KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2004
Film- und Fernsehgeschichte
Ulla BĂŒchner
Maria Schrader – ein deutscher Star bereits in den 90er Jahren?
Ulla BĂŒchner
Maria Schrader – ein deutscher Star bereits in den 90er Jahren?

„Es gibt nichts, wofĂŒr sie schon berĂŒhmt genug ist, keinen bestimmten Manierismus, keinen wiederkehrenden Look. Sie ĂŒberrascht mit jeder neuen Rolle.“/1/, war in den 90er Jahren im Magazin STERN ĂŒber die Schauspielerin Maria Schrader zu lesen.

Heute lĂ€sst sich dieses Kompliment gleichermaßen bestĂ€tigen wie dementieren. BestĂ€tigen in dem Sinne, dass diese Feststellung nach wie vor genau so zutrifft, wie sie trefflich formuliert wurde. Maria Schrader sieht weder immer gleich aus noch hat sie eine offensichtliche, besondere Eigenart, an der man sie erkennen könnte. Sie ĂŒberrascht eben in und mit jeder Rolle.

Dementieren lĂ€sst sich dieses Statement insofern, dass es etwas gibt, wofĂŒr sie „berĂŒhmt“ ist, etwas, was sie auszeichnet und zu einer besonderen Schauspielerin macht: ihre Spiellust und Wandelbarkeit. Mit jeder ihrer Frauenfiguren schlĂ€gt sie ein neues Kapitel im Schrader-Repertoire auf, fĂŒgt eine neue Facette ihrer Darstellerkunst hinzu und erfĂŒllt ihre Rollen auf die ihr markante Art mit Leben.

Sie ist unverwechselbar darin, wie sie die IdentitĂ€ten der Frauen, die sie darstellt, nach außen transportiert und fĂŒr den Zuschauer erkennbar macht. Erkennbar, weil sie in ihrer Rollenauswahl darauf achtet, Typisierungen zu entgehen und sich Charaktere sucht, die denen aus dem wahren Leben Ă€hneln. Sie zeigt Ängste und Leidenschaften, Verzweiflung und Lust, mit denen ihre Figuren versuchen, sich in ihrem Leben zu finden. „Großes Kino mit guten Stoffen; Treffendes ĂŒber Beziehungsgeschichten, die typisch sind fĂŒr die neunziger Jahre; Filmformen, die sich an kĂŒhne Vorbilder anlehnen, Frauengestalten, die verfĂŒhren und mitreißen, – so lassen sich ihre Ambitionen umschreiben.“/2/

Dabei versucht sie, die Stimmungen ihrer Heldinnen auszuloten und durch ihr Spiel dem Publikum ein GefĂŒhl von Tiefe und Wahrheit zu ĂŒbermitteln. Wichtig fĂŒr ihr Spiel ist ihre Mimik. Ihr Gesicht kann alles preisgeben, sich aber ebenso im nĂ€chsten Moment verschließen: „... deren Gesicht so ansatzlos zwischen verdrossen und fröhlich wechseln kann ...“/3/ Man glaubt sie zu erkennen, in der nĂ€chsten Szene widerlegt sie das Beobachtete und kehrt es um. Maria Schrader schwört auf Geheimnisse, die sie sich und den Zuschauern zugestehen will und muss, um die gegenseitige Neugier wach zu halten.

Sie spielt Frauen, die scheinbar verschieden sind: Die wortkarge und unscheinbare Polin Silva, deren innere StĂ€rke als Schönheit nach außen strahlt; Fanny Fink, die Melancholische und sich Versteckende; Anna, die exhibitionistische und lebenshungrige BankrĂ€uberin; Marion, die sich selbst BelĂŒgende und UnschlĂŒssige; Julia, eine leidenschaftliche Liebende zwischen zwei MĂ€nnern, die an ihrer eigenen Ausweglosigkeit zu scheitern droht; Sophie Moor, das feenhafte Medium; Lena, deren Leben und Liebe vor jĂŒdischem Hintergrund in Frage gestellt wird.

Oft haben ihre Protagonistinnen eine Art Sprödigkeit bzw. verweigernden Charme gemeinsam: „Das Leben hat sie alle zu kurz kommen lassen. Und immer gibt es den Augenblick, in dem diese Frauen ĂŒber ihren Schatten springen und sich unverfroren nehmen, was ihnen nicht zusteht.“/4/ Die Heldinnen können mit Wortsalven ĂŒberzeugen und das Schlachtfeld beherrschen (Julia). Maria Schrader versteht es aber auch, nuancierte Pausen zu setzen (Fanny Fink) oder mit wenigen Worten alles zu sagen (Silva).

Deutlich wird, dass Maria Schrader in ihrer Figurenwahl und interpretation eine Entwicklung vorgenommen hat. Die introvertierten, mit mangelndem Selbstbewusstsein ausgestatteten „alltĂ€glichen“ Frauen und die beziehungsgestressten Starken sind denen gewichen, die sich in historischen (jĂŒdischen), kriminellen und phantastischen Gefilden bewegen. Dabei stehen nicht mehr grundlegend ihre Protagonistinnen im Mittelpunkt. Sie können auch als ZutrĂ€gerinnen der Handlung fungieren.

Die Schauspielerin verfĂŒgt schon in den 90er Jahren ĂŒber ein sehr breites Rollenspektrum. Was kann und soll jetzt noch fĂŒr sie kommen? Was wird sie in zehn Jahren spielen? NatĂŒrlich könnte man hypothetisch antworten, dass das deutsche Kino bis dahin soweit gediehen ist, dass Schauspielerinnen ab vierzig auf der Leinwand gefragt sind und nicht nur in Fernsehserien versauern oder auf ProvinztheaterbĂŒhnen enden. Was könnte also mit Maria Schrader passieren? Ihr ist zu wĂŒnschen, dass sie sich mindestens zwei berufliche TrĂ€ume erfĂŒllen kann: eigene Regiearbeiten und Theaterspielen mit der großen deutschen Komödiantin Katharina Thalbach. Wegen der großen Augen und Gesten möchte sie unbedingt einmal in einem Stummfilm mitwirken./5/ Möglicherweise sind die deutschen Drehbuchschreiber dann einfallsreicher, um der Schrader interessante Rollen auf den Leib zu schreiben.

Maria Schrader – ein deutscher Star bereits in den 90er Jahren? Die Schrader ist eine Schauspielerin, die zunĂ€chst einmal einem bestimmten Zeittyp entspricht, der sich durch ihre Filme entwickelt hat. Sie verkörpert nicht den glamourösen Star und ist auch kein Kassenmagnet wie Til Schweiger. Aber sie steht fĂŒr ein gewisses schauspielerisches MentalitĂ€tsmuster, was sie unverwechselbar macht und ein Teil des Publikums an ihr schĂ€tzt. Das bestimmt ihre Star-QualitĂ€t und trifft auf ihr eigenes Ansinnen: „... sie verbindet mit dem Star-Image doch eine Vorstellung besonders intensivierter, in der Filmrolle erarbeiteter NatĂŒrlichkeit. Wichtiger als ein synthetisches Image ist ihr die Lust am Spielen, mit der sie die RollenidentitĂ€t erfahren kann.“/6/


Kurzportrait

Maria Schrader wurde 1965 in Hannover geboren. Seit ĂŒber zehn Jahren lebt sie mittlerweile in Berlin. Sie stammt aus einem kunstliebenden Elternhaus, wo sie eine unbeschwerte Kindheit verlebte. Anfangs wollte sie Pianistin werden, doch mit 14 Jahren besuchte sie an der Schule ihren ersten Theaterworkshop, der schnell ihre beruflichen Ambitionen Ă€ndern sollte. Zwei Jahre spĂ€ter begleitete sie ein Praktikum am Hannover’schen Theater und stand zugleich in dem StrindbergstĂŒck „Der Vater“ als Tochter Berta das erste Mal auf der BĂŒhne.

Von 1983 bis 1986 absolvierte sie am Max-Reinhardt-Seminar in Wien eine Schauspielausbildung, die sie aber vor dem Examen abbrach: „Dort werden die SchĂŒler erstmal dem Erdboden gleichgemacht. Erst was danach wĂ€chst, wird gefördert.“/7/ Dennoch spielte sie wĂ€hrend dieser Zeit in fĂŒnf StĂŒcken mit, u.a. in einer Produktion von Samy Molcho, bei dem sie spĂ€ter in Berlin ihre Tanzausbildung erhielt. Im Gesang wurde sie von Mirka Yemen Dzaris an der Berliner SchaubĂŒhne unterrichtet.

In Wien lernte sie den Schauspieler, Drehbuchautoren und Regisseur Dani Levy kennen, dem sie nach Berlin folgte. Diese Begegnung prĂ€gte die nĂ€chsten Jahre ihres Lebens entscheidend. Bei Levy lernte sie „das Filmemachen“ mit allem, was dazugehört: von der Idee, dem ersten Konzeptentwurf bis zum final cut. 1988/89 drehen sie ihren ersten gemeinsamen Kinofilm „RobbyKallePaul“, bei dem die Schrader als Co-Autorin und Darstellerin der verwirrenden „Malu“ fungierte.

Weil das eigentliche Filmprojekt noch nicht fertig ist, die bereitgestellten Gelder aber verbraucht werden mĂŒssen (!), dreht das Gespann Schrader/Levy 1991/92 in New York den Spielfilm „I was on Mars“, in dem Maria Schrader gleichzeitig die Hauptrolle ĂŒbernimmt. FĂŒr ihre Darstellung der Silva erhĂ€lt sie den Max-OphĂŒls-Preis als beste Nachwuchsdarstellerin. Neben ihren KinoaktivitĂ€ten agiert sie seit 1984 wiederholt in Fernsehproduktionen.

FĂŒr ihre Mitwirkung in dem Film „Burning life“ erhĂ€lt sie den Hessischen und den Bayrischen Filmpreis 1995, darĂŒber hinaus wird ihr im selben Jahr fĂŒr „Keiner liebt mich“ der Bundesfilmpreis in Berlin ĂŒberreicht. Der erste, groß produzierte Kinofilm (im Verleih der amerikanischen Disney-Tochterfirma Buena Vista) des Autorenduos Schrader/Levy wird auf der Berlinale 1996 mit einer lobenden ErwĂ€hnung bedacht.

Am 30. Juli 1998 hatte mit „Meschugge“ der mittlerweile vierte Spielfilm des Autorenduos Schrader/Levy Premiere. FĂŒr den Herbst wurde die Premiere der Buchverfilmung von Erica Fischer „AimĂše und Jaguar“ unter der Regie von Max FĂ€rberböck angekĂŒndigt. Maria Schrader hat die Hauptrolle der JĂŒdin Felice Schragenheim („Jaguar“) ĂŒbernommen, die im Widerstand gegen Hitler arbeitet. In einem leidenschaftlichen LiebesverhĂ€ltnis verfĂŒhrt sie eine deutsche Soldatenfrau, bis sie deportiert wird. Die Story basiert auf einer wahren Geschichte. Mit dieser Verfilmung gelang der Schauspielerin Maria Schrader der endgĂŒltige Durchbruch im deutschen Kino .


VITA

Agentur:
„Players“ in Köln, Agentin: Mechthild Holter

Theater:
1983
„Der Vater“, Staatstheater Hannover, Regie: Dieter Hufschmidt;
1984
„Die Zofen“, Max-Reinhardt-Seminar Wien, Eigenregie;
„Der Schleier der Pierrette“, Biennale Venedig, Regie: Samy Molcho;
1985
„Das Liebeskonzil“, Theater Narrenkastl in Wien, Regie: Justus Neumann / Josef Hartmann;
1986
„Lulu“, Beinhardt Ensemble Wien, Regie: Meret Barz;
„FrĂŒhlingserwachen“, Beinhardt Ensemble Wien, Regie: Meret Barz;
1989
„Adam“, Schauspielhaus Bonn, Regie: David Mouchtar-Samorai;

Hörfunk:
1994
„Flötentöne“, Hörspiel von Dieter Hufschmidt mit Gedichten von Samuel Beckett, Radio Bremen;

Filmographie:
1985
„Anatomie einer Revolution“, Fernsehfilm ORF, Regie: JĂŒrgen Kaizick;
1987
„Goldjunge“, Fernsehfilm ZDF, Regie: Sven Severin;
1989
„RobbyKallePaul“, Kinofilm BRD/ Schweiz, Prod.:Luna-Film/ Fool Film/ Atlas/ Fama, Regie: Dani Levy, M. Schrader als Co-Autorin und Rolle der Malu;
1990
„Abgeschleppt“, Fernsehkurzfilm SFB, Regie: Dani Levy;
1991
„Peter Strohm - Wanderer im Watt“, Fernsehserie ARD, Regie: Kai Wessel;
1992
„I was on Mars“, Kinofilm BRD/ Schweiz/ USA, Prod.:Luna-Film Berlin, Regie: Dani Levy, M. Schrader als Co- Autorin und Rolle der Silva;
„Je m’appelle Victor“, Kinofilm Frankreich/ Belgien/BRD, Regie: Guy Jaques;
„Halbe Welt“, Kinofilm BRD/ Österreich, Regie: Florian Flicke;
1993
„Burning life“, Kinofilm BRD, Prod.: Antaeus Film/Studio Babelsberg/ Parabel Film/ Script/ ORB/ SWF, Regie: Peter Welz;
„Magic MĂŒller“, Fernsehfilm BRD, Prod.: SĂŒdwestfunk, Regie: Thomas Bohn;
„Ohne mich“, Episode aus dem Film „Neues Deutschland“, Fernsehfilm BRD, Prod.: Westdeutscher Rundfunk/ Gebhard Henke, Regie: Dani Levy;
1994
„Keiner liebt mich“, Kinofilm BRD, Prod.: Cobra Film/ ZDF, Regie: Doris Dörrie;
„Einer meiner Ă€ltesten Freunde“, Fernsehfilm BRD/Bayrischer Rundfunk, Prod.: Claussen+Wöbke Filmproduktion, Regie: Rainer Kaufmann
1995
„Stille Nacht“, Kinofilm BRD/ Schweiz, Prod.: X-Filme creative Pool/Fama Film/Fool Film, Regie: Dani Levy, M. Schrader als Co-Autorin, Co-Produzentin und Rolle der Julia;
„Flirt“, Kinofilm USA/ BRD/ Japan, Prod.: True Fiction Pictures/ Pandora/ Nippon Film, Regie: Hal Hartley;
„Risiko Null“, Fernsehfilm BRD, Prod.: HDTV Film/Sat.1, Regie: Roland Suso Richter;
„Unmögliche Hochzeit“, Fernsehspiel BRD, Prod.: ZDF/Olga Film, Regie: Horst Sczerba;
1996
„Kindermord“, Fernsehfilm von Bernd Böhlich, Prod.: RTL;
1997
„Der Unfisch“, Kinofilm Österreich, Prod.: terra Film/Norbert Blecha, Regie: Robert Dornhelm;
„AimĂše und Jaguar“, Kinofilm BRD, Prod.: Senator Film/GĂŒnter Rohrbach/ Hanno Huth, Regie: Max FĂ€rberböck;
1997/ 1998
„Meschugge“, Kinofilm BRD, Prod.: X-Filme creative Pool, Regie: Dani Levy, M. Schrader als Co-Autorin/-Produzentin und Rolle der Lena;
1998
Bin ich schön“, BRD, Regie: Doris Dörrie
2001
„Emil und die Detektive“, BRD, Regie: Franziska Buels
2002
„VĂ€ter“, BRD, Regie: Dani Levy
2003
„Rosenstraße“, BRD, Regie: Margarethe von Trotta

Ehrungen:
1992 Max OphĂŒls-Preis als beste Nachwuchsschauspielerin fĂŒr „I was on Mars“;
1994 Hessischer Filmpreis fĂŒr „Burning life“;
1995 Bayrischer Filmpreis fĂŒr „Burning life“;
Bayrischer Filmpreis und Bundesfilmpreis fĂŒr „Keiner liebt mich“;


Die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Dani Levy

Die Begegnung mit Dani Levy 1986 verĂ€nderte das Leben der Schauspielerin Maria Schrader. „Als ich ihm zum ersten Mal begegnet bin, wusste ich sofort, so einen Menschen triffst du nicht alle Tage. Und was gibt es Schöneres, als mit dem Menschen, den man liebt, auch noch zusammenarbeiten zu können?“/8/, beschreibt sie dieses Erlebnis. Durch ihn entdeckt sie die Kinowelt als neues, kreatives Arbeitsfeld fĂŒr sich.

Das heißt, dass sie sich dort nicht nur als Schauspielerin einbringt. Bei der Produktion ihres ersten, gemeinsamen Kinofilms „RobbyKallePaul“ legt sie vom ersten bis zum letzten Handgriff selber mit Hand an. Zusammen mit Levy, der Schauspielerin Anja Franke und deren Vater Holger Franke, dem GrĂŒnder des Theaters „Rote GrĂŒtze“, schreibt sie am Drehbuch mit, arbeitet als Standfotografin am Set, entwirft gemeinsam mit ihrem Vater das Filmplakat und spielt die kleine Frauenrolle der Malu. Von Levy lernt sie die Herstellung eines Films, angefangen mit der Suche nach Geldgebern und einem Verleih bis hin zur Arbeit im Schnittraum. „Maria hat schon lange - bevor ĂŒberhaupt irgendein Schauspieler in Deutschland das getan hat - an den Projekten mit mir gemeinsam gearbeitet. Ich denke mir, sie war die erste, die das gemacht hat. Das ist bei ihr natĂŒrlich aus der Situation entsprungen, dass sie sozusagen von mir vereinnahmt wurde in den Prozess der gesamten Filmherstellung. Das waren fĂŒr sie natĂŒrlich auch Lernprozesse ... Das kann ein sehr anstrengender Prozess sein, aber es ist natĂŒrlich ein Riesenplus, dass derjenige, der vor der Kamera eine Idee verkörpert, diese auch mitgestaltet. Und das hat Maria sehr schnell erfasst, das ist ihre Kraft und ihre StĂ€rke ...“/9/ , erinnert sich Dani Levy an die AnfĂ€nge der gemeinsamen Zusammenarbeit.

Levy war es auch, der sie in jeder Hinsicht unterstĂŒtzt hat, wenn andere Beteiligte der Schauspielerin Maria Schrader gegenĂŒber Bedenken Ă€ußerten. So trauten ihr die wenigsten die Verkörperung der Polin Silva in „I was on Mars“ zu. Levy hielt an seiner Hauptdarstellerin fest, die mit ihm zusammen die gesamte Produktion vorbereitet hatte.

Um ihre Figur authentisch interpretieren zu können, fuhr sie einige Tage allein nach Polen und suchte auch die Kleidung ihrer Protagonistin selber aus. In diesem Aufzug, mit RĂŒschenbluse und blonder, altbackener Frisur und der bereits verinnerlichten Figur flog sie zu den Dreharbeiten nach New York. Sie war so perfekt, dass nicht einmal Dani Levy von ihr Notiz nahm. Er holte sie auf dem Flughafen ab, rannte aber erst dreimal an ihr vorbei, ehe er sie erkannte./10/

FĂŒr die Schrader sollte es die erste, richtige Kinorolle werden, die nicht nur den Zuschauern nachhaltig im GedĂ€chtnis blieb: „‘I was on Mars’ war die erste Rolle, wo ich etwas davon kapiert habe, wie man vor der Kamera spielt.“/11/

Zu dieser Zeit arbeitete das Duo Schrader/Levy parallel an zwei weiteren Stories, um sie als ihre nĂ€chsten Projekte filmreif zu machen: „Stille Nacht“ und „Meschugge“. Die Zusammenarbeit mit Levy erklĂ€rt Maria Schrader wie folgt: „Mit der gemeinsamen Schreibarbeit lĂ€uft das so: Wir schreiben die Geschichten in einzelnen Szenen auf Karteikarten. Wir fahren irgendwohin, wo wir ungestört sind. Dann teilen wir die Karten auf und jeder zieht sich zurĂŒck und arbeitet die jeweilige Szene aus und am Abend bauen wir zusammen, was wir mitgebracht haben. Diese Freelance-Arbeit verlangt mir mehr Disziplin ab als das Schauspielen nach festem Drehplan.“/12/ An anderer Stelle fĂŒgt sie hinzu: „Sie [die Zusammenarbeit, d. A.] ist fast schweigsam, eine Art stilles EinverstĂ€ndnis. Wir arbeiten ziemlich partnerschaftlich. Keiner versucht, die Macht an sich zu reißen oder das letzte Wort zu haben.“/13/

Im Laufe der Zusammenarbeit des Autorengespanns Schrader/Levy haben sie eine feste Gemeinschaft von Filmleuten um sich versammelt, mit denen sie kontinuierlich ihre Projekte realisieren. So war der Kameramann Carl F. Koschnik an sĂ€mtlichen Levy-Filmen beteiligt. Gerade bei der Herstellung von „Stille Nacht“ hat man auf das ‘FamiliengefĂŒhl’ und das Vertrauen untereinander geachtet. Schließlich handelte es sich um einen Film, den es mit dieser sexuell offenen AtmosphĂ€re im deutschen Kino noch nicht gegeben hatte. Sie schĂ€tzen als Arbeitsgrundlage Freundschaftskultur, KreativitĂ€t und manufakturelle Produktionsanstrengung./14/

Im Vorfeld von „Stille Nacht“ grĂŒndete Dani Levy gemeinsam mit seinen Regiekollegen Wolfgang Becker und Tom Tykwer sowie dem Kinobetreiber und Produzenten Stefan Arndt die Produktionsfirma „X-Filme creative Pool“ in Berlin. Damit wollen sie die bĂŒrokratischen Sackgassen der Filmfinanzierung umgehen, um ihre DrehbĂŒcher und Filme schneller zu finanzieren und erfolgreicher zu vermarkten. Über allem steht die ProfessionalitĂ€t in ihrem GeschĂ€ft. Über die Vorteile dieser Arbeitsweise bemerkt die Schrader in einem anderen Zusammenhang: „Privatheit vermischt sich in dem Film, der dann aber keine Privatheit mehr ist. Das ist eine Arbeitsform, die ich sehr genieße, wenn ich sehe, wie sie funktionieren kann.“/15/

Das Duo Schrader/Levy war schon immer am amerikanischen Filmmarkt interessiert. Selbst wenn es nur um die passenden Drehorte ging. Seit Jahren zieht es vor allem Dani Levy regelmĂ€ĂŸig nach New York, um dort nach Möglichkeiten zu suchen, eigene Filme ins Rollen zu bringen. So bietet die Stadt ein ideales Pflaster zur schnellen Abwicklung der Drehtage, da es, anders als beispielsweise in Berlin, keine Schwierigkeiten bereitet, Drehgenehmigungen zu erhalten. Die Amerikaner sind auf diesem Sektor in vielerlei Hinsicht sehr hilfsbereit und engagiert. So kommt es nicht von ungefĂ€hr, daß mit „Meschugge“ bereits der zweite Film in den Straßen New Yorks gedreht wurde, inklusive amerikanischer Schauspieler und amerikanischer Crew.
Zu „Meschugge“ liegt das Originaldrehbuch in englischer Sprache vor, in der sowohl dieser als auch „I was on Mars“ original aufgezeichnet wurden. Bedenkt man die BemĂŒhungen um InternationalitĂ€t, dann verwundert es auch nicht, dass „I was on Mars“ im Ausland, der Streifen wurde in 25 LĂ€nder verkauft, große Publikumserfolge in den Programmkinos und auf Festivals feierte. In Deutschland dagegen war es sogar schwierig, einen Verleih fĂŒr diese hervorragende Produktion zu finden, nachdem der Vorfinanzier Luna-Film kurzerhand abgesprungen war.

Doch so anspruchsvoll, entwicklungsfördernd und befriedigend solch ein ArbeitsverhĂ€ltnis ist, ĂŒber die enorme doppelte Belastung macht sich Maria Schrader keine Illusionen: „Wenn man aus dem Nichts heraus, vielleicht beim Spaziergang, eine Idee entwickelt, sich entscheidet, daraus machen wir jetzt einen Film und dann quasi das Zugpferd fĂŒr jede einzelne Station ist, da findet man sich in einer WĂŒste von unendlichen Möglichkeiten wieder. Und du musst dir immer selbst in den Hintern treten. Mit dieser Selbstdisziplin habe ich oft zu kĂ€mpfen. Das möchte ich nicht jeden Tag machen.“/16/

Zum einen hat Maria Schrader als Co-Autorin und Co-Produzentin der Filme von Levy die gesamte Kontrolle ĂŒber ihr eigenes Projekt, kann sich praktisch ihren Film nach ihren Vorstellungen mitgestalten. Seit dem Erfolgsfilm „Keiner liebt mich“ von Doris Dörrie hat die Schrader einen Bekanntheitsgrad erreicht, der ihr im FilmgeschĂ€ft viele TĂŒren öffnet, sie ist in der Lage, einen Film ‘zu tragen’, was sie sich fĂŒr eigene Projekte zunutze machen kann. Andererseits macht es einen Schauspieler nicht freier beim Spiel, wenn er soviel Verantwortung trĂ€gt. Bei „Stille Nacht“ hat sich Maria Schrader nach jedem Take via Bildschirm in ihrem Spiel ĂŒberprĂŒft. Sie wertete mit Levy das Material aus, fĂŒr beider Vorstellungen musste ein gemeinsamer Konsens gefunden werden. Danach sprach sie mit Levy die nĂ€chste Szene ab. Solch ein Rollenwechsel vor und hinter der Kamera geht auch an Maria Schrader nicht spurlos vorĂŒber – in ihrer GefĂŒhlswelt ist sie gespalten, sobald sie mehr als ihr physisches Spiel in einen Film einbringt. Lust und Angst sind in ihrer Arbeit zwei Extreme, die diese Anstrengung genauer beschreiben.


Anmerkungen
1 Christine Kruttschmidt: Man kann doch nicht alles machen. In: STERN,Nr.25,1995,S.161.
2 Claudia Lenssen: Blaue Augen, blauer Fleck - Kino im Wandel von der Diva zum Girlie. Berlin 1997, S.165.
3 Teja Fiedler: Shalom, Manhattan. In: STERN. 44/97 vom 23.10.97, S. 285.
4 Christiane Peitz: Proben nĂŒtzt nichts. In: Die Wirtschaftswoche, vom 15.06.95.
5Vgl.: Christiane Peitz: Proben nĂŒtzt nichts. In: Die Wirtschaftswoche..DĂŒsseldorf vom 15.06.95
6 Claudia Lenssen: Maria Schrader: Der Star, der sich seine Rollen selbst schreibt. In: epd Film vom 01.03.1998.
7 Blum: Gesichter des neuen deutschen Film. Berlin 1997, S. 87.
8 Ulrich Lössl. In: Berlin-Ticket. Heft 36/37 1995, S. 10
9 Blum: Gesichter des neuen deutschen Films, S. 87/88.
10 Vgl.: GesprÀch mit Dani Levy und Maria Schrader. In: epd Film, 6/93, S. 27.
11 Ulrich Lössl. In: Berlin-Ticket, Heft 36/ 37 1995, S. 10.
12 Claudia Lenssen: Blaue Augen, blauer Fleck - Kino im Wandel von der Diva zum Girlie. Berlin 1997, S. 164.
13 Blum: Gesichter des neuen deutschen Films, S. 92.
14 Vgl.: Claudia Lenssen: Blaue Augen, blauer Fleck, S. 165.
15 Ebenda, S. 172.
16 Ulrich Lössl. In: Berlin-Ticket, S. 10.



Ulla BĂŒchner

Interview mit Maria Schrader ĂŒber ihre Filmrollen in den 90er Jahren


Das folgende Interview wurde mit der Schauspielerin bereits am 05. April 1998 gefĂŒhrt. Da es einige Akzente zum deutschen Film der 90er Jahre setzt, hat sich die Redaktion zur – wenn auch spĂ€ten - Veröffentlichung entschlossen.


Wie beurteilst Du die derzeitige Situation im deutschen Kino?

Ehrlich gesagt es fĂ€llt mir schwer. So unglaublich viel erhoffe ich mir nicht. Ich glaube nicht, dass es mit der Komödie so völlig vorbei ist. Das ist immer noch das große Kinopferd, auf das sie im Moment setzen. Es hat sich in den letzten Jahren bewĂ€hrt, damit wurde Geld eingespielt und das Selbstbewusstsein der Deutschen in Bezug auf ihre Kinoproduktion gestĂ€rkt.

Wenn es um viel Geld geht, ist man grundsĂ€tzlich nicht so risikobereit, sich sofort etwas anderes zu trauen. Ich glaube, das passiert nur sehr langsam. Und ich glaube auch, dass einige Produktionen, an denen ich mitgespielt habe, schon Produkt dessen sind. Ich bin ĂŒberzeugt, dass „AimĂše und Jaguar“ in dieser GrĂ¶ĂŸenordnung nicht vor dem „Bewegten Mann“ hĂ€tte finanziert werden können. Die Komödien haben einen Weg freigemacht. Man wagt sich wieder an andere Bereiche, die es auch ermöglichen sollten, dass irgendwann einmal in Deutschland nicht nur historische, sondern auch zeitgenössische Geschichten mit internationalem Format produziert werden, die ĂŒber das Publikumspotential der Komödien hinausgehen.

Unsere Komödien haben ja z.T. nur einen regionalen Humor, wie z.B. bei Detlef Buck, der in Norddeutschland viel besser funktioniert als in SĂŒddeutschland, aber ĂŒber die Staatsgrenze hinaus gar nicht mehr. Ich wĂŒnsche mir, dass die Leute sich mal trauen, andere Genres anzupacken, um Geschichten oder gute Krimis zu erzĂ€hlen. Es gibt ganz viele Stoffe, denen kein Kinoformat zugetraut wird, die eben im Fernsehen verwurstet werden. Was ja nicht schlecht ist, ich will das nicht werten. Aber z.B. Amerika und Frankreich: aus Stoffen wie das „Todesspiel“, in Äquivalenz zum Vietnamkrieg, wĂ€ren in Amerika seit 10 Jahren lĂ€ngst die verschiedensten Kinoproduktionen gemacht worden. Bei uns hat sich jetzt endlich mal jemand rangetraut, allerdings im Fernsehen.

Wie schĂ€tzt Du die Finanzierungsmöglichkeiten fĂŒr deutsche Produktionen ein?

Ich glaube, es wird im Moment viel schwieriger, Filme zu finanzieren. FĂŒr viele Leute wird es leichter, weil es mehr „star driven“ – Star-BezĂŒge – gibt. Sobald man sagen kann, man hat Til Schweiger in seinem cast, hat man’s leicht, den Film zu finanzieren, egal, was das fĂŒr ein Buch ist. Ich glaube schon, dass die Filmförderer in diesen FĂ€llen viel weniger auf die Inhalte der Stoffe schauen, ob das Buch gut ist oder Ă€hnliches, als mehr auf das GerĂŒst des Projekts.

Um ĂŒberhaupt Geld zu bekommen, braucht man zuerst einen Verleih, also praktisch die Garantie, dass der Film ins Kino kommt. FĂŒr solche Pakete mit bekannten Namen als Schauspieler und Regisseuren und einem gutem Verleih wird es leichter, weitere Geldgeber zu gewinnen als fĂŒr Leute, die pur inhaltlich denken, ein tolles Drehbuch haben und ĂŒber keine bekannten Schauspieler oder keinen versierten Regisseure verfĂŒgen. Die haben es sicher schwerer. Davon abgesehen werden auch bei uns die Spitzengagen an die mĂ€nnlichen Schauspieler gezahlt.

Wie steht’s mit den deutschen Stars – gibt es sie wieder?

Ich glaube schon, dass wir auf dem Wege dazu sind und dass wir sie brauchen. Ich glaube, dass das Publikum ins Kino geht, weil es bestimmte Leute sehen will. Ich bin auch so ein KinogÀnger, weil ich bestimmte Schauspieler sehen will und weil mich das interessiert, auch in Deutschland. Es gibt etliche Schauspieler, die ich gerne anschaue und die mich ins Kino ziehen. Und ich wÀre auch gern eine von denen.

Gibt es eine Dir Ă€hnliche Schauspielerin im deutschen Kino bezĂŒglich des Potentials und Images? Katja Riemann z. B. ist doch das Gegenteil von Dir als eine, die sehr festgelegt scheint.

Ich glaube, diese WandlungsfĂ€higkeit trauen auch viele Leute der Riemann zu. Es hat mich selber sehr erstaunt, aber sie spielt fĂŒrs Fernsehen in einem Drama gerade eine JĂŒdin, mit braunen Kontaktlinsen usw.
An deutschen Schauspielerinnen interessieren mich Meret Becker, Martina Gedeck, Corinna Harfouch, die ich mir vor allem aus schauspieltechnischer Sicht anschaue.

Glaubst Du, dass Du ein bestimmtes Image verkörperst?

Ich denke, wenn man etwas von mir weiß, dann weiß man vielleicht, dass ich vom Theater komme, dass ich angefangen habe, die Filme selber zu schreiben mit Dani, dass wir mit low budget-Produktionen angefangen haben ...

Welches GefĂŒhl löst Du Deiner Meinung nach bei den Leuten aus, die denken , Du bist ‘ne Schrille oder was glaubst Du?

Nein, das glaub ich nicht. So schubladisieren kann ich’s nicht. Ich kann aber sagen, dass, wann immer Leute auf mich zukommen, es irrsinnig positiv ist. Ich habe noch keine Reaktion erlebt, in der ich einen Bekanntheits- oder ÜbersĂ€ttigungsgrad erreicht hĂ€tte, dass ich bei den Leuten Allergien hervorrufe o.Ă€. Es ist schon oft so, dass Leute auf mich zukommen, es sind meistens Frauen, die sagen: „Wenn Sie da sind, das gucken wir uns gerne an.“ Ich habe das GefĂŒhl, wenn ich ein Image habe, dann so eines, dass ich seltener auftrete, aber wenn, dann ein bisschen eigenwilliger. Manchmal habe ich das GefĂŒhl, die Leute sind froh, dass sie das auch mitgekriegt haben, dass sie doch auch in den Film gegangen sind, weil es doch etwas Spezielles war. Oder weil ich mit den Rollen, gerade in „Keiner liebt mich“, bestimmt ein spezielles Frauenpublikum angesprochen habe bzw. dass ich eine Frauenfigur gespielt habe, die sonst nicht so hĂ€ufig zu sehen ist, wo sich die Einsamkeit so auf der Leinwand ausbreiten kann. Es ist ja selten so, dass es fĂŒr diese Dinge soviel Platz gibt in einem Film. Ich glaube, damit haben sich gerade viele Frauen identifiziert und das haben sie gemocht.

Es wird einfach in den meisten Filmen ganz viel weggelassen, die man zusehen kriegt, weil die Tendenz komödiantisch, lustig und spritzig ist. Ich finde, dass das andere auch wichtig ist, weil in „Keiner liebt mich“ auch viel vom Tod erzĂ€hlt wird u. Ă€.

Ist es fĂŒr Dich wichtig, in Filmen mitzuspielen, die mehr mit der RealitĂ€t zu tun haben?

Ja. Ich habe mich von dem Gedanken verabschiedet, dass man alles kann. Das man sich selbst auch so formen kann und das es eigentlich alles nur eine Frage der Entscheidung ist, was man will und was nicht.

Ich glaube, dass ich fĂŒr bestimmte Dinge sehr gut bin und fĂŒr andere nicht. Ich glaube, dass ich das aber nur zum Teil beeinflussen kann. Ich kann nur bei etwas mitmachen, was mir gefĂ€llt. Ich kann nur bei einem Film mitmachen, wo ich Respekt habe fĂŒr die Leute, die ihn machen oder wo ich selber etwas erwarte. Ich mag meinen persönlichen Geschmack, den kann ich aber selber fast nicht beeinflussen. Das sind instinktive Reaktionen, die ich auf Sachen habe, warum mir dies gefĂ€llt und warum mir das nicht gefĂ€llt. Und so sind es eben Filme, die bestimmt nicht so ein großes Publikum haben wie Til Schweiger-Filme.
Es kann tatsĂ€chlich sein, dass es immer so sein wird, dass ich eher bei Sachen mitmache, die ein bisschen komplizierter und schwieriger zugĂ€nglich fĂŒr ein Publikum sind.

Stimmt es Dich traurig, dass Du deswegen nur einen beschrÀnkten Zuschauerkreis erreichst?

Ja, absolut. Na klar, weil ich ja den gleichen Glauben in die Sachen habe, die ich mache, wie Til Schweiger. Ich glaube, dass er mit großer Leidenschaft und großem Glauben in seine Projekte einsteigt. Er macht Filme, die er selber sehen möchte. Und ich glaube auch, dass ich Filme mache, die ich selber sehen möchte. Bloß ich stehe mehr alleine da als er. Das macht mich schon traurig, natĂŒrlich.

Es gibt etwas, was mich so quĂ€lt wie kaum etwas anderes in dem GeschĂ€ft, nĂ€mlich genau die Phase, in die wir jetzt eintreten mit „Meschugge“. Man arbeitet jahrelang an etwas, was ein Phantasieprodukt ist. Plötzlich wird es ein Film, den man so gut macht, wie man’s kann, bis er fertig ist. In dem Moment gibt man den Film ab und dann kommt der zweite, riesig wichtige Teil einer solchen Arbeit, nĂ€mlich die Vermarktung. Die haben wir, Dani und ich, nicht mehr in der Hand. Das heißt nicht, dass wir es besser machen wĂŒrden. Aber der Film kommt eben plötzlich auf den Markt, wo er sein Publikum findet oder nicht. Und ich wĂŒnsche mir immer, dass ich mit dem zweiten Teil nichts zu tun haben muss, dass ich ĂŒber die Zeit vielleicht sogar weg kann, weil mich das so quĂ€lt. Die Vorstellung, nach dieser ganzen Arbeit und Liebe, die darin steckt, dass „Meschugge“ wieder unter 100 000 Zuschauer hat, ist echt qualvoll. Das macht mir total viel aus.

Ich wĂŒnsche mir, dass es ein durchschlagender Erfolg wird. Auch deswegen, weil ich weiß, dass man so’ ne BestĂ€tigung braucht, um so weiterarbeiten zu können und dass es einen wahnsinnig beeinflusst. Wenn man einen Flop nach dem anderen macht, dann ist der einzige Motor weiterzumachen: „Ja, und trotzdem mache ich das jetzt aber gegen euch alle.“ Das ist aber die total falsche Motivation.

Schaust Du Dir Deine Filme spÀter noch mal im Kino an?
Nein, das wÀre mir, glaube ich, irre peinlich. Das habe ich noch nie gemacht.

Um die Rolle der Anna in „Burning life“ anzusprechen: Hast Du Dir bei der Aneignung der Figur Gedanken ĂŒber die Wiedervereinigung gemacht, wie sich die Ostdeutschen fĂŒhlen etc., oder war es nur ein Spiel fĂŒr Dich? Spielen Randerscheinungen aus Deinem privaten und politischen Erleben fĂŒr eine Figureninterpretation eine Rolle?

Eigentlich ja. NatĂŒrlich habe ich mir darĂŒber Gedanken gemacht, aber gleichzeitig auch erkannt, dass besonders die Anna anders ist. Sie entzieht sich ja total dieser Problematik, eigentlich jeglicher Problematik. Sie lĂ€uft von zu Hause weg, sie verlĂ€sst jede Art von Wurzeln: ihren Mann und ihr Kind, ihren bĂŒrgerlichen Beruf und jede Art von einer politischen IdentitĂ€t. Sie wird eine Art Paradiesvogel. Sie will jemand Neues sein, die will auf keinen Fall ‘ne DDR-Frau sein. NatĂŒrlich ist „Burning life“ kein sozial-naturalistischer Film, genauso wenig wie „I was on Mars“. Aber beide Filme behandeln den Fall der Mauer und die ErfĂŒllung der TrĂ€ume. Was die beiden Frauen machen, um endlich etwas zu erleben.

Beide Male hat es aber auch etwas total mĂ€rchenhaftes. Ich glaube auch, dass ich diese beiden Figuren nur spielen konnte, weil die Filme andererseits auf eine bestimmte Art so abgehoben sind, so unrealistisch. Ich bin eben nicht die DDR-Frau. Ich bin eigentlich die falsche Besetzung fĂŒr jemanden wie die Anna. Ich bin weder aus der DDR, noch bin ich SĂ€ngerin, noch habe ich diese Art von sozialem Background. Ich bin viel akademischer aufgewachsen, viel intellektueller. Wenn du offen und neugierig genug bist, dann schleicht sich aber all das in dein Bewusstsein ein, ganz gleich, von welcher Seite du das erlebst. Es ist egal, ob ich aus dem Westen oder Osten komme, wenn ich U-Bahn fahre, dann erlebe ich beides. Egal, wo ich herkomme, wenn ich in Berlin bin, kann ich beides sehen. Wenn ich „Burning life“ drehe und in Orten wie Schwarze Pumpe ĂŒbernachte, kriege ich ein GefĂŒhl fĂŒr etwas, auch wenn es nur fĂŒr eine kurze Zeit ist. Ich bin ganz sicher, dass all das auch in mein Spielen fließt.

Selbst wenn es so ist, dass man sich eigentlich nur noch auf die Situation konzentriert. Aber z.B. bei „I was on Mars“ bin ich selber fĂŒr 10 Tage nach Polen gefahren und hatte ein ganz Ă€hnliches Erlebnis in einer Fremde, ohne eine Sprache zu sprechen, ohne einen Anschluss zu haben. Genau wie die Silva, die ich in New York gespielt habe. Ich finde, dass das austauschbar ist. Es interessiert mich dann nicht, ob die Einsamkeit oder die Neugier einer solchen Figur aus dem Osten oder aus dem Westen kommt. Deswegen gehe ich ja nicht ins Kino, um dokumentarische Sachen zu sehen, sondern um alle Figuren und GefĂŒhle mitzuerleben. In dem Moment wird es austauschbar. Ich finde nicht, dass es diese Deckungsgleichheit haben muss, dass man aus der DDR sein muss, um jemanden aus der DDR spielen zu dĂŒrfen.
Durch „Burning life“ bin ich in Gegenden gekommen, wo ich allein nie hingekommen wĂ€re. Das war ungeheuer interessant.

Entdeckst Du Unterschiede zwischen dem Ost- und Westberliner Leben?

Ja, na klar. Ich spĂŒre sehr schnell, wenn jemand aus dem Osten kommt. Genauso ist es umgekehrt. Aber woran benennt man das, kann man das? NatĂŒrlich ist es die Sprache. Was ich z.B. total an den Ostlern liebe, ist so ein echter, trockener Humor. Bei ganz jungen Frauen, so Anfang zwanzig, habe ich das GefĂŒhl, die sind viel robuster und hĂ€rter im Nehmen, nicht so wahnsinnig fixiert auf ihre eigenen Wehwehchen, nicht so Ichbezogen. Was mir gut gefĂ€llt, sind viele Frauen in meinem Alter oder ein bisschen Ă€lter, die ich kennen gelernt habe, die in den letzten 10 oder 15 Jahren ein völlig anderes Leben gefĂŒhrt haben, weil die lĂ€ngst Kinder gekriegt, einen ganz anderen Alltag miterlebt und sich so auch eine andere Robustheit angeeignet haben. Auch fĂŒr die Wende, wo sie sich auf eine ganz andere Art behaupten mussten.

Spielt Reisen auch außerhalb des Berufes eine Rolle fĂŒr Dich?

Ja, ich bin schon immer gerne und viel gereist. Es ist wichtig fĂŒr mich, es macht mir totalen Spaß und es gehört dazu. Allerdings: so richtig gereist bin ich nur selten, d.h. dass man sich auch etwas zumutet, dass man sich auf die Fremdheit von einem Land oder von Leuten auch wirklich einlĂ€sst. Und das habe ich auch nur in Amerika gemacht. Ich liebe ich es natĂŒrlich sehr, mit der Arbeit zu reisen, in der Fremde zu sein, z.B. in New York . Dort sein, um zu arbeiten, ist irre. Du erschließt dir die Orte völlig anders, du musst ja eine gewisse Infrastruktur kennen etc.
„I was on Mars“ ist ja fĂŒr „Meschugge“ gemacht worden. Wir sind nach New York gegangen, um allen zu zeigen, dass man in New York einen Film drehen kann.

Kanntet Ihr die Filmstrukturen in New York?

Nein, ĂŒberhaupt nicht. Wir sind mit einer Adresse von einer Filmproduktion nach New York gefahren und haben uns durchgefragt, durchgeschlagen und durchgeguckt, bis wir an Leute geraten sind, die uns an die Hand genommen haben. Wichtig ist dabei, dass man ĂŒber andere neue Leute kennen lernt und sich so ein Arbeitsfeld aufbaut. „Meschugge“ basiert auf unseren Kontakten von „I was on Mars“. Aber auch das Drehbuch von „Meschugge“. Unsere erste Reise nach New York haben wir nicht in Bezug auf die Produktion gemacht, sondern wegen des Drehbuchs und der Geschichte, die wir erzĂ€hlen wollten. Wir haben uns anders bewegt als die meisten Touristen. Ich war nur in Brooklyn, wir haben mit versteckter Kamera gearbeitet und haben uns in den Gegenden der orthodoxen Juden rumgetrieben.

Inwieweit habt Ihr das Judenmilieu studieren können?

Vor allem ĂŒber Dani. Ich habe mich auch als JĂŒdin ausgegeben, eine Zeit lang. Anders wĂ€re das auch gar nicht gegangen, anders wĂ€re ich da nie mit eingeladen worden. Am Anfang war auch das Milieu unserer Figuren im Buch zu „Meschugge“ sehr viel religiöser. In diese Kreise von Juden kommst Du nicht als Nichtjude. Deswegen habe ich eben gelogen und richtig improvisert. Dann wurde ich auch ĂŒber meine Familiengeschichte ausgefragt. NatĂŒrlich sind sie besonders wissbegierig, wenn sie erfahren, dass du aus Deutschland kommst, weil das immer noch einen anderen Aspekt hat. Dann haben wir uns eingekleidet, wir haben uns quasi auch richtig verkleidet, wir haben den ganzen Schabbes gemeinsam verbracht.
Aber dieser ethnische Aspekt hat uns im Verlaufe der Arbeit am Film immer weniger interessiert. Es ging dann nicht mehr um die ethnische Unterschiedlichkeit, sondern um die Schicksalsgeschichte der beiden Hauptfiguren.

Wie tritt Maria Schrader als Produzentin von „Meschugge“ in Erscheinung?

Bei „Stille Nacht“ und „Meschugge“ ist es so, dass die beiden Projekte schon viel lĂ€nger existieren als die Produktionsfirma X-Filme. Dadurch ist viel Geld in die Projekte investiert worden, bevor X-Filme investiert hat. Ich habe die DrehbĂŒcher mitgeschrieben und es gab auch Finanzierungspartner fĂŒr dieses Projekt, den WDR beispielsweise. Diese Partner gab es durch unsere Kontakte, noch bevor X-Filme investiert hat. Dadurch hab ich gewisse Rechte an dem Stoff, durch mein eigenes Investment und durch meine Arbeit. Das sind meine Produktionsanteile. Die waren an die Projekte schon geheftet, bevor X-Filme einstieg. Dadurch bin ich stille Co-Produzentin, d.h. ich teile Rechte mit der Firma. Dani Levy ist in X-Filme eingebunden, hat aber auch noch gesonderte Rechte. Fool-Film ist die Firma von Dani Levy und mir, die gab es auch lange vor X-Filme. Die gibt es auch noch. Ob das bei „Meschugge“ wieder das gleiche Verfahren sein wird, eine Co-Produktion zwischen Fool-Film und X-Filme oder zwischen uns als Personen und X-Filme, das weiß ich noch nicht. Das ist eine rechtliche Angelegenheit, die noch nicht geklĂ€rt ist.

Wird es nach der privaten Trennung von Dani Levy weitere Projekte des Duo’s Schrader/Levy geben?

Ich hoffe nicht, dass dadurch ein endgĂŒltiger Schlussstrich gezogen ist. Dazu ist mir die Beziehung zu Dani, vor allem auch die Arbeitsbeziehung, zu wertvoll. Im Moment ist es so, dass es keine Projekte auf Halde gibt, die schon in einem gewissen Stadium sind und jetzt einfach weitergearbeitet werden mĂŒssen. Es gibt ein Projekt, was aber mehr oder weniger aus der Feder von Dani stammt, was er sicher nach „Meschugge“ angehen wird. Ob ich daran teilnehme, das wird sich zeigen. GrundsĂ€tzlich hoffe ich, dass wir weiterarbeiten. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass nĂ€chste Projekt nicht sofort wieder so ein Zweierding wird, wo jeder von dem anderen abhĂ€ngig ist, sondern dass man auch mal mit anderen Erfahrungen sammelt.

Die Projekte, die wir bisher gemeinsam gemacht haben, diese Ideen dazu, stammen natĂŒrlich aus gemeinsamen Erlebnissen. Wenn man ein Leben miteinander teilt, zusammen in den Urlaub fĂ€hrt, Menschen trifft oder GesprĂ€che fĂŒhrt, dann passiert einiges, was man zusammen erlebt. Daraus erwachsen Ideen. Es ist eine organische Sache, wie man auf Ideen kommt. Wenn man sein Leben nicht mehr teilt, dann kann es sein, das etwas fehlt, dass es sehr viel schwieriger ist, zueinander zu kommen oder ĂŒberhaupt gemeinsame Ideen zu entwickeln, weil es nur noch wenig Gemeinsames gibt. Aber das kann ich momentan schwer einschĂ€tzen, weil wir unser letztes Jahr ĂŒber „Meschugge“ wahnsinnig eng miteinander verbracht haben.Wir hatten uns entschlossen, „Meschugge“ doch zu machen, trotz der Trennung, und wir haben das sehr gut miteinander gemacht. Es hat sich mir wieder bestĂ€tigt, dass wir einfach ein gutes Team sind. Ich bin vielleicht auch in dieser Beziehung treuer als in anderen Beziehungen. Das ist wirklich etwas, wo er fĂŒr mich unaustauschbar ist. Ich kann mir nicht vorstellen, auf diese Art und Weise mit irgend jemand anderem zu schreiben, mich auszutauschen oder inhaltlich so ĂŒber ein zustimmen.

Ist es Levys Anspruch, nur eigene Projekte zu verwirklichen?

Nein. Aber es hat sich so entwickelt. Auf der einen Seite ist er sehr wĂ€hlerisch. Seine Arbeit zeichnet sich natĂŒrlich durch eine große Eigenwilligkeit aus und seine Filme sind durch die Geschichten geprĂ€gt, die er erzĂ€hlt. Ich denke, dass sich viele Produzenten schwer vorstellen können, dass er auch mal einen ganz anderen Stoff inszenieren könnte. Vielleicht sind ihnen die Levy-Filme zu speziell, als dass ihm viele andere Sujets oder Stoffe angeboten werden. Ich denke, dass diese Leute zu wenig Phantasie haben. Man sollte ihm viel mehr anbieten, und zwar auch Stoffe aus der ersten Liga. Die großen Firmen wie Constantin oder Senator sollten sich mal trauen, an Dani ranzutreten. Er ist nicht verschlossen, um anderer Leute BĂŒcher zu verfilmen, sie mĂŒssen nur gut sein.

Wie wĂŒrdest Du Levy’ s Handschrift beschreiben?

In meinen Augen ist vielleicht das Typischste an ihm, seine Art zu schreiben. Er hat eine gewisse FĂ€higkeit, die total selten ist, nĂ€mlich Tragik und Komik miteinander zu verbinden. Er ist ein irre guter Dialogschreiber, wo in den guten Szenen mit einem gewissen Witz etwas Trauriges beschrieben wird. Diesen spielerischen Ansatz bewundere ich an ihm sehr. Wenn Dani gut drauf ist, dann hat er so eine ĂŒberschwĂ€ngliche Phantasie, die so spielerisch und so ungehemmt ist. Ich bin dagegen jemand, der sich viel schneller selbst zensiert. Aus mir sprudelt es nicht so raus wie aus Dani. Ich glaube auch, wenn er glĂŒcklich, gesund und ohne Sorgen ist, dann wird er immer diese Not bzw. dieses BedĂŒrfnis haben, etwas zu kreieren und zu schreiben. Ihm werden immer Sachen einfallen, irgendwelche Geschichten. Das ist eine Sache, in der ich ihm total vertraue, weil er wie eine Quelle ist, die nie versiegt.

Im Gegensatz zu vielen anderen, die ich kenne, zu denen ich mich auch zĂ€hlen wĂŒrde. Zumindest im kreativen Sinne mĂŒssen wir wahnsinnig arbeiten, bis die Ideen kommen. Das muss Dani nicht und das ist das AuffĂ€lligste an ihm. Ansonsten gefĂ€llt mir seine Neugier, die sich auch in seinen Filmen zeigt. Er sagt nicht: ‘Ich baue die Sachen so und so aufeinander auf, oder mein Thema ist das und das und deswegen bezieht sich jeder Film darauf ...’, sondern ich finde es gerade spannend, wie unterschiedlich diese Filme sind. Er hat zweimal mit „RobbyKallePaul“ und „Stille Nacht“ extremste Kammerspiele gemacht und sich mit „Meschugge“ an eine ganz klassische ErzĂ€hlweise gewagt. Vorher ging es immer um ganz atmosphĂ€rische Sachen und plötzlich geht es um eine Plotgeschichte, die zu erzĂ€hlen ist und um einen Krimi.

„Die Woche“(13.01.1995) schreibt ĂŒber Dich in Bezug auf Levy: „Wenn sie ĂŒber ihn erzĂ€hlt, glaubt man. er alleine könne das deutsche Kino retten – wenn man ihn nur ließe.“/1/ Teilst Du dieses Urteil?

Ich finde das irgendwie charmant, wie sie es beschrieben haben. Es zeigt, dass ich einfach große StĂŒcke auf ihn halte, wenn ich von ihm erzĂ€hle, und das ist wahr! Nach allem, was ich mit ihm erlebt habe, und ich kenne ihn , glaube ich, besser als jeden anderen, halte ich einfach irre viel von ihm und habe eine ganz hohe Meinung von ihm als Filmemacher. Und zwar deswegen, weil ich ganz viel von ihm erlebt habe und weil ich glaube, dass er wahnsinnig unterschĂ€tzt wird. Ich werfe das den Leuten auch vor. Ich bin richtig sauer, wenn ich manchmal mitkriege, wie irgendwelche Luschen, die von der Filmhochschule MĂŒnchen kommen, wie die sich auf so eine einfache und in meinen Augen auch billige Weise Eingang verschaffen und sofort irgendwelche großen FernsehauftrĂ€ge inszenieren und das schlecht tun, wie solche Leute solche großen AuftrĂ€ge kriegen und wie jemand wie Dani einfach von so einem großen Teil des GeschĂ€fts und der Branche links liegengelassen wird. Das trifft ĂŒbrigens auf alles zu, was wir zusammen gemacht haben: Wir mussten uns tatsĂ€chlich immer irgendwie durchsetzen. Wie selten habe ich das GefĂŒhl hatte, dass man mit Erwartung auf einen Film von Dani schaut. Das passiert gar nicht, dass es Förderer gibt, die sagen: ‘Hey, das ist ein echtes Talent, dem biete ich jetzt mal etwas an, auch wenn es ein Film ist, der ganz anders ist, als das, was der bis jetzt gemacht hat.’ Ich glaube, das hat auch mit BerĂŒhrungsĂ€ngsten zu tun, dass die Leute so gar nicht wissen, wer das eigentlich ist. Die sehen ihn als Autorenfilmer, der nur Sachen verfilmt, die er auch selber geschrieben hat. Ich finde das so richtig dĂ€mlich.

Man kann ĂŒber „Stille Nacht“ und „Meschugge“ sagen, was man will, man kann die Filme schlecht finden, man kann sich vom Inhalt peinlich berĂŒhrt fĂŒhlen, aber man muss zugeben, dass diese Filme fĂŒr deutsche VerhĂ€ltnisse ĂŒberdurchschnittlich gut gemacht sind. Da sieht man einfach, dass jemand Filme machen kann. Das wird aber von der Branche ignoriert. In meinen Augen mĂŒsste Dani Levy als Regisseur richtige Angebote kriegen, die kriegt er aber nicht. Deswegen macht er natĂŒrlich auch nur seine eigenen Sachen. Im Moment hat er dazu keine Alternative.

Meinst Du damit, dass es wenig gute junge Filmemacher in Deutschland gibt?

Da hat sich natĂŒrlich so eine kleine Crew bei X-Filme versammelt, die ich nicht nur gut kenne, sondern die ich auch inhaltlich und „filmemacherisch“ als mein Heimatland bezeichnen wĂŒrde, das sind Leute wie Tom Tykwer, Wolfgang Becker, Dani Levy und deren Milieu. DarĂŒber hinaus habe ich gerade absolut jemanden fĂŒr mich entdeckt, das ist Max FĂ€rberböck, den ich fĂŒr einen wirklich guten Regisseur halte. Doris Dörrie finde ich ebenfalls sehr gut. „AimĂše und Jaguar“ ist der erste Kinofilm von FĂ€rberböck Er hat vorher im Fernsehen die Bella-Block-Reihe gemacht und einige einzelne Fernsehspiele, kommt aber vom Theater. Wen gibt es noch, den ich wirklich spannend finde? Ich dachte mal, ich wĂŒrde Matthias Glasner sehr spannend finden, aber ich bin mir nicht mehr sicher. Sönke Wortmann interessiert mich ĂŒberhaupt nicht, fĂŒr mich ist er ein ziemlich langweiliger Regisseur. Bei Detlef Buck habe ich nach „MĂ€nnerpension“ mein Interesse verloren. Das ist so abgepackt: Man nehme davon und jenes, das gut vermischt ergibt dann doch mit Sicherheit den und den Geschmack. NatĂŒrlich alles in seiner speziellen Art, ich finde Buck nach wie vor einen irre charmanten und auf der Leinwand auch total liebenswerten Typen. Er hat eine eigene Art von Sprache kreiert. FĂŒr mich ist sein bester Film „Wir können auch anders“, weil er wirklich ein Komikerpaar erschaffen hat, das sehr eigenwillig ist.
Wen ich noch interessant finde, ist Helmut Dietl, gerade aus der Riege der Großen, Alteingesessenen wie Dieter Wedel und Josef Vilsmaier.

Was sind Deine schauspielerischen Mittel?

Ich glaube, dass ich eine speziell ausgeprĂ€gte FĂ€higkeit habe, die gut ist fĂŒrs Spielen. NatĂŒrlich glaube ich an gewisse FĂ€higkeiten an mir. Eine davon ist, dass ich ein GefĂŒhl von Echtheit habe. Ich kann mich sehr auf mein GefĂŒhl und auf meinen Instinkt verlassen. Wenn es mir gut geht und alles so klappt, wie ich es mir vorstelle, habe ich eine ganze Menge Phantasie. Ich habe die FĂ€higkeit, mich so zu konzentrieren, dass ich wirklich etwas erlebe beim Spielen, die Konzentration reicht soweit, dass ich Sachen vergesse und dass wirklich etwas passiert. Dass ich mir selbst und dadurch auch dem Publikum ein Erlebnis verschaffen kann. Gleichzeitig merke ich dann auch, ob und wie das rĂŒberkommt. Gerade bei der Schauspielerei ist es am schrecklichsten, wenn man spĂŒrt, jemand „macht“ und „stellt her“, egal mit welchen Mitteln. Egal ob man Profi oder Laie ist, man bekommt das sehr schnell mit, ob man den Leuten etwas glaubt oder nicht, ob sie einen fesseln oder nicht. Ich glaube, ich kann das selbst gut fĂŒhlen, was positiv ist und was nicht.
Ansonsten kann ich mich schwer selber beurteilen. In den Sachen, die ich bisher gemacht habe, zeichne ich mich vielleicht eher dadurch aus, dass sie sehr unterschiedlich voneinander sind. Oder dass die Leute mich nicht sofort wiedererkennen, eben n i c h t sofort wiedererkennen. Das finde ich Klasse, das gefĂ€llt mir natĂŒrlich. Ich fasse das als Kompliment auf. Ich achte natĂŒrlich darauf, selbst Neues auszuprobieren oder anders auszusehen.

Welche Rolle spielen KostĂŒmierung, Mode, Schmuck etc.?

Das ist wichtig. Das man sich verĂ€ndert, kann auf verschiedene Weise passieren. Z.B. gab es bei „I was on Mars“ die Geschichte mit der Wurst: Ich habe viele Sachen aus Polen mitgebracht, zum Teil Accessoires und Lebensmittel. Es gibt eine Szene, wo Silva die ganze Zeit eine Wurst isst. Das war tatsĂ€chlich so eine polnische, fettige Salami, auf der ich so oft rumgekaut habe, unweigerlich, weil das zu der Szene gehörte, dass mich der Geschmack dieser Wurst zu dieser Figur der Silva gemacht hat. Ich hab mich so elend gefĂŒhlt, wie man sich einfach fĂŒhlt, wenn man nichts anderes zu fressen hat als so ‘ne Wurst.

So Ă€hnlich war das bei der KostĂŒmprobe von „AimĂše und Jaguar“, wo ich in der Theaterkunst war und drei Frauen um mich rumwuselten, ich das erste Mal in meinem Leben Kleider angezogen habe, die aus historischen Stoffen fĂŒr meine Körpermaße gemacht waren. Es ist erstaunlich, wie man sich verĂ€ndert, wenn man so etwas anhat, was man plötzlich fĂŒr eine Haltung erlangt, wie gut man plötzlich aussieht. Wenn man sich so im Spiegel sieht, das ist eine ganz neue Erfahrung und insofern spielen KostĂŒm, Maske usw. natĂŒrlich mit. So kann man sich von außen nach innen verĂ€ndern, weil wie man sich von außen wahrnimmt, dass verĂ€ndert das Innere und genauso umgekehrt.

Im Privaten ist es oft so, dass ich mich völlig entziehe, jeder Art von Verkleidung. Es gibt oft richtig lange Phasen, wo ich mich weigere, mich zu schminken, mich irgendwie bewusst oder schön anzuziehen, wo ich einfach irgendwas anziehe. Gerade nach dem letzten Jahr ist mir dieses ‘sich Kleiden und Aussehen mĂŒssen’ wahnsinnig auf die Nerven gegangen. Was natĂŒrlich mit Filmen zu tun hat, ganz besonders bei „AimĂše und Jaguar“. Ganze Tage waren davon bestimmt und frĂŒhmorgens drei Stunden in der Maske sitzen: Du darfst dir nicht in die Haare fassen, du kannst nicht ĂŒber die Augen wischen etc., das verinnerlichst du dann irgendwann so, dass du dich anders bewegst, ein anderes Bewusstsein dafĂŒr hast und irgendwann geht es dir so auf den Geist, dass du nichts mehr davon wissen willst, wenn der Film abgedreht ist. Dann fĂ€llt alles zusammen.

Es gibt dann lange Phasen, wo ich einfach nach gar nichts aussehe, völlig unbestimmt, ungeschminkt, unbewusst, mir irgendwas anziehe und auch um den Kopf so aussehe. Dann fĂŒhle ich mich aber nicht so wahnsinnig wohl damit. Ich bin dann privat, ich will dann auch nur Leute sehen, die mir ganz eng verbunden sind und bei denen es keine Rolle mehr spielt.

Wenn ich mich aber schön mache, oder wenn ich Lust habe, gut auszusehen, dann ist das bestimmt zum Teil modisch. Meinen Stil wĂŒrde ich vielleicht so beschreiben, dass ich probiere, nicht so ganz einordbar zu sein. Ich mache schon alle Trends mit, aber das auch nicht ganz. Meistens stelle ich mir die Sachen selber zusammen. HĂ€ufig bin ich auch nicht zufrieden mit dem, was ich dann daraus mache. Oft denke ich, es gibt Leute, die haben ein wahnsinniges Talent, sich zu kleiden und einen eigenen Stil zu kreieren. Ich weiß gar nicht, ob ich das so gut kann. Ich verkaufe mich oft mit Sachen, die stehen mir ĂŒberhaupt nicht. Ich glaube, bei den wenigsten Menschen ist es so, dass es fĂŒr sie wirklich das Nonplusultra ist, so wie sie sich anziehen und prĂ€sentieren, dass sie genau so aussehen wollen. Es klappt eben nicht ganz, das Bild im Kopf und die RealitĂ€t stimmig zu machen.

Wenn ich unsicher bin oder weiß, ich muss irgendwohin, wo ich fotografiert werde, dann setze ich schon auf meine guten Pferde.

Was dominiert dann: Rock oder Hose?

Bestimmt zwei ein halb Jahre lang waren es Chinakleider, und zwar bevor sie jeder anhatte. Vor drei Jahren auf der Bundesfilmpreisverleihung trug ich schon diese Kleider. Da muss ich mal von mir sagen, dass ich nĂ€mlich Trendsetter war. Inzwischen haben Katja Riemann und alle anderen Chinakleider an. Bei mir hĂ€ngen sie im Schrank, weil ich jetzt keine Lust mehr habe, sie anzuziehen. Dann habe ich einen selbstgeschneiderten Anzug, den ich mir nach meinen Vorgaben habe anfertigen lassen, mit Federn ĂŒberall, den man tags wie nachts tragen kann.

Liest Du Zeitungsberichte ĂŒber Dich?

Ja. Wenn richtige Artikel ĂŒber mich erscheinen, dann les’ ich die auch, zum Teil sammle ich sie, andererseits sammelt die auch die Agentur. Ich probiere zunehmend, ein bisschen Einfluss darauf zu nehmen, dass nur gute Fotos von mir veröffentlicht werden.Ich habe bisher auch das GlĂŒck gehabt, dass ich als Person Maria Schrader noch nicht persönlich angegriffen wurde. So einen widerlichen Erguss wie von Maxim Biller ĂŒber Katja Riemann musste ich mir noch nicht gefallen lassen./2/ Auf der anderen Seite habe ich das gelesen und weiß,dass man das gar nicht an sich ranlassen darf.

Achtest Du auf Kritik?

Ja. Aber solche Kritiken, die sich inhaltlich wirklich interessieren, wo ich lese: ‘Wow, was hat der jetzt darin gesehen oder wie beschreibt der das’, die kann ich an einer Hand abzĂ€hlen. Welche Filmkritik kannst du lesen, die dir wirklich was sehr Interessantes vermittelt?!

Über „Stille Nacht“ schreibt Dirk Blothner/3/ u.a. dass die Story zwar auf VerĂ€nderung hinauslĂ€uft, dass die Zuschauer es aber in ihrem Erleben nicht nachvollziehen können. Es fehle an der BerĂŒcksichtigung der BedĂŒrfnisse des Publikums, der Film wĂŒrde keine StabilitĂ€t des Lebens vermitteln.

Das sehe ich nicht so. Aber ich gebe dem Recht, dass der Film weder Anleitung noch Lösung bietet. Es ist auch nicht so, dass die Julia am Ende weiß, wie es geht, was sie am Anfang noch nicht wusste. Das ist richtig. Trotzdem glaube ich, dass eine solche Nacht, wie die, die im Film gezeigt wird, nicht wieder zwischen den dreien passieren wird. Ich hab mir immer gedacht, dass wir mit der Thematik an die privaten Erfahrungen von jedem anknĂŒpfen. Denn die ganze Ausgangslage kennen viele Leute, ebenso bestimmte Passagen solcher GesprĂ€che, GefĂŒhle und Eifersucht. Ich hab mir immer die Tatsache als solche vorgestellt, dass sich drei Leute eine solche Schlammschlacht liefern durch diese Nacht hindurch, sich wirklich auch alles zumuten, zum Teil alles aussprechen, alle Fehler machen, so unwiderrufliche Dinge einander antun, dass es dem Zuschauer eine Möglichkeit gibt, die man in seinem Leben nicht hat. Entweder man erlebt es selbst und ist viel zu gefangen, sich selbst dabei zu beobachten wie eine Figur auf der Leinwand, oder man erlebt es mit Freunden und ist immer irgendwie involviert.

Aber das ist ja die Chance von Kino und von so einem Film, dass man Leute privat miterleben kann, ohne eingreifen zu mĂŒssen. Ich hab mir immer gedacht, dass das alleine etwas ist, was einem hilft. So etwas ist mir z.B. passiert bei „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ Das ist ein Film, der zum Teil so quĂ€lend anzusehen ist. Dadurch, dass sich aber andere Leute KĂ€mpfe liefern, die ich kenne, habe ich das GefĂŒhl, ich muss es fĂŒr mich nicht mehr tun.

Ich will auch gar nicht behaupten, der Film „Stille Nacht“ hĂ€tte vielleicht viel besser sein können. Vielleicht hĂ€tten wir auch noch ein paar Jahre warten mĂŒssen, um diesen Film mit einem tatsĂ€chlichen Ausgang zu schreiben, einer Message oder einer Anleitung, die ich gar nicht liefern konnte. Das ist ja auch das Problem. Wann immer ich solche „lehrreichen“ Filme sehe, die meistens aus Amerika kommen, dass ich diese MoralschlĂŒsse nicht mitmache. Meistens sind das genau die Punkte, an denen ich aussteige aus Filmen.
Andererseits weiß ich von Leuten, die sich „Stille Nacht“ angesehen haben, dass die sich mit dem Thema sehr beschĂ€ftigt haben.


Anmerkungen

1 RĂŒdiger Schmitz-Normann: Charisma und Können haben schon Star-QualitĂ€t: Jetzt fehlt Maria Schrader nur noch das Publikum. In: DIE WOCHE vom 13.01.1995.
2 Maxim Biller: Die Selbstverliebten. In: TEMPO, Nr. 8/1995.
3 vgl.: Dirk Blothner : Wirksame Filmthemen. In: Der bewegte Film., S. 35-48.