KULTURATIONOnline Journal fŁr Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2003
Kulturelle Differenzierungen der deutschen Gesellschaft
Dieter Kramer
Eine neue sozialkulturelle Orientierung der deutschen Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts am Beispiel der Hauptstadt
Eine veränderte Welt verlangt neue Strategien und Orientierungen. An zwei Beispielen sei dies, angeregt durch die "Berliner Visionen", erläutert.

1. Was kennzeichnet eine Hauptstadt, die auf die Welt blickt und mit der Welt kommunizieren will? Zu den Hauptstadtfunktionen geh√∂rt ein lebendiges, international kommunikationsf√§higes Milieu. Die Diskussion um die Nutzung des Schlossplatzes macht auf einige einschl√§gige Aspekte aufmerksam: Das bauliche und konzeptionelle Programm des zuk√ľnftigen Ensembles Schlossplatz soll etwas vermitteln von den Pr√§missen und Instrumentarien, mit denen Deutschland seinen Platz in Europa und der Welt definiert und wof√ľr es steht. Der Schlo√üplatz k√∂nnte zu einem Ort der Erarbeitung von neuen "Weltsichten" f√ľr die Neuorientierung Deutschlands in Europa und der Welt werden. Die Erfahrung von globaler gemeinsame Geschichte, Abh√§ngigkeit und Verantwortung k√∂nnte hier ihren Ort haben, ebenso die praktizierte und beispielhaft pr√§sentierte Vielfalt sich wechselseitig akzeptierender unterschiedlicher Lebensformen. Die √ľberf√§llige Abkehr vom Denken in Kategorien nationaler oder kultureller Homogenit√§t (der die monumentale Repr√§sentation eines Schlosses entsprach), die heute angesagte Abkehr von Eurozentrismus, Evolutionismus und Fortschrittsdenken bedarf einer Menge von Symbol-, Begriffs- und Diskussionsarbeit, um aus den verschiedensten Ans√§tze eine neue Sicht der Dinge zu gewinnen. Europ√§ische Akteure des 19. und 20. Jahrhunderts setzten bewusst und unbewusst erhebliche intellektuelle Energien ein, um in den Begriffen und Symbolen der kulturellen Sph√§ren die europ√§ische Welteroberung und imperialistisch-kolonialistische Durchdringung zu verstehen und zu rechtfertigen - Edward W. Said und die postkolonialen Diskurse haben uns auf diesen Prozess aufmerksam gemacht. Heute ist entsprechend eine Menge neuer Begriffs- und Symbolarbeit notwendig, um das Neue zu begreifen und zukunftsf√§hig zu beschreiben. Das Areal des ehemaligen Schlosses und des Palastes der Republik k√∂nnte daf√ľr genutzt werden. Dabei muss Wert darauf gelegt werden, dass ein √∂ffentlicher attraktiver Platz f√ľr die Berliner, f√ľr Menschen aus allen Bundesl√§ndern und f√ľr Touristen aus aller Welt entsteht. .

2. Berlin k√∂nnte ferner zu einer Gro√üstadt in einer Prosperit√§tsgesellschaft werden, die √∂ffentlichkeitswirksam mit Elementen einer neuen Sozialkultur jenseits einer produktivistischen Wachstums√∂konomie mit nicht mehr zu erreichender Vollbesch√§ftigung experimentiert: Am Beispiel der Kulturinstitutionen als Teil des √∂ffentlichen Dienstes l√§sst sich dies erl√§utern: Notwendige Strukturver√§nderungen wie konsequente Verwaltungsreform und (Teil-)Privatisierungen sind derzeit nur gegen Widerstand der Besch√§ftigten durchzusetzen, weil die Kr√§fte weitgehend fehlen, die aus dem Dienst (in der traditionellen Form) herauswollen und sich attraktive neue Formen vorstellen k√∂nnen. Das hat zur Folge: Politik ist nicht f√§hig, Akzeptanz f√ľr neue Strukturen durch entsprechende Kampagnen herzustellen. Der Ausstieg aus traditionellen Besch√§ftigungsverh√§ltnissen wird nicht erwogen, weil angesichts eines l√∂chrigen sozialen Netzes ein bodenloser Fall bef√ľrchtet werden muss. Eine Strategie, die darauf antwortet, w√ľrde den Ausstieg aus traditionell gesicherten Verh√§ltnissen ermutigen durch die Garantie sozialer Grundsicherung und - genauso wichtig – durch soziale bzw. politische Anerkennung des R√ľckzugs aus dem klassischen Arbeitsmarkt (statt solche R√ľckz√ľge als Faulenzerei zu denunzieren). Parallel dazu h√§tte eine gro√üz√ľgige √Ėffnung von Infrastrukturen des b√ľrgerschaftlichen Engagements in Wissenschaft, Kunst, Sozialem und Umwelt stattzufinden. Die Ermutigung, dort t√§tig zu sein, k√∂nnte sich beziehen auf die Erfahrung, dass ein gesunder Geist in einem gesunden K√∂rper ein gewisses Mass an Bet√§tigung seiner Kr√§fte verlangt. Das ist der Weg zur nachindustriellen Gesellschaft, zu einer Sozialkultur nach der Zeit der Vollbesch√§ftigung. Das Ebnen von Pfaden in dieser Richtung ist immerhin auch interessant in einer Welt, in der von f√ľnf Milliarden Menschen nach klassischen Kriterien eine Milliarde arbeitslos oder unterbesch√§ftigt ist. Es stellt auch den Anschluss her zu Gregor Gysis "Zw√∂lf Thesen f√ľr eine Politik des modernen Sozialismus" vom August 1999, in denen wir lesen: "Die Verbindung von √∂kologischem Umbau, Modernisierung der Arbeitsgesellschaft und Begr√ľndung einer vielgestaltigen und reichhaltigen Lebensweise k√∂nnte einen nachhaltigen Entwicklungstyp schaffen, der die Schranken des fordistischen Kapitalismus √ľberwindet, umweltvertr√§glich wird und die wirtschaftlichen Voraussetzungen f√ľr eine freiere Entwicklung aller erm√∂glicht." .

Es ist gleichzeitig der Weg zu dem in den „Berliner Visionen“ angepeilten Ziel einer Stadt, die attraktiv und lebendig ist, weil es in ihr soviel Opern, Theatergruppen, Initiativen, Off-Szenen und lebendige Milieus ("Szenen") verschiedenster Art gibt. Und in diesen Szenen w√ľrde nicht zuletzt jene Kompetenz entwickelt, die f√ľr eine Stadt wichtig ist, die sich im Sinne von These Eins um Weltsichten f√ľr die Zukunft bem√ľht. .

F√ľr eine solche Strategie kann die Politik, vor allem auch die Kulturpolitik, √∂ffentlichkeitswirksame programmatische Akzente setzen (und in der √Ėffentlichkeit zur Diskussion stellen), auch wenn ihr die Mittel fehlen, dies in kurzer Zeit zu realisieren. Die neue Berliner Koalition hat in manchen anderen Fragen schon beachtlichen Mut zum Experiment bewiesen – warum nicht auch hier? .

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Diskussionsbeitrag f√ľr die Konferenz "Kulturelle Differenzierung der deutschen Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts", geschrieben Juni 2002.