KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2004
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Isolde Dietrich
Der ostdeutsche Kleingarten im Spiegel der Quellen und im Alltagsleben der „kleinen Leute“
Am Ende war die DDR ein KleingĂ€rtnerparadies. Das Kleingartenwesen genoss umfassende staatliche Förderung und das Wohlwollen der Öffentlichkeit. Von 13,5 Millionen erwachsenen DDR-BĂŒrgern waren 1989 mehr als 1,2 Millionen organisierte KleingĂ€rtner – nicht eingerechnet ihre Angehörigen und Freunde, auch nicht die „Datschenbesitzer“, also die Nutzer von ErholungsgrundstĂŒcken, deren Anzahl noch wesentlich höher lag. 855.000 Parzellen mit rund 37.000 Hektar Land befanden sich in KleingĂ€rtnerhand. Das entsprach einer FlĂ€che von mehr als 50.000 Fußballfeldern. FĂŒr jede fĂŒnfte Familie bildete der Kleingarten neben der Wohnung und dem Betrieb einen dritten festen Bezugspunkt in der Topographie des Alltags. Dies verwies auf soziale TatbestĂ€nde und gĂŒltige Normen, auf eine Daseinsform und auf ein LebensgefĂŒhl, die sich dem Außenstehenden schwer beschreiben lassen.

Es ist unmöglich, auf all die lebensweltlichen ZusammenhĂ€nge einzugehen, in denen der Kleingarten stand und die erst in ihrer Gesamtheit die massenhafte Verbreitung dieser Institution erklĂ€ren. Wenn im Osten Deutschlands noch heute auf 100 Einwohner sechsmal mehr KleingĂ€rten als im Westen kommen, zeugt das von einer erstaunlichen StabilitĂ€t in diesem Milieu. Fehlende Reisefreiheit, mangelnde Freizeit-, Erholungs- und VergnĂŒgungsangebote, schlechte Obst- und GemĂŒseversorgung und dergleichen Defizite, die mitunter fĂŒr das AufblĂŒhen des Kleingartenwesens in Ostdeutschland verantwortlich gemacht werden, können nicht die einzigen Ursachen dafĂŒr gewesen sein. Sonst hĂ€tten sich die Gartenanlagen und -vereine lĂ€ngst bis auf eine RestgrĂ¶ĂŸe zurĂŒckbilden mĂŒssen. Hier waren offenbar noch andere UmstĂ€nde und BeweggrĂŒnde ausschlaggebend. Einige davon sollen im Folgenden skizziert werden. Dabei wird in zwei Schritten vorgegangen. Im ersten Teil werden die Quellen vorgestellt und diskutiert. Darauf gestĂŒtzt wird im zweiten Teil versucht, komplexe lebensweltliche ZusammenhĂ€nge zu beschreiben.

In aller Welt sind vergleichbare KleingĂ€rten BegleitphĂ€nomene von Industrialisierung und Urbanisierung. Erstaunlicherweise ist schon der verfĂŒgbare Quellenbestand typisch fĂŒr die ostdeutsche Staats- und Gesellschaftsverfassung. Darum kann es erhellend sein, eine Übersicht der benutzten Quellen an den Anfang zu stellen.

Als Erstes fĂ€llt dem Forschenden auf, wie schwierig es ist, Genaueres ĂŒber den ostdeutschen Kleingarten als Lebensort und Lebensform zu erfahren, obwohl es sich dabei um ein alltĂ€gliches MassenphĂ€nomen handelte. Reich ist die Literatur ĂŒber die GĂ€rten der Kabylen oder der Mayas. Ärmlich macht sich dagegen aus, was man ĂŒber die kleinen GĂ€rten vor der eigenen HaustĂŒr, am Bahndamm oder hinterm Gaswerk erfahren kann. Das auffindbare Material ist recht dĂŒrftig. Doch nimmt man alle schriftlichen, mĂŒndlichen, bildlichen und gegenstĂ€ndlichen Quellen zusammen, können sie einen ungefĂ€hren Eindruck davon vermitteln, was der Kleingarten im Leben der Leute bedeutete.


Schriftliche Quellen

Historische Forschung orientiert sich zunĂ€chst an schriftlichen Quellen und Materialien. FĂŒr die politisch organisierte sozialistische DDR-Gesellschaft befinden sich diese vor allem in der Stiftung "Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv" (SAPMO-BArch). Dort wird auch ein großer Teil der Überlieferungen aller mit dem Kleingartenwesen befassten Institutionen und Organisationen aufbewahrt, soweit sie auf zentraler Ebene entstanden sind. Dazu gehören die Hinterlassenschaft des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), der Deutschen Zentralverwaltungen fĂŒr Land- und Forstwirtschaft sowie fĂŒr Arbeit und SozialfĂŒrsorge, des PrĂ€sidiums des Ministerrates der DDR, des Landwirtschaftsministeriums bzw. des Ministeriums fĂŒr Land-, Forst- und NahrungsgĂŒterwirtschaft, des Bundesvorstands des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), des Zentralvorstandes der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB) sowie des Verbandes der KleingĂ€rtner, Siedler und KleintierzĂŒchter (VKSK).

Neben jenen vorwiegend unveröffentlichten Dokumenten ist anzuschauen, was von der KleingĂ€rtnerorganisation in Umlauf gebracht wurde. Das sind einmal die Zeitschriften Der KleingĂ€rtner und Garten und Kleintierzucht sowie Chroniken und Festschriften von Kleingartensparten bzw. –vereinen. Unter die einschlĂ€gigen Publikationen fĂ€llt auch die 1989 vom Zentralvorstand des VKSK herausgegebene Darstellung KleingĂ€rtner, Siedler und KleintierzĂŒchter in Vergangenheit und Gegenwart.

Wer etwas ĂŒber den Platz des Kleingartens im Leben der Ostdeutschen herausfinden will, muß jedoch den engen Kreis der rein gartenbezogenen Texte verlassen und sich den Ergebnissen der Alltagsforschung zuwenden. Obwohl jenes Feld ein Stiefkind der DDR-Wissenschaft war, liegen etliche verwertbare Befunde vor. Besonders aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang Erhebungen und Forschungsberichte des Leipziger Instituts fĂŒr Bedarfs- bzw. (ab 1967) Marktforschung der DDR zum Zeitverhalten der Bevölkerung. Seinerzeit waren die Ergebnisse nur fĂŒr den internen Gebrauch bestimmt. Heute sind sie ebenfalls in den BestĂ€nden der oben genannten Stiftung einzusehen. Nicht ausgewertet wurden Untersuchungen der Bauakademie der DDR zu den WohnwĂŒnschen und den realen WohnverhĂ€ltnissen der Ostdeutschen. Herangezogen worden sind dagegen kulturwissenschaftliche bzw. kulturhistorische Studien zu Alltag und Lebensweise arbeitender Menschen im 19. und 20. Jahrhundert, die zwischen 1975 und 1990 in der DDR erschienen.

Alle diese Texte geben in irgendeiner Weise Auskunft ĂŒber die ostdeutsche Kleingartenkultur als Lebenswelt, Milieu und kulturelle Szene. Schauen wir uns etwas nĂ€her an, was diese doch sehr unterschiedlichen Materialien bieten. Schon wenn wir quellenkritisch danach fragen, wie sie zustande gekommen sind, erfahren wir einiges ĂŒber das so genannte Kleingartenwesen.

Historiker greifen zunĂ€chst auf die wichtigsten und ihrer Meinung nach sichersten Quellen zurĂŒck: auf die offiziellen Dokumente des Staates, der Legislative, der Parteien und VerbĂ€nde. Sie sehen darin eine authentische Überlieferung zur Geschichte der Sowjetischen Besatzungszone und der Deutschen Demokratischen Republik. Der erste Weg fĂŒhrt darum in die Stiftung „Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv“. Dort ĂŒberkommt einen anfangs tiefe Ratlosigkeit. Wie soll man in BestĂ€nden, die viele laufende Meter, zum Teil sogar Kilometer umfassen, auf die breit gestreuten Dokumente zum Kleingartenwesen stoßen? Allein schon die vorhandenen oder im Entstehen begriffenen FindbĂŒcher und Karteien durchzusehen, wĂŒrde Wochen dauern, weil sie das Sachgebiet Kleingarten nicht gesondert verzeichnen. Da erscheint es sinnvoll, mit der Überlieferung des VKSK zu beginnen. An dieser Stelle mĂŒĂŸte doch am ehesten bekannt gewesen sein, wie es um die ostdeutschen KleingĂ€rten und KleingĂ€rtner stand. Ein Irrweg, wie sich schnell zeigt. Kein zweiter Bestand dĂŒrfte so lĂŒckenhaft und unbrauchbar sein wie dieser. Ganz offensichtlich hat der Zentralvorstand die eigene Hinterlassenschaft andernorts gesichert. In die Stiftung hat er jedenfalls nur mehr oder weniger belangloses Material eingebracht.

Verglichen damit ist das Schriftgut der SED wohlgeordnet und vermutlich vollstĂ€ndig einzusehen. Es hat nur einen Nachteil: Allein die archivwĂŒrdigen Papiere aus dem Zentralkomitee machen etwa 2800 laufende Meter aus. Sobald man herausgefunden hat, wer in den Jahren 1946 bis 1989 fĂŒr das Kleingartenwesen zustĂ€ndig war, beginnt sich der Nebel zu lichten. Es bleiben dann aber immer noch gewaltige Aktenberge ĂŒbrig. Durchgegangen werden muß alles, was im Zusammenhang mit den einschlĂ€gigen Tagungen und Beratungen des Parteivorstands bzw. des ZK entstanden ist, Protokolle von den maßgeblichen Sitzungen des Zentralsekretariats, des PolitbĂŒros und des Sekretariats, das Material aus der TĂ€tigkeit der Sekretariate und BĂŒros der jeweiligen SekretĂ€re des ZK fĂŒr Landwirtschaft, der Agrarkommission des PolitbĂŒros sowie der Abteilung Landwirtschaft des ZK. Dazu kommen noch die Protokolle von Parteitagen und Parteikonferenzen. Die beschaulichen kleinen GĂ€rten und das ehrpusselige Völkchen der „Laubenpieper“ haben die Staatspartei in einem Maße beschĂ€ftigt, daß man aus dem Staunen nicht herauskommt. Denn im Archiv wurden ja nur wichtige Sachen abgelegt. Der ganze laufende Schriftverkehr kam in den Reißwolf. Und alle bĂŒrokratischen Prozeduren liefen auf der Bezirks- und Kreisebene der SED noch einmal ab. Wenn man das bedenkt, bekommt man eine ungefĂ€hre Ahnung davon, welche Hebel die Partei in Gang gesetzt hat, wie viele Leute, wie viel Arbeitszeit, Papier usw. da zu bezahlen waren, um das Kleingartenwesen politisch, ideologisch und wirtschaftlich unter Kontrolle zu halten. Diese Aufmerksamkeit und dieser Aufwand dĂŒrften in der Welt wohl ohne Vergleich gewesen sein.

Dabei waren die innerparteilichen AktivitĂ€ten nur die eine Seite der Medaille. Sie fanden jeweils ihre Entsprechung auf Seiten der zustĂ€ndigen staatlichen Verwaltungsstellen sowie derjenigen Massenorganisationen, die von der SED mit dem Kleingartenwesen betraut worden waren, also dem FDGB, der VdgB und dem VKSK. Dabei erwies sich die völlige Unterordnung dieser Organisationen unter die SED fĂŒr den heutigen Forscher als GlĂŒcksfall. Was in deren BestĂ€nden fehlte, ließ sich meist in den SED-Akten finden. So muß man auch dem beiseite gebrachten VKSK-Archiv nicht nachtrauern. Kopien der wichtigsten Dokumente sind im Schriftgut der Abteilung Landwirtschaft des ZK enthalten.

Die einzige Zeit, die in den BestĂ€nden schlecht dokumentiert ist, sind die Jahre 1954 bis 1958. Damals hatte die Parteizentrale die ZĂŒgel vorĂŒbergehend aus der Hand gegeben und den Aufbau einer dezentralen KleingĂ€rtnerorganisation versucht. BuchstĂ€blich in letzter Minute hatte Walter Ulbricht 1953 die offizielle GrĂŒndung eines informell bereits arbeitenden Zentralverbandes der KleingĂ€rtner, Siedler und KleintierzĂŒchter verhindert. Nach der Bildung und Auflösung von LandesverbĂ€nden, einer von der SED angeordneten, dann von heute auf morgen wieder unterbundenen zonenweiten „Vereinigung der Kleingartenhilfe“ als Körperschaft öffentlichen Rechts und der ebenfalls von der SED dekretierten, aber nur kurzlebigen „Kleingartenhilfe des FDGB“ war das seit 1946 bereits der vierte fehlgeschlagene Versuch, die KleingĂ€rtnerschaft dauerhaft einzubinden. Die Sache sollte immer ganz demokratisch aussehen, aber doch unter Kuratel der Partei stehen. Die dann verfĂŒgte dezentrale Struktur konnte diese Quadratur des Kreises selbstredend erst recht nicht leisten. Anleitung und Kontrolle standen nur auf dem Papier oder wurden willkĂŒrlich gehandhabt. Die SED verlor völlig den Überblick. Was sich in jenen vier Jahren wirklich abspielte, lĂ€ĂŸt sich aus den BestĂ€nden der Stiftung nicht rekonstruieren. Dazu hĂ€tte man die Kreisarchive aufsuchen mĂŒssen, denn die Verantwortung fĂŒr das Kleingartenwesen lag in dieser Zeit allein bei den RĂ€ten der Kreise. Auf der zentralen Ebene war in einem eher unverbindlichen Sinne nur das Landwirtschaftsministerium zustĂ€ndig. Das ist zwar hier und da tĂ€tig geworden, etwa bei der Herausgabe einheitlicher Richtlinien fĂŒr die Arbeit verschiedener Kommissionen oder im Zusammenhang mit Versuchen, Kleingartenanlagen teilweise zu kollektivieren. Im allgemeinen hatte das Ministerium zu dieser Zeit aber ganz andere Sorgen.

Als sich 1957/58 die Anzeichen mehrten, daß die Entwicklung aus dem Ruder lief, schlug die ParteifĂŒhrung Alarm. Nach ihrer EinschĂ€tzung hatten sich im Kleingartenwesen „Vereinsmeierei“, „kleinbĂŒrgerliche KrĂ€fte“ und „negative Elemente“ breit gemacht. Auch die FachblĂ€tter waren wohl nicht auf Parteilinie. ZusĂ€tzlich schreckten Berichte ĂŒber „bockbierfestĂ€hnliche Gartenfeste“ die Genossen auf. (Übrigens wurden die KleingĂ€rtner drei Jahrzehnte spĂ€ter per Beschluß ihres Zentralvorstandes aufgefordert, sich auf die frĂŒheren Vereinstraditionen zu besinnen, die alten Feste neu zu beleben und endlich auch wieder „zĂŒnftige FrĂŒhschoppen“ zu veranstalten.)

Um dem Chaos ein Ende zu bereiten, ist am 22. April 1959 vom Sekretariat des ZK der SED die Bildung des VKSK beschlossen worden. Alle bisherigen RĂŒcksichten wurden beiseite geschoben. Die neue Organisation musste keinen basisdemokratischen Anstrich mehr haben. Gegen heftige WiderstĂ€nde seitens der KleingĂ€rtner und ihrer FunktionĂ€re ist die GrĂŒndung auf dem Parteiwege quasi generalstabsmĂ€ĂŸig vorbereitet und „durchgezogen“ worden. Das war ein Vorgeschmack darauf, daß kĂŒnftig auch in der KleingĂ€rtnerorganisation das Prinzip des „demokratischen Zentralismus“ zu gelten hatte. Von Anfang an war klar geregelt, daß Statut und „Kaderfragen“ Angelegenheit der SED-FĂŒhrungsgremien sind. Die Anleitung der laufenden Arbeit und deren Kontrolle oblag der Abteilung Landwirtschaft des ZK.

Von nun an kommt der Forscher bei der Quellensuche nicht mehr in Verlegenheit. Er braucht sich nur an diese Instanzen zu halten und wird dort alles Nötige finden. Das heißt, er stĂ¶ĂŸt – wie nicht anders zu erwarten - im Zusammenhang mit der KleingĂ€rtnerei im Wesentlichen auf Legitimationen und Sinnzuweisungen, AbsichtserklĂ€rungen und Bewertungen. Der Wandel in der Auffassung des Kleingartenwesens lĂ€ĂŸt sich durch alle Stadien hindurch verfolgen – vom Zeichen der Armut, dem Hort des Individualismus und der Vereinsmeierei, des kleinbĂŒrgerlichen RĂŒckzugs ins Privatleben, dem Hemmschuh im politischen Kampf, dem spießigen Relikt einer unseligen Vergangenheit ĂŒber viele Stationen hin bis zu der Vorstellung, die kleinen GĂ€rten wĂŒrden bis in alle Zukunft eine Perspektive haben – als Raum fĂŒr ein sinnerfĂŒlltes und schönes Leben und als Ressource fĂŒr eine gesunde ErnĂ€hrung. Insgesamt erfĂ€hrt man in den Akten viel ĂŒber den Horizont und ĂŒber das Funktionieren der politischen Apparate, weniger ĂŒber die kleinen GĂ€rten und noch weniger ĂŒber das Leben der Leute in und mit ihnen.

AuffĂ€llig und typisch fĂŒr das Kleingartenwesen in der SBZ. bzw. DDR ist, daß es von der Sache her zu allen Zeiten dem SekretĂ€r des ZK der SED fĂŒr Landwirtschaft und der entsprechenden Fachabteilung im zentralen Parteiapparat unterstand, unabhĂ€ngig davon, wie KleingĂ€rtner organisatorisch gerade erfaßt wurden. Die politische Auffassung der KleingĂ€rtnerei als agrarische Kleinstproduktion hat den Blick der Verantwortlichen von Anfang an verengt. Das sorgte seinerzeit fĂŒr viel Unmut. „Wir sind doch keine LPG“ war eine der gĂ€ngigen Reaktionen der KleingĂ€rtner auf den alljĂ€hrlich wiederkehrenden Appell, mehr anzubauen und grĂ¶ĂŸere Mengen an den Handel abzugeben. Die feste Einbindung der Kleingartenpolitik in die Agrarpolitik hatte zur Folge, daß die heute verfĂŒgbaren Quellen fast ausschließlich diesen wirtschaftlichen Aspekt des Kleingartens zur Sprache bringen, andere nur nebenher oder ĂŒberhaupt nicht berĂŒhren. So borniert dieser Standpunkt erscheinen mag – vielleicht war er ein Segen. Nicht auszudenken, was aus den GĂ€rten geworden wĂ€re, wenn im Parteiapparat die ZustĂ€ndigen fĂŒr das Bau- und Wohnungswesen oder gar die fĂŒr Kultur das Sagen gehabt hĂ€tten.

Das Durchforsten von Landwirtschaftsakten aus ĂŒber vier Jahrzehnten ist fĂŒr einen Kulturwissenschaftler und Alltagsforscher ein mĂŒhseliges, mitunter einschlĂ€ferndes Unterfangen. Dennoch bringt es viel ein. Nur auf diesem Wege bekommt man die nötigen Hintergrundinformationen und ein GespĂŒr dafĂŒr, warum die kleinen Parzellen so ein Politikum darstellten. Man erfĂ€hrt zum Beispiel, weshalb die ParteifĂŒhrung 1986 das Wohnungsbauprogramm durch ein groß angelegtes Kleingartenprogramm ergĂ€nzte. Man kann den Dokumenten auch entnehmen, aus welchem Grund Erich Honecker Anfang 1989, als die FlĂ€chenĂŒbergabe fĂŒr die geplanten 150.000 neuen GĂ€rten nur schleppend vorankam, die Angelegenheit zur Chefsache machte. Die wirtschaftlichen ZwĂ€nge waren unĂŒbersehbar. Die Versorgung mit Obst und GemĂŒse konnte nie wirklich gesichert werden. Im ersten Quartal 1989 brach sie wieder einmal vollends zusammen. Wenn man liest, dass das PolitbĂŒro sogar beschließen musste, die LagerbestĂ€nde an Möhren aus dem regulĂ€ren Handelsangebot zu nehmen und nur noch fĂŒr die industrielle Herstellung von SĂ€uglingsnahrung freizugeben, erhellt das schlagartig die Gesamtsituation. Zu diesem Zeitpunkt ging es also nicht um Bananen oder um andere Extras, sondern um den lebenswichtigen Grundbedarf. Als nun selbst das SuppengrĂŒn aus den GeschĂ€ften verschwand, hagelte es Beschwerden seitens der Bevölkerung. Es gab zahlreiche Drohungen, nicht zur Kommunalwahl zu gehen. Aus Mangel an Devisen und wegen der ohnehin hohen Verschuldung konnte auf dem Weltmarkt nichts gekauft werden. Auch die anderen sozialistischen LĂ€nder waren nicht imstande zu helfen. Die „BrĂŒder“ hatten selber nichts oder verlangten im Gegenzug teure Landmaschinen, die von einer staatlichen Planwirtschaft kurzfristig nicht zu liefern waren. Lediglich Ungarn schickte ein paar Paprikaschoten – eine mehr symbolische Geste, da die Menge nicht einmal fĂŒr die Ostberliner Innenstadt reichte.

KleingĂ€rtner sahen diese prekĂ€re Situation gelassener. Sie hatten zu jenem Zeitpunkt schon begonnen, ihre FrĂŒhbeete und GewĂ€chshĂ€user zu bestellen und wußten, daß die Durststrecke bald vorĂŒber ist. Ob die KleingĂ€rtnerei in diesem Sinne systemstabilisierend gewirkt hat, muß allerdings eine offene Frage bleiben. Wahrscheinlich kam zu den „klassischen“ befriedenden Funktionen, die dem Kleingarten seit jeher zugeschrieben wurden, in der DDR nur noch eine weitere hinzu: KleingĂ€rten sollten die Poren der staatlichen Planwirtschaft und der agrarischen Großproduktion schließen und so dazu beitragen, das Gesamtsystem zu stĂŒtzen.

Insgesamt wiesen die bĂŒrokratischen Aufzeichnungen aus den politischen Apparaten von allen ausgewerteten Quellen die grĂ¶ĂŸte Distanz zur lebensweltlichen Perspektive der KleingĂ€rtner auf. Sie prĂ€sentierten Auffassungen ĂŒber das Kleingartenwesen, nicht die Tatsachen selbst. Insofern sagten sie vor allem etwas ĂŒber die Denkweise und die Interessen ihrer Urheber aus, zeigen deren Erwartungen, Hoffnungen, Ängste, Ressentiments. Nur indirekt gaben sie einen Einblick in Motive und Praxis der KleingĂ€rtner. Aus der Vogelperspektive der Partei-, Verwaltungs- und VerbandsbĂŒrokratie sind viele Aspekte der Lebenswelt Kleingarten kaum wahrgenommen worden. Dennoch spiegelte sich im Wandel der offiziellen Bewertungen und Regulierungen eine Antwort auf das Verhalten der KleingĂ€rtnerschaft wider, das sich ĂŒber diesen Umweg teilweise rekonstruieren ließ.

Die Kleingartenpolitik der SED und des Staates erwies sich ĂŒber weite Strecken als Reaktion auf das, was sich ohnehin mehr oder weniger naturwĂŒchsig und eigensinnig entwickelte. Insofern sind alle Aussagen ĂŒber FĂŒhrungsanspruch und FĂŒhrungsrealitĂ€t der Staatspartei auf dem Gebiet des Kleingartenwesens kritisch zu ĂŒberdenken. Wohl wurden der VKSK und seine VorlĂ€ufer gemĂ€ĂŸ dem ihnen zugedachten Platz im politischen System durch das ZK der SED bis ins Detail angeleitet und kontrolliert. Wenn sich die DDR im Laufe ihrer Entwicklung unter der Hand in eine „Republik der KleingĂ€rtner“ verwandelte, gehörte dies jedoch nicht zu den erklĂ€rten Zielen der Partei. Der Sozialismus war ursprĂŒnglich ohne KleingĂ€rten gedacht worden. Nur fĂŒr eine Übergangszeit, zur Überwindung der grĂ¶ĂŸten Nachkriegsnot, sollte das sogenannte Kleingartenwesen eine Daseinsberechtigung haben. Nach den Vorstellungen der SED wĂŒrde es sich von selbst erledigen, sobald alle wieder Arbeit und Einkommen hĂ€tten, in vernĂŒnftigen Wohnungen lebten, öffentliches GrĂŒn die StĂ€dte anziehend machte und die landwirtschaftlichen Großbetriebe ausreichend Lebensmittel aller Art erzeugten. Ob das eine zutreffende Annahme war, ließ sich in der Praxis nie ĂŒberprĂŒfen, weil der DDR-Sozialismus bis zuletzt diese Vision nicht einlöste.

Jedenfalls hat die SED mit ihrer Kleingartenpolitik unter dem Druck der BedĂŒrfnisse breiter Schichten der Bevölkerung Schritt fĂŒr Schritt nur nachtrĂ€glich sanktioniert und legitimiert, was auch ohne ihr Zutun geschah. So gesehen behauptete sich am Ende die Lebenswelt Kleingarten gegenĂŒber allen Eingriffen des Machtapparates.

Neben den maßgeblichen BeschlĂŒssen, Direktiven, Protokollen usw. enthalten die hier genannten BestĂ€nde auch eine Reihe von Dokumenten, die den KleingĂ€rtneralltag eher unmittelbar reflektieren. So sind etwa die Eingaben von VKSK-Mitgliedern, die an den Staatsrat, den Fernsehfunk oder andere Institutionen der DDR gerichtet wurden und schließlich bei der zustĂ€ndigen Fachabteilung im ZK der SED ankamen, eine Fundgrube fĂŒr jeden, der die Lebenswelt Kleingarten zu rekonstruieren versucht. Es ist erstaunlich, mit welchem Selbstbewusstsein KleingĂ€rtner ihre tatsĂ€chlichen oder vermeintlichen Rechte einklagten und sich dabei direkt auf offizielle Sinnzuweisungen beriefen. Solche VorgĂ€nge zeigten an, dass angesichts eines Flickenteppichs von einzelnen Rechtsvorschriften, in deren Dickicht sich selbst Experten kaum noch zurechtfanden, das Kleingartenwesen schwer verbindlich zu regulieren war. Politische Entscheidungen in den FĂŒhrungsgremien der SED und das nimmermĂŒde Rotieren der Abteilung Landwirtschaft des ZK konnten das Fehlen eines einheitlichen Kleingartengesetzes nicht wettmachen. Daher war Raum fĂŒr WillkĂŒr und Schlendrian, aber auch fĂŒr allerlei Wildwuchs sowie quasi naturrechtliche AnsprĂŒche und Gewohnheiten seitens der KleingĂ€rtner.

Eine Sonderstellung in den genannten BestĂ€nden nehmen Dokumente ein, deren Urheber keine DDR-BĂŒrger waren, etwa die Berichte von Zeitungs- und Fernsehkorrespondenten aus der BRD. Sie reflektierten das Treiben des bĂŒrokratischen Apparates wie den Alltag der KleingĂ€rtner mit dem Blick von außen.

Die Zeitschriften Der KleingĂ€rtner sowie Garten und Kleintierzucht erschienen im parteieigenen Bauernverlag. Sie unterstanden nicht nur inhaltlich der SED, sondern erhielten von dort auch ein bestimmtes Kontingent an Papier und DruckkapazitĂ€ten zugewiesen. Dabei wurden sie knapp gehalten. Selbst in guten Zeiten reichte die Auflagenhöhe nur fĂŒr etwa 60 Prozent der Mitglieder und ehrenamtlichen FunktionĂ€re. Die Zeitschriften erschienen oft mit wochenlanger VerspĂ€tung und in einer unzulĂ€nglichen drucktechnischen QualitĂ€t. Das schrĂ€nkte ihre Wirksamkeit als „kollektiver Propagandist, Agitator und Organisator“ von vornherein ein. Die veröffentlichten BeitrĂ€ge folgten den zeitbedingten politischen, ideologischen und wirtschaftlichen Vorgaben aus dem Zentralkomitee der SED, die ĂŒber die FĂŒhrung der KleingĂ€rtnerorganisation an die Leser weitergegeben wurden. Auffallend ist, daß viele Sachverhalte, die dem Forscher aus den zentralen Archiven bekannt sind, in der KleingĂ€rtnerpresse ĂŒberhaupt keine Rolle spielten oder in einem völlig anderen Licht erschienen. Das Verschweigen und Verschleiern gehörte offenbar zu den Aufgaben und Tugenden der genannten Zeitschriften. Das galt in besonderem Maße fĂŒr das ewige Hin und Her in der Organisationsfrage. Hier wurde nie sichtbar gemacht, daß Entscheidungen immer von der Staatspartei und hinter dem RĂŒcken der KleingĂ€rtner getroffen wurden. All die jĂ€hen Wenden und NeuansĂ€tze, die fĂŒr die Jahre 1946 bis 1959 charakteristisch waren, sind entweder ausgeblendet oder umgedeutet worden. Auch spĂ€ter sind BeschlĂŒsse der SED nur in AusnahmefĂ€llen in der Zeitschrift publik gemacht worden. Es sollte immer der Eindruck erweckt werden, KleingĂ€rtner und ihre ehrenamtlichen FunktionĂ€re hĂ€tten selbst die Entwicklung bestimmt.

Daran ließ sich ablesen, welches Bild vom KleingĂ€rtner die ParteifĂŒhrung hatte. GartenpĂ€chter galten lange Zeit als „Ewiggestrige“, als politische Analphabeten und unsichere Kantonisten, die besonderer Aufsicht, Unterweisung und Kontrolle bedurften. Vor allem diesem Zweck hatten Der KleingĂ€rtner sowie Garten und Kleintierzucht zu dienen. Daneben sollten die Zeitschriften fachliche Ratgeber in allen Fragen des Gartenbaus sein, ein Auftrag, der in politisch unsicheren Zeiten fast vollstĂ€ndig zugunsten von Agitation und Propaganda zurĂŒckgenommen wurde. Im allgemeinen publizierten sie aber konkrete Anleitungen zur Selbsthilfe und Selbstversorgung, die ein Licht auf den normalen KleingĂ€rtneralltag in einer Mangelgesellschaft warfen.

Obwohl der Erfahrungsaustausch einen gewissen Raum einnahm und Frauen, Kinder sowie spezielle Interessengruppen gesondert angesprochen wurden, spielten Aspekte der Lebenswelt nur eine untergeordnete Rolle. Sie wurden eher indirekt berĂŒhrt, etwa wenn „schwarze Schafe“ unter den Mitgliedern zur Ordnung gerufen wurden. Die Liste der UnbotmĂ€ĂŸigkeiten war lang: Kritisiert wurden Gartenfreunde, die sich nicht um Politik kĂŒmmerten, vor ArbeitseinsĂ€tzen und Schulungen drĂŒckten, in Versammlungen erst den Mund nicht aufbekamen, dann aber auf geheimer Abstimmung bestanden, sich nicht am Wettbewerb beteiligten, Obst und GemĂŒse lieber unter der Hand verkauften, verschenkten oder vergammeln ließen, als ÜberschĂŒssiges an den Handel abzuliefern, sich krank schreiben ließen, um ihre Scholle umzugraben, bei der Maidemonstration fehlten, weil sie angeblich den Garten gießen mußten, sich in ihren Familien als Pascha auffĂŒhrten, ihre Frauen nicht arbeiten gehen ließen, ihnen nicht erlaubten, in den Demokratischen Frauenbund oder in die KleingĂ€rtnerorganisation einzutreten, sich Zwerge und anderen Kitsch vor die Laube stellten und das Kulturheim als Kneipe ansahen. Solche Verhaltensweisen, die besonders in den fĂŒnfziger und sechziger Jahren in den Zeitschriften gerĂŒgt wurden, sagten einiges darĂŒber aus, wie wirklich in, aus und mit den GĂ€rten gelebt wurde. Die Zeitschriften sind auch deshalb von Interesse, weil sie frei von nachtrĂ€glichen Korrekturen sind, den Zeitgeist insgesamt atmen und manches zwischen den Zeilen zu erfahren ist.

Ein besonderes Augenmerk dieser Untersuchung galt der Schrift KleingĂ€rtner, Siedler und KleintierzĂŒchter in Vergangenheit und Gegenwart. Über den KleingĂ€rtneralltag war hier wenig zu erfahren, dafĂŒr um so mehr ĂŒber das SelbstverstĂ€ndnis der VKSK-Spitze gegen Ende der 80er Jahre.

Vierzig Jahre nach Johann Tadlers BroschĂŒre aus dem Jahre 1949 Wie es zu Millionen KleingĂ€rtnern und Kleinsiedlern kam und was sie heute bewegt war das die erste organisationseigene Publikation zu diesem Gegenstand. (Eine fĂŒr 1984 vorgesehene, unter der Leitung von Wilfried Sieber erarbeitete Chronik des VKSK und seiner VorlĂ€ufer war seinerzeit nicht veröffentlicht worden.) Die Schrift sollte anlĂ€sslich des 30. VerbandsjubilĂ€ums erscheinen, wurde aber von den geschichtlichen Ereignissen im Herbst 1989 eingeholt und erreichte nur noch wenige ihrer Adressaten.

Bemerkenswert an der Darstellung war, dass etwa ein Viertel des Umfangs den AnfĂ€ngen der deutschen Kleingartenwegung und ihrer Entwicklung bis zum Ende der Weimarer Republik gewidmet wurde. Dieser Teil – der stĂ€rkste des gesamten Textes – blieb dicht an den Quellen und zeichnete ein differenziertes, sachliches Bild von den historischen Wurzeln. Besonderes Gewicht wurde auf die geschichtlichen Leistungen und erhaltenswerten Traditionen gelegt. Dabei war zu erkennen, dass sich die Autoren Berndt Musiolek und Karin Sahn die Ergebnisse kulturhistorischer Forschungen zur Lebensweise arbeitender Menschen dieser Zeit zu eigen gemacht hatten.

Deutlich schwĂ€cher und unhistorischer fiel der Abschnitt ĂŒber die Jahre 1933 bis 1945 aus („Die Nacht des Faschismus brach ĂŒber Deutschland an.“). Am wenigsten gelungen erschien die Wiedergabe der ostdeutschen Nachkriegsentwicklung. Die Autoren verfolgten das Ziel, nachzuweisen, dass „erst in der sozialistischen Gesellschaft... KleingĂ€rtner, Siedler und KleintierzĂŒchter ihre wahre Heimstatt gefunden“ haben. Möglicherweise hatten sie mit dieser Feststellung auf eine makabre Weise sogar recht. Doch selbst wenn in Rechnung gestellt wird, dass eine JubilĂ€umsschrift immer eine Art Hofberichterstattung ist und die jeweiligen LegitimationsbedĂŒrfnisse Vorrang vor allen anderen Absichten haben – ein derart geschönter Blick auf die eigene Vergangenheit gereichte den beiden Historikern nicht zur Ehre. Ganz offensichtlich haben sie wichtige Archivalien nicht genutzt. Darum blieben viele Aussagen vage. Etliche erwiesen sich beim Vergleich mit den Originaldokumenten direkt als unrichtig.

So schnurrt in ihrer Darstellung die ganze wirre und turbulente Vorgeschichte des Verbandes, die sich in der Hinterlassenschaft der Beteiligten mitunter spannend wie eine Kriminalstory liest, zu einer idyllischen Legende zusammen. Die SED hĂ€tte stets eine „geduldige, sorgsam und gemeinsam ĂŒberdachte Politik“ betrieben, bei der sich die KleingĂ€rtnerschaft der „FĂŒrsorge, ... freundschaftlichen Anteilnahme und Partnerschaft“ seitens der Partei sicher sein konnte. Kein Wort ĂŒber das tief verwurzelte Mißtrauen der Kommunisten gegenĂŒber dem Kleingartenwesen als einstiger DomĂ€ne der Sozialdemokratie, kein Fingerzeig auf die zahlreichen Aktionen der SED-FĂŒhrung, alle AnsĂ€tze von UnabhĂ€ngigkeit und Selbstverwaltung der KleingĂ€rtner zu unterbinden.

Die Geschichte des VKSK wird dann in ein ebenso mildes Licht getaucht. Verschwiegen wird, daß der Verband ein Kind der Partei war, bis ins Detail von ihr dirigiert wurde. Ganz gleich ob Verbandstage, Wahldirektiven, StatutenĂ€nderungen, Personalentscheidungen, Planstellen, Finanzen, Rechtsprobleme, Presseangelegenheiten, Auslandsbeziehungen, selbst Spezialfragen einzelner Fachrichtungen – es gab nichts, was nicht im zentralen Parteiapparat entschieden worden wĂ€re. Bei EigenmĂ€chtigkeiten seitens des VKSK wurden „parteierzieherische Maßnahmen“ in Gang gesetzt. Archivdokumente zeigen das ganze Spektrum der Disziplinierungsmittel, die selbst bei relativ geringfĂŒgigen UnbotmĂ€ĂŸigkeiten der FunktionĂ€re und bei „Vorkommnissen“ in der Mitgliedschaft – vom unerlaubten Westkontakt ĂŒber den illegalen Hundetausch an der AutobahnraststĂ€tte bis zu Alkoholexzessen und heimlichen Liebschaften - wirksam wurden.

Da die Verbandsspitze nach und nach in eine Außenstelle des zentralen Parteiapparates verwandelt wurde, hier auch personell eine innige Beziehung bestand, konnten Anleitung und Kontrolle durch die SED von den SekretĂ€ren des Zentralvorstandes des VKSK vielleicht wirklich als Partnerschaft wahrgenommen werden. Auf dieser Ebene kam man aus einem Milieu, war aktuell bzw. vordem als Mitarbeiter in der Abteilung Landwirtschaft des ZK oder in vergleichbaren Parteifunktionen tĂ€tig gewesen, hatte einen Ă€hnlichen Bildungsweg und eine entsprechende politische Laufbahn hinter sich, sprach eine gemeinsame Sprache.

Dennoch gab es SpielrĂ€ume fĂŒr VerbandsfunktionĂ€re. Sie werden in der Selbstdarstellung aus der Sicht des Zentralvorstandes jedoch nicht benannt. Dabei wĂ€re es interessant gewesen zu erfahren, wie die Verbandsspitze zwischen den Interessen der Mitglieder und den Erwartungen aus dem Zentralkomitee der SED vermittelt hat. Vergleicht man die BroschĂŒre mit dem Bericht, der von demselben Gremium ein Jahr spĂ€ter anlĂ€sslich der Auflösung des VKSK erstattet wurde, so wird der Quellenwert der Schrift sichtbar. Als sich die politischen Koordinaten verschoben hatten, stellten sich viele Dinge plötzlich ganz anders dar.

Auf die Ebene des KleingĂ€rtneralltags hat sich diese Darstellung nicht begeben. Sie steht aber fĂŒr das Klima in den FĂŒhrungsetagen des Verbandes, zeigt mit ihrer spröden Parteiberichtsprosa einiges von der Entfernung gegenĂŒber dem wesentlich farbigeren und vielschichtigeren Leben in den Gartenanlagen.

Zu den JubilĂ€umsschriften gehörten auch die ausgewerteten Chroniken und Festschriften von Kleingartensparten bzw. –vereinen. Mit der Selbstdarstellung aus der Sicht des Zentralvorstands des VKSK verband sie, dass auch sie meist aus einer FĂŒhrungsposition heraus geschrieben wurden – bei der Mehrzahl der Autoren handelte es sich um Vorstandsmitglieder – und dass Konflikte und BrĂŒche weitgehend ausgespart blieben. In der RĂŒckschau erschien vieles verklĂ€rt. In gewisser Weise war das verstĂ€ndlich. So wie eine Geburtstagszeitung nie auf die Schwachstellen und Niederlagen des Jubilars eingehen wird, soll eine Gedenkschrift vor allem an den Stiftungstag und an ruhmreiche gemeinsame Jahre erinnern. Das grenzte den Quellenwert solcher Veröffentlichungen von vornherein ein. Eine weitere EinschrĂ€nkung hing damit zusammen, dass die Festschriften in ihrer Mehrzahl erst nach 1990 erschienen bzw. in jĂŒngster Zeit neu bearbeitet worden sind. Sie brachten also bewusst oder unbewusst die heutzutage gĂ€ngigen Wertungen der SBZ- bzw. DDR-Zeit ein. Auch aus diesem Grund sind sie als Quellen Ă€ußerst kritisch zu sehen.

Diese Texte konzentrierten sich meist auf die GrĂŒndungsphase sowie auf Höhepunkte im Gemeinschaftsleben. Mitunter enthielten sie eine Chronik, die die AktivitĂ€ten des Vorstands und einzelner AusschĂŒsse oder Arbeitsgruppen auflisteten. Was KleingĂ€rtner an ihre Parzelle band, was sie normalerweise dort trieben, kam gelegentlich in Erinnerungsberichten einzelner KleingĂ€rtner zur Sprache. Das Bild vom Alltag wurde jedoch immer mit RĂŒcksicht zumindest auf die Vereinsöffentlichkeit entworfen. Es berĂŒhrte nur ausgewĂ€hlte Bereiche, sparte andere als zu privat aus. Das eigene Leben ist in dem Lichte dargestellt worden, in dem es Gartennachbarn und sonstige Leser heute sehen sollen. Da die Chroniken und Festschriften die Entwicklung außerhalb der eigenen Kleingartenanlage nur selten reflektierten, vermittelten sie den Eindruck einer ungebrochenen KontinuitĂ€t. Auch aus diesem Grund sind zahlreiche KleingĂ€rtner gegenwĂ€rtig der festen Überzeugung, ihr heutiger Verein hĂ€tte wĂ€hrend der DDR-Zeit zwar Sparte geheißen, sich sonst aber in nichts von der jetzigen Organisation unterschieden.

Als Materialien zur Alltagsgeschichte waren besonders aufschlussreich die Erhebungen des Leipziger Instituts fĂŒr Bedarfsforschung (1967 umbenannt in Institut fĂŒr Marktforschung der DDR), die seit 1965 in Intervallen von fĂŒnf Jahren das Verhalten der Ostdeutschen erkundeten. Bei diesen Untersuchungen zu Zeitbudget und Lebensstandard sind jedes Mal auch das Garteninteresse sowie die tatsĂ€chliche Gartennutzung erfragt worden. Das geschah freilich ganz summarisch, ohne den Kleingarten vom Hausgarten, Bauerngarten, WochenendgrundstĂŒck usw. zu unterscheiden. Die Befunde wĂ€ren durchaus wert, gesondert ausgewertet zu werden, weil sie nĂŒchtern empirisch-handfeste TatbestĂ€nde belegten. Allerdings wurde gerade am Beispiel des Gartens sichtbar, dass vorurteilsfreie Forschung ihre Grenzen hatte, ideologische Scheuklappen und politische Urteile hierfĂŒr den Rahmen absteckten. Andererseits zeigte dieser PrĂ€zedenzfall auch, dass real zu beobachtende Sachverhalte politische Bewertungen durchaus revidieren konnten.

So wurde bereits 1970 in einer Studie ĂŒber das Zeitverhalten der erwachsenen Bevölkerung in der DDR festgestellt, dass entgegen allen Erwartungen der Anteil der Gartenarbeit kontinuierlich zunahm. Die Hoffnung der politischen FĂŒhrung, Gartenarbeit, vor allem die im Kleingarten, werde als Symbol der Armut im Kapitalismus, bestenfalls noch als Begleiterscheinung der Nachkriegsnot, mit dem Aufbau der sozialistischen Gesellschaft zugunsten „höherer“ TĂ€tigkeiten an Gewicht verlieren, bestĂ€tigte sich nicht. Hatten MĂ€nner 1965 durchschnittlich 3,4 Stunden pro Woche damit zugebracht, so waren es 1970 bereits 6,4 Stunden. Bei Frauen erhöhte sich der Zeitaufwand fĂŒr Gartenarbeit in diesen fĂŒnf Jahren von 1,6 auf 2,7 Stunden. BerĂŒcksichtigt man, dass nur jeder zweite Haushalt tatsĂ€chlich ĂŒber einen Garten verfĂŒgte, so fiel dieser Anteil bei den Gartenbesitzern wesentlich höher aus.

Gartenarbeit ist in diesem Zusammenhang nie nĂ€her bestimmt worden. Es blieb offen, ob darunter der bloße Aufenthalt im Garten oder die Zeit fĂŒr den wirklichen Gartenbau verstanden wurde, ob es sich um eine Liebhaberei oder um eine Notwendigkeit handelte. So gaben 1974 in einer Befragung zu Urlaub und Freizeit 35 Prozent der MĂ€nner und 31 Prozent der Frauen an, die Arbeit und der Aufenthalt im Garten sei ihre liebste BeschĂ€ftigung am Feierabend. Am Wochenende stand immerhin fĂŒr 42 Prozent der MĂ€nner und 36 Prozent der Frauen der Garten in der Beliebtheitsskala an erster Stelle. UnabhĂ€ngig davon, ob Gartenarbeit nun unter den FreizeitwĂŒnschen ganz vorn rangierte oder eher aus einer Zwangslage heraus betrieben wurde, haben zu dieser Zeit 40 Prozent der MĂ€nner und 37 Prozent der Frauen tĂ€glich oder mehrmals wöchentlich im Garten gearbeitet.

Von den Gartenbesitzern gaben rund 40 Prozent an, einen Nutzgarten zu haben, die ĂŒbrigen sahen ihren Garten mehr oder weniger als kombinierten Nutz- und Freizeitgarten an. Diese Mischformen dominierten. Selbst WochenendgrundstĂŒcke waren in der Regel keine reinen Freizeit- und ErholungsgĂ€rten. Auch hier wurden oft Obst und GemĂŒse angebaut und verwertet, so dass die Grenzen zwischen den verschiedenen Gartentypen fließend waren. Als der Verband der KleingĂ€rtner, Siedler und KleintierzĂŒchter Ende der siebziger Jahre begann, unter seinem Dach eigene Wochenendsiedlungen zu errichten, wurde die klare Abgrenzung zwischen KleingĂ€rten und ErholungsgĂ€rten vollends hinfĂ€llig. Weder die rechtliche und organisatorische Anbindung, noch die Ausgestaltung oder die Art der Nutzung boten hinreichend Anhaltspunkte dafĂŒr. Es gab auf der einen Seite KleingĂ€rtner, die wegen der rĂ€umlichen Entfernung sowie wegen beruflicher oder familiĂ€rer Pflichten ihre Parzelle nur am Wochenende und dann ĂŒberwiegend als Erholungsgarten nutzten. Auf der anderen Seite haben zahlreiche Datschenbesitzer, vor allem Rentner, ihr StĂŒckchen Land regelrecht wie einen Nutzgarten bewirtschaftet.

Die soziologischen Erhebungen brachten ans Licht, dass Gartenarbeit nach der Mediennutzung (Fernsehen, Radio und Schallplatten hören, Lesen) und nach einer Position, die mit Geselligkeiten, Erholung, religiöse TĂ€tigkeiten und sonstige FreizeittĂ€tigkeiten nur sehr vage umschrieben wurde, an dritter Stelle lag, etwa gleichauf mit dem ebenfalls vorgegebenen TĂ€tigkeitsfeld Spazierengehen, Wandern und aktiver Sport. Es folgte der Besuch von Kultur- und Sportveranstaltungen sowie von GaststĂ€tten. Weit abgeschlagen rangierten dahinter Bildung und Qualifizierung, gesellschaftspolitische BetĂ€tigung sowie die BeschĂ€ftigung mit Kunst und Hobbys. Das galt fĂŒr den gesamten untersuchten Zeitraum zwischen 1965 und 1990. WĂ€hrend mit Ausnahme der Mediennutzung die anderen Bereiche relativ konstant blieben, wurde alle fĂŒnf Jahre festgestellt, dass der Anteil der Gartenarbeit wiederum gewachsen war, umgerechnet auf den Tag um jeweils 0,1 Stunde.

Unter Soziologen war bis zuletzt umstritten, ob Gartenarbeit ĂŒberhaupt als FreizeitbeschĂ€ftigung anzusehen sei oder wie Hausarbeit, Kinderpflege, Essen und Schlafen zu den „notwendigen Verrichtungen“ des Lebens gehörte, die man nicht nach Belieben ausfĂŒhren oder unterlassen konnte. International erfasste die Zeitbudgetforschung Gartenarbeit und Tierpflege seit jeher getrennt als Hausarbeiten und als FreizeittĂ€tigkeiten, je nachdem, ob sie als Form von Eigenarbeit und Selbstversorgung oder als Liebhaberei betrieben wurden. In der DDR sind in den letzten Jahrzehnten Gartenarbeit und Tierpflege nur noch als FreizeittĂ€tigkeiten ausgewiesen worden. Damit konnte der stagnierende und sogar leicht rĂŒcklĂ€ufige Umfang der Freizeit kaschiert werden. Da fĂŒr diese TĂ€tigkeiten zunehmend mehr Zeit aufgewandt wurde, ließ sich rein rechnerisch sogar ein Anwachsen der Freizeit belegen.

Diese politisch motivierte Umbewertung der Gartenarbeit warf neue Fragen fĂŒr die Politik auf. War es angesichts dieser Tatsachen noch opportun, Gartenarbeit und Tierpflege als kleinbĂŒrgerlichen RĂŒckzug ins Private zu denunzieren, wie dies bis weit in die fĂŒnfziger Jahre hinein geschah? Noch Ende der sechziger Jahre wurde die Ergebnisse der Zeitbudgetforschung als Nachwirkungen entfremdeter Arbeit im Kapitalismus und als ein Zustand interpretiert, der durch gezielte Erziehungs- und Kulturarbeit möglichst schnell ĂŒberwunden werden mĂŒsse. So monierte etwa Alfred Kurella: „Was die Erholung betrifft, werden ideell indifferente Formen wie Gartenarbeit, Kleintierzucht, Steckenpferde aller Art und die ‚leichte Muse‘ bevorzugt.“

Kurella war ein Zeitgenosse Walter Ulbrichts und seinerzeit als Kandidat des PolitbĂŒros des ZK der SED ein fĂŒhrender KulturfunktionĂ€r der Partei. Der Arztsohn, der im Unterschied zu vielen anderen ParteifunktionĂ€ren das Gymnasium besucht hatte, glaubte unerschĂŒtterlich an die Allmacht der Kunst. Dies war wohl ein Erbe seiner Herkunft und seiner Ausbildung an der MĂŒnchner Kunstgewerbeschule. Nach seinem VerstĂ€ndnis wĂŒrden nach dem Fortfall aller politischen Ausgrenzungen auch die sozialen und kulturellen ĂŒberwunden. Dann könnte der kleine Kreis der (Kunst )Kenner rasch zu einem großen gemacht werden. Unter dem Einfluss Kurellas und anderer war die DDR als kleines Land mit großen Ambitionen angetreten, mit einer Utopie vom „neuen Menschen“, von einer Arbeiterklasse, die „die Höhen der Kultur erstĂŒrmen“ sollte. In diesem Konzept war fĂŒr Gartenarbeit kein Platz. Der Ulbrichtsche Kompromiß bestand darin, KleingĂ€rtner nicht als kulturlos abzuschreiben, sondern sie zu ermutigen, sich in ihren Gemeinschaften auch kĂŒnstlerisch zu betĂ€tigen. Durch die gesamten fĂŒnfziger, sechziger und frĂŒhen siebziger Jahre zieht sich das BemĂŒhen, die „ideell indifferente“ Gartenarbeit durch Volkskunstzirkel aller Art, durch „kulturelle Leistungsvergleiche“ und Festspiele aufzuwerten.

Erst die wirtschafts- und sozialpolitische Neuorientierung des VIII. und IX. Parteitages leitete hier ein Umdenken ein. Jahrzehnte nach dem Kriege und der MachtĂŒbernahme der SED schien es nicht mehr angezeigt, das reale Verhalten der Leute als zurĂŒckgeblieben und nicht richtig sozialistisch zu deklarieren. Es hatte sich auch herausgestellt, dass trotz erheblicher ideologischer Anstrengungen und entsprechender personeller wie materieller Aufwendungen die massenhaft ausgebildete „allseitige Persönlichkeit“ im Sinne des frĂŒhen SED-VerstĂ€ndnisses eine Fiktion blieb. Die kĂŒnstlerische BetĂ€tigung „der WerktĂ€tigen“ blieb auf einen kleinen Teil der Bevölkerung beschrĂ€nkt. In den Zeitbudgeterhebungen, die ja immer Mittelwerte angaben, bewegte sich die BeschĂ€ftigung mit Kunst und Hobbys konstant zwischen 0,0 und 0,1 Stunden pro Tag, d.h. sie war statistisch kaum fassbar. Vor allem Kinder, Jugendliche, Studenten, Hausfrauen und Rentner sowie jene LaienkĂŒnstler, die es seit jeher in allen Schichten gab, profitierten von der großzĂŒgigen staatlichen Förderung. Die Mittel dafĂŒr standen von Mitte der siebziger Jahre an nicht mehr in der bisherigen Höhe zur VerfĂŒgung, sondern wurden dringend fĂŒr die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen benötigt. Was lag in dieser Situation nĂ€her, als die bisher scheel betrachtete Gartenarbeit aufzuwerten. Dazu mussten die Leute nicht ĂŒberredet werden, das taten sie ohnehin. So nimmt es nicht wunder, dass unter dem Eindruck der soziologischen Befunde und angesichts notwendiger Umschichtungen im Staatshaushalt seit Mitte der siebziger Jahre der Gartenarbeit immer mehr „kulturell wertvolle“, „persönlichkeitsfördernde“ Wirkungen zugeschrieben wurden. In der Statistik avancierte sie durchweg von der Hausarbeit zur selbst gewĂ€hlten FreizeitbeschĂ€ftigung.

Hinter dieser Umbewertung standen noch viele andere TatbestĂ€nde. Immer deutlicher zeigte sich, dass die DDR-Bevölkerung zu einem Volk von ĂŒbergewichtigen Stubenhockern zu werden drohte – mit nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit. Der hohe Krankenstand war nicht nur Indiz nahezu grenzenloser sozialer Sicherheit, sondern auch Folge vielfĂ€ltiger Arbeits- und Umweltbelastungen sowie einer vielfach ungesunden Lebens- und ErnĂ€hrungsweise. Wenn in der Öffentlichkeit das Krankfeiern vor allem am Bild des KleingĂ€rtners festgemacht wurde, verdeckte dies den Umstand, dass gerade diese Bevölkerungsgruppe vergleichsweise viel fĂŒr die Gesundheit tat – durch körperliche BetĂ€tigung an der frischen Luft, durch Erzeugung und Verzehr von gesundem Obst und GemĂŒse, durch die Pflege der grĂŒnen Lungen in den StĂ€dten. Die Einsicht in diese ZusammenhĂ€nge und der Mangel an alternativen Freizeitangeboten veranlasste die ParteifĂŒhrung, unter dem Motto von der „aktiven Erholung“ das Kleingartenwesen fortan stĂ€rker zu fördern. Gartenarbeit wurde quasi zum Volkssport Nummer eins erklĂ€rt, was vielleicht darĂŒber hinwegtrösten konnte, dass etliche DDR-BĂŒrger keinerlei Sport trieben und im Alltag kaum etwas fĂŒr die eigene Kondition taten. Zugleich wurde damit ein sehr willkommener Nebeneffekt erzielt: Die zu allen Zeiten angespannte Versorgungslage bei Obst und GemĂŒse konnte entschĂ€rft werden. Die DDR mit ihrer auf Autarkie bedachten Agrarpolitik war immer auf die landwirtschaftliche Kleinstproduktion in den GĂ€rten angewiesen – zur Selbstversorgung der KleingĂ€rtnerhaushalte und fĂŒr den Verkauf an den staatlichen Handel. Dies war ein Grund mehr, die KleingĂ€rtnerei gesellschaftlich aufzuwerten.

Die soziologischen Erhebungen zum Zeitverhalten der Ostdeutschen haben den Platz des Gartens, darunter auch des Kleingartens, in der Lebenswelt allerdings nur quantitativ und in Relation zu anderen Freizeitorten und –beschĂ€ftigungen abbilden können. Ihnen sind kaum Aussagen zur Funktion zu entnehmen, unter anderem auch deshalb, weil ihnen (vielleicht „naturgemĂ€ĂŸâ€œ) jegliche historische Dimension fehlte.

Spezielle Studien zur ostdeutschen Kleingartenkultur als Lebenswelt, Milieu und kulturelle Szene sind seinerzeit nicht vorgelegt worden. Wohl gab es kulturwissenschaftliche Untersuchungen, die die Freizeit der Arbeiter, der „kleinen Leute“ bzw. der „WerktĂ€tigen“ zum Gegenstand hatten. Sie bezogen sich auf das Kaiserreich, die Weimarer Republik sowie auf die SBZ/DDR. In solchen Untersuchungen stellte sich heraus, dass sich der Alltag der Ostdeutschen auf stabile Traditionen grĂŒndete, deren Wurzeln vor allem im Arbeiterleben angelegt waren. Es zeigte sich, dass das Freizeitverhalten arbeitender Menschen bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine Orte, seine Institutionen und seine GegenstĂ€nde gefunden hatte. Seit dieser Zeit gehörte der Kleingarten zu den bevorzugten Freizeitorten von Arbeitern, stĂ€dtischen Handwerkern sowie kleinen Angestellten und Beamten. Bis auf die neuen elektronischen Medien und den Urlaubstourismus war spĂ€ter nichts wesentliches mehr hinzugekommen – auch in der DDR nicht, in der lediglich die Freizeit- und VergnĂŒgungsindustrie verstaatlicht worden war und UrlaubsplĂ€tze vor allem nach sozialen Kriterien vergeben wurden. Es gehörte darum zu den ErtrĂ€gen kulturgeschichtlicher Studien, im Kleingarten nicht ein zu ĂŒberwindendes Muttermal des Kapitalismus, sondern ein Element der Lebensweise im Sozialismus zu sehen, dem wichtige Funktionen im Alltag zukommen. Die kulturhistorische Ausstellung Parzelle – Laube – Kolonie. KleingĂ€rten zwischen 1860 und 1930, die 1988 im Museum Berliner Arbeiterleben lief, hatte anschaulich vorgefĂŒhrt, welchen Bewegungs- und Erfahrungsraum so ein Garten fĂŒr „kleine Leute“ eröffnete.


MĂŒndliche Quellen

FĂŒr die Rekonstruktion der Lebenswelt Kleingarten wurden auch mĂŒndliche Quellen herangezogen, vor allem GesprĂ€che mit ostdeutschen KleingĂ€rtnern. Darunter sind keine reprĂ€sentativen, keine gezielten und keine kontinuierlichen Befragungen zu verstehen. Biographische oder historische Interviews nach Art der Oral History, der mĂŒndlich erfragten Geschichte, bildeten die absolute Ausnahme. Vielmehr handelte es sich eher um Jahrzehnte „teilnehmender Beobachtung“ und um eine FĂŒlle zwar informeller, aber doch sachorientierter GesprĂ€che. Auf diese Weise ließen sich kaum verwertbare Tatsachen ermitteln. Doch wurde der Blick „von innen“ und „von unten“ geschĂ€rft, mit dem dann die anderen Quellen geprĂŒft werden konnten. Diese Binnensicht, die sich auch aus der persönlichen Kenntnis des KleingĂ€rtneralltags ergab, erwies sich zugleich als erhebliches Handicap der Darstellung. Unweigerlich stellten sich recht subjektive, deutende, mitunter zu detailliert veranschaulichende Schilderungen ein, in denen sich andere KleingĂ€rtner mit ihren speziellen Erfahrungen vielleicht nicht wiedererkennen. Es kann daher nur eine der möglichen Perspektiven auf die Lebenswelt Kleingarten vorgestellt werden.


Bildquellen

Schließlich sind als dritte Materialgrundlage Bildquellen ausgewertet worden. Es handelte sich einmal um Fotografien aus Zeitschriften, Museen und Privatbesitz. Diese scheinbar so authentischen Zeugnisse des Kleingartenlebens vermittelten zwar eine anschauliche, sinnliche Vorstellung vom Ganzen und förderten auch manches Detail zutage, das anderen Quellen nicht zu entnehmen war. Dennoch waren das selbstverstĂ€ndlich keine wahrheitsgetreuen und zuverlĂ€ssigen Abbilder. Entweder hatte man es mit Presseaufnahmen zu tun, die vorgegebene Ansichten bestĂ€tigen sollten. Oder es waren SchnappschĂŒsse von Laien, die ganz persönliche Ziele verfolgten.

Zum anderen wurden Karikaturen zu Rate gezogen, die zwischen 1946 und 1990 in den satirischen Zeitschriften Frischer Wind und Eulenspiegel erschienen sind. Beide waren beileibe keine OppositionsblĂ€tter. Sie unterstanden letztlich wie alle offiziellen Printmedien der Abteilung Agitation des ZK, erhielten ĂŒber viele Vermittlungen von dort die ihre Anleitung. So hatten sie sich auch an den jeweiligen Pressekampagnen zu beteiligen.

Im Zusammenhang mit dem Kleingartenthema war diese AbhĂ€ngigkeit besonders in den fĂŒnfziger und sechziger Jahren sichtbar. Bestimmte Motive und Reizthemen wie die vom Krankfeiern, von der Bauwut, vom allgegenwĂ€rtigen Gartenzwerg usw. tauchten sowohl im KleingĂ€rtner, in vielen Tages- und Wochenzeitungen und eben auch im Eulenspiegel auf. Was der KleingĂ€rtner in mehr oder weniger fingierten Leserbriefen rĂŒgte, wurde im Eulenspiegel ins Bild gesetzt. Im einzelnen lĂ€sst sich schwer herausfinden, ob die Zeichnungen bestimmte zentrale Vorgaben bedienten, d.h. eine Sicht der Partei auf die KleingĂ€rtner illustrierten, die offiziell nicht ausgesprochen wurde, aber unterschwellig wirkte, oder ob andere BeweggrĂŒnde dahinter steckten.

Das Arsenal der Karikaturisten ließ sich nĂ€mlich zu keiner Zeit eindeutig als Kampf- und Erziehungsmittel der SED in Dienst nehmen. Es hat immer höchst unterschiedliche Botschaften befördert. Kritik an KleingĂ€rtnern oder auch Appelle an sie, sich stĂ€rker gesellschaftlich zu engagieren, sich fĂŒr eine bessere Versorgung im Lande einzusetzen oder die Wohngebiete zu verschönern, wurden mitunter auf so aberwitzige Weise vorgetragen, dass sie sich in ihr Gegenteil verkehrten. Die Zeichner lieferten dann eher bissige, skurrile Kommentare zu politischen AnsprĂŒchen, als dass sie diese eins zu eins umsetzten. In den achtziger Jahren konterkarierten sie auf stille Weise die markigen Worte und großen Parolen, mit denen Staatspartei und Verbandsspitze die KleingĂ€rtner bedachten.

Dabei ging die Sache im Kern eigentlich immer ĂŒber das Schrebergartenmilieu hinaus, selbst da, wo die Zeichner an gĂ€ngige Klischees anknĂŒpften oder verdrĂ€ngte Wahrheiten aufdeckten. Wenn „Laubenpieper“ als fröhliche Arbeitsbummelanten erschienen, die im Betrieb mitgehen ließen, was nicht niet- und nagelfest war, als Menschen, denen PlanerfĂŒllung, Wettbewerb, Brigadeleben herzlich egal waren, solange es nur auf ihrer Parzelle voranging, als stĂ€mmige, trinkfeste Zeitgenossen von zweifelhaftem Natur- und UmweltverstĂ€ndnis, seltsamem Schönheitssinn und höchst eigenwilligem Gestaltungsdrang, waren nicht allein die KleingĂ€rtner gemeint. Es ging wohl nicht darum, ausschließlich sie als Blaumacher, Langfinger, Schluckspechte, UmweltsĂŒnder und Kulturbanausen zu denunzieren, sondern darum, generell das hehre Leitbild von der sozialistischen Persönlichkeit mit der irdischen Praxis zu konfrontieren. Der KleingĂ€rtner stand sozusagen fĂŒr den Ostdeutschen schlechthin, der in einem Winkel seines Herzens vielleicht immer bieder und provinziell blieb, auf den eigenen Vorteil bedacht, wie ĂŒberall auf der Welt von dem Wunsch beseelt, sich in den gegebenen VerhĂ€ltnissen möglichst behaglich einzurichten. In diesem Sinne boten die Karikaturen ein SittengemĂ€lde des Landes, konnten als LehrstĂŒck in Sachen Privatleben gelesen werden, das im Schutze nahezu grenzenloser sozialer Sicherheit sonderbare BlĂŒten trieb.

Es wĂ€re es lohnend, die Zeichnungen genauer als zeithistorische Dokumente anzusehen. Zu fragen wĂ€re nicht nur, was Karikaturisten zum Kleingarten zu sagen hatten, sondern auch, was sie am Beispiel des Kleingartens vor Augen fĂŒhrten. Schon eine flĂŒchtige Durchsicht der etwa zweihundert Darstellungen zum Thema zeigte, dass hier nicht illustriert wurde, was schon aus anderen Quellen bekannt war, sondern kaum bewusste VorgĂ€nge und TatbestĂ€nde ans Licht gebracht wurden.


GegenstÀndliche Quellen

Einen möglichen Zugang zur ostdeutschen Kleingartenkultur als Lebenswelt ermöglichten auch gegenstĂ€ndliche Quellen. Die Mehrzahl der Gartenanlagen existiert noch relativ unverĂ€ndert. VereinshĂ€user und Lauben wurden bislang vergleichsweise selten umgestaltet oder neu gebaut. Der Bestandsschutz hat viele ĂŒberdimensionierte GartenhĂ€uschen, Schuppen und GewĂ€chshĂ€user erhalten. Selbst KleintierstĂ€lle sind noch zu finden. Etliche KleingĂ€rten sind nach wie vor viel zu dicht bepflanzt, obwohl es keine wirtschaftliche Notwendigkeit mehr dafĂŒr gibt. GerĂ€tschaften und die sonstigen Utensilien des KleingĂ€rtners stellen heute eine bunte Mischung aus Alt und Neu dar. Aus diesen ĂŒberkommenen Sachzeugen der Vergangenheit lĂ€sst sich viel ĂŒber den ostdeutschen KleingĂ€rtneralltag herauslesen.

Auch die widerstrebenden BemĂŒhungen, den Auflagen des bundesdeutschen Kleingartengesetzes nachzukommen, lassen die vormaligen ZustĂ€nde durchscheinen. Wenn etwa in einstigen Wochenendsiedlungen des VKSK heute selbst in reinen Waldlagen der Anbau kleingĂ€rtnerischer Kulturen propagiert wird, um der Einstufung als Freizeit- und ErholungsgĂ€rten und den damit verbundenen höheren Kosten zu entgehen, wirft das ein Licht auf die relativ liberale Praxis zu DDR-Zeiten. Überhaupt ist die gegenwĂ€rtig zu beobachtende Überlagerung von ost- und westdeutscher Kleingartenkultur ein Fundus fĂŒr all jene, die den Platz und die Funktion des Kleingartens im Leben der DDR-BĂŒrger bestimmen wollen. Reibungen und Konflikte, die hĂ€ufig genug vor Gericht ausgetragen werden, machen sichtbar, welche verbrieften Freiheiten und ungeschriebenen Gewohnheitsrechte ostdeutsche KleingĂ€rtner seinerzeit in Anspruch nehmen konnten.

Wer den ostdeutschen Kleingarten nur aus den Akten kennt, wer nur die Zeitschriften von damals anschaut oder nur die Fotos, wer sich allein auf die Erinnerungen von Zeitgenossen verlĂ€sst, der wird vermutlich eine schiefe Vorstellung davon bekommen. Alle diese Quellen und Materialien - die schriftlichen, die mĂŒndlichen, die Bilder, die Sachzeugen – bieten fĂŒr sich genommen nie ein verbĂŒrgtes Abbild der einstigen Kleingartenwirklichkeit. Es sind Mitteilungen, die immer von speziellen Interessen geleitet waren, daher ganz zwangslĂ€ufig einseitig, zufĂ€llig, subjektiv ausfallen mussten, Informationen, die geschönt, gefĂ€lscht, ideologisch interpretiert, nur vage erinnert, unvollstĂ€ndig ĂŒberliefert oder sonst irgendwie beschĂ€digt waren. In ihrer Summe und im kritischen Vergleich ergaben sie aber ein Bild, das der RealitĂ€t nahe kommen dĂŒrfte.

Nachdem wir die Quellenlage besichtigt haben, soll nun zu zeigen versucht werden, was der Kleingarten einst fĂŒr die „einfachen Leute“ bedeut hat, was sie aus ihren paar Quadratmetern Pachtland gemacht haben. Wenn im folgenden vergröbert wird, der geschichtliche Wandel sowie die regionalen, sozialen, generations- und geschlechtsspezifischen Unterschiede vernachlĂ€ssigt werden, wenn eher dezidiert behauptet als schlĂŒssig aus vorgelegten Befunden verallgemeinert wird, ist dies vor allem der gebotenen KĂŒrze geschuldet. Auch muss sich die folgende Studie zum DDR-Alltag auf die achtziger Jahre konzentrieren.


Der Kleingarten im Alltag des DDR-BĂŒrgers

Zweitwohnung


Das wichtigste am ostdeutschen Kleingarten der 80er Jahre war wohl, dass er einen zweiten Wohnsitz bot. Das unterschied ihn grundsĂ€tzlich vom Kleingarten im Westen, wo das Übernachten oder gar zeitweilige Wohnen auf der Parzelle untersagt war. In der offiziellen Sicht von Politik und Verwaltung ist diese Seite kaum beachtet worden. KleingĂ€rten gehörten immer zum Ressort Landwirtschaft, unterstanden nie den Verantwortlichen fĂŒr Stadtentwicklung, Bauwesen und Wohnungswirtschaft. Dadurch kam der Eindruck auf, die Leute rissen sich so um einen Kleingarten, weil sie samt und sonders passionierte Obst- und GemĂŒsebauern, Blumenfreunde und KaninchenzĂŒchter waren oder wegen dĂŒrftiger kĂ€uflicher Angebote notgedrungen zur Selbstversorgung schritten. Das mag ein Motiv gewesen sein, zu dieser Zeit fĂŒr viele aber bereits ein untergeordnetes. HĂ€tte es ein Übernachtungsverbot fĂŒr Lauben gegeben, wĂ€re die AttraktivitĂ€t zumindest der weiter entfernt liegenden KleingĂ€rten nach dem Ende der Hungerjahre wohl auch in der DDR betrĂ€chtlich zurĂŒckgegangen.

Laut Statistik verfĂŒgte jeder Ostdeutsche 1989 ĂŒber 27,4 Quadratmeter WohnflĂ€che. Das war zwar fast doppelt so viel wie 1950, aber deutlich weniger als im Westen Deutschlands. Dort hatte jeder Einwohner 36,7 Quadratmeter zur VerfĂŒgung. In der DDR wohnte man wesentlich hĂ€ufiger zur Miete, seltener in den eigenen vier WĂ€nden und zog auch öfter um. Die Mietwohnung war eine Bleibe auf Zeit, stand fĂŒr Ungebundenheit und Wandel. Der im staatlichen und genossenschaftlichen Wohnungsneubau seit den siebziger Jahren favorisierte Typ war der Plattenbau in Großsiedlungen. Es existierte kein Wohnungsmarkt. Wohnungen wurden nach vorwiegend sozialen Kriterien zugeteilt, schieden damit von vornherein als Statussymbol aus. Die Wohnadresse verriet im Osten normalerweise kaum etwas ĂŒber familiĂ€re Herkunft, Bildung, Beruf oder Einkommen. Mietwohnungen waren so sicher wie anderswo nur Eigentumswohnungen. Der niedrige Mietpreis hatte mehr symbolische Bedeutung.

Diese allgemeinen Bestimmungen sagen wenig darĂŒber aus, wie wirklich gewohnt wurde. Sie verbergen zum einen, dass die meisten ostdeutschen Wohnungen tagsĂŒber praktisch leer standen, weil alle Bewohner außer Haus beschĂ€ftigt waren. Sie verschweigen zum anderen, dass viele Ostdeutsche eine Zweitwohnung besaßen, die in keiner Wohnungsstatistik auftauchte. Die relativ hohe Akzeptanz der Plattenbauten grĂŒndete sich vor allem darauf, dass sie fĂŒr jedermann bezahlbar waren und hinsichtlich Lage, Grundriß sowie Ausstattung den elementaren BedĂŒrfnissen breiter Bevölkerungsschichten entsprachen. Sicher war dies eine notgedrungene WertschĂ€tzung, denn wirkliche Alternativen gab es nicht.

Die DDR gehörte bis zuletzt zu den LĂ€ndern mit dem höchsten BeschĂ€ftigungsgrad und der lĂ€ngsten formellen Arbeitzeit der Welt. Die tĂ€gliche Regelarbeitszeit betrug 8 Ÿ Stunden. Auch hinsichtlich der Wochen-, Jahres- und Lebensarbeitszeit lag das Land mit an der Spitze im internationalen Vergleich. Der den Ostdeutschen oft nachgesagte Zeitwohlstand ist wohl eine Legende gewesen. Vielmehr war Zeitnot eines der grĂ¶ĂŸten Alltagsprobleme. VollzeitbeschĂ€ftigte MĂ€nner und Frauen mit Kindern waren darum vor allem auf kurze Wege zu Arbeit, Schule, Kindergarten, Einkaufsmöglichkeiten und Dienstleistungseinrichtungen angewiesen. Sie brauchten eine Wohnung mit moderner Heizung und Warmwasser, Innentoilette, Bad und EinbaukĂŒche, um möglichst wenig Hausarbeit zu haben. Vor diesem Hintergrund wurde die Mietwohnung eher als Start- und Landebahn fĂŒr den Arbeits- und Schultag angesehen - als Scharnier, das die Abfolge der Werktage verband - denn als private, intime Gegenwelt dazu. FĂŒr wirkliche Freizeit und Erholung ist von vielen von vornherein ein anderes GehĂ€use angestrebt worden. Die preiswerteste, fĂŒr jedermann erschwingliche Variante einer solchen Zweitwohnung war die Parzelle in einer Kleingartenanlage. Die deutlich teureren WochenendgrundstĂŒcke mit ihren mitunter vergleichsweise luxuriösen Bungalows galten eher als Statussymbol der Besserverdienenden, schon allein deshalb, weil sie in der Regel nur mit dem eigenen Auto zu erreichen waren. Ob grĂ¶ĂŸere Wohnungen, eine weniger anonyme Architektur und ein nicht so spartanisch gestaltetes Wohnumfeld den Drang nach einem grundsĂ€tzlichen Tapetenwechsel am Wochenende aufgehalten hĂ€tten, muss offen bleiben. Vielleicht wĂ€re auch dann eine klare rĂ€umliche und zeitliche ZĂ€sur zwischen berufsdominierten Werktagen und selbstbestimmten freien Tagen gesucht worden. Zumindest war das zweigeteilte Wohnen – unter der Woche in der stĂ€dtischen Kleinstwohnung, an freien Tagen in der Laube oder im Wochenendhaus – eine weit verbreitete RealitĂ€t, auf die sich auch das öffentliche Leben einzustellen hatte.

Die Laube in der Kleingartenanlage wurde durch allerlei Um- und Anbauten nach und nach in ein zweites Zuhause verwandelt. Sie wuchs beinahe von selbst. Im Laufe der Zeit kam eins zum anderen. Aus dem Sitzplatz vor der Laube wurde allmĂ€hlich eine Veranda, die von Jahr zu Jahr stabiler gemacht und schließlich geschlossen wurde, so dass am Ende ein zusĂ€tzlicher Raum entstand. Das HerzhĂ€uschen samt Plumpsklo verschwand, im einstigen Schuppen wurde eine Toilette mit Waschbecken eingerichtet. DafĂŒr musste ein weiterer Anbau her fĂŒr all die GerĂ€tschaften und sonstigen Utensilien des KleingĂ€rtners. Auf diese Weise entstanden vielerorts ansprechende kleine SommerhĂ€uschen mit Elektro- und Wasseranschluss sowie Koch- und Schlafgelegenheiten. Zwar gab es Grenzen, was GrĂ¶ĂŸe und Komfort anging. Baugenehmigungen mussten eingeholt, Gartenordnungen befolgt und Auflagen beachtet werden. Doch die Anweisungen wurden relativ liberal gehandhabt oder ließen sich umgehen. Die Ausstattung richtete sich eher nach den eigenen Möglichkeiten. Lauben konnten durchaus 40 – 50 Quadratmeter GrundflĂ€che und damit die GrĂ¶ĂŸe einer Familienwohnung erreichen. Es gab GartenhĂ€uschen mit Keller, Elektroherd, fließendem Wasser, Dusche und WC. KĂŒhlschrank, Fernsehapparat und Staubsauger gehörten fĂŒr viele zum Mindeststandard eines solchen zweiten Haushalts.

Diese Sommerwohnung im GrĂŒnen ergĂ€nzte immerhin fĂŒr ein halbes Jahr - von April bis September - die Hauptwohnung. Sie bot private FreirĂ€ume und bei allen Vorschriften doch ein erhebliches Maß an individuellen Gestaltungsmöglichkeiten, daneben NaturnĂ€he, Auslauf und all die Dinge, die auch der Garten des Einfamilienhauses bereithielt. Als Eigenheimersatz war der Kleingarten dennoch nicht anzusehen. Das Eigenheim hatte einerseits einen gĂ€nzlich anderen Lebenszuschnitt zur Voraussetzung, verlangte nicht nur grĂ¶ĂŸere finanzielle, psychische und soziale Opfer, sondern auch eine berufliche und familiĂ€re Organisation, wie sie in der DDR selten gegeben war. Im Osten waren Hausfrauen bzw. bezahltes Personal – wichtige SĂ€ulen des Eigenheims – absolute Ausnahmen. Zum anderen blieb man im Hausgarten letztlich immer den Gesetzen des Hauses, der Nachbarschaft, der Wohngegend verpflichtet. In Kleingarten und Laube dagegen tauchte man in eine völlig andere Welt ein. Selbst wenn die Gartenanlage nur wenige Straßenecken entfernt lag, war sie quasi ein geheimer Ort, den nur enge Vertraute kannten. FĂŒr alle ĂŒbrigen war man praktisch unerreichbar, damit deren AnsprĂŒchen und Zumutungen entzogen. Im Kleingarten wurde man wie im Plattenbau auch nicht zwangslĂ€ufig mit einem bestimmten sozialen Status oder einer beruflichen Position in Verbindung gebracht, weil hier wie da vom Pförtner bis zum Werkdirektor, von der angelernten NĂ€herin bis zum UniversitĂ€tsprofessor alles vertreten war.

In der Kleingartenkolonie herrschten eigene Sitten. Die hier geltenden Regeln, Ordnungen und Umgangsformen, die Formen der sozialen Kontrolle, die Rollenverteilung, die Kleiderordnung, die Eß- und Wohnkultur, selbst die Rituale der Feste und Feiern unterschieden sich deutlich von denen in der Mietwohnung. Im Kleingarten gingen sogar die Uhren anders. Ohne Hektik und Eile sollte es hier zugehen, möglichst ohne grĂ¶ĂŸeren Aufwand, ungezwungen und familiĂ€r.

Schon die Ausstattung der Lauben erzeugte eine spezielle AtmosphĂ€re. Selten ist da mit Bedacht ausgewĂ€hlt und angeschafft worden, etwa um dem Ganzen ein lĂ€ndliches Flair zu geben. Vielmehr kam meist alles Ausrangierte hierher. Die kleinen RĂ€ume waren mit Möbeln und Hausrat vollgestopft. Was in der Wohnung nicht mehr benötigt wurde, aber irgendwie noch brauchbar schien, zu schade zum Wegwerfen, landete in der Laube: Das erste Kofferradio, die Klappcouch aus der Junggesellenzeit, die letzten Tassen vom Hochzeitsservice – fĂŒr den Außenstehenden meist ein unmögliches Sammelsurium, schĂ€biger Plunder. FĂŒr die Besitzer hingen aber Erinnerungen daran an Menschen und denkwĂŒrdige UmstĂ€nde. Die Dinge waren vertraut durch langen Gebrauch, machten vergangene Zeiten immer wieder lebendig und erzeugten allesamt jenen eigentĂŒmlichen Stallgeruch, der die Generationen zusammenhielt. In gewisser Weise war jede Laube ein Familienmuseum, angefĂŒllt mit Zeugnissen des Herkommens, der gemeinsamen Wurzeln. Möglicherweise war die sparsame LebensfĂŒhrung der Ostdeutschen in dieser Hinsicht ganz nebenbei der beste DenkmalschĂŒtzer.

Was fĂŒr die Innenausstattung galt, traf auch auf die Ă€ußere Gestalt zu. Gartenarchitektonische Kostbarkeiten durfte man hier nicht erwarten. Die Parzelle war irgendwann einmal vom VorgĂ€nger ĂŒbernommen worden, nicht weil Liebe auf den ersten Blick die Wahl bestimmte, sondern weil nichts anderes zu finden war. Jeder PĂ€chter hatte versucht, dem Anwesen sein GeprĂ€ge zu geben. So standen vor allem in den Ă€lteren Anlagen schmucke Bungalows und wahre Bruchbuden, Pavillons und GewĂ€chshĂ€user, Schuppen und Weinlauben, TaubenschlĂ€ge und KaninchenstĂ€lle dicht beieinander. Die gĂ€rtnerische Nutzung war höchst unterschiedlich ausgeprĂ€gt. Vom reinen Ziergarten bis zum regelrechten Wirtschaftsgarten war alles zu finden. Dabei waren viele Parzellen hoffnungslos â€žĂŒberpflanzt“. ObstbĂ€ume, BeerenstrĂ€ucher und Hecken, GemĂŒsebeete und Erdbeerreihen, Kartoffelfurchen und KrĂ€uterecken – bis in den letzten Winkel wurde der Boden genutzt. Dazwischen musste noch Platz gefunden werden fĂŒr eine Sitzecke, fĂŒr den Grill, fĂŒr eine Liegewiese und fĂŒr Blumen, fĂŒr Sandkasten, Schaukel, Planschbecken oder Tischtennisplatte, fĂŒr Komposthaufen und Regentonne. Zugleich war der Garten eine stĂ€ndige Baustelle. Immer war irgendwo etwas auszubessern oder zu erneuern, zu verlĂ€ngern, aufzustocken oder anzustreichen. Selbst wenn die Arbeit ruhte, lag zumindest Material bereit, um es bei Bedarf zur Hand zu haben. Der KleingĂ€rtner konnte alles gebrauchen und warf so schnell nichts weg. Deshalb herrschte auch im Schuppen drangvolle Enge. Schubkarre, RasenmĂ€her, Sonnenschirm, LiegestĂŒhle, Leitern, Kisten, Körbe, Kannen, SchlĂ€uche, GartengerĂ€te, Werkzeuge, Draht, Schrauben, NĂ€gel, Pinsel, Farben, Bretter, Dachpappe, SĂ€mereien, DĂŒnger und tausend andere Dinge mussten auf wenigen Quadratmetern untergebracht werden.

Gemessen an der Wohnung schuf der Garten das GefĂŒhl von Weite. Doch am Ende war auch er stets zu klein. Raum, Kraft und Zeit reichten nie aus, um alle WĂŒnsche in die Tat umzusetzen. So durchkreuzten NĂŒtzlichkeitserwĂ€gungen stĂ€ndig den Schönheitssinn, ganz Prosaisches die Poesie. Chaos und Ordnung, Unkraut und BlĂŒtenpracht, Wildnis und akkurate Beete gehörten immer zusammen. Im Unterschied zum Hausgarten ließ sich hier kein Vorgarten anlegen, der dem VorĂŒbergehenden die SchmuckstĂŒcke wie in einer Vitrine prĂ€sentierte und die intimeren Bereiche an die RĂŒckfront verwies. Doch war auch der Kleingarten kein homogener Raum. Er hatte seine innere Logik, war nach ungeschriebenen, aber strengen Regeln geordnet. Was von den Gemeinschaftswegen aus einzusehen war, wurde auf allgemein akzeptierte Weise gestaltet. Was vor neugierigen Blicken verschont bleiben sollte, verschwand hinter Hecken und Pergolen. Sosehr sich der KleingĂ€rtner um ein abgeschirmtes Refugium bemĂŒhte, wirklich verbergen ließ sich hier nichts. Auch er selbst saß eigentlich immer auf dem PrĂ€sentierteller. Nur war die Öffentlichkeit der Laubenkolonie eine andere als die des stĂ€dtischen Umfelds oder der Arbeitswelt. Sie folgte eigenen Normen und Sitten, hatte sogar ihre spezielle Kleiderordnung. Eine ausgesprochene Freizeitkleidung legten sich die wenigsten zu. Im allgemeinen hatte der Gartenlook selbst am Wochenende nicht FeiertĂ€gliches, nichts LĂ€ndliches, nichts Sportliches, war eben kein Sonntagsstaat, sondern Arbeitskluft. Da wurde Abgelegtes und Bequemes getragen, weite Hosen, KittelschĂŒrzen, ausgetretene Schuhe. Wenn das Wetter danach war, ließ man sich auch noch mit achtzig Jahren und Bauch im BadekostĂŒm sehen. Niemand hĂ€tte sich in seiner Gartenmontur im Stadtpark gezeigt oder auch nur einen Schritt vor die HaustĂŒr gewagt. In den Anlagen dagegen war solch ein Aufzug allgemein ĂŒblich. Die Laubenkolonie war kein Laufsteg. Schönheitswettbewerbe wurden hier nicht ausgetragen. Selbst an Frauen mit Lockenwicklern im Haar und unrasierten MĂ€nnern nahm niemand Anstoß. Die meisten standen die Woche ĂŒber im Berufsleben und hatten auf ein korrektes Äußeres zu achten. Da war jedem das BedĂŒrfnis verstĂ€ndlich, sich auch einmal gehen zu lassen.


Spielraum fĂŒr eigenes Tun

FĂŒr viele war der Kleingarten die ideale ErgĂ€nzung zur Mietwohnung und zum beruflichen Alltag. Was dort nicht ausgelebt werden konnte, fand im Garten seinen Raum. In diesem Sinne war der Garten Ausgleich und Gegengewicht zu den Einseitigkeiten der modernen Arbeitswelt und des stĂ€dtischen Umfelds. Er reproduzierte ein StĂŒck vorindustrieller Lebensweise, ohne die Menschen dauerhaft an deren Schranken zu binden.

Der Kleingarten war zwar kein privates Eigentum, aber doch ein besonderer Rechtsraum, in dem man im Unterschied zu Wohnung und Betrieb bleibende Spuren hinterlassen konnte. Er bot Handlungs- und EntscheidungsspielrÀume, die sonst nirgendwo zu finden waren. Es machte wohl den besonderen Reiz der Parzellen aus, dass KleingÀrtner hier relativ ungehindert schalten und walten konnten.

So vielfĂ€ltig wie die Dimensionen des Kleingartens als Ort des Wohnens, der Arbeit, der Freizeit, der ReprĂ€sentation, der Erholung, Geselligkeit, Bildung, Erziehung, ErnĂ€hrung, Gesundheit, von Spiel, Sport und sonstigem Zeitvertreib waren, so breit gefĂ€chert boten sich Möglichkeiten fĂŒr eigenes Tun. Der Garten war eine Spielwiese fĂŒr Jung und Alt, fĂŒr ewiges WĂŒhlen und Ackern, fĂŒr Basteln und Bauen.

Solcherart Freiheit hatte allerdings ihre Kehrseite: Wer sich einmal fĂŒr einen Kleingarten entschieden hatte, war fortan im Laufrad der Gartenarbeit gefangen, konnte fĂŒr andere Interessen und TĂ€tigkeiten kaum noch Zeit erĂŒbrigen. Vom zeitigen FrĂŒhjahr bis zum spĂ€ten Herbst beanspruchte der Garten nahezu jede freie Stunde. Da war zu graben und zu hacken, zu sĂ€en und zu pflanzen, zu wĂ€ssern und zu dĂŒngen, zu jĂ€ten und zu mĂ€hen, zu ernten und einzukochen. Selbst wer nicht auf hohe ErtrĂ€ge aus war, hatte mit BĂ€umen, StrĂ€uchern, Hecken, Stauden, Blumen und Rasen vollauf zu tun. Auch sie verlangten intensive Pflege, mussten vor SchĂ€dlingen und Krankheiten bewahrt werden. Laube, Schuppen, Wege, ZĂ€une, GerĂ€tschaften waren instand zu halten. Im Osten war in Gartenanlagen auch die Kleintierhaltung erlaubt. Wer Kaninchen, HĂŒhner oder Tauben besaß, war noch enger an seine Parzelle gebunden. Das Kleinvieh ließ einem niemals Ruhe. TĂ€glich war fĂŒr Futter zu sorgen, die StĂ€lle mussten sauber gehalten werden, man hatte sich um die Gesundheit der Tiere zu kĂŒmmern, die Nachzucht zu organisieren und vieles mehr. Im Unterschied zu anderen Hobbys konnten Kleingarten und Tierhaltung nicht einfach beiseite geschoben werden, wenn andere Dinge wichtiger wurden. Jede Unterbrechung und jedes VersĂ€umnis rĂ€chten sich und machten alle vorangegangene MĂŒhe zunichte. Selbst eine Urlaubsreise konnte da schon zum Problem werden.

FĂŒr MĂ€nner war der Garten zugleich eine Werkstatt unter freiem Himmel. Da wurde getĂŒftelt und entworfen, gemessen und gerechnet, gesĂ€gt und gehĂ€mmert, gebohrt und geschraubt, was das Zeug hielt. Dem KleingĂ€rtner widerstrebte es, Dinge zu kaufen oder von Handwerkern erledigen zu lassen, die er selber besorgen konnte. Oft machte auch einfach die Not erfinderisch. Gartencenter und BaumĂ€rkte waren unbekannt. Alles, was der KleingĂ€rtner brauchte, gehörte zu den Mangelwaren. Eigenbau, Improvisation und Nachbarschaftshilfe standen darum hoch im Kurs. Die Kunst bestand vor allem darin, aus Resten, Abfall und gebrauchtem Material mit wenigen, universellen Werkzeugen Neues zu schaffen. Lauben, Folienzelte und GewĂ€chshĂ€user, StĂ€lle, Schuppen und Gartenteiche entstanden auf diese Weise. Sogar Hollywoodschaukel, Grill, Saftpresse und RasenmĂ€her sind selbst gebaut worden.

Ein Wochenende im Kleingarten konnte körperlich anstrengender und krĂ€ftezehrender sein als eine ganze Woche im Betrieb. Meist war das ein gesuchter Ausgleich zur einseitigen Beanspruchung im Beruf, ein Gegengewicht, wie es anderswo nicht zu finden war. Viele kannten aus der Arbeitswelt das deprimierende Erlebnis sinnlos vertaner Zeit, das sie zusĂ€tzlich veranlasste, im Garten ordentlich zuzupacken. Jedenfalls legten KleingĂ€rtner mitunter eine regelrechte Arbeitswut an den Tag und dachten selbst in der Freizeit streng nĂŒtzlichkeitsorientiert. Etwas fĂŒr die Gesundheit zu tun, war ihnen schon wichtig. Aber den Körper durch ausgefeilte Übungen zu trainieren, erschien ihnen dann doch als unsinniger KrĂ€fteverschleiß. Ebenso wenig erstrebenswert war es fĂŒr manche, mit dem Dampfer ĂŒber die Seen der Umgebung zu schippern, Flaniermeilen entlang zu schlendern oder Ausflugslokale anzusteuern, dabei die Sonne, die frische Luft und die schöne Natur zu genießen. Das ganze Sehen und Gesehen Werden bedeutete fĂŒr sie vergeudete Zeit. Die meisten öffentlichen Freizeitangebote waren in ihren Augen zu aufwendig, zu lĂ€rmend, zu langweilig oder zu teuer. Oft behagte ihnen zudem das soziale und kulturelle Umfeld nicht, oder ihnen waren die jeweiligen Spielregeln fremd.

Der Kleingarten war kein Lustgarten, kein Ort, wo MĂŒĂŸiggĂ€nger eine BeschĂ€ftigung suchten, sondern das Feld von Menschen, fĂŒr die strammes Arbeiten eigentlich Gewohnheit und Ehrensache war. Viele von ihnen mussten auch im Garten rastlos tĂ€tig sein, konnten nicht innehalten, weil sie nie in ihrem Leben gelernt hatten, ausgiebige Mussestunden zu genießen. Das sogenannte sĂŒĂŸe Nichtstun stellte fĂŒr sie keinen Wert, sondern eine unertrĂ€gliche Belastung dar. Wenn der Ă€ußere Zwang zur Arbeit entfiel, trat sofort der innere an seine Stelle. Dann war Eigenarbeit die beste Form der Erholung, die ein sichtbares Ergebnis, Freude und Zufriedenheit, BestĂ€tigung, seelisches Gleichgewicht und Lebensgenuß brachte. FĂŒr jenen Menschenschlag wĂ€re es die grĂ¶ĂŸte Strafe gewesen, untĂ€tig sein zu mĂŒssen, nichts SinnfĂ€lliges zuwege bringen zu können. Dieser KleingĂ€rtnertyp machte auch seine Pausen, aber nur, um nach getaner Arbeit auszuruhen, das Geschaffene stolz zu betrachten, die grĂ¶ĂŸte Hitze oder einen Regenguß abzuwarten und den nĂ€chsten Schritt vorzubereiten.

Dabei vermengten sich unentwegt Arbeit und Zeitvertreib. Etwas Sinnvolles zu tun, konnte durchaus bedeuten, sich etwas Zweckfreies vorzunehmen und dabei der Phantasie freien Lauf zu lassen. Viele KleingĂ€rtner setzten ihren ganzen Ehrgeiz daran, den eigenen Schönheitsvorstellungen Geltung zu verschaffen. In den KleingĂ€rten drĂŒckten sich immer auch die Ă€sthetischen MaßstĂ€be ihrer Nutzer aus. Die Gartengestaltung reichte von streng geometrischen bis zu natĂŒrlichen, verspielten und halb verwilderten Formen. Indirekt und unbewusst sind alle historischen Gartenstile nachgeahmt worden, meist in einer bunten Mischung. Viel MĂŒhe und große Sorgfalt wurden darauf verwandt, schmĂŒckende Elemente anzufertigen und in das Gesamtbild einzufĂŒgen, um selbst dem profansten Nutzgarten noch eine persönliche Note zu geben. Dazu gehörten VersatzstĂŒcke und Zitate aus der Geschichte der Gartenkunst ebenso wie umfunktionierte GegenstĂ€nde des tĂ€glichen Lebens. Burgen und Grotten, Arkaden und Pavillons, Brunnen und Becken, WindmĂŒhlen und WasserrĂ€der wurden im Schrebergartenformat nachgebaut. Ziergitter, Wetterfahnen und Reliefs, Geweihe, Muscheln und Anker, Ampeln und WagenrĂ€der, allerlei Geschmiedetes und Gedrechseltes, bepflanzte Schubkarren, Autoreifen und MilchkĂŒbel, dem griechischen Vorbild nachempfundene KrĂŒge und Vasen, mit leeren Flaschen eingefasste Blumenrabatten, Miniaturlandschaften mit Eisenbahnen, Tunneln und Viadukten, Gartenskulpturen unterschiedlicher Art wie Rehe, Hasen, Störche oder Fliegenpilze - im Kleingarten gab es nichts, was es nicht gab. Selbst die Ikonen der Laubenkolonien, die vielgeschmĂ€hten, zugleich heißbegehrten Gartenzwerge – massenindustrielle Kopien der einst in BarockgĂ€rten aufgestellten Gnome und ErdmĂ€nnchen aus Porzellan – fehlten nicht, obwohl sie in der DDR eigentlich nur fĂŒr den Export hergestellt wurden.

Gartenkunst dieser Art hat die KleingĂ€rtnerschaft immer entzweit. Die einen hĂ€ngten ihr Herz daran, wollten damit ein Zeichen setzen, ihre Sehnsucht nach Idylle und IntimitĂ€t, nach verspielter Heiterkeit und kreativem Schaffen ausdrĂŒcken. Andere empfanden solche Dinge als Kitsch, als unertrĂ€glichen Angriff auf den guten Geschmack. Obwohl mit dem traditionellen BildungsbĂŒrgertum auch dessen Ă€sthetische Urteilskraft als Maßstab aus der Öffentlichkeit verschwunden war, wirkten bestimmte Werturteile offenbar fort. Eine dritte Fraktion wiederum hatte genĂŒgend Distanz, den ganzen Zauber als Ulk anzusehen und sich darĂŒber zu amĂŒsieren. Im Grunde waren die Kleingartenanlagen ein Spiegelbild dessen, was sich sonst hinter ostdeutschen WohnungstĂŒren auftat und die unterschiedlichen Bildungs- und Kulturhorizonte offenbarte. Die Provokation bestand nur darin, dass dies hier unter freiem Himmel, vor den Augen der Öffentlichkeit geschah.


Ort der Familie

Der Kleingarten war der Ort der Familie. Die ostdeutsche Familie hatte viele Gesichter, war ĂŒberall da, wo Kinder mit Eltern, MĂŒttern oder VĂ€tern lebten. Die verwandtschaftlichen und juristischen Konstellationen konnten dabei höchst unterschiedlich sein. FĂŒr alle Formen galt aber gleichermaßen, dass sie durch die BerufstĂ€tigkeit der Frauen und die außerhĂ€usliche Betreuung der Kinder mehr oder weniger Wochenendfamilien waren. Werktags wurden die wache Zeit vor allem in Betrieben, Schulen und Kindereinrichtungen zugebracht. Das sogenannte Familienleben beschrĂ€nkte sich auf die Morgen- und Abendstunden, im Wesentlichen auf gemeinsame Mahlzeiten, hĂ€usliche Pflichten, Fernsehen und das Schlafen unter einem Dach. Um so kostbarer waren dann der Urlaub, die Wochenenden und Feiertage. Sie gehörten oft ausschließlich der Familie. Im Urlaub versuchten auch KleingĂ€rtner, einen Ferienplatz im Betriebs- oder Gewerkschaftsheim zu erhalten, schon der Kinder wegen und weil der Aufenthalt dort billiger war als das Daheimbleiben im Garten. FĂŒr zwei Wochen fand sich immer ein Nachbar, der auf der Parzelle nach dem Rechten sah und sich um das Gießen kĂŒmmerte. FĂŒr die ĂŒbrigen freien Tage war der Kleingarten ein idealer Ort – leicht erreichbar, rund um die Uhr geöffnet, ohne Anfangszeiten und Eintrittspreise, ohne Verzehrzwang und ohne Etikette, ruhig, kinderfreundlich, altersgerecht, auch auf Menschen mit Handicaps eingerichtet. Hier war man unter sich, an der frischen Luft und im GrĂŒnen, nicht in der Wohnung, aber dennoch zu Hause. Hunger, Durst, MĂŒdigkeit – fĂŒr alles war gesorgt.

Schon das gemeinsame Essen hatte etwas Nicht-AlltĂ€gliches. Die Tischsitten waren zwar so locker wie das Gartenleben insgesamt. Es wurde auch nicht groß getafelt. Aber allein die andere Umgebung und die Tatsache, dass die ganze Familie beisammen saß, gaben den Mahlzeiten am Wochenende etwas Besonderes. Es war ein Genuß, unter freiem Himmel zu sitzen, ohne Ă€ngstlichen Blick auf die Uhr zulangen zu können, ohne Anstehen und Thermophorgeklapper, ohne Sprelacartplatten und klebrige Wachstuchdecken, ohne Plastikgeschirr und Aluminiumbesteck, ohne die Mischung von SpĂŒlmitteln, DesinfektionsbrĂŒhe, gerösteten Zwiebeln und dem schwĂŒlen Dunst der AbfallkĂŒbel in der Nase zu haben. Niemand hĂ€tte wochentags auf die Gemeinschaftsverpflegung mit ihrem wohl unvermeidlichen Ambiente verzichten können. Sie sicherte eine warme Mahlzeit, war preiswert und auch mehr oder weniger bekömmlich. Eine Schule der Sinne war sie aber gewiß nicht. Milchreis, BrĂŒhnudeln, Kartoffelsuppe, FischstĂ€bchen, saure Eier, JĂ€gerschnitzel und dergleichen haben aus den Ostdeutschen keine Gourmets gemacht. Verglichen damit bot die GartenkĂŒche ganz andere kulinarische GenĂŒsse. In aller Regel kam auch hier schlichte Hausmannskost auf den Tisch, aber eben frisch zubereitet, meist mit GemĂŒse und Obst aus dem eigenen Garten: Pellkartoffeln mit Dillsauce, KrĂ€uterquark, knackige grĂŒne Bohnen, Pflaumenknödel, Kirschpfanne – jeder hatte da sein Leibgericht. Im Osten hat sich trotz oder gerade wegen des Einerleis in Kantinen und GaststĂ€tten und der begrenzten Auswahl an kĂ€uflichen Zutaten viel vom regionalen Erbe des Geschmacks und der KĂŒchengeheimnisse gehalten. Es ist in den Familien gehĂŒtet und von Generation zu Generation weitergegeben worden.

Die Generationen lagen im Osten ohnehin zeitlich relativ dicht beieinander. Frauen bekamen meist in vergleichsweise jungen Jahren ihre Kinder, die wiederum auch rasch flĂŒgge wurden, so dass die verschiedenen Elterngenerationen eine relativ lange gemeinsame Lebenszeit miteinander hatten. In den Mietwohnungen blieb jede dieser Generationen fĂŒr sich, in den Gartenkolonien lebten indirekt grĂ¶ĂŸere FamilienverbĂ€nde wieder auf. Hier half man einander, wenn Not am Mann war, hier wurde verteilt, was geerntet, aber nicht selbst verbraucht werden konnte. Hier feierte man Geburtstage und andere Familienfeste, bei denen sich oft die ganze Sippe traf. Die zwanglose GartenatmosphĂ€re machte es leichter, sich selbst in schwierigen Situationen und bei vertrackten FamilienverhĂ€ltnissen an einen Tisch zu setzen. Die Familie als persönlich verbundene Gemeinschaft wurde bei jeder dieser Begegnungen neu konstituiert. Das half, besondere Formen des Zusammenhalts und der gegenseitigen UnterstĂŒtzung am Leben zu erhalten, die im gewöhnlichen Alltag zu verlanden drohten. So konnten etwa Großeltern in der DDR normalerweise keinen allzu hĂ€ufigen Kontakt zu ihren Enkeln pflegen, weil sie selbst noch berufstĂ€tig waren und infolge der staatlichen Wohnungszuweisung oft nicht in unmittelbarer Nachbarschaft lebten. Die Gelegenheiten zu unbefangenem, herzlichem Beisammensein und Austausch beschrĂ€nkten sich meist auf Feiertage, das Wochenende und den Urlaub. In der warmen Jahreszeit verabredete man sich oft im Kleingarten, weil die Älteren ohnehin dort waren und die JĂŒngsten da mehr Bewegungsfreiheit hatten als in der Wohnung. Die Gartenkolonien konnten auch deshalb zum Treffpunkt der Generationen werden, weil es hier mitunter regelrechte Familiendynastien gab. Mehrere GĂ€rten einer Anlage waren seit Jahrzehnten fest in der Hand einzelner Clans. KleingĂ€rten konnten im Unterschied zu Mietwohnungen quasi vererbt werden. Enkel halfen den Großeltern bei der Gartenarbeit, wenn deren KrĂ€fte in hohem Alter nachließen, bis sie am Ende die Parzelle als neue PĂ€chter ĂŒbernahmen.

Generell waren Kleingartenanlagen immer eine Heimstatt der Alten. Sie waren diejenigen, die in der Kolonie das Sagen hatten, nicht nur, weil sie im Unterschied zu den BerufstĂ€tigen tĂ€glich anwesend sein konnten, sondern auch, weil sie meist die wichtigen Posten im Vorstand besetzten. Viele KleingĂ€rtner sahen schon in jĂŒngeren Jahren in der Parzelle ihren kĂŒnftigen Alterssitz und arbeiteten bewusst darauf hin, alles entsprechend vorzubereiten. Im Garten fanden sie, was mit dem Abschied von der Arbeitswelt verloren ging: Gelegenheit zu sinnvollem Tun, Eigenverantwortung und selbstbestimmtes Handeln, soziale Kontakte und Integration in eine Gemeinschaft, Schaffensfreude, Anerkennung durch andere und persönliche BestĂ€tigung. Besonders wichtig wurde das fĂŒr Alleinstehende, fĂŒr Verwitwete und Geschiedene. Im Garten wurde zwar jede Hand gebraucht, aber man konnte auch als einzelner bestehen, sich nach dem Verlust des Partners in eine vertraute Lebenswelt zurĂŒckziehen, ohne zu vereinsamen. Als idealer Lebensplatz fĂŒr die Jahre nach der Berufs- und Familienphase ermöglichte der Garten ein aktives, zufriedenes Älter- und Altwerden. Hier konnten dem Ruhestand trotz sinkenden Einkommens und schwindender VitalitĂ€t auch positive Seiten abgewonnen werden. Erst jetzt fand der KleingĂ€rtner die Zeit, den Garten wie seinen guten Ruf zu pflegen und zu einem Ebenbild des eigenen Ich zu machen. Und er begann, den Garten als Jungbrunnen zu schĂ€tzen, in ihm den besten Arzt zu sehen. Dennoch waren die Gartenanlagen im Osten keine Altersheime. Bei der Vergabe von freiwerdenden Parzellen wurden stets junge Familien mit Kindern bevorzugt. Dadurch blieb eine relativ ausgewogene Altersstruktur erhalten.

So sehr der Garten die Familien vereinte, knĂŒpfte doch jedes Alter und Geschlecht ganz unterschiedliche Erwartungen daran. Einerseits wurde nirgendwo Freizeit so sehr mit Freiheit assoziiert wie hier. Der Kleingarten war private FreiflĂ€che fĂŒr das ungehinderte Spiel der Kinder und fĂŒr kompensatorische BetĂ€tigungen der Erwachsenen, frei von LĂ€rm, Gestank und Verkehr, frei von den kontrollierenden Blicken der Öffentlichkeit. Andererseits konnten Spaß und Erholung schnell in lĂ€stige Pflichten umschlagen.

FĂŒr kleinere Kinder war der Garten ein Abenteuer. Wasser, Erde, Holz, Steine, Bindfaden boten unerschöpfliche Möglichkeiten. Die beste Spielzeugkiste war der Schuppen. Hier lernten schon die JĂŒngsten, mit richtigem Werkzeug umzugehen. Auch Pflanzen und Tiere weckten ihr Interesse. RegenwĂŒrmer, Schnecken, Insekten, Vögel und Igel konnten fĂŒr sie aufregender sein als der wildeste Löwe im Zoo. Viele waren mit Feuereifer dabei, wenn sie selbst ein eigenes kleines Beet anlegen durften. In punkto KreativitĂ€t und Umwelterziehung war der Kleingarten im besten Sinne des Wortes ein idealer Kindergarten. Insgesamt kam der wenig geregelte, nicht so sehr auf Disziplin, Ordnung und Sauberkeit ausgerichtete Tagesablauf Kindern sehr entgegen. Abends lange am Grill sitzen, KatzenwĂ€sche, Übernachten auf der Campingliege oder gelegentlich sogar mit Schlafsack und Taschenlampe im Zelt – all das atmete Lagerfeuerromantik und war ganz nach ihrem Geschmack. GrĂ¶ĂŸere Kinder dagegen konnten sich im Garten schnell langweilen. Sie vermißten ihre Freunde, wĂ€ren vielleicht lieber zum Fußball oder zum Schwimmen gegangen. Wenn sie dann noch zur Gartenarbeit angehalten wurden, konnte ihnen der Aufenthalt grĂŒndlich verleidet werden. Von einem gewissen Alter an kamen sie ohnehin nicht mehr mit, genossen lieber die Freiheit, am Wochenende die Wohnung fĂŒr sich zu haben oder sonst ihrer Wege zu gehen.

FĂŒr Frauen war die Situation eine besondere. Vielen Ostfrauen mit Familie lag nicht unbedingt daran, am Wochenende ausgefĂŒhrt zu werden und unter Leute zu kommen. Zum einen hatten sie kaum Zeit dafĂŒr, weil an Hausarbeit zu erledigen war, was die Woche ĂŒber liegen blieb. Zum anderen stand ihnen oft auch nicht der Sinn danach, denn soziale Kontakte und öffentliche Aufmerksamkeit hatten sie werktags genug. Sie suchten eher jene familiĂ€re HĂ€uslichkeit, die sonst immer zu kurz kam. DafĂŒr schlĂŒpften sie bereitwillig oder auch notgedrungen fĂŒr zwei Tage in die klassische Hausfrauen- und Mutterrolle, auch in die der KleingĂ€rtnerin. Sie konnten sich durchaus mit Leidenschaft in die Gartenarbeit stĂŒrzen oder ans Einwecken machen. Wenn sie dann allerdings nach einem Tag Hacken und Gießen, JĂ€ten und Ernten, GemĂŒseputzen und Kirschen Entsteinen noch die halbe Nacht in der Laube am Herd standen, um KonfitĂŒre, Ketchup oder Saft zu kochen, weil nichts von den FrĂŒchten des Gartens umkommen durfte, hörte der Spaß selbst fĂŒr die passionierteste KleingĂ€rtnerin auf. Der Mann hatte derweil möglicherweise lĂ€ngst die Flucht ergriffen, half irgendwo aus oder saß im Vereinsheim beim Bier. Die Kinder schliefen oder waren nur mĂŒhsam mit dem Fernsehprogramm in Schach zu halten. Was als heiteres, beschauliches Wochenendidyll gedacht war, konnte leicht aus den Fugen geraten. Die ungewohnte NĂ€he aller Familienmitglieder und die unterschiedlichen Vorstellungen vom Gartenleben fĂŒhrten unversehens zu Reibereien. In solchen Situationen erschien Frauen das schönste Gartenparadies plötzlich nur noch als etwas, was sie neben all den anderen Pflichten zusĂ€tzlich am Halse hatten. Dann sehnten sie sich nach den geregelten VerhĂ€ltnissen am Arbeitsplatz oder danach, ganz allein inmitten ihrer Rosen zu sitzen.

Denn der Kleingarten war nicht nur Mittelpunkt des Familienlebens, sondern zugleich ein legitimer Ort, sich von den Seinen auch einmal zurĂŒckzuziehen, ohne gleich alle BrĂŒcken abzureißen. Zwar war es meist MĂ€nnern vorbehalten, das Feld zu rĂ€umen, wenn sich zu Hause Gewitterwolken zusammenbrauten. Frauen hatten diesen Wunsch auch, blieben aber durch viele Aufgaben eher an die Wohnung gebunden. Profitiert haben dennoch alle. Der Garten war dann Blitzableiter und Seelentröster. Umgraben oder Holzhacken bis zum Umfallen, ein Wort und ein Bier mit dem Nachbarn, und mancher Ärger war verflogen. Selbst in weniger brisanten Situationen war der Kleingarten ein verlĂ€ĂŸlicher Helfer. In Wohnungen ohne eigenen Raum fĂŒr jedes Familienmitglied, ohne Arbeits- und GĂ€stezimmer, ohne Kammern und sonstiges Nebengelass konnte sich praktisch niemand aus dem Wege gehen, nirgendwo fĂŒr sich sein. Wer ungestört seinen Gedanken nachhĂ€ngen wollte, allein sein mit einer dringenden Arbeit, einem Kummer, einer Passion oder einer heimlichen Liebe, der blieb nur im Garten unbehelligt. Eltern flohen hierher vor dem PartylĂ€rm ihrer SprĂ¶ĂŸlinge, Schichtarbeiter vor den unvermeidlichen TagesgerĂ€uschen in MietshĂ€usern mit etlichen Wohnparteien. Mitunter war die Laube auch GĂ€stewohnung oder Ausweichquartier fĂŒr die halbe Familie, wenn daheim Besucher die Betten belegten.

Mit Ausnahme der JĂŒngsten besaß meist jeder in der Familie einen eigenen GartenschlĂŒssel, konnte also auch solo oder mit Freunden dort aufkreuzen. Einerseits gab es in den Laubenkolonien eine gewisse soziale Kontrolle. Es wurde schon registriert, wer da wann mit wem auftauchte. Andererseits war es völlig in Ordnung, Fremde mitzubringen. Ob allerdings in den Gartenanlagen wirklich das Leben tobte, ob hier die eigentlichen Liebesnester des Ostens versteckt waren, wie mitunter behauptet wird, ist glĂŒcklicherweise im Verborgenen geblieben. Dennoch wußten alle: Wenn man weder zur ihm, noch zu ihr gehen konnte, dann blieb oft nur der Garten ĂŒbrig. Im Schutze der Laube machten Heranwachsende ihre ersten sexuellen Erfahrungen, und auch Ă€ltere Semester fĂŒhrten ihre neuen Eroberungen mitunter hierher. Besonders in der kalten Jahreszeit, wenn die Laubenkolonien wie ausgestorben dalagen, waren sie begehrte, verschwiegene Orte. Viele Ostdeutsche erinnern sich an Sternstunden der Liebe in eisigen Bungalows und klammen Betten, was der Leidenschaft offenbar keinen Abbruch tat. Der Kleingarten war sicher der Hort der Familie. Doch die Familie selbst befand sich fortwĂ€hrend im Wandel, war an ihren RĂ€ndern offen, mit Schlupflöchern und ÜbergĂ€ngen zu anderen Formen des Zusammenlebens.


Selbstversorgung und Nebenerwerb

Seit Mitte der fĂŒnfziger Jahre brauchte man den Kleingarten nicht mehr, um die Familie satt zu bekommen. Von diesem Zeitpunkt an war die ostdeutsche Bevölkerung im Allgemeinen wohlgenĂ€hrt, zum Teil sogar bedenklich ĂŒbergewichtig. Nach Meinung aller Fachleute wurde insgesamt zu viel, zu fett und zu sĂŒĂŸ gegessen – ein Trend, der bis zum Ende der DDR anhielt. Dennoch blieb der Garten wichtig fĂŒr die ErnĂ€hrung. Es war fĂŒr die meisten KleingĂ€rtner selbstverstĂ€ndlich, Obst und GemĂŒse anzubauen. Ausschlaggebend dafĂŒr waren nicht etwa horrende Preise oder schlechte QualitĂ€t der vom Handel angebotenen Naturprodukte. Auch der bessere Geschmack des Selbstgezogenen spielte kaum eine Rolle. Fades Obst und GemĂŒse aus dem industriellen Treibhausanbau – jenes „schnittfeste Wasser“, das den Westen ĂŒberschwemmte – war im Osten gĂ€nzlich unbekannt. Entscheidend war vielmehr, dass es immer zu wenig Obst und GemĂŒse zu kaufen gab. Auf Konserven konnte man noch am ehesten zurĂŒckgreifen. Auch TiefkĂŒhlerzeugnisse waren im Angebot, darunter geradezu legendĂ€re DDR-Erfindungen wie etwa der eingefrorene Gurken- und Tomatensalat, der sich nach dem Auftauen nur noch aus der Tasse trinken ließ. Frisches dagegen war selbst in der Saison Mangelware, nicht einmal in DelikatgeschĂ€ften oder im Intershop erhĂ€ltlich. Das betraf nicht nur die immer knappen Importe wie ungarische Paprikaschoten, polnische Champignons, bulgarische Weintrauben und kubanische Mandarinen, sondern auch einheimisches Obst und GemĂŒse. Erdbeeren, Kirschen oder Knoblauch zu ergattern, gehörte schon zu den GlĂŒcksfĂ€llen. Wer SonderwĂŒnsche hatte, außer den zwei Standard-Apfelsorten einen anderen Geschmack suchte oder das ewige Einerlei von Kraut und RĂŒben satt hatte, konnte sich nur auf Eigenarbeit und ein gewisses Maß an Selbstversorgung verlassen.

Über die gĂ€rtnerischen FĂ€higkeiten und ErtrĂ€ge ostdeutscher KleingĂ€rtner waren viele Legenden in Umlauf, die selbst in die amtliche Statistik der DDR Eingang fanden. TatsĂ€chlich dĂŒrfte sich alles aber im ĂŒblichen Rahmen bewegt haben. Die meisten KleingĂ€rtner waren blutige Laien und hatten als BerufstĂ€tige auch gar nicht die Zeit, sich intensiv dem Gartenbau zu widmen. Viele Laubenkolonien lagen so weit entfernt von der Wohnung, dass es unmöglich war, mehrmals in der Woche oder gar tĂ€glich zum Gießen zu kommen. Auch mit dem Sachverstand der HobbygĂ€rtner war es oft nicht weit her. Abgesehen von einigen Spezialisten, die aus dem Metier kamen, und den alten Hasen, die schon ĂŒber Jahrzehnte hatten Erfahrungen sammeln können, hatten die meisten nicht viel Ahnung. Der KleingĂ€rtner hatte vielleicht einmal Elementares im Schulgartenunterricht gelernt und manches den Eltern oder Nachbarn abgeschaut. Er mochte sich auch bemĂŒhen, in Gartenzeitungen und RatgeberbĂŒchern nachzulesen, entsprechende Rundfunk- und Fernsehsendungen zu verfolgen oder gar spezielle VortrĂ€ge und Fachberatungen zu besuchen – im allgemeinen blieb es aber bei lĂŒckenhaften Kenntnissen.

Um so mehr wurde mit Hingabe und Liebe gearbeitet. Der KleingĂ€rtner hatte ein ganz anderes VerhĂ€ltnis zur Natur als der ErwerbsgĂ€rtner oder der Landwirt. Er verwandte viel MĂŒhe darauf, jedes einzelne PflĂ€nzchen aufzupĂ€ppeln, freute sich auch ĂŒber kleine Erfolge. Um so grĂ¶ĂŸer war der Stolz, wenn wirklich einmal etwas gut gedieh. So war es dann jedes mal eine stille Freude und Genugtuung, wenn er die erste Gurke oder Tomate abnehmen konnte. Die Erinnerung an ihren Duft und Geschmack hatte den KleingĂ€rtner schon beim SĂ€en und Pflanzen beflĂŒgelt. Da war dann keine MĂŒhe zu groß, Setzlinge vor Frost, SchĂ€dlingen und Krankheiten zu schĂŒtzen, sie zu wĂ€ssern und mit NĂ€hrstoffen zu versorgen, ihnen jede nur mögliche Pflege angedeihen zu lassen. Was so mit dem eigenen Schweiß gedĂŒngt war, schmeckte dann um so besser. Das ließ auch FehlschlĂ€ge rasch vergessen. Wenn in einer einzigen kalten Nacht alle PfirsichblĂŒten erfroren, die schönsten Erdbeeren von Schnecken gefressen wurden, ein heißer Sonnentag die knackigen Salatköpfe in die Höhe schießen ließ, Radieschen am Ende wurmstichig und Kohlrabiknollen holzig wurden oder BraunfĂ€ule die Tomatenpflanzen dahinraffte – der KleingĂ€rtner trug es mit Fassung. In seinen Augen war das höhere Gewalt, gegen die kein Kraut gewachsen war. Er versuchte, zu retten, was zu retten war, verbrauchte, was noch halbwegs genießbar schien. Der Rest wurde verfĂŒttert, landete auf dem Kompost oder wurde vernichtet, um Krankheiten nicht ins nĂ€chste Jahr zu schleppen.

Über die RentabilitĂ€t seines Tuns dachte der KleingĂ€rtner in der Regel nicht nach. Betriebswirtschaftliches Kalkulieren war ihm fremd. HĂ€tte er all die aufgewandte Zeit und Kraft veranschlagt, dazu die Auslagen fĂŒr Samen und Pflanzen, GartengerĂ€te, DĂŒnger, Pflanzenschutzmittel, Wasser und Strom, fĂŒr Pacht, BeitrĂ€ge und Versicherungen, am Ende auch noch die unvermeidlichen Einbußen und Verluste gegengerechnet, hĂ€tte sich das vermeintlich billige Obst und GemĂŒse als ĂŒberaus teurer Spaß herausgestellt. Aber was zĂ€hlte, war nicht der Marktwert, sondern die Freude am Selbstgezogenen, die Genugtuung, etwas zu haben, was man nicht kaufen konnte, auch das Bewusstsein, etwas fĂŒr die Gesundheit zu tun und dabei unabhĂ€ngig von mehr oder weniger leeren GemĂŒsegeschĂ€ften zu sein. All das war nicht in Geld aufzuwiegen.

Inwiefern der Kleingarten Grundlage eines Nebenerwerbs war, lĂ€sst sich schwer sagen. Der Handel kaufte zwar alle Gartenprodukte auf, selbst kleinste Mengen und zu Preisen, die oft ĂŒber den Ladenpreisen lagen. Bei reichem Erntesegen, in Zeiten einer Obstschwemme oder bei unverhofft hohen GemĂŒseertrĂ€gen konnte das hilfreich sein. Große Mengen konnte der KleingĂ€rtner meist nicht schnell genug selbst verarbeiten, und kein Mensch wollte in der Saison tagaus, tagein grĂŒne Bohnen oder Spinat essen. Bei vielen war es aber verpönt, ÜberschĂŒssiges aus dem Garten zu Geld zu machen. Manch einer genierte sich, unter den Augen der Nachbarn einen Korb Stachelbeeren oder ein Bund MohrrĂŒben in die Kaufhalle zu tragen. Der organisierte Aufkauf in der Sparte hatte da schon eher Erfolg. Insgesamt wurden Gartenprodukte aber vor allem getauscht oder verschenkt – in Erwartung einer kĂŒnftigen Gegenleistung. Sogar fĂŒr Rentner war es weitaus lukrativer, stunden- oder tageweise im alten Betrieb auszuhelfen, wo sie als ArbeitskrĂ€fte immer gefragt waren, als das Ruhegehalt durch kleine BetrĂ€ge aus dem Verkauf von Blumen, Obst oder GemĂŒse aufzubessern. Das GeschĂ€ftsinteresse der KleingĂ€rtner hielt sich auch deshalb in Grenzen, weil selbst beim Direktverkauf auf MĂ€rkten oder an der Straßenecke die Preise eine staatlich vorgegebene Höhe nicht ĂŒberschreiten durften. Bei Kleintierhaltern sah die Sache anders aus. Sie produzierten meist von vornherein nicht ausschließlich fĂŒr die eigene Familie. Viele konnten mit Kaninchenfleisch, Eiern oder Honig gutes Geld verdienen.


Vereinsleben

Jeder KleingartenpĂ€chter gehörte dem Verband der KleingĂ€rtner, Siedler und KleintierzĂŒchter (VKSK) an. Das war eine gesellschaftliche Organisation mit ĂŒber 1,5 Millionen Mitgliedern, die neben KleingĂ€rtnern auch Siedler, Wochenendsiedler, KleintierzĂŒchter und –halter sowie Imker in sich vereinigte. In den VKSK trat man aus rein pragmatischen GrĂŒnden ein. Es gab keine andere Möglichkeit, zu einem Kleingarten zu kommen. Ohne eine solche Mitgliedschaft kam kein Pachtvertrag zustande. Dass dem Verband politische und wirtschaftliche Ziele aufgegeben waren, spielte dabei kaum eine Rolle. Die wenigsten KleingĂ€rtner kannten das Statut oder nahmen Notiz von den Verlautbarungen der Zentrale.

Dem Verband schloß man sich jedenfalls nicht an wegen seiner ĂŒberzeugenden Ziele oder weil man eine soziale Bindung suchte. Der erwachsene DDR-BĂŒrger war meist Mitglied in mehreren Vereinigungen, in der Regel, ohne sich groß um deren Organisationsleben zu kĂŒmmern. Der VKSK machte da keine Ausnahme, zumal es sich hierbei nicht gerade um eine prestigetrĂ€chtige Einrichtung handelte, wo die Mitarbeit berufliches oder soziales Fortkommen versprochen hĂ€tte. LandlĂ€ufig war vom VKSK halb abschĂ€tzig, halb liebevoll vom Schrebergarten- bzw. Laubenpieperverein die Rede. Und der durchschnittliche KleingĂ€rtner erlebte seine Sparte – so hieß die PĂ€chtergemeinschaft einer Anlage im Osten - ja tatsĂ€chlich als Quasi-Verein, kaum als Teil einer Großorganisation. Sie war ein die Generationen ĂŒbergreifender Verbund von Menschen mit gleichen Freizeitinteressen, geprĂ€gt von eigenen Regeln des Zusammenlebens, von Gemeinsinn und sozialer Verantwortung. Die Sparte hatte zwar keine eigene Satzung, wĂ€hlte aber einen Vorstand, traf sich zu Versammlungen, ArbeitseinsĂ€tzen und geselligem Beisammensein. Die Anteilnahme war höchst unterschiedlich ausgeprĂ€gt. Bei manchen erschöpfte sich die Mitgliedschaft im bloßen Entrichten der BeitrĂ€ge und Pachtzahlungen. Andere absolvierten die angesetzten Veranstaltungen nach dem Prinzip der Anwesenheit. Schließlich gab es ĂŒberall einen harten Kern von engagierten Gartenfreunden, denen der Zusammenhalt in der Anlage am Herzen lag und die aus zentralen Vorgaben das beste zu machen versuchten. Dazu gehörten auch jene braven Parteisoldaten, die hierzu den Auftrag ihrer Genossen erhalten hatten oder aus eigenem Interesse privates Hobby, ehrenamtliche Verbandsarbeit und Parteifunktion miteinander verbanden. Gewiß gab es darunter Wichtigtuer und Radikalinskis, Möchtegern-FĂŒrsten und BĂŒrokraten, die jede Weisung von oben buchstabengetreu umzusetzen versuchten. Im allgemeinen bestimmten aber die Ehrenamtlichen vor Ort im Einvernehmen mit den Mitgliedern, wo es lang ging.

Als Gemeinwesen lebte die Sparte von und in ihren Projekten. Vorhaben wie der Bau eines Kulturhauses oder eines Kinderspielplatzes, das Verlegen einer Wasserleitung oder der Anschluss an die Stromversorgung – Dinge, die meist wirkliche Knochenarbeit bedeuteten und durch Eigenleistungen der Mitglieder erledigt wurden, brachten die Leute nĂ€her und stĂ€rkten das ZusammengehörigkeitsgefĂŒhl. Im Unterschied zu den „Subbotniks“ in Betrieben und Wohngebieten handelte es sich hierbei nicht um aufgenötigte Freizeitarbeit. Viele waren mit vollem Einsatz dabei, weil sie selbst darĂŒber abgestimmt hatten und einen persönlichen Nutzen darin sahen. Auch wenn Gefahr von außen drohte, die Anlage gerĂ€umt werden sollte oder unbillige Forderungen gestellt wurden, rĂŒckte man zusammen und war sich schnell einig. Ansonsten waren die Beziehungen eher locker. Mit den Nachbarn suchte man ein gutes Auskommen, den Vorstand ließ man nicht ohne Not im Regen stehen, es lebten alte Freundschaften und alte Feindschaften wie in einem Dorf.

Das Gartenjahr hatte seinen eigenen Festkalender, der dem Rhythmus der Vegetation folgte und die Gewohnheiten des Alltags unterbrach. KleingĂ€rtner waren schon immer ein geselliges Völkchen und noch nie Kinder von Traurigkeit gewesen. Traditionell stand alle paar Wochen irgendein Fest auf dem Programm, bei dem es meist hoch herging: FrĂŒhlings-, Sommer-, Ernte- und Kinderfeste, FaschingsbĂ€lle und Pfingstkonzerte, „Italienische NĂ€chte“, Rentner- und Kinderweihnachtsfeiern, Sylvesterschwof, zwischendurch Preisskat, FrĂŒhschoppen und andere volkstĂŒmliche VergnĂŒgungen. All diese Traditionen lebten in ostdeutschen Laubenkolonien fort. Manches davon wurde in den fĂŒnfziger und sechziger Jahren von der neuen Obrigkeit als unzeitgemĂ€ĂŸ angesehen und eingeschrĂ€nkt. Besonders der hohe Alkoholkonsum war ein Stein des Anstoßes, auch die Tatsache, dass bei solchen Gelegenheiten derbe SpĂ€ĂŸe die Runde machten, altdeutsche Weisen erklangen oder Schnulzen aus dem Westen, im schlimmsten Fall sogar Rock- und Beatmusik. Unbefangenheit, Übermut, Rabatz und Rausch, die einfach zu jedem dieser Spektakel dazugehörten, galten plötzlich als schlimme AuswĂŒchse. So ist den Leuten in bester aufklĂ€rerischer Absicht manch herkömmlicher Jokus ausgetrieben worden.

Als endlich Friedhofsruhe eingezogen war, der Festkalender auf ein Sommerfest mit Kinderbelustigungen und eine Rentnerweihnachtsfeier zusammengeschrumpft war, ansonsten der KleingĂ€rtner lieber bei Bier und RostbrĂ€tel auf seiner Parzelle sitzen blieb, als sich im Vereinshaus den neuen Sitten zu fĂŒgen, war es auch wieder nicht recht. Der Versuch der Verbandsspitze, in den achtziger Jahren die alte Festkultur neu zu beleben, scheiterte allerdings. Viele Traditionen waren endgĂŒltig verloren gegangen. Inzwischen hatten die Leute andere Gelegenheiten und Formen des Feierns entdeckt. Lebensstil und Zeitrhythmus hatten sich von Grund auf gewandelt. Die Einbindung in ĂŒberkommene Gemeinschaften hatte generell nachgelassen. Und auch die ostdeutsche KleingĂ€rtnerschaft war nicht mehr dieselbe wie vordem. In den 80er Jahren waren jene Bildungs- und Einkommensschichten, die traditionell im Kleingartenmilieu verwurzelt waren, lĂ€ngst nicht mehr unter sich. Gegen Ende der DDR hatte jeder vierte KleingĂ€rtner ein Hochschulstudium abgeschlossen, jeder fĂŒnfte eine Fachschulausbildung. Berufliche und soziale Aufsteiger unterlagen im Osten nicht dem Zwang, in Sprache, Denkart, Normen und Verhalten ihre Herkunft zu verleugnen. Das erklĂ€rt, weshalb sich auch höhere Chargen in den Laubenkolonien wohl fĂŒhlten. Dennoch gingen die Vorstellungen vom fröhlichen Vereinsleben zunehmend auseinander. Die Festkultur der Ostdeutschen blieb immer den Mustern der Unterschichten nahe. Gleichwohl wurde es schwieriger, alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Spartenfeste bekamen allmĂ€hlich den Charakter von Hausfesten. Viele gingen nur hin, um sich nicht auszuschließen, um keine GrĂ€ben aufzureißen gegenĂŒber den Nachbarn, mit denen man unter einem Dach oder in einer Anlage zusammenlebte. Ob man mit Spaß bei der Sache war und auf seine Kosten kam, wurde demgegenĂŒber nebensĂ€chlich.

Kleingartensparten waren seit den siebziger Jahren keine geschlossenen Gesellschaften mehr, sondern offen fĂŒr jedermann. Seitdem die Tore der Anlagen nicht mehr zugesperrt wurden, viele Kolonien sogar als Naherholungsgebiete fĂŒr die Allgemeinheit staatlich anerkannt waren, Ă€nderte sich ihr Platz im Kulturleben der StĂ€dte und Gemeinden. Zu TanzvergnĂŒgen und Ausstellungen kamen mitunter mehr Besucher aus den umliegenden Wohngebieten als aus den Anlagen selbst. Kinderfeste wurden Attraktionen auch fĂŒr die JĂŒngsten aus der Nachbarschaft. Das Sparten- bzw. Kulturhaus war zudem oft eine Oase in der gastronomischen WĂŒste vieler Wohnviertel, jedenfalls der einzige Bier- und Kaffeegarten weit und breit. Kleingartenanlagen ohne Vereinsheim hatten zumindest einen sogenannten GetrĂ€nkestĂŒtzpunkt - abends und am Wochenende eine der wenigen Möglichkeiten, fĂŒr Nachschub zu sorgen, wenn die heimischen VorrĂ€te zur Neige gingen. Das Vereinshaus stand fĂŒr Familienfeiern, Brigade- und Hausfeste zu VerfĂŒgung. Polterabende, runde Geburtstage, Jugendweihen und Silberhochzeiten sind hier gefeiert worden.


Insel der TrÀume

So handfest und irdisch der Kleingarten auch war, blieb er doch immer zugleich ein imaginĂ€rer Ort, eine Insel der WĂŒnsche, TrĂ€ume, Mythen und Erinnerungen, ein Ort, der einen Zauber selbst in sonst ganz einfache VerhĂ€ltnisse brachte. So oft der KleingĂ€rtner seine Scholle auch verfluchen mochte wegen der endlosen Plackerei und des unentrinnbaren Eingebundenseins - sie zog ihn immer wieder magisch an. Offenbar hatte der Garten auch eine gleichsam metaphysische Dimension. Was ist nicht alles auf jene dreihundert Quadratmeter Pachtland projiziert worden? Die Sehnsucht nach NaturnĂ€he, nach Ruhe und Beschaulichkeit, nach RĂŒckzug vom öffentlichen Geschrei, von Hektik und Betriebsamkeit in einen geschĂŒtzten und schĂŒtzenden Raum, der Wunsch nach familiĂ€rer Harmonie, der Traum von einem erfĂŒllten Lebensabend: In der Morgensonne frĂŒhstĂŒcken, die Stille genießen, dem Gesang der Vögel lauschen, Blumen an ihrem Duft, FrĂŒchte an ihrem Geschmack erkennen, ausruhen im Schatten eines Baumes, den Regen aufs Dach trommeln hören, zuschauen, wie sich die BlĂŒten im DĂ€mmerlicht schließen, den Sternenhimmel betrachten, im Wechsel der Jahreszeiten, im immerwĂ€hrenden Werden und Vergehen Momente Ewigkeit spĂŒren und dabei seinen Seelenfrieden finden.

Der Kleingarten blieb unverĂ€nderlich an Ort und Stelle liegen, ĂŒberlebte jeden Wandel, mochten die ZeitlĂ€ufe noch so dahinjagen und dem eigenen Leben widerfahren, was da wollte. Der Garten war einer der wenigen Orte, an dem die Zeit stille zu stehen schien – ein tröstlicher Gedanke, wenn man selbst sichtbar Ă€lter wurde. Der Garten begleitete einen ĂŒber Jahrzehnte, war darum emotional auch viel stĂ€rker besetzt als etwa die Wohnung, die unterdessen oft mehrmals gewechselt wurde. Als Sinnbild des Dauerhaften, Überschaubaren, VerlĂ€ĂŸlichen stand er fĂŒr ein StĂŒck Heimat, nach der man sich sehnte aus der Ferne, auch wenn sich dieses Zuhause bei nĂ€herem Hinschauen als recht prosaisches und begrenztes Gehege erwies. Nicht umsonst wurden die KleingĂ€rten oft die kleinen Paradiese oder die Paradiese der kleinen Leute genannt. Vielleicht brauchte der KleingĂ€rtner tatsĂ€chlich nicht die Aura ferner StĂ€tten oder historischer Bilder. Er sah sein abgeschlossenes Fleckchen Erde als Garten Eden, als Ort, der GlĂŒck und Frieden, Ruhe und Sorglosigkeit versprach, an dem er sich wohlfĂŒhlte inmitten von Pflanzen und Tieren, wo er ein ideales BetĂ€tigungsfeld fand und seiner Natur gemĂ€ĂŸ leben konnte.

Auch aus einem anderen Grund war der Kleingarten ein geradezu mythischer Ort. Er erzeugte die Illusion, ein GrundstĂŒck zu besitzen. Der Kleingarten wurde als etwas Eigenes angesehen, als persönliche Habe, als Sinnbild fĂŒr UnabhĂ€ngigkeit und SelbstĂ€ndigkeit. Sicher war er das im juristischen Sinne nicht. Aber da im Osten ein Pachtvertrag beinahe ein Freibrief war, sich jedenfalls kein EigentĂŒmer darum scherte, was hinter dem Gartenzaun geschah, konnte solch ein GefĂŒhl entstehen und gepflegt werden. In der DDR hatte das Privateigentum als selbstĂ€ndige GrĂ¶ĂŸe seine Bedeutung weitgehend verloren. Wirtschaft und Gesellschaft grĂŒndeten sich auf Gemeineigentum, an dem der einzelne durch seine Zugehörigkeit zu verschiedenen Kollektiven teilhatte. Diese Teilhabe ist jedoch immer als abstrakte, formale erlebt worden, hat kaum den Sinn dafĂŒr geweckt, persönlich zustĂ€ndig und verantwortlich zu sein.

Völlig unberĂŒhrt vom allgegenwĂ€rtigen und allmĂ€chtigen Volkseigentum blieb dennoch bei vielen der Wunsch nach einem eigenen Revier. Dahinter standen weniger materielle AnsprĂŒche als vielmehr die ganz existentielle Lust daran, irgendwo selber Regie fĂŒhren zu können, sein eigener Herr zu sein, zu sehen, was man schafft, fĂŒr sich persönlich zu arbeiten und die FrĂŒchte der Arbeit auch selbst zu ernten. Gemeineigentum und staatlicher Kollektivismus ließen private RĂ€ume und individuelle Freiheiten als rares, kostbares Gut erscheinen. Unter diesen Bedingungen bekam das gepachtete StĂŒckchen Land ein Gewicht und vor allem einen symbolischen Wert, die ihm in anderen Eigentums- und RechtsverhĂ€ltnissen gar nicht zugekommen wĂ€ren. Unter PrivateigentĂŒmern und GrundstĂŒcksbesitzern war der KleingĂ€rtner immer der arme Schlucker, der es nicht zu Eigenheim, Grund und Boden gebracht hatte. Vor diesem Hintergrund schrumpfte selbst das schönste GartenhĂ€uschen zur armseligen HĂŒtte zusammen. In einer Gesellschaft von gleichermaßen Eigentumslosen galt der KleingĂ€rtner dagegen geradezu als König, weil er auf seiner Parzelle mehr oder weniger tun und lassen konnte, was er wollte. Der Kleingarten war hier ein Schatz, der die Rechte und Freiheiten des Eigentums versprach, ohne den Erwerb und die damit verbundenen Lasten aufzubĂŒrden. Nur wer die staatlich verbrieften und die vielen zusĂ€tzlichen Gewohnheitsrechte ostdeutscher KleingĂ€rtner kennt, kann das ermessen.

Im Kleingarten konnte sich Geltung verschaffen, was im großen Strom der Gleichmacherei sonst leicht unterging: der Gestus des EigentĂŒmers, das persönliche VerantwortungsgefĂŒhl, das BedĂŒrfnis nach Selbstdarstellung und ReprĂ€sentation, nach Abgrenzung von anderen. Das „Klein, aber mein“ hatte im Osten weniger den Beigeschmack von SelbstbeschrĂ€nkung und kleinbĂŒrgerlicher Betulichkeit. Es bot Handlungsmöglichkeiten, die anderswo untergraben wurden, erlaubte, bestimmte Seiten des eigenen Wesens ĂŒberhaupt erst auszubilden und sich sonst unstillbare SehnsĂŒchte zu erfĂŒllen. KreativitĂ€t und Unternehmensgeist sind auf diese Weise erhalten geblieben. Sie beschrĂ€nkten sich aber auf den Kreis der privaten Liebhabereien, sind damit von wichtigen SphĂ€ren des Gesellschaft abgezogen worden.


Nachsatz

Es ließ sich hier nur recht flĂŒchtig skizzieren, welche FĂŒlle von Handlungs- und ErfahrungsrĂ€umen ein Kleingarten fĂŒr DDR-BĂŒrger eröffnete. Der Fortbestand dieser Lebenswelt, deren Wurzeln bis weit in das 19. Jahrhundert zurĂŒckreichen, konnte ĂŒber all die Jahre bewahrt werden. Gewandelt hat sich dagegen das Urteil der politischen FĂŒhrung des Landes. Der Blick in die Akten und die Auswertung des ĂŒbrigen Quellenmaterials zeigten, wie Illusionen, Ressentiments und Vorurteile gegenĂŒber dem Kleingarten schrittweise abgelöst wurden von nĂŒchternen, pragmatischen Überlegungen, die freilich rasch in neues Wunschdenken mĂŒndeten.

Die wechselnden Bewertungen und Sinnzuweisungen aus den politischen Apparaten haben dem Kleingartenwesen nicht viel anhaben können. Auch die Versuche, es auf die eine oder andere Weise zu regulieren, blieben meist Ă€ußerlich. So ist das AufblĂŒhen des ostdeutschen Kleingartenwesens wohl weniger durch die spezielle Kleingartenpolitik der SED und des Staates bewirkt worden, auch nicht durch Entscheidungen der VKSK-FĂŒhrung. Vielmehr war dies ein Ergebnis der Gesamtpolitik. Die Staatspartei hat durch ihr Vorgehen dafĂŒr gesorgt, dass KleingĂ€rten verblĂŒffend gut in den DDR-Sozialismus passten, viel besser als in die kapitalistische Gesellschaft, wo sie immer ein Fremdkörper im GrundstĂŒcksmarkt blieben. Denn die SED-Politik hat große Teile der Bevölkerung – weit ĂŒber jene Schichten hinaus, die traditionell im Kleingartenmilieu verwurzelt waren – in eine Lage gebracht, wo der Kleingarten als ideale ErgĂ€nzung zu auskömmlichen, aber vielfach begrenzten Lebensmöglichkeiten angesehen wurde.

Ausschlaggebend waren wohl die Arbeits- und EinkommensverhĂ€ltnisse der Leute, ihr dadurch bestimmter Zeitrhythmus und ihre Wohnsituation. SelbstverstĂ€ndlich waren auch die Formen familiĂ€rer Organisation wichtig, das VerhĂ€ltnis der Geschlechter und Generationen, die Konsum- und ErnĂ€hrungsbedingungen sowie die Voraussetzungen fĂŒr Freizeit und Erholung. Die DDR-spezifische AusprĂ€gung dieser Lebensbedingungen hatte ihre eigene soziale Logik. Sie erzeugte massenhaft den Wunsch nach einem kleinen Garten als Gegenpol zu gemeinschaftlichem Eigentum, öffentlichen RĂ€umen, kollektiven Aktionen und gesellschaftlichen Angeboten. Was sich dort nicht verwirklichen ließ, sollte sich auf der eigenen Parzelle erfĂŒllen.

In dem Maße, in dem die politische FĂŒhrung solchem Bestreben Rechnung trug, gewann sie an Akzeptanz – nicht nur bei den Garteninteressierten. Sie konnte darĂŒber hinaus auch das Gesamtsystem stabiler machen. Denn das Kleingartenwesen nahm manchen Konflikten die Spitze, beruhigte Unzufriedene, setzte BindungskrĂ€fte frei und eröffnete Wege zur Selbsthilfe. Auf diese Weise trug es zum sozialen Frieden und zur inneren Sicherheit bei. All das, was KleingĂ€rten nach Auffassung ihrer bĂŒrgerlichen Protagonisten in der kapitalistischen Gesellschaft bewirken sollten und weshalb sie einst von Kommunisten so heftig attackiert worden waren, leisteten sie schließlich auch im DDR-Sozialismus.

Die Staatspartei erhoffte sich von KleingĂ€rtnern aber noch mehr. ZusĂ€tzlich sollten sie manches von dem wettmachen, was durch den Fortfall der Marktwirtschaft und durch das Einmauern des Landes an Leerstellen entstanden war. Im Gegenzug wurden ihnen alle erdenklichen Freiheiten eingerĂ€umt. Nur vor dem Hintergrund solch hochgesteckter Erwartungen ist zu erklĂ€ren, dass das ohnehin ehrgeizige Kleingartenprogramm der SED noch aufgestockt werden sollte. FĂŒr das Jahr 2000 waren in perspektivischen Überlegungen eine Million KleingĂ€rten vorgesehen. Allerdings ist die Rechnung nicht aufgegangen. Zwar passten die kleinen GĂ€rten hervorragend in den Staat der „kleinen Leute“. Nur wollten selbige am Ende doch anderes und mehr – den Anschluss an „die Welt“ mit ihren MaßstĂ€ben.


Bei vorstehendem Text handelt es sich um die ĂŒberarbeitete Vorbemerkung zum Titel: Isolde Dietrich, Hammer, Zirkel, Gartenzaun. Die Politik der SED gegenĂŒber den KleingĂ€rtnern. Berlin 2003. ISBN 3-8311-4660-8, 408 Seiten, Abb., 26,- €.