KULTURATIONOnline Journal fŘr Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 2/2004
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Diethart Kerbs
Songfestivals in Deutschland - Burg Waldeck und die Folgen
Vierzig Jahre Songfestival Burg Waldeck
Ich habe beschlossen, den Stier bei den H├Ârnern zu packen und mich selbst als Beispiel einer westdeutschen Generation und ihrer historischen Erfahrungen vorzuf├╝hren. Ich hoffe, da├č ich damit wenigstens diejenigen unter Ihnen nicht langweile, die in einem anderen Land und/oder einer anderen Generation aufgewachsen sind. Ich bin im August 1937 geboren, Evakuierung nach Pommern, Flucht, Vertreibung, R├╝ckkehr nach Berlin. Aufgewachsen in Berlin-Heiligensee, im franz├Âsischen Sektor, zwar in der Gro├čstadt, aber trotzdem hinterm Wald, n├Ąmlich in der gr├╝nen Nordwestecke von Westberlin. Beim Spielen auf der Stra├če fragte mich ein Klassenkamerad, ob ich mit zu den Pfadfindern kommen wollte, die w├╝rden im Wald am Lagerfeuer Kartoffeln r├Âsten, und das w├Ąre viel lustiger als Fu├čballspielen. Die Pfadfinder waren wie beim Milit├Ąr organisiert, d.h., ├╝ber den Jugendgruppen erhob sich eine ganze Hierarchie von F├╝hrern, in der man aufsteigen, ├ämter und Abzeichen erwerben konnte. Mit 15 war ich schon Stammesf├╝hrer und durfte drei├čig Westberliner Jungen durch die Fr├Ąnkische Schweiz f├╝hren. Nachdem wir gemerkt hatten, da├č es fast ausschlie├člich ehemalige HJ-F├╝hrer waren, die nur in anderen Uniformen ihr Spiel von vor 1945 fortsetzten, k├╝ndigten wir diesen die Gefolgschaft und brachten die ganze sch├Âne F├╝hrerpyramide ├╝ber uns zum Einsturz. Das war meine erste antiautorit├Ąre Rebellion. Wir gr├╝ndeten eine ┬╗Autonome Jungenschaft┬ź nach dem Vorbild der dj 1.11. Das war der ├Ąsthetisch und politisch radikalste Fl├╝gel der b├╝rgerlichen Jugendbewegung zwischen 1929 und 1933 gewesen. In diesen Jungenschaftsgruppen wurde anders gesungen, mehr gelesen und diskutiert als woanders in der b├╝ndischen Jugend. Hatten wir bei den Pfadfindern eher Soldaten- und Landsknechtslieder gesungen, so sangen wir nun Negro Spirituals, russische, bulgarische und griechische Volkslieder, meistens, ohne deren Texte zu verstehen. Dazu kamen die Lieder aus dem Spanischen B├╝rgerkrieg sowie Songs von Brecht und Eisler, die wir uns von den im Ostsektor erh├Ąltlichen Platten von Ernst Busch abgelauscht und beigebracht hatten. Wenn wir auf unseren Fahrten ausnahmsweise einmal mit dem Zug unterwegs waren, dann machten wir zum Entsetzen der Mitreisenden die ┬╗Rote Kiste┬ź auf, d.h. wir sangen das halbe Repertoire von Ernst Busch herunter. Das war in der zweiten H├Ąlfte der f├╝nfziger Jahre, also mitten in der Zeit des Kalten Krieges. Aber es geschah weniger aus politischer ├ťberzeugung als aus Lust an der Provokation.

Immerhin haben wir aus demselben Widerspruchsgeist heraus im Verein mit dem ┬╗Ring deutscher Fahrtenb├╝nde┬ź ÔÇô da waren die kleinen Gruppen organisiert, die nicht zu den Gro├čorganisationen der Jugend in Westdeutschland geh├Ârten ÔÇô eigenm├Ąchtig Kontakt zur FDJ aufgenommen, nachdem der Bundesjugendring beschlossen hatte, alle Beziehungen zur Staatsjugend der DDR abzubrechen. Wir fuhren in die DDR und trafen uns in Leipzig und im Th├╝ringer Wald mit FDJ-Kadern. Als wir uns aber nach dem offiziellen Teil mit einigen FDJ-F├╝hrern privat getroffen und mit ihnen diskutiert hatten, erkl├Ąrte uns die DDR-ReiseleitungÔÇÜ wir h├Ątten die Gastfreundschaft mi├čbraucht und brach das Besuchsprogramm ab. Wir mu├čten vorzeitig abreisen. Da wir 1953 in Berlin den 17. Juni miterlebt hatten und uns in den folgenden Wochen freiwillig zur Betreuung junger Fl├╝chtlinge aus der DDR gemeldet hatten, die in einer Sporthalle untergebracht waren, lie├č uns der Ungarnaufstand im November 1956 nicht kalt. Auch dieser zweite Volksaufstand gegen eine sowjetische Besatzung kam unserem widerst├Ąndigen Denken entgegen, seine Niederschlagung haben wir als Trag├Âdie empfunden. Da wir nun mehrheitlich das Abitur hatten, gr├╝ndeten wir in Berlin und an anderen Hochschulorten studentische Arbeitskreise, um uns ein gemeinsames Verst├Ąndnis der Geschehnisse zu erarbeiten. Durch den Ungarnaufstand waren wir mit Denkern wie Georg Luk├ícs bekannt geworden, von dem es hie├č, da├č er einen freiheitlichen Marxismus vertrat, der sich an Rosa Luxemburg orientierte. Das faszinierte uns, weil es die M├Âglichkeit einer dritten Position jenseits von Stalinismus und vom westlichen affirmativen Denken er├Âffnete. Als die Zeitungen 1961 berichteten, Ernst Bloch sei in den Westen gegangenÔÇÜ verabredete ich mich mit zwei Freunden zum Studium in T├╝bingen. Bloch war immerhin schon 76, aber er bl├╝hte angesichts der Studenten, die ihm begeistert zuh├Ârten, noch einmal auf. Das Auditorium maximum der T├╝binger Universit├Ąt war ├╝berf├╝llt, Blochs Vorlesungen mu├čten durch Lautsprecher in zwei angrenzende H├Ârs├Ąle ├╝bertragen werden.

Das Jahr 1962 war mit der Spiegel-Aff├Ąre das eigentliche Wendejahr in der Geschichte der Bundesrepublik, in dem alles, was 1967/68 kulminierte, begann. Es brachte die erste massive Auflehnung einer kritischen ├ľffentlichkeit gegen die Regierung Adenauer und ihren Verteidigungsminister Franz Josef Strau├č. Wir Ehemaligen aus den b├╝ndischen Gruppen studierten damals in Berlin, Erlangen, T├╝bingen und Freiburg. In Hamburg entstand aus einem studentischen Biafra-Komitee im Laufe der sechziger Jahre die ┬╗Gesellschaft f├╝r bedrohte V├Âlker┬ź, die sich seither zu einer der einflu├čreichsten Nicht-Regierungsorganisationen der Bundesrepublik entwickelt hat. Die studentischen Arbeitskreise trafen sich in den Ferien auf der Burg Waldeck, wo die schw├Ąbische Jungenschaft sich einen ehemaligen Kuhstall ausgebaut hatte.

Die Burg Waldeck, das mu├č wohl erkl├Ąrt werden, ist gar keine Burg,
sondern ein Ruinengel├Ąnde mit den Resten einer mittelalterlichen Burg und eines barocken Jagdschlosses, ziemlich gut versteckt im Hunsr├╝ck gelegen, drei Kilometer von jeder n├Ąchsten menschlichen Ansiedlung entfernt. Sie war nach dem Ersten Weltkrieg von Wanderv├Âgeln entdeckt worden. Die hatten dort in den zwanziger Jahren ein Haus f├╝r ihre Treffen erbaut. Einige von ihnen hatten das Haus nach 1945 renoviert und es den neu entstandenen b├╝ndischen Gruppen als Treffpunkt zur Verf├╝gung gestellt. So waren wir Ende der f├╝nfziger, Anfang der sechziger Jahre auch dorthin gelangt, Jungenschaftler aus Schwaben, BerlinÔÇÜ Wiesbaden und Hannover. Wir machten dort unsere selbstorganisierten Seminare, z.B. ├╝ber Polen, Marxismus und Christentum.

Zu diesem Freundeskreis geh├Ârte auch Peter Rohland, der eigentlich in Berlin Jura studieren sollte, aber gegen den Willen seines Vaters Gesangsunterricht nahm. Er hatte eine wunderbare Stimme und konnte im Laufe der Zeit auch hervorragend Gitarre spielen. Um von den elterlichen Zuwendungen unabh├Ąngig zu werden, begann er in Kneipen aufzutreten, nicht nur in Berlin, sondern auch in Paris, wo er zum Beispiel im Caf├ę de la Contrescarpe jiddische Lieder sang. Franz├Âsische Chansons, insbesondere die Lieder von Jacques Pr├ęvert, Boris Vian und Georges Brassens, waren uns schon gel├Ąufig. Wir bedauerten es, da├č es so etwas in Deutschland nicht gab. Dann lasen wir, da├č sich in den USA, vor allem an kalifornischen Universit├Ąten wie Berkeley, ein ┬╗Free-Speech-Movement┬ź und in enger Verbindung damit eine Songbewegung entwickelt hatte, da├č es einen Pete Seeger, eine Joan Baez, einen Bob Dylan, einen Phil Ochs gab. Angeblich reichte es aus, da├č eine Gruppe Studenten sich mit zwei Gitarren auf einer Wiese niederlie├č, um einen Polizeieinsatz zu provozieren. Das kannten wir. Dergleichen hatte es auch in Deutschland schon gegeben, z.B. in M├╝nchen im Sommer 1962. Das alles hatten wir im Kopf, als wir uns im Jahre 1963 ├╝ber unsere k├╝nftigen Aktivit├Ąten Gedanken machten. Ich schrieb dann im November 1963 einen dreiseitigen Brief an einen engeren Freundeskreis, in dem ich das Konzept des Festivals entwarf und dem Verwaltungsrat der Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck (ABW) vorstellte. Die Idee z├╝ndete und wurde ÔÇô statt wie von mir vorgeschlagen 1965 ÔÇô schon zu Pfingsten 1964 realisiert. Es bildete sich ein Dreierteam mit Peter Rohland, J├╝rgen Kahle und meiner Wenigkeit. Peter Rohland sprach die S├Ąnger und Musikanten an, J├╝rgen Kahle schaffte mit wenigen Helfern in einem halben Jahr das, wof├╝r in meinem Entwurf ein ganzer Ausschu├č und anderthalb Jahre Baut├Ątigkeit vorgesehen waren, n├Ąmlich die gesamten technischen Voraussetzungen, und ich war f├╝r Konzeption, Organisation und Presse zust├Ąndig.

Als das erste Festival zu Pfingsten 1964 tats├Ąchlich ├╝ber die improvisierte B├╝hne ging, kamen noch viele andere hinzu, die uns halfen, vor allem Rolf Gekeler, der sich im Laufe der verschiedenen Festivals zu einem fabelhaften ┬╗Maitre de plaisir┬ź entwickelte, der die K├╝nstler betreute und durch das Programm f├╝hrte. Wir vier haben praktisch alles ohne Geld organisiert. Die S├Ąnger erhielten keine Honorare, sondern nur freie Unterkunft und Verpflegung. Peter Rohland und Rolf Gekeler sind inzwischen gestorben, es bleiben J├╝rgen Kahle und ich. Wir haben uns bald nach dem Ende der sechs Festivals anderen Aufgaben zugewandt, J├╝rgen Kahle wurde Lehrer an der Odenwaldschule, ich Dozent in Berlin. Aber zun├Ąchst galt es nat├╝rlich, erstmal diese sechs Festivals zu ├╝berstehen. Wir hatten auf der Waldeck mit zwei Gegenkr├Ąften zu rechnen. Einmal mit den ├Ąlteren B├╝ndischen aus dem Vorkriegswandervogel, die jetzt den Verwaltungsrat der ABW bildeten. Deren Sorgen und Bedenken mu├čten jedes Mal neu ausger├Ąumt und durch Erfolge ├╝berwunden werden. Zum anderen die Kameraden vom Nerother Wandervogel, einem stark nach rechts tendierenden Jungenbund, die auch auf diesem Ruinengel├Ąnde ans├Ąssig waren und die die langhaarigen Studenten und mehr noch die vielen jungen Frauen st├Ârten, die durch uns auf die Waldeck gelockt wurden. Unsere Altvorderen haben wir immer wieder gewinnen und ├╝berzeugen k├Ânnen, die Nerother Wanderv├Âgel haben uns dagegen ernsthafte Schwierigkeiten bereitet, bis hin zu lebensgef├Ąhrlichen Sabotageakten. Ein dritter Gegner, der uns aber gottlob nur bei einem der sechs Festivals wirklich zum Problem wurde, war das Wetter.

Kurz vor dem ersten Festival zu Pfingsten 1964 entdeckten wir die soeben erschienene Platte eines unbekannten Liedermachers mit dem Namen Franz Josef Degenhardt. Ich besorgte mir seine Adresse und fuhr ins Saarland, wo er damals seine Referendarzeit als Jurist absolvierte. Er war noch nie ├Âffentlich aufgetreten und mu├čte m├╝hsam ├╝berzeugt werden, sich der begrenzten ├ľffentlichkeit dieses Waldeck-Workshops zu stellen. Das war er nun, in unseren Augen, der deutsche Chansonnier, auf den wir gewartet hatten. In Ostberlin war aber inzwischen eine zweite Gr├Â├če am Firmament aufgestiegen. Wolf Biermann war hier durch seine Tonb├Ąnder und im Westen durch seine B├╝cher ber├╝hmt geworden. Wir luden ihn zu unserem zweiten Festival ein, aber er durfte nicht ausreisen. Ich besuchte ihn in der Chausseestra├če, wo er mir ein ganzes Tonband besang, das ich dann auf dem Festival vorstellte. Die DDR-Regierung, die sich die ganze Zeit nicht ger├╝hrt hatte, schickte uns erst im folgenden Jahr den Staatsbariton Hermann H├Ąhnel, der, am Klavier begleitet von Inge Kochan, Friedensschnulzen sang. Die beiden waren darauf gefa├čt, in ein halbfaschistisches, revanchistisches Land zu kommen und waren vollkommen perplex, als sie merkten, da├č sie nicht von rechts, sondern von links kritisiert wurden.

Das engagierte Lied hatte sich mittlerweile auch in der Bundesrepublik gemausert. Der Liedermacher, der seine eigenen Lieder sang, wurde zur Leitfigur. Dieter S├╝verkr├╝p war mit Hilfe von Gerd Semmer vom grandiosen Jazzgitarristen zum Polits├Ąnger geworden. Auch manche aus dem b├╝ndischen Humus entwickelten sich musikalisch und inhaltlich weiter, wie die Pontocs aus Neu├č und Hein und Oss Kr├Âher aus Pirmasens. Hannes Wader trug seinen ersten f├╝nf Lieder vor und bekam einen solchen Applaus, da├č er es selbst nicht fa├čte. Reinhard Mey wurde mehrheitlich als zu s├╝├člich empfunden und ausgebuht. Die gro├če Entdeckung des zweiten Festivals aber war Walter Mo├čmann, in dem viele den kommenden politischen Liedermacher der Bundesrepublik sahen. Er hat dann in den siebziger Jahren eine f├╝hrende Rolle beim Kampf gegen das geplante Atomkraftwerk in Wyhl im Oberrheintal bei Freiburg gespielt. Seinem Wirken und Singen ist der erste gro├če Sieg einer B├╝rgerbewegung gegen das B├╝ndnis von Atomindustrie, CDU und Polizei ma├čgeblich mit zu verdanken.

Mittlerweile war seit 1964 der Vietnamkrieg eskaliert, der erst 1975 mit dem Fall von Saigon beendet wurde. Es kam der 2. Juni 1967, als in Berlin anl├Ą├člich einer Demonstration gegen den Schah von Persien ein Polizist den Studenten Benno Ohnesorg erscho├č. Dann der Pariser Mai 1968 und im August der ├ťberfall der Truppen des Warschauer Paktes auf die Tschechoslowakei. Das Waldeck-Festival blieb von diesen politischen Entwicklungen nat├╝rlich nicht unber├╝hrt. Nach den Sch├╝ssen auf Rudi Dutschke und den weiteren Entwicklungen des Jahres 1968 dr├Ąngten die aufgebrachten Studenten auf jede sich bietende B├╝hneÔÇÜ auch auf die der Waldeck. Die beiden letzten Festivals waren f├╝r sie ein ideales ├ťbungsfeld, auf dem sie die intellektuelle Arglosigkeit und die politische Toleranz der Gastgeber leicht ├╝berspielen konnten.

Das Festival war in den Medien bekannt geworden, sogar bis nach Paris und New York. Aus Paris kam ein leibhaftiger Chanson-Impressario mit einer Gruppe von S├Ąngern und Schauspielerinnen, aus USA wurden Odetta, Phil Ochs und Guy Caravan eingeflogen. Die Sinti-Band von Schnuckenack Reinhard spielte mitrei├čenden Jazz, es traten aber auch diverse Rockbands auf. Die Zahl der Besucher stieg von 350 auf dem ersten Festival bis auf ├╝ber 6000 beim letzten an. Was urspr├╝nglich nur als Liedermacherwerkstatt geplant gewesen warÔÇÜ wurde immer mehr zu einem gro├čen Festival, das nun von zwei Seiten her in die Zange genommen wurde. Mancher ehemalige B├╝ndische, der noch wenige Jahre zuvor nach Lappland getrampt war, verstand sich nun pl├Âtzlich als Speerspitze der politischen Bewegung und versuchte das Festival zu einem gro├čen Teach-in umzufunktionieren. Andere entdeckten pers├Ânliche Karrierechancen, aber auch M├Âglichkeiten des Geldverdienens, auf die aus dem engeren Kreis der Festivalmacher noch keiner gekommen war. Vor die Wahl gestellt, das Festival entschlossen zu kommerzialisieren oder es ÔÇô wenigstens auf der Waldeck und in seiner bisherigen Form ÔÇô zu beenden, w├Ąhlten wir die letztere. Wir f├╝hlten uns ohnehin von der politischen Bewegung in den St├Ądten ├╝berholt. Es hatte sich ├╝berdies gezeigt, da├č die Infrastruktur der Waldeck dem Ansturm von mehr als sechstausend Besuchern nicht gewachsen war. Jeder mehrst├╝ndige Regen h├Ątte ein Chaos produziert.

R├╝ckschau auf die Jahre 1964 bis 69:
Folgendes m├Âchte ich zusammenfassen: 1. Die Waldeck-Festivals waren nicht das einzige, aber das sichtbarste Bindeglied zwischen der b├╝ndischen Jugend der westdeutschen Nachkriegszeit und der Studentenbewegung.
2. F├╝r viele, die damals zwischen 16 und 20 waren, waren diese Festivals der ┬╗Durchlauferhitzer┬ź zur Studentenbewegung, freilich eher zu ihren hedonistischen und undogmatischen Fl├╝geln, nicht zu den studentischen Kaderparteien mit ihren selbsternannten Politb├╝ros.
3. Die Festivals waren ein Vorlauf zu den politischen und sozialen Bewegungen der siebziger Jahre auf der Ebene der Gesellungsformen, der Verhaltensweisen und Mentalit├Ąten. Sie waren nur m├Âglich durch die Bereitschaft zu Improvisation, Spontaneit├Ąt und Toleranz, und sie entwickelten bei denen, die mitmachten, auch die entsprechenden F├Ąhigkeiten: Weltoffenheit, Experimentierfreude, politische und soziale Kreativit├Ąt, Medienkompetenz. Sie waren nicht der intellektuelle Vorlauf; der fand woanders statt, in Frankfurt, Heidelberg und Berlin, beim SDS oder im Argument-Club.
4. Vielen S├Ąngerinnen und S├Ąngern bot die Waldeck die erste B├╝hne, das Karrieresprungbrett. Musikalisch und literarisch spielte die Waldeck freilich in der zweiten Liga: Da traten kein Bob Dylan und kein Pete Seeger auf, kein Yves Montand und kein Theodorakis, kein Georges Brassens oder Wladimir Wysozki, sondern eben Degenhardt und S├╝verkr├╝p, Hannes Wader und Walter Mo├čmann, aber auch der altdeutsche Barde Wolfram mit der Drehleier und der selbsternannte Pseudorusse Ivan Rebroff. Den Gipfel der Intellektualit├Ąt bildete Rolf Schwendter mit seiner Theorie der Subkultur.

Musikalisch gesehen brachten diese Jahre:
1. Die Wiederentdeckung deutscher Volkslieder demokratischen Charakters, die in der DDR schon vorher von Professor Steinitz erforscht worden waren, aber in Westdeutschland dann erst allm├Ąhlich bekannt wurden, insbesondere der Lieder aus den Zeiten des Vorm├Ąrz und der Revolution von 1848, einschlie├člich der vergessenen kriegskritischen Soldatenlieder,
2. eine beginnende Renaissance der jiddischen Volksmusik und die Entdeckung des gro├čartigen Liederdichters Mordechai Gebirtig aus Krakau,
3. eine kurze Bl├╝tezeit des politischen Liedes in Westdeutschland, von etwa 1965 bis 1975, die sogar die Rundfunk- und Fernsehsender erfa├čte, dann aber bald wieder abgew├╝rgt wurde. Seit den achtziger Jahren dominiert in den westdeutschen Musikmedien wieder der angloamerikanische Rock-Pop-Einheitsbrei. Kabarett und kritische Lieder kommen heutzutage h├Âchstens noch ausnahmsweise und fr├╝hestens ab 21:05 Uhr in den Programmen unserer Radiosender vor.
4. Am Rande wirken manche Impulse bis heute nach. So gibt es gegenw├Ąrtig eine neue Welle der Bellmann-Begeisterung und sogar eine kleine Fritz-Gra├čhoff-Renaissance.
Zum Schlu├č m├Âchte ich fragen: Was wollten wir? Was haben wir erreicht?
Wir wollten der Kulturlosigkeit dieser westdeutschen Wirtschaftswundergesellschaft eine selbstgemachte Basiskultur gegen├╝berstellen.

Wir wollten das Individuum, dargestellt durch den Liedermacher mit der Gitarre, gegen die Massengesellschaft und ihre Medienapparate st├Ąrken. Wir wollten die Verbundenheit mit den dumpf-deutschen V├Ątern aufk├╝ndigen, die in diesem Jahrhundert zweimal ihre Nachbarv├Âlker ├╝berfallen hatten und dagegen eine ┬╗Internationale der Jugend┬ź proklamieren, in der es keinen Rassismus und Kolonialismus mehr geben sollte. Dieser antiimperialistische Affekt richtete sich ebenso gegen die USA ÔÇô Stichwort Vietnam ÔÇô wie gegen die Sowjetunion ÔÇô 17. Juni, Ungarnaufstand, Prager Fr├╝hling. Die Hinwendung zu den Sinti und Roma sowie das Stichwort ┬╗Folklore┬ź im Festivaltitel waren immer auch politisch grundiert gewesen. Im Gegensatz zu seinen mi├čbr├Ąuchlichen Verwendungen im 20. Jahrhundert bezeichnet das Wort ┬╗Volk┬ź urspr├╝nglich soviel wie Bev├Âlkerung im Unterschied zur ┬╗Herrschaft┬ź und nicht die Abgrenzung einer ethnischen Einheit gegen eine andere. Wir wollten uns historisch mit den Opfern der deutschen Geschichte der letzten f├╝nfzig Jahre solidarisieren, die Verdr├Ąngungen der Nachkriegszeit absch├╝tteln und an versch├╝ttete demokratische Traditionen ankn├╝pfen. Das wollten wir. Nat├╝rlich haben wir alles das nicht nachhaltig erreicht. Unsere W├╝nsche an diese Gesellschaft sind noch immer nicht erf├╝llt. Oder wie Rolf Schwendter die Beatles ├╝bersetzte: ┬╗Ich bin noch immer unbefrie-hi-digt!┬ź Es war also kein Zufall, da├č man in den vergangenen Jahren auf den Friedensdemonstrationen gegen den Krieg im Irak auch manchen Graubartachtundsechziger sah. Hatten wir noch vor kurzem die letzten ├ťberlebenden des antifaschistischen Widerstands befragt, so finden wir uns nun pl├Âtzlich selber in der Zeitzeugenrolle wieder. Sehr komisch. Auf der Waldeck war es nach 1969 erstmal eine Weile still geworden. Andere Festivals in Mainz, Ingelheim und T├╝bingen, gr├Â├čere und kleinere Woodstocks auf deutschem Boden, Rockkonzerte ┬╗umsonst und drau├čen┬ź zogen die jugendlichen Massen und die Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Ich bin dann rund zwanzig Jahre lang nicht mehr auf der Waldeck gewesen, weil ich es mit Bertolt Brecht halte, der einmal gesagt hat, es sei ihm lieber, an den Kochherd als an den gedeckten Tisch gerufen zu werden.

Die Waldeck-Festivals sind inzwischen Geschichte. Aber die Waldeck gibt es noch, und dort finden auch immer noch wieder gr├Â├čere und kleinere Treffen statt. Eine alte Erfahrung sagt, da├č man mindestens drei├čig Jahre Abstand braucht, um eine Epoche beurteilen zu k├Ânnen. Die sind l├Ąngst verstrichen. Die ersten Freunde unserer Indianerspiele von damals sind schon in die ewigen Jagdgr├╝nde eingegangen. Historiker, haltet Euch ran!