kunzelmann zog seine Jacke gar nicht erst aus) – verfehlte sie ihre Wirkung nicht. Der „Mythos SexualitĂ€t“, ein Klischee von Partnertausch, Gruppensex, PromiskuitĂ€t und „freier Liebe“, war geboren, ein Placebo, an dessen Entstehung die Kommunarden nur geringen Anteil hatten.

Als man in der Kommune I festgestellt hatte, dass sich mit der halb lĂŒsternen, halb moralisch sich entrĂŒstenden Neugier des bĂŒrgerlichen Publikums arbeiten ließ, wurde begonnen, SexualitĂ€t bewusst zu inszenieren. Der Schein, der hier produziert wurde, war nicht so einfach zu durchschauen, und das sollte er auch nicht, wohnte ihm doch eine nĂŒtzliche mediale VerstĂ€rkungsfunktion inne. Es wurde „geprotzt mit etwas, womit die Kommune in der gerade anhebenden Ära des BettaufklĂ€rers Oswalt Kolle die allgemeine Phantasie und Neugierde auf sich ziehen konnte.“ [50] Ein Beispiel, das berĂŒhmte Foto, der „kollektive RĂŒckenakt“ der K I. Dazu die damalige Kommunardin Dagmar Seehuber:

„Im Sommer 1967 [Anfang Juni, A. H.] wurde ich darĂŒber informiert, dass ein Fotograf kommt und wir uns alle ausziehen sollten, um ein Nacktfoto zu machen. Meine Idee war es sicherlich nicht, und ich weiß nicht einmal mehr ganz genau, wie es zustande kam. Aber irgendjemand muss den Fotografen [Thomas Hesterberg, A. H.] bestellt haben. Ich war schon aus der Kommune I ausgetreten und weiß noch, wie ungeheuer paradox ich das Ganze fand. Die Kommune I, die sich da nackt hingestellt hat, bestand in der Form gar nicht mehr. Zu der Zeit wurde zwischen Kommune I und 2 ziemlich hin und her gependelt, und offenbar hat sich halt ausgezogen, wer gerade von den beiden Kommunen erreichbar war.

Bei dieser Gelegenheit habe ich zum ersten Mal alle nackt gesehen und bin ĂŒberzeugt, dass es den anderen genauso ging. Es war wirklich ein Foto fĂŒr diese Geier vom ‚Spiegel‘. Aber es sollte sicherlich sexuelle Tabus brechen, und so kam es ja auch draußen an. (...) Niemand konnte ahnen, dass wir alle ein ziemlich verklemmter Haufen waren.“ [51]

In dem man den Fotografen mit der Herstellung dieses Fotos quasi „beauftragt“ hatte, konnte die K I gleich „zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“. Bevor das Bild - mit retuschierten Geschlechtsteilen und unmissverstĂ€ndlicher ErlĂ€uterung, es handele sich um einen bildlichen Protest gegen disziplinarische und strafrechtliche Verfahren – verkaufsfördernd im Spiegel erschien, wurde es fĂŒr ein eigenes Projekt genutzt. Als rosa getöntes Deckblatt ihrer Mitte Juni 1967 im Eigendruck hergestellten BroschĂŒre „Kommune I – Gesammelte Werke gegen uns“, einer Sammlung von an die Kommunarden gerichtete Briefe der Eltern, des Disziplinarausschusses der FU, des Landgerichts Berlin, diente das Foto (ganz Ă€hnlich wie dem Spiegel) dazu, die „Kauflust und Anteilnahme der Berliner Intelligenz in die rechten Bahnen zu lenken“. [52]

Das „Sex-Image“ der K I wirkte daneben durch den Verkauf von Raubdrucken wie z.B. Wilhelm Reichs „Die Funktion des Orgasmus“ bis hinein in die eigene studentische peer group, wo allein schon der Titel „fĂŒr an Kolles unbekannten Wesen geschulten Ohren eine rasierklingenhafte Direktheit hatte.“ [53]

Ein weiteres Beispiel fĂŒr die Inszenierung von SexualitĂ€t ist ein Artikel in der Zeitschrift „pardon“ vom August 1967. BezĂŒglich des „MĂ€nnerĂŒberschusses“ in der K I heißt es dort:

„Offensichtlich hat das Rezept eines Ex-Kommunarden nicht die erhoffte Wirkung gehabt, um neue Gespielinnen einzugemeinden: ‚Es ist wie bei der Pferdedressur. Erst muß einer das Tier einreiten, dann steht es allen zur VerfĂŒgung. Erst ist es Liebe oder so was Ähnliches, nachher nur noch Lust. Der Trick ist schrecklich einfach: Man macht ein MĂ€dchen verliebt, schlĂ€ft mit ihr und markiert nach einer Weile den EnttĂ€uschten oder Desinteressierten. Dann ĂŒberlĂ€ĂŸt man sie der Aufmerksamkeit der anderen und das Ding ist gelaufen. So ist sie vollwertiges Mitglied‘.“[54]

Auch wenn hier nicht einmal deutlich wird, welcher „Ex-Kommunarde“ das gesagt haben soll (vermutlich Hans-Joachim Hameister, denn Teufel, Kunzelmann, Langhans, Enzensberger, Gebbert waren zu diesem Zeitpunkt noch dabei), so ist hingegen klar, dass kein Körnchen Wahrheit in dieser, wenngleich nicht sonderlich gelungenen, Provokation enthalten war.

Einer der dieser Inszenierung aufsaß, war der Soziologe und spĂ€tere Psychoanalytiker Reimut Reiche. In seinem Buch „SexualitĂ€t und Klassenkampf“(zuerst 1968) verwendet er jenes „Pferdedressur-Zitat“ als argumentativen Beleg seiner Kritik an den Kommunarden, die, so Reiche, „die gesellschaftsĂŒblichen Repressionen bei sich selbst noch nicht einmal zu dem unmittelbar noch notwendigen Existenzniveau an repressiven ZwĂ€ngen und VerdrĂ€ngungen abgebaut haben, sondern durch viel grausamere Zwangssysteme ersetzt“ hĂ€tten. [55] Er hĂ€tte gut daran getan, den auf jeder Ausgabe abgedruckten Untertitel der Zeitschrift „pardon“ genauso ernst zu nehmen, wie die (vermeintlichen) Äußerungen der Kommunarden. Dort steht: „die deutsche satirische Monatsschrift“. [56]

Die Medienwissenschaftlerin Kathrin Fahlenbrach hat in ihrer Untersuchung der Rolle visueller Kommunikation am Beispiel der Studenten- und Jugendbewegung Ende der 1960er Jahre herausgearbeitet, dass ein „zunehmend paradoxes WechselverhĂ€ltnis“ die Wirkung der Protestakteure, so der K I, begleitete. Sie vertritt die These, dass es dabei zur Überschneidung der expressiven Selbstdarstellung der Bewegung und der Ă€sthetischen Fremddarstellung durch die Medien auf der Ebene der Gestaltung von IntensitĂ€t, Dynamik und Gestalttypologien der Protestsymbole gekommen sei. [57] Insofern wurde Reiche in seinem Bezug auf das „pardon“-Zitat gewissermaßen zu einem „Opfer“ der entstehenden Kluft zwischen Wirklichkeit und ihrer medial vermittelten Wahrnehmung. Kommune I in den Medien entsprach einer inszenierten Wirklichkeit, einerseits von ihr selbst und andererseits von den Medien inszeniert.

Übersteigerte Artikel, wie der von Konkret-Herausgeber und Meinhof-Ehemann Klaus Rainer Röhl[58], trugen somit auch in der linken Leserschaft ursĂ€chlich dazu bei, dass die Inszenierungen der K I fĂŒr wahr genommen, ihr Politikbegriff letztlich – auch innerhalb der verschiedenen SDS-Fraktionen – nicht verstanden wurde.

Am 3. Mai verteilte die Kommune I an der FU die FlugblĂ€tter Nr. 1-5, die zum Boykott einer Urabstimmung aufriefen und mit „SDS“ unterzeichnet waren. [59] Die K I wollte die Studentenschaft und damit die Hochschulpolitik radikalisieren, sie verfolgten „die Zerstörung von Mitbestimmungsillusionen und die Loslösung möglichst vieler Studentinnen und Studenten von einer Fixierung auf pseudoparlamentarische Spielwiesen in den UniversitĂ€tsgremien bzw. im Konvent der FU“ (Kunzelmann). Am 12. Mai fand eine SDS-Landesvollversammlung statt, auf der ĂŒber den Ausschluss der K I abgestimmt wurde. In seinem „Referat zur BegrĂŒndung des Antrags auf Ausschluß der Kommune I aus dem Berliner SDS“ setzte sich Wolfgang LefĂšvre zunĂ€chst gegen den rechten FlĂŒgel der sogenannten „Alte-Keulen-Riege“ und dann gegen die „pseudo-Linke“ der Kommune I ab, der er eine „falsche Unmittelbarkeit“ bescheinigte. [60] Der Vorwurf suggeriert, das die K I mit zu wenig „politischem“ Ernst agierte. Doch gerade darum ging es ja, das war der entscheidende Unterschied in der Wahrnehmung von Politik. Ein „altes Problem“ wurde wieder evident: die Kluft zwischen einem „totalen“ und einem „rationalen“ Politikbegriff lies sich nicht ĂŒberbrĂŒcken, und spaltete letztlich die AntiautoritĂ€ren im Berliner SDS. [61] Am eigentlichen VerhĂ€ltnis Berliner SDS und K I Ă€nderte der Rauswurf indes gar nichts. Man nahm wie gehabt an Mitgliederversammlungen teil und pflegte dieselben Kontakte.

Die Kommune I hatte in den vorangegangenen zwei Monaten derartig an Erfahrung und Selbstbewusstsein gewonnen, dass sie den SDS als Basis gar nicht mehr benötigte. Mit dem bewusst in Kauf genommenen Ausschluss trieb sie ihre „Idee der ironischen Entfernung vom revolutionĂ€ren KalkĂŒl“ weiter voran, und vollzog den entscheidenden Schritt zur „Autonomie der Theaterzelle in der Frontstadt“. [62] In ihrem folgenden Coup, dem Beispiel fĂŒr symbolische Politik von unten par excellence, sollte sie das unter Beweis stellen.

Am 22. Mai 1967 ereignete sich im BrĂŒsseler Kaufhaus „A l`Innovation“, wo gerade eine Sonderausstellung amerikanischer Waren gezeigt wurde, eine Brandkatastrophe mit ĂŒber 300 Todesopfern. Am 24. Mai verteilte die Kommune I auf dem GelĂ€nde der FU die FlugblĂ€tter Nr. 6-9, die, Elemente der Werbung und der Springertypischen „Bild“-Berichterstattung aufgreifend, den Brand als ein „Großhappening“ belgischer Vietnamkriegsgegner darstellten. Hier AuszĂŒge:

„Neue Demonstrationsformen in BrĂŒssel erstmals erprobt
In einem Großhappening stellten Vietnamdemonstranten fĂŒr einen halben Tag kriegsĂ€hnliche ZustĂ€nde in der BrĂŒsseler Innenstadt her. (...) Ich sprach mit dem Mitglied der pro-chinesischen Gruppe ‚Aktion fĂŒr den Frieden und Völkerfreundschaft‘ Maurice L. (21): ‚Wir vermochten uns bisher mit unserem Protest gegen die amerikanische Vietnampolitik nicht durchzusetzen, da die hiesige Presse durch ihre Berichterstattung systematisch den Menschen hier den Eindruck vermittelt, daß ein Krieg dort unten notwendig und zudem gar nicht so schlimm sei. Wir kamen daher auf diese Form eines Happenings, die die Schwierigkeiten, sich die ZustĂ€nde beispielsweise in Hanoi wĂ€hrend eines amerikanischen Bombenangriff vorzustellen, beheben sollte.‘“ [Flugblatt 6]

„NEU ! UNKONVENTIONELL ! Warum brennst du, Konsument ? NEU ! ATEMBERAUBEND !
(...) Mit einem neuen gag in der vielseitigen Geschichte amerikanischer Werbemethoden wurde jetzt in BrĂŒssel eine amerikanische Woche eröffnet: ein ungewöhnliches Schauspiel bot sich am Montag den Einwohnern der belgischen Metropole:
Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelte zum erstenmal in einer europĂ€ischen Grossstadt jenes knisternde VietnamgefĂŒhl (dabeizusein und mitzubrennen), das wir in Berlin bislang noch missen mĂŒssen.“ [Flugblatt 7]

„Wann brennen die Berliner KaufhĂ€user?
Bisher krepierten die Amis in Vietnam fĂŒr Berlin. Uns gefiel es nicht, dass diese armen Schweine ihr Cocacolablut im vietnamesischen Dschungel verspritzen mussten. Deshalb trottelten wir anfangs mit Schildern durch leere Strassen, warfen ab und zu Eier ans Amerikahaus und zuletzt hĂ€tten wir gern HHH in Pudding sterben sehen. (...) Unsere belgischen Freunde haben endlich den Dreh heraus, die Bevölkerung am lustigen Treiben in Vietnam wirklich zu beteiligen: sie zĂŒnden ein Kaufhaus an, dreihundert saturierte BĂŒrger beenden ihr aufregendes Leben und BrĂŒssel wird Hanoi. Keiner von uns braucht mehr TrĂ€nen ĂŒber das arme vietnamesische Volk bei der FrĂŒhstĂŒckszeitung zu vergiessen. Ab heute geht er in die Konfektionsabteilung von KaDeWe, Hertie, Woolworth, Bilka oder Neckermann und zĂŒndet sich diskret eine Zigarette in der Ankleidekabine an. (...) Wenn es irgendwo brennt in der nĂ€chsten Zeit, wenn irgendwo eine Kaserne in die Luft geht, wenn irgendwo in einem Stadion die TribĂŒne einstĂŒrzt, seid bitte nicht ĂŒberrascht. Genausowenig wie beim Überschreiten der Demarkationslinie durch die Amis, der Bombardierung des Stadtzentrums von Hanoi, dem Einmarsch der Marines nach China.
BrĂŒssel hat uns die einzige Antwort darauf gegeben: burn, ware-house, burn!
Kommune I (24.5.67)“ [Flugblatt 8]

Die Folgen dieser provokativen Inszenierung ließen nicht lange auf sich warten. Polizei und Presse (z. B. „BZ“ vom 26. und 27. Mai 1967) reagierten sofort – auf die Kaufhaussatire folgte die Anklagesatire. Am 9. Juni 1967 bekamen die Kommunarden Post vom Generalstaatsanwalt des Berliner Landgerichts, in der Fritz Teufel und Rainer Langhans angeklagt wurden,
„durch Verbreitung von Schriften zur Begehung strafbarer Handlungen aufgefordert zu haben, nĂ€mlich zum vorsĂ€tzlichen Inbrandsetzen von RĂ€umlichkeiten, welche zeitweise dem Aufenthalt von Menschen dienen, und zwar zu einer Zeit wĂ€hrend welcher Menschen in denselben sich aufzuhalten pflegen. Die Aufforderung ist bisher ohne Erfolg geblieben.“ [63]

Die Scheininszenierung war erfolgreich. Polizei, Presse und Justiz hatten das Placebo geschluckt. Das Spektakel konnte beginnen.

Am 6. Juli 1967 begann vor der 6. Großen Strafkammer im, ĂŒberwiegend mit studentischem Publikum (ca. 80 Personen) und Pressevertretern (ca. 60) gefĂŒllten, Saal 500 des Landgerichts Berlin-Moabit der Prozess „wegen Aufforderung zur menschengefĂ€hrdenden Brandstiftung“. Den Vorsitz hatte Landgerichtsdirektor Schwerdtner. Oberstaatsanwalt Kuntze und ein weiterer Staatsanwalt waren Beisitzer. Verteidiger der Kommunarden: Rechtsanwalt und „Alt-SDS-Mitglied“ Horst Mahler.

Die Angeklagten wurden zur Sache befragt und erklĂ€rten, nichts habe ihnen ferner gelegen, als zur Brandstiftung aufzurufen, sie wollten lediglich in schockierender Form auf das amerikanische Vorgehen in Vietnam aufmerksam machen. Ihre Antworten waren stellenweise so geschickt, dass es ihnen gelang die AutoritĂ€t „Gericht“ lĂ€cherlich zu machen, sie zur Selbstentlarvung zu bringen und Reaktionen zu provozieren, die einzig den Kommunarden zum Vorteil gereichten. Hier einige AuszĂŒge aus der „1. Moabiter Seifenoper“: [64]

„SCHWERDTNER: Warum wurden nun gerade diese FlugblĂ€tter veröffentlicht, in denen es um den Brand des Warenhauses in BrĂŒssel ging?

TEUFEL: Es hat uns gereizt, die moralische Empörung der Leute hervorzurufen, die sich niemals entrĂŒsten, wenn sie in ihrer FrĂŒhstĂŒckszeitung ĂŒber Vietnam oder andere schlimme Dinge lesen.

SCHWERDTNER: Sie demonstrieren also gegen Vietnam? [sic!]

TEUFEL: Nicht nur, wir demonstrieren auch gegen die Saturiertheit und Selbstzufriedenheit...

SCHWERDTNER: Wer ist denn saturiert?

TEUFEL: Man kann es auch anders formulieren. Die Deutschen sind ein demokratisches, freiheitliches, tĂŒchtiges Völkchen. Sie haben zwar eine Menge Juden umgebracht, aber dafĂŒr werden jetzt mit deutschen Waffen Araber umgebracht, das ist eine Art Wiedergutmachung. – Es ist doch so: Je mehr von den Schwarzen oder Gelben da unten verrecken, desto besser ist es fĂŒr uns.

SCHWERDTNER (erschrocken): Das meinen Sie aber doch nicht ernst?
GelÀchter im Saal

TEUFEL: Doch – doch!

SCHWERDTNER: Und deswegen haben Sie das Flugblatt geschrieben?

TEUFEL: Wir wollten den Leuten mal wieder Gelegenheit geben, die Wirrköpfe und Radikalinskis angewidert zu beobachten und nach dem Kadi zu schreien.

StA KUNTZE: Und wenn nun irgendjemand auf den Gedanken gekommen wĂ€re, das zu probieren, was in den FlugblĂ€ttern steht, eine Zigarette in einer Umkleidekabine eines Warenhauses anzuzĂŒnden?

TEUFEL: Ich muß sagen, es ist keiner auf den Gedanken gekommen, daß man das tun könnte – bis auf den Herrn Staatsanwalt. Der hat es aber auch nicht getan, sondern eine Anklageschrift verfaßt.“

Am Nachmittag dieses ersten Verhandlungstages wurden von der Verteidigung bestellte Gutachter gehört, die ĂŒbereinstimmend zu dem Ergebnis kamen, dass es sich im Falle der FlugblĂ€tter um Dokumente bitterer Ironie, Parodie, Satire oder auch schwarzem Humor, aber keinesfalls um Aufforderungen zur Brandstiftung handele. [65] Am zweiten Verhandlungstag versuchte die nun arg in die Defensive geratene Berliner Justiz mit einem – wie sich herausstellen sollte unglĂŒcklich gewĂ€hlten – Entschluss die Notbremse zu ziehen. Um Zeit zu gewinnen, der mangelhaften Vorbereitung und dem schon erlittenen Imageverlust der Justiz zu begegnen, ordnete die Strafkammer die psychiatrische und neurologische Untersuchung der Angeklagten durch Obermedizinalrat Dr. Spengler an, der ein ausfĂŒhrliches, schriftliches und wissenschaftlich begrĂŒndetes Gutachten einreichen sollte. Die Hauptverhandlung wurde ausgesetzt.

Der Sommer 1967 wurde zum „Sommer der Kommune I“, die trotz (in der Regel demobilisierend wirkender) Semesterferien die antiautoritĂ€re Bewegung in Berlin am laufen hielt, ihre eigenen symbolischen Inszenierungen weiter perfektionierte, und zu einem regelrechten „Àsthetischen Schein des Kommunetheaters“ (Briegleb) verdichtete, wobei ihre bekanntesten Protagonisten den Status von Popstars erreichten.

Wichtigste Voraussetzung der Wirksamkeit ihrer symbolischen Politik von unten war die detaillierte Vorbereitung jeder Aktion. Dazu Langhans (1977):

„Unsere freudigen Mienen, unser Spaß, unsere intellektuellen FĂ€higkeiten waren sehr ausgeklĂŒgelt. Da war nichts ungeplant. Diese ganzen Gerichtsgeschichten waren eine unendlich durchkalkulierte Veranstaltung – immer mit dem GefĂŒhl, daß sie uns Punkte liefern mußte.“ Als ausgezeichnete Schauspieler zehrten sie dabei von der Überwindung der Trennung von privat und politisch: „Wir konnten, wenn sich jemand aufs GefĂŒhl zurĂŒckzog, den Intellekt einsetzen. Und wenn sich jemand auf seinem Intellekt ausruhte, dann konnten wir ihn so verunsichern, daß plötzlich sein Intellekt nicht mehr hielt. Die Folge war immer eine mangelhafte Reaktion.“ [66]

Aktionsvorbereitend auch das legendĂ€re „K I-PressefrĂŒhstĂŒck“ mit anschließender akribischer Archivarbeit. Morgens arbeitete man sich systematisch durch sĂ€mtliche Tageszeitungen. Berichte ĂŒber eigene Aktionen, Aktionen der antiautoritĂ€ren Bewegung oder anderweitig inspirierende Ereignisse wurden markiert, ausgeschnitten und im Wohnzimmer-BĂŒro der Kommunarden in Ordner geheftet. Hier herrschte nach Aussagen eines Spiegel-Reporters „adrette Ordnung“, schließlich handele es sich bei der K I ja um „eine deutsche Kommune“. [67] Aktionsplanung durch Medienanalyse: Worin fĂŒr die Kommunarden, analog zu ihrem Politikbegriff, ein wichtiges Element politischer Arbeit bestand, glaubten andere in erster Linie die Eitelkeit des Zeitungslesers zu erkennen, der im Betrachten seines Konterfeis die ErfĂŒllung sieht.


Zweiter Akt (Januar 1968 – Oktober 1968) – „Imagepflege“

Der erste grĂ¶ĂŸere Höhepunkt der KommuneaktivitĂ€ten 1968 bestand in der, nach eigenen Aussagen, „Neu-Inszenierung des Brandstifterprozesses“. Die Fortsetzung der im Juli 1967 ausgesetzten Hauptverhandlung begann am 4. und endete am 22. MĂ€rz 1968. WĂ€hrend der eigentlichen 8 Verhandlungstage zeigte sich, dass sich beide Seiten, sowohl Justiz als auch die Angeklagten Teufel und Langhans, gut vorbereitet hatten. Austragungsort diesmal: der bedeutend kleinere Saal 101 des Landgerichts. Lediglich 12 PlĂ€tze waren von Journalisten besetzt, und zwar von solchen, die mehrheitlich als stĂ€ndige Gerichtsreporter wirkten. FĂŒnf Uniformierte Polizisten und weitere Beamte in zivil nahmen beinahe die HĂ€lfte der verfĂŒgbaren PublikumsplĂ€tze ein und sorgten so dafĂŒr, dass eine „nichtbegrenzte Öffentlichkeit“ kaum möglich wurde. Wie hatte der Spiegel-Gerichtsreporter Gerhard Mauz den Beginn jener „2. Moabiter Seifenoper“ so treffend beschrieben: „Über die Toppen geflaggt, illuminiert mit einem Scheinwerfer in jedem Bullauge und hunderttausend Tonnen Wasser verdrĂ€ngend, fĂ€hrt das Zielschiff vor zwei mit SpatzenbĂŒchsen ausgerĂŒsteten Fischdampfern auf.“ [68]

Aber die „Fischer“ verstanden sich im Umgang mit ihren „SpatzenbĂŒchsen“. In ihren verbalen Darbietungen perfektionierten die beiden Angeklagten ihre, aus dem ersten Teil des Prozesses bekannten, Vorgaben. Eine Auswahl:

„LANGHANS (weiter): Es geht mir jetzt darum, Sie zu fragen, wie Sie darauf kommen können, daß das eine Aufforderung zur Brandstiftung sein könne, das ist doch blödsinnig.

SCHWERDTNER: Was soll das heißen?

LANGHANS: Das heißt, das wir Leute, die sich zur Brandstiftung aufgefordert fĂŒhlen, nur fĂŒr blöd halten können – und da hat sich das Gericht ja sehr hervorgetan.

StA TANKE: Auch in dieser Formulierung ist ein ungebĂŒhrliches Verhalten – ich stelle Antrag auf eine Ordnungsstrafe von einem Tag Haft.
(...)
TEUFEL [an den Schweizer Psychiater Dr. Georgi, einem Zeugen der Verteidigung, A. H.]: Eine Zusatzfrage: Gibt es in der Psychiatrie eine Krankheit, die man umschreiben könnte mit krankhaftem VerhĂ€ngen von Ordnungsstrafen. Sind FĂ€lle bekannt und welche Therapie wĂŒrden Sie vorschlagen?

SCHWERDTNER (lachend): Das ist wieder eine UnverschÀmtheit.
Beschluß: 2 Tage Haft.“

Gerade auch jenes psychiatrische Gutachten – der Grund fĂŒr die Vertagung des Prozesses im Juli 1967 – bot beste AngriffsflĂ€chen[69]:

„RA MAHLER: Was verstehen Sie als normales sexuelles Verhalten und was als abnormes, ganz allgemein?

SPENGLER: Wo da die Grenze liegt, ist sehr schwer zu sagen. (...)

RA MAHLER: Sie mĂŒssen aber doch die Tatsachen nennen können, auf denen das Gutachten basiert.
SPENGLER: Ich habe gesagt, ich habe Herrn Teufel in der damaligen Verhandlung wegen Landfriedensbruchs und auch hier beobachtet.

RA MAHLER: Und Sie meinen, daß sich da ein abnormes sexuelles Verhalten gezeigt hat?

TEUFEL (sanft): Habe ich etwa dem Vorsitzenden unsittliche AntrĂ€ge gemacht?“

Sie hatten ihr Ziel erreicht: die Justiz zu provozieren, deren hĂ€ufig absurd-bĂŒrokratische Formen durch Bloßstellung lĂ€cherlich zu machen und zu entlarven. Den Kommunarden war es ein weiteres Mal gelungen, den Gerichtssaal zu einer BĂŒhne ihrer symbolischen Politik umzufunktionieren. Die Angeklagten wurden auf Kosten der Landeskasse Berlin freigesprochen.

Auf einen anderen inszenatorischen Aspekt der K I-Symbolpolitik sei im Zusammenhang mit dem Prozess hingewiesen. Nennen wir ihn „Äußerlichkeiten“. Folgende Episode ereignete sich zu Beginn des ersten Prozesses gegen die Kommunarden im Juli 1967: einem jungen Mann mit dicht gelockten – und fĂŒr damalige VerhĂ€ltnisse langen – Haaren, der Sandalen, hellblaue schmutzige Jeans, ein weißes FrottĂ©-Hemd, eine rosa Leinenjacke und ein Mao-Abzeichen trug, wurde von einem Wachtmeister (zunĂ€chst) der Zutritt zum GerichtsgebĂ€ude verwehrt, da „Gammler hier keinen Zutritt hĂ€tten“. Bei dem jungen Mann handelte es sich um den Angeklagten Rainer Langhans.

Im MĂ€rz 1968 hatte man die Garderobe wiederum sehr sorgfĂ€ltig zusammengestellt. In der einerseits prĂ€zisen Beschreibung des Äußeren der beiden Angeklagten durch den Gerichtsreporter Gerhard Mauz schwingt zugleich schon die Wirkung mit, die hierdurch erreicht werden sollte:

„Rainer Langhans, 27, gleicht unter einem Atompilz von – eigens zur Sitzung vom Figaro hergerichteten – Locken einem Papua-Medizinmann. Zu einem lindgrĂŒnen Litewka-JĂ€ckchen [Uniformrock mit Umlegekragen, A. H.] mit orangenen Knöpfen, mit Mao-Kragen und Manschetten in blau trĂ€gt er hellblaue Jeans. Durch Lockenstrudel hinter kreisrunden BrillenglĂ€sern hervor spĂ€ht er mit den Augen eines melancholischen MĂ€userichs.

Fritz Teufel, 24, ist in einem fast knielangen Kittel oder Frisiermantel gekleidet, auf dessen Orange silberne Knöpfe blitzen, wĂ€hrend Manschetten und Mao-Kragen in Violett erstaunliche Akzente setzen. Haar und Bart dieses Angeklagten, eine perfekte Rundumfrisur, sind vergleichsweise dezent und erinnern an nicht mehr als den Klabautermann oder Oberammergau. Auch lassen die eher elliptischen BrillenglĂ€ser Fritz Teufel stillvergnĂŒgt wie Disneys Porky und nicht wie Karl Luxemburg blicken. Erst zwischen Kittelsaum und Boden gelingt ihm die totale SchĂ€ndung der abendlĂ€ndischen Kleiderordnung [sic!], trĂ€gt er doch dunkle Hosen mit Nadelstreifen, unter denen gelbe Socken in Wildlederschuhen stecken.“ [70]

Ein Charakteristikum von Kleidung ist, neben dem rein funktionalen Aspekt, die mit ihr transportierte Symbolhaftigkeit. So kann mittels Textil eine Einstellung, die Zugehörigkeit und Position innerhalb eines bestimmten Wertekanons, ein „AbgrenzungsbedĂŒrfnis“ zum Ausdruck gebracht werden. [71] Diese seit frĂŒhester Zeit allgemein bekannten Tatsachen hatten die K I-Mitglieder bereits in die Überlegungen ihrer großen Diskussionsrunden im MĂ€rz 1967 mit aufgenommen. Ein weiteres, in der „Abgrenzung“ gleichsam schon enthaltenes, Motiv ist „Selbstdarstellung“. FĂŒr die K I wurde dieses Motiv das Ausschlaggebendere im Umgang mit Kleidung. Möglich war damit die gezielte Provokation, so Kunzelmann, durch „Verkleiden und Entkleiden und auch durch Verkleidung etwas zu entkleiden.“ [72] Durch „Maskerade“ sollte gesellschaftliche Maskerade ad absurdum gefĂŒhrt werden (so bei weiteren K I-Aktionen am 9., 12., 18.8. und 15.9. 1967). Gerade bei den Kommune-Prozessen wurde deshalb, neben der inhaltlichen Vorbereitung, gesonderter Wert auf die Kleidungs-Auswahl gelegt, wie Kunzelmann weiter bestĂ€tigt.

Analog dem oben beschriebenen Politikbegriff der Kommune I verbindet sich in dieser Art der „Selbstdarstellung“ das Mittel, die Provokation, mit dem Zweck, der Inszenierung.

Kathrin Fahlenbrach vertritt in ihrer Studie die These, dass die Jugend- und Studentenbewegung der 1960er Jahre, die sie als „habituellen Generationenkonflikt“ beschreibt, als erste soziale Bewegung in der BRD ihren Widerstand gegen die kulturelle Ordnung („die Lebensformen der ‚Alten‘“) auf die „sichtbaren Signale der individuellen und kollektiven Selbstdarstellung der Aktivisten“ ausgeweitet habe. [73] Konkret kann man die These dahingehend zuspitzen, dass es hierbei gerade die Protagonisten der Kommune I waren, die es am besten verstanden mittels „sichtbarer Signale“ (bekleidet oder unbekleidet) die „etablierten ReprĂ€sentationsregeln“ zu durchbrechen. In der Bundesrepublik waren sie die ersten, die das große Feld der „Protestkommunikation“ dauerhaft und zukunftsweisend auf den Bereich „Selbstdarstellung“ konzentrierten. Die eigene Person als Transparent – privat gleich politisch.

Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 und den sich daran anschließenden „Osterunruhen“, mit Aktionen gegen Einrichtungen des Springer-Verlages und schweren Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei, geriet die APO in einen Zustand kopfloser Desorientierung, ein Nebeneinander von Handlungsdruck und (organisatorisch bedingter) HandlungsunfĂ€higkeit, aus dem sie bis zuletzt nicht wieder herausfinden wĂŒrde.

Die K I machte ihrem eigenen Stil folgend so weiter wie bisher. Seit dem 1. Mai 1967 bewohnten die Kommunarden ein 7-Zimmer-Domizil am Stuttgarter Platz. Die Wohnung Kaiser-Friedrich-Straße 54a, direkt am S-Bahnhof Charlottenburg, hatte sich mittlerweile zu einem regelrechten „Zentrum mit institutionellen Charakter“ entwickelt. [74] Neben festen Mitgliedern, wie dem Ur-Triumvirat Kunzelmann, Teufel, Langhans und „Neu-Mitgliedern“, wie z. B. Antje KrĂŒger herrschte ein fluktuierender Durchlauf von Hospitanten einer sich verbreiternden Subkultur. [75] Diese galt es aufzunehmen und in fĂŒr die ganze Bewegung fruchtbare Prozesse zu ĂŒberfĂŒhren. Bereits im Februar 1968 hatte die K I dazu aufgerufen, ein „Kommuneumfeld“ mit „Vorformen, Zugangswegen und ÜbergĂ€ngen“ zu schaffen, das auf die Besonderheiten dieser neuen Form des Zusammenlebens vorbereitet, um lĂ€ngerfristig weitere, im netzwerkartigen Austausch befindliche, Kommunen entstehen zu lassen. Die K I suchte nun nach geeigneten RĂ€umlichkeiten, in denen ein Zentrum mit Kneipe, Disco, Druckerei, Wohnmöglichkeit oder einfach Treffpunkt entstehen sollte, und fand sie in Gestalt eines alten dreistöckigen Hinterhof-FabrikgebĂ€udes in Berlin-Moabit. Der Umbau und die Renovierung der, ab dem 1. August 1968 gemieteten, „K I-Fabrik“ in der Stephanstr. 60 (heute ein Domizil des SOS-Kinderdorfs) beschĂ€ftigte die Kommunarden den grĂ¶ĂŸten Teil des Sommers. Einer, der den Einzug ins große „Matratzenlager in der offenen Fabrikhalle“ (Kunzelmann) nicht mehr mit vollzog war Fritz Teufel. Er befand sich seit Ende Juli in MĂŒnchen und wollte dort eine „Politkommune“ grĂŒnden. [76] Zum Bruch mit der Gruppe, vor allem mit Rainer Langhans, war es gekommen, weil dieser der entstandenen FĂŒrsorgetĂ€tigkeit fĂŒr die von seinem „Popstar-Kollegen“ Teufel nach kurzer Liaison ĂŒberdrĂŒssig gewordenen „Groupies“ nicht lĂ€nger nachzukommen gedachte. Teufel wiederum – der im Zuge seiner langandauernden Untersuchungshaft einen beachtlichen „Nachholbedarf“ entwickelt zu haben schien – war die Diskussionen mit Langhans leid. Sein Bekanntheitsgrad bereitete ihm offensichtlich VergnĂŒgen, dem er in MĂŒnchen noch besser nachkommen konnte. [77]

Den verbliebenen K I-Mitglieder in Berlin war indes auch daran gelegen, die MedienprĂ€senz nicht abreißen zu lassen und neben der Imagepflege ihrer Vorstellung von Politik wieder einmal Nachdruck zu verleihen. PĂŒnktlich zur herbstlichen Buchmesse in Frankfurt platzierten sie mit ihrem Buch „Klau Mich“ eine weitere intelligente Inszenierung. Das Buch versammelte neben den Gerichtsverhandlungsmitschriften der beiden Brandstifter-Prozesse und Materialien aus dem K I-Archiv eine „pikante“ Besonderheit: jedem Band war ein Blatt mit vier Porno-Bildern (zwei Fotos, zwei Comic-Darstellungen) beigelegt. Die Fotos zeigten aber nicht etwa Kommunarden und Kommunardinnen, sondern einen unbekleideten Herrn, Typ: „gutbĂŒrgerlich“ mit Fassonschnitt, Scheitel, Brille, Ehering und Socken (!), den Verkehr vollziehend mit einer Dame, Typ: Hausfrau und Mutter in plĂŒschigen Hausschuhen. Das alles findet vor dem Hintergrund einer anheimelnden kleinbĂŒrgerlichen WohnzimmeratmosphĂ€re, mit 50er Jahre Sitzgarnitur, Schrankwand und Gummibaum, vor – natĂŒrlich zugezogenen! – VorhĂ€ngen, statt. Die „Beilage“ hatte also nicht allein eine verkaufsfördernde Funktion, sondern entlarvte einmal mehr bĂŒrgerliche Doppelmoral. Trotz Ermittlungen der Westberliner Kriminalpolizei gegen den Verlag „Edition Voltaire“ und dessen Verleger Bernward Vesper, „die Sau“ – wie er im Impressum des Buchs betitelt wird – und trotz eines fĂŒr damalige VerhĂ€ltnisse hohen Taschenbuchpreises von 10 DM wurden die ersten 20.000 Exemplare von „Klau mich“ bereits vor der Buchmesse verkauft und machten es zu einem Bestseller des Herbstes. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten noch Wochen zu tun, bei den Auslieferern und in Buchhandlungen „Beilagen“ zu konfiszieren (was deren Wert in Sammlerkreisen ĂŒber die Jahre natĂŒrlich steigen ließ). [78]

Schnell ist man hier geneigt, den gĂ€nzlich unpolitischen Ausverkauf zu vermuten. Dennoch darf eines nicht vergessen werden: die Mitglieder der Kommune I waren Pioniere einer Methode kĂŒnstlicher Aufmerksamkeitserzeugung, die heute in nahezu jede Werbeagentur oder Consulting-Unternehmen Eingang gefunden hat. Es handelte sich hierbei nach wie vor um symbolische Politik und zwar in Form „subversiver Medienstrategien entlang der Grenze von Negation und Affirmation“, wie Fahlenbrach in ihrer Studie aufzeigt. <79>[1]

Das dialektische VerhĂ€ltnis zu den Medien, das hier zum Ausdruck kommt, brachte Fritz Teufel 1997 mit einfachen Worten auf den Punkt: „Die Springerleute waren unsere Mitarbeiter. Wir brauchten die. Die brauchten uns.“ [80] Seine Mitkommunardin Antje KrĂŒger Ă€ußerte sich Ă€hnlich:

„Wir konnten nur bestehen, weil sie [die Presse, A. H.] so hysterisch reagiert haben. Das war wie ein Pingpongspiel, das sich zu Squash entwickelte, immer hĂ€rter und schneller wurde auf beiden Seiten.“ [81]

Illustrierten-Artikel in denen auch schon mal die Gagen der K I thematisiert werden, bezeichnen zweifellos den mehr affirmativen Teil ihrer Medienstrategie, so ein Feature im Stern oder Teufels (fast) Nacktauftritt in der Zeitschrift twen, fĂŒr den er 1000 DM verdiente. [82] VordergrĂŒndig handelte es sich bei derlei Auftritten um einen „Subsistenz-Kompromiss“, oder wie es ein Leserbriefschreiber zum Teufel-Akt ausdrĂŒckte: „ein karitativer Eingriff in die Finanzkrise eines bĂ€rtigen Ex-Studenten“. [83]

Bei den 1.Essener Songtagen im SpĂ€tsommer 1968 machte Kommunarde Langhans die Bekanntschaft einer jungen Frau, die zur MĂŒnchner Musik-Kommune „Amon DĂŒĂŒl“ gehörte. Ihr Name, Uschi Obermaier (22 Jahre alt), gelernte Fotoretuscheurin und, dank eines nicht unattraktiven Äußeren, mittlerweile Fotomodell fĂŒr Zeitschriften wie twen (z.B. Titelbild 11/1968), Konkret u. a. Langhans und Obermaier wurden ein Paar, sie zog im Oktober in die Kommune I ein. Die „kulturell-symbolische Vereinnahmung durch den Zeitgeist“ (Fahlenbrach) schritt unaufhaltsam vorwĂ€rts.


Schlussakt (November 1968 - November 1969) – „Körper und Konflikte“

1969 – Letzte Phase des Bestehens der Kommune I und zugleich das „Jahr der Großen Konfusion“ (Dieter Kunzelmann). Die Jahreszahl kennzeichnet den Beginn einer markanten Entwicklung, fĂŒr Gerd Koenen:

„die entscheidende Phase jenes ‚Roten Jahrzehnts‘ [1967-1977, A.H.] in der MentalitĂ€tsgeschichte der Bundesrepublik, in der die sich auflösende und zugleich stets verbreiternde APO-Bewegung sich in eine Unmenge radikaler Politsekten und utopischer Sozialprojekte verpuppte und einen virulenten Underground terroristischer Gruppen aus sich entband.“ [84]

Der selbstgesetzte Handlungsdruck und die mangelnde FĂ€higkeit einer organisatorisch nicht fassbaren Bewegung gemeinschaftlich zu agieren auf der einen Seite, sowie die mangelnde FĂ€higkeit des Staates auf diese Bewegung angemessen zu reagieren auf der anderen Seite, hatten im Verlauf des Jahres 1968 dazu gefĂŒhrt, dass Gewalt als fester Bestandteil in der Auseinandersetzung zwischen beiden Seiten immer mehr etablierte. Ein circulus vitiosus.

Am Abend des 5. MĂ€rz 1969, eine knappe Woche nach dem Berlin-Besuch von US-PrĂ€sident Richard Nixon und just am Tage der Wahl des neuen BundesprĂ€sidenten Gustav Heinemann durch die Bundesversammlung im Palais am Funkturm, wurde bei einer Hausdurchsuchung im weitlĂ€ufigen Kommune I-Areal in der Stephanstr. eine selbstgebaute Bombe gefunden. Gegen Langhans und Kunzelmann erging Haftbefehl. Alles deutete darauf hin, dass die beiden, denen ein „versuchter Bombenanschlag auf ein Verfassungsorgan“ – namentlich: der Bundesversammlung – vorgeworfen wurde, eine lĂ€ngere GefĂ€ngnisstrafe zu erwarten hĂ€tten. Mit Hilfe ihrer Verteidiger Horst Mahler und Klaus Eschen, sowie einer unterstĂŒtzenden Justizkampagne, kamen sie Anfang April wieder auf freien Fuß. Eines stellten Polizei, Staatsanwaltschaft und Verfassungsschutz (deren Verbindungsmann Peter Urbach seit Mitte 1967 im Kommune-Umfeld agierte) tatkrĂ€ftig unter Beweis: in Sachen „Scheininszenierungen“ hatte man mittlerweile von der K I gelernt. [85] Dennoch waren die Anstrengungen zur Zersetzung der Kommune ĂŒbertrieben – in der K I-Fabrik hatte man lĂ€ngst von selbst damit begonnen.

Im FrĂŒhjahr 1969 fand die Kommune 2, von den K I-Mitgliedern zuletzt spöttisch „SDS-Außenposten mit WG-Charakter genannt“, ihr Ende. Überall das gleiche Motiv: „die RealitĂ€t der Auflösung, des Zerfalls“ (Kunzelmann) – eine RealitĂ€t, die die Akteure zwar wahrnahmen, aber nicht wahr haben wollten. Auch in der Kommune I hatten sich die Interessenlagen hin zum vermehrten Konsum von Rockmusik und Drogen verĂ€ndert. Vor allem letztere trieben den Auflösungsprozess voran. In Peter Moslers Satz, „Die Linke und die Droge wollten das Gleiche: die VerĂ€nderung der Sache durch ihr Gegenteil“ [86], kommt auch zum Ausdruck, wie man seinerzeit die emanzipatorische Funktion bewusstseinserweiternder Substanzen ĂŒberbewertet, ihre destruktive Wirkung ausgeblendet hatte.

Der Frankfurter Beat-Poet, Head-Shop-Betreiber und zeitweilig „gewerbsmĂ€ĂŸige“ Dealer P.G. HĂŒbsch – seit seiner Konvertierung zum Islam 1970 unter dem Namen Hadayat-Ullah HĂŒbsch – beschreibt in dem Kapitel ĂŒber ihn in Moslers Buch seine Zeit in der Kommune I. Bereits bei einem seiner ersten Besuche in der K I 1967 hatte er versucht sie „anzutörnen“, aber „sie wollten nicht kiffen“. Als er Ende 1968 fĂŒr einen lĂ€ngeren (diesmal garantiert nicht drogenfreien) Aufenthalt zurĂŒckkehrte, „war die Kommune eine festgefĂŒgte Gruppe unter der Magie des Rituals, des Zeremoniells geworden“, so HĂŒbsch. Es herrschte das Gesetz einer „prĂ€stabilisierten Harmonie, die nicht ins Wanken geraten durfte“:

„Wir hatten genug Geld und ein riesiges Haus, und waren Könige und rauchten unendlich viele kunstvoll gedrehte Joints mit langen, langen Filtern.“ [87]

DarĂŒber hinaus wurde auch STP konsumiert, eine auf Amphetaminbasis hergestellte, „verstĂ€rkte“ Variante von LSD, dessen halluzinogene Wirkung intensiver war, lĂ€nger andauerte und leichter zu psychotischen DauerzustĂ€nden fĂŒhren konnte.

Die Kommune I war in der Stephanstr. 60 auf dem RĂŒckzug in den Hedonismus einer Subkultur, als deren Zentrum man sich (hier in Berlin) ja sah. Die damit einhergehende hohe Fluktuation von „Sinnsuchern“, der stellenweise exzessive Drogengebrauch, sowie die neuerlichen Justizerfahrungen unter dem Damokles-Schwert einer lĂ€ngeren Haftstrafe, verursachten besonders zwischen den beiden verbliebenen Köpfen der K I, Kunzelmann und Langhans, psychische Spannungen und fĂŒhrten zu Konflikten innerhalb der Kommune. [88] Die „prĂ€stabilisierte Harmonie“ kippte. Anfang Juli 1969 warf eine Gruppe unter der FederfĂŒhrung von Rainer Langhans (darunter auch Holger Meins) Dieter Kunzelmann und dessen Freundin Ina Siepmann aus der Kommune I hinaus. Die Kommune I hatte mit dem Weggang Fritz Teufels und spĂ€testens seit dem Umzug in die „K I-Fabrik“, Stephanstr. 60 aufgehört in ihrer ursprĂŒnglichen Form zu existieren. In einem ansonsten sehr „boulevardesken“ Artikel ĂŒber „Das Ende einer Kommune“ stellten die Konkret-Autoren Werner Borsbach und Kai Ehlers schon 1969 treffend fest:

„Das Haus [Stephanstr. 60, A.H.] erwies sich mehr und mehr als bloße formale Klammer, die die auseinanderstrebenden Einzelinteressen der Gruppenmitglieder nur noch auf einer materiellen Grundlage miteinander verband und so jedem einzelnen auch den nötigen Schein einer Existenzberechtigung verschaffte.“ [89]

Bereits vor dem Rauswurf Kunzelmanns hatte die Kommune I ihre AktivitĂ€ten zunehmend von der Straße auf die Wohnung verlagert. Nun ging die Rest-Kommune unter der FĂŒhrung von Rainer Langhans dazu ĂŒber, die in den zwei vorangegangenen Jahren herausgebildete „Corporate Identity“ der K I zu vermarkten. Obwohl das ursprĂŒngliche Projekt ja im Grunde nicht mehr existierte, prĂ€gt erstaunlicherweise gerade diese Periode bis heute das Bild, den Mythos K I. Auf das Stichwort „Kommune I“ folgt hĂ€ufig als erster Kommentar „Uschi Obermaier“. Der Grund darin ist nicht zuletzt in zwei reichbebilderten Illustriertenartikeln zu finden, die von der Rest-Kommune im Juni und November des Jahres 1969 fĂŒr die Zeitschriften twen und Stern inszeniert wurden. [90]

Auf den Inhalt der beiden Artikel braucht nicht nĂ€her eingegangen werden. Eingebettet in belanglose Beschreibungen des Kommune-Alltags, wird hier wesentlich in beiden FĂ€llen die Person Uschi Obermaier behandelt. Entscheidend dabei: die visuelle Art der Selbstdarstellung in Jeans mit freiem Oberkörper und in den „eigenen vier WĂ€nden“. Kathrin Fahlenbrach nimmt in ihrer Studie auf diese beiden Artikel Bezug und resĂŒmiert:

„SpĂ€testens als das twen-Model Uschi Obermeier [eigtl. Obermaier, A.H.] in die Kommune einzieht, ist die Grenze zwischen subversiver Gestaltung der öffentlichen Selbstinszenierung und ihrer Assimilation durch die Zeitgeistmagazine fließend. Im Umgang mit den Medien professionell geschult, bietet Obermeier den Medien eine ideale ProjektionsflĂ€che zur visuellen Personalisierung des Kommune-Experiments.
Die von Anfang an im Fokus des medialen Interesses stehenden expressiven Grenzverletzungen werden so zunehmend in kanonisch wiederkehrenden visuell-symbolischen Modellen standardisiert. (...)
Nachdem die ‚Subversiven‘ ihre Kapitalismus- und Konsumkritik bewusst in der Inszenierung ihres eigenen medialen ‚Warencharakters‘ demonstriert haben, erschöpft sich ihr Protestpotential schließlich in ihrer Ă€sthetischen Ikonologisierung.“ [91]

Die subversive Medienstrategie, welche die K I auf der Basis ihres Politikbegriffs so spielerisch beherrscht und perfektioniert hatte, jene Gratwanderung entlang der Grenze von Negation und Affirmation, wurde jetzt in Richtung des letzteren ĂŒberschritten.

Hinzu trat, so Fahlenbrach weiter, eine „Re-Inszenierung expressiver Protestcodes“ in den Bildstrecken der Magazine. Doch es waren nicht allein die Medien, die hier „re-inszenierten“. Die im Rampenlicht stehenden Akteure waren daran gleichsam beteiligt. Eine ursprĂŒngliche „Corporate Identity“ der Kommune I wurde – durch beiderseitiges Zutun – auf das Paar Langhans/Obermaier reduziert und fand Eingang in ein „kulturelles GedĂ€chtnis“ (Jan Assmann), dessen FĂ€higkeit optische Reize zu speichern seit jeher ausgeprĂ€gter funktionierte. Die Ă€sthetisch-symbolischen Protestformen der Kommune I werden letzten Endes in einem Kommerzialisierungsprozess assimiliert, „der die Zeichen des Widerstandes und des Aufbegehrens entleert und sie als Markenzeichen eines kommerzialisierten Anspruchs zurĂŒcklĂ€sst.“ [92]

Was die Bewertung der Bedeutung der Kommune I fĂŒr die Geschichte der APO in der Bundesrepublik Deutschland betrifft, so wurde die Gruppe mit dem „Salz in der Suppe“, der „Hefe im trĂ€gen Teig des SDS“ oder auch dem „Sauerteig der Bewegung“ verglichen“. Den Charakterisierungen gemeinsam ist die Betonung eines die Wirksamkeit steigernden Moments, das von der Kommune I ausging. K. D. Wolff, SDS-Bundesvorsitzender 1967/68, hatte bereits 1985 darauf hingewiesen, dass ein wichtiger Anteil der K I bislang in der Betrachtung der APO immer unterschĂ€tzt worden sei: ihre „Massenwirksamkeit“. [93] Das was der SDS und die infolge seiner Auflösung zahlreich entstandenen „K-Gruppen“ meist vergeblich versucht hatten organisatorisch umzusetzen, war der Kommune I in den Jahren 1967/68 gelungen:

„Die Lust zur Selbstdarstellung und Selbststilisierung, die die Kommune I vormachte, wurde zwar gleich vom Bannstrahl des SDS getroffen. Aber die Bewegung kĂŒmmerte sich nicht sehr darum. Nicht nur Fritz Teufel und Rainer Langhans, Tausende entdeckten erst in dem kollektiven Gebrodel von 1968 ihre persönlichen Eigenarten. Die persönlichen und die politischen BedĂŒrfnisse, die sich spĂ€ter in feindliche Lager aufspalteten, waren nicht voneinander getrennt, und darin lag die Kraft dieses Aufbruchs.“ [94]

Kommune I, das war eine Fortsetzung des politischen Verkehrs, ein DurchfĂŒhren desselben mit anderen, – erweiterten – Mitteln.

Am 24. November 1969 meldete das (wiederholt erstaunlich gut informierte) Nachrichtenmagazin aus Hamburg die endgĂŒltige Auflösung der Kommune I – das hatte es etwas voreilig im Oktober 1967 schon einmal getan. Dieses Mal wĂŒrden sie Recht behalten.



Anmerkungen

* Kurzfassung einer Magisterarbeit im Fach Neuere und Neueste Geschichte am Institut fĂŒr Geschichtswissenschaften der Philosophischen FakultĂ€t I der Humboldt-UniversitĂ€t zu Berlin

1 Als Titelbild der Eigendruck-BroschĂŒre „Kommune I – Gesammelte Werke gegen uns“ Juni 1967, anschließend: Spiegel Nr. 27, 26.06.1967, S. 20 unter der Überschrift: „Kahle Maoisten vor einer kahlen Wand.“ Hier bereits das erste Mal mit retuschierten Geschlechtsteilen.

2 Mythos in dieser Lesart „verkĂŒrzt das historische Wissen in der RĂŒckschau auf wenige einprĂ€gsame Zeichen und Symbole“, welche „als BrĂŒcke zwischen dem historischen Ereignis und dem kollektiven GedĂ€chtnis der Gegenwart“ weiterwirken. Franz-Werner Kersting: Entzauberung des Mythos? Ausgangsbedingungen und Tendenzen einer gesellschaftsgeschichtlichen Standortbestimmung der westdeutschen ‚68er‘-Bewegung, in: Karl Teppe (Hg.): WestfĂ€lische Forschungen – Zeitschrift des WestfĂ€lischen Instituts fĂŒr Regionalgeschichte des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, 48/1998, MĂŒnster 1998, S. 1-19, hier: S. 1 u. 6.

3 Tilman Fichter/Siegward Lönnendonker: Kleine Geschichte des SDS. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund von 1946 bis zur Selbstauflösung, Berlin 1977; 2. ĂŒberarb. Aufl. unter dem Titel: Macht und Ohnmacht der Studenten: kleine Geschichte des SDS, Hamburg 1998. Etliche Titel zum Bereich „68“, in denen Kommune I thematisiert wird, beziehen sich hierauf. Daneben u.a.: Siegward Lönnendonker (Hg.): Linksintellektueller Aufbruch zwischen „Kulturrevolution“ und „kultureller Zerstörung“: der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) in der Nachkriegsgeschichte (1946-1969); Dokumentation eines Symposiums, Opladen 1998; Siegward Lönnendonker/Bernd Rabehl/ Jochen Staadt: Die antiautoritĂ€re Revolte. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund nach der Trennung von der SPD, Band 1: 1961-1967, Wiesbaden 2002.

4 Eine Auswahl: Interview mit Dieter Kunzelmann, in: Wolfgang Dreßen/Eckhard Siepmann (Hg.): Nilpferd des höllischen Urwalds. Situationisten, Gruppe SPUR, Kommune I, Gießen 1991, S. 116-143, 154-166, 194-212; Interview mit Antje KrĂŒger: die tageszeitung v. 10.04.1993; Interview mit Rainer Langhans: Joachim Soyka: Die wunderbare Wandlung des Rainer Langhans, in: Johann August SchĂŒlein (Hg.): Kommunen und Wohngemeinschaften: Der Familie entkommen?, Gießen 1978, S. 65-73; Interview mit Dagmar Przytulla (geb. Seehuber) in: Ute KĂ€tzel: Die 68erinnen, Berlin 2002, S. 201-219; desw. Biografien: Dieter Kunzelmann: Leisten Sie keinen Widerstand! Bilder aus meinem Leben, Berlin 1998; Ulrich Chaussy: Die drei Leben des Rudi Dutschke, Berlin 1993; Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben. Die TagebĂŒcher 1963-1979 (hg. v. Gretchen Dutschke), Köln 2003.

5 Ulrich Enzensberger: Die Jahre der Kommune I. Berlin 1967-1969, Köln 2004. Die autobiographische Darstellung des jĂŒngsten GrĂŒndungsmitglieds der K I erschien nach der Fertigstellung vorliegender Analyse, und fand hier noch keinen Eingang.

6 Fichter/Lönnendonker, Kleine Geschichte, S. 103; Peter BrĂŒgge: Die wilden 68er. Spiegel-Serie ĂŒber die Studentenrevolution, Spiegel-Spezial 1/1988, S. 50; Tobias MĂŒndemann: Die 68er ...und was aus Ihnen geworden ist, MĂŒnchen 1988, S. 103; Rechenschaftsbericht des SDS-Bundesvorstands zur 22. Delegiertenkonferenz, September 1967, zit. nach: Kommune 2: Versuch der Revolutionierung des bĂŒrgerlichen Individuums, Berlin 1969, S. 44; Neue Kritik Nr.41, April 1967, S. 21.

7 Wolfgang Kraushaar: SymbolzertrĂŒmmerung. Der Angriff der Studentenbewegung auf die Insignien universitĂ€rer Macht, in: ders.: 1968 als Mythos, Chiffre und ZĂ€sur, Hamburg 2000, S. 196-209, hier S. 203. Mit den „meisten Zeitgenossen“ meinte Kraushaar hier nicht allein die bĂŒrgerliche Öffentlichkeit, sondern gleichfalls Angehörige der Linken.

8 Guy Debord: Rapport zur Konstruktion von Situationen, Paris 1957, zit. nach: Dreßen/ Siepmann, Nilpferd, S. 76. Umfassend: Roberto Ohrt: Phantom Avantgarde – Eine Geschichte der Situationistischen Internationale und der modernen Kunst, Hamburg 1990; Situationistische Internationale 1958-69, Gesammelte Ausgaben des Organs der Situationistischen Internationale, 2 Bde., Berlin 1977.

9 In: Frank Böckelmann/Herbert Nagel (Hg.): Subversive Aktion. Der Sinn der Organisation ist ihr Scheitern, Frankfurt/a.M. 1976, S. 43.

10 Eckhard Siepmann im Vorwort zu: Dreßen/Siepmann, Nilpferd, S. 14.

11 Aus dem Manifest der Gruppe „Unverbindliche Richtlinien 2“, MĂŒnchen/Berlin/Assens, Dezember 1963; in: Böckelmann/Nagel, Subversive Aktion, S. 89 ff.

12 Dutschke und Rabehl schrieben z.B. ĂŒber Sozialimperialismus und Sozialdemokratie, Theorie und Praxis; Böckelmann und Kunzelmann ĂŒber James Bond, Oben ohne, Tramper etc.; Anschlag Nr. 1, August 1964, Nr.2, November 1964, wiederabgedruckt in: Böckelmann/Nagel, Subversive Aktion.

13 Diese bundesweit agierende Organisation suchte in intellektuellen Zirkeln (Arbeitskreise) nach einer zeitgemĂ€ĂŸen und alternativen sozialistischen Theorie jenseits der beiden Pole Sozialdemokratie und KPD/SED. In einem „Unvereinbarkeitsbeschluss“ war der SDS seiner politischen Zielrichtung wegen 1961 aus der SPD ausgeschlossen worden, nachdem sich die Mutterpartei bereits 1959 in den Godesberber BeschlĂŒssen von ihrer ehemals marxistisch geprĂ€gten Programmatik verabschiedet hatte. Vgl. Fichter/Lönnendonker, Macht und Ohnmacht, S. 83 ff.

14 In diesem, mit Jeanne Moreau und Brigitte Bardot besetzten Film fĂŒhrt eine wandernde Schauspieltruppe eine Revolution ausgebeuteter Landarbeiter in einem mittelamerikanischen Land an.

15 Herbert Marcuse: Triebstruktur und Gesellschaft, Frankfurt/a. M. 1956; Robert Paul Wolf/Barrington Moore/Herbert Marcuse: Kritik der reinen Toleranz, Frankfurt/a. M. 1966; Herbert Marcuse: The One-Dimensional Man. Studies in the Ideology of Advanced Industrial Society, Boston 1964 (dt.: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Darmstadt-Neuwied 1967, hier: MĂŒnchen 1998).
16 Chaussy, Drei Leben, S. 134 f.

17 Kommune I: Quellen zur Kommuneforschung, Berlin 1968, o. S.

18 Kommune 2, Versuch der Revolutionierung, S. 36.

19 Lönnendonker/Rabehl/Staadt, AntiautoritÀre Revolte, S. 314 ff.

20 Ulrich Enzensberger (1982) zitiert nach: Chaussy, Drei Leben, S. 162.

21 Es handelt sich um Kopien der Originalakten aus dem Besitz von Detlef Michel (war bis Ende MĂ€rz K I-Mitglied). Dieser hatte 1992 von einem unter dem Aktenzeichen 2 P Js 689/1967 gegen ihn eingeleiteten Ermittlungsverfahren aus dem Jahre 1967 Kenntnis erlangt, und daraufhin seine RechtsanwĂ€ltin Ulrike Kolneder-Zecher mit der KlĂ€rung des Sachverhaltes beauftragt. Die Akteneinsicht ergab, dass das Ermittlungsverfahren (eingestellt am 5. Juni 1967) auf einer Strafanzeige vom 18. April 1967 basierte. Aufgrund eines der Berliner Polizei bereits fĂŒnf Tage vor Veröffentlichung zugespielten Artikels ĂŒber die K I in der illustrierten Wochenzeitschrift „Stern“ (Nr. 17/1967, 23.04.1967, S. 21/22) hatte ein diensteifriger Kriminalobermeister, namens Gutjahr, „von Amts wegen“ Strafanzeige gegen Rainer Langhans u. a. erstattet. Er glaubte in dem Stern-Artikel „mit Strafe bedrohte Handlungen der interviewten Personen“ erkannt und herausgelesen zu haben, „daß die AnhĂ€nger der ‚Kommune‘ der Kuppelei nach § 180 StGB frönen“. In: APO-Archiv, Ordner K I, Justiz I.

22 „Da Wesen und Zielsetzung der Kommune sowie Hinweise auf geplante bzw. durchgefĂŒhrte strafbare Handlungen aus diesen Aufzeichnungen hervorgehen, wurden die Aufzeichnungen auf hiesiger Dienststelle wörtlich abgeschrieben und die Leseabschriften als Beweismittel zum anliegenden Vorgang [der Kuppelei-Anzeige, A. H.] in Fotokopie beigegeben. Das Original der Aufzeichnungen befindet sich als Asservat beim Hauptvorgang, Az.: GenStA Bln.- 1 P Js. 236/67 [dem Vorwurf der Anschlagsplanung gegen Humphrey, A. H.].“, Ebd., S. 7.

23 Die Leseabschriften beider Hefter wurden auf der Polizeidienststelle als „Bl. 11-73“ durchnummeriert. Es muss hier darauf hingewiesen werden, dass der Beamte, der die Auswertung und Nummerierung der Unterlagen vornahm, diese lediglich in der Reihenfolge bearbeitet hatte, wie er sie auf den Tisch bekam. D.h., da die Aufzeichnungen offenbar durcheinander geraten waren, ergab sich eine chronologisch schlĂŒssige und inhaltlich logische Sortierung erst nach nochmaliger genauer Durchsicht. Als Seitenangabe beziehe ich mich auf die von mir vorgenommene Neunummerierung mit Angabe der ursprĂŒnglichen Nummerierung in Klammern. Bernd Rabehl, der diese Unterlagen als erster in seinem Aufsatz „Provokationselite“ (in: Lönnendonker/Rabehl/Staadt, AntiautoritĂ€re Revolte, S. 400-512) verwendete, hat diesen Fakt nicht beachtet, weshalb dessen Interpretationen stellenweise mit Vorsicht zu behandeln sind.

24 Problematisch ist die Frage nach der jeweiligen Urheberschaft der einzelnen Abschnitte. Anhaltspunkte finden sich in dem zweiten, dem gelben Hefter, der die Aufschrift „Kommune-Protokolle Dagmar“ trug (Ebd., S. 42 (52) – 63 (71)). Dagmar Seehuber hat hier in ihren eigenen Stichpunkten einen Teil der GesprĂ€che kommentiert, die zeitgleich im roten Hefter dokumentiert wurden. Die Quelle „gelber Hefter“ bildet gewissermaßen ein Pendant – ein besonders fĂŒr den Historiker erfreuliches Vergleichsmuster – zur Quelle „roter Hefter“.

25 Vgl. im Folgenden: Roter Hefter, S. 17 (36) u. 18 (37); Gelber Hefter, S. 46 (64) - 49 (67).

26 Vgl. Kunzelmann, Widerstand, S. 63, Auswertungsbericht der Kriminalpolizei.

27 Vgl. im folgenden: Roter Hefter, S. 28 (38) - 30 (40) u. parallel dazu Gelber Hefter, S. 50 (68), 51 (69), 52 (53) - 56 (57).

28 Vgl. Kommune 2, Versuch der Revolutionierung, S. 41.

29 Die Protokoll-Notizen vom 1. – 4. April. Vgl. Roter Hefter, S. 35 (45) bis 40 (50) und Gelber Hefter, S. 59 (72), 60 (73) u. 61 (60).

30 Vgl. Kommune 2, Versuch der Revolutionierung, S. 41 ff.; Rabehl, Provokationselite, S. 445 ff.

31 Konkret Nr. 13, 21.10.68, S. 35. Das Buch, ein bunter Mix aus gesammelten Zeitungsartikeln ĂŒber die K I und Mitschriften ihrer Gerichtsverfahren, war zur Buchmesse 1968 vorgestellt worden und dank der mittlerweile sehr publicity-trĂ€chtigen Namen seiner (zumindest auf dem Cover vermerkten) Autoren zu einem Top-Seller avanciert. Rainer Langhans/Fritz Teufel: Klau mich, Frankfurt/a.M./Berlin 1968 (in unverĂ€nderter Nachauflage beim Verlag Trikont, MĂŒnchen 1977).

32 Klaus Hartung: Versuch, die Krise der antiautoritÀren Bewegung wieder zur Sprache zu bringen, in: Kursbuch 48/1977, S. 14-43, hier S. 15.

33 Auch wenn eigentlich klar wird, wie Hartung den Begriff „Politische Partisanen“ hier verstanden wissen wollte, nĂ€mlich mehr als metaphorische Abgrenzung der „politisch irregulĂ€r, also von der Norm abweichend Agierenden“ zu den „politisch regulĂ€r bzw. traditionell Agierenden“, so soll hier doch darauf hingewiesen werden, dass die Gestalt des Partisanen per se politisch ist. Die „gesteigerte IntensitĂ€t des politischen Engagements“ zĂ€hlt neben der IrregularitĂ€t, erhöhter MobilitĂ€t und dem tellurischen Charakter (Carl Schmitt, Theorie des Partisanen, 1963) zu seinen wesentlichen Merkmalen. Der Begriff „Politische Partisanen“ ist daher etwas irrefĂŒhrend. Vgl. z.B. Herfried MĂŒnkler (Hrsg.): Der Partisan. Theorie, Strategie, Gestalt, Opladen 1990.

34 Klaus Hartung: Die Psychoanalyse der KĂŒchenarbeit. Selbstbefreiung, Wohngemeinschaft und Kommune, in: Heiss und Kalt: die Jahre 1945-69; das BilderLeseBuch, (Red. Eckhard Siepmann u.a.), Berlin 1986, S. 556-560.
35 Kraushaar, SymbolzertrĂŒmmerung, S. 203.

36 Gerd Koenen: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977, Köln 2001, S. 158.

37 Alexander Mitscherlich: Vaterlose Gesellen, in: Spiegel Nr. 15, 08.04.1968, S. 81-84, hier S. 84. Die K I hat diesen Fakt auch nie geleugnet. Vgl. Selbstdarstellung der Kommune, in: FU-Spiegel Nr. 57, Mai 1967, S. 6.

38 Erika Fischer-Lichte: Inszenierung und TheatralitÀt, in: Herbert Willems/Martin Jurga (Hg.): Inszenierungsgesellschaft, Opladen 1998, S. 81-90, hier S. 88.

39 Franz Schneider (Hg.): DienstjubilĂ€um einer Revolte: „1968“ und 25 Jahre, MĂŒnchen 1993, S. 31.

40 Ebd., S. 31; vgl. auch: Bertolt Brecht: Über eine nichtaristotelische Dramatik, Gesammelte Werke, Frankfurt/a. M. 1967, S. 302.

41 Wolfgang Ruppert (Hg.): Um 1968: die ReprÀsentation der Dinge, Marburg 1998, S. 22 f.

42 Thomas Meyer: Die Inszenierung des Scheins. Voraussetzungen und Folgen symbolischer Politik, Frankfurt/a. M. 1992, S. 177.
43 Ebd., S. 63.

44 Meyer definiert zivilen Ungehorsam als „symbolische Inszenierung des Widerstandes einer Minderheit gegen die Politik der Mehrheit.“ Ebd., S. 100.

45 Ebd., S. 185.

46 Rainer Langhans: In einer gemeinsamen ekstatischen Erfahrungsmöglichkeit, in: Gerd Conradt: Starbuck Holger Meins. Ein Portrait als Zeitbild, Berlin 2001, S. 100-102.

47 Kunzelmann, Widerstand, S. 64.

48 Vgl., ebd. S. 67 f. Faksimile eines Berichts der Kriminalpolizei vom 8. April 1967. Daraus geht hervor, dass Uwe Johnsons Nachbar GĂŒnter Grass, den er mit dem Rauswurf der Kommunarden aus seiner Wohnung beauftragt hatte, dieser Bitte zwar nachkam, er der K I jedoch die Möglichkeit gab, die Wohnung nach der „Entsiegelung“ durch einen Polizeibeamten nochmals zu betreten. Mit dabei: Stern-Reporter Wilfried Ahrens (im Bericht fĂ€lschlicherweise mit „Ahrendt“ angegeben). Resultat ist der Artikel „Pack die Sahnetörtchen ein“ in: Stern Nr. 17, 23. 04. 1967, S. 20-22.

49 Ebd., S. 22. Wie aus den Protokollen der vorangegangenen Diskussionen in der K I hervorging, spielte zu diesem Zeitpunkt weder Mao eine theoretische Rolle, noch waren die sexuellen Probleme in irgendeiner Weise „entkrampft“ worden.

50 Peter BrĂŒgge in: Joachim Preuß (Red.): Spiegel-Spezial: Die wilden 68er. Die Spiegel-Serie ĂŒber die Studentenrevolution, Hamburg 1988, S. 51.

51 Dagmar Przytulla (geb. Seehuber) in: KĂ€tzel, 68erinnen, S. 213 f. Auf dem Bild sind v. l. n. r. zu sehen Dieter Kunzelmann, Gertrud „Agathe“ Hemmer von der K 2, Volker Gebbert, Dagmar Seehuber, Rainer Langhans, Dorothea Ridder, Ulrich Enzensberger und Nessim, der dreijĂ€hrige Sohn von Gertrud Hemmer.

52 Spiegel-Autor Peter BrĂŒgge in: „Lieber Fritz! Wem soll das nĂŒtzen?“, Spiegel Nr. 31, 24.07.1967, S. 37-39.

53 Eckhard Siepmann: Genital versus PrĂ€genital. Die GroßvĂ€ter der sexuellen Revolution, in: Che, Schah, Shit: die Sechziger zwischen Cocktail und Molotow, (Redaktion E. Siepmann u. a.), Berlin 1984, S. 101.

54 Heinrich Mehrmann: Erobern Kommunen Deutschlands Betten? Mehr Sex mit Marx und Mao, in: pardon Nr. 8, August 1967, S. 16-23.

55 Reimut Reiche: SexualitÀt und Klassenkampf. Zur Abwehr repressiver Entsublimierung, Frankfurt/Main 1971 (1968), S. 155 f.

56 Daneben spielen hier offenbar GrĂŒnde eine Rolle, die nahe legen, wie „politisch“ das „Private“ per se immer war: der gebĂŒrtige Berliner Reiche war 1964 nach Frankfurt/Main ĂŒbergesiedelt und auf der 21. Delegiertenkonferenz des SDS im September 1966 zum neuen Bundesvorsitzenden (Stellvertreter: Peter GĂ€ng) gewĂ€hlt worden. Startschwierigkeiten im Amt, FraktionskĂ€mpfe oder die durch die Berliner AntiautoritĂ€ren verursachte und fĂŒr den SDS turbulente Kommunediskussion (Vgl. Lönnendonker/Rabehl/Staadt, AntiautoritĂ€re Revolte, S. 149-169) bildeten Reiches zeitnahen Erfahrungshintergrund und prĂ€gten sein Bild der K I (Reiche im Spiegel Nr. 29, 10.07.1967, S. 27: „Neurotiker mit Sohn-Vater-Komplexen und Sexualschwierigkeiten“). Auch in spĂ€teren Arbeiten Reiches erscheint die K I als eine Art „geliebter Feind“, wenn es darum geht, seine, mitunter doch eigenwilligen, Thesen zur „Sexualisierung“ der „68er“-Bewegung zu untermauern. Vgl. Ders.: Die sexuelle Revolution - Erinnerung an einen Mythos. In: Die FrĂŒchte der Revolte. Über die VerĂ€nderung der politischen Kultur durch die Studentenbewegung, Berlin 1988, S. 45-71.

57 Kathrin Fahlenbrach: Protest-Inszenierungen. Visuelle Kommunikation und kollektive IdentitÀten in Protestbewegungen, Wiesbaden 2002, S. 164 f.

58 „Sie kĂŒĂŸten und sie trennten sich. Klaus Rainer Röhl ĂŒber die Berliner Liebeskommune“ in: Konkret Nr. 8, August 1967, S. 6 f. Eine hochgradig ĂŒberzeichnende und subjektiv-diffamierende, bisweilen chauvinistische „Innenansicht“, die fast wie eine K I-typische Inszenierung daherkommt. Vgl. auch: Leserbrief des Schriftstellers Peter Handke zu diesem Artikel, in: Konkret Nr. 10, Oktober 1967, S. 29, einer energischen Gegendarstellung und zugleich brillanten Medienanalyse des Röhl-Artikels.

59 FlugblÀtter Nr. 1-26 und unnummerierte Exemplare komplett in: APO-Archiv, Ordner K I.

60 Wolfgang LefĂšvre: Referat zur BegrĂŒndung des Antrags auf Ausschluß der Kommune I aus dem Berliner SDS, in: Siegward Lönnendonker/Tilman Fichter (unter Mitarbeit von Claus Rietzschel): FREIE UNIVERSITÄT BERLIN 1948-1973. Hochschule im Umbruch, Teil IV 1965-1967: Die Krise, Berlin 1975 (FU-Dokumentation Teil IV), Dokument 702.

61 Vgl. die Diskussion „Provokation und Öffentlichkeit“ zwischen Dirk MĂŒller und Dieter Kunzelmann in: Siegward Lönnendonker/Jochen Staadt (Hg.): 1968. Vorgeschichte und Konsequenzen. Dokumentation der Ringvorlesung vom Sommersemester 1988 an der FU-Berlin, Berlin 1998, Ringvorlesung am 18. Mai 1988. Interessant ist nĂ€mlich, wer da im Mai 1967 wen ausschließt. Auch LefĂšvre war 1966/67 in der Ur-Kommunegruppe (Vgl. Soyka, Die wunderbare Wandlung, S. 69). Das Referat ist somit zugleich eine Verabschiedung der antiautoritĂ€ren Berliner SDSler – zumindest derjenigen, die den Einzug in eines der Wohnkollektive nicht vollzogen hatten – von der Kommune-Idee als potentiellem Organisationsprinzip.

62 Klaus Briegleb: 1968 - Literatur in der antiautoritÀren Bewegung, Frankfurt/a.M. 1993, S. 64-66.

63 Anklageschrift Landgericht Berlin (Az. (506) 2 P Js 749/67 (55/67)), 9. Juni 1967, in: Kommune I, Gesammelte Werke gegen uns, S. 29. Angesichts dieser Zeilen drĂ€ngt sich einem die Frage auf, wer hier den ausgeprĂ€gteren Sinn fĂŒr sprachliche Satire besaß, [A. H.].

64 Bei den hier zitierten Protokollen ĂŒber die Gerichtsverhandlungen, wie sie die K I in „Klau mich“ abgedruckt hat, handelt es sich um Mitschriften des Ehepaares Hans-Joachim Frohner und Frau, die zum damaligen Zeitpunkt die Rundfunk-Sendung "procontra - Menschen und Paragraphen" machten und daher eine ganze Reihe zeitgemĂ€ĂŸer Verhandlungen in einer zum eigenen Gebrauch entwickelten Stenogrammschrift sinngemĂ€ĂŸ dokumentierten, die sie glĂŒcklicherweise im Anschluss ins Hochdeutsch ĂŒbertrugen. In: APO-Archiv, blaue Mappe, Frohner-Unterlagen: Prozessmitschriften K I, Kurras u.a. (unsortiert).

65 Neben den vier SachverstĂ€ndigen vor Gericht, den FU-Professoren Fritz Eberhard (Institut fĂŒr Publizistik: „geschmacklos, töricht – zweifelsfrei satirisch“), Peter Szondi (Vergleichende Literaturwissenschaft: „fingierte Reklame-Satire wurde als direkte Äußerung der Verfasser mißverstanden“), Jacob Taubes (Philosophisches Seminar, Abt. Hermeneutik: „Surrealistische Dokumente – K I Objekt fĂŒr Religionsgeschichte und Literaturwissenschaft, aber nicht fĂŒr Staatsanwalt und Gericht“) und Peter Wapnewski (Germanisches Seminar, Philologe: „...in dem berĂŒhmten Wort des Götz von Berlichingen sehe ja auch niemand eine Aufforderung zur Aktion“), lagen weitere Gutachten von GĂŒnter Grass, Hans-Werner Richter, Dr. Alexander Kluge (Hochschule fĂŒr Gestaltung Ulm), Prof. Dr. Michael Landmann (FU), Prof. Dr. Eberhard LĂ€mmert (FU), Prof. Charles H. Nichols (FU), Prof. Dr. Walter Jens (TĂŒbingen) sowie Prof. Helmar G. Frank (PĂ€dagogische Hochschule Berlin) u. a. vor.

66 Langhans in: Soyka, Die wunderbare Wandlung, S. 70.

67 Peter BrĂŒgge in: Spiegel Nr. 31, 24.07.1967, S. 39.

68 Spiegel Nr. 11, 11.03.1968, S. 68.

69 Die Angeklagten ließen eine körperliche Untersuchung zu, eine psychiatrische verweigerten sie erwartungsgemĂ€ĂŸ, weshalb sich Spenglers „Gutachten“ im wesentlichen auf Akteneinsicht des ersten Prozesses, Beobachtungen des Landfriedensbruch-Prozesses gegen Teufel Ende November 1967 und EindrĂŒcken aus der aktuellen Hauptverhandlung stĂŒtzte.

70 Spiegel Nr. 11, 11.03.1968, S. 68; Langhans und Teufel sind in diesen Outfits abgebildet z. B. in: Michael Ruetz. 1968. Ein Zeitalter wird besichtigt, Frankfurt/M. 1997, S. 154 f. sowie Teufel in besagter Jacke in Farbe auf einem Bild von Werner Kohn, Sammlung Werkbundarchiv, in: Dreßen/Siepmann, Nilpferd, S. 190.

71 Marion Grob: Das Kleidungsverhalten jugendlicher Protestgruppen in Deutschland im 20. Jahrhundert, MĂŒnster 1985, S. 239-253.

72 Zit. nach: Grob, Kleidungsverhalten, S. 247.

73 Fahlenbrach, Protest-Inszenierungen, S. 12.

74 Michael „Bommi“ Baumann: Wie alles anfing, Berlin 1991 (zuerst MĂŒnchen 1975), S. 27.

75 „In ErzĂ€hlungen 3000, tatsĂ€chlich nicht mehr als 25.“ Kunzelmann (sinngemĂ€ĂŸ) in: Dreßen/Siepmann, Nilpferd, S. 212.

76 Berliner Extra-Dienst (BED) Nr. 58, 20.07.1968, S. 2.

77 Kunzelmann, Widerstand, S. 101; GesprĂ€ch Langhans u. Teufel in: Spiegel Nr. 25, 15.06.1998, S. 80-85. Vgl. auch: Spiegel Nr. 31, 29.07.1968, S. 29, Teufels erste publicity-trĂ€chtige „Aktion“ in einem MĂŒnchner Lokal: eine Portion LeberkĂ€se mit Salat und Ei ins Gesicht des Wirtes, der sich lautstark weigerte „Gammler“ zu bedienen.

78 Vgl. BED Nr. 80/II, 05.10.1968, S. 3 u. BED Nr. 96/II, 30.11.1968, S. 2. Aktueller Wert einer Erstausgabe von „Klau mich“ mit der „Beilage“: je nach Zustand zwischen 52,50 und 106 EUR; gesehen bei http://www.zvab.com (13.07.2004).

79 Fahlenbrach, Protest-Inszenierungen, S. 189.

80 Spiegel Nr. 24, 09.06.1997, S. 76.

81 die tageszeitung, 10. April 1993, S. 48; Vgl. auch Kunzelmann in: Zitty Nr. 20/1984, S. 62.

82 Stern Nr. 15, 14.04.1968, S. 64-66; twen Nr. 11, November 1968, S. 86/87; twen Nr. 4, April 1969, S. 7.

83 twen Nr. 2, Februar 1969, S. 14.

84 Gerd Koenen: Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus, Köln 2003, S. 13.

85 Zu Einzelheiten und der Rolle des V-Mannes Urbach vgl. Konkret Nr. 6, 10.03.1969 u. Konkret Nr. 9, 22.04.1969; Kunzelmann, Widerstand, S. 107 ff.; Koenen, Jahrzehnt, S. 173 f.

86 Peter Mosler: Was wir wollten, was wir wurden. Studentenrevolte – zehn Jahre danach, Reinbek bei Hamburg 1977, S. 98.

87 HĂŒbsch in: Mosler, Was wir wollten, S. 114.

88 Vgl. Kunzelmann, Widerstand, S. 110 ff.

89 Konkret Nr. 1 (1970), 31.12. 1969, S. 20.

90 Julia MĂŒller/Guido Mangold (Fotos): Miss Kommune und ihr Leben zu acht, in: twen Nr. 6, Juni 1969, S. 6-11 u. Hannelore von der Leyen/Werner Bokelberg (Fotos): Das ist die Liebe der Kommune, in: Stern Nr. 46, 09.11.1969, S. 26-35.

91 Fahlenbrach, Protest-Inszenierungen, S. 222 f.

92 Karl-Heinz Stamm: Alternative Öffentlichkeit : die Erfahrungsproduktion neuer sozialer Bewegungen, Frankfurt/a.M. [u.a.] 1988, S. 127, zit. nach: Fahlenbrach, Protest-Inszenierungen, S. 223.

93 Vgl. Beitrag von K. D. Wolff in: Lönnendonker, Linksintellektueller Aufbruch, S. 211.

94 Der Schriftsteller Peter Schneider: Kultur in Revolte, in: Zeitung fĂŒr eine Neue Linke (ehem. Langer Marsch) Nr. 1 (28), Juli 1977, S. 15.