KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2004
Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn: Kultur
Michal Reiman
Anmerkungen zur europÀischen Einigung aus tschechischer Sicht
Beitrag auf der Tagung "Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn - wirtschaftliche und kulturelle Aspekte der neuen europÀischen Situation" im Februar 2004
[Beitrag auf der Tagung "Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn - wirtschaftliche und kulturelle Aspekte der neuen europÀischen Situation" im Februar 2004 ]

Als ich der Einladung zu dieser Veranstaltung gefolgt bin, wusste ich nicht, dass sie so sehr auf die deutsch-polnische Vergangenheit und die deutsch-polnischen Beziehungen ausgerichtet sein wird. Ich erwĂ€hne das, weil die Probleme, ĂŒber die ich reden wollte, nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem stehen, was hier bereits besprochen wurde. Ich bin kein Europaforscher. Auch wenn ich mich mit der Politikwissenschaft beschĂ€ftige, bin ich in der Zeitgeschichte zuhause, genau gesagt, in der neuesten Geschichte des osteuropĂ€ischen und mitteleuropĂ€ischen Raumes.

UrsprĂŒnglich beabsichtigte ich, hier einige Erkenntnisse aus der tschechischen Entwicklung darzustellen. Die vorangegangenen VortrĂ€ge und die anschließende Diskussion, sprachen jedoch einen anderen Problemkreis an. Dadurch wurde mein schriftliches Vortragskonzept ĂŒberholt und ich bin gezwungen, hier frei zu sprechen. Ich werde meinen Vortrag auf wenige Punkte beschrĂ€nken, die mich bewegen.

Mein erster Punkt knĂŒpft an einen der gestrigen Vorredner an, der von dem PhĂ€nomen des ostmitteleuropĂ€ischen Nationalismus sprach. Er Ă€ußerte sein Erstaunen darĂŒber, dass die ostmitteleuropĂ€ischen Nationen, die so lange unterdrĂŒckt waren, sich heute nur wenig national artikulieren und oft die politische BĂŒhne weltoffen, quasi anational betreten. Nationale und nationalistische Äusserungen können selbstverstĂ€ndlich sowohl in Polen als auch in der ÈR leicht gefunden werden, sie richten sich vor allem gegen den Russen und Russland. Nicht selten sind sie sogar absichtlich stark betont, weil dadurch verdeutlicht werden soll, dass sich das Land von der vormaligen Hegemonialmacht getrennt hat und fĂŒr die Zukunft mit ihr nichts mehr zu tun haben möchte. Diese Äusserungen wĂŒrden jedoch das Gesamtbild, das von meinem Vorredner gezeichnet wurde, kaum Ă€ndern. Dennoch möchte ich es hier relativieren.

Der Kern der tschechischen Position, und das betrifft die bĂŒrgerliche wie die sozialdemokratische Politik, scheint mir insbesondere das BemĂŒhen zu sein, sich schon zu einem frĂŒhen Zeitpunkt als EuropĂ€er darzustellen. Dadurch sollte ein schnelles und problemloses Eintreten Tschechiens in die NATO und EU begrĂŒndet werden. Die Probleme, die mit diesem Beitritt verbunden sind, wurden jedoch in der Öffentlichkeit nur unzureichend bekannt gemacht oder erörtet. Vor zehn Tagen hörte ich hier in Berlin einen Vortrag des tschechischen MinisterprĂ€sidenten Vladimir Ć pidla. Er sprach zum Thema „Europa“. Es war die Rede von einer großartigen Wertegemeinschaft, die in gemeinsamer europĂ€ischer Zivilisation verankert ist und die bis zum russischen kulturellen Raum reicht. In der EU ist, so Ć pidla, ein hohes Niveau des witschaftlichen und sozialen Lebens erreicht worden und dieser Auftieg wird sich weiter fortsetzen. Die CR als neues Mitglied der EU könne von diesem Niveau stark profitieren. Sie sei mit dem Entwurf der EU-Verfassung im Wesentlichen einverstanden und wolle keine weit reichenden EinwĂ€nde zu ihrem Text (damit waren Polen und Spanien gemeint) unterstĂŒtzen. Unter bestimmten Voraussetzungen ließe man mit sich sogar ĂŒber ein Europa zweier Geschwindigkeiten reden und auch die Aufnahme der TĂŒrkei in EU befĂŒrworten: man verstĂŒnde, wie wichtig es sei, die TĂŒrkei an Europa zu binden statt sie nach Asien abschwimmen zu lassen.

Ich möchte hier kein MissverstĂ€ndnis aufkommen lassen, grundsĂ€tzlich bin ich mit Ć pidla einverstanden: Die europĂ€ische Einigung an sich ist ein großartiges Projekt. Ich gehöre jedoch zu einer Generation, die schon das Scheitern mancher großartigen Projekte miterlebt hat. GegenwĂ€rtig hat die EU mit großen Schwierigkeiten zu kĂ€mpfen, was ihre Zukunft belasten oder gar gefĂ€hrden kann. Diese Schwierigkeiten finden Ausdruck in einem geringen wirtschaftlichen Entwicklungstempo, in sozialen Abstrichen, in nicht behobenen Problemen der Kultur und Wissenschaft sowie in der Bildungs- und Ausbildungspolitik. FĂŒr eine absehbare Zeit wird es darum fĂŒr die EuropĂ€er kaum große Gewinne, sondern vielmehr EinschrĂ€nkungen und Entbehrungen geben. Soll das europĂ€ische Projekt dennoch erfolgreich bleiben, muss die Bevölkerung von diesen Schwierigkeiten voll informiert werden, mit ihnen rechnen und sie bewusst in Kauf nehmen. Dieser Aspekt fehlte nicht nur im Vortrag von Ć pidla, der einen feierlichen Rahmen hatte, es fehlt weitgehend auch in den tschechischen Medien und in der Regierungspolitik. Alle Versuche den EU-Beitritt zu thematisieren werden als „europaskeptisch“ abgelehnt. So verlagert sich die gesamte Problematik der „Schwierigkeiten“, von Äußerungen des PrĂ€sidenten VĂĄclav Klaus und einiger oppositionellen Politiker abgesehen, hauptsĂ€chlich unter die OberflĂ€che.

Ich bin kein AnhĂ€nger der tschechischen Opposition, dennoch bin ich der Meinung, dass diese Einstellung zur EU-Aufnahme von einem Mangel an Selbstvertrauen und Mut zeugt. Damit will ich zum Problem, das ich am Anfang angesprochen habe, zurĂŒckkehren, d.h. zur mangelnden tschechischen nationalen Reaktion. Sie lĂ€sst sich nicht bloß anhand der OpportunitĂ€t der Regierungspolitik erklĂ€ren, sondern nur anhand der gesamten neuesten Geschichte des Landes erlĂ€utern. Dabei ist die mangelnde nationale Reaktion gar nicht „spezifisch“, sie weist viele ZĂŒge auf, die auch in anderen LĂ€ndern dieser Region zu finden sind.

Im Jahr 1918 hat Tschechien im Verbund mit der Slowakei nach etwa 300 Jahren Unfreiheit seine staatliche SouverĂ€nitĂ€t wiedererlangt. Die neu gegrĂŒndete Tschechoslowakei gehörte nicht zu den grĂ¶ĂŸeren europĂ€ischen staatlichen Neubildungen, ihre SouverĂ€nitĂ€t war im deutschen Sprachraum kaum erwĂŒnscht. Daher war die Tschechoslowakei gezwungen, ihre SouverĂ€nitĂ€t sowie ihre ökonomische und kulturelle Entwicklung international abzusichern. Sie stĂŒtzte sich dabei auf die SiegermĂ€chte des ersten Weltkrieges, was vor allem französische Garantien bedeutete: Italien fiel als VerbĂŒndeter schnell aus, die USA waren weit entfernt und England orientierte sich mit der Zeit immer mehr auf einen Ausgleich mit Deutschland. Die EffektivitĂ€t dieser Westorientierung wurde in MĂŒnchen 1938 auf Probe gestellt. Das MĂŒnchener Abkommen und die darauf folgende Besetzung Tschechiens durch die Deutschen (1939) wurden von den Tschechen als ein Verrat der VerbĂŒndeten empfunden, sie bedeuteten einen sehr tiefen Einschnitt in das nationale Denken. So wurde im zweiten Weltkrieg versucht, eine neue staatliche und nationale Orientierung zu entwickeln, die Westorientierung durch eine Ostorientierung zu ergĂ€nzen und die UdSSR zum VerbĂŒndeten zu machen. Als Garanten der tschechoslowakischen SouverĂ€nitĂ€t waren die USA, England und die UdSSR erwĂŒnscht, doch durch den Kriegsverlauf fiel die Hauptrolle der UdSSR zu. Im Jahr 1948 fiel dann die Westorientierung definitiv weg; der „Kalte Krieg“ fĂŒhrte zu einer ausschließlich östlichen Orientierung, die von Kommunisten unterstĂŒtzt und getragen wurde. In den etwa 15 Jahren, die dem Jahr 1948 folgten, erlebte die CSR nicht etwa nur eine „beschrĂ€nkte SouverĂ€nitĂ€t“ und ein totalitĂ€res Herrschaftssystem, sondern auch einen ökonomischen und sozialen Abstieg in der Welt. Sie trennte sich von ihrer Rolle als eine der fĂŒhrenden Industrienationen, die sie in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen innehatte. Es folgte im Jahr 1968 ein Versuch, die staatliche SouverĂ€nitĂ€t wieder zu erlangen, und danach die sowjetische Okkupation, die diesen Versuch zum Scheitern brachte. Die Okkupation fĂŒhrte das Ende der östlichen Orientierung ein, auch wenn diese in der staatlichen Politik bis zum Jahr 1989 fortgefĂŒhrt wurde. Aber auch das Jahr 1989, die „Wende“, blieb nicht ohne die in nationaler Hinsicht deprimierenden Folgen: Die Tschechoslowakei fiel auseinander, zusĂ€tzlich wurde man erneut mit den sudetendeutschen Forderungen konfrontiert.

Bisher habe ich fast ausschließlich ĂŒber die internationalen Aspekte der tschechoslowakischen SelbstĂ€ndigkeit gesprochen. Es gab jedoch auch innere Aspekte: Die stĂ€ndigen Verluste an Struktur, Substanz und Inhalt des nationalen Lebens und die riesigen Verluste an nationaler Elite: 1938-1945 – durch gewaltige Nazi-„SĂ€uberungen“ und Emigration, 1948-1954 – durch Stalinsche SĂ€uberungen und erneute Emigration, danach noch durch zahlreiche SĂ€uberungen der „Feinde“ und „Revisionisten“ und letztendlich durch das Jahr 1968. Es ist im Ausland leider wenig zur Kenntnis genommen worden, dass durch die SĂ€uberungen nach dem Jahr 1968 aus der herrschenden Partei etwa eine halbe Million Mitglieder ausgeschlossen wurde, was gewaltige Folgen fĂŒr ihre Arbeit und fĂŒr ihre soziale Stellung hatte. Die wirkliche Zahl der Betroffenen (die Nichtparteimitglieder eingeschlossen) lĂ€sst sich heute kaum noch eruieren. Dazu kommt eine erneute Welle der Emigration und Auswanderung.

Ich muss nochmals auf die Wende 1989 und ihre Folgen zurĂŒckkommen. Wir sprechen mit Recht von einer Befreiung. Das bedeutet aber nicht, dass die Befreiung ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Gewinne betrachtet werden kann. Die gewonnene Freiheit ist eine sehr kostbare Sache, die aber auch manches kostete: Das ganze bisherige System und die Ordnung des staatlichen und nationalen Lebens ist gescheitert. Vieles, was in den vorausgegangenen etwa 50 Jahren aufgebaut und geschaffen wurde, passte nicht mehr zu den neuen VerhĂ€ltnissen. Dadurch sind große Verluste an Produktionsanlagen, Technologien, Produktions- und Organisationserfahrung entstanden. Die Sozialisation der Einzelnen und der großen gesellschaftlichen Gruppen ging zum wesentlichen Teil verloren. Die Angehörigen der mittleren und Ă€lteren Generationen fanden sich in den neuen VerhĂ€ltnissen nur schwer und nur zum Teil zurecht. Auch das wissenschaftliche und kulturelle Wissen war öfter nicht oder nicht mehr voll zu gebrauchen. Der private Besitz eines Teils der Gesellschaft wurde in Mitleidenschaft gezogen oder ging gar verloren. Daraus entstand eine starke Verunsicherung in der Arbeit und im Beruf, im sozialen Umfeld, in der Familie usw. Wir sprechen ungern und nur wenig darĂŒber, aber warum eigentlich? Das ist die RealitĂ€t, ob wir wollen oder nicht, sie existiert als politisches und menschliches Faktum und wir erleben es tagtĂ€glich. Sie spiegelt sich selbstverstĂ€ndlich auch im politischen Denken ab. Auch hier sind die GrĂŒnde fĂŒr gewaltigen Verlust am nationalen Selbstvertrauen in Ostmitteleuropa und in Tschechien speziell zu suchen, der sich in heutigen „Mangel an Nationalismus“ widerspiegelt.

Nach dem Misserfolg der westlichen, ost-westlichen und östlichen Orientierungen wird versucht, die verlorene Sicherheit und das nationale Selbstvertrauen durch eine „europĂ€ische“ Orientierung zusammenzukleben, dafĂŒr ist man bereit große Abstriche an der nationalen und staatlichen SouverĂ€nitĂ€t in Kauf zu nehmen. Gibt es da ĂŒberhaupt eine andere Möglichkeit? Etwa Russland? Nein, diese Beziehung ist doch gerade katastrophal gescheitert und bleibt fĂŒr die absehbare geschichtliche Periode unakzeptabel. Das „alte“ und das „neue“ Europa, von denen Donald Rumsfeld sprach? Dies bedeutete eine Orientierung direkt auf die USA. VorlĂ€ufig kaum vorstellbar, politisch wie „technisch“. Die einzige reale Möglichkeit heißt also die EU. Außerhalb der EU zu bleiben, wĂŒrde bedeuten, sich einer neuen Unsicherheit und einer FĂŒlle von kaum abwendbaren Gefahren auszusetzen. Das hat das Beispiel von Jugoslawien ausreichend belegt. Daher das unkritische Lob an die EU und der Versuch manche Probleme erst gar nicht anzusprechen. Dadurch verschwinden aber diese Probleme nicht. Es wĂ€re besser von ihnen zu reden, um von ihnen und ihren Folgen spĂ€ter nicht ĂŒberrascht zu werden.

Damit bin ich beim zweiten Punkt angelangt: Die Orientierung in Richtung Europa hat fĂŒr Tschechien – teilweise auch fĂŒr Polen – einen großen „Haken“, dieser „Haken“ heißt Deutschland. Die tschechischen Beziehungen zu Deutschland sind historisch stark belastet, vor allem durch Hitler, die Nazis und die Ereignisse des zweiten Weltkriegs. Dennoch fanden sich bereits im Tschechien der 60er Jahre viele Leute, die bereit waren anzuerkennen, dass sich in Deutschland nach dem Kriegsende vieles grundlegend verĂ€ndert hatte. „Den Deutschen“ wurde zugetraut, dass sie aus der gemeinsamen misslungenen Geschichte manches gelernt haben und bereit wĂ€ren, zu versuchen, die eigenen staatlichen und nationalen Interessen in Einklang mit den anderen MitteleuropĂ€ern zu bringen. Aus dieser Überzeugung entstand spĂ€ter, im Jahr 1985, der „Prager Aufruf“ der Charta 77, in dem das Recht der Deutschen auf ihre staatliche und nationale Wiedervereinigung proklamiert wurde. Die vorausgegangenen deutsch-tschechischen Beziehungen lassen dabei leicht erkennen, wie groß der Schritt war, den die Charta 77 wagte. Diesem Schritt folgten weitere Schritte. Vaclav Havel entschloss sich bereits kurz nach seiner Wahl zum PrĂ€sidenten zu einer Reise nach Deutschland, seiner ersten Auslandsreise ĂŒberhaupt. Etwa zu dieser Zeit sprach er auch sein in Deutschland breit bekannt gewordenes Bedauern ĂŒber die Aussiedlung der Sudetendeutschen aus.

Das Entgegenkommen auf beiden Seiten verbesserte bedeutend die deutsch-tschechischen Beziehungen; sie sind heute besser, als je zuvor. Und trotzdem sind sie nicht problemlos geworden. Der Hauptteil des Konfliktpotentials fĂ€llt heute, ebenso wie in der Vergangenheit, auf das sudetendeutsche Problem. Obwohl man sich nach dem Abschluss des deutsch-tschechoslowakischen Vertrages im Jahr 1992 zu langwierigen Verhandlungen entschloss, die zu einer gemeinsamen geschichtlichen Deklaration fĂŒhrten, blieb die sudetendeutsche Problematik politisch weiterhin auf der Tagesordnung. Auch wenn die heutige Bundesregierung von der Politisierung dieser Problematik Abstand nimmt, sind die anders lautenden ErklĂ€rungen maßgeblicher Mitglieder der bayerischen Regierung (und auch der österreichischen Regierung) kaum zu ĂŒberhören. So bleibt ein Zustand erhalten, der einen Konflikt in deutsch-tschechischen Beziehungen wieder akut machen könnte.

Ich möchte hier nicht direkt auf die heute strittigen Fragen der deutsch-tschechischen Vergangenheit eingehen. Sie sind seit Jahren ein Gegenstand beiderseitiger lebhafter Diskussionen. Alle relevanten Argumente sind in diesen Diskussionen lĂ€ngst besprochen worden, die grundlegenden Meinungs- und Interessenunterschiede bestehen dennoch weiter und werden sich auch in der Zukunft durch weitere Diskussionen kaum beheben lassen. Da wir fĂŒr diese Probleme in den vorausgegangenen sechzig Jahren keine einvernehmliche Lösung gefunden haben, sollten wir sie besser ruhen lassen. Die Generationen, die von ihnen direkt betroffen sind, sind zum grĂ¶ĂŸten Teil nicht mehr am Leben, die JĂŒngeren haben sie nur ererbt.

An dieser Stelle möchte ich klarstellen, dass es auf der tschechischen Seite nicht primĂ€r um den materiellen Besitz geht, sondern um den zweiten Weltkrieg, seine Ursachen und Folgen. Die Tschechen ĂŒberfielen Deutschland nicht. Die „sudetendeutsche Frage“ spielte im Vorfeld des zweiten Weltkrieges keine zweitrangige Rolle, sie wurde als Instrument benutzt, die ÈSR zu zerstĂŒckeln, die tschechischen LĂ€nder durch das „Dritte Reich“ zu annektieren und das Protektorat „Böhmen und MĂ€hren“ zu errichten. Mehrere hunderttausend Menschen sind dadurch in der ÈSR umgekommen. Es ist zwar richtig, dass es im juristischen Sinne keine Kollektivschuld geben darf, politisch gesehen dĂŒrfen die Sudetendeutschen dennoch fĂŒr die Untaten des Nazi-Regimes etwa im gleichen Sinne verantwortlich gemacht werden, in dem das deutsche Volk am Ende des zweiten Weltkrieges fĂŒr das Nazi-Regime und seine Verbrechen verantwortlich gemacht worden ist und sich zu dieser Schuld bekannte. Diese Verantwortung hatte nicht nur moralische, sondern auch materielle und territoriale Folgen. Manches, was heute in Bayern (und auch aus Wien) darĂŒber gesagt wird, wird in Prag als ein Versuch verstanden, die geschichtlichen Rollen umzuschreiben: die Tschechen nicht als Opfer sondern als TĂ€ter darzustellen, die Deutschen dagegen als Opfer in Erscheinung treten zu lassen. Dies wird keine tschechische Regierung akzeptieren können und wenn heute aus Bayern gedroht wird, das sudetendeutsche Problem den europĂ€ischen Gremien zu ĂŒbertragen, birgt diese Drohung einen gefĂ€hrlichen Sprengstoff in sich, der einmal das gesamte GebĂ€ude der EU ins Wanken bringen könnte.

Damit komme ich zu meinem dritten Punkt. Ich sprach bereits davon, dass bei der Erörterung der schwierigen Probleme, die auf der Tagesordnung stehen, vor allem der anstehende Sozialabbau umgangen worden ist. Ich sprach auch darĂŒber, dass die Wende 1989 keinesfalls zum Null-Tarif verwirklicht wurde. Die ökonomische und soziale Lage Deutschlands leidet unter der nicht bewĂ€ltigten Globalisierung schon lange und das drĂŒckt die sozial schwachen Schichten stark nach unten. Wie wird sich diese krisenhafte Entwicklung dort auswirken, wo - wie in Ostmittel- und SĂŒdosteuropa – die sozialen Polster sehr dĂŒnn und wo viele Produktionsbetriebe sowie der staatliche Haushalt finanziell sehr schwach und instabil sind? In Tschechien wird zwar vom beginnenden Wachstum gesprochen, die sozialen Sicherungssysteme werden jedoch stark gekĂŒrzt, viele Betriebe werden auch weiterhin geschlossen, bzw. ihr Personal entlassen. Die Arbeitslosenquote bewegt sich heute um 10%, in manchen Gebieten ist sie heute bei der 20%-Genze angelangt. Die Geburtenrate fĂ€llt stark ab, ein Teil der Eliten arrangiert sich mit auslĂ€ndischen Arbeitsgebern oder wandert fĂŒr Dauer ins Ausland ab.

Wie könnte das Ganze gelöst werden? Ich weiß es nicht. Diese kritische Situation ĂŒbertrĂ€gt sich auch in verschiedene Bereiche des öffentlichen und staatlichen Lebens. Die Theater, Museen und andere kulturelle Einrichtungen sind nicht nur fĂŒr die Bevölkerung, sondern auch fĂŒr den Staat und die Gemeinden teuer geworden. Sie können nicht mehr ausreichend finanziert werden. Desgleichen gilt fĂŒr das Bildungssystem und das Gesundheitswesen. Das Leben in den kulturell alten Regionen verfĂ€llt. Dies ĂŒbt nicht nur eine Wirkung auf die soziale SphĂ€re aus, sondern es schafft auch den Boden fĂŒr nationale GefĂŒhle. Das Anwachsen der nationalen GefĂŒhle wurde von den Meinungsforschern auch bei der Jugend verzeichnet. Die einzelnen LĂ€nder Ostmitteleuropas sind nicht in der Lage, diese Probleme allein zu lösen. Wie wird aber die EU damit umgehen?

Damit komme ich zu meinem letzten Anliegen, zur Erweiterung der EU. Wenn ich mich nicht irre, haben wir bei den Überlegungen ĂŒber die EU-Erweiterung bei drei ostmitteleuropĂ€ischen LĂ€ndern angefangen: bei Polen, Ungarn und Tschechien. Dann begann man allmĂ€hlich darĂŒber zu sprechen, dass zur EU alles gehören sollte, was westlich von der russischen Grenze liegt, nicht nur das Baltikum, das der EU bereits beitrat, sondern auch Weißrussland und die Ukraine wurden als eventuelle Mitglieder, zum GlĂŒck ohne Folgen, erwogen. Heute wird der Balkan ins Auge gefasst, auch die TĂŒrkei mit ihren 75 Millionen Menschen. Da muss zwangslĂ€ufig die Frage aufkommen und gestellt werden, was der Sinn einer solchen Erweiterung sein soll? Wie soll das Ganze bewĂ€ltigt werden? Ist das wirklich ein Weg, die Probleme zu lösen? Und wenn dabei auch von den Sicherheitsinteressen gesprochen wird, muss gefragt werden, wie sich im Rahmen eines solchen Konzepts die Beziehungen zu Russland entwickeln wĂŒrden?

Ich spreche hier nicht von ungefĂ€hr ĂŒber Russland. Deutschland fĂŒhrte gegen Russland zwei vernichtende Kriege, die kaum jemand in Deutschland, Russland oder in Ostmitteleuropa je vergessen wird. Russland ist dazu ein Land, das einen wesentlichen Teil des gesamteuropĂ€ischen kulturellen Erbes schuf und noch heute schafft. An die Namen zahlreicher russischen Literaten, Musiker, Komponisten, Maler, Bildhauer, Schauspieler, Regisseure, Wissenschaftler, Techniker und BĂŒrgerrechtler, die der europĂ€ischen Kultur untrennbar angehören, wird sich jeder von uns leicht erinnern können. Wir wollen zu keinem neuen Krieg mit Russland kommen und wir wollen auch nicht die zahlenmĂ€ĂŸig grĂ¶ĂŸte europĂ€ische Nation fĂŒr Europa verlieren. Was können wir denn hier tun? Auch Russland in die EU eingliedern? Das ist aus vielen GrĂŒnden nicht möglich, das wollen wir und auch die Russen nicht. Wenn wir jedoch Russland als europĂ€isches Land behandeln, mit ihm breite und kooperative Beziehungen unterhalten und eine friedliche Grenze im Osten aufbauen wollten, wĂ€re es dann nicht unerlĂ€sslich heute oder morgen auch Russland als ein Mitglied in die EU aufzunehmen?

Mit einer solchen Eile bei der Erweiterung der EU wird es uns kaum möglich werden, die Probleme zu lösen. Wir werden lediglich die Ă€ußeren Probleme der EU in innere Probleme verwandeln. Der Zusammenhalt in der EU wird dadurch nicht gerade gefördert. Ich will hier jedoch keine politische Auseinandersetzung ĂŒber die EU-Erweiterung fĂŒhren, ich möchte nur versuchen, den Zweck der EU-Erweiterung klarzustellen: Was wir durch die Erweiterung real erzielen können ohne dabei das Ganze in Gefahr zu bringen.

Ganz am Ende noch einige Anmerkungen zu Mitteleuropa. Tschechien ist ein Land, das geschichtlich und kulturell in mancher Hinsicht mit Deutschland eng verbunden war. Es gehörte drei Jahrhunderte lang der Donaumonarchie an, hatte breite Beziehungen zu mehreren deutschen Staaten gehabt und, nicht zu vergessen, beherbergte bis zum Jahr 1945 etwa drei Millionen Deutsche. Die deutsch-tschechischen Beziehungen sind heute gut und es ist zu hoffen, dass sie durch die Probleme der Vergangenheit, vor allem durch das sudetendeutsche Problem, nicht gestört oder gar zerstört werden. Wenn von der mitteleuropĂ€ischen Kultur gesprochen wird, kommt man zwangslĂ€ufig auf die Sprache. Ohne eine gemeinsame VerstĂ€ndigungssprache kann die kulturelle Einheit einer Region nicht auf Dauer erhalten bleiben. FĂŒr das Mitteleuropa war die VerstĂ€ndigungssprache Deutsch, fĂŒr den östlichen Teil auch Russisch. Deutsch wurde allerdings auch im russischen Sprachraum fĂŒr den internationalen Verkehr hĂ€ufig benutzt. Die Frage heißt: Brauchen wir noch heute in Mitteleuropa eine gemeinsame Umgangssprache? Wenn ich in Prag mit den Studenten rede, stelle ich oft fest, dass sie vor allem Englisch und bedeutend weniger Deutsch kennen. Auf der Strasse ergibt sich aber oft ein völlig anderes Bild. Die Deutschen sind ĂŒberall prĂ€sent und man spricht mit ihnen vor allem Deutsch. Insofern sollten wir uns entscheiden, brauchen wir noch in Mitteleuropa Deutsch als VerstĂ€ndigungssprache? Es ist ebenso möglich, und ich will hier keinen Einspruch einlegen, dass wir nur mit Englisch/Amerikanisch auskommen. Wir mĂŒssen aber beachten, dass dies zwangslĂ€ufig auch das Ende Mitteleuropas als einer historisch gewachsenen Region bedeuten wird, weil Mitteleuropa ohne eine gemeinsame VerstĂ€ndigungs- und Umgangssprache kulturell nicht funktionieren wird.