KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2005
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Alexander Holmig
„Wenn`s der Wahrheits(er)findung dient ...“
Wirken und Wirkung der Berliner Kommune I (1967-1969)*
Anlauf: Paris - München - Westberlin
Prolog: "Revolution von innen und außen?"
Totalisierung der Politik durch Inszenierung des Scheins
Erster Akt: "Der große Tanz"
Zweiter Akt: "Imagepflege"
Schlussakt: "Körper und Konflikte"


„Was ist die Kommune, diese Sphinx, die den
Bourgeoisverstand auf so harte Proben setzt?“

(Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich)


Kommune I. Wenn überhaupt noch im kollektiven bundesrepublikanischen Gedächtnis aufzufinden, so ist das zunächst einmal ein Bild: Sieben Erwachsene, drei Frauen und vier Männer, sowie ein kleines Kind stehen nackt mit dem Gesicht zu einer Wand. Die Wand ist, bis auf ein kleines Waschbecken links der Gruppe, weiß und kahl. Ihre Arme sind erhoben, ihre Beine wie bei einer polizeilichen Feststellungsmaßnahme leicht gespreizt. Abgesehen von dem kleinen Kind, das sich im Augenblick der Aufnahme dem Fotografen zugewandt hat, sind von den Beteiligten lediglich die unbedeckten „Rückansichten“ zu sehen.

Seit seiner ersten Veröffentlichung erhielt dieses Bild des Fotografen Thomas Hesterberg durch die bis heute kanonische Wiederholung in den Medien eine nahezu symbolische Dimension. [1] Immer dann, wenn in den Medien von den sogenannten „68ern“ – einer mehr bequemen als wirklich aussagekräftigen Sammelbezeichnung der Studenten- und Jugendbewegung Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts in der Bundesrepublik Deutschland – die Rede ist, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass jenes Bild auftaucht. Mit diesem Foto transportiert sich auch ein bestimmtes Image der Gruppe der dort (Selbst-) Dargestellten. Kommune I, das war und ist für Zeitgenossen und auch Nachgeborene in spontaner Assoziation freie Liebe und Promiskuität, groteskes sich gebärden in der Öffentlichkeit, Namen wie Teufel, Langhans, Kunzelmann, Vollbart und Nickelbrille, wallende Locken oder auch der tolle Körper der schönen Uschi Obermaier. Geistiger Motor einer – keineswegs allein – bürgerlichen Neugier und Fantasiewelt. Mythos. [2]

Innerhalb des Gesamtkomplexes Jugend- und Studentenbewegung der 60er Jahre gehörte die Berliner Kommune I zu jenen Gruppierungen, die sich im Umfeld des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) herausbildeten und von innen und außen auf diesen Verband – dem „Motor der außerparlamentarischen Opposition“ (Wolfgang Kraushaar) – und somit auf die gesamte Bewegung maßgeblichen Einfluss ausübten. Das wesentliche Merkmal der Kommune bestand in ihrem besonderen politischen Selbstverständnis, der Betonung des subjektiven Faktors – amalgamiert in der Forderung „das Private ist politisch“ – und ihren daraus abgeleiteten Aktionsformen, seien es Regelüberschreitungen und Provokationen direkter (Happening) und indirekter (literarischer) Art, die Gegenstand der hier verfolgten Analyse sind.

Eine Beschäftigung mit der Kommune I fand bisher hauptsächlich im Rahmen spezieller Darstellungen zur Erforschung der Geschichte des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) statt. [3] Nun entwickelte sich die Kommune I zwar aus dem SDS heraus, wurde aber später vom Verband ausgeschlossen. Die Zeit nach ihrem Ausschluss kommt dort nur am Rande in den Blick. Durch die Existenz verschiedenster Fraktionierungen innerhalb des SDS, sowie der Gruppierungen in seinem Umfeld war außerdem das, was augenscheinlich geschlossen unter der Bezeichnung „APO-Berlin (West)“ firmiert, durch eine ambivalente Struktur gekennzeichnet. Soweit die Autoren der bekannten Literatur zum Thema selbst Akteure und ehemalige Mitglieder unterschiedlicher Fraktionen des SDS waren, ist es hier also notwendig das Spannungsverhältnis von wissenschaftlicher Ambition, biografischen Aspekten und zeitlichem Abstand im Blick zu behalten. Ähnliches trifft auf Interviews, (auto-)biografische und Tagebuchaufzeichnungen ehemaliger Kommunarden/-innen und Personen aus dem Gründerkreis und Umfeld der Gruppe zu, die hier u. a. ausgewertet wurden.[4] Ende 2004 erschien erstmalig eine Monographie über die Kommune I. [5]

Bei der Beschäftigung mit der Literatur zum Thema Kommune I fällt auf: ein ironischer, bisweilen sarkastischer Unterton schwingt vor allem in älteren Publikationen mit. Präformierende Zuschreibungen für die K I wie z.B. „existenzialistische Pseudolinke“, „Politclowns“, „Springers Hofnarren“, „Horrorkommune“ etc. finden dabei Verwendung, wirken von vorn herein diskreditierend und erschweren den unvoreingenommenen Zugang zum historischen Gegenstand. [6] Wolfgang Kraushaar hat darauf hingewiesen, dass die Mitglieder der „Protagonisten einer Aktionsmethode [darstellten], die für eine gewisse Zeit außerordentlich erfolgreich war“, die dabei aber „von den meisten Zeitgenossen nicht verstanden wurde“. [7] Was genau kennzeichnet den Politikbegriff – das „Politische“ – der Kommune I?


Anlauf: Paris – München – Westberlin

1957 vereinigten sich in Frankreich verschiedene, in der Tradition des Dadaismus, Surrealismus und der Lettristischen Internationale der späten 40er Jahre stehende, Künstlergruppen zur Situationistischen Internationale (S. I.), deren Kritik sich gegen die fest gefügten Strukturen moderner europäischer Industriegesellschaften in ihren Teilbereichen wie z.B. der Architektur, des Städtebaus, des Verkehrs, des Kunstmarktes, der Film- und Freizeitindustrie usw. richtete, und die sie durch die Störung bzw. „Umgestaltung“ von alltäglichen, funktionalen Abläufen (z.B. das Verändern von Verkehrsschildern) zum Ausdruck bringen wollten:

„Unser Hauptgedanke ist der einer Konstruktion von Situationen – d.h. der konkreten Konstruktion kurzfristiger Lebensumgebungen und ihrer Umgestaltung in eine höhere Qualität der Leidenschaft.“. [8]

Anders formuliert: in der Erschaffung eines experimentellen Erlebniszusammenhangs sollten konkrete gesellschaftliche Verhältnisse, die ihnen innewohnenden funktionalen Abläufe und Gewohnheiten durch „spektakuläre“ Aktivitäten gezielt gestört werden. Als zentraler Begriff in der Denkart der Situationisten stand hierfür „détournement“, was übersetzt soviel wie „umfunktionieren“ oder „Zweckentfremdung“ bedeutet. Einer Sache wird die ihr ursprünglich zugewiesene Bedeutung und Funktion genommen, indem sie in einem neuen, ungewohnten Zusammenhang mit erweitertem Sinngehalt genutzt wird. Es wurde das Ziel verfolgt, in einem Prozess des Hinterfragens gewohnter Abläufe, sowohl bei Zuschauern als auch Beteiligten, kritisches Bewusstsein entstehen zu lassen.

Seit sie 1959 den Münchner Kongress der Situationisten ausgerichtet hatte, war die Schwabinger-Künstlergruppe SPUR, als deren deutsche Sektion, Mitglied der S.I. Im Kern bestand SPUR zu diesem Zeitpunkt aus nur vier Leuten, den Malern Hans-Peter „HP“ Zimmer, Helmut Sturm, Heimrad Prem und Lothar Fischer. Zu ihnen gesellte sich Ende 1960 Dieter Kunzelmann, der in Schwabing das Leben eines Bohemiens führte, dessen Interessen bis dato aber weniger der Malerei, sondern der Literatur galten. Mit seinem autodidaktisch angeeigneten Wissen über die Frankfurter Schule, aber auch Marx und psychoanalytischer Literatur ergänzte er die Gruppe in ihrer gesellschaftskritischen Ausrichtung um den Part des Theoretikers. In Flugblättern und der von ihnen herausgegebenen Zeitschrift „SPUR“ – dem deutschsprachigen Organ der S.I. – provozierten und kritisierten sie die lebensweltliche Realität der Adenauer-Ära, gegen weltliche und kirchliche Autoritäten, sexuelle Unfreiheit, Massenkonsum und Manipulation. So heißt es z.B. in einem 1961 herausgegebenen Flugblatt mit dem Titel „Januarmanifest“:

„1. Wer in Politik, Staat, Kirche, Wirtschaft, Militär, Parteien, soz. Organisationen keine Gaudi sieht, hat mit uns nichts zu tun. (...) 14. So wie Marx aus der Wissenschaft eine Revolution abgeleitet hat, leiten wir aus der Gaudi eine Revolution ab. (...) 18. Wir fordern allen Ernstes die Gaudi. Wir fordern die urbanistische Gaudi, die unitäre, totale, reale, imaginäre, sexuelle, irrationale, integrale, militärische, politische, psychologische, philosophische ... Gaudi.“ [9]

Der spielerische Mensch, Johan Huizingas „homo ludens“, als Sinnbild der Wiederaneignung einer durch Faschismus, Krieg und Verdrängung verlorenen gegangenen Phantasie; einzig dem „Prinzip Hoffnung“ (Ernst Bloch) verpflichtet. Das, was die Gruppe SPUR in ihren Schriften aber noch hauptsächlich in ihrer Malerei transportierte, kann als der „Beginn einer ästhetisch-politischen Opposition in der Bundesrepublik“ bezeichnet werden. [10]

Nach dem Ausschluss von SPUR aus der S. I. wandte sich Dieter Kunzelmann nun mehr der politischen als der künstlerischen Tätigkeit zu und initiierte 1962 die Gründung der „Subversiven Aktion“. Die Gruppe bildete Sektionen (sog. „Mikrozellen“) in München, Berlin (West) und Nürnberg, später auch in Stuttgart und Frankfurt/Main. Zu ihr gehörten in Berlin Rudi Dutschke und Bernd Rabehl, die aus der DDR nach West-Berlin gekommen waren, um an der Freien Universität zu studieren. Vor dem theoretischen Hintergrund der Philosophen und Soziologen der Frankfurter Schule, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse aber auch Karl Marx und psychoanalytischen Schriften von Sigmund Freud und Wilhelm Reich definierten sie sich als eine „direkt auf Aktion ausgerichtete Pariaelite (...) [mit dem Ziel der] Entblößung gesellschaftlicher Repression.“ [11] Mit ihrer Forderung „Kritik muß in Aktion umschlagen“ wollten die Mitglieder der Subversiven Aktion das was die kritische Theorie lediglich analysiert hatte, nun in die Praxis umsetzen. Ihre Proteste gegen den Vietnamkrieg, gegen die Manipulation durch die Medien (z.B. sprengten Mitglieder der Gruppe eine Jahrestagung von Werbeleitern in Stuttgart), Flugblätter gegen den Massenkonsum (vor allem zur Weihnachtszeit) wurden begleitet durch Diskussionen um die richtige revolutionäre Konzeption, woran sich die Gruppe schließlich spaltete. Der Widerspruch wurde zur Herausforderung. Die Berliner Mikrozelle bildete schnell ein eigenständiges Profil heraus, nannte sich „Anschlag-Gruppe“ und gab unter gleichem Namen eine Zeitschrift für die gesamte Subversive Aktion heraus, in der deren inhaltliche Spaltung zwischen traditionellem Marxismus und Kulturindustriekritik deutlich wurde. [12] Bei aller unausdiskutierten Zusammenarbeit waren hier zwei Vorstellungswelten aufeinandergeprallt, die sich – zumindest was einige Personen wie z. B. Kunzelmann und Dutschke betraf – magisch anzogen. Der Berührungspunkt lag im aktionistischen Moment.

Als neue Plattform für die Durchsetzung von politischer Praxis suchte man Anfang 1965 die Nähe des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), einer ehemals SPD-nahen[13] Vereinigung, in der zu dieser Zeit hauptsächlich traditionelle Politikformen dominierten. Der Übertritt von Mitgliedern der Subversiven Aktion in regionale Gruppen des SDS in München aber vor allem in Westberlin (Dutschke, Rabehl) sollte sich schon bald als „folgenreiche ‚aktionistische‘ Symbiose“ (Karl A. Otto) für die Entstehung einer „Antiautoritären Bewegung“ erweisen. Die sich herauskristallisierenden Strömungen zwischen einer, wenn man so will, subversiv-existenzialistischen Richtung um Kunzelmann („die Münchner“) und einer subversiv-aktionistischen um Dutschke/Rabehl („die Berliner“) veranschlagten im Jahr darauf eine seit langem fällige gemeinsame Aussprache und weiterführende Strategiediskussion ihres Unterwanderungskonzepts.

Mitte bis Ende Juli 1966 trafen sich in einem Landhaus am Kochelsee in Bayern 9 Männer, 5 Frauen und 2 Kinder: die „Viva Maria“-Gruppe, benannt nach einem anarchistisch inspirierten Film von Louis Malle. [14] Unter ihnen Mitglieder der Subversiven Aktion, Studenten und SDS-Mitglieder wie beispielsweise Rudi Dutschke, Bernd Rabehl, Dieter Kunzelmann, Marion Stergar, Dagmar Seehuber, Hans-Joachim Hameister, Eike Hemmer u.a.. Sie diskutierten eine Woche lang über Bedingungen und Möglichkeiten von revolutionärer Praxis in Westeuropa und hierbei rückten kollektive Wohnprojekte in den Mittelpunkt des Interesses. Die Schlüsseltexte innerhalb der Debatten in Kochel bildeten die Schriften Herbert Marcuses „Triebstruktur und Gesellschaft“, der Aufsatz „Repressive Toleranz“ und sein bis dato nur in englisch vorliegender „One-Dimensional Man“. [15] Vor dem integralen Manipulationszusammenhang den Marcuse hier für fortgeschrittene Industriegesellschaften entwirft, sahen die Diskutierenden nur eine Möglichkeit der Befreiung: die bürgerliche Vereinzelung musste in handlungsfähige politische Lebens- und Wohngemeinschaften, revolutionäre Kommunen überführt werden. Der marxistischen „Tendenzanalyse“ in den Theoriezirkeln des traditionell strukturierten SDS sollte mit konkreter Praxis als neuer Form politischer Arbeit begegnet werden, um durch die Emanzipation von der eigenen, bürgerlich geprägten Sozialisation die Gesellschaft nachhaltig zu verändern. Die Trennung zwischen „Freizeitsozialismus“ im SDS und „Privatexistenz“ musste aufgehoben werden.

Treibende Kraft hinter den Kommuneplänen war Dieter Kunzelmann, der nun von den anderen erwartete, was er für sich längst vollzogen hatte: die bürgerlichen Wurzeln kappen, die Sicherheiten aufgeben, die eigene Persönlichkeit riskieren, Zweierbeziehungen und das Privateigentum grundsätzlich in Frage zu stellen – kurz: das Privatleben rigoros zu politisieren. [16] Die Meinungen der übrigen, auch die von Dutschke, schwankten zwischen Begeisterung und Skepsis. Noch herrschten innerhalb der Gruppe keine konkreten Vorstellungen über das „Wie“ des Anfangens. Die „Viva-Maria“-Gruppe trug ihre Überlegungen im Herbst 1966 in den Berliner Landesverband des SDS, wo sich in den folgenden Wochen eine sehr wortreiche und heterogene Kommune-Diskussion entwickelte in der besonders konzeptionelle Differenzen zu Tage traten.

In den ersten Aktionen der inzwischen auf 25-30 Leute angewachsenen Kommune-Gruppe, wie der Sprengung einer Diskussionsveranstaltung des AStA der Freien Universität Berlin mit Rektor Lieber am 26. November 1966 (bei der Mitglieder der späteren Kommune 2 das sogenannte „Fachidioten-Flugblatt“ verlasen) oder auch dem Happening der späteren K I anlässlich einer Anti-Vietnamkriegs-Demonstration am 10. Dezember 1966 (begleitet von Sprechchören wie: „Weihnachtswünsche werden wahr, Bomben made in USA!“ und anschließender Konfrontation mit der Polizei) offenbarte sich zudem eine neue Art von Protestpraxis.

In der Konsequenz ihrer theoretischen Diskussionen beschlossen Ende Dezember 1966 zwölf Mitglieder der Kommune-Gruppe künftig zusammenzuleben. Für sieben von ihnen stand nach einer kräftezehrenden Aussprache in den Morgenstunden des 1. Januar 1967 fest, das Wagnis Wohngemeinschaft einzugehen. Es waren Dieter Kunzelmann (27 Jahre alt), Dagmar Seehuber (28), Hans-Joachim Hameister (26), Fritz Teufel (23), Volker Gebbert (27), Dorothea Ridder (24) und Ulrich Enzensberger (22). Die „1. Berliner Kommune“: Kommune I.


Prolog (Januar – März 1967) – „Revolution von innen nach außen?“

Eine Möglichkeit zusammen zu ziehen hatte sich durch Ulrich Enzensbergers Freundin Dagrun Enzensberger (37 Jahre), die geschiedene Frau seines Bruders Hans-Magnus (37), ergeben, die nun auch zur K I stieß. Sie besaß Schlüssel zur Atelier- und Arbeitswohnung des Schriftstellers Uwe Johnson in der Niedstr. 14, dessen eigentlicher Wohnung in der Stierstr.3, sowie dem Haus ihres Ex-Mannes in der Fregestr. 19, alle drei in Berlin-Friedenau gelegen. Johnson, der längere Zeit in den USA weilte, hatte ihr die Wohnung für die Dauer seines Aufenthaltes überlassen bzw. die Atelier-Wohnung an Ulrich Enzensberger untervermietet. Erstes Resultat gemeinsamer Praxis der K I war Ende Januar ein „Zirkular über unsere bisherige Entwicklung“, durch das sie die abgebrochene Diskussion mit den „noch-nicht-eingezogenen“ Teilnehmern der Gesamt-Kommunegruppe wiederaufnehmen, oder besser, forcieren wollten. Darin wurde resümiert:

„Unser politisches Programm ist nicht weiter gediehen als bis zur Technik. An die Inhalte, die in unserer Selbstrevolution umgewälzt werden müssen, haben wir uns noch gar nicht herangetraut. So können wir zwar ohne weiteres die traditionelle Praxis öffentlich destruieren und eine neue Demonstrationsform an ihre Stelle setzen. Sobald wir aber über die Beschreibung der Technik hinaus sagen sollen, was denn mit Hilfe dieser Technik geschehen, wozu sie verwandt werden soll, sind wir überfordert. Der Rekurs auf die traditionelle Theorie läßt uns den Faden verlieren.“ [17]

Auf der anschließenden Diskussion über das Zirkular, zu der die K I am 29. Januar, in der Wohnung Stierstr. 3 eingeladen hatte, brachen die Gegensätze in der seit dem Treffen in Kochel gewachsenen Kommunegruppe offen aus. „In einer explosiven Atmosphäre, die Spannung drückte sich in Anbrüllen, Rauslaufen usw. aus“ [18] spaltete sich die Gruppe in drei Fraktionen. Die K I-Mitglieder wollten sich im zukünftigen Zusammenleben vor weiterer politischer Arbeit zunächst auf sich selbst und ihre psychischen Probleme konzentrieren.

Im Gegensatz dazu bestand eine andere Fraktion antiautoritärer SDSler darauf, dass die Widersprüche der Individuen nur nach außen in gemeinsamer politischer Arbeit, nicht nach innen in der vordergründigen Zuwendung zu den psychischen Schwierigkeiten aufgelöst werden könnten. Man hoffte, durch die kollektive Arbeit allmählich auch den Zugang zu den persönlichen Problemen zu bekommen. Daher sollten kommuneähnliche Wohn- und Arbeitsgemeinschaften aufgebaut werden, die als „funktionale Einheit zur Ermöglichung von Praxis“ innerhalb des SDS den „Freizeitsozialismus“ überwinden halfen, und als neues Organisationsprinzip an die Stelle der bisherigen Theoriezirkel und Arbeitskreise traten. Uwe Bergmann, Klaus Gilgenmann und Rainer Langhans ließen sich auf der ordentlichen Landesvollversammlung des Berliner SDS, am 4. Februar 1967, in den neuen „kollektiven“ Landesvorstand wählen. Letztere gründeten wenig später gemeinsam mit Eike Hemmer, Eberhard Schulz, Jörg Schlotterer, Jan-Carl Raspe u. a. die Kommune 2 (auch „SDS“- bzw. „Politkommune“ genannt), die als Arbeitskollektiv in eine Wohnung im SDS-Zentrum, ein kriegsbeschädigtes Haus am Kürfürstendamm 140, einzog. [19]

Andere, wie die „Revolutionäre“ Dutschke und Rabehl, zogen in keines der Wohnkollektive und mussten sich eingestehen, den bloßen „Versuch der Revolutionierung des bürgerlichen Individuums“ nicht leisten zu können bzw. zu wollen – die „Dialektik der Aufklärer“.

Nach dem Eklat der Zirkulardiskussion vom 29. Januar zogen sich die K I-Mitglieder vollständig aus der linken Öffentlichkeit in die erwähnten Wohnungen zurück, um sich, wie angekündigt, vor weiterer politischer Arbeit zunächst auf sich selbst zu konzentrieren. Es ging darum, sich mit den einzelnen Lebensgeschichten der Mitbewohner zu befassen, die nun plötzlich in der gemeinsamen Wohnung zusammenliefen. Die im „Zirkular“ angesprochenen „Inhalte“, an die man sich „noch gar nicht herangetraut“ hatte. Ulrich Enzensberger erinnert sich an diese Zeit so:

„Später wurde jeder richtiggehend verhackstückt. Da kam auch der Begriff ‚Psychoterror‘ auf, und der Begriff ‚Zweierbeziehung‘ in einer ganz abwertenden Bedeutung. Jeder wurde psychologisch auseinandergenommen und auf seine Autoritäten, auf seine Leitbilder und sein Verhalten hin untersucht, total überprüft.“ [20]

War es „terroristische Selbstanalyse“ oder eine Art emotional aufgeladene „Team-Vorbesprechung“? Neuerdings geben, erst im Jahr 2003 in die Bestände des Berliner APO-Archivs eingegangene, Justizakten Aufschluss über diese gerade für die Herausbildung des K I-Politikbegriffs konstitutive Phase. [21] Im Zusammenhang mit dem Vorwurf der Anschlagsplanung beim Berlin-Besuch des US-Vizepräsidenten Hubert Horatio Humphrey waren Mitglieder der Kommune I am 5. April 1967 von Beamten der Abteilung I (Politische Polizei) verhaftet worden. Sie wurden der Geheimbündelei bzw. der Gründung einer kriminellen Vereinigung gemäß damals geltenden §§ 128, 129 StGB verdächtigt, woraufhin die Atelier-Wohnung Niedstr. 14 polizeilich durchsucht und Beweismaterial, u. a. ein „Schnellhefter rot ohne Aufschrift“ und ein „Schnellhefter gelb mit der Aufschrift ‚Kommune-Protokolle Dagmar‘“, sichergestellt wurde. [22]

Die Aufzeichnungen im roten Hefter, unter dem Titel „Kommune-Organisation“, beginnen am 9. März 1967. [23] Im Abschnitt „V. Internes“, finden sich protokollartige Mitschriften einzelner Gespräche und Diskussionsrunden innerhalb der K I im Zeitraum vom 13. März bis 4. April 1967. Er ist der eigentlich interessante Teil des roten Hefters – wenngleich aufgrund des stichpunktartigen Charakters der Mitschriften oft sehr kryptisch geraten. [24]

Den ersten Eintragungen vom 13., 15. und 17.3. ist noch stark der Einfluss der Konzentration auf sich selbst und die psychischen Probleme anzumerken, der man sich den gesamten Februar über zugewandt hatte. Man bekommt einen Eindruck von bestehenden Eifersüchteleien und entstandenen Spannungen zwischen einzelnen Kommune-Bewohnern. Ein Bericht zur momentanen Gruppensituation sollte gegeben werden. Zwischen unleserlichen Notizen erscheinen plötzlich die Begriffe „Hausbes.[etzung, A. H.] spielwiese“, „einzug fabrikhalle“, „aktion“ und zum ersten Mal der Name „Humphrey“.

Der Entschluss einer weiteren Kommune-Aspirantin ob des „chaotischen Zustands“ nun doch nicht in die Wohngemeinschaft einzuziehen, bildete den Anlass einer Grundsatzdiskussion der restlichen Kommunarden, die sich auf den folgenden Seiten Bahn bricht, und in deren Zentrum man sich einigte, „auf das alte Problem wieder einzugehen“. Die Vermittlung von Privatexistenz und politischer Existenz musste wieder zum Hauptgegenstand von Kommune gemacht werden, und durfte nicht, wie in den letzten Wochen geschehen, auf einen der beiden Pole beschränkt bleiben. Am Vormittag des 19.3. wurde die Diskussion (diesmal im Beisein von Rainer Langhans, der einen Umzug von der K 2 in die K I erwog) erneut aufgenommen. Die Beantwortung der Frage „Wie soll es konkret weitergehen?“ sollte in den nächsten Tagen aus der Analyse der Kommunesituation erfolgen.

Ab dem 22.3. wurde versucht, die Gesprächsrunden durch eine neue Form der „Reihendiskussion“ ergebnisorientiert zu intensivieren und inhaltlich zu organisieren. Jedes Mitglied äußerte sich nun nacheinander zu einem vorher gemeinsam vereinbarten Thema. Die vernachlässigte politische Existenz kehrte allmählich in Form von konkreten Aktionsvorstellungen zurück. Am Nachmittag des 24.3. war in der K I eine heftige Diskussion über die Bedeutung gemeinsamer Aktionen entbrannt. Einige empfanden es als Widerspruch, dass sie sich zum Ziel gesetzt hatten den Alltag zu verändern und dabei im eigenen Alltag doch wieder das „Altgewohnte“ machten, z.B. bei der Wohnungssuche. Die Idee einer Hausbesetzung wurde wieder angesprochen. Thema des sich anschließenden Reihengesprächs deshalb: „Revolutionierung des Alltags u. Agitation“. [25]

Dieter Kunzelmann, der sich während der vorangegangenen Gespräche über die privaten Bedürfnisse eher im Hintergrund gehalten hatte, sah hier den Zeitpunkt gekommen, da sich die Diskussion wieder in eine auch für ihn akzeptable Richtung entwickelte. Mit seiner Kritik forderte er die anderen regelrecht heraus: die Überlegungen zur Hausbesetzung fielen ja wohl „objektiv als Gedankenspielerei“ aus, „weil [die] Wohnungssuche genauso weiterläuft. Wenn wir beginnen mit dem Revolutionieren des Alltags der Bruch mit bürgerlichen Gesellschaft schon stattgefunden haben muss.“ Damit gelang es Kunzelmann, geistiger Vater der Kommuneidee, einen wesentlichen Begriff innerhalb der Diskussion zu reaktivieren. „Der Bruch mit der bürgerlichen Gesellschaft“ den er längst vollzogen hatte und seit jeher propagierte (Vgl. „Notizen zur Gründung...“ vom Nov. 1966) war nun wieder auf der Tagesordnung. Fritz Teufel reimte: „Wird der Spießer nicht enteignet, bleibt er`s selbst, auch wenn er`s leugnet.“

In der Tat geht aus den Aufzeichnungen hervor, dass gerade die Angst vor dem selbstauferlegten „Bruch mit der bürgerlichen Gesellschaft“ das eigentliche Motiv der thematisierten „internen Probleme“ darstellt. In annähernd allen folgenden Redebeiträgen (Dorothea, Hans-Joachim, Volker, Ulrich) wird diese Angst kurz angesprochen, um darauf in den Konjunktiv neuerlicher Aktionsvorschläge verdrängt zu werden. Dieter Kunzelmann, im roten Hefter offenbar der Protokollant dieser Diskussion, bemängelte genau das in nachgetragenen Stichpunkten: „jedesmal wird etwas neues entwickelt – Widerspruch Ideen u. Konkretion“.

Am 26.3. nahm die Kommune I am Ostermarsch der Kampagne für Abrüstung teil. Einigen antiautoritären SDSlern war es gelungen, den Demonstrationsverlauf durch gezielte „Provo-Aktionen“ massiv zu stören. Es gab Verhaftungen. Im Vorfeld waren auf dem Kurfürstendamm auch Mitglieder der K I (z.B.: Dieter und Dagrun) in polizeilichen Gewahrsam genommen worden. Kunzelmann hatte Farbeier auf Polizeifahrzeuge geworfen. [26]

Die Demonstration wurde am folgenden Tag ausgewertet und sogleich in Beziehung zur „Revolutionierung des Alltags“ gesetzt. [27] Dagmar gestand offen: „Eierwerfen etc war bei mir purer Aktivismus“. Das Gefühl von Isolation im Nachhinein habe ihr aber mehr Angst bereitet als früher. Davon hänge jedoch die künftige Aktionsfähigkeit der K I ab: „Für mich ist es wurst was wir hier drin in der K.[ommune] tun. Das wir aber zukünftige Aktionen planen, schon jetzt. (Humphrey) Wie wir agieren könnten. Wenn jeder vor sich hin popelt wird nichts.“ Fritz Teufel, dem es so vorkam als sei er bis gestern „rumgelaufen wie ein Rindvieh“, machte deutlich, dass er die augenblickliche Aktions-Abstinenz kaum noch ertrage. Die ständige Dominanz der internen Probleme lasse ihn bereits ernsthaft über einen Ausstieg nachdenken. Dagrun stimmte ihm zu und bemerkte, das es Zeit wäre andere Lösungsansätze für die internen Probleme zu finden. Sie z.B. habe durch ihre Verhaftung „einen Bruch geschafft u. auch endlich erfahren, daß Angst absurd ist.“ Letztlich waren alle Diskutierenden von der Notwendigkeit einer Aktion anlässlich des bevorstehenden Berlin-Besuches des US-Vizepräsidenten überzeugt. Einigkeit auch in Fragen der Form: eine provokative Störung in der Art eines politischen Happenings.

Besuche und einhergehende Gespräche in der K 2 ließen deutlich werden: die ursprünglichen Schwerpunktsetzungen beider Kommunen hatten sich zwischenzeitlich verschoben. In der SDS-Kommune war man vom Ziel „die Widersprüche der Individuen nur nach außen in gemeinsamer politischer Arbeit aufzulösen“ abgekommen, und wandte sich mittlerweile – ganz entgegen dem eigenen Vorsatz – doch vordergründig den inneren psychischen Schwierigkeiten der Bewohner zu. [28] In der Kommune I hatte man aber nicht einfach die Relevanz der beiden Pole „privat“ (innen) und „politisch“ (außen) vertauscht, sondern war auf dem Weg, der als hemmend empfundenen Dominanz der inneren Probleme durch die stärkere Zuwendung zu politischer Arbeit in einer gemeinsamen Aktion zu begegnen.

In den letzten Gesprächsnotizen[29] vor dem 6. April 1967, dem Tag des Humphrey-Besuchs, steht ganz die Vorbereitung der Aktion im Mittelpunkt. Am 2.4. stand der Ablauf fest. Demnach sollte die Wagenkolonne des US-Vizepräsidenten auf ihrem Weg zum Rathaus Schöneberg – dem damaligen Sitz der Westberliner Administration – abgefangen werden. Unter Einsatz „möglichst vieler Roter Rauchbomben“ würde man zum Auto laufen und dabei Sachen wie „Superbälle“ (kleine Vollgummi-Springbälle), Schlagsahne, Pudding oder auch „tutti frutti“ werfen. Sobald das Fahrzeug angehalten habe, sollten Lieder wie „Hoch soll er leben“, „Backe, backe Kuchen“ oder „Berlin ist eine Reise wert“ gesungen werden. Anschließend wolle man sich verhaften lassen und den zu erwartenden Gerichtsverfahren entgegen sehen. Der entscheidende Satz in diesen letzten Notizen kam von Ulrich Enzensberger, der mittlerweile zu der Überzeugung gekommen war, dass die Humphrey-Aktion als erste gemeinsame Aktion der Kommune I nicht in erster Linie „nach außen“ wirke, „sondern die innerste Aktion überhaupt“ darstelle.

Zusammenfassend lässt sich feststellen:
Die internen Aufzeichnungen und Gesprächsprotokolle der Kommune I dokumentieren die entscheidende Phase der Beschäftigung mit sich selbst, die drei Wochen vom 13. März bis 4. April 1967. Die ursprünglich schwerpunktmäßig verfolgte Auseinandersetzung mit den internen Problemen der Kommunarden wurde in diesem Zeitraum zugunsten einer konkreten politischen Aktionsplanung anlässlich des Berlin-Besuchs von US-Vizepräsident Hubert Horatio Humphrey zurückgenommen. Dabei ist die K I nicht – wie ihr später von verschiedenen Seiten vorgeworfen wurde – an der Lösung der persönlichen Probleme ihrer Mitglieder gescheitert, die nun einfach in Aktionen nach außen kompensiert wurden. [30]

Vielmehr ist ihnen erstmals in der Praxis des gemeinsamen Zusammenlebens bewusst geworden, das die beabsichtigte „Aufhebung der Trennung von Privatsphäre und Öffentlichkeit“ nicht in der aufeinander folgenden Einzelbearbeitung beider Felder zu leisten ist. Die persönlichen (privaten, internen) Probleme resultierten schließlich, so die Argumentation der Kommunarden, aus den gleichen Ängsten, die den einzelnen an der Ausführung einer politischen Aktion, d.h. am Aufbringen des nötigen Mutes gegen sich selbst und die eigene Konditionierung auf bürgerliche Norm- und Wertvorstellungen, hemmen. Die „Aktion“ wurde nicht zum Surrogat, um ungelöste persönliche Probleme, unbewältigte Ängste zu verdrängen, sondern in der Aktion bzw. im Mut der Teilnahme an ihr lag für die Kommunarden der Schlüssel zur Problemlösung.

Bei dem Versuch die Ebenen „privat“ und „politisch“ vermitteln, bildete die „Aktion“ den Transmissionsriemen. Die Außenwirkung der Kommune bewirke zugleich eine innerliche Veränderung ihrer Mitglieder. Das war es, was Ulrich Enzensberger auf den Punkt brachte, als er die erste gemeinsame Aktion der K I nach außen zugleich als „innerste Aktion überhaupt“ bezeichnete. Dadurch, dass die Sphäre des Privaten auf der politischen Agenda der Kommune I verblieb, entwickelten sie einen existenziellen, allumfassenden Politikbegriff.


Totalisierung der Politik durch Inszenierung des Scheins

In einer Ausgabe der Zeitschrift „Konkret“ von 1968 findet sich eine Werbeanzeige, in der Bernward Vespers „Voltaire-Verlag“ das dort soeben erschienene Buch „Klau mich“ der Kommune I anpreist. [31] Darin ist die Rede von einem „Franktireur-Angriff auf die geheiligten Piedestale‚ unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung‘ (...) Die Satire will hier nicht Justizkritik üben, sie ersetzt in ihrer Totalität die antiquierten Rechtsnormen bereits.“ Wer auch immer diese Zeilen zu diesem Zeitpunkt verfasst hatte, er erfasste hier bereits den Politikbegriff der Kommune I in seinem Kern.

Das Franktireur-Motiv taucht wieder auf bei Klaus Hartung, seit Mitte der 1960er selbst Mitglied des Berliner SDS, der 1977 in seinem „Versuch, die Krise der antiautoritären Bewegung wieder zur Sprache zu bringen“ die Rückkehr eines längst überwunden geglaubten, traditionellen Politikbegriffs beklagt. Eines Begriffs von Politik der, so Hartung:

„die besten Fähigkeiten des Ichs, die List, das Tricksen, die Freude, den Gegner an seiner schwächsten Stelle zu treffen, für nichts erachtet – Fähigkeiten, die wir, wenn wir sie entwickelt haben, doch nur mit schlechtem Gewissen gegen unsere Konkurrenten anwenden. Politische Partisanen sind nicht gefragt.“ [32]

Genau diese „Politischen Partisanen“ [33] seien sie, die Antiautoritären und mehr noch die Kommunarden im Berliner SDS, aber zehn Jahre zuvor gewesen:

„Wir waren Subjekt und Objekt der Bewegung zugleich. Was wir gerade begriffen hatten, hatten wir dem anderen voraus.“ Dies unterstreichend fügte Hartung hinzu: „Die Auftritte von Rainer Langhans waren sorgfältig inszeniert.“

Subjekt und Objekt zugleich – Privat ist gleich politisch. Einige Jahre später hat Klaus Hartung seine Überlegungen zum Politikbegriff der K I weiter präzisiert als „die Totalisierung der Politik“ [34] bezeichnet. Darum sei es den Kommunarden im Kern gegangen. Nicht die Verwirklichung eines individuellen Glücksanspruchs stand im Vordergrund, sondern das Politische in seiner Gesamtheit neu zu formulieren. Bringt man das mit den vorangegangenen Überlegungen in Einklang, so könnte man auch sagen:

„Total“, also auf mehreren Ebenen gleichzeitig agieren kann nur, wer sich in der Gestalt des Partisanen außerhalb jeglicher Norm stellt, bisher gültige Spielregeln durchbricht, trickst, sich des „schönen Scheins“ oder eines Kunstgriffs bedient. Genau diese Elemente beinhaltete der Politikbegriff der Kommune I.

Wolfgang Kraushaar beschrieb diese „Neuformulierung des Politischen“ (Hartung) als „immer das Gegenteil von dem, was Realpolitik zu sein beanspruchte [betrieben durch] Bluff, Imitation und Simulation.“ [35] Gerd Koenen nennt als wesentliches Charakteristikum der Kommune I deren Fähigkeit der „Düpierung einer bigotten Öffentlichkeit“. [36]
Das diese „Totalisierung von Politik“ keinen durchweg kontrollierbaren Vorgang darstellte, darüber war man sich innerhalb der K I sehr früh im Klaren. Der bekannte Sozialpsychologe Alexander Mitscherlich bemerkte richtigerweise schon 1968, dass das Experiment Kommune I eine Art „testing the limits, eine Erprobung der Tragfähigkeit konstruierter neuer Situation“ darstelle. [37]

Als Resultat der Diskussionen Ende März 1967 hatten die Kommunarden eine augenscheinliche Tatsache bereits erkannt: Wenn die äußere (politische) und die innere (private) Wirkung einer Aktion gekoppelt sind, so ist durch Steigerung des einen auch eine Zunahme des anderen zu erwarten. In den Blick kam also das Feld des Wirkens, die Frage nach dem „Wie?“ einer Aktion. Die Antwort lautete „Inszenierung“. In einer Definition von Erika Fischer-Lichte zielt der Begriff der Inszenierung „als ästhetische und zugleich anthropologische Kategorie [auf] schöpferische Prozesse, in denen etwas entworfen und zur Erscheinung gebracht wird – auf Prozesse, welche in spezifischer Weise Imaginäres, Fiktives und Reales (Empirisches) zueinander in Beziehung setzen.“ [38]

Als kommunikatives Mittel für diesen Zweck hatte sich ja bereits im Vorfeld die „Provokation“ als wirksam erwiesen. Deren Bedeutungskern, so der Politikwissenschaftler Franz Schneider, beinhalte jenes „Herausrufen, Herausfordern aus dem üblichen und Hereinholen in Regelwidriges und Regelfremdes.“ [39] Schneider weist in diesem Zusammenhang auf den Begriff der „Verfremdung“ hin, den Bertolt Brecht einst für das Theater erfand, der sich aber inzwischen zu einer „Kommunikationsstrategie allgemeiner Art“ entwickelt hätte, was insbesondere für den Zeitraum Ende der 1960er Jahre gelte:

„Was Brecht meinte, ist dies: Verfremdung soll das Selbstverständliche und Gewohnte wieder so fremd machen, daß man disponiert wird zu einer neuen Eroberung und Erschließung seines Sinnes und seiner Bedeutung. Verfremden heißt neue Distanz gewinnen zu allzu Bekanntem, damit ein kritischeres Kennenlernen ermöglicht wird. Das Staunen über sich selbst und die Zustände, die man aktiv oder passiv formt, soll Veränderungsbewußtsein schaffen, das sich gegebenenfalls zum Veränderungswillen verlängert.“ [40]

Das entspricht exakt jenen Merkmalen des situationistischen „détournement“ – einer Tradition, die sich innerhalb der Kommune I vor allem in Person eines Dieter Kunzelmann, manifestiert hatte.

Fassen wir einmal zusammen: Der Politikbegriff der Kommune I erstrebte in seiner totalen Ausrichtung eine Neuformulierung des Politischen. Sein Ziel war die Bewusstseinsveränderung – zunächst bei den Kommunarden selbst, danach bei ihren Rezipienten. Die Auflösung und Veränderung autoritärer Charakterstrukturen. Der Zweck ist die Inszenierung, durch die das bewirkt werden sollte. Das Mittel hierfür stellte die Provokation dar.

Kommune I, das war eine regelrechtes „Konzept spielerischer Inszenierungen und ironischer Provokationen“, so der Kulturhistoriker Wolfgang Ruppert, welches den „Normenbruch in symbolischen Formen“ beinhaltete. [41]

Die Kommune I verfolgte eine Kommunikationsstrategie, die mit Hilfe der Theorie des Dortmunder Politikwissenschaftlers Thomas Meyers als „Symbolische Politik“ beschrieben werden kann. Symbolische Politik in dieser Lesart meint nicht das Handeln mit Symbolen, sondern „die Tat als Symbol, als das andere ihrer selbst“. „Symbolische Politik ist Kommunikation, die sich als Handeln verstellt.“ [42] Während in der symbolischen Politik von oben ein Handeln zum Tragen kommt, in dem nichts Wirkliches verdichtet und auf nichts Wirkliches verwiesen wird – eine „Inszenierung des Scheins“ – , die die Strategie einer bloß vorgetäuschten, „placebo-artigen“ Kommunikation (Manipulation) verfolgt, geht die symbolische Politik von unten als „Meta-Inszenierung“ darüber hinaus. Der Schein, der hier inszeniert wird, behauptet nicht er sei real. Vielmehr soll er als „Dramatisierungsritual einer gestörten Verständigung“ wirken. Eine Placebo-Politik die – so paradox es zunächst klingen mag – Reflexionsprozesse beim Publikum hervorrufen will. Hierzu noch einmal Meyer:

„Symbolische Politik von oben lebt davon, daß wir das Placebo schlucken, als wäre es gute Medizin. Symbolische Politik von unten bietet es uns augenzwinkernd an, damit wir uns auf das, was wir tun, neu besinnen. Symbolische Politik von unten enthüllt das, was die von oben verschleiert. Das ist der klassische Unterschied zwischen Manipulation und Aufklärung.“ [43]

Dadurch, dass etwas in der Art seiner Präsentation besonders dramatisiert, überspitzt ist oder ad absurdum geführt wird – so durch „Verfremdung“ im Brechtschen oder „détournement“ im situationistischen Sinne –, soll der Schein durchschaubar, und eine „wirkliche Kommunikation“ hergestellt werden.

Mittels Symbolischer Politik kann Kommunikation also entweder in manipulativer oder aufklärerischer Absicht verzerrt werden. Die Voraussetzung dafür liegt, so Meyer, im „Zutritt zu den Bühnen der Massenkommunikation“, sprich: den Medien.

„Symbolische Inszenierung von unten ist daher nur als eine Ausnahme möglich. Ziviler Ungehorsam[44] ist symbolische Politik von unten, aber eine, die durch öffentliche Selbstthematisierung den Schein, den sie hervorbringt, selbst wieder aufhebt. Sie nutzt die Gesetze der wirksamen Medienpräsenz, um verdrängten Themen dramatische Öffentlichkeit zu verschaffen, und sorgt durch das Arrangement ihrer Inszenierungen und deren Interpretation dafür, daß der im Handeln erzeugte Schein nur zu dem Zweck genutzt wird, den politischen Diskurs wiederherzustellen. Sie nutzt die Regeln der Regie der Wahrnehmung, nicht um Fakten oder Argumente vorzutäuschen, sondern, um ein gefährdetes Gespräch zu retten. Sie macht den symbolischen Status ihrer Aktionen selbst noch zum Gegenstand des Arrangements der Inszenierung.“ [45]

Diese Art der symbolischen Regelverletzung ist es, was von der K I im Idealfall beabsichtigt wurde. (Zu den unangenehmen Begleiterscheinungen jeglicher Praxis gehört aber auch die Tatsache, mit wiederkehrender Regelmäßigkeit vom Ideal abzuweichen.) Der Politikbegriff der Kommune I zeigt sich demnach in ihrem inszenatorischen Wirken, als auch in der dadurch entfalteten Wirkung.


Erster Akt (April 1967 - Dezember 1967) – „Der Große Tanz“ [46]

Die erste, am Ende ihrer „Mammut-Diskussion“ minutiös geplante, symbolische Inszenierung der Kommune I anlässlich des Besuchs von Lyndon B. Johnson-Vize Hubert Humphrey wurde bereits beendet, bevor sie überhaupt stattgefunden hatte. Am Mittwoch dem 5. April 1967, Tag der letzten entscheidenden Vorbereitungen der Aktion, wurden 11 Kommunarden „unter dem Verdacht, daß sie unter verschwörerischen Umständen verabredet hätten, den Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, H. Humphrey, bei seinem Besuch durch Einsatz von Sprengkörpern oder anderen gefährlichen Tatmitteln an Leib oder Leben zu gefährden“ von der Berliner Politischen Polizei verhaftet.

Die CIA hatte die Telefon- und Raumgespräche der Wohnung Uwe Johnsons (dessen Frau Elisabeth man des Kontakts zum Tschechischen Geheimdienst verdächtigte) abgehört und in den Gesprächen der Kommunarden über Rauchkerzen, Pudding und Törtchen die Vorbereitung eines Attentats vermutet. Wie es sich für einen Nachrichtendienst gehört, wurden diese „brisanten“ Informationen an die zuständigen deutschen Behörden (Staatsschutz) weitergeleitet, die daraus für den Bericht ein Bombenattentat konstruierten und an die Presse weiterleiteten.

Die Zeitungsmeldungen am 6.4., allen voran die der Springerschen Boulevardzeitungen, überschlugen sich förmlich. „Bild“ titelte: „Geplant – Berlin: Bombenanschlag auf US-Vizepräsidenten – Elf Verschwörer gefaßt“. Andere Blätter schwenkten in den Kanon der Hysterie mit ein. Schon bald war klar, was da statt der vermuteten Bomben geworfen werden sollte. Hierüber hielt sich die Berichterstattung dann in Grenzen, besonders bei denen, die am lautesten Zeter und Mordio geschrieen hatten. Über Rundfunk und Fernsehen (ARD-Sendung „Panorama“) verbreitete sich die Meldung weltweit. Selbst die „New York Times“ hatte die Kommune I auf ihrer Titelseite.

Die Verhafteten mussten einen Tag nach dem Humphrey-Besuch wegen fehlender Haftgründe wieder entlassen werden. Eine verhinderte Scheininszenierung hatte, dank geheimdienstlicher Mithilfe und medialer Eigendynamik, eine Wirkung entfaltet, wie sie sich die Kommunarden nicht im Traum ausgemalt hatten. „Ein Nicht-Ereignis wurde zum weltweit beachteten Spektakel (...).“[47] Zwar war das „Puddingattentat“, wie es von jetzt an hieß, „bedauerlicherweise nicht zur Ausführung gekommen“ (Kunzelmann) – was den Kommunarden, ob des nichtzukalkulierenden Sicherheitsrisikos durch diensteifrige Secret Service Leute sehr entgegen gekommen sein dürfte – doch mittels des überraschenden Publizitätsschubs eröffneten sich nun inszenatorisch noch breitere Möglichkeiten.

Die Kommune I nutzte sie. Nach einer ersten Pressekonferenz im SDS-Zentrum im Anschluss an ihre Freilassung (7.4.) traf sich die K I am darauffolgenden Vormittag mit Reportern des Magazins „Stern“ zum Lokaltermin Niedstr. 14. [48] In dem daraus resultierenden Artikel wurden die Eckpfeiler des künftigen K I-Medienimages gesetzt. Zu richtigen „Medien-Profis“ sollten sich die Kommunarden allerdings erst noch entwickeln. Auf der einen Seite rangiert in dem Stern-Artikel die expressive Selbstdarstellung der Kommunarden, fassbar in rein provokativen Aussagen wie z.B. „Maos Politik ist die einzige realistische Formel für die Zukunft der Welt“ (Kunzelmann) oder „Die sexuellen Probleme sind im Kommuneleben entkrampft“ (Langhans). [49] Dem gegenüber steht die interpretierende Fremdwahrnehmung eines Autors, von dem sich die Kommunarden das „inszenatorische Zepter“ stellenweise noch zu leicht aus der Hand nehmen ließen. Aus der Langhans-Äußerung wurde „ungezwungene Liebe im Kollektiv“ oder die erotisierende Feststellung, dass die beiden verbliebenen Kommune-Frauen Dagmar und Dorothea „theoretisch die Gefährtinnen sämtlicher männlicher Maoisten“ seien.

Obwohl die Inszenierung der K I hier noch sehr zaghaft und eher unprofessionell vonstatten ging – besonders den Fotos merkt man ihre „Gekünsteltheit“ und den Zeitdruck unter dem sie entstanden sind an (Kunzelmann zog seine Jacke gar nicht erst aus) – verfehlte sie ihre Wirkung nicht. Der „Mythos Sexualität“, ein Klischee von Partnertausch, Gruppensex, Promiskuität und „freier Liebe“, war geboren, ein Placebo, an dessen Entstehung die Kommunarden nur geringen Anteil hatten.

Als man in der Kommune I festgestellt hatte, dass sich mit der halb lüsternen, halb moralisch sich entrüstenden Neugier des bürgerlichen Publikums arbeiten ließ, wurde begonnen, Sexualität bewusst zu inszenieren. Der Schein, der hier produziert wurde, war nicht so einfach zu durchschauen, und das sollte er auch nicht, wohnte ihm doch eine nützliche mediale Verstärkungsfunktion inne. Es wurde „geprotzt mit etwas, womit die Kommune in der gerade anhebenden Ära des Bettaufklärers Oswalt Kolle die allgemeine Phantasie und Neugierde auf sich ziehen konnte.“ [50] Ein Beispiel, das berühmte Foto, der „kollektive Rückenakt“ der K I. Dazu die damalige Kommunardin Dagmar Seehuber:

„Im Sommer 1967 [Anfang Juni, A. H.] wurde ich darüber informiert, dass ein Fotograf kommt und wir uns alle ausziehen sollten, um ein Nacktfoto zu machen. Meine Idee war es sicherlich nicht, und ich weiß nicht einmal mehr ganz genau, wie es zustande kam. Aber irgendjemand muss den Fotografen [Thomas Hesterberg, A. H.] bestellt haben. Ich war schon aus der Kommune I ausgetreten und weiß noch, wie ungeheuer paradox ich das Ganze fand. Die Kommune I, die sich da nackt hingestellt hat, bestand in der Form gar nicht mehr. Zu der Zeit wurde zwischen Kommune I und 2 ziemlich hin und her gependelt, und offenbar hat sich halt ausgezogen, wer gerade von den beiden Kommunen erreichbar war.

Bei dieser Gelegenheit habe ich zum ersten Mal alle nackt gesehen und bin überzeugt, dass es den anderen genauso ging. Es war wirklich ein Foto für diese Geier vom ‚Spiegel‘. Aber es sollte sicherlich sexuelle Tabus brechen, und so kam es ja auch draußen an. (...) Niemand konnte ahnen, dass wir alle ein ziemlich verklemmter Haufen waren.“ [51]

In dem man den Fotografen mit der Herstellung dieses Fotos quasi „beauftragt“ hatte, konnte die K I gleich „zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“. Bevor das Bild - mit retuschierten Geschlechtsteilen und unmissverständlicher Erläuterung, es handele sich um einen bildlichen Protest gegen disziplinarische und strafrechtliche Verfahren – verkaufsfördernd im Spiegel erschien, wurde es für ein eigenes Projekt genutzt. Als rosa getöntes Deckblatt ihrer Mitte Juni 1967 im Eigendruck hergestellten Broschüre „Kommune I – Gesammelte Werke gegen uns“, einer Sammlung von an die Kommunarden gerichtete Briefe der Eltern, des Disziplinarausschusses der FU, des Landgerichts Berlin, diente das Foto (ganz ähnlich wie dem Spiegel) dazu, die „Kauflust und Anteilnahme der Berliner Intelligenz in die rechten Bahnen zu lenken“. [52]

Das „Sex-Image“ der K I wirkte daneben durch den Verkauf von Raubdrucken wie z.B. Wilhelm Reichs „Die Funktion des Orgasmus“ bis hinein in die eigene studentische peer group, wo allein schon der Titel „für an Kolles unbekannten Wesen geschulten Ohren eine rasierklingenhafte Direktheit hatte.“ [53]

Ein weiteres Beispiel für die Inszenierung von Sexualität ist ein Artikel in der Zeitschrift „pardon“ vom August 1967. Bezüglich des „Männerüberschusses“ in der K I heißt es dort:

„Offensichtlich hat das Rezept eines Ex-Kommunarden nicht die erhoffte Wirkung gehabt, um neue Gespielinnen einzugemeinden: ‚Es ist wie bei der Pferdedressur. Erst muß einer das Tier einreiten, dann steht es allen zur Verfügung. Erst ist es Liebe oder so was Ähnliches, nachher nur noch Lust. Der Trick ist schrecklich einfach: Man macht ein Mädchen verliebt, schläft mit ihr und markiert nach einer Weile den Enttäuschten oder Desinteressierten. Dann überläßt man sie der Aufmerksamkeit der anderen und das Ding ist gelaufen. So ist sie vollwertiges Mitglied‘.“[54]

Auch wenn hier nicht einmal deutlich wird, welcher „Ex-Kommunarde“ das gesagt haben soll (vermutlich Hans-Joachim Hameister, denn Teufel, Kunzelmann, Langhans, Enzensberger, Gebbert waren zu diesem Zeitpunkt noch dabei), so ist hingegen klar, dass kein Körnchen Wahrheit in dieser, wenngleich nicht sonderlich gelungenen, Provokation enthalten war.

Einer der dieser Inszenierung aufsaß, war der Soziologe und spätere Psychoanalytiker Reimut Reiche. In seinem Buch „Sexualität und Klassenkampf“(zuerst 1968) verwendet er jenes „Pferdedressur-Zitat“ als argumentativen Beleg seiner Kritik an den Kommunarden, die, so Reiche, „die gesellschaftsüblichen Repressionen bei sich selbst noch nicht einmal zu dem unmittelbar noch notwendigen Existenzniveau an repressiven Zwängen und Verdrängungen abgebaut haben, sondern durch viel grausamere Zwangssysteme ersetzt“ hätten. [55] Er hätte gut daran getan, den auf jeder Ausgabe abgedruckten Untertitel der Zeitschrift „pardon“ genauso ernst zu nehmen, wie die (vermeintlichen) Äußerungen der Kommunarden. Dort steht: „die deutsche satirische Monatsschrift“. [56]

Die Medienwissenschaftlerin Kathrin Fahlenbrach hat in ihrer Untersuchung der Rolle visueller Kommunikation am Beispiel der Studenten- und Jugendbewegung Ende der 1960er Jahre herausgearbeitet, dass ein „zunehmend paradoxes Wechselverhältnis“ die Wirkung der Protestakteure, so der K I, begleitete. Sie vertritt die These, dass es dabei zur Überschneidung der expressiven Selbstdarstellung der Bewegung und der ästhetischen Fremddarstellung durch die Medien auf der Ebene der Gestaltung von Intensität, Dynamik und Gestalttypologien der Protestsymbole gekommen sei. [57] Insofern wurde Reiche in seinem Bezug auf das „pardon“-Zitat gewissermaßen zu einem „Opfer“ der entstehenden Kluft zwischen Wirklichkeit und ihrer medial vermittelten Wahrnehmung. Kommune I in den Medien entsprach einer inszenierten Wirklichkeit, einerseits von ihr selbst und andererseits von den Medien inszeniert.

Übersteigerte Artikel, wie der von Konkret-Herausgeber und Meinhof-Ehemann Klaus Rainer Röhl[58], trugen somit auch in der linken Leserschaft ursächlich dazu bei, dass die Inszenierungen der K I für wahr genommen, ihr Politikbegriff letztlich – auch innerhalb der verschiedenen SDS-Fraktionen – nicht verstanden wurde.

Am 3. Mai verteilte die Kommune I an der FU die Flugblätter Nr. 1-5, die zum Boykott einer Urabstimmung aufriefen und mit „SDS“ unterzeichnet waren. [59] Die K I wollte die Studentenschaft und damit die Hochschulpolitik radikalisieren, sie verfolgten „die Zerstörung von Mitbestimmungsillusionen und die Loslösung möglichst vieler Studentinnen und Studenten von einer Fixierung auf pseudoparlamentarische Spielwiesen in den Universitätsgremien bzw. im Konvent der FU“ (Kunzelmann). Am 12. Mai fand eine SDS-Landesvollversammlung statt, auf der über den Ausschluss der K I abgestimmt wurde. In seinem „Referat zur Begründung des Antrags auf Ausschluß der Kommune I aus dem Berliner SDS“ setzte sich Wolfgang Lefèvre zunächst gegen den rechten Flügel der sogenannten „Alte-Keulen-Riege“ und dann gegen die „pseudo-Linke“ der Kommune I ab, der er eine „falsche Unmittelbarkeit“ bescheinigte. [60] Der Vorwurf suggeriert, das die K I mit zu wenig „politischem“ Ernst agierte. Doch gerade darum ging es ja, das war der entscheidende Unterschied in der Wahrnehmung von Politik. Ein „altes Problem“ wurde wieder evident: die Kluft zwischen einem „totalen“ und einem „rationalen“ Politikbegriff lies sich nicht überbrücken, und spaltete letztlich die Antiautoritären im Berliner SDS. [61] Am eigentlichen Verhältnis Berliner SDS und K I änderte der Rauswurf indes gar nichts. Man nahm wie gehabt an Mitgliederversammlungen teil und pflegte dieselben Kontakte.

Die Kommune I hatte in den vorangegangenen zwei Monaten derartig an Erfahrung und Selbstbewusstsein gewonnen, dass sie den SDS als Basis gar nicht mehr benötigte. Mit dem bewusst in Kauf genommenen Ausschluss trieb sie ihre „Idee der ironischen Entfernung vom revolutionären Kalkül“ weiter voran, und vollzog den entscheidenden Schritt zur „Autonomie der Theaterzelle in der Frontstadt“. [62] In ihrem folgenden Coup, dem Beispiel für symbolische Politik von unten par excellence, sollte sie das unter Beweis stellen.

Am 22. Mai 1967 ereignete sich im Brüsseler Kaufhaus „A l`Innovation“, wo gerade eine Sonderausstellung amerikanischer Waren gezeigt wurde, eine Brandkatastrophe mit über 300 Todesopfern. Am 24. Mai verteilte die Kommune I auf dem Gelände der FU die Flugblätter Nr. 6-9, die, Elemente der Werbung und der Springertypischen „Bild“-Berichterstattung aufgreifend, den Brand als ein „Großhappening“ belgischer Vietnamkriegsgegner darstellten. Hier Auszüge:

„Neue Demonstrationsformen in Brüssel erstmals erprobt
In einem Großhappening stellten Vietnamdemonstranten für einen halben Tag kriegsähnliche Zustände in der Brüsseler Innenstadt her. (...) Ich sprach mit dem Mitglied der pro-chinesischen Gruppe ‚Aktion für den Frieden und Völkerfreundschaft‘ Maurice L. (21): ‚Wir vermochten uns bisher mit unserem Protest gegen die amerikanische Vietnampolitik nicht durchzusetzen, da die hiesige Presse durch ihre Berichterstattung systematisch den Menschen hier den Eindruck vermittelt, daß ein Krieg dort unten notwendig und zudem gar nicht so schlimm sei. Wir kamen daher auf diese Form eines Happenings, die die Schwierigkeiten, sich die Zustände beispielsweise in Hanoi während eines amerikanischen Bombenangriff vorzustellen, beheben sollte.‘“ [Flugblatt 6]

„NEU ! UNKONVENTIONELL ! Warum brennst du, Konsument ? NEU ! ATEMBERAUBEND !
(...) Mit einem neuen gag in der vielseitigen Geschichte amerikanischer Werbemethoden wurde jetzt in Brüssel eine amerikanische Woche eröffnet: ein ungewöhnliches Schauspiel bot sich am Montag den Einwohnern der belgischen Metropole:
Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelte zum erstenmal in einer europäischen Grossstadt jenes knisternde Vietnamgefühl (dabeizusein und mitzubrennen), das wir in Berlin bislang noch missen müssen.“ [Flugblatt 7]

„Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?
Bisher krepierten die Amis in Vietnam für Berlin. Uns gefiel es nicht, dass diese armen Schweine ihr Cocacolablut im vietnamesischen Dschungel verspritzen mussten. Deshalb trottelten wir anfangs mit Schildern durch leere Strassen, warfen ab und zu Eier ans Amerikahaus und zuletzt hätten wir gern HHH in Pudding sterben sehen. (...) Unsere belgischen Freunde haben endlich den Dreh heraus, die Bevölkerung am lustigen Treiben in Vietnam wirklich zu beteiligen: sie zünden ein Kaufhaus an, dreihundert saturierte Bürger beenden ihr aufregendes Leben und Brüssel wird Hanoi. Keiner von uns braucht mehr Tränen über das arme vietnamesische Volk bei der Frühstückszeitung zu vergiessen. Ab heute geht er in die Konfektionsabteilung von KaDeWe, Hertie, Woolworth, Bilka oder Neckermann und zündet sich diskret eine Zigarette in der Ankleidekabine an. (...) Wenn es irgendwo brennt in der nächsten Zeit, wenn irgendwo eine Kaserne in die Luft geht, wenn irgendwo in einem Stadion die Tribüne einstürzt, seid bitte nicht überrascht. Genausowenig wie beim Überschreiten der Demarkationslinie durch die Amis, der Bombardierung des Stadtzentrums von Hanoi, dem Einmarsch der Marines nach China.
Brüssel hat uns die einzige Antwort darauf gegeben: burn, ware-house, burn!
Kommune I (24.5.67)“ [Flugblatt 8]

Die Folgen dieser provokativen Inszenierung ließen nicht lange auf sich warten. Polizei und Presse (z. B. „BZ“ vom 26. und 27. Mai 1967) reagierten sofort – auf die Kaufhaussatire folgte die Anklagesatire. Am 9. Juni 1967 bekamen die Kommunarden Post vom Generalstaatsanwalt des Berliner Landgerichts, in der Fritz Teufel und Rainer Langhans angeklagt wurden,
„durch Verbreitung von Schriften zur Begehung strafbarer Handlungen aufgefordert zu haben, nämlich zum vorsätzlichen Inbrandsetzen von Räumlichkeiten, welche zeitweise dem Aufenthalt von Menschen dienen, und zwar zu einer Zeit während welcher Menschen in denselben sich aufzuhalten pflegen. Die Aufforderung ist bisher ohne Erfolg geblieben.“ [63]

Die Scheininszenierung war erfolgreich. Polizei, Presse und Justiz hatten das Placebo geschluckt. Das Spektakel konnte beginnen.

Am 6. Juli 1967 begann vor der 6. Großen Strafkammer im, überwiegend mit studentischem Publikum (ca. 80 Personen) und Pressevertretern (ca. 60) gefüllten, Saal 500 des Landgerichts Berlin-Moabit der Prozess „wegen Aufforderung zur menschengefährdenden Brandstiftung“. Den Vorsitz hatte Landgerichtsdirektor Schwerdtner. Oberstaatsanwalt Kuntze und ein weiterer Staatsanwalt waren Beisitzer. Verteidiger der Kommunarden: Rechtsanwalt und „Alt-SDS-Mitglied“ Horst Mahler.

Die Angeklagten wurden zur Sache befragt und erklärten, nichts habe ihnen ferner gelegen, als zur Brandstiftung aufzurufen, sie wollten lediglich in schockierender Form auf das amerikanische Vorgehen in Vietnam aufmerksam machen. Ihre Antworten waren stellenweise so geschickt, dass es ihnen gelang die Autorität „Gericht“ lächerlich zu machen, sie zur Selbstentlarvung zu bringen und Reaktionen zu provozieren, die einzig den Kommunarden zum Vorteil gereichten. Hier einige Auszüge aus der „1. Moabiter Seifenoper“: [64]

„SCHWERDTNER: Warum wurden nun gerade diese Flugblätter veröffentlicht, in denen es um den Brand des Warenhauses in Brüssel ging?

TEUFEL: Es hat uns gereizt, die moralische Empörung der Leute hervorzurufen, die sich niemals entrüsten, wenn sie in ihrer Frühstückszeitung über Vietnam oder andere schlimme Dinge lesen.

SCHWERDTNER: Sie demonstrieren also gegen Vietnam? [sic!]

TEUFEL: Nicht nur, wir demonstrieren auch gegen die Saturiertheit und Selbstzufriedenheit...

SCHWERDTNER: Wer ist denn saturiert?

TEUFEL: Man kann es auch anders formulieren. Die Deutschen sind ein demokratisches, freiheitliches, tüchtiges Völkchen. Sie haben zwar eine Menge Juden umgebracht, aber dafür werden jetzt mit deutschen Waffen Araber umgebracht, das ist eine Art Wiedergutmachung. – Es ist doch so: Je mehr von den Schwarzen oder Gelben da unten verrecken, desto besser ist es für uns.

SCHWERDTNER (erschrocken): Das meinen Sie aber doch nicht ernst?
Gelächter im Saal

TEUFEL: Doch – doch!

SCHWERDTNER: Und deswegen haben Sie das Flugblatt geschrieben?

TEUFEL: Wir wollten den Leuten mal wieder Gelegenheit geben, die Wirrköpfe und Radikalinskis angewidert zu beobachten und nach dem Kadi zu schreien.

StA KUNTZE: Und wenn nun irgendjemand auf den Gedanken gekommen wäre, das zu probieren, was in den Flugblättern steht, eine Zigarette in einer Umkleidekabine eines Warenhauses anzuzünden?

TEUFEL: Ich muß sagen, es ist keiner auf den Gedanken gekommen, daß man das tun könnte – bis auf den Herrn Staatsanwalt. Der hat es aber auch nicht getan, sondern eine Anklageschrift verfaßt.“

Am Nachmittag dieses ersten Verhandlungstages wurden von der Verteidigung bestellte Gutachter gehört, die übereinstimmend zu dem Ergebnis kamen, dass es sich im Falle der Flugblätter um Dokumente bitterer Ironie, Parodie, Satire oder auch schwarzem Humor, aber keinesfalls um Aufforderungen zur Brandstiftung handele. [65] Am zweiten Verhandlungstag versuchte die nun arg in die Defensive geratene Berliner Justiz mit einem – wie sich herausstellen sollte unglücklich gewählten – Entschluss die Notbremse zu ziehen. Um Zeit zu gewinnen, der mangelhaften Vorbereitung und dem schon erlittenen Imageverlust der Justiz zu begegnen, ordnete die Strafkammer die psychiatrische und neurologische Untersuchung der Angeklagten durch Obermedizinalrat Dr. Spengler an, der ein ausführliches, schriftliches und wissenschaftlich begründetes Gutachten einreichen sollte. Die Hauptverhandlung wurde ausgesetzt.

Der Sommer 1967 wurde zum „Sommer der Kommune I“, die trotz (in der Regel demobilisierend wirkender) Semesterferien die antiautoritäre Bewegung in Berlin am laufen hielt, ihre eigenen symbolischen Inszenierungen weiter perfektionierte, und zu einem regelrechten „ästhetischen Schein des Kommunetheaters“ (Briegleb) verdichtete, wobei ihre bekanntesten Protagonisten den Status von Popstars erreichten.

Wichtigste Voraussetzung der Wirksamkeit ihrer symbolischen Politik von unten war die detaillierte Vorbereitung jeder Aktion. Dazu Langhans (1977):

„Unsere freudigen Mienen, unser Spaß, unsere intellektuellen Fähigkeiten waren sehr ausgeklügelt. Da war nichts ungeplant. Diese ganzen Gerichtsgeschichten waren eine unendlich durchkalkulierte Veranstaltung – immer mit dem Gefühl, daß sie uns Punkte liefern mußte.“ Als ausgezeichnete Schauspieler zehrten sie dabei von der Überwindung der Trennung von privat und politisch: „Wir konnten, wenn sich jemand aufs Gefühl zurückzog, den Intellekt einsetzen. Und wenn sich jemand auf seinem Intellekt ausruhte, dann konnten wir ihn so verunsichern, daß plötzlich sein Intellekt nicht mehr hielt. Die Folge war immer eine mangelhafte Reaktion.“ [66]

Aktionsvorbereitend auch das legendäre „K I-Pressefrühstück“ mit anschließender akribischer Archivarbeit. Morgens arbeitete man sich systematisch durch sämtliche Tageszeitungen. Berichte über eigene Aktionen, Aktionen der antiautoritären Bewegung oder anderweitig inspirierende Ereignisse wurden markiert, ausgeschnitten und im Wohnzimmer-Büro der Kommunarden in Ordner geheftet. Hier herrschte nach Aussagen eines Spiegel-Reporters „adrette Ordnung“, schließlich handele es sich bei der K I ja um „eine deutsche Kommune“. [67] Aktionsplanung durch Medienanalyse: Worin für die Kommunarden, analog zu ihrem Politikbegriff, ein wichtiges Element politischer Arbeit bestand, glaubten andere in erster Linie die Eitelkeit des Zeitungslesers zu erkennen, der im Betrachten seines Konterfeis die Erfüllung sieht.


Zweiter Akt (Januar 1968 – Oktober 1968) – „Imagepflege“

Der erste größere Höhepunkt der Kommuneaktivitäten 1968 bestand in der, nach eigenen Aussagen, „Neu-Inszenierung des Brandstifterprozesses“. Die Fortsetzung der im Juli 1967 ausgesetzten Hauptverhandlung begann am 4. und endete am 22. März 1968. Während der eigentlichen 8 Verhandlungstage zeigte sich, dass sich beide Seiten, sowohl Justiz als auch die Angeklagten Teufel und Langhans, gut vorbereitet hatten. Austragungsort diesmal: der bedeutend kleinere Saal 101 des Landgerichts. Lediglich 12 Plätze waren von Journalisten besetzt, und zwar von solchen, die mehrheitlich als ständige Gerichtsreporter wirkten. Fünf Uniformierte Polizisten und weitere Beamte in zivil nahmen beinahe die Hälfte der verfügbaren Publikumsplätze ein und sorgten so dafür, dass eine „nichtbegrenzte Öffentlichkeit“ kaum möglich wurde. Wie hatte der Spiegel-Gerichtsreporter Gerhard Mauz den Beginn jener „2. Moabiter Seifenoper“ so treffend beschrieben: „Über die Toppen geflaggt, illuminiert mit einem Scheinwerfer in jedem Bullauge und hunderttausend Tonnen Wasser verdrängend, fährt das Zielschiff vor zwei mit Spatzenbüchsen ausgerüsteten Fischdampfern auf.“ [68]

Aber die „Fischer“ verstanden sich im Umgang mit ihren „Spatzenbüchsen“. In ihren verbalen Darbietungen perfektionierten die beiden Angeklagten ihre, aus dem ersten Teil des Prozesses bekannten, Vorgaben. Eine Auswahl:

„LANGHANS (weiter): Es geht mir jetzt darum, Sie zu fragen, wie Sie darauf kommen können, daß das eine Aufforderung zur Brandstiftung sein könne, das ist doch blödsinnig.

SCHWERDTNER: Was soll das heißen?

LANGHANS: Das heißt, das wir Leute, die sich zur Brandstiftung aufgefordert fühlen, nur für blöd halten können – und da hat sich das Gericht ja sehr hervorgetan.

StA TANKE: Auch in dieser Formulierung ist ein ungebührliches Verhalten – ich stelle Antrag auf eine Ordnungsstrafe von einem Tag Haft.
(...)
TEUFEL [an den Schweizer Psychiater Dr. Georgi, einem Zeugen der Verteidigung, A. H.]: Eine Zusatzfrage: Gibt es in der Psychiatrie eine Krankheit, die man umschreiben könnte mit krankhaftem Verhängen von Ordnungsstrafen. Sind Fälle bekannt und welche Therapie würden Sie vorschlagen?

SCHWERDTNER (lachend): Das ist wieder eine Unverschämtheit.
Beschluß: 2 Tage Haft.“

Gerade auch jenes psychiatrische Gutachten – der Grund für die Vertagung des Prozesses im Juli 1967 – bot beste Angriffsflächen[69]:

„RA MAHLER: Was verstehen Sie als normales sexuelles Verhalten und was als abnormes, ganz allgemein?

SPENGLER: Wo da die Grenze liegt, ist sehr schwer zu sagen. (...)

RA MAHLER: Sie müssen aber doch die Tatsachen nennen können, auf denen das Gutachten basiert.
SPENGLER: Ich habe gesagt, ich habe Herrn Teufel in der damaligen Verhandlung wegen Landfriedensbruchs und auch hier beobachtet.

RA MAHLER: Und Sie meinen, daß sich da ein abnormes sexuelles Verhalten gezeigt hat?

TEUFEL (sanft): Habe ich etwa dem Vorsitzenden unsittliche Anträge gemacht?“

Sie hatten ihr Ziel erreicht: die Justiz zu provozieren, deren häufig absurd-bürokratische Formen durch Bloßstellung lächerlich zu machen und zu entlarven. Den Kommunarden war es ein weiteres Mal gelungen, den Gerichtssaal zu einer Bühne ihrer symbolischen Politik umzufunktionieren. Die Angeklagten wurden auf Kosten der Landeskasse Berlin freigesprochen.

Auf einen anderen inszenatorischen Aspekt der K I-Symbolpolitik sei im Zusammenhang mit dem Prozess hingewiesen. Nennen wir ihn „Äußerlichkeiten“. Folgende Episode ereignete sich zu Beginn des ersten Prozesses gegen die Kommunarden im Juli 1967: einem jungen Mann mit dicht gelockten – und für damalige Verhältnisse langen – Haaren, der Sandalen, hellblaue schmutzige Jeans, ein weißes Frotté-Hemd, eine rosa Leinenjacke und ein Mao-Abzeichen trug, wurde von einem Wachtmeister (zunächst) der Zutritt zum Gerichtsgebäude verwehrt, da „Gammler hier keinen Zutritt hätten“. Bei dem jungen Mann handelte es sich um den Angeklagten Rainer Langhans.

Im März 1968 hatte man die Garderobe wiederum sehr sorgfältig zusammengestellt. In der einerseits präzisen Beschreibung des Äußeren der beiden Angeklagten durch den Gerichtsreporter Gerhard Mauz schwingt zugleich schon die Wirkung mit, die hierdurch erreicht werden sollte:

„Rainer Langhans, 27, gleicht unter einem Atompilz von – eigens zur Sitzung vom Figaro hergerichteten – Locken einem Papua-Medizinmann. Zu einem lindgrünen Litewka-Jäckchen [Uniformrock mit Umlegekragen, A. H.] mit orangenen Knöpfen, mit Mao-Kragen und Manschetten in blau trägt er hellblaue Jeans. Durch Lockenstrudel hinter kreisrunden Brillengläsern hervor späht er mit den Augen eines melancholischen Mäuserichs.

Fritz Teufel, 24, ist in einem fast knielangen Kittel oder Frisiermantel gekleidet, auf dessen Orange silberne Knöpfe blitzen, während Manschetten und Mao-Kragen in Violett erstaunliche Akzente setzen. Haar und Bart dieses Angeklagten, eine perfekte Rundumfrisur, sind vergleichsweise dezent und erinnern an nicht mehr als den Klabautermann oder Oberammergau. Auch lassen die eher elliptischen Brillengläser Fritz Teufel stillvergnügt wie Disneys Porky und nicht wie Karl Luxemburg blicken. Erst zwischen Kittelsaum und Boden gelingt ihm die totale Schändung der abendländischen Kleiderordnung [sic!], trägt er doch dunkle Hosen mit Nadelstreifen, unter denen gelbe Socken in Wildlederschuhen stecken.“ [70]

Ein Charakteristikum von Kleidung ist, neben dem rein funktionalen Aspekt, die mit ihr transportierte Symbolhaftigkeit. So kann mittels Textil eine Einstellung, die Zugehörigkeit und Position innerhalb eines bestimmten Wertekanons, ein „Abgrenzungsbedürfnis“ zum Ausdruck gebracht werden. [71] Diese seit frühester Zeit allgemein bekannten Tatsachen hatten die K I-Mitglieder bereits in die Überlegungen ihrer großen Diskussionsrunden im März 1967 mit aufgenommen. Ein weiteres, in der „Abgrenzung“ gleichsam schon enthaltenes, Motiv ist „Selbstdarstellung“. Für die K I wurde dieses Motiv das Ausschlaggebendere im Umgang mit Kleidung. Möglich war damit die gezielte Provokation, so Kunzelmann, durch „Verkleiden und Entkleiden und auch durch Verkleidung etwas zu entkleiden.“ [72] Durch „Maskerade“ sollte gesellschaftliche Maskerade ad absurdum geführt werden (so bei weiteren K I-Aktionen am 9., 12., 18.8. und 15.9. 1967). Gerade bei den Kommune-Prozessen wurde deshalb, neben der inhaltlichen Vorbereitung, gesonderter Wert auf die Kleidungs-Auswahl gelegt, wie Kunzelmann weiter bestätigt.

Analog dem oben beschriebenen Politikbegriff der Kommune I verbindet sich in dieser Art der „Selbstdarstellung“ das Mittel, die Provokation, mit dem Zweck, der Inszenierung.

Kathrin Fahlenbrach vertritt in ihrer Studie die These, dass die Jugend- und Studentenbewegung der 1960er Jahre, die sie als „habituellen Generationenkonflikt“ beschreibt, als erste soziale Bewegung in der BRD ihren Widerstand gegen die kulturelle Ordnung („die Lebensformen der ‚Alten‘“) auf die „sichtbaren Signale der individuellen und kollektiven Selbstdarstellung der Aktivisten“ ausgeweitet habe. [73] Konkret kann man die These dahingehend zuspitzen, dass es hierbei gerade die Protagonisten der Kommune I waren, die es am besten verstanden mittels „sichtbarer Signale“ (bekleidet oder unbekleidet) die „etablierten Repräsentationsregeln“ zu durchbrechen. In der Bundesrepublik waren sie die ersten, die das große Feld der „Protestkommunikation“ dauerhaft und zukunftsweisend auf den Bereich „Selbstdarstellung“ konzentrierten. Die eigene Person als Transparent – privat gleich politisch.

Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 und den sich daran anschließenden „Osterunruhen“, mit Aktionen gegen Einrichtungen des Springer-Verlages und schweren Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei, geriet die APO in einen Zustand kopfloser Desorientierung, ein Nebeneinander von Handlungsdruck und (organisatorisch bedingter) Handlungsunfähigkeit, aus dem sie bis zuletzt nicht wieder herausfinden würde.

Die K I machte ihrem eigenen Stil folgend so weiter wie bisher. Seit dem 1. Mai 1967 bewohnten die Kommunarden ein 7-Zimmer-Domizil am Stuttgarter Platz. Die Wohnung Kaiser-Friedrich-Straße 54a, direkt am S-Bahnhof Charlottenburg, hatte sich mittlerweile zu einem regelrechten „Zentrum mit institutionellen Charakter“ entwickelt. [74] Neben festen Mitgliedern, wie dem Ur-Triumvirat Kunzelmann, Teufel, Langhans und „Neu-Mitgliedern“, wie z. B. Antje Krüger herrschte ein fluktuierender Durchlauf von Hospitanten einer sich verbreiternden Subkultur. [75] Diese galt es aufzunehmen und in für die ganze Bewegung fruchtbare Prozesse zu überführen. Bereits im Februar 1968 hatte die K I dazu aufgerufen, ein „Kommuneumfeld“ mit „Vorformen, Zugangswegen und Übergängen“ zu schaffen, das auf die Besonderheiten dieser neuen Form des Zusammenlebens vorbereitet, um längerfristig weitere, im netzwerkartigen Austausch befindliche, Kommunen entstehen zu lassen. Die K I suchte nun nach geeigneten Räumlichkeiten, in denen ein Zentrum mit Kneipe, Disco, Druckerei, Wohnmöglichkeit oder einfach Treffpunkt entstehen sollte, und fand sie in Gestalt eines alten dreistöckigen Hinterhof-Fabrikgebäudes in Berlin-Moabit. Der Umbau und die Renovierung der, ab dem 1. August 1968 gemieteten, „K I-Fabrik“ in der Stephanstr. 60 (heute ein Domizil des SOS-Kinderdorfs) beschäftigte die Kommunarden den größten Teil des Sommers. Einer, der den Einzug ins große „Matratzenlager in der offenen Fabrikhalle“ (Kunzelmann) nicht mehr mit vollzog war Fritz Teufel. Er befand sich seit Ende Juli in München und wollte dort eine „Politkommune“ gründen. [76] Zum Bruch mit der Gruppe, vor allem mit Rainer Langhans, war es gekommen, weil dieser der entstandenen Fürsorgetätigkeit für die von seinem „Popstar-Kollegen“ Teufel nach kurzer Liaison überdrüssig gewordenen „Groupies“ nicht länger nachzukommen gedachte. Teufel wiederum – der im Zuge seiner langandauernden Untersuchungshaft einen beachtlichen „Nachholbedarf“ entwickelt zu haben schien – war die Diskussionen mit Langhans leid. Sein Bekanntheitsgrad bereitete ihm offensichtlich Vergnügen, dem er in München noch besser nachkommen konnte. [77]

Den verbliebenen K I-Mitglieder in Berlin war indes auch daran gelegen, die Medienpräsenz nicht abreißen zu lassen und neben der Imagepflege ihrer Vorstellung von Politik wieder einmal Nachdruck zu verleihen. Pünktlich zur herbstlichen Buchmesse in Frankfurt platzierten sie mit ihrem Buch „Klau Mich“ eine weitere intelligente Inszenierung. Das Buch versammelte neben den Gerichtsverhandlungsmitschriften der beiden Brandstifter-Prozesse und Materialien aus dem K I-Archiv eine „pikante“ Besonderheit: jedem Band war ein Blatt mit vier Porno-Bildern (zwei Fotos, zwei Comic-Darstellungen) beigelegt. Die Fotos zeigten aber nicht etwa Kommunarden und Kommunardinnen, sondern einen unbekleideten Herrn, Typ: „gutbürgerlich“ mit Fassonschnitt, Scheitel, Brille, Ehering und Socken (!), den Verkehr vollziehend mit einer Dame, Typ: Hausfrau und Mutter in plüschigen Hausschuhen. Das alles findet vor dem Hintergrund einer anheimelnden kleinbürgerlichen Wohnzimmeratmosphäre, mit 50er Jahre Sitzgarnitur, Schrankwand und Gummibaum, vor – natürlich zugezogenen! – Vorhängen, statt. Die „Beilage“ hatte also nicht allein eine verkaufsfördernde Funktion, sondern entlarvte einmal mehr bürgerliche Doppelmoral. Trotz Ermittlungen der Westberliner Kriminalpolizei gegen den Verlag „Edition Voltaire“ und dessen Verleger Bernward Vesper, „die Sau“ – wie er im Impressum des Buchs betitelt wird – und trotz eines für damalige Verhältnisse hohen Taschenbuchpreises von 10 DM wurden die ersten 20.000 Exemplare von „Klau mich“ bereits vor der Buchmesse verkauft und machten es zu einem Bestseller des Herbstes. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten noch Wochen zu tun, bei den Auslieferern und in Buchhandlungen „Beilagen“ zu konfiszieren (was deren Wert in Sammlerkreisen über die Jahre natürlich steigen ließ). [78]

Schnell ist man hier geneigt, den gänzlich unpolitischen Ausverkauf zu vermuten. Dennoch darf eines nicht vergessen werden: die Mitglieder der Kommune I waren Pioniere einer Methode künstlicher Aufmerksamkeitserzeugung, die heute in nahezu jede Werbeagentur oder Consulting-Unternehmen Eingang gefunden hat. Es handelte sich hierbei nach wie vor um symbolische Politik und zwar in Form „subversiver Medienstrategien entlang der Grenze von Negation und Affirmation“, wie Fahlenbrach in ihrer Studie aufzeigt. <79>[1]

Das dialektische Verhältnis zu den Medien, das hier zum Ausdruck kommt, brachte Fritz Teufel 1997 mit einfachen Worten auf den Punkt: „Die Springerleute waren unsere Mitarbeiter. Wir brauchten die. Die brauchten uns.“ [80] Seine Mitkommunardin Antje Krüger äußerte sich ähnlich:

„Wir konnten nur bestehen, weil sie [die Presse, A. H.] so hysterisch reagiert haben. Das war wie ein Pingpongspiel, das sich zu Squash entwickelte, immer härter und schneller wurde auf beiden Seiten.“ [81]

Illustrierten-Artikel in denen auch schon mal die Gagen der K I thematisiert werden, bezeichnen zweifellos den mehr affirmativen Teil ihrer Medienstrategie, so ein Feature im Stern oder Teufels (fast) Nacktauftritt in der Zeitschrift twen, für den er 1000 DM verdiente. [82] Vordergründig handelte es sich bei derlei Auftritten um einen „Subsistenz-Kompromiss“, oder wie es ein Leserbriefschreiber zum Teufel-Akt ausdrückte: „ein karitativer Eingriff in die Finanzkrise eines bärtigen Ex-Studenten“. [83]

Bei den 1.Essener Songtagen im Spätsommer 1968 machte Kommunarde Langhans die Bekanntschaft einer jungen Frau, die zur Münchner Musik-Kommune „Amon Düül“ gehörte. Ihr Name, Uschi Obermaier (22 Jahre alt), gelernte Fotoretuscheurin und, dank eines nicht unattraktiven Äußeren, mittlerweile Fotomodell für Zeitschriften wie twen (z.B. Titelbild 11/1968), Konkret u. a. Langhans und Obermaier wurden ein Paar, sie zog im Oktober in die Kommune I ein. Die „kulturell-symbolische Vereinnahmung durch den Zeitgeist“ (Fahlenbrach) schritt unaufhaltsam vorwärts.


Schlussakt (November 1968 - November 1969) – „Körper und Konflikte“

1969 – Letzte Phase des Bestehens der Kommune I und zugleich das „Jahr der Großen Konfusion“ (Dieter Kunzelmann). Die Jahreszahl kennzeichnet den Beginn einer markanten Entwicklung, für Gerd Koenen:

„die entscheidende Phase jenes ‚Roten Jahrzehnts‘ [1967-1977, A.H.] in der Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik, in der die sich auflösende und zugleich stets verbreiternde APO-Bewegung sich in eine Unmenge radikaler Politsekten und utopischer Sozialprojekte verpuppte und einen virulenten Underground terroristischer Gruppen aus sich entband.“ [84]

Der selbstgesetzte Handlungsdruck und die mangelnde Fähigkeit einer organisatorisch nicht fassbaren Bewegung gemeinschaftlich zu agieren auf der einen Seite, sowie die mangelnde Fähigkeit des Staates auf diese Bewegung angemessen zu reagieren auf der anderen Seite, hatten im Verlauf des Jahres 1968 dazu geführt, dass Gewalt als fester Bestandteil in der Auseinandersetzung zwischen beiden Seiten immer mehr etablierte. Ein circulus vitiosus.

Am Abend des 5. März 1969, eine knappe Woche nach dem Berlin-Besuch von US-Präsident Richard Nixon und just am Tage der Wahl des neuen Bundespräsidenten Gustav Heinemann durch die Bundesversammlung im Palais am Funkturm, wurde bei einer Hausdurchsuchung im weitläufigen Kommune I-Areal in der Stephanstr. eine selbstgebaute Bombe gefunden. Gegen Langhans und Kunzelmann erging Haftbefehl. Alles deutete darauf hin, dass die beiden, denen ein „versuchter Bombenanschlag auf ein Verfassungsorgan“ – namentlich: der Bundesversammlung – vorgeworfen wurde, eine längere Gefängnisstrafe zu erwarten hätten. Mit Hilfe ihrer Verteidiger Horst Mahler und Klaus Eschen, sowie einer unterstützenden Justizkampagne, kamen sie Anfang April wieder auf freien Fuß. Eines stellten Polizei, Staatsanwaltschaft und Verfassungsschutz (deren Verbindungsmann Peter Urbach seit Mitte 1967 im Kommune-Umfeld agierte) tatkräftig unter Beweis: in Sachen „Scheininszenierungen“ hatte man mittlerweile von der K I gelernt. [85] Dennoch waren die Anstrengungen zur Zersetzung der Kommune übertrieben – in der K I-Fabrik hatte man längst von selbst damit begonnen.

Im Frühjahr 1969 fand die Kommune 2, von den K I-Mitgliedern zuletzt spöttisch „SDS-Außenposten mit WG-Charakter genannt“, ihr Ende. Überall das gleiche Motiv: „die Realität der Auflösung, des Zerfalls“ (Kunzelmann) – eine Realität, die die Akteure zwar wahrnahmen, aber nicht wahr haben wollten. Auch in der Kommune I hatten sich die Interessenlagen hin zum vermehrten Konsum von Rockmusik und Drogen verändert. Vor allem letztere trieben den Auflösungsprozess voran. In Peter Moslers Satz, „Die Linke und die Droge wollten das Gleiche: die Veränderung der Sache durch ihr Gegenteil“ [86], kommt auch zum Ausdruck, wie man seinerzeit die emanzipatorische Funktion bewusstseinserweiternder Substanzen überbewertet, ihre destruktive Wirkung ausgeblendet hatte.

Der Frankfurter Beat-Poet, Head-Shop-Betreiber und zeitweilig „gewerbsmäßige“ Dealer P.G. Hübsch – seit seiner Konvertierung zum Islam 1970 unter dem Namen Hadayat-Ullah Hübsch – beschreibt in dem Kapitel über ihn in Moslers Buch seine Zeit in der Kommune I. Bereits bei einem seiner ersten Besuche in der K I 1967 hatte er versucht sie „anzutörnen“, aber „sie wollten nicht kiffen“. Als er Ende 1968 für einen längeren (diesmal garantiert nicht drogenfreien) Aufenthalt zurückkehrte, „war die Kommune eine festgefügte Gruppe unter der Magie des Rituals, des Zeremoniells geworden“, so Hübsch. Es herrschte das Gesetz einer „prästabilisierten Harmonie, die nicht ins Wanken geraten durfte“:

„Wir hatten genug Geld und ein riesiges Haus, und waren Könige und rauchten unendlich viele kunstvoll gedrehte Joints mit langen, langen Filtern.“ [87]

Darüber hinaus wurde auch STP konsumiert, eine auf Amphetaminbasis hergestellte, „verstärkte“ Variante von LSD, dessen halluzinogene Wirkung intensiver war, länger andauerte und leichter zu psychotischen Dauerzuständen führen konnte.

Die Kommune I war in der Stephanstr. 60 auf dem Rückzug in den Hedonismus einer Subkultur, als deren Zentrum man sich (hier in Berlin) ja sah. Die damit einhergehende hohe Fluktuation von „Sinnsuchern“, der stellenweise exzessive Drogengebrauch, sowie die neuerlichen Justizerfahrungen unter dem Damokles-Schwert einer längeren Haftstrafe, verursachten besonders zwischen den beiden verbliebenen Köpfen der K I, Kunzelmann und Langhans, psychische Spannungen und führten zu Konflikten innerhalb der Kommune. [88] Die „prästabilisierte Harmonie“ kippte. Anfang Juli 1969 warf eine Gruppe unter der Federführung von Rainer Langhans (darunter auch Holger Meins) Dieter Kunzelmann und dessen Freundin Ina Siepmann aus der Kommune I hinaus. Die Kommune I hatte mit dem Weggang Fritz Teufels und spätestens seit dem Umzug in die „K I-Fabrik“, Stephanstr. 60 aufgehört in ihrer ursprünglichen Form zu existieren. In einem ansonsten sehr „boulevardesken“ Artikel über „Das Ende einer Kommune“ stellten die Konkret-Autoren Werner Borsbach und Kai Ehlers schon 1969 treffend fest:

„Das Haus [Stephanstr. 60, A.H.] erwies sich mehr und mehr als bloße formale Klammer, die die auseinanderstrebenden Einzelinteressen der Gruppenmitglieder nur noch auf einer materiellen Grundlage miteinander verband und so jedem einzelnen auch den nötigen Schein einer Existenzberechtigung verschaffte.“ [89]

Bereits vor dem Rauswurf Kunzelmanns hatte die Kommune I ihre Aktivitäten zunehmend von der Straße auf die Wohnung verlagert. Nun ging die Rest-Kommune unter der Führung von Rainer Langhans dazu über, die in den zwei vorangegangenen Jahren herausgebildete „Corporate Identity“ der K I zu vermarkten. Obwohl das ursprüngliche Projekt ja im Grunde nicht mehr existierte, prägt erstaunlicherweise gerade diese Periode bis heute das Bild, den Mythos K I. Auf das Stichwort „Kommune I“ folgt häufig als erster Kommentar „Uschi Obermaier“. Der Grund darin ist nicht zuletzt in zwei reichbebilderten Illustriertenartikeln zu finden, die von der Rest-Kommune im Juni und November des Jahres 1969 für die Zeitschriften twen und Stern inszeniert wurden. [90]

Auf den Inhalt der beiden Artikel braucht nicht näher eingegangen werden. Eingebettet in belanglose Beschreibungen des Kommune-Alltags, wird hier wesentlich in beiden Fällen die Person Uschi Obermaier behandelt. Entscheidend dabei: die visuelle Art der Selbstdarstellung in Jeans mit freiem Oberkörper und in den „eigenen vier Wänden“. Kathrin Fahlenbrach nimmt in ihrer Studie auf diese beiden Artikel Bezug und resümiert:

„Spätestens als das twen-Model Uschi Obermeier [eigtl. Obermaier, A.H.] in die Kommune einzieht, ist die Grenze zwischen subversiver Gestaltung der öffentlichen Selbstinszenierung und ihrer Assimilation durch die Zeitgeistmagazine fließend. Im Umgang mit den Medien professionell geschult, bietet Obermeier den Medien eine ideale Projektionsfläche zur visuellen Personalisierung des Kommune-Experiments.
Die von Anfang an im Fokus des medialen Interesses stehenden expressiven Grenzverletzungen werden so zunehmend in kanonisch wiederkehrenden visuell-symbolischen Modellen standardisiert. (...)
Nachdem die ‚Subversiven‘ ihre Kapitalismus- und Konsumkritik bewusst in der Inszenierung ihres eigenen medialen ‚Warencharakters‘ demonstriert haben, erschöpft sich ihr Protestpotential schließlich in ihrer ästhetischen Ikonologisierung.“ [91]

Die subversive Medienstrategie, welche die K I auf der Basis ihres Politikbegriffs so spielerisch beherrscht und perfektioniert hatte, jene Gratwanderung entlang der Grenze von Negation und Affirmation, wurde jetzt in Richtung des letzteren überschritten.

Hinzu trat, so Fahlenbrach weiter, eine „Re-Inszenierung expressiver Protestcodes“ in den Bildstrecken der Magazine. Doch es waren nicht allein die Medien, die hier „re-inszenierten“. Die im Rampenlicht stehenden Akteure waren daran gleichsam beteiligt. Eine ursprüngliche „Corporate Identity“ der Kommune I wurde – durch beiderseitiges Zutun – auf das Paar Langhans/Obermaier reduziert und fand Eingang in ein „kulturelles Gedächtnis“ (Jan Assmann), dessen Fähigkeit optische Reize zu speichern seit jeher ausgeprägter funktionierte. Die ästhetisch-symbolischen Protestformen der Kommune I werden letzten Endes in einem Kommerzialisierungsprozess assimiliert, „der die Zeichen des Widerstandes und des Aufbegehrens entleert und sie als Markenzeichen eines kommerzialisierten Anspruchs zurücklässt.“ [92]

Was die Bewertung der Bedeutung der Kommune I für die Geschichte der APO in der Bundesrepublik Deutschland betrifft, so wurde die Gruppe mit dem „Salz in der Suppe“, der „Hefe im trägen Teig des SDS“ oder auch dem „Sauerteig der Bewegung“ verglichen“. Den Charakterisierungen gemeinsam ist die Betonung eines die Wirksamkeit steigernden Moments, das von der Kommune I ausging. K. D. Wolff, SDS-Bundesvorsitzender 1967/68, hatte bereits 1985 darauf hingewiesen, dass ein wichtiger Anteil der K I bislang in der Betrachtung der APO immer unterschätzt worden sei: ihre „Massenwirksamkeit“. [93] Das was der SDS und die infolge seiner Auflösung zahlreich entstandenen „K-Gruppen“ meist vergeblich versucht hatten organisatorisch umzusetzen, war der Kommune I in den Jahren 1967/68 gelungen:

„Die Lust zur Selbstdarstellung und Selbststilisierung, die die Kommune I vormachte, wurde zwar gleich vom Bannstrahl des SDS getroffen. Aber die Bewegung kümmerte sich nicht sehr darum. Nicht nur Fritz Teufel und Rainer Langhans, Tausende entdeckten erst in dem kollektiven Gebrodel von 1968 ihre persönlichen Eigenarten. Die persönlichen und die politischen Bedürfnisse, die sich später in feindliche Lager aufspalteten, waren nicht voneinander getrennt, und darin lag die Kraft dieses Aufbruchs.“ [94]

Kommune I, das war eine Fortsetzung des politischen Verkehrs, ein Durchführen desselben mit anderen, – erweiterten – Mitteln.

Am 24. November 1969 meldete das (wiederholt erstaunlich gut informierte) Nachrichtenmagazin aus Hamburg die endgültige Auflösung der Kommune I – das hatte es etwas voreilig im Oktober 1967 schon einmal getan. Dieses Mal würden sie Recht behalten.



Anmerkungen

* Kurzfassung einer Magisterarbeit im Fach Neuere und Neueste Geschichte am Institut für Geschichtswissenschaften der Philosophischen Fakultät I der Humboldt-Universität zu Berlin

1 Als Titelbild der Eigendruck-Broschüre „Kommune I – Gesammelte Werke gegen uns“ Juni 1967, anschließend: Spiegel Nr. 27, 26.06.1967, S. 20 unter der Überschrift: „Kahle Maoisten vor einer kahlen Wand.“ Hier bereits das erste Mal mit retuschierten Geschlechtsteilen.

2 Mythos in dieser Lesart „verkürzt das historische Wissen in der Rückschau auf wenige einprägsame Zeichen und Symbole“, welche „als Brücke zwischen dem historischen Ereignis und dem kollektiven Gedächtnis der Gegenwart“ weiterwirken. Franz-Werner Kersting: Entzauberung des Mythos? Ausgangsbedingungen und Tendenzen einer gesellschaftsgeschichtlichen Standortbestimmung der westdeutschen ‚68er‘-Bewegung, in: Karl Teppe (Hg.): Westfälische Forschungen – Zeitschrift des Westfälischen Instituts für Regionalgeschichte des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, 48/1998, Münster 1998, S. 1-19, hier: S. 1 u. 6.

3 Tilman Fichter/Siegward Lönnendonker: Kleine Geschichte des SDS. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund von 1946 bis zur Selbstauflösung, Berlin 1977; 2. überarb. Aufl. unter dem Titel: Macht und Ohnmacht der Studenten: kleine Geschichte des SDS, Hamburg 1998. Etliche Titel zum Bereich „68“, in denen Kommune I thematisiert wird, beziehen sich hierauf. Daneben u.a.: Siegward Lönnendonker (Hg.): Linksintellektueller Aufbruch zwischen „Kulturrevolution“ und „kultureller Zerstörung“: der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) in der Nachkriegsgeschichte (1946-1969); Dokumentation eines Symposiums, Opladen 1998; Siegward Lönnendonker/Bernd Rabehl/ Jochen Staadt: Die antiautoritäre Revolte. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund nach der Trennung von der SPD, Band 1: 1961-1967, Wiesbaden 2002.

4 Eine Auswahl: Interview mit Dieter Kunzelmann, in: Wolfgang Dreßen/Eckhard Siepmann (Hg.): Nilpferd des höllischen Urwalds. Situationisten, Gruppe SPUR, Kommune I, Gießen 1991, S. 116-143, 154-166, 194-212; Interview mit Antje Krüger: die tageszeitung v. 10.04.1993; Interview mit Rainer Langhans: Joachim Soyka: Die wunderbare Wandlung des Rainer Langhans, in: Johann August Schülein (Hg.): Kommunen und Wohngemeinschaften: Der Familie entkommen?, Gießen 1978, S. 65-73; Interview mit Dagmar Przytulla (geb. Seehuber) in: Ute Kätzel: Die 68erinnen, Berlin 2002, S. 201-219; desw. Biografien: Dieter Kunzelmann: Leisten Sie keinen Widerstand! Bilder aus meinem Leben, Berlin 1998; Ulrich Chaussy: Die drei Leben des Rudi Dutschke, Berlin 1993; Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben. Die Tagebücher 1963-1979 (hg. v. Gretchen Dutschke), Köln 2003.

5 Ulrich Enzensberger: Die Jahre der Kommune I. Berlin 1967-1969, Köln 2004. Die autobiographische Darstellung des jüngsten Gründungsmitglieds der K I erschien nach der Fertigstellung vorliegender Analyse, und fand hier noch keinen Eingang.

6 Fichter/Lönnendonker, Kleine Geschichte, S. 103; Peter Brügge: Die wilden 68er. Spiegel-Serie über die Studentenrevolution, Spiegel-Spezial 1/1988, S. 50; Tobias Mündemann: Die 68er ...und was aus Ihnen geworden ist, München 1988, S. 103; Rechenschaftsbericht des SDS-Bundesvorstands zur 22. Delegiertenkonferenz, September 1967, zit. nach: Kommune 2: Versuch der Revolutionierung des bürgerlichen Individuums, Berlin 1969, S. 44; Neue Kritik Nr.41, April 1967, S. 21.

7 Wolfgang Kraushaar: Symbolzertrümmerung. Der Angriff der Studentenbewegung auf die Insignien universitärer Macht, in: ders.: 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur, Hamburg 2000, S. 196-209, hier S. 203. Mit den „meisten Zeitgenossen“ meinte Kraushaar hier nicht allein die bürgerliche Öffentlichkeit, sondern gleichfalls Angehörige der Linken.

8 Guy Debord: Rapport zur Konstruktion von Situationen, Paris 1957, zit. nach: Dreßen/ Siepmann, Nilpferd, S. 76. Umfassend: Roberto Ohrt: Phantom Avantgarde – Eine Geschichte der Situationistischen Internationale und der modernen Kunst, Hamburg 1990; Situationistische Internationale 1958-69, Gesammelte Ausgaben des Organs der Situationistischen Internationale, 2 Bde., Berlin 1977.

9 In: Frank Böckelmann/Herbert Nagel (Hg.): Subversive Aktion. Der Sinn der Organisation ist ihr Scheitern, Frankfurt/a.M. 1976, S. 43.

10 Eckhard Siepmann im Vorwort zu: Dreßen/Siepmann, Nilpferd, S. 14.

11 Aus dem Manifest der Gruppe „Unverbindliche Richtlinien 2“, München/Berlin/Assens, Dezember 1963; in: Böckelmann/Nagel, Subversive Aktion, S. 89 ff.

12 Dutschke und Rabehl schrieben z.B. über Sozialimperialismus und Sozialdemokratie, Theorie und Praxis; Böckelmann und Kunzelmann über James Bond, Oben ohne, Tramper etc.; Anschlag Nr. 1, August 1964, Nr.2, November 1964, wiederabgedruckt in: Böckelmann/Nagel, Subversive Aktion.

13 Diese bundesweit agierende Organisation suchte in intellektuellen Zirkeln (Arbeitskreise) nach einer zeitgemäßen und alternativen sozialistischen Theorie jenseits der beiden Pole Sozialdemokratie und KPD/SED. In einem „Unvereinbarkeitsbeschluss“ war der SDS seiner politischen Zielrichtung wegen 1961 aus der SPD ausgeschlossen worden, nachdem sich die Mutterpartei bereits 1959 in den Godesberber Beschlüssen von ihrer ehemals marxistisch geprägten Programmatik verabschiedet hatte. Vgl. Fichter/Lönnendonker, Macht und Ohnmacht, S. 83 ff.

14 In diesem, mit Jeanne Moreau und Brigitte Bardot besetzten Film führt eine wandernde Schauspieltruppe eine Revolution ausgebeuteter Landarbeiter in einem mittelamerikanischen Land an.

15 Herbert Marcuse: Triebstruktur und Gesellschaft, Frankfurt/a. M. 1956; Robert Paul Wolf/Barrington Moore/Herbert Marcuse: Kritik der reinen Toleranz, Frankfurt/a. M. 1966; Herbert Marcuse: The One-Dimensional Man. Studies in the Ideology of Advanced Industrial Society, Boston 1964 (dt.: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Darmstadt-Neuwied 1967, hier: München 1998).
16 Chaussy, Drei Leben, S. 134 f.

17 Kommune I: Quellen zur Kommuneforschung, Berlin 1968, o. S.

18 Kommune 2, Versuch der Revolutionierung, S. 36.

19 Lönnendonker/Rabehl/Staadt, Antiautoritäre Revolte, S. 314 ff.

20 Ulrich Enzensberger (1982) zitiert nach: Chaussy, Drei Leben, S. 162.

21 Es handelt sich um Kopien der Originalakten aus dem Besitz von Detlef Michel (war bis Ende März K I-Mitglied). Dieser hatte 1992 von einem unter dem Aktenzeichen 2 P Js 689/1967 gegen ihn eingeleiteten Ermittlungsverfahren aus dem Jahre 1967 Kenntnis erlangt, und daraufhin seine Rechtsanwältin Ulrike Kolneder-Zecher mit der Klärung des Sachverhaltes beauftragt. Die Akteneinsicht ergab, dass das Ermittlungsverfahren (eingestellt am 5. Juni 1967) auf einer Strafanzeige vom 18. April 1967 basierte. Aufgrund eines der Berliner Polizei bereits fünf Tage vor Veröffentlichung zugespielten Artikels über die K I in der illustrierten Wochenzeitschrift „Stern“ (Nr. 17/1967, 23.04.1967, S. 21/22) hatte ein diensteifriger Kriminalobermeister, namens Gutjahr, „von Amts wegen“ Strafanzeige gegen Rainer Langhans u. a. erstattet. Er glaubte in dem Stern-Artikel „mit Strafe bedrohte Handlungen der interviewten Personen“ erkannt und herausgelesen zu haben, „daß die Anhänger der ‚Kommune‘ der Kuppelei nach § 180 StGB frönen“. In: APO-Archiv, Ordner K I, Justiz I.

22 „Da Wesen und Zielsetzung der Kommune sowie Hinweise auf geplante bzw. durchgeführte strafbare Handlungen aus diesen Aufzeichnungen hervorgehen, wurden die Aufzeichnungen auf hiesiger Dienststelle wörtlich abgeschrieben und die Leseabschriften als Beweismittel zum anliegenden Vorgang [der Kuppelei-Anzeige, A. H.] in Fotokopie beigegeben. Das Original der Aufzeichnungen befindet sich als Asservat beim Hauptvorgang, Az.: GenStA Bln.- 1 P Js. 236/67 [dem Vorwurf der Anschlagsplanung gegen Humphrey, A. H.].“, Ebd., S. 7.

23 Die Leseabschriften beider Hefter wurden auf der Polizeidienststelle als „Bl. 11-73“ durchnummeriert. Es muss hier darauf hingewiesen werden, dass der Beamte, der die Auswertung und Nummerierung der Unterlagen vornahm, diese lediglich in der Reihenfolge bearbeitet hatte, wie er sie auf den Tisch bekam. D.h., da die Aufzeichnungen offenbar durcheinander geraten waren, ergab sich eine chronologisch schlüssige und inhaltlich logische Sortierung erst nach nochmaliger genauer Durchsicht. Als Seitenangabe beziehe ich mich auf die von mir vorgenommene Neunummerierung mit Angabe der ursprünglichen Nummerierung in Klammern. Bernd Rabehl, der diese Unterlagen als erster in seinem Aufsatz „Provokationselite“ (in: Lönnendonker/Rabehl/Staadt, Antiautoritäre Revolte, S. 400-512) verwendete, hat diesen Fakt nicht beachtet, weshalb dessen Interpretationen stellenweise mit Vorsicht zu behandeln sind.

24 Problematisch ist die Frage nach der jeweiligen Urheberschaft der einzelnen Abschnitte. Anhaltspunkte finden sich in dem zweiten, dem gelben Hefter, der die Aufschrift „Kommune-Protokolle Dagmar“ trug (Ebd., S. 42 (52) – 63 (71)). Dagmar Seehuber hat hier in ihren eigenen Stichpunkten einen Teil der Gespräche kommentiert, die zeitgleich im roten Hefter dokumentiert wurden. Die Quelle „gelber Hefter“ bildet gewissermaßen ein Pendant – ein besonders für den Historiker erfreuliches Vergleichsmuster – zur Quelle „roter Hefter“.

25 Vgl. im Folgenden: Roter Hefter, S. 17 (36) u. 18 (37); Gelber Hefter, S. 46 (64) - 49 (67).

26 Vgl. Kunzelmann, Widerstand, S. 63, Auswertungsbericht der Kriminalpolizei.

27 Vgl. im folgenden: Roter Hefter, S. 28 (38) - 30 (40) u. parallel dazu Gelber Hefter, S. 50 (68), 51 (69), 52 (53) - 56 (57).

28 Vgl. Kommune 2, Versuch der Revolutionierung, S. 41.

29 Die Protokoll-Notizen vom 1. – 4. April. Vgl. Roter Hefter, S. 35 (45) bis 40 (50) und Gelber Hefter, S. 59 (72), 60 (73) u. 61 (60).

30 Vgl. Kommune 2, Versuch der Revolutionierung, S. 41 ff.; Rabehl, Provokationselite, S. 445 ff.

31 Konkret Nr. 13, 21.10.68, S. 35. Das Buch, ein bunter Mix aus gesammelten Zeitungsartikeln über die K I und Mitschriften ihrer Gerichtsverfahren, war zur Buchmesse 1968 vorgestellt worden und dank der mittlerweile sehr publicity-trächtigen Namen seiner (zumindest auf dem Cover vermerkten) Autoren zu einem Top-Seller avanciert. Rainer Langhans/Fritz Teufel: Klau mich, Frankfurt/a.M./Berlin 1968 (in unveränderter Nachauflage beim Verlag Trikont, München 1977).

32 Klaus Hartung: Versuch, die Krise der antiautoritären Bewegung wieder zur Sprache zu bringen, in: Kursbuch 48/1977, S. 14-43, hier S. 15.

33 Auch wenn eigentlich klar wird, wie Hartung den Begriff „Politische Partisanen“ hier verstanden wissen wollte, nämlich mehr als metaphorische Abgrenzung der „politisch irregulär, also von der Norm abweichend Agierenden“ zu den „politisch regulär bzw. traditionell Agierenden“, so soll hier doch darauf hingewiesen werden, dass die Gestalt des Partisanen per se politisch ist. Die „gesteigerte Intensität des politischen Engagements“ zählt neben der Irregularität, erhöhter Mobilität und dem tellurischen Charakter (Carl Schmitt, Theorie des Partisanen, 1963) zu seinen wesentlichen Merkmalen. Der Begriff „Politische Partisanen“ ist daher etwas irreführend. Vgl. z.B. Herfried Münkler (Hrsg.): Der Partisan. Theorie, Strategie, Gestalt, Opladen 1990.

34 Klaus Hartung: Die Psychoanalyse der Küchenarbeit. Selbstbefreiung, Wohngemeinschaft und Kommune, in: Heiss und Kalt: die Jahre 1945-69; das BilderLeseBuch, (Red. Eckhard Siepmann u.a.), Berlin 1986, S. 556-560.
35 Kraushaar, Symbolzertrümmerung, S. 203.

36 Gerd Koenen: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977, Köln 2001, S. 158.

37 Alexander Mitscherlich: Vaterlose Gesellen, in: Spiegel Nr. 15, 08.04.1968, S. 81-84, hier S. 84. Die K I hat diesen Fakt auch nie geleugnet. Vgl. Selbstdarstellung der Kommune, in: FU-Spiegel Nr. 57, Mai 1967, S. 6.

38 Erika Fischer-Lichte: Inszenierung und Theatralität, in: Herbert Willems/Martin Jurga (Hg.): Inszenierungsgesellschaft, Opladen 1998, S. 81-90, hier S. 88.

39 Franz Schneider (Hg.): Dienstjubiläum einer Revolte: „1968“ und 25 Jahre, München 1993, S. 31.

40 Ebd., S. 31; vgl. auch: Bertolt Brecht: Über eine nichtaristotelische Dramatik, Gesammelte Werke, Frankfurt/a. M. 1967, S. 302.

41 Wolfgang Ruppert (Hg.): Um 1968: die Repräsentation der Dinge, Marburg 1998, S. 22 f.

42 Thomas Meyer: Die Inszenierung des Scheins. Voraussetzungen und Folgen symbolischer Politik, Frankfurt/a. M. 1992, S. 177.
43 Ebd., S. 63.

44 Meyer definiert zivilen Ungehorsam als „symbolische Inszenierung des Widerstandes einer Minderheit gegen die Politik der Mehrheit.“ Ebd., S. 100.

45 Ebd., S. 185.

46 Rainer Langhans: In einer gemeinsamen ekstatischen Erfahrungsmöglichkeit, in: Gerd Conradt: Starbuck Holger Meins. Ein Portrait als Zeitbild, Berlin 2001, S. 100-102.

47 Kunzelmann, Widerstand, S. 64.

48 Vgl., ebd. S. 67 f. Faksimile eines Berichts der Kriminalpolizei vom 8. April 1967. Daraus geht hervor, dass Uwe Johnsons Nachbar Günter Grass, den er mit dem Rauswurf der Kommunarden aus seiner Wohnung beauftragt hatte, dieser Bitte zwar nachkam, er der K I jedoch die Möglichkeit gab, die Wohnung nach der „Entsiegelung“ durch einen Polizeibeamten nochmals zu betreten. Mit dabei: Stern-Reporter Wilfried Ahrens (im Bericht fälschlicherweise mit „Ahrendt“ angegeben). Resultat ist der Artikel „Pack die Sahnetörtchen ein“ in: Stern Nr. 17, 23. 04. 1967, S. 20-22.

49 Ebd., S. 22. Wie aus den Protokollen der vorangegangenen Diskussionen in der K I hervorging, spielte zu diesem Zeitpunkt weder Mao eine theoretische Rolle, noch waren die sexuellen Probleme in irgendeiner Weise „entkrampft“ worden.

50 Peter Brügge in: Joachim Preuß (Red.): Spiegel-Spezial: Die wilden 68er. Die Spiegel-Serie über die Studentenrevolution, Hamburg 1988, S. 51.

51 Dagmar Przytulla (geb. Seehuber) in: Kätzel, 68erinnen, S. 213 f. Auf dem Bild sind v. l. n. r. zu sehen Dieter Kunzelmann, Gertrud „Agathe“ Hemmer von der K 2, Volker Gebbert, Dagmar Seehuber, Rainer Langhans, Dorothea Ridder, Ulrich Enzensberger und Nessim, der dreijährige Sohn von Gertrud Hemmer.

52 Spiegel-Autor Peter Brügge in: „Lieber Fritz! Wem soll das nützen?“, Spiegel Nr. 31, 24.07.1967, S. 37-39.

53 Eckhard Siepmann: Genital versus Prägenital. Die Großväter der sexuellen Revolution, in: Che, Schah, Shit: die Sechziger zwischen Cocktail und Molotow, (Redaktion E. Siepmann u. a.), Berlin 1984, S. 101.

54 Heinrich Mehrmann: Erobern Kommunen Deutschlands Betten? Mehr Sex mit Marx und Mao, in: pardon Nr. 8, August 1967, S. 16-23.

55 Reimut Reiche: Sexualität und Klassenkampf. Zur Abwehr repressiver Entsublimierung, Frankfurt/Main 1971 (1968), S. 155 f.

56 Daneben spielen hier offenbar Gründe eine Rolle, die nahe legen, wie „politisch“ das „Private“ per se immer war: der gebürtige Berliner Reiche war 1964 nach Frankfurt/Main übergesiedelt und auf der 21. Delegiertenkonferenz des SDS im September 1966 zum neuen Bundesvorsitzenden (Stellvertreter: Peter Gäng) gewählt worden. Startschwierigkeiten im Amt, Fraktionskämpfe oder die durch die Berliner Antiautoritären verursachte und für den SDS turbulente Kommunediskussion (Vgl. Lönnendonker/Rabehl/Staadt, Antiautoritäre Revolte, S. 149-169) bildeten Reiches zeitnahen Erfahrungshintergrund und prägten sein Bild der K I (Reiche im Spiegel Nr. 29, 10.07.1967, S. 27: „Neurotiker mit Sohn-Vater-Komplexen und Sexualschwierigkeiten“). Auch in späteren Arbeiten Reiches erscheint die K I als eine Art „geliebter Feind“, wenn es darum geht, seine, mitunter doch eigenwilligen, Thesen zur „Sexualisierung“ der „68er“-Bewegung zu untermauern. Vgl. Ders.: Die sexuelle Revolution - Erinnerung an einen Mythos. In: Die Früchte der Revolte. Über die Veränderung der politischen Kultur durch die Studentenbewegung, Berlin 1988, S. 45-71.

57 Kathrin Fahlenbrach: Protest-Inszenierungen. Visuelle Kommunikation und kollektive Identitäten in Protestbewegungen, Wiesbaden 2002, S. 164 f.

58 „Sie küßten und sie trennten sich. Klaus Rainer Röhl über die Berliner Liebeskommune“ in: Konkret Nr. 8, August 1967, S. 6 f. Eine hochgradig überzeichnende und subjektiv-diffamierende, bisweilen chauvinistische „Innenansicht“, die fast wie eine K I-typische Inszenierung daherkommt. Vgl. auch: Leserbrief des Schriftstellers Peter Handke zu diesem Artikel, in: Konkret Nr. 10, Oktober 1967, S. 29, einer energischen Gegendarstellung und zugleich brillanten Medienanalyse des Röhl-Artikels.

59 Flugblätter Nr. 1-26 und unnummerierte Exemplare komplett in: APO-Archiv, Ordner K I.

60 Wolfgang Lefèvre: Referat zur Begründung des Antrags auf Ausschluß der Kommune I aus dem Berliner SDS, in: Siegward Lönnendonker/Tilman Fichter (unter Mitarbeit von Claus Rietzschel): FREIE UNIVERSITÄT BERLIN 1948-1973. Hochschule im Umbruch, Teil IV 1965-1967: Die Krise, Berlin 1975 (FU-Dokumentation Teil IV), Dokument 702.

61 Vgl. die Diskussion „Provokation und Öffentlichkeit“ zwischen Dirk Müller und Dieter Kunzelmann in: Siegward Lönnendonker/Jochen Staadt (Hg.): 1968. Vorgeschichte und Konsequenzen. Dokumentation der Ringvorlesung vom Sommersemester 1988 an der FU-Berlin, Berlin 1998, Ringvorlesung am 18. Mai 1988. Interessant ist nämlich, wer da im Mai 1967 wen ausschließt. Auch Lefèvre war 1966/67 in der Ur-Kommunegruppe (Vgl. Soyka, Die wunderbare Wandlung, S. 69). Das Referat ist somit zugleich eine Verabschiedung der antiautoritären Berliner SDSler – zumindest derjenigen, die den Einzug in eines der Wohnkollektive nicht vollzogen hatten – von der Kommune-Idee als potentiellem Organisationsprinzip.

62 Klaus Briegleb: 1968 - Literatur in der antiautoritären Bewegung, Frankfurt/a.M. 1993, S. 64-66.

63 Anklageschrift Landgericht Berlin (Az. (506) 2 P Js 749/67 (55/67)), 9. Juni 1967, in: Kommune I, Gesammelte Werke gegen uns, S. 29. Angesichts dieser Zeilen drängt sich einem die Frage auf, wer hier den ausgeprägteren Sinn für sprachliche Satire besaß, [A. H.].

64 Bei den hier zitierten Protokollen über die Gerichtsverhandlungen, wie sie die K I in „Klau mich“ abgedruckt hat, handelt es sich um Mitschriften des Ehepaares Hans-Joachim Frohner und Frau, die zum damaligen Zeitpunkt die Rundfunk-Sendung "procontra - Menschen und Paragraphen" machten und daher eine ganze Reihe zeitgemäßer Verhandlungen in einer zum eigenen Gebrauch entwickelten Stenogrammschrift sinngemäß dokumentierten, die sie glücklicherweise im Anschluss ins Hochdeutsch übertrugen. In: APO-Archiv, blaue Mappe, Frohner-Unterlagen: Prozessmitschriften K I, Kurras u.a. (unsortiert).

65 Neben den vier Sachverständigen vor Gericht, den FU-Professoren Fritz Eberhard (Institut für Publizistik: „geschmacklos, töricht – zweifelsfrei satirisch“), Peter Szondi (Vergleichende Literaturwissenschaft: „fingierte Reklame-Satire wurde als direkte Äußerung der Verfasser mißverstanden“), Jacob Taubes (Philosophisches Seminar, Abt. Hermeneutik: „Surrealistische Dokumente – K I Objekt für Religionsgeschichte und Literaturwissenschaft, aber nicht für Staatsanwalt und Gericht“) und Peter Wapnewski (Germanisches Seminar, Philologe: „...in dem berühmten Wort des Götz von Berlichingen sehe ja auch niemand eine Aufforderung zur Aktion“), lagen weitere Gutachten von Günter Grass, Hans-Werner Richter, Dr. Alexander Kluge (Hochschule für Gestaltung Ulm), Prof. Dr. Michael Landmann (FU), Prof. Dr. Eberhard Lämmert (FU), Prof. Charles H. Nichols (FU), Prof. Dr. Walter Jens (Tübingen) sowie Prof. Helmar G. Frank (Pädagogische Hochschule Berlin) u. a. vor.

66 Langhans in: Soyka, Die wunderbare Wandlung, S. 70.

67 Peter Brügge in: Spiegel Nr. 31, 24.07.1967, S. 39.

68 Spiegel Nr. 11, 11.03.1968, S. 68.

69 Die Angeklagten ließen eine körperliche Untersuchung zu, eine psychiatrische verweigerten sie erwartungsgemäß, weshalb sich Spenglers „Gutachten“ im wesentlichen auf Akteneinsicht des ersten Prozesses, Beobachtungen des Landfriedensbruch-Prozesses gegen Teufel Ende November 1967 und Eindrücken aus der aktuellen Hauptverhandlung stützte.

70 Spiegel Nr. 11, 11.03.1968, S. 68; Langhans und Teufel sind in diesen Outfits abgebildet z. B. in: Michael Ruetz. 1968. Ein Zeitalter wird besichtigt, Frankfurt/M. 1997, S. 154 f. sowie Teufel in besagter Jacke in Farbe auf einem Bild von Werner Kohn, Sammlung Werkbundarchiv, in: Dreßen/Siepmann, Nilpferd, S. 190.

71 Marion Grob: Das Kleidungsverhalten jugendlicher Protestgruppen in Deutschland im 20. Jahrhundert, Münster 1985, S. 239-253.

72 Zit. nach: Grob, Kleidungsverhalten, S. 247.

73 Fahlenbrach, Protest-Inszenierungen, S. 12.

74 Michael „Bommi“ Baumann: Wie alles anfing, Berlin 1991 (zuerst München 1975), S. 27.

75 „In Erzählungen 3000, tatsächlich nicht mehr als 25.“ Kunzelmann (sinngemäß) in: Dreßen/Siepmann, Nilpferd, S. 212.

76 Berliner Extra-Dienst (BED) Nr. 58, 20.07.1968, S. 2.

77 Kunzelmann, Widerstand, S. 101; Gespräch Langhans u. Teufel in: Spiegel Nr. 25, 15.06.1998, S. 80-85. Vgl. auch: Spiegel Nr. 31, 29.07.1968, S. 29, Teufels erste publicity-trächtige „Aktion“ in einem Münchner Lokal: eine Portion Leberkäse mit Salat und Ei ins Gesicht des Wirtes, der sich lautstark weigerte „Gammler“ zu bedienen.

78 Vgl. BED Nr. 80/II, 05.10.1968, S. 3 u. BED Nr. 96/II, 30.11.1968, S. 2. Aktueller Wert einer Erstausgabe von „Klau mich“ mit der „Beilage“: je nach Zustand zwischen 52,50 und 106 EUR; gesehen bei http://www.zvab.com (13.07.2004).

79 Fahlenbrach, Protest-Inszenierungen, S. 189.

80 Spiegel Nr. 24, 09.06.1997, S. 76.

81 die tageszeitung, 10. April 1993, S. 48; Vgl. auch Kunzelmann in: Zitty Nr. 20/1984, S. 62.

82 Stern Nr. 15, 14.04.1968, S. 64-66; twen Nr. 11, November 1968, S. 86/87; twen Nr. 4, April 1969, S. 7.

83 twen Nr. 2, Februar 1969, S. 14.

84 Gerd Koenen: Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus, Köln 2003, S. 13.

85 Zu Einzelheiten und der Rolle des V-Mannes Urbach vgl. Konkret Nr. 6, 10.03.1969 u. Konkret Nr. 9, 22.04.1969; Kunzelmann, Widerstand, S. 107 ff.; Koenen, Jahrzehnt, S. 173 f.

86 Peter Mosler: Was wir wollten, was wir wurden. Studentenrevolte – zehn Jahre danach, Reinbek bei Hamburg 1977, S. 98.

87 Hübsch in: Mosler, Was wir wollten, S. 114.

88 Vgl. Kunzelmann, Widerstand, S. 110 ff.

89 Konkret Nr. 1 (1970), 31.12. 1969, S. 20.

90 Julia Müller/Guido Mangold (Fotos): Miss Kommune und ihr Leben zu acht, in: twen Nr. 6, Juni 1969, S. 6-11 u. Hannelore von der Leyen/Werner Bokelberg (Fotos): Das ist die Liebe der Kommune, in: Stern Nr. 46, 09.11.1969, S. 26-35.

91 Fahlenbrach, Protest-Inszenierungen, S. 222 f.

92 Karl-Heinz Stamm: Alternative Öffentlichkeit : die Erfahrungsproduktion neuer sozialer Bewegungen, Frankfurt/a.M. [u.a.] 1988, S. 127, zit. nach: Fahlenbrach, Protest-Inszenierungen, S. 223.

93 Vgl. Beitrag von K. D. Wolff in: Lönnendonker, Linksintellektueller Aufbruch, S. 211.

94 Der Schriftsteller Peter Schneider: Kultur in Revolte, in: Zeitung für eine Neue Linke (ehem. Langer Marsch) Nr. 1 (28), Juli 1977, S. 15.