KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 2/2004
Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn: Kultur
Wolfgang Kaschuba
Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn – Symbolpolitik
Beitrag zur Eröffnung der Tagung "Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn - wirtschaftliche und kulturelle Aspekte der neuen europäischen Situation" im Februar 2004
Beitrag zur Eröffnung der Tagung "Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn - wirtschaftliche und kulturelle Aspekte der neuen europäischen Situation" im Februar 2004

Meine Damen und Herren, in meiner Funktion als Direktor des Instituts Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität begrüße ich Sie hier im Senatssaal. Wir freuen uns sehr, dass diese Tagung als gemeinsame Veranstaltung mit der Kulturinitiative’89 und der Bundeszentrale für Politische Bildung zustande gekommen ist und ich denke, dieser Ort ist ein guter Ort für solch eine Tagung mit dem Thema "Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn". Wir wissen ja nicht, ob die Humboldt-Universität eine Elite-Universität werden wird - Sie haben das sicherlich auch in den Zeitungen gelesen. Eine Zeitung titelte vielleicht nicht unzutreffend: "Harvard für Arme?" Wenn Sie sich umschauen, ist das vielleicht durchaus stimmig.

Aber wir wissen bestimmt, denn dies ist schon Gegenwart und nicht Utopie, dass die Humboldt-Universität eine europäische Universität ist und sein wird und dass sie dies gerade auch durch ihre Resonanz ist, die sie in den osteuropäischen Ländern findet. Die Universität will also ein Forum für solche Themen sein und sie ist dies ja - wie Berlin oder Deutschland auch - schon längst historisch und daran würde ich gern noch einmal kurz erinnern.

„Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn“ - dazu könnte man vielleicht kommentierend sagen, ihre östlichen Nachbarn waren sich ja die Deutschen immer wieder auch selbst. Wenn man etwa zurückdenkt an das Ostpreußen-Syndrom, das es im kaiserlichen Berlin gab. Hier konnte man in den „feinen Kreisen“ sehr spöttisch über die Ostpreußen reden, sozusagen über die Ostfriesen des Kaiserreiches. Und das war in diesen Kreisen üblich. Wenn man sich an den sozialistischen Osten erinnern mag und kann, der eben auch innerhalb Deutschlands stattgefunden hat. Den kann ich hier in diesem Senatssaal auch autobiographisch rekonstruieren. Hier stand ich, glaube ich, das erste Mal vor zwanzig Jahren als Wessi, als Westler, dem vor dem zeitgenössischen Hintergrund natürlich in der Tat hier manches eben auch östlich vorkam. Oder heute, wenn wir überlegen, wie stark dieses östliche immer noch mit Bildern und Bedeutungen, eben auch im deutsch-deutschen Dialog, bedeckt ist. Und was für Berlin, für die Humboldt-Universität und Deutschland gilt und gegolten hat, galt immer auch für Europa. Die symbolische Geografie Europas hatte immer einen verschatteten Osten. Einen dunklen Osten, einen Osten, der geprägt war durch Klischees und Vorurteile, der für das eher Wilde, Unzivilisierte, das Unberechenbare im Europäischen stand und der gespeist war aus sehr nachdrücklichen Bildassoziationen. Die Alltagssprache ist verräterisch, wenn ich sage: Potemkinsche Dörfer, polnische Wirtschaft, tschechische Schlitzohrigkeit oder bolschewistischer Terror - eben nicht nazistischer Terror, sondern bolschewistischer Terror - dann sind das eben Klischees, die in unserer Alltagssprache überaus präsent waren und in Resten auch heute immer noch präsent sind.

Diese Vorurteile in den Köpfen hat vor ungefähr achtzig Jahren Aristide Briand zum Anlass genommen, die europäischen nationalen Bilder zu zitieren, mit ihnen zu spielen. Aristide Briand, der ja ein überzeugter Europäer war und sich deshalb leisten konnte, sehr provozierende Bilder zu zitieren und zu formulieren und ich will Ihnen diese kleine Fingerübung gerne einmal vorlesen, damit Sie wissen, wovon die Rede ist. Er schrieb damals: „Ein Russe: ein Intellektueller. Zwei Russen: ein Ballett. Drei Russen: die Revolution. Ein Italiener: eine Mandoline. Zwei Italiener: die Mafia. Drei Italiener: die Niederlage. Ein Deutscher: ein Pedant. Zwei Deutsche: eine Kneipe. Drei Deutsche: der Krieg. Ein Franzose: ein Schwätzer. Zwei Franzosen: ein Liebespaar. Drei Franzosen: eine Konferenz. Ein Engländer: ein Schwachkopf. Zwei Engländer: ein Match. Drei Engländer: die größte Nation der Welt. Ein Amerikaner: ein Cocktail. Zwei Amerikaner: zwei Cocktails. Drei Amerikaner: drei Cocktails.“

Sie lachen und damit beweisen Sie natürlich, dass Sie diese Bilder noch sehr genau kennen. Die Bilder in unserem Kopf, die Bilder sozusagen von unseren Nachbarn. Man könnte dieses Musée sentimentale des Aristide Briand fortsetzen und wir würden ganz leicht auch für die Ungarn oder die Polen oder die Tschechen entsprechende Bilder mit „ein, zwei, drei“ finden. Vielleicht können Sie sich in der Pause damit beschäftigen, dies zu vervollständigen. Für solche Bilder, für solche symbolischen Bedeutungen, für solche symbolischen Prägungen interessiert sich vor allem mein Fach, die europäische Ethnologie. Wir wollen uns mit diesem Europa beschäftigen, mit einem Europa des Westens und des Ostens und natürlich auch des Südens und des Nordens. Wir wollen uns mit Fragen von Geschichte, Ökonomie und Kultur beschäftigen, vor allem aber interessiert uns immer wieder das Symbolische, diese Bilder, diese Erinnerungsfragmente, diese Gedächtnisse, die aufgebaut werden und die ja früher wie heute strategisch aufgebaut werden, absichtsvoll.

Wie funktioniert also Europäisierung? Antwort: Wenn überhaupt, dann gerade auch über diese Bilder, diese kollektiven Gedächtnisse, diese Erinnerungen, also über Symbolpolitik. Dazu wird am Institut für Europäische Ethnologie viel geforscht und getan, gerade auch deshalb, weil die Akteure, die mit diesen Symbolen und Bildern umgehen müssen, auch im Institut sind. Wir haben zum Glück auch sehr viele Studierende aus Osteuropa. Es gibt Magisterarbeiten und Dissertationen, die sich etwa ganz aktuell mit Deutschlandbildern und Polenbildern beschäftigen, auch wechselseitig, welches Bild existiert jeweils in der anderen Nation. Wir fragen nach den nationalen Diskursen, die gegenwärtig stattfinden, insbesondere auch in den postsozialistischen Ländern, die ihre Geschichte ja völlig neu bearbeiten und völlig neue Bilder herstellen. Bilder, die eben sehr oft sozusagen auf eine Zielvorstellung Europa hin tendieren. Wir haben gegenwärtig ein Forschungsprojekt, das die Stadtgesellschaften von Berlin und Moskau vergleicht oder ich habe vor einigen Monaten gerade erst ein eigenes Studienprojekt mit deutschen und polnischen Studierenden zur Euroregion Pomerania abgeschlossen, also zur Frage, wie diese Nachbarschaft diesseits und jenseits der Oder ganz konkret, ganz praktisch, ganz biografisch gelebt wird. Wir haben dort Feldforschungen gemacht in Deutschland wie in Polen, die Studierenden haben Texte geschrieben, die in polnischen und deutschen Zeitungen veröffentlicht worden sind, sie haben eine Ausstellung konzipiert, die jetzt gerade in Stettin ist und die in einer Woche in Berlin, im Museum Europäischer Kulturen in Dahlem, eröffnet werden wird.

Und neben all diesen Bildern aus der Geschichte, die wir gesammelt haben, war für mich der tiefste Eindruck eine Diskussion in Stettin mit dortigen polnischen Studierenden, die noch einmal versucht haben, deutlich zu machen, wie tief diese kollektive Unsicherheit ist, wie sich die Deutschen und die Polen als Nachbarn an der Oder gegenüberstehen, wie tief diese Unsicherheit auch in ihren Köpfen noch verankert war. Die Frage, ist Stettin unsere Stadt? Bleibt Stettin unsere Stadt? Diese Frage war auch für die Fünfundzwanzigjährigen und Achtundzwanzigjährigen noch keineswegs beantwortet. Sie waren geprägt von dieser Sorge der älteren Generation, vieles sei nur provisorisch, sie seien sich nicht sicher, ob Stettin auf Dauer eine polnische Stadt sein würde. Diese unsichere Nachbarschaft, denke ich, ist eben auch ein Thema dieser Tagung und ein Ziel dieser Tagung, solche Nachbarschaften eben sicherer zu machen.

Ich selber bin in gewisser Weise auch davon berührt. Kaschuba - der Name klingt irgendwie polnisch, und irgendwie stimmt das auch, ich will da jetzt aber nicht weiter in die Tiefe gehen. Es häufen sich die Einladungen, ich werde zunehmend aufgefordert, mich im Rahmen einer Kaschubologie für kaschubische Kultur in Polen zu engagieren. Und dies ist für mich vielleicht eine wichtige Zukunftsaufgabe. Wenn wir also mit der EU-Erweiterung fortschreiten, dann werde ich hoffentlich endlich auch meinen eigenen Stamm in Polen finden. In dieser Hoffnung und in diesem Sinne wünsche ich uns zwei erfolgreiche und interessante Tage hier im Senatssaal der Humboldt-Universität.