KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 2/2004
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Diethart Kerbs
Songfestivals in Deutschland - Burg Waldeck und die Folgen
Vierzig Jahre Songfestival Burg Waldeck
Ich habe beschlossen, den Stier bei den Hörnern zu packen und mich selbst als Beispiel einer westdeutschen Generation und ihrer historischen Erfahrungen vorzuführen. Ich hoffe, daß ich damit wenigstens diejenigen unter Ihnen nicht langweile, die in einem anderen Land und/oder einer anderen Generation aufgewachsen sind. Ich bin im August 1937 geboren, Evakuierung nach Pommern, Flucht, Vertreibung, Rückkehr nach Berlin. Aufgewachsen in Berlin-Heiligensee, im französischen Sektor, zwar in der Großstadt, aber trotzdem hinterm Wald, nämlich in der grünen Nordwestecke von Westberlin. Beim Spielen auf der Straße fragte mich ein Klassenkamerad, ob ich mit zu den Pfadfindern kommen wollte, die würden im Wald am Lagerfeuer Kartoffeln rösten, und das wäre viel lustiger als Fußballspielen. Die Pfadfinder waren wie beim Militär organisiert, d.h., über den Jugendgruppen erhob sich eine ganze Hierarchie von Führern, in der man aufsteigen, Ämter und Abzeichen erwerben konnte. Mit 15 war ich schon Stammesführer und durfte dreißig Westberliner Jungen durch die Fränkische Schweiz führen. Nachdem wir gemerkt hatten, daß es fast ausschließlich ehemalige HJ-Führer waren, die nur in anderen Uniformen ihr Spiel von vor 1945 fortsetzten, kündigten wir diesen die Gefolgschaft und brachten die ganze schöne Führerpyramide über uns zum Einsturz. Das war meine erste antiautoritäre Rebellion. Wir gründeten eine »Autonome Jungenschaft« nach dem Vorbild der dj 1.11. Das war der ästhetisch und politisch radikalste Flügel der bürgerlichen Jugendbewegung zwischen 1929 und 1933 gewesen. In diesen Jungenschaftsgruppen wurde anders gesungen, mehr gelesen und diskutiert als woanders in der bündischen Jugend. Hatten wir bei den Pfadfindern eher Soldaten- und Landsknechtslieder gesungen, so sangen wir nun Negro Spirituals, russische, bulgarische und griechische Volkslieder, meistens, ohne deren Texte zu verstehen. Dazu kamen die Lieder aus dem Spanischen Bürgerkrieg sowie Songs von Brecht und Eisler, die wir uns von den im Ostsektor erhältlichen Platten von Ernst Busch abgelauscht und beigebracht hatten. Wenn wir auf unseren Fahrten ausnahmsweise einmal mit dem Zug unterwegs waren, dann machten wir zum Entsetzen der Mitreisenden die »Rote Kiste« auf, d.h. wir sangen das halbe Repertoire von Ernst Busch herunter. Das war in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre, also mitten in der Zeit des Kalten Krieges. Aber es geschah weniger aus politischer Überzeugung als aus Lust an der Provokation.

Immerhin haben wir aus demselben Widerspruchsgeist heraus im Verein mit dem »Ring deutscher Fahrtenbünde« – da waren die kleinen Gruppen organisiert, die nicht zu den Großorganisationen der Jugend in Westdeutschland gehörten – eigenmächtig Kontakt zur FDJ aufgenommen, nachdem der Bundesjugendring beschlossen hatte, alle Beziehungen zur Staatsjugend der DDR abzubrechen. Wir fuhren in die DDR und trafen uns in Leipzig und im Thüringer Wald mit FDJ-Kadern. Als wir uns aber nach dem offiziellen Teil mit einigen FDJ-Führern privat getroffen und mit ihnen diskutiert hatten, erklärte uns die DDR-Reiseleitung‚ wir hätten die Gastfreundschaft mißbraucht und brach das Besuchsprogramm ab. Wir mußten vorzeitig abreisen. Da wir 1953 in Berlin den 17. Juni miterlebt hatten und uns in den folgenden Wochen freiwillig zur Betreuung junger Flüchtlinge aus der DDR gemeldet hatten, die in einer Sporthalle untergebracht waren, ließ uns der Ungarnaufstand im November 1956 nicht kalt. Auch dieser zweite Volksaufstand gegen eine sowjetische Besatzung kam unserem widerständigen Denken entgegen, seine Niederschlagung haben wir als Tragödie empfunden. Da wir nun mehrheitlich das Abitur hatten, gründeten wir in Berlin und an anderen Hochschulorten studentische Arbeitskreise, um uns ein gemeinsames Verständnis der Geschehnisse zu erarbeiten. Durch den Ungarnaufstand waren wir mit Denkern wie Georg Lukács bekannt geworden, von dem es hieß, daß er einen freiheitlichen Marxismus vertrat, der sich an Rosa Luxemburg orientierte. Das faszinierte uns, weil es die Möglichkeit einer dritten Position jenseits von Stalinismus und vom westlichen affirmativen Denken eröffnete. Als die Zeitungen 1961 berichteten, Ernst Bloch sei in den Westen gegangen‚ verabredete ich mich mit zwei Freunden zum Studium in Tübingen. Bloch war immerhin schon 76, aber er blühte angesichts der Studenten, die ihm begeistert zuhörten, noch einmal auf. Das Auditorium maximum der Tübinger Universität war überfüllt, Blochs Vorlesungen mußten durch Lautsprecher in zwei angrenzende Hörsäle übertragen werden.

Das Jahr 1962 war mit der Spiegel-Affäre das eigentliche Wendejahr in der Geschichte der Bundesrepublik, in dem alles, was 1967/68 kulminierte, begann. Es brachte die erste massive Auflehnung einer kritischen Öffentlichkeit gegen die Regierung Adenauer und ihren Verteidigungsminister Franz Josef Strauß. Wir Ehemaligen aus den bündischen Gruppen studierten damals in Berlin, Erlangen, Tübingen und Freiburg. In Hamburg entstand aus einem studentischen Biafra-Komitee im Laufe der sechziger Jahre die »Gesellschaft für bedrohte Völker«, die sich seither zu einer der einflußreichsten Nicht-Regierungsorganisationen der Bundesrepublik entwickelt hat. Die studentischen Arbeitskreise trafen sich in den Ferien auf der Burg Waldeck, wo die schwäbische Jungenschaft sich einen ehemaligen Kuhstall ausgebaut hatte.

Die Burg Waldeck, das muß wohl erklärt werden, ist gar keine Burg,
sondern ein Ruinengelände mit den Resten einer mittelalterlichen Burg und eines barocken Jagdschlosses, ziemlich gut versteckt im Hunsrück gelegen, drei Kilometer von jeder nächsten menschlichen Ansiedlung entfernt. Sie war nach dem Ersten Weltkrieg von Wandervögeln entdeckt worden. Die hatten dort in den zwanziger Jahren ein Haus für ihre Treffen erbaut. Einige von ihnen hatten das Haus nach 1945 renoviert und es den neu entstandenen bündischen Gruppen als Treffpunkt zur Verfügung gestellt. So waren wir Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre auch dorthin gelangt, Jungenschaftler aus Schwaben, Berlin‚ Wiesbaden und Hannover. Wir machten dort unsere selbstorganisierten Seminare, z.B. über Polen, Marxismus und Christentum.

Zu diesem Freundeskreis gehörte auch Peter Rohland, der eigentlich in Berlin Jura studieren sollte, aber gegen den Willen seines Vaters Gesangsunterricht nahm. Er hatte eine wunderbare Stimme und konnte im Laufe der Zeit auch hervorragend Gitarre spielen. Um von den elterlichen Zuwendungen unabhängig zu werden, begann er in Kneipen aufzutreten, nicht nur in Berlin, sondern auch in Paris, wo er zum Beispiel im Café de la Contrescarpe jiddische Lieder sang. Französische Chansons, insbesondere die Lieder von Jacques Prévert, Boris Vian und Georges Brassens, waren uns schon geläufig. Wir bedauerten es, daß es so etwas in Deutschland nicht gab. Dann lasen wir, daß sich in den USA, vor allem an kalifornischen Universitäten wie Berkeley, ein »Free-Speech-Movement« und in enger Verbindung damit eine Songbewegung entwickelt hatte, daß es einen Pete Seeger, eine Joan Baez, einen Bob Dylan, einen Phil Ochs gab. Angeblich reichte es aus, daß eine Gruppe Studenten sich mit zwei Gitarren auf einer Wiese niederließ, um einen Polizeieinsatz zu provozieren. Das kannten wir. Dergleichen hatte es auch in Deutschland schon gegeben, z.B. in München im Sommer 1962. Das alles hatten wir im Kopf, als wir uns im Jahre 1963 über unsere künftigen Aktivitäten Gedanken machten. Ich schrieb dann im November 1963 einen dreiseitigen Brief an einen engeren Freundeskreis, in dem ich das Konzept des Festivals entwarf und dem Verwaltungsrat der Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck (ABW) vorstellte. Die Idee zündete und wurde – statt wie von mir vorgeschlagen 1965 – schon zu Pfingsten 1964 realisiert. Es bildete sich ein Dreierteam mit Peter Rohland, Jürgen Kahle und meiner Wenigkeit. Peter Rohland sprach die Sänger und Musikanten an, Jürgen Kahle schaffte mit wenigen Helfern in einem halben Jahr das, wofür in meinem Entwurf ein ganzer Ausschuß und anderthalb Jahre Bautätigkeit vorgesehen waren, nämlich die gesamten technischen Voraussetzungen, und ich war für Konzeption, Organisation und Presse zuständig.

Als das erste Festival zu Pfingsten 1964 tatsächlich über die improvisierte Bühne ging, kamen noch viele andere hinzu, die uns halfen, vor allem Rolf Gekeler, der sich im Laufe der verschiedenen Festivals zu einem fabelhaften »Maitre de plaisir« entwickelte, der die Künstler betreute und durch das Programm führte. Wir vier haben praktisch alles ohne Geld organisiert. Die Sänger erhielten keine Honorare, sondern nur freie Unterkunft und Verpflegung. Peter Rohland und Rolf Gekeler sind inzwischen gestorben, es bleiben Jürgen Kahle und ich. Wir haben uns bald nach dem Ende der sechs Festivals anderen Aufgaben zugewandt, Jürgen Kahle wurde Lehrer an der Odenwaldschule, ich Dozent in Berlin. Aber zunächst galt es natürlich, erstmal diese sechs Festivals zu überstehen. Wir hatten auf der Waldeck mit zwei Gegenkräften zu rechnen. Einmal mit den älteren Bündischen aus dem Vorkriegswandervogel, die jetzt den Verwaltungsrat der ABW bildeten. Deren Sorgen und Bedenken mußten jedes Mal neu ausgeräumt und durch Erfolge überwunden werden. Zum anderen die Kameraden vom Nerother Wandervogel, einem stark nach rechts tendierenden Jungenbund, die auch auf diesem Ruinengelände ansässig waren und die die langhaarigen Studenten und mehr noch die vielen jungen Frauen störten, die durch uns auf die Waldeck gelockt wurden. Unsere Altvorderen haben wir immer wieder gewinnen und überzeugen können, die Nerother Wandervögel haben uns dagegen ernsthafte Schwierigkeiten bereitet, bis hin zu lebensgefährlichen Sabotageakten. Ein dritter Gegner, der uns aber gottlob nur bei einem der sechs Festivals wirklich zum Problem wurde, war das Wetter.

Kurz vor dem ersten Festival zu Pfingsten 1964 entdeckten wir die soeben erschienene Platte eines unbekannten Liedermachers mit dem Namen Franz Josef Degenhardt. Ich besorgte mir seine Adresse und fuhr ins Saarland, wo er damals seine Referendarzeit als Jurist absolvierte. Er war noch nie öffentlich aufgetreten und mußte mühsam überzeugt werden, sich der begrenzten Öffentlichkeit dieses Waldeck-Workshops zu stellen. Das war er nun, in unseren Augen, der deutsche Chansonnier, auf den wir gewartet hatten. In Ostberlin war aber inzwischen eine zweite Größe am Firmament aufgestiegen. Wolf Biermann war hier durch seine Tonbänder und im Westen durch seine Bücher berühmt geworden. Wir luden ihn zu unserem zweiten Festival ein, aber er durfte nicht ausreisen. Ich besuchte ihn in der Chausseestraße, wo er mir ein ganzes Tonband besang, das ich dann auf dem Festival vorstellte. Die DDR-Regierung, die sich die ganze Zeit nicht gerührt hatte, schickte uns erst im folgenden Jahr den Staatsbariton Hermann Hähnel, der, am Klavier begleitet von Inge Kochan, Friedensschnulzen sang. Die beiden waren darauf gefaßt, in ein halbfaschistisches, revanchistisches Land zu kommen und waren vollkommen perplex, als sie merkten, daß sie nicht von rechts, sondern von links kritisiert wurden.

Das engagierte Lied hatte sich mittlerweile auch in der Bundesrepublik gemausert. Der Liedermacher, der seine eigenen Lieder sang, wurde zur Leitfigur. Dieter Süverkrüp war mit Hilfe von Gerd Semmer vom grandiosen Jazzgitarristen zum Politsänger geworden. Auch manche aus dem bündischen Humus entwickelten sich musikalisch und inhaltlich weiter, wie die Pontocs aus Neuß und Hein und Oss Kröher aus Pirmasens. Hannes Wader trug seinen ersten fünf Lieder vor und bekam einen solchen Applaus, daß er es selbst nicht faßte. Reinhard Mey wurde mehrheitlich als zu süßlich empfunden und ausgebuht. Die große Entdeckung des zweiten Festivals aber war Walter Moßmann, in dem viele den kommenden politischen Liedermacher der Bundesrepublik sahen. Er hat dann in den siebziger Jahren eine führende Rolle beim Kampf gegen das geplante Atomkraftwerk in Wyhl im Oberrheintal bei Freiburg gespielt. Seinem Wirken und Singen ist der erste große Sieg einer Bürgerbewegung gegen das Bündnis von Atomindustrie, CDU und Polizei maßgeblich mit zu verdanken.

Mittlerweile war seit 1964 der Vietnamkrieg eskaliert, der erst 1975 mit dem Fall von Saigon beendet wurde. Es kam der 2. Juni 1967, als in Berlin anläßlich einer Demonstration gegen den Schah von Persien ein Polizist den Studenten Benno Ohnesorg erschoß. Dann der Pariser Mai 1968 und im August der Überfall der Truppen des Warschauer Paktes auf die Tschechoslowakei. Das Waldeck-Festival blieb von diesen politischen Entwicklungen natürlich nicht unberührt. Nach den Schüssen auf Rudi Dutschke und den weiteren Entwicklungen des Jahres 1968 drängten die aufgebrachten Studenten auf jede sich bietende Bühne‚ auch auf die der Waldeck. Die beiden letzten Festivals waren für sie ein ideales Übungsfeld, auf dem sie die intellektuelle Arglosigkeit und die politische Toleranz der Gastgeber leicht überspielen konnten.

Das Festival war in den Medien bekannt geworden, sogar bis nach Paris und New York. Aus Paris kam ein leibhaftiger Chanson-Impressario mit einer Gruppe von Sängern und Schauspielerinnen, aus USA wurden Odetta, Phil Ochs und Guy Caravan eingeflogen. Die Sinti-Band von Schnuckenack Reinhard spielte mitreißenden Jazz, es traten aber auch diverse Rockbands auf. Die Zahl der Besucher stieg von 350 auf dem ersten Festival bis auf über 6000 beim letzten an. Was ursprünglich nur als Liedermacherwerkstatt geplant gewesen war‚ wurde immer mehr zu einem großen Festival, das nun von zwei Seiten her in die Zange genommen wurde. Mancher ehemalige Bündische, der noch wenige Jahre zuvor nach Lappland getrampt war, verstand sich nun plötzlich als Speerspitze der politischen Bewegung und versuchte das Festival zu einem großen Teach-in umzufunktionieren. Andere entdeckten persönliche Karrierechancen, aber auch Möglichkeiten des Geldverdienens, auf die aus dem engeren Kreis der Festivalmacher noch keiner gekommen war. Vor die Wahl gestellt, das Festival entschlossen zu kommerzialisieren oder es – wenigstens auf der Waldeck und in seiner bisherigen Form – zu beenden, wählten wir die letztere. Wir fühlten uns ohnehin von der politischen Bewegung in den Städten überholt. Es hatte sich überdies gezeigt, daß die Infrastruktur der Waldeck dem Ansturm von mehr als sechstausend Besuchern nicht gewachsen war. Jeder mehrstündige Regen hätte ein Chaos produziert.

Rückschau auf die Jahre 1964 bis 69:
Folgendes möchte ich zusammenfassen: 1. Die Waldeck-Festivals waren nicht das einzige, aber das sichtbarste Bindeglied zwischen der bündischen Jugend der westdeutschen Nachkriegszeit und der Studentenbewegung.
2. Für viele, die damals zwischen 16 und 20 waren, waren diese Festivals der »Durchlauferhitzer« zur Studentenbewegung, freilich eher zu ihren hedonistischen und undogmatischen Flügeln, nicht zu den studentischen Kaderparteien mit ihren selbsternannten Politbüros.
3. Die Festivals waren ein Vorlauf zu den politischen und sozialen Bewegungen der siebziger Jahre auf der Ebene der Gesellungsformen, der Verhaltensweisen und Mentalitäten. Sie waren nur möglich durch die Bereitschaft zu Improvisation, Spontaneität und Toleranz, und sie entwickelten bei denen, die mitmachten, auch die entsprechenden Fähigkeiten: Weltoffenheit, Experimentierfreude, politische und soziale Kreativität, Medienkompetenz. Sie waren nicht der intellektuelle Vorlauf; der fand woanders statt, in Frankfurt, Heidelberg und Berlin, beim SDS oder im Argument-Club.
4. Vielen Sängerinnen und Sängern bot die Waldeck die erste Bühne, das Karrieresprungbrett. Musikalisch und literarisch spielte die Waldeck freilich in der zweiten Liga: Da traten kein Bob Dylan und kein Pete Seeger auf, kein Yves Montand und kein Theodorakis, kein Georges Brassens oder Wladimir Wysozki, sondern eben Degenhardt und Süverkrüp, Hannes Wader und Walter Moßmann, aber auch der altdeutsche Barde Wolfram mit der Drehleier und der selbsternannte Pseudorusse Ivan Rebroff. Den Gipfel der Intellektualität bildete Rolf Schwendter mit seiner Theorie der Subkultur.

Musikalisch gesehen brachten diese Jahre:
1. Die Wiederentdeckung deutscher Volkslieder demokratischen Charakters, die in der DDR schon vorher von Professor Steinitz erforscht worden waren, aber in Westdeutschland dann erst allmählich bekannt wurden, insbesondere der Lieder aus den Zeiten des Vormärz und der Revolution von 1848, einschließlich der vergessenen kriegskritischen Soldatenlieder,
2. eine beginnende Renaissance der jiddischen Volksmusik und die Entdeckung des großartigen Liederdichters Mordechai Gebirtig aus Krakau,
3. eine kurze Blütezeit des politischen Liedes in Westdeutschland, von etwa 1965 bis 1975, die sogar die Rundfunk- und Fernsehsender erfaßte, dann aber bald wieder abgewürgt wurde. Seit den achtziger Jahren dominiert in den westdeutschen Musikmedien wieder der angloamerikanische Rock-Pop-Einheitsbrei. Kabarett und kritische Lieder kommen heutzutage höchstens noch ausnahmsweise und frühestens ab 21:05 Uhr in den Programmen unserer Radiosender vor.
4. Am Rande wirken manche Impulse bis heute nach. So gibt es gegenwärtig eine neue Welle der Bellmann-Begeisterung und sogar eine kleine Fritz-Graßhoff-Renaissance.
Zum Schluß möchte ich fragen: Was wollten wir? Was haben wir erreicht?
Wir wollten der Kulturlosigkeit dieser westdeutschen Wirtschaftswundergesellschaft eine selbstgemachte Basiskultur gegenüberstellen.

Wir wollten das Individuum, dargestellt durch den Liedermacher mit der Gitarre, gegen die Massengesellschaft und ihre Medienapparate stärken. Wir wollten die Verbundenheit mit den dumpf-deutschen Vätern aufkündigen, die in diesem Jahrhundert zweimal ihre Nachbarvölker überfallen hatten und dagegen eine »Internationale der Jugend« proklamieren, in der es keinen Rassismus und Kolonialismus mehr geben sollte. Dieser antiimperialistische Affekt richtete sich ebenso gegen die USA – Stichwort Vietnam – wie gegen die Sowjetunion – 17. Juni, Ungarnaufstand, Prager Frühling. Die Hinwendung zu den Sinti und Roma sowie das Stichwort »Folklore« im Festivaltitel waren immer auch politisch grundiert gewesen. Im Gegensatz zu seinen mißbräuchlichen Verwendungen im 20. Jahrhundert bezeichnet das Wort »Volk« ursprünglich soviel wie Bevölkerung im Unterschied zur »Herrschaft« und nicht die Abgrenzung einer ethnischen Einheit gegen eine andere. Wir wollten uns historisch mit den Opfern der deutschen Geschichte der letzten fünfzig Jahre solidarisieren, die Verdrängungen der Nachkriegszeit abschütteln und an verschüttete demokratische Traditionen anknüpfen. Das wollten wir. Natürlich haben wir alles das nicht nachhaltig erreicht. Unsere Wünsche an diese Gesellschaft sind noch immer nicht erfüllt. Oder wie Rolf Schwendter die Beatles übersetzte: »Ich bin noch immer unbefrie-hi-digt!« Es war also kein Zufall, daß man in den vergangenen Jahren auf den Friedensdemonstrationen gegen den Krieg im Irak auch manchen Graubartachtundsechziger sah. Hatten wir noch vor kurzem die letzten Überlebenden des antifaschistischen Widerstands befragt, so finden wir uns nun plötzlich selber in der Zeitzeugenrolle wieder. Sehr komisch. Auf der Waldeck war es nach 1969 erstmal eine Weile still geworden. Andere Festivals in Mainz, Ingelheim und Tübingen, größere und kleinere Woodstocks auf deutschem Boden, Rockkonzerte »umsonst und draußen« zogen die jugendlichen Massen und die Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Ich bin dann rund zwanzig Jahre lang nicht mehr auf der Waldeck gewesen, weil ich es mit Bertolt Brecht halte, der einmal gesagt hat, es sei ihm lieber, an den Kochherd als an den gedeckten Tisch gerufen zu werden.

Die Waldeck-Festivals sind inzwischen Geschichte. Aber die Waldeck gibt es noch, und dort finden auch immer noch wieder größere und kleinere Treffen statt. Eine alte Erfahrung sagt, daß man mindestens dreißig Jahre Abstand braucht, um eine Epoche beurteilen zu können. Die sind längst verstrichen. Die ersten Freunde unserer Indianerspiele von damals sind schon in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Historiker, haltet Euch ran!