KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 2/2004
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Siegfried Lokatis
Im Reiche Baron Hagers oder Wie modern war die Buchzensur in der DDR?
Allein die Modernität ihrer Zensur qualifiziert eine Diktatur als „modern“. Es war die Kraft der Zensur, die der Sowjetunion erlaubte, gleichzeitig den GULAG auszublenden, den Sputnik-Mythos zu entfalten und die Überlegenheit zentraler Planwirtschaft zu suggerieren. So täuschte sie trotz Glasnost bis 1989 westliche Historiker und Soziologen, von denen kaum einer die Auflösung des sowjetischen Imperiums voraussagen konnte. Zensur verschaffte dem rumänischen Diktator Nicolae Ceaucescu eine liberal-demokratische Aura, verhalf Saddam Husain dazu, einen verlorenen Krieg zu überstehen und erlaubte den serbischen Kriegsfürsten, das Urteil der Weltöffentlichkeit zu überspielen.

Zensur ist, auch wo die Verfassung es anders vorsieht, schon im Hinblick auf Jugendschutz und die Bekämpfung von Kinderpornographie durchaus der Normalfall. Kein Filmproduzent und kein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender, weder das ***Institut noch Sabine*** kommen ohne mehr oder weniger geschickt ausgeübte Methoden der Zensur aus, die man, wie in der DDR, meistens als „redaktionelle Verantwortlichkeit“ bezeichnet[Anm. d. Red.: Damit der Name des Instituts bzw. der Nachname von Sabine nicht von der Sache ablenken, um die es dem Autor geht, wurden sie durch drei Sternchen ersetzt.]. Es lohnt sich immer, nach ihren Spuren zu suchen. Wie viele Hollywood-Filme wurden – wie die erste Fassung von „Casablanca“ in der Bundesrepublik Deutschland – geschnitten und falsch synchronisiert, um aus Nazi-Gangstern Kommunisten zu machen? Wie viele Sprachregelungen wird jeder vorsichtige Lektor und Redakteur von sich aus beachten, wenn es um die Interpretation des Holocausts oder den politisch korrekten Schutz von Minderheiten, um die Reputation wissenschaftlicher Institute, großer Banken und Verlagskonzerne geht?

Wenn man sich im Iran wie in China, in Berlin wie in München mit unterschiedlichem Glück an der Kontrolle des Internets und des Satellitenfernsehens versucht, handelt es sich zweifellos um ein, was immer darunter zu verstehen sei, irgendwie modernes, wenn nicht gar postmodernes oder nachpostmodernes Phänomen. Dass es sich auch bei der Buchzensur um eine moderne Angelegenheit handeln kann, liegt im Gegensatz dazu keineswegs auf der Hand. Die Prozeduren wissenschaftlicher Textkontrolle und Selektion beispielsweise verlaufen, wenn es um Druck- und Übersetzungskosten geht, allzu oft langwierig wie im Mittelalter.

So assoziieren wir beim Thema Buchzensur nicht wie bei anderen Massenmedien die neueren Formen der Informationskontrolle, sondern Index und Inquisition, Bücherverbrennung und Ecos mordenden Klosterbibliothekar. Bekanntlich hat die Buchzensur eine lange, bis zu Jan Assmanns alten Ägyptern zurückreichende Vorgeschichte. Der Kampf um die Gestalt kanonischer Texte, ihre Abschrift, Übersetzung, Interpretation und Verbreitung prägt seit zweitausend Jahren die europäische Kirchengeschichte. Die Vernichtung einer ketzerischen Handschrift oder der Bibliothek von Alexandria war seinerzeit hocheffektiv, zumal das Pergament für ein Buch den Gegenwert von acht Bauernhöfen kosten konnte. Ganze philosophische Schulen und theologische Strömungen, von denen kaum mehr als der Name erhalten ist, wurden auf diese Weise ausgerottet. Die Methoden wurden im Wandel der Zeiten nicht notwendigerweise effektiver: Es wirkte im 16. Jahrhundert durchaus abschreckend, wenn ein unorthodoxer Bischof am Pranger sein ketzerisches Buch aufessen musste. Die Bücherverbrennung von 1933 machte hingegen die betroffenen Autoren so weltbekannt wie die Morddrohungen Salman Rushdie. Bei 451 Grad Fahrenheit lernt man die Bücher auswendig. Diskreter und ökonomischer ist die Methode, Bücher einzustampfen.

Die Buchzensur gilt seit Metternich als das klassische Instrument der Restauration und ideologischen Konservierung. Wer etwas Neues und Abweichendes schrieb, bekam sie als Hemmung zu spüren. Auch die DDR-Zensur galt bisher keineswegs als in irgendeiner Hinsicht modern. Schriftsteller wie Günther de Bruyn und Christa Wolf erlaubten sich hin und wieder den Spaß, ihre Zensoren mit jenen der Restauration nach 1815 in Beziehung zu setzen. Kurioserweise hieß Metternichs Oberzensor, Baron Hager, wie der Chefideologe der SED. Klaus Schlesinger hätte eine „staatlich sanktionierte Zensur mit weißen Stellen in Büchern und dem Namen des Zensors im Impressum“, verglichen mit dem Zustand in der DDR, sogar als Fortschritt empfunden, und Stefan Heym karikierte treffsicher die Zensur seines Landes, indem er Ulbrichts „Heilige Schrift“, die achtbändige „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“, als Salomons „König David Bericht“ verspottete. Man muss den Kontext solcher Kritik, ihre Camouflage-Funktion berücksichtigen. Natürlich ist es für den Autor von taktischem Interesse, ob der Gegner noch Keule und Dolch bevorzugt oder Zeitzünderbomben und Minenfelder gelegt hat. Doch vorsichtig formuliert stand für den Autor eines ausgemusterten Manuskriptes die Frage nach der Modernität der Zensur kaum im Vordergrund.

Der Spott der Autoren war keineswegs unbegründet. Hinter zensurpolitischen Willkürmaßnahmen verbargen sich oft nicht mehr als tantenhafte Prüderie und banausischer Dilettantismus. Zensurakten erweisen sich in dieser Beziehung als unerschöpfliches Füllhorn grotesker Geschichten, wenn etwa ein Gutachten zum Satyricon „die fortschrittlich entschiedene Fixierung des prinzipiellen Dekadenzcharakters“ des Petronius und die Umkleidung der „antikischen Freiheitlichkeit des homosexuell-päderastischen Begehrens nach vollem und weidlichem Vollzug des coitus‘ in die sinngleiche, aber im Wort nicht reizzündende Formel nach ,Erfüllung der letzten Wünsche‘“ als „entwicklungsentsprechende ... Bereinigung des für unsere fortgeschrittene Humanität prononziert Pornographischen“ begrüßte.

Auch wies das Zensursystem der DDR eine ganze Reihe feudaler Züge auf. Privilegienwirtschaft und Mäzenatentum blühten. Führende Funktionäre unterstützten „ihren“ Verlag mit Papier und ermöglichten gelegentlich auch politisch missliebigen Autoren den Druck ihrer Werke. In dieser Hinsicht waren die berüchtigten verlegerischen Ambitionen des MfS nur ein trauriger Sonderfall. Ein notorischer Mangel an „ideologisch zuverlässig schreibenden Kadern“, Lektoren und Zensoren, eine alle gesellschaftlichen Bereiche, Organisationen, Ministerien und Institute überwuchernde Kulturbürokratie sorgte in einem beneidenswerten Ausmaß für die Vollbeschäftigung der Literaturfreunde und ihrer Verwandten. Es war keineswegs ungewöhnlich, dass ein Schriftsteller selbst als Zensurgutachter arbeitete, seine Frau im Verlag, ein Bruder im Schriftstellerverband, eine Tante beim Rundfunk, ein Vetter im Kulturministerium. Und die DDR war ein kleines Land, in dem jeder jeden kannte. Ohne möglichst hochkarätige Beziehungen konnte der Autor lange auf seine Druckgenehmigung warten. Das Klientelwesen grassierte also wie im Westen, aber deshalb wird niemand das Zensursystem als „modern“ bezeichnen.

1965 befand sich die Fertigstellung der achtbändigen „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ in der Endphase. Walter Ulbricht persönlich zeichnete als Herausgeber. Unter seiner Anleitung hatten über 300 Historiker, organisiert in Arbeitsgruppen, an dieser „Meistererzählung“ der SED mitgearbeitet. Jedes Team bekam einen eigenen „Stilredakteur“ zugewiesen, und als Handbuch zur Schreibhilfe entstand sogar eine spezielle „Stilfibel“. Deshalb wirken die acht Bände trotz der Unzahl von Autoren und Korrektoren wie aus einem Guss geschrieben. Das sogenannte „Geschichtswerk“ galt fortan als Maß aller Dinge, als Quelle historischer Wahrheit. Bis zum Sturz Ulbrichts wurde jedes historiographische Manuskript, aber auch historische Romane und Kinderbücher vom Zensor darauf abgeklopft, ob der Text mit dem „Achtbänder“ übereinstimmte oder nicht. Entsprechend penibel waren die Mechanismen der redaktionellen Textkontrolle bei der Entstehung des „Geschichtswerks“ organisiert. Man kann sagen, es wurde um jeden Satz gerungen. Das Institut für Marxismus-Leninismus sorgte dafür, dass die Erinnerungsberichte der Parteiveteranen und die Quellenstudien zur „örtlichen Arbeiterbewegung“ mit den aktuell gültigen zentralen Dogmen der SED übereinstimmten, vor allem mit der „führenden Rolle“ von Ulbrichts KPD-Zentrale im Widerstand, mit dem 1958 von Ulbricht deklarierten „bürgerlich-demokratischen Charakter der Novemberrevolution“ und mit der „Nationalen Grundkonzeption“. Ganze ZK-Sitzungen waren dem Werk gewidmet, die führenden Geschichtszeitschriften trugen die Diskussion in die Öffentlichkeit und auch Mitglieder des Politbüros opferten ihre kostbare Zeit. Um dem Werk den letzten Segen und unanfechtbare Geltung zu verleihen, wurden alle Passagen, die sowjetische Interessen berühren konnten, in Moskau gegengelesen. Dabei wurde, weil die Termine drängten, folgendes Verfahren angewandt. War ein Kapitel fertig gestellt, fuhr der Leiter des Instituts für Marxismus-Leninismus damit zum Flughafen Schönefeld. Dort wartete ein zuverlässiger Sonderkurier mit seiner Maschine. Wie viel leichter hätten es die Genossen gehabt, wenn sie statt eines Sonderflugzeuges mit FAX oder E-Mail hätten arbeiten können!

An dem Beispiel lässt sich gut ablesen, welche Bedeutung dem geschriebenen Wort zugemessen wurde, welche Mittel man für dessen Kontrolle zu investieren bereit war. In den Zensurakten und Verlagsarchiven finden sich zahllose mehr oder weniger wissenschaftliche Gutachten, Argumentationen, Korrespondenzen und Verhandlungsprotokolle. Relativ selten wurde seit Beginn der sechziger Jahre die willkürliche, „administrative“ Anweisung von oben. Man wird deshalb lange ratlos hin- und hersuchen, inwieweit sich die Zensurpraxis in der Diktatur von westlichen Großverlagen und Fernsehsendern genau unterscheidet. Ein solcher Hauptunterschied dürfte jedenfalls im Primat der Kontrolle liegen, in der Bereitschaft, riesige Zensurlektorate aufzubauen und alle möglichen Aufsichtsinstanzen zwischenzuschalten. Ein politisch brisantes Manuskript konnte, den Staatssicherheitsdienst nicht mitgerechnet, in der DDR vom Fachlektor zum Abteilungsleiter der Zensurbehörde gut zehn Stationen durchwandern, der es dann „nach oben“ ins ZK und Politbüro weiterreichte. Die Verfahren in der Sowjetunion galten übrigens als wesentlich umständlicher, und die Zensoren der DDR setzten ihren Ehrgeiz daran, das Procedere irgendwie abzukürzen.

Dabei ging es in „Gesellschaften sowjetischen Typs“ nicht nur um die Unterdrückung von öffentlicher Kritik, sondern um ein unverzichtbares Steuerungs-mittel, die Verankerung einer alternativlosen Diskursformation. Zensur ermöglichte der Staatspartei, ihre Ideologie zu entfalten, ein paßgerechtes Geschichtsbild durchzusetzen, eine autarke Erziehungspolitik zu treiben und eine breite Mitgliederbasis in ausgerichteter Bewegung zu halten. Zensur verlieh Definitionsmacht über die „politische Linie“. Dass Trotzki und nicht Stalin aus den Büchern verschwand, zeigte der Partei, wo die Macht saß. Später ersetzte man Stalin durch „die sowjetische Führung“. Aber gerade die Absurdität solcher rituellen Hinrichtungen lehrte den Glauben, sie verwies auf den Ort der Macht.

Auf dem Gebiet der Zensur war die DDR nicht nur „modern“, sondern nahm seit Ende der fünfziger Jahre unangefochten die Spitzenstellung ein und definierte das vielbeschworene „Weltniveau“. Die Diktatoren der Welt hatten Anlaß, neidvoll nach Ost-Berlin aufzublicken.

Welches Land wird seine Archive öffnen, um der DDR diesen Ruhm streitig zu machen? Leider wissen wir wenig über die manchmal anscheinend noch aktive Zensur in anderen ehemaligen Ostblockländern. Aber wenn sich eine DDR-Delegation nach Warschau, Prag oder Havanna aufmachte, um die dortigen Methoden der Zensur zu studieren, zuckten die Reisenden über die laxen und undifferenzierten Verfahren nur verächtlich die Schulter. Seit Ende der fünfziger Jahre wurden die Manuskripte aus den „Bruderländern“ in Ost-Berlin deshalb vorsichtshalber noch einmal nachzensiert, auch wenn das hin und wieder zu offiziellen Protesten und diplomatischen Verwicklungen führte.

Um ein naheliegendes Missverständnis auszuschließen: die ideologische Grenzkontrolle richtete sich zwar ursprünglich gegen liberalistische Aufweichungen und so genannte „Tauwetterliteratur“. Sie diente 1958 der Durchsetzung einer „harten Linie“. Zensur konnte sich aber durchaus auch umgekehrt, als Schutzschild der Reformbestrebungen der sechziger Jahre auswirken, um z.B. überholte stalinistische Titel oder Auswirkungen der Kursverhärtung unter Breshnew fernzuhalten. Zensur beschaffte der SED so ein Stück Souveränität und Handlungsspielraum auch dem großen Bruder gegenüber. Sie wirkte als „ideologische Schleuse“ und flexibles Steuerungsinstrument. Zensur war ein Machtmittel, das nicht an einen konkreten Kurs gebunden war, sondern gerade den wichtigsten Hebel darstellte, um einen Kurswechsel durchzuführen und öffentlich sichtbar zu machen.

Die hier postulierte internationale Spitzenstellung der DDR-Zensur gründete nicht so sehr auf ihrer besonderen Rigidität und der Mischung von kommunistischem Lagerdenken, stalinistischer Unbedenklichkeit, preußischer Gründlichkeit und lutherisch-pietistischer Schriftgläubigkeit. Einmalig war vielmehr die Herausforderung, vor die sich die Zensur gestellt sah und die sie zu ständiger Verbesserung, zur Modernisierung der Methoden zwang. Sie sollte die antifaschistische Umerziehung fast der gesamten Bevölkerung literaturpolitisch vorantreiben. Während Länder wie Polen, die CSSR und Ungarn durch die Sprachgrenze vor „ideologischen Viren“ natürlich geschützt waren und sich Toleranz eher leisten konnten, hatte sich der „Klassenfeind“ der DDR im gemeinsamen Sprachraum breitgemacht. Im geteilten Deutschland sah sich sozialistische Literaturpolitik ständiger, breiter Feindeinwirkung ausgesetzt.

Schon früh lernte man jedoch, pragmatisch beide Augen zuzudrücken, wenn es um Deviseneinnahmen ging. So exportierte der Dresdner Verlag der Kunst mittels einer Tarnfirma in den fünfziger Jahren Heiligenbilder nach Polen und Pin-Up Bilder in den Orient. Die Druckereien des vornehmen Akademie-Verlags reservierten ihr Kunstdruckpapier für schwedische Pornos. In bestimmten Verlagen etablierte sich sogar eine Art Zensur unter umgekehrten Vorzeichen, die mit Blick auf den Westexport ideologisch befrachtete Stellen, Friedensparolen und Lenin-Zitate strich.

Ob es um den Import sowjetischer Literatur oder eine effektive Kontrolle von Wandkalendern ging, ob es sich um die Förderung von Kinderbüchern oder die Etablierung effektiver Kontrollmechanismen handelte: auf allen Gebieten läßt sich ein ähnlicher Lern- und Erfahrungsprozeß beobachten. Auch in der DDR war „Zensor“ kein anerkanntes Berufsbild. Man musste erst lernen, welche Bücher man kürzen und welche einstampfen musste, austesten, wann ein kommentierendes Nachwort und eine Auflagenkürzung genügten. Man musste ausprobieren, wann man einen Autor besser totschwieg, gegen ihn eine Kampagne organisierte oder ihn ausreisen ließ, welche Texte zur Begutachtung ins Außenministerium und welche in das gefürchtete Institut für Marxismus-Leninismus gehörten. Jede einzelne „ideologische Panne“, ob es sich um ein überholtes Stalin-Zitat oder ein schlecht retuschiertes Bild handelte, wies auf ein bisher übersehenes Loch im Netz der Überwachung hin, das gestopft werden musste, auf einen unzuverlässigen Lektor oder oberflächlichen Gutachter. Man lernte, dass man Nachwuchsautoren anders zensieren musste als den Heiligen Augustin, daß es bei Texten des „klassischen Erbes“ und „Weltliteratur“ zweckmäßig war, nach Möglichkeit nur das Nachwort zu begutachten, und ansonsten das Schwergewicht der Kontrolle auf die Vorauswahl zu verlagern. So wirkte Zensur als Filter bei der Adaption fremder Literaturen und konstituierte einen ganz eigen-artigen Kosmos von Ideen, Sichtweisen und Traditionen, ein spezifisches und, wie sich inzwischen gezeigt hat, durchaus nachhaltiges „kulturelles Gedächtnis“.

Einen deutlichen Modernisierungsschub signalisierten die 1961 entstandenen „Richtlinien der Zensur“, die die wechselseitigen „Verantwortlichkeiten“ von Lektoren, Verlegern, Gutachtern und Zensoren festlegten. Für jeden Zensurvorgang bedurfte es fortan im Prinzip einer „wissenschaftlichen Konzeption“. In der DDR begann die große Zeit der Kybernetik, und auch das Zensursystem wurde nach organisationstheoretischen Überlegungen umgebaut. Die Verlage diskutierten als Elemente sich selbst steuernder Regelkreise über die Kriterien, nach denen sie zensiert werden wollten. Planungsgemeinschaften entstanden, in denen Verlage, Buchhändler, Ministerien und wissenschaftliche Institute die Produktion festlegten.

Die Zensur beschränkte sich zunehmend auf die Wahrnehmung einer TÜV-Funktion bei der Endabnahme. Diese war freilich nach der Logik des Systems unverzichtbar: Bücher brauchen ihre Zeit. Wenn der Roman fertig war, galt nach aller Wahrscheinlichkeit ein ganz anderer politischer Kurs als zur Zeit der Konzeption des Werkes, neue Sprachregelungen waren in Kraft getreten, bestimmte „führende Genossen“ durfte man nicht mehr zitieren. Auch die skrupellosesten Opportunisten und die gläubigsten Kommunisten waren allein, ohne die Hilfe der Zensur, schlechterdings nicht in der Lage, dem Zickzack der politischen Generallinie zu folgen.

Durch eine ständig verbesserte und zunehmende flexibel gehandhabte Planmethodik sowie durch die Verlagerung der Kontrolle in die Verlage und das Vorfeld der Produktion wurde das gewohnte Verhältnis zwischen Zensor und Autor auf den Kopf gestellt. Vorher funktionierte Zensur idealtypisch im Wortsinn als „Reaktion“. Der Autor schrieb, die Zensur hinkte nach. Nun hinkte die Zensur dem Autor nicht mehr nach, sondern eilte ihm auf dem „Bitterfelder Weg“ voraus und spornte ihn an. Man wies ihn auf bestimmte Themen und ließ ihn auf einer LPG oder in einem Kombinat die dazu nötigen Erfahrungen sammeln. Wenn ein Autor mit seinem Buch nicht rechtzeitig fertig wurde, galt das in den sechziger Jahren als Planungsfehler und schlechte Kontrolle des Verlages.

Auch die Qualität der Gutachten nahm spürbar zu. Man lernte auf nuancierte Weise unterschiedliche Grade von Fiktivität und Faktizität zu entdecken und zu handhaben, wobei auf die Dauer zunehmend die Texte ihr Recht, die Autoren an Autonomie gewannen. Schriftsteller und wissenschaftliche Autoren wirkten zugleich als Gutachter. Autor und Zensor wechselten oft die Rolle. Dass die Zensur verwissenschaftlichte, bedeutete auf der anderen Seite, dass der Umgang mit der Zensur zum alltäglichen Bestandteil wissenschaftlicher Praxis wurde.

Ob es sich um Lenins Werke oder mathematische Formelbücher, um Fachliteratur für Planer und Leiter oder um populärwissenschaftliche Bücher handelte: außerhalb des Zensursystems gab es für Texte, egal welcher Art, schlechterdings keinen Ort. Geistige Produktion vollzog sich im Hinblick auf den unvermeidlichen Kampf um die Publikation. Welches Buch wurde nicht von vornherein mit Blick auf die Zensur verfasst? Wie viele Autoren verbrachten einen Großteil ihrer Überlegungen damit, die Zensur hinters Licht zu führen? Einer der großen Erfolge moderner Literaturpolitik war die Erziehung des Autors zur Selbstzensur. Aber Selbstzensur allein genügte nicht, um ein Manuskript „durchzubringen“. Der Schriftsteller brauchte einen gut informierten Lektor, einen geschickten Gutachter oder einen kunstsinnigen Verleger. Mit bewundernswerter Manövrierkunst wurde auf allen Seiten um die Druckgenehmigung, die Auflagenhöhe, die Papierqualität oder einzelne Textpassagen gerungen.

Auseinandersetzungen um die Publikation von Manuskripten lagen in der Logik des bürokratischen Systems. Die staatliche Druckgenehmigung legitimierte jedes einzelne Buch als politisch erlaubt und gültig. Man konnte sich darauf als Handlungsanweisung berufen. Speziell Bücher aus der Sowjetunion waren in dieser Hinsicht latent noch gefährlicher als Westliteratur, die ohnehin als „feindlich“ galt, und bedurften entsprechender Kontrolle. Aber auch sonst galt jedes erschienene Buch als Präzedenzfall für weitere. Während ein einzelnes Werk eine „ideologische Panne“ bedeuten konnte, definierten zwei Bücher bereits eine „neue Linie“. Umgekehrt verunsicherte jedes Buchverbot die Verlage und engte die Grenzen des öffentlich Mitteilbaren wieder ein. Ideologische Kurswechsel wurden durch spektakuläre Zensurentscheidungen signalisiert, aber auch der Alltag war von permanenten Auseinandersetzungen um das Erscheinen von Büchern geprägt, die hinter den Kulissen, im Vorfeld der Öffentlichkeit geführt wurden.

Das wohl wichtigste Handwerkszeug, das sich ein Zensor aneignen musste, war deshalb das Fingerspitzengefühl für Handlungsspielräume und Einflusschancen. Wenn um Auflagenhöhen, Termine und Änderungsauflagen gestritten wurde, musste der Zensor wissen, welcher formelle und informelle politische Rückhalt dem jeweiligen Autor zur Verfügung stand, ob der CDU-Verlag auf Kosten der NDPD mehr Papier erhalten durfte, ein Nationalpreisträger angesehener war als das Institut für Zeitgeschichte oder ob ein Nachwuchsdichter wo-möglich die rechte Hand Walter Ulbrichts war. Verbot man ein Buch des Kirchenverlags St. Benno, kam womöglich der Bischof zu Besuch. Kürzte man die Papierzuteilung des CDU-Verlags, so protestierte der Parteivorstand, und die Jugendorganisation FDJ war bestrebt, nicht weniger Papier als der Gewerkschaftsverlag zu erhalten. Ein möglichst großes Stück vom Papierkuchen zu erhalten, war wichtig für die Finanzierung und zugleich Prestigefrage. Es gab weder freie Wahlen noch politische Umfragen, so dass – ein merkwürdiges Pendant zum heutigen Einschaltquotenfetischismus – die Auflagenhöhe der Druckerzeugnisse zum wichtigen Indikator für offizielles Ansehen mutierte. Es dauerte einige Jahre, bis sich zwischen der Zensurbehörde und den organisationseigenen Verlagen eine Art Gewohnheitsrecht und Proporzsystem einpendelte, das die unterschiedlichen Einflusschancen der „gesellschaftlichen Kräfte“ widerspiegelte.

Im Grunde war jede einzelne Zensurentscheidung das Resultat eines verborgenen Kräftespiels, von Stellvertretergefechten der „gesellschaftlichen Kräfte“, von Organisationen, Ministerien, Wissenschaftlern und Künstlern. Im Begutachtungsprozess wurden wissenschaftliche, ökonomische, finanzielle, pädagogische, ästhetische und politische Ansprüche ausgehandelt und gegenseitig abgewogen. Zensur funktionierte also nicht nur „administrativ“ von oben nach unten, sondern auch als wechselseitiger Austauschprozess und Politikersatz. Sie wurde dadurch durchlässig für gesellschaftliche Einflüsse. Ihre Kriterien konnten sich bei günstiger politischer Großwetterlage bis zu einem gewissen Grad durchaus an aktuelle ästhetische und wissenschaftliche Strömungen anschmiegen. Hier hing allerdings viel vom Zufall ab. Ein bornierter Abteilungsleiter der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel oder ein überängstlicher Verlagsdirektor konnten ganze wissenschaftliche Disziplinen lahmlegen. Aber auch in der Zensurbehörde gab es aufgeschlossene und natürlich hochbelesene Leute, die mit eigenwilligen Autoren und initiativfreudigen Lektoren gern an einem Strang zogen, um ein „problematisches Buch“ zu retten. Die Entstehung und Durchsetzung einer „kritischen Gegenwartsliteratur“, des „Ole Bienkopp“ Erwin Strittmatters und Christa Wolfs „Christa T.“ wäre ohne Rückendeckung aus der Zensurbehörde undenkbar gewesen. Die Frontlinie verlief nicht immer zwischen Zensur und Autor, sondern spaltete die Zensurbehörde wie den Schriftstellerverband.

So war Zensur ein allgegenwärtiges, das gesamte intellektuelle Leben prägendes, in mancher Hinsicht auch anregendes Phänomen. Sie konstituierte einen unübersichtlichen neuen Kosmos, eine ganz eigenartige Ordnung des Diskurses, die nach systemspezifischen Spielregeln der Informationskontrolle funktionierte, ein Wabensystem mit mehr oder weniger scharf überwachten, auch praktisch zensurfreien Räumen. Doch auch wenn sie tolerant verfuhr, gab die Zensurbehörde ihren Machtanspruch nicht preis, sondern unterwarf jeden Text dem Verfahren. Sogar in der Druckgenehmigungsakte zu Goethes Farbenlehre findet sich der Vermerk „Keine Einwände. Einverstanden.“