KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2003
Kulturelle Differenzierungen der deutschen Gesellschaft
Dieter Kramer
Eine neue sozialkulturelle Orientierung der deutschen Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts am Beispiel der Hauptstadt
Eine veränderte Welt verlangt neue Strategien und Orientierungen. An zwei Beispielen sei dies, angeregt durch die "Berliner Visionen", erläutert.

1. Was kennzeichnet eine Hauptstadt, die auf die Welt blickt und mit der Welt kommunizieren will? Zu den Hauptstadtfunktionen gehört ein lebendiges, international kommunikationsfähiges Milieu. Die Diskussion um die Nutzung des Schlossplatzes macht auf einige einschlägige Aspekte aufmerksam: Das bauliche und konzeptionelle Programm des zukünftigen Ensembles Schlossplatz soll etwas vermitteln von den Prämissen und Instrumentarien, mit denen Deutschland seinen Platz in Europa und der Welt definiert und wofür es steht. Der Schloßplatz könnte zu einem Ort der Erarbeitung von neuen "Weltsichten" für die Neuorientierung Deutschlands in Europa und der Welt werden. Die Erfahrung von globaler gemeinsame Geschichte, Abhängigkeit und Verantwortung könnte hier ihren Ort haben, ebenso die praktizierte und beispielhaft präsentierte Vielfalt sich wechselseitig akzeptierender unterschiedlicher Lebensformen. Die überfällige Abkehr vom Denken in Kategorien nationaler oder kultureller Homogenität (der die monumentale Repräsentation eines Schlosses entsprach), die heute angesagte Abkehr von Eurozentrismus, Evolutionismus und Fortschrittsdenken bedarf einer Menge von Symbol-, Begriffs- und Diskussionsarbeit, um aus den verschiedensten Ansätze eine neue Sicht der Dinge zu gewinnen. Europäische Akteure des 19. und 20. Jahrhunderts setzten bewusst und unbewusst erhebliche intellektuelle Energien ein, um in den Begriffen und Symbolen der kulturellen Sphären die europäische Welteroberung und imperialistisch-kolonialistische Durchdringung zu verstehen und zu rechtfertigen - Edward W. Said und die postkolonialen Diskurse haben uns auf diesen Prozess aufmerksam gemacht. Heute ist entsprechend eine Menge neuer Begriffs- und Symbolarbeit notwendig, um das Neue zu begreifen und zukunftsfähig zu beschreiben. Das Areal des ehemaligen Schlosses und des Palastes der Republik könnte dafür genutzt werden. Dabei muss Wert darauf gelegt werden, dass ein öffentlicher attraktiver Platz für die Berliner, für Menschen aus allen Bundesländern und für Touristen aus aller Welt entsteht. .

2. Berlin könnte ferner zu einer Großstadt in einer Prosperitätsgesellschaft werden, die öffentlichkeitswirksam mit Elementen einer neuen Sozialkultur jenseits einer produktivistischen Wachstumsökonomie mit nicht mehr zu erreichender Vollbeschäftigung experimentiert: Am Beispiel der Kulturinstitutionen als Teil des öffentlichen Dienstes lässt sich dies erläutern: Notwendige Strukturveränderungen wie konsequente Verwaltungsreform und (Teil-)Privatisierungen sind derzeit nur gegen Widerstand der Beschäftigten durchzusetzen, weil die Kräfte weitgehend fehlen, die aus dem Dienst (in der traditionellen Form) herauswollen und sich attraktive neue Formen vorstellen können. Das hat zur Folge: Politik ist nicht fähig, Akzeptanz für neue Strukturen durch entsprechende Kampagnen herzustellen. Der Ausstieg aus traditionellen Beschäftigungsverhältnissen wird nicht erwogen, weil angesichts eines löchrigen sozialen Netzes ein bodenloser Fall befürchtet werden muss. Eine Strategie, die darauf antwortet, würde den Ausstieg aus traditionell gesicherten Verhältnissen ermutigen durch die Garantie sozialer Grundsicherung und - genauso wichtig – durch soziale bzw. politische Anerkennung des Rückzugs aus dem klassischen Arbeitsmarkt (statt solche Rückzüge als Faulenzerei zu denunzieren). Parallel dazu hätte eine großzügige Öffnung von Infrastrukturen des bürgerschaftlichen Engagements in Wissenschaft, Kunst, Sozialem und Umwelt stattzufinden. Die Ermutigung, dort tätig zu sein, könnte sich beziehen auf die Erfahrung, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper ein gewisses Mass an Betätigung seiner Kräfte verlangt. Das ist der Weg zur nachindustriellen Gesellschaft, zu einer Sozialkultur nach der Zeit der Vollbeschäftigung. Das Ebnen von Pfaden in dieser Richtung ist immerhin auch interessant in einer Welt, in der von fünf Milliarden Menschen nach klassischen Kriterien eine Milliarde arbeitslos oder unterbeschäftigt ist. Es stellt auch den Anschluss her zu Gregor Gysis "Zwölf Thesen für eine Politik des modernen Sozialismus" vom August 1999, in denen wir lesen: "Die Verbindung von ökologischem Umbau, Modernisierung der Arbeitsgesellschaft und Begründung einer vielgestaltigen und reichhaltigen Lebensweise könnte einen nachhaltigen Entwicklungstyp schaffen, der die Schranken des fordistischen Kapitalismus überwindet, umweltverträglich wird und die wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine freiere Entwicklung aller ermöglicht." .

Es ist gleichzeitig der Weg zu dem in den „Berliner Visionen“ angepeilten Ziel einer Stadt, die attraktiv und lebendig ist, weil es in ihr soviel Opern, Theatergruppen, Initiativen, Off-Szenen und lebendige Milieus ("Szenen") verschiedenster Art gibt. Und in diesen Szenen würde nicht zuletzt jene Kompetenz entwickelt, die für eine Stadt wichtig ist, die sich im Sinne von These Eins um Weltsichten für die Zukunft bemüht. .

Für eine solche Strategie kann die Politik, vor allem auch die Kulturpolitik, öffentlichkeitswirksame programmatische Akzente setzen (und in der Öffentlichkeit zur Diskussion stellen), auch wenn ihr die Mittel fehlen, dies in kurzer Zeit zu realisieren. Die neue Berliner Koalition hat in manchen anderen Fragen schon beachtlichen Mut zum Experiment bewiesen – warum nicht auch hier? .

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Diskussionsbeitrag für die Konferenz "Kulturelle Differenzierung der deutschen Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts", geschrieben Juni 2002.