KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 2/2004
Kulturelle Differenzierungen der deutschen Gesellschaft
Dietrich Mühlberg
Über den Kunstgenuss - Theater, Oper, Konzert, Museum und Galerie
Vorbemerkung

In seiner Reihe „Lebenswelten“ hat der Ch. Links Verlag das Buch „Genussbarometer Deutschland – wie wir zu leben verstehen“ herausgebracht. Anlass war eine von JTI Germany in Auftrag gegebene Untersuchung, die herausbekommen sollte, ob denn inzwischen auch Deutsche zu genießen verstehen. Der drittgrößte Tabakkonzern der Welt benötigte solche Hintergrundinformationen und so liegt nun „Die große deutsche Genuss-Studie 2004“ vor. Ihre wichtigsten Erkenntnisse werden im Buch vorgestellt. Darüber hinaus hat der Herausgeber Thomas Platt fünfundzwanzig Autorinnen und Autoren dafür gewonnen, sich die diversen Genüsse der vier Genießer-Grundtypen unter den Deutschen näher anzusehen. Die öffentliche Kunstrezeption ist danach Sache der „Erlebnisgenießer“, die sich deutlich von den Couch-, Geschmacks-, wie auch von den Alltagsgenießern“ (so die ermittelte Typologie) unterscheiden. Nachstehender Text ist (um die kulturhistorischen Hinweise leicht gekürzt) in diesem Buch erschienen (S. 144 – 155), dabei wurden auch die Nachweise der essayistischen Gesamtdarstellung angepasst.
Zu finden ist der Titel unter: Thomas Platt (Hg.), Genussbarometer Deutschland. Wie wir zu leben verstehen, Berlin, Ch. Links, 1. Aufl. September 2004, 254 S., 14,90 Euro.



Die verschwiegenen Kunstgenießer

Noch zu keiner Zeit waren die Künste im Alltag der meisten Deutschen so präsent wie heute. „Wir konsumieren heute fünf Stunden täglich Kunst: Musik, Popvideos, Fernsehspiele, Krimis, Kinofilme, Gerichtsshows und TV-Serien. Ich rede noch gar nicht über Werbespots, Computerspiele, Schausport, Illustriertenfotos, Fortsetzungs- und Fotoromane, Erzählungen, Comics, dickleibige Schmöker und all die anderen populären Genres, die Sinne, Gemüt und Intellekt erfreuen.“ (Maase 2004) So der Tübinger Ethnologe Kaspar Maase in seinen „Überlegungen zur alltäglichen ästhetischen Erfahrung“. Von den meisten „außerhäuslichen“ Kunstangeboten, die den Erlebnisgenießer interessieren könnten, ist da noch gar nicht die Rede: von Diskotheken, Klubs und anderen angesagten Locations, von Kirchenmusik, Rockkonzerten, Feuerwehrbällen, Dorffesten und Karneval, von Hofbräuhaus bis Love Parade - in allen sind die diversen Künste nicht nur Beigabe, sondern "organisieren" meist das Ereignis. Es steht außer Zweifel, dass alle diese Kunstangebote uns Vergnügen bereiten sollen. Und der Bedarf noch solchen ästhetischen Genüssen wächst beständig, der anhaltende Boom der Kulturwirtschaft belegt es.

Wie aber kann es dann geschehen, dass die Künste nur ganz am Rande vorkommen, wenn die Deutschen über ihre Genüsse berichten? Hier hätten sich doch mindestens die (etwa) fünfzehn Prozent der Erwachsenen melden müssen, denen die Künste aller Gattungen und Genres viel bedeuten, die regelmäßig ins Theater gehen, zu den Ausstellungen pilgern und die Konzertsäle füllen. Und weiteren gut dreißig Prozent der Deutschen sind die „hohen Künste“ nicht fremd, sie gehen schon mal mit in die Oper, besuchen im Urlaub den Kunstkaten oder den Louvre. Auch sie haben den Interviewern von der Genussforschung nichts davon erzählt. Freilich sind diese Zahlen unter Fachleuten umstritten, als sicher gilt nur, dass die Hälfte aller Erwachsenen nicht an solchen künstlerischen Produktionen interessiert ist, dagegen rechnet das Kulturmanagement nur drei bis fünf Prozent der Bevölkerung zu den "Intensiv-Nutzern" (Klein 2002).

Eine so geringe Anzahl könnte die Ursache dafür sein, dass Kunstgenießer in der Untersuchung nicht wahrgenommen worden sind. Wahrscheinlicher ist, dass die Kunstliebe von den Befragten gar nicht genannt worden ist. Einmal weil alle die, die sich täglich an Kunstproduktionen – im Radio, im Fernsehen, im Stadtbild, im Klub, im Kino, in der Disco usw. – erfreuen, das gar nicht für „Kunst“ halten. Andererseits kommen die Liebhaber der hohen Künste gar nicht auf den Einfall, ihre Neigungen unter die Genüsse einzureihen. "Genuss" assoziiert gerade bei ihnen Hedonismus, eine vielleicht ins Unmäßige spielende Sinnlichkeit. Und die kann weder vom Pflichtmenschen noch vom Verehrer des Artifiziellen goutiert werden. Der „Genussmensch“ ist bei den Protestanten und bei den Sozialisten ohnehin kein Vorbild (gute Katholiken sollen Verständnis für ihn haben). Diese kulturellen Wertungen habe eine lange Geschichte.


Kunst darf nicht auf Genuss reduziert werden!

Ein genießendes Vergnügen an der Kunst, das nicht durch ästhetische Bildung ausgewiesen und reguliert ist, galt und gilt unter gebildeten Deutschen als unangemessen. Wurden mit diesem Verdikt zunächst die Aufsteiger und Parvenüs des frühen Industriekapitalismus abgestraft, galt das kulturkritische Urteil dann vor allem den künstlerischen Formen der Massenkultur, die um die vorige Jahrhundertwende aufkamen. Ein Redetext von 1902 könnte – entsprechend modernisiert – von einem heutigen kulturkonservativen Mahner stammen: "Gehen Sie in die Tanzlokale und Musikhallen, in die Theater und Museen, sehen Sie sich die Wohnung und die Kleidung selbst der Armen an, und Sie werden finden, daß sich überall ein unwiderstehlicher Drang nach Freude kundgibt. Gehen wir dieser Freude auf den Grund, so finden wir, oft zu unserem Entsetzen, die Freude an der Kunst. Aber in welcher Zerrgestalt! Der geschmacklose Flitter der Kleidung, der traurige Oeldruck an der Zimmerwand, die Musik des Bierkonzerts und Tingeltangels, das Schauerdrama und der Schauerroman - das alles empfindet die übergroße Mehrheit des deutschen Volkes als Kunst! Was uns Ekel bereitet, wird als Lust empfunden." (Heinrich Wolgast 1903) So Heinrich Wolgast, ein überaus verdienstvoller Verfechter der ästhetischen Erziehung in einer Rede vor deutschen Lehrern. Die deutschen Bildungsbürger jener Zeit haben unter Kultur vornehmlich die „hohen Künste“ verstanden und es ist darum nur allzu verständlich, dass die volkspädagogisch Veranlagten unter ihnen sich über das Aufkommen der Massenkünste empörten. Ganz offensichtlich verkamen ihnen hier die Künste (oder wie sie meinten: die Kunstsurrogate) zum reinen Genussmittel.

Dieser kulturkritische Vorbehalt gegenüber künstlerischen Vergnügungen und Genüssen war langlebig, seine vermutlich nachhaltigste Begründung erfuhr er durch Theodor Adorno: Lüge, Verdummung, Ablenkung, Stillstellung der kritischen Kräfte der Gesellschaft - das alles lauert hinter einem genussorientierten künstlerischen Angebot. Das hat auch die Alltagsmoral geprägt. Da wird zwar nicht mehr die "verabscheuungswürdige Genussmoralität" attackiert, doch trotz allem Bekenntnis zum Genießen meinen immerhin 42 Prozent der Befragten in unserer Untersuchung, dass es unserer Gesellschaft besser ginge, wenn nicht so viele nur an ihren Genuss dächten.

Darum bedarf es heute noch der Rechtfertigung, wenn in einem Buch über die Genüsse der Deutschen auch von der Kunst die Rede sein soll. Noch immer dürfte es als banausisch gelten, den Umgang mit den Künsten mit der Vorliebe für Pralinen und Zigarren, für Wellness oder Partyszene in einem Atem zu nennen. Die "gebildeten Deutschen" dürfte es befremden, wenn ihre Kunstliebe solcherart auf Genussfähigkeit reduziert wird, ihre kundige Leidenschaft für das Schöne als schnöde Begehrlichkeit nach sinnlichen Reizen und emotionaler Verzauberung gesehen wird. Bei Kunst denken sie eher an das Entschlüsseln von Strukturen und Botschaften, an Kontemplation, seelische Hingabe oder intellektuelle Lust. Und dann sollen sich diese Kunstfreunde auch noch unter die "Erlebnisgenießer" einordnen! Dies mögen sie überhaupt nicht, obwohl gerade sie allen Merkmalen dieses "Genießertyps" am besten entsprechen.

Kunst ist hier zu Lande kein Genussmittel und darum auch nicht extra besteuert, sondern mit öffentlichen Mitteln gefördert. Dagegen muss für den Konsum künstlerischer Produktionen, die vor allem dem Vergnügen, der Erbauung und der Rekreation dienen - wir nennen sie Unterhaltungs- oder Gebrauchskunst - der Konsument selber aufkommen. Hier handelt es sich ja um konfektionierte Genüsse, wie sie die Unterhaltungs- und Vergnügungsindustrie vermarktet: ohne jede ästhetische Provokation, ohne moralischen Anspruch und ohne politische Bezüge oder gesellschaftskritische Invektiven. Noch eine Stufe tiefer finden sich Schund, Kitsch und Billigpornografie eingeordnet, mit denen Begierden ausgebeutet werden, die - obwohl real sicher ein ganz bedeutendes "Genuss-Segment" - in diesem seriösen Buche besser nicht erwähnt werden.


Deutsche begründen ihre Genussdistanz philosophisch

Worin die doppelte Provokation besteht, Kunst als Genuss und als individuelle Erlebnisstrategie zu behandeln, wird schnell klar, wenn wir an die große Autorität Immanuel Kant denken. In seiner Analyse des Geschmacksurteils kam er zu dem Schluss: was uns Genuss verschafft und darum von uns begehrt wird, ist "nur" angenehm. Die Empfindung des Schönen dagegen (worin er die Wirkungen der Kunst zusammenfasst) ist "interesseloses Wohlgefallen" (Immanuel Kant). Seitdem gilt allein die zweckfreie Konzentration auf das ästhetische Objekt, gilt die kontemplative Aneignung als legitimes Modell ästhetischer Erfahrung. Schopenhauer hat es uns in Stammbuch geschrieben (und damit zugleich einen neuen Begriff geprägt): "Die höchsten, die mannigfaltigsten und anhaltendsten Genüsse sind die geistigen". (Arthur Schopenhauer1851) Wahre (hohe, ernste) Kunst kann der sinnlichen Wirkungen zwar nicht entbehren, ist aber ein „geistiger Genuss“.

Vorherrschend ist die Meinung, Kunstrezeption habe sich der "Logik", der Struktur und der Geschichte des Werkes zu widmen, sich ihr unterzuordnen. Echter "Kunstgenuss" stelle sich nur ein, wenn es gelinge, das Potenzial des Werkes für sich aneignend und deutend auszuschöpfen. Selbstverständlich wird dieses Kunstverständnis vielfältig relativiert, doch es bildet den Grundzug aller "anspruchsvollen" Kunstlehren, egal ob sie sich auf das Artifizielle, auf die gesellschaftskritische oder die identitätsstiftende Funktion der Künste, auf deren Erkenntniswert oder auf ihre Autonomie konzentrieren.

Solange auch das Feuilleton an dieser Kunstauffassung festhält, dürfte die Wandlung der Deutschen zu Genussmenschen noch nicht völlig abgeschlossen sein. Noch immer kann es als sicher gelten, dass ein betuchter Franzose geneigt ist, für ein gutes Essen mehr auszugeben als ein deutscher Opernfreund für den kompletten Ring von Richard Wagner zahlt.


Kunst war immer auch Genussmittel

Über Generationen war es für die gebildeten Schichten der deutschen Gesellschaft eine verpflichtende Konvention, sich im Theater sehen zu lassen, sonntags das städtische Museum zu besuchen, nicht nur die Hausmusik zu pflegen und im Freundeskreis von einer Bildungsreise berichten zu können. In der Konversation waren Schillerzitate angebracht. Viele Künstler haben uns von der Pein wie von den Genüssen dieser Kulturpraxis berichtet, die inzwischen ihre Verbindlichkeit verloren hat. Und auch die Kultur der Deutschen wird - bei aller offiziellen Wertschätzung der traditionellen Hochkunst - nicht mehr mit ihr gleichgesetzt.

Damit ist es eher möglich geworden, sie als das zu nehmen, was sie immer auch war: ein Genussmittel. Schon in den 80er Jahren hat Gerhard Schulze die deutsche Population kultursoziologisch untersucht und sie dann als eine "Erlebnisgesellschaft" beschrieben. (Gerhard Schulze 1992) "Genuss" war für ihn dabei eine zentrale Kategorie: "Erlebnisorientierung ist definiert als das Streben nach psychophysischen Zuständen positiver Valenz, also nach Genuss." Immer stärker setze sich als Verhaltensstrategie durch, was er als "Projekt des schönen Lebens" beschrieb. Dabei ist jeder für seine Erlebnisse selbst zuständig. "Tun, was einem gefällt, heißt in der Erlebnisgesellschaft: die Situation so zu arrangieren, dass sie die gewünschte innere Wirkung in einem selbst hervorruft. Man betrachtet die Welt als Speisekarte und stellt sich ein optimales Menü zusammen." (Gerhard Schulze 1999).

Damit verfielen die ausschließlich kognitiven Konzepte der Kritik, die die Kunstrezeption einseitig zu einem werkorientierten anspruchsvollen intellektuellen Vorgang machen und die selbst dort, wo in Oper und Konzert der Hauptakzent auf dem Lukullischen lag, es nur als Mittel für einen höheren Zweck dulden mochten. Die Kultursoziologie kann heute angeben, welche Arten ästhetischen Verhaltens ("alltagsästhetische Schemata") in welchen sozial-kulturellen Milieus üblich sind. Anders gesagt: wer denn an welchen Kunstformen Genuss finden kann, wer den Umgang mit klassischer Musik sucht, wen wir im Museum antreffen können, wer den Arztroman liest, wer zum Rockfestival reist und wer ins Theater geht.

Allerdings sind Aussagen über "den Deutschen" noch schwer möglich. Es gibt keine einheitliche Kulturstatistik für die Bundesrepublik, die man auswerten könnte und es finden sich erstaunlich wenige (und dann auch nur punktuell ansetzende) Untersuchungen zum Publikum der künstlerischen Angebote. Doch sie weisen ähnliche Tendenzen aus, so dass durchaus sichtbar wird, was die erlebnisfreudigen Deutschen ins Museum, in den Konzertsaal, zu Festivals oder ins Theater zieht und was sie dort genießen.


Die deutsche "Kulturlandschaft" ist ohne Beispiel

Vom Theater in allen seinen Sparten – das Konzert eingeschlossen - wäre zuerst zu reden, weil für diese Kunstform bei den Deutschen der größte Aufwand getrieben wird. Sie leisten sich beinahe so viele Theater wie der ganze Rest der Welt zusammen. Die Statistik weist (für die Spielzeit 2000/2001) 150 öffentlich getragene Theaterunternehmen (mit 728 Spielstätten) aus, die gut 20 Millionen Besucher hatten und je Besuch in Durchschnitt 91,30 EUR "Betriebszuschuss" erhielten. (Diese und andere Angaben nach: Kulturstatistik 2003, Kulturfinanzbericht 2003, Theaterstatistik Deutscher Bühnenverein 2002)

Diese Zuwendung ist beträchtlich, gemessen an anderen Haushaltstiteln der Länder und Städte freilich kaum erwähnenswert. Doch die Kassen sind leer, die Spielräume gering und damit die Neigung immer größer, bei den Kunstinstituten zu kürzen. Um das abzuwenden, kam eine (selbstverständlich deutsche) Politikerin sogar auf den Gedanken, diese einmalige deutschsprachige Theaterlandschaft ganz und gar durch die UNESCO zum Weltkulturerbe erklären zu lassen. Zumindest eine Großmacht könnte dem zustimmen, ist doch der bei den Deutschen mit Abstand populärste Bühnenautor ein Engländer. "Romeo und Julia" und "Hamlet" führten mit 179 300 beziehungsweise 127 262 Besuchern die vom Deutschen Bühnenverein veröffentlichte Liste der Top-Ten der Saison 2000/2001 an. Im Opernbetrieb siegte völlig unangefochten ein deutschsprachiger Komponist mit 271 221 Besuchern seiner "Zauberflöte" und 148 734 verkauften Karten für "Figaros Hochzeit". Auch nach der Zahl der Aufführungen lag er mit der Zauberflöte an der Spitze (437), gefolgt von einem Preußen, dessen „Zerbrochener Krug“ auf 402 Vorstellungen kam. Diese Rekordzahlen deuten auf die anhaltende Liebe zum Vertrauten und Bewährten. Doch sie können uns auch täuschen, weil eine solche Hit-Parade verdeckt, dass viele Theater mit neuen Stücken über die Lebensweise junger Leute besonderen Erfolg haben. Ihre häufig noch kaum bekannten Autoren stehen als Gruppe im Publikumsinteresse gewiss weit vor Shakespeare. Ähnlich wird verdeckt, dass sich das zeitgenössische Musiktheater immer mehr als hermetische Kunstwelt versteht und auch unter den Kunstliebhabern nur noch wenige entschlüsseln können, was da gespielt wird. Von "aktiver Zuhörkunst" als Fähigkeit Musik zu genießen, ist dort längst nicht mehr die Rede.

Ein einzigartiges kulturelles Angebot sind auch die knapp 5000 öffentlich betriebenen deutschen Museen (103 Millionen Besucher 2001), darunter sind 497 ausdrücklich den Künsten gewidmet. Die belegen nach den volks- und heimatkundlichen Museen mit 16 Millionen Besuchern den zweiten Platz, auch hier mit leicht steigender Tendenz. Doch während die meisten Theater ein örtliches und regionales Publikum haben, spielt für die Kunstmuseen der überregionale Tourismus eine beträchtliche Rolle. Sie gehören zu den Anziehungspunkten von Urlaubsreisen und ihre großen Ausstellungen sind Kunstfreunden oft selbst eine Reise wert.

Mit ihren Orchestern liegen die Deutschen inzwischen gleichfalls ganz vorn, 130 "Theater- und Kulturorchester" weist die jüngste Kulturstatistik aus, 4686 Konzerte gaben sie in der Saison 200/2001. Führend hier Nordrhein-Westfalen, das sich 20 Orchester leistet und in der Zahl der Konzertbesucher (147.000) ganz knapp vor Sachsen und Baden-Württemberg liegt. "Ruhrgebiet ist Kulturgebiet": Essen, Gelsenkirchen, Bochum, Duisburg, Düsseldorf und Dortmund haben eigene Sinfonieorchester und Konzertsäle, teils gerade erst glanzvoll erneuert (Essen) oder kurz vor Sanierung oder Neubau. Hier profitieren die Kunstgenießer vom prestigeorientierten Konkurrenzverhalten der Stadtregierungen, unterstützt von Kulturpolitikern, die darin ein Symbol für die gelungene Transformation der Industrieregion in eine Kulturlandschaft sehen und darauf hoffen, dass das klassische Konzert auch weiterhin sein Publikum findet.

Möglich ist diese kulturelle Opulenz nur, weil dies alles die "öffentliche Hand" fördert: Theater und Orchester verbrauchen den größeren Teil des Kulturbudgets der Länder wie der theaterbesitzenden Kommunen. Laut Kulturfinanzbericht (der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder vom Mai 2004) wurden 2001 für Theater und Musik insgesamt mehr als 3 Milliarden Euro ausgegeben (37 % aller Kulturausgaben), für Museen, Sammlungen und Ausstellungen fast 1,4 Milliarden Euro (gut 17% der Gesamtausgaben). Für klassische Konzerte, Opernhäuser und Sprechtheater werden jährlich um die 35 Millionen Eintrittskarten verkauft (und subventioniert).

"Aufwand" meint aber auch das, was aus der eigenen Tasche zu bezahlen ist. Das sind beileibe nicht nur die Billetts, denn der Theater- und Konzertbesuch ist ein recht komplexer Genuss. Er macht seinen Liebhabern schon vorweg Umstände, die offensichtlich als fester Brauch und Vorfreude Teil des Vergnügens sind: angemessene Kleidung, Theatertasche, Friseur, Verabredungen, Reservierung im Restaurant. Echte Theaterenthusiasten unternehmen wegen einer bestimmten Inszenierung lange Reisen, vertiefen sich vorher in die Opernpartitur - anderen genügt der Blick in den Opernführer.

Daneben bildete sich in den letzten Jahrzehnten eine andere Art von komplexem Kunstgenuss aus. Aus den kleineren Städten steuern die Touristenbusse die Musical-Theater in Stuttgart, Berlin und Hamburg an, hier bilden Hafenrundfahrt, "Cats" und die Reeperbahn ein vielschichtiges geselliges Vergnügen. Strittig ist, ob der Anlass solcher Reisen, das Musical von Andrew Lloyd Webber oder ein Boulevardstück, tatsächlich zur Theaterkunst zu rechnen wären. Denn hier will der Veranstalter ja ausdrücklich Profit machen, während das "richtige" Theater im Durchschnitt nur 16 Prozent seiner Kosten selbst einspielen kann, dafür aber einen „kulturpolitischen Auftrag“ erfüllt (und sich darum besser nicht als Genussmittel anpreist). Solche Abgrenzung ist auf den ersten Blick plausibel, denn sie soll die Grenze markieren zwischen dem, was der öffentlichen Förderung wert ist und dem, was sich selbst rechnen muß (obwohl auch privat betriebene Kunstunternehmen etwas aus den "Fördertöpfen" von Ländern und Kommunen erhalten, man denke nur an das Tempodrom in Berlin).

Darum müssen Staat und Kommunen wissen, was Kunst ist (gesagt wird meistens: Kultur). "Kunst hat für das Subjekt entwickelnden Charakter, Unterhaltung dagegen ist Bestätigung". Sie "eliminiert aus dem ästhetischen Material die widersprechenden Momente; dem Konsumenten soll 'keinen Augenblick die Ahnung von der Möglichkeit des Widerstands' (Max Horkheimer 1947) gegeben werden", (Chup Friemert 1990), soll falsches Einverständnis mit der Welt bewirken. Eine solche Gegenüberstellung wird unserem Umgang mit unterschiedlichen Kunst-, Unterhaltungs- und Genussangeboten schon deshalb nicht gerecht, weil es den sozialen Hintergrund der ästhetischen Normen eines nach kulturellen Milieus differenzierten Publikums nicht berücksichtigt und gar nicht untersucht, was die verschiedenen Kunstgenießer alles so mit den Künsten erleben. Da wäre über die unterschiedlichen Wirkungen erst noch zu diskutieren, die ein rundum gelungenes, weil phantastisch gespieltes klassisches Konzert und ein Frauen-Power-Clip der aggressiven Pop-Lady Pink auf uns haben. Was könnte affirmativer sein, als sinnliche und emotionale Wiedererkennungserlebnisse, als bewunderungswürdige Virtuosität und der Genuss beseligenden Wohlklangs?

Die Musical-Touristen stört das alles wenig, sie folgen der Werbung und erfreuen sich am ganzen Programm. Sie wissen nichts davon, dass "legitimer ästhetischer Genuss ... nur besonders qualifizierten Geistern an besonders qualifizierten Gegenständen möglich" sei. (Kaspar Maase 2004) Die privaten Bühnen hatten 2000/2001 über 11 Millionen Besucher (Tendenz steigend). Dies färbt auf die ernsthafteren Kunstfreunde ab. Auch sie entscheiden sich zunehmend nach Vorliebe und Interesse und immer weniger nach bildungsbürgerlicher Konvention. Auch dies ist an der Statistik des Deutschen Bühnenvereins ablesbar. Danach blieb die jährliche Besucherzahl der Musiktheater zwischen 1991/92 und 2001/02 zwar fast konstant (7,5 zu 7,2 Millionen), doch die Oper verlor 7 % ihrer Besucher, die Operette gar 24 %, während das Musical um 25 % zulegte. Solche Verschiebungen in der Publikumsgunst haben mehrere Ursachen und einige betreffen nicht nur Theater und Konzert.


Was wissen wir über das Publikum?

Bei den deutschen Museen gibt es lange schon eine "Besucherforschung", die viele Methoden (detaillierte Statistik, Interviews, Verhaltensbeobachtung usw.) entwickelt hat, das Publikum zu verstehen. ("Museen und ihre Besucher") So wurde ermittelt, dass die 15- bis 30-Jährigen überproportional vertreten sind, die Besucher über ein überdurchschnittlich hohes Bildungsniveau verfügen und die Museen eigentlich von den Ferntouristen leben. Inzwischen aber ging der Anteil der jungen Leute zurück und die "Seniorenquote" stieg kräftig an - über die Ursachen wird noch diskutiert. Werden mit geringeren Schülerzahlen auch die Gruppen kleiner, die mit der Lehrerin zur Documenta nach Kassel fahren oder wird hier das einst gewonnene Stammpublikum älter? (Annette Noschka Roos 2003) Allerdings ist zu beachten, dass in diesen Forschungen die bildungsorientierten Historker den Ton angeben, weil die Kunstmuseen nur ein kleines Segment der Museumslandschaft bilden. So ist über die Motive des Kunstinteressierten hier wenig zu erfahren.

Ganz ähnlich steht es mit der Aufmerksamkeit der Theater für ihr Publikum. "Der Theaterbesucher ist, sieht man von seinem Alter und Geschlecht einmal ab, ein den Theatern unbekanntes Wesen; die einzigen Gruppen, in die das Publikum üblicherweise unterteilt wird, sind Jugendliche, Abonnenten und 'freie Besucher'; alle weiteren Differenzierungen beruhen mehr oder minder auf Spekulation; wo und wie sich der theaterinteressierte Bürger informiert und welches letztlich seine Entscheidungskriterien für oder wider einen Besuch sind, entzieht sich der Kenntnis der Theater." (Armin Klein 2004)

Hier spitzt Armin Klein etwas zu, denn der Ludwigsburger Professor für Kulturmanagement gibt selbst viele Hinweise auf die Besuchermentalität, die sich auf diverse Teiluntersuchungen gründen können. Auch an Theatern begann die partielle Zuschauerforschung schon vor vielen Jahren und löste immer wieder Debatten aus. Als in den frühen siebziger Jahren Studierende für die Volksbühne und das Deutsche Theater in Berlin umfangreiche Zuschauerbefragungen durchführten, waren die Interviewer ebenso wie die Theaterleute und die Kulturpolitiker überrascht, als sie auf die ermittelte Rangordnung der Motive für den Theaterbesuch blickten. Alle Anstrengungen des Theaters - Stück, Regie, Ausstattung - waren für das befragte Publikum nicht so wichtig wie die Gelegenheit, "schön zurechtgemacht" mit vertrauten Menschen ausgehen zu können und an einem repräsentativen Ort auf andere festlich gekleidete Menschen zu stoßen. Auch die Geselligkeit danach wurde erwähnt ("schön Essen gehen", eine Flasche Wein trinken). Wichtig war es auch, die Schauspieler einmal leibhaftig zu sehen, die man vom Kino und vor allem vom Fernsehen her kannte. Das Befragungsergebnis konnte bei einem Publikum nicht anders ausfallen, das seine Theaterkarten mehrheitlich über ein Abonnement erhielt und nur durch Tausch mit Freunden oder Kollegen einen Einfluss auf Stück und Termin hatte. Selbstverständlich äußerten sich die Befragten auch zu den Stücken und den Vorstellungen kritisch oder anerkennend. Auch das Angebot des Theateranrechts wurde bewertet (zu wenig Musiktheater, zu wenig Komödien), aber die starke Gewichtung der vielen anderen Komponenten, die das Vergnügen am Theaterabend (wie übrigens auch am Konzertbesuch) ausmachen, zwang damals zum Überdenken des Angebots.


Was will die nachwachsende Generation?

Wovon hängt es heute (und in Zukunft) ab, ob „Erlebnisgenießer“ ein Kunst-Event buchen? Die Grundkonstellation dürfte sich in den letzten dreißig Jahren nicht geändert haben, entscheidend ist nach wie vor, ob man seine Kindheit und frühe Jugend in einem "kulturell anregungsreichen Milieu" (Dieter Kramer) verbrachte und dabei gelernt hat, welches Vergnügen diese Kunstformen bereiten und dass sie mit einiger Selbstverständlichkeit zur eigenen Lebenswelt gehören. Wer heute zu den Kunst-Genießern gehört, hat diese Gabe meist seiner Herkunftsfamilie und womöglich auch seiner Schule zu verdanken.

Unter den aktuell wirksamen Einflussfaktoren müsste an erster Stelle die Werbung in allen ihren Formen zu nennen sein. Sie geht heute nicht nur von der expandierenden Kulturwirtschaft aus. Auch die konkurrierenden Städte preisen ihre Kunsteinrichtungen als "Standortfaktoren" an und wetteifern darin, den Tourismus durch künstlerische Events aller Art zu beleben. Ein Festival folgt dem anderen, kaum ein Ort von Belang ohne Kultursommer, Schlossfestspiele und Kunstbiennale. 1991 hatte die Frankfurter Kunsthalle Schirn großen Erfolg damit, abends, wenn die Freizeit beginnt, ihre Türen zu öffnen und den Theatern wie den Bars mit einem attraktiven Kunst-Event Konkurrenz zu machen. Für 2002 registrierte der Deutsche Museumsbund mehr als 100 verschiedene Museumsnächte, am spektakulärsten die halbjährlich stattfindende "Lange Nacht der Museen" in Berlin, die Zehntausende anlockt und mit der versucht wird, vor allem junge Besucher diese Events zu treuen Anhängern zu machen. Umgekehrt werben auch die Theater, Orchester und Museen mit "komplexen" Genuss-Angeboten von Kunst, Ambiente und Verköstigungen. Typisch dafür ist eine aktuelle Zeitungsnotiz aus Osnabrück (Neue OZ 15. 04.04): "Das Euregio Musikfestival vereint in diesem Jahr zum ersten Mal Ess- und Kunstgenuss in Form der 'Opera Culinaria'". Das gab es im kommerziellen Kulturbetrieb bereits (viel) früher, nun zieht die "hohe Kunst" nach. Vielleicht noch mit Bedenken: Da gab es am 24. April in Osnabrück ein Streichquartett von Schostakowitsch von vier Saxophonen geblasen in der Kombination mit einem Fünf-Gänge-Menü. Das klingt etwas kurios und lässt vermuten, dass sie es in Osnabrück noch nicht wagen. ein "richtiges" Streichquartett zum Menü aufspielen zu lassen. Es wäre erst noch zu erproben, wer alles daran Genuss fände, wenn die Berliner Philharmoniker eine Mahler-Sinfonie beim Brunch "zu Gehör" brächten.

Auch die Kunstinstitute selbst entwickeln neue Marketingstrategien um Publikum anzulocken. Hohe Besucherzahlen sollen ihren Anspruch auf öffentliche Mittel bekräftigen. Zugleich wollen sie zeigen, wie intensiv sie selbst dabei sind, Mittel zu erwirtschaften. Beispielhaft hat das die Ausstellung von Kunstobjekten aus dem New Yorker Museum of Modern Art durch die Neuen Nationalgalerie in Berlin gezeigt. Hier geriet die Werbekampagne beinahe größer als das Kunstereignis und wurde zum „Selbstläufer“. Möglich wurde das, weil die Art der ausgestellten Kunstwerke den potenziellen Besuchern aller gebildeten Schichten und Milieus geläufig ist, was neu zu entdecken war, bestand in Varianten des Vertrauten. Einem Massenauftrieb standen also keine ästhetischen Barrieren entgegen. So war nur die Einmaligkeit der Gelegenheit massenmedial zu suggerieren und die erreichte Rekordmarke möglichst täglich zu verkünden. Hier wurde auf die Freude am Wettstreit, auf Reiselust und Gefallen am öffentlichen Auftritt gesetzt. Dazu kam die Anziehungskraft der Aura von Objekten, die von den Reproduktionen, Postkarten, Schulbüchern und Kunstkalendern her vertraut sind. Die Gelegenheit, an einem einmaligen Ereignis mitzuwirken, hatte sich schon bei Christos Reichstagsverhüllung als Magnet erwiesen. Erst dieser Mix machte hier den Genuss aus und sicherte damit den "Freunden der Nationalgalerie" den kommerziellen Erfolg, den die Versicherungen wie die Manager des MoMa zur Bedingung gemacht hatten. Der bedrängte Berliner Finanzsenator ist hocherfreut über diesen Nachweis, dass Genuss von Hochkultur sich durchaus selbst tragen kann, während dem bürgerlichen Puristen dies Gewicht eines wenig dezenten Marketings nicht ganz geheuer sein kann.

Jüngere Leute haben damit keine Probleme. Und gerade an ihnen kann vielleicht abgelesen werden, wie sich das Publikumsinteresse in Folge übergreifender mentaler Wandlungen langsam verschiebt, die Schulze als Übergang in die Erlebnisgesellschaft beschrieb und als Subjektivierung, als zunehmende Selbstmanipulation auch kritisch beurteilte. So verflüchtigt sich mit jedem neu ins Kulturleben tretenden Jahrgang etwas mehr vom bildungsbürgerlichen Respekt vor dem Museum als Tempel und dem Theater als moralischer Anstalt. So geht auch die in Bildungshaushalten von Kind an eingeübte Andachtsbereitschaft zurück und damit schwindet auch die geduldige Treue. Die Älteren nehmen zwar Publikumsbeschimpfung noch (genussvoll!) hin, bei Publikumsverarschung aber bleiben auch sie weg. Die Jüngeren dagegen amüsieren sich mit Schlingensief, gehen zu Casdorf und wählen nach tendenziell immer spezielleren Kriterien aus. Darum gehen die Abonnements und die Besucherorganisationen stark zurück. Die "Kennerschaft wird immer spezifischer" sagt uns Stefan Bachmann, Schauspielchef in Basel. (Gerhard Jörder 2001) Und die Theater mühen sich erfolgreich, ihren musealen Bildungscharakter loszuwerden, indem sie auf aktuelle Themen, moderne Texte und ungewöhnliche Kunstmittel setzen. Die freien Theatergruppen sind ihnen da voraus und haben darum vor allem junges Publikum. (Untersuchungen Hamburg und Zürich)

Allerdings haben wir auch zu bedenken, dass die deutsche Gesellschaft schrumpft und der Anteil der jungen Leute, die als nachwachsendes Publikum in Frage kommen, recht schnell kleiner wird. Das bringt die Genuss-Anbieter im Feld der hohen Künste schon heute in Schwierigkeiten - nicht nur Schulen werden in geschlossen, auch die Kinder- und Jugendtheater verlieren an Publikum. Will man die nähere Zukunft dieser "Genuss-Anbieter" abschätzen, darf man selbstverständlich nicht nur den demographischen Einbruch kalkulieren, obwohl er ja auch eine der Ursachen für die Finanznot derer ist, die heute diesen Teil des Kulturbetriebs sichern und geneigt sind, diese Verpflichtungen zu reduzieren. Weiter zu bedenken, dass unter den neue hinzugekommenen Kommunikations- und Aneignungsformen auch solche sind, die für den kunstorientierten Erlebnis-Genießer interessant sind - sein Zeitbudget sich aber nicht groß ändert. Wenn ich alle großen Museen der Welt via Internet besuchen kann, ersetzt das beileibe nicht den Genuss, den die Originale an einem symbolisch aufgeladenen Ort bieten können, doch es verändert wahrscheinlich mein Verhältnis zu den Künsten. Mit Sicherheit hat es Einfluss auf meinen Zeitplan.

Von Gewicht dürfte es auch sein, ob die hier zu erfahrenden Genüsse weiter beliebt sind und immer wieder nachgefragt werden. Weil unser Verhalten von vielen Faktoren abhängt, ist das schwer zu prognostizieren. Auch müsste dafür mehr darüber bekannt sein, was an diesen Kunstformen wem Genuss bereitet.


Warum bereiten uns öffentliche Kunsterlebnisse Genuss?

Zunächst selbstverständlich sind es die Kunstwerke, ihre Inszenierungen, die Interpreten, die wir auf uns wirken lassen. Vieles davon ist uns, oft sogar in weit besserer Qualität, auch zu Hause, medial vermittelt verfügbar. Selbst am "Eröffnungs-Zauber" der Philharmonie Essen im Alfried Krupp Saal (1900 Plätze, geschlossene Veranstaltung, Soltesz dirigierte Bach, Mozart und Richard Strauss) hätten wir mit dem Fernseher teilnehmen können. Doch gehen wir hin, können wir das Produzieren und die Produzenten als Selbstdarsteller unmittelbar erleben. Um zu verstehen, was uns an dieser öffentlichen Herstellung von Kunstwerken so fasziniert, müssten mindestens Rezeptionsästhetik, Kunstpsychologie, Kulturgeschichte und Kultursoziologie bemüht werden. Doch auch ohne solche Vertiefung kann festgehalten werden, dass der Konzert- und Theaterbesuch eine Art weltlicher Kirchgang ist, ein gemeinsam zelebrierter Genuss, das klassische Konzert kann dabei als das höchste aller (deutschen) Kulturrituale gelten. Öffentlicher Kunstgenuss ist immer ein mehr oder weniger exklusives Ereignis, das nur stattfindet, wenn wir mit Gleichgesinnten aus verwandten kulturellen Milieus an einem speziellen Ort zusammentreffen und auf Zeit nach den tradierten Regeln mitspielen. Darum noch einige Anmerkungen zu Ort und Zeit.

Für ein Zusammentreffen "verwandter Seelen" mit ähnlichen Genuss-Erwartungen bieten Theater, Konzertsaal und auch das Museum ein festes Ritual in entsprechend ausgestatteten Räumen. Darum ist "das Theater immer noch der Ort, an dem die Leute am heftigsten reagieren, wenn sie Sachen sehen oder hören, die gegen einen bestimmten Codex verstoßen ..." (Regisseur Falk Richter 2001). Darum ist gerade das Theater trotz aller medialen Konkurrenz immer noch das Medium der ästhetisch artifiziellen Formen, große Metaphern und Symbole. Dies auch, weil hier die Akteure leibhaftig anwesend sind und man sie von Kopf bis Fuß sieht - wie man sich dort auch selber sieht und fühlt.

Allerdings immer in der Totale des Bühnenraums. Darum muss auf der Bühne jede kleine Gebärde, jedes Minenspiel und jedes Flüstern und zarte lyrische Tremolo so ausgestellt werden, dass es vom zweiten Rang noch wahrgenommen wird. Vielleicht haben diese permanenten gestischen Übertreibungen heute einen besonderen Reiz, da das Interesse an der körperlichen Selbstdarstellung wie an der Entschlüsselung der Codes fremder Körpersprachen so deutlich zugenommen haben. Die starke Faszination, die das Tanztheater gerade auf jugendliches Publikum ausübt, scheint das zu bestätigen. Ballett und Tanztheater haben in den letzten Jahren deutlich steigende Besucherzahlen.

Genießen hat Zeitsouveränität zur Voraussetzung. Theater und Konzert haben eine andere Zeitordnung als unser Alltag und die Medienkünste. Sie verlangen von uns recht großen Zeitaufwand und lassen sich selbst mehr Zeit als Film und Fernsehen das können und wollen. Nicht jedermann genießt es, sich dieser Zeit-Opulenz zu unterwerfen (und hört einen schmissigen vierten Beethovensatz lieber von "Klassik-Radio" während der Autofahrt ins Büro).

Auch die Ausstellungsbesucher genießen den Zeit-Bruch und geraten mit ihm in Schwierigkeiten. Die Museen und Galerien laden dazu ein, uns jenseits hektischen Getriebes die Mußezeit zu nehmen, eine Ausstellungskomposition auf uns wirken zu lassen, uns in einzelne Werke zu versenken, Vergleiche anzustellen, im Katalog nachzulesen. Doch hier haben wir mehr Entscheidungsfreiheit als in der Oper, wo wir - selbst wenn die Inszenierung miserabel ist, uns Hustenreiz quält und der Sitz drückt - mindestens bis zur Pause durchhalten müssen. Auf dem Kunstmarmor der städtischen Sammlung werden die Füße schneller müde als gedacht und wir erinnern uns bald an die psychologische Untersuchung nach der jeder ernsthafte Bilder-Betrachter nach 20-30 Minuten so gesättigt ist, dass er keine weiteren optischen Informationen mehr aufnehmen kann. So beschließen wir für den Rest einen orientierenden Schnelldurchlauf und der gewohnte Zeitrhythmus hat uns wieder. Zum Glück haben sich die meisten Museen inzwischen auf uns eingestellt und präsentieren Mammutshows nur noch ausnahmsweise.

Zurück ins Theater. Es war ja einst der einzige Ort, an dem Geschichten in bewegten Bildern erzählt werden konnten. Inzwischen gibt es da eine übermächtige mediale Konkurrenz, mit der sich die Mehrheit der Deutschen begnügt. Eine bedeutende Minderheit aber weiß: Dies sind immer noch die Bretter, die die Welt bedeuten. Jenseits des wirklichen Lebens ist dies das einzige Medium, in dem die Welt gedacht werden kann und in dem man sich zugleich selbst fühlen und sehen kann. Hier ist die Kunst das Ganze der Welt und vermag sie uns gegenwärtig zu machen. Claus Peymann (dessen Berliner Ensemble in der Zuschauergunst weit vorn liegt): "Krisenzeiten sind gute Zeiten fürs Theater. Die Menschen suchen Zuflucht an einem Ort, an dem ein Sinn, an dem Antworten zu finden sind.

Und dann ist zu bedenken, dass ein neues Publikum mit anderen Erwartungen nachwächst, Erlebnisgenießer mit einem neuen „Genussprofil“. Überrepräsentiert ist es in der Warteschlange zur MoMa-Ausstellung ebenso zu finden wie im fröhlichen Publikum der langen Museumsnächte. Eine Untersuchung in Rostock (bestätigt durch kleine Studien zur freien Theaterszene) ergab, dass Jugendliche (unter 25 Jahren) in der "Programmspartenpräferenz" deutlich abweichen. Sie interessieren sich zwar wie alle anderen Altersgruppen sehr für Musicals (etwa 57%, in der Befragung war das die Antwort "sehr interessiert") und für Konzerte (etwa 59%), doch mögen sie kaum die Operette (etwa 10%) und die klassische Oper (etwa 12%). Dafür präferieren sie (weit vor allen anderen) das zeitgenössische Schauspiel (etwa 39%) und das Tanztheater (etwa 36% "sehr interessiert"); auch für die zeitgenössische Oper interessieren sie sich überdurchschnittlich.

Diese Bekundungen können als Hinweise auf künftiges Genussverhalten genommen werden. Wenn wir vom Bühnenverein weiter erfahren, dass neben der Vermehrung der Konzertbesuche um 20 Prozent auch die Kinder- und Jugendtheater ihre Besucherzahlen übers Jahrzehnt um 12 Prozent steigern konnten, kann zulässig vermutet werden, dass Theater, Museen und Konzertsäle auch in der näheren Zukunft noch zu den Orten zählen werden, die viele deutsche "Erlebnisgenießer" anziehen.