KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2004
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Isolde Dietrich
Der ostdeutsche Kleingarten im Spiegel der Quellen und im Alltagsleben der „kleinen Leute“
Am Ende war die DDR ein Kleingärtnerparadies. Das Kleingartenwesen genoss umfassende staatliche Förderung und das Wohlwollen der Öffentlichkeit. Von 13,5 Millionen erwachsenen DDR-Bürgern waren 1989 mehr als 1,2 Millionen organisierte Kleingärtner – nicht eingerechnet ihre Angehörigen und Freunde, auch nicht die „Datschenbesitzer“, also die Nutzer von Erholungsgrundstücken, deren Anzahl noch wesentlich höher lag. 855.000 Parzellen mit rund 37.000 Hektar Land befanden sich in Kleingärtnerhand. Das entsprach einer Fläche von mehr als 50.000 Fußballfeldern. Für jede fünfte Familie bildete der Kleingarten neben der Wohnung und dem Betrieb einen dritten festen Bezugspunkt in der Topographie des Alltags. Dies verwies auf soziale Tatbestände und gültige Normen, auf eine Daseinsform und auf ein Lebensgefühl, die sich dem Außenstehenden schwer beschreiben lassen.

Es ist unmöglich, auf all die lebensweltlichen Zusammenhänge einzugehen, in denen der Kleingarten stand und die erst in ihrer Gesamtheit die massenhafte Verbreitung dieser Institution erklären. Wenn im Osten Deutschlands noch heute auf 100 Einwohner sechsmal mehr Kleingärten als im Westen kommen, zeugt das von einer erstaunlichen Stabilität in diesem Milieu. Fehlende Reisefreiheit, mangelnde Freizeit-, Erholungs- und Vergnügungsangebote, schlechte Obst- und Gemüseversorgung und dergleichen Defizite, die mitunter für das Aufblühen des Kleingartenwesens in Ostdeutschland verantwortlich gemacht werden, können nicht die einzigen Ursachen dafür gewesen sein. Sonst hätten sich die Gartenanlagen und -vereine längst bis auf eine Restgröße zurückbilden müssen. Hier waren offenbar noch andere Umstände und Beweggründe ausschlaggebend. Einige davon sollen im Folgenden skizziert werden. Dabei wird in zwei Schritten vorgegangen. Im ersten Teil werden die Quellen vorgestellt und diskutiert. Darauf gestützt wird im zweiten Teil versucht, komplexe lebensweltliche Zusammenhänge zu beschreiben.

In aller Welt sind vergleichbare Kleingärten Begleitphänomene von Industrialisierung und Urbanisierung. Erstaunlicherweise ist schon der verfügbare Quellenbestand typisch für die ostdeutsche Staats- und Gesellschaftsverfassung. Darum kann es erhellend sein, eine Übersicht der benutzten Quellen an den Anfang zu stellen.

Als Erstes fällt dem Forschenden auf, wie schwierig es ist, Genaueres über den ostdeutschen Kleingarten als Lebensort und Lebensform zu erfahren, obwohl es sich dabei um ein alltägliches Massenphänomen handelte. Reich ist die Literatur über die Gärten der Kabylen oder der Mayas. Ärmlich macht sich dagegen aus, was man über die kleinen Gärten vor der eigenen Haustür, am Bahndamm oder hinterm Gaswerk erfahren kann. Das auffindbare Material ist recht dürftig. Doch nimmt man alle schriftlichen, mündlichen, bildlichen und gegenständlichen Quellen zusammen, können sie einen ungefähren Eindruck davon vermitteln, was der Kleingarten im Leben der Leute bedeutete.


Schriftliche Quellen

Historische Forschung orientiert sich zunächst an schriftlichen Quellen und Materialien. Für die politisch organisierte sozialistische DDR-Gesellschaft befinden sich diese vor allem in der Stiftung "Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv" (SAPMO-BArch). Dort wird auch ein großer Teil der Überlieferungen aller mit dem Kleingartenwesen befassten Institutionen und Organisationen aufbewahrt, soweit sie auf zentraler Ebene entstanden sind. Dazu gehören die Hinterlassenschaft des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), der Deutschen Zentralverwaltungen für Land- und Forstwirtschaft sowie für Arbeit und Sozialfürsorge, des Präsidiums des Ministerrates der DDR, des Landwirtschaftsministeriums bzw. des Ministeriums für Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft, des Bundesvorstands des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), des Zentralvorstandes der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB) sowie des Verbandes der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter (VKSK).

Neben jenen vorwiegend unveröffentlichten Dokumenten ist anzuschauen, was von der Kleingärtnerorganisation in Umlauf gebracht wurde. Das sind einmal die Zeitschriften Der Kleingärtner und Garten und Kleintierzucht sowie Chroniken und Festschriften von Kleingartensparten bzw. –vereinen. Unter die einschlägigen Publikationen fällt auch die 1989 vom Zentralvorstand des VKSK herausgegebene Darstellung Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter in Vergangenheit und Gegenwart.

Wer etwas über den Platz des Kleingartens im Leben der Ostdeutschen herausfinden will, muß jedoch den engen Kreis der rein gartenbezogenen Texte verlassen und sich den Ergebnissen der Alltagsforschung zuwenden. Obwohl jenes Feld ein Stiefkind der DDR-Wissenschaft war, liegen etliche verwertbare Befunde vor. Besonders aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang Erhebungen und Forschungsberichte des Leipziger Instituts für Bedarfs- bzw. (ab 1967) Marktforschung der DDR zum Zeitverhalten der Bevölkerung. Seinerzeit waren die Ergebnisse nur für den internen Gebrauch bestimmt. Heute sind sie ebenfalls in den Beständen der oben genannten Stiftung einzusehen. Nicht ausgewertet wurden Untersuchungen der Bauakademie der DDR zu den Wohnwünschen und den realen Wohnverhältnissen der Ostdeutschen. Herangezogen worden sind dagegen kulturwissenschaftliche bzw. kulturhistorische Studien zu Alltag und Lebensweise arbeitender Menschen im 19. und 20. Jahrhundert, die zwischen 1975 und 1990 in der DDR erschienen.

Alle diese Texte geben in irgendeiner Weise Auskunft über die ostdeutsche Kleingartenkultur als Lebenswelt, Milieu und kulturelle Szene. Schauen wir uns etwas näher an, was diese doch sehr unterschiedlichen Materialien bieten. Schon wenn wir quellenkritisch danach fragen, wie sie zustande gekommen sind, erfahren wir einiges über das so genannte Kleingartenwesen.

Historiker greifen zunächst auf die wichtigsten und ihrer Meinung nach sichersten Quellen zurück: auf die offiziellen Dokumente des Staates, der Legislative, der Parteien und Verbände. Sie sehen darin eine authentische Überlieferung zur Geschichte der Sowjetischen Besatzungszone und der Deutschen Demokratischen Republik. Der erste Weg führt darum in die Stiftung „Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv“. Dort überkommt einen anfangs tiefe Ratlosigkeit. Wie soll man in Beständen, die viele laufende Meter, zum Teil sogar Kilometer umfassen, auf die breit gestreuten Dokumente zum Kleingartenwesen stoßen? Allein schon die vorhandenen oder im Entstehen begriffenen Findbücher und Karteien durchzusehen, würde Wochen dauern, weil sie das Sachgebiet Kleingarten nicht gesondert verzeichnen. Da erscheint es sinnvoll, mit der Überlieferung des VKSK zu beginnen. An dieser Stelle müßte doch am ehesten bekannt gewesen sein, wie es um die ostdeutschen Kleingärten und Kleingärtner stand. Ein Irrweg, wie sich schnell zeigt. Kein zweiter Bestand dürfte so lückenhaft und unbrauchbar sein wie dieser. Ganz offensichtlich hat der Zentralvorstand die eigene Hinterlassenschaft andernorts gesichert. In die Stiftung hat er jedenfalls nur mehr oder weniger belangloses Material eingebracht.

Verglichen damit ist das Schriftgut der SED wohlgeordnet und vermutlich vollständig einzusehen. Es hat nur einen Nachteil: Allein die archivwürdigen Papiere aus dem Zentralkomitee machen etwa 2800 laufende Meter aus. Sobald man herausgefunden hat, wer in den Jahren 1946 bis 1989 für das Kleingartenwesen zuständig war, beginnt sich der Nebel zu lichten. Es bleiben dann aber immer noch gewaltige Aktenberge übrig. Durchgegangen werden muß alles, was im Zusammenhang mit den einschlägigen Tagungen und Beratungen des Parteivorstands bzw. des ZK entstanden ist, Protokolle von den maßgeblichen Sitzungen des Zentralsekretariats, des Politbüros und des Sekretariats, das Material aus der Tätigkeit der Sekretariate und Büros der jeweiligen Sekretäre des ZK für Landwirtschaft, der Agrarkommission des Politbüros sowie der Abteilung Landwirtschaft des ZK. Dazu kommen noch die Protokolle von Parteitagen und Parteikonferenzen. Die beschaulichen kleinen Gärten und das ehrpusselige Völkchen der „Laubenpieper“ haben die Staatspartei in einem Maße beschäftigt, daß man aus dem Staunen nicht herauskommt. Denn im Archiv wurden ja nur wichtige Sachen abgelegt. Der ganze laufende Schriftverkehr kam in den Reißwolf. Und alle bürokratischen Prozeduren liefen auf der Bezirks- und Kreisebene der SED noch einmal ab. Wenn man das bedenkt, bekommt man eine ungefähre Ahnung davon, welche Hebel die Partei in Gang gesetzt hat, wie viele Leute, wie viel Arbeitszeit, Papier usw. da zu bezahlen waren, um das Kleingartenwesen politisch, ideologisch und wirtschaftlich unter Kontrolle zu halten. Diese Aufmerksamkeit und dieser Aufwand dürften in der Welt wohl ohne Vergleich gewesen sein.

Dabei waren die innerparteilichen Aktivitäten nur die eine Seite der Medaille. Sie fanden jeweils ihre Entsprechung auf Seiten der zuständigen staatlichen Verwaltungsstellen sowie derjenigen Massenorganisationen, die von der SED mit dem Kleingartenwesen betraut worden waren, also dem FDGB, der VdgB und dem VKSK. Dabei erwies sich die völlige Unterordnung dieser Organisationen unter die SED für den heutigen Forscher als Glücksfall. Was in deren Beständen fehlte, ließ sich meist in den SED-Akten finden. So muß man auch dem beiseite gebrachten VKSK-Archiv nicht nachtrauern. Kopien der wichtigsten Dokumente sind im Schriftgut der Abteilung Landwirtschaft des ZK enthalten.

Die einzige Zeit, die in den Beständen schlecht dokumentiert ist, sind die Jahre 1954 bis 1958. Damals hatte die Parteizentrale die Zügel vorübergehend aus der Hand gegeben und den Aufbau einer dezentralen Kleingärtnerorganisation versucht. Buchstäblich in letzter Minute hatte Walter Ulbricht 1953 die offizielle Gründung eines informell bereits arbeitenden Zentralverbandes der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter verhindert. Nach der Bildung und Auflösung von Landesverbänden, einer von der SED angeordneten, dann von heute auf morgen wieder unterbundenen zonenweiten „Vereinigung der Kleingartenhilfe“ als Körperschaft öffentlichen Rechts und der ebenfalls von der SED dekretierten, aber nur kurzlebigen „Kleingartenhilfe des FDGB“ war das seit 1946 bereits der vierte fehlgeschlagene Versuch, die Kleingärtnerschaft dauerhaft einzubinden. Die Sache sollte immer ganz demokratisch aussehen, aber doch unter Kuratel der Partei stehen. Die dann verfügte dezentrale Struktur konnte diese Quadratur des Kreises selbstredend erst recht nicht leisten. Anleitung und Kontrolle standen nur auf dem Papier oder wurden willkürlich gehandhabt. Die SED verlor völlig den Überblick. Was sich in jenen vier Jahren wirklich abspielte, läßt sich aus den Beständen der Stiftung nicht rekonstruieren. Dazu hätte man die Kreisarchive aufsuchen müssen, denn die Verantwortung für das Kleingartenwesen lag in dieser Zeit allein bei den Räten der Kreise. Auf der zentralen Ebene war in einem eher unverbindlichen Sinne nur das Landwirtschaftsministerium zuständig. Das ist zwar hier und da tätig geworden, etwa bei der Herausgabe einheitlicher Richtlinien für die Arbeit verschiedener Kommissionen oder im Zusammenhang mit Versuchen, Kleingartenanlagen teilweise zu kollektivieren. Im allgemeinen hatte das Ministerium zu dieser Zeit aber ganz andere Sorgen.

Als sich 1957/58 die Anzeichen mehrten, daß die Entwicklung aus dem Ruder lief, schlug die Parteiführung Alarm. Nach ihrer Einschätzung hatten sich im Kleingartenwesen „Vereinsmeierei“, „kleinbürgerliche Kräfte“ und „negative Elemente“ breit gemacht. Auch die Fachblätter waren wohl nicht auf Parteilinie. Zusätzlich schreckten Berichte über „bockbierfestähnliche Gartenfeste“ die Genossen auf. (Übrigens wurden die Kleingärtner drei Jahrzehnte später per Beschluß ihres Zentralvorstandes aufgefordert, sich auf die früheren Vereinstraditionen zu besinnen, die alten Feste neu zu beleben und endlich auch wieder „zünftige Frühschoppen“ zu veranstalten.)

Um dem Chaos ein Ende zu bereiten, ist am 22. April 1959 vom Sekretariat des ZK der SED die Bildung des VKSK beschlossen worden. Alle bisherigen Rücksichten wurden beiseite geschoben. Die neue Organisation musste keinen basisdemokratischen Anstrich mehr haben. Gegen heftige Widerstände seitens der Kleingärtner und ihrer Funktionäre ist die Gründung auf dem Parteiwege quasi generalstabsmäßig vorbereitet und „durchgezogen“ worden. Das war ein Vorgeschmack darauf, daß künftig auch in der Kleingärtnerorganisation das Prinzip des „demokratischen Zentralismus“ zu gelten hatte. Von Anfang an war klar geregelt, daß Statut und „Kaderfragen“ Angelegenheit der SED-Führungsgremien sind. Die Anleitung der laufenden Arbeit und deren Kontrolle oblag der Abteilung Landwirtschaft des ZK.

Von nun an kommt der Forscher bei der Quellensuche nicht mehr in Verlegenheit. Er braucht sich nur an diese Instanzen zu halten und wird dort alles Nötige finden. Das heißt, er stößt – wie nicht anders zu erwarten - im Zusammenhang mit der Kleingärtnerei im Wesentlichen auf Legitimationen und Sinnzuweisungen, Absichtserklärungen und Bewertungen. Der Wandel in der Auffassung des Kleingartenwesens läßt sich durch alle Stadien hindurch verfolgen – vom Zeichen der Armut, dem Hort des Individualismus und der Vereinsmeierei, des kleinbürgerlichen Rückzugs ins Privatleben, dem Hemmschuh im politischen Kampf, dem spießigen Relikt einer unseligen Vergangenheit über viele Stationen hin bis zu der Vorstellung, die kleinen Gärten würden bis in alle Zukunft eine Perspektive haben – als Raum für ein sinnerfülltes und schönes Leben und als Ressource für eine gesunde Ernährung. Insgesamt erfährt man in den Akten viel über den Horizont und über das Funktionieren der politischen Apparate, weniger über die kleinen Gärten und noch weniger über das Leben der Leute in und mit ihnen.

Auffällig und typisch für das Kleingartenwesen in der SBZ. bzw. DDR ist, daß es von der Sache her zu allen Zeiten dem Sekretär des ZK der SED für Landwirtschaft und der entsprechenden Fachabteilung im zentralen Parteiapparat unterstand, unabhängig davon, wie Kleingärtner organisatorisch gerade erfaßt wurden. Die politische Auffassung der Kleingärtnerei als agrarische Kleinstproduktion hat den Blick der Verantwortlichen von Anfang an verengt. Das sorgte seinerzeit für viel Unmut. „Wir sind doch keine LPG“ war eine der gängigen Reaktionen der Kleingärtner auf den alljährlich wiederkehrenden Appell, mehr anzubauen und größere Mengen an den Handel abzugeben. Die feste Einbindung der Kleingartenpolitik in die Agrarpolitik hatte zur Folge, daß die heute verfügbaren Quellen fast ausschließlich diesen wirtschaftlichen Aspekt des Kleingartens zur Sprache bringen, andere nur nebenher oder überhaupt nicht berühren. So borniert dieser Standpunkt erscheinen mag – vielleicht war er ein Segen. Nicht auszudenken, was aus den Gärten geworden wäre, wenn im Parteiapparat die Zuständigen für das Bau- und Wohnungswesen oder gar die für Kultur das Sagen gehabt hätten.

Das Durchforsten von Landwirtschaftsakten aus über vier Jahrzehnten ist für einen Kulturwissenschaftler und Alltagsforscher ein mühseliges, mitunter einschläferndes Unterfangen. Dennoch bringt es viel ein. Nur auf diesem Wege bekommt man die nötigen Hintergrundinformationen und ein Gespür dafür, warum die kleinen Parzellen so ein Politikum darstellten. Man erfährt zum Beispiel, weshalb die Parteiführung 1986 das Wohnungsbauprogramm durch ein groß angelegtes Kleingartenprogramm ergänzte. Man kann den Dokumenten auch entnehmen, aus welchem Grund Erich Honecker Anfang 1989, als die Flächenübergabe für die geplanten 150.000 neuen Gärten nur schleppend vorankam, die Angelegenheit zur Chefsache machte. Die wirtschaftlichen Zwänge waren unübersehbar. Die Versorgung mit Obst und Gemüse konnte nie wirklich gesichert werden. Im ersten Quartal 1989 brach sie wieder einmal vollends zusammen. Wenn man liest, dass das Politbüro sogar beschließen musste, die Lagerbestände an Möhren aus dem regulären Handelsangebot zu nehmen und nur noch für die industrielle Herstellung von Säuglingsnahrung freizugeben, erhellt das schlagartig die Gesamtsituation. Zu diesem Zeitpunkt ging es also nicht um Bananen oder um andere Extras, sondern um den lebenswichtigen Grundbedarf. Als nun selbst das Suppengrün aus den Geschäften verschwand, hagelte es Beschwerden seitens der Bevölkerung. Es gab zahlreiche Drohungen, nicht zur Kommunalwahl zu gehen. Aus Mangel an Devisen und wegen der ohnehin hohen Verschuldung konnte auf dem Weltmarkt nichts gekauft werden. Auch die anderen sozialistischen Länder waren nicht imstande zu helfen. Die „Brüder“ hatten selber nichts oder verlangten im Gegenzug teure Landmaschinen, die von einer staatlichen Planwirtschaft kurzfristig nicht zu liefern waren. Lediglich Ungarn schickte ein paar Paprikaschoten – eine mehr symbolische Geste, da die Menge nicht einmal für die Ostberliner Innenstadt reichte.

Kleingärtner sahen diese prekäre Situation gelassener. Sie hatten zu jenem Zeitpunkt schon begonnen, ihre Frühbeete und Gewächshäuser zu bestellen und wußten, daß die Durststrecke bald vorüber ist. Ob die Kleingärtnerei in diesem Sinne systemstabilisierend gewirkt hat, muß allerdings eine offene Frage bleiben. Wahrscheinlich kam zu den „klassischen“ befriedenden Funktionen, die dem Kleingarten seit jeher zugeschrieben wurden, in der DDR nur noch eine weitere hinzu: Kleingärten sollten die Poren der staatlichen Planwirtschaft und der agrarischen Großproduktion schließen und so dazu beitragen, das Gesamtsystem zu stützen.

Insgesamt wiesen die bürokratischen Aufzeichnungen aus den politischen Apparaten von allen ausgewerteten Quellen die größte Distanz zur lebensweltlichen Perspektive der Kleingärtner auf. Sie präsentierten Auffassungen über das Kleingartenwesen, nicht die Tatsachen selbst. Insofern sagten sie vor allem etwas über die Denkweise und die Interessen ihrer Urheber aus, zeigen deren Erwartungen, Hoffnungen, Ängste, Ressentiments. Nur indirekt gaben sie einen Einblick in Motive und Praxis der Kleingärtner. Aus der Vogelperspektive der Partei-, Verwaltungs- und Verbandsbürokratie sind viele Aspekte der Lebenswelt Kleingarten kaum wahrgenommen worden. Dennoch spiegelte sich im Wandel der offiziellen Bewertungen und Regulierungen eine Antwort auf das Verhalten der Kleingärtnerschaft wider, das sich über diesen Umweg teilweise rekonstruieren ließ.

Die Kleingartenpolitik der SED und des Staates erwies sich über weite Strecken als Reaktion auf das, was sich ohnehin mehr oder weniger naturwüchsig und eigensinnig entwickelte. Insofern sind alle Aussagen über Führungsanspruch und Führungsrealität der Staatspartei auf dem Gebiet des Kleingartenwesens kritisch zu überdenken. Wohl wurden der VKSK und seine Vorläufer gemäß dem ihnen zugedachten Platz im politischen System durch das ZK der SED bis ins Detail angeleitet und kontrolliert. Wenn sich die DDR im Laufe ihrer Entwicklung unter der Hand in eine „Republik der Kleingärtner“ verwandelte, gehörte dies jedoch nicht zu den erklärten Zielen der Partei. Der Sozialismus war ursprünglich ohne Kleingärten gedacht worden. Nur für eine Übergangszeit, zur Überwindung der größten Nachkriegsnot, sollte das sogenannte Kleingartenwesen eine Daseinsberechtigung haben. Nach den Vorstellungen der SED würde es sich von selbst erledigen, sobald alle wieder Arbeit und Einkommen hätten, in vernünftigen Wohnungen lebten, öffentliches Grün die Städte anziehend machte und die landwirtschaftlichen Großbetriebe ausreichend Lebensmittel aller Art erzeugten. Ob das eine zutreffende Annahme war, ließ sich in der Praxis nie überprüfen, weil der DDR-Sozialismus bis zuletzt diese Vision nicht einlöste.

Jedenfalls hat die SED mit ihrer Kleingartenpolitik unter dem Druck der Bedürfnisse breiter Schichten der Bevölkerung Schritt für Schritt nur nachträglich sanktioniert und legitimiert, was auch ohne ihr Zutun geschah. So gesehen behauptete sich am Ende die Lebenswelt Kleingarten gegenüber allen Eingriffen des Machtapparates.

Neben den maßgeblichen Beschlüssen, Direktiven, Protokollen usw. enthalten die hier genannten Bestände auch eine Reihe von Dokumenten, die den Kleingärtneralltag eher unmittelbar reflektieren. So sind etwa die Eingaben von VKSK-Mitgliedern, die an den Staatsrat, den Fernsehfunk oder andere Institutionen der DDR gerichtet wurden und schließlich bei der zuständigen Fachabteilung im ZK der SED ankamen, eine Fundgrube für jeden, der die Lebenswelt Kleingarten zu rekonstruieren versucht. Es ist erstaunlich, mit welchem Selbstbewusstsein Kleingärtner ihre tatsächlichen oder vermeintlichen Rechte einklagten und sich dabei direkt auf offizielle Sinnzuweisungen beriefen. Solche Vorgänge zeigten an, dass angesichts eines Flickenteppichs von einzelnen Rechtsvorschriften, in deren Dickicht sich selbst Experten kaum noch zurechtfanden, das Kleingartenwesen schwer verbindlich zu regulieren war. Politische Entscheidungen in den Führungsgremien der SED und das nimmermüde Rotieren der Abteilung Landwirtschaft des ZK konnten das Fehlen eines einheitlichen Kleingartengesetzes nicht wettmachen. Daher war Raum für Willkür und Schlendrian, aber auch für allerlei Wildwuchs sowie quasi naturrechtliche Ansprüche und Gewohnheiten seitens der Kleingärtner.

Eine Sonderstellung in den genannten Beständen nehmen Dokumente ein, deren Urheber keine DDR-Bürger waren, etwa die Berichte von Zeitungs- und Fernsehkorrespondenten aus der BRD. Sie reflektierten das Treiben des bürokratischen Apparates wie den Alltag der Kleingärtner mit dem Blick von außen.

Die Zeitschriften Der Kleingärtner sowie Garten und Kleintierzucht erschienen im parteieigenen Bauernverlag. Sie unterstanden nicht nur inhaltlich der SED, sondern erhielten von dort auch ein bestimmtes Kontingent an Papier und Druckkapazitäten zugewiesen. Dabei wurden sie knapp gehalten. Selbst in guten Zeiten reichte die Auflagenhöhe nur für etwa 60 Prozent der Mitglieder und ehrenamtlichen Funktionäre. Die Zeitschriften erschienen oft mit wochenlanger Verspätung und in einer unzulänglichen drucktechnischen Qualität. Das schränkte ihre Wirksamkeit als „kollektiver Propagandist, Agitator und Organisator“ von vornherein ein. Die veröffentlichten Beiträge folgten den zeitbedingten politischen, ideologischen und wirtschaftlichen Vorgaben aus dem Zentralkomitee der SED, die über die Führung der Kleingärtnerorganisation an die Leser weitergegeben wurden. Auffallend ist, daß viele Sachverhalte, die dem Forscher aus den zentralen Archiven bekannt sind, in der Kleingärtnerpresse überhaupt keine Rolle spielten oder in einem völlig anderen Licht erschienen. Das Verschweigen und Verschleiern gehörte offenbar zu den Aufgaben und Tugenden der genannten Zeitschriften. Das galt in besonderem Maße für das ewige Hin und Her in der Organisationsfrage. Hier wurde nie sichtbar gemacht, daß Entscheidungen immer von der Staatspartei und hinter dem Rücken der Kleingärtner getroffen wurden. All die jähen Wenden und Neuansätze, die für die Jahre 1946 bis 1959 charakteristisch waren, sind entweder ausgeblendet oder umgedeutet worden. Auch später sind Beschlüsse der SED nur in Ausnahmefällen in der Zeitschrift publik gemacht worden. Es sollte immer der Eindruck erweckt werden, Kleingärtner und ihre ehrenamtlichen Funktionäre hätten selbst die Entwicklung bestimmt.

Daran ließ sich ablesen, welches Bild vom Kleingärtner die Parteiführung hatte. Gartenpächter galten lange Zeit als „Ewiggestrige“, als politische Analphabeten und unsichere Kantonisten, die besonderer Aufsicht, Unterweisung und Kontrolle bedurften. Vor allem diesem Zweck hatten Der Kleingärtner sowie Garten und Kleintierzucht zu dienen. Daneben sollten die Zeitschriften fachliche Ratgeber in allen Fragen des Gartenbaus sein, ein Auftrag, der in politisch unsicheren Zeiten fast vollständig zugunsten von Agitation und Propaganda zurückgenommen wurde. Im allgemeinen publizierten sie aber konkrete Anleitungen zur Selbsthilfe und Selbstversorgung, die ein Licht auf den normalen Kleingärtneralltag in einer Mangelgesellschaft warfen.

Obwohl der Erfahrungsaustausch einen gewissen Raum einnahm und Frauen, Kinder sowie spezielle Interessengruppen gesondert angesprochen wurden, spielten Aspekte der Lebenswelt nur eine untergeordnete Rolle. Sie wurden eher indirekt berührt, etwa wenn „schwarze Schafe“ unter den Mitgliedern zur Ordnung gerufen wurden. Die Liste der Unbotmäßigkeiten war lang: Kritisiert wurden Gartenfreunde, die sich nicht um Politik kümmerten, vor Arbeitseinsätzen und Schulungen drückten, in Versammlungen erst den Mund nicht aufbekamen, dann aber auf geheimer Abstimmung bestanden, sich nicht am Wettbewerb beteiligten, Obst und Gemüse lieber unter der Hand verkauften, verschenkten oder vergammeln ließen, als Überschüssiges an den Handel abzuliefern, sich krank schreiben ließen, um ihre Scholle umzugraben, bei der Maidemonstration fehlten, weil sie angeblich den Garten gießen mußten, sich in ihren Familien als Pascha aufführten, ihre Frauen nicht arbeiten gehen ließen, ihnen nicht erlaubten, in den Demokratischen Frauenbund oder in die Kleingärtnerorganisation einzutreten, sich Zwerge und anderen Kitsch vor die Laube stellten und das Kulturheim als Kneipe ansahen. Solche Verhaltensweisen, die besonders in den fünfziger und sechziger Jahren in den Zeitschriften gerügt wurden, sagten einiges darüber aus, wie wirklich in, aus und mit den Gärten gelebt wurde. Die Zeitschriften sind auch deshalb von Interesse, weil sie frei von nachträglichen Korrekturen sind, den Zeitgeist insgesamt atmen und manches zwischen den Zeilen zu erfahren ist.

Ein besonderes Augenmerk dieser Untersuchung galt der Schrift Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter in Vergangenheit und Gegenwart. Über den Kleingärtneralltag war hier wenig zu erfahren, dafür um so mehr über das Selbstverständnis der VKSK-Spitze gegen Ende der 80er Jahre.

Vierzig Jahre nach Johann Tadlers Broschüre aus dem Jahre 1949 Wie es zu Millionen Kleingärtnern und Kleinsiedlern kam und was sie heute bewegt war das die erste organisationseigene Publikation zu diesem Gegenstand. (Eine für 1984 vorgesehene, unter der Leitung von Wilfried Sieber erarbeitete Chronik des VKSK und seiner Vorläufer war seinerzeit nicht veröffentlicht worden.) Die Schrift sollte anlässlich des 30. Verbandsjubiläums erscheinen, wurde aber von den geschichtlichen Ereignissen im Herbst 1989 eingeholt und erreichte nur noch wenige ihrer Adressaten.

Bemerkenswert an der Darstellung war, dass etwa ein Viertel des Umfangs den Anfängen der deutschen Kleingartenwegung und ihrer Entwicklung bis zum Ende der Weimarer Republik gewidmet wurde. Dieser Teil – der stärkste des gesamten Textes – blieb dicht an den Quellen und zeichnete ein differenziertes, sachliches Bild von den historischen Wurzeln. Besonderes Gewicht wurde auf die geschichtlichen Leistungen und erhaltenswerten Traditionen gelegt. Dabei war zu erkennen, dass sich die Autoren Berndt Musiolek und Karin Sahn die Ergebnisse kulturhistorischer Forschungen zur Lebensweise arbeitender Menschen dieser Zeit zu eigen gemacht hatten.

Deutlich schwächer und unhistorischer fiel der Abschnitt über die Jahre 1933 bis 1945 aus („Die Nacht des Faschismus brach über Deutschland an.“). Am wenigsten gelungen erschien die Wiedergabe der ostdeutschen Nachkriegsentwicklung. Die Autoren verfolgten das Ziel, nachzuweisen, dass „erst in der sozialistischen Gesellschaft... Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter ihre wahre Heimstatt gefunden“ haben. Möglicherweise hatten sie mit dieser Feststellung auf eine makabre Weise sogar recht. Doch selbst wenn in Rechnung gestellt wird, dass eine Jubiläumsschrift immer eine Art Hofberichterstattung ist und die jeweiligen Legitimationsbedürfnisse Vorrang vor allen anderen Absichten haben – ein derart geschönter Blick auf die eigene Vergangenheit gereichte den beiden Historikern nicht zur Ehre. Ganz offensichtlich haben sie wichtige Archivalien nicht genutzt. Darum blieben viele Aussagen vage. Etliche erwiesen sich beim Vergleich mit den Originaldokumenten direkt als unrichtig.

So schnurrt in ihrer Darstellung die ganze wirre und turbulente Vorgeschichte des Verbandes, die sich in der Hinterlassenschaft der Beteiligten mitunter spannend wie eine Kriminalstory liest, zu einer idyllischen Legende zusammen. Die SED hätte stets eine „geduldige, sorgsam und gemeinsam überdachte Politik“ betrieben, bei der sich die Kleingärtnerschaft der „Fürsorge, ... freundschaftlichen Anteilnahme und Partnerschaft“ seitens der Partei sicher sein konnte. Kein Wort über das tief verwurzelte Mißtrauen der Kommunisten gegenüber dem Kleingartenwesen als einstiger Domäne der Sozialdemokratie, kein Fingerzeig auf die zahlreichen Aktionen der SED-Führung, alle Ansätze von Unabhängigkeit und Selbstverwaltung der Kleingärtner zu unterbinden.

Die Geschichte des VKSK wird dann in ein ebenso mildes Licht getaucht. Verschwiegen wird, daß der Verband ein Kind der Partei war, bis ins Detail von ihr dirigiert wurde. Ganz gleich ob Verbandstage, Wahldirektiven, Statutenänderungen, Personalentscheidungen, Planstellen, Finanzen, Rechtsprobleme, Presseangelegenheiten, Auslandsbeziehungen, selbst Spezialfragen einzelner Fachrichtungen – es gab nichts, was nicht im zentralen Parteiapparat entschieden worden wäre. Bei Eigenmächtigkeiten seitens des VKSK wurden „parteierzieherische Maßnahmen“ in Gang gesetzt. Archivdokumente zeigen das ganze Spektrum der Disziplinierungsmittel, die selbst bei relativ geringfügigen Unbotmäßigkeiten der Funktionäre und bei „Vorkommnissen“ in der Mitgliedschaft – vom unerlaubten Westkontakt über den illegalen Hundetausch an der Autobahnraststätte bis zu Alkoholexzessen und heimlichen Liebschaften - wirksam wurden.

Da die Verbandsspitze nach und nach in eine Außenstelle des zentralen Parteiapparates verwandelt wurde, hier auch personell eine innige Beziehung bestand, konnten Anleitung und Kontrolle durch die SED von den Sekretären des Zentralvorstandes des VKSK vielleicht wirklich als Partnerschaft wahrgenommen werden. Auf dieser Ebene kam man aus einem Milieu, war aktuell bzw. vordem als Mitarbeiter in der Abteilung Landwirtschaft des ZK oder in vergleichbaren Parteifunktionen tätig gewesen, hatte einen ähnlichen Bildungsweg und eine entsprechende politische Laufbahn hinter sich, sprach eine gemeinsame Sprache.

Dennoch gab es Spielräume für Verbandsfunktionäre. Sie werden in der Selbstdarstellung aus der Sicht des Zentralvorstandes jedoch nicht benannt. Dabei wäre es interessant gewesen zu erfahren, wie die Verbandsspitze zwischen den Interessen der Mitglieder und den Erwartungen aus dem Zentralkomitee der SED vermittelt hat. Vergleicht man die Broschüre mit dem Bericht, der von demselben Gremium ein Jahr später anlässlich der Auflösung des VKSK erstattet wurde, so wird der Quellenwert der Schrift sichtbar. Als sich die politischen Koordinaten verschoben hatten, stellten sich viele Dinge plötzlich ganz anders dar.

Auf die Ebene des Kleingärtneralltags hat sich diese Darstellung nicht begeben. Sie steht aber für das Klima in den Führungsetagen des Verbandes, zeigt mit ihrer spröden Parteiberichtsprosa einiges von der Entfernung gegenüber dem wesentlich farbigeren und vielschichtigeren Leben in den Gartenanlagen.

Zu den Jubiläumsschriften gehörten auch die ausgewerteten Chroniken und Festschriften von Kleingartensparten bzw. –vereinen. Mit der Selbstdarstellung aus der Sicht des Zentralvorstands des VKSK verband sie, dass auch sie meist aus einer Führungsposition heraus geschrieben wurden – bei der Mehrzahl der Autoren handelte es sich um Vorstandsmitglieder – und dass Konflikte und Brüche weitgehend ausgespart blieben. In der Rückschau erschien vieles verklärt. In gewisser Weise war das verständlich. So wie eine Geburtstagszeitung nie auf die Schwachstellen und Niederlagen des Jubilars eingehen wird, soll eine Gedenkschrift vor allem an den Stiftungstag und an ruhmreiche gemeinsame Jahre erinnern. Das grenzte den Quellenwert solcher Veröffentlichungen von vornherein ein. Eine weitere Einschränkung hing damit zusammen, dass die Festschriften in ihrer Mehrzahl erst nach 1990 erschienen bzw. in jüngster Zeit neu bearbeitet worden sind. Sie brachten also bewusst oder unbewusst die heutzutage gängigen Wertungen der SBZ- bzw. DDR-Zeit ein. Auch aus diesem Grund sind sie als Quellen äußerst kritisch zu sehen.

Diese Texte konzentrierten sich meist auf die Gründungsphase sowie auf Höhepunkte im Gemeinschaftsleben. Mitunter enthielten sie eine Chronik, die die Aktivitäten des Vorstands und einzelner Ausschüsse oder Arbeitsgruppen auflisteten. Was Kleingärtner an ihre Parzelle band, was sie normalerweise dort trieben, kam gelegentlich in Erinnerungsberichten einzelner Kleingärtner zur Sprache. Das Bild vom Alltag wurde jedoch immer mit Rücksicht zumindest auf die Vereinsöffentlichkeit entworfen. Es berührte nur ausgewählte Bereiche, sparte andere als zu privat aus. Das eigene Leben ist in dem Lichte dargestellt worden, in dem es Gartennachbarn und sonstige Leser heute sehen sollen. Da die Chroniken und Festschriften die Entwicklung außerhalb der eigenen Kleingartenanlage nur selten reflektierten, vermittelten sie den Eindruck einer ungebrochenen Kontinuität. Auch aus diesem Grund sind zahlreiche Kleingärtner gegenwärtig der festen Überzeugung, ihr heutiger Verein hätte während der DDR-Zeit zwar Sparte geheißen, sich sonst aber in nichts von der jetzigen Organisation unterschieden.

Als Materialien zur Alltagsgeschichte waren besonders aufschlussreich die Erhebungen des Leipziger Instituts für Bedarfsforschung (1967 umbenannt in Institut für Marktforschung der DDR), die seit 1965 in Intervallen von fünf Jahren das Verhalten der Ostdeutschen erkundeten. Bei diesen Untersuchungen zu Zeitbudget und Lebensstandard sind jedes Mal auch das Garteninteresse sowie die tatsächliche Gartennutzung erfragt worden. Das geschah freilich ganz summarisch, ohne den Kleingarten vom Hausgarten, Bauerngarten, Wochenendgrundstück usw. zu unterscheiden. Die Befunde wären durchaus wert, gesondert ausgewertet zu werden, weil sie nüchtern empirisch-handfeste Tatbestände belegten. Allerdings wurde gerade am Beispiel des Gartens sichtbar, dass vorurteilsfreie Forschung ihre Grenzen hatte, ideologische Scheuklappen und politische Urteile hierfür den Rahmen absteckten. Andererseits zeigte dieser Präzedenzfall auch, dass real zu beobachtende Sachverhalte politische Bewertungen durchaus revidieren konnten.

So wurde bereits 1970 in einer Studie über das Zeitverhalten der erwachsenen Bevölkerung in der DDR festgestellt, dass entgegen allen Erwartungen der Anteil der Gartenarbeit kontinuierlich zunahm. Die Hoffnung der politischen Führung, Gartenarbeit, vor allem die im Kleingarten, werde als Symbol der Armut im Kapitalismus, bestenfalls noch als Begleiterscheinung der Nachkriegsnot, mit dem Aufbau der sozialistischen Gesellschaft zugunsten „höherer“ Tätigkeiten an Gewicht verlieren, bestätigte sich nicht. Hatten Männer 1965 durchschnittlich 3,4 Stunden pro Woche damit zugebracht, so waren es 1970 bereits 6,4 Stunden. Bei Frauen erhöhte sich der Zeitaufwand für Gartenarbeit in diesen fünf Jahren von 1,6 auf 2,7 Stunden. Berücksichtigt man, dass nur jeder zweite Haushalt tatsächlich über einen Garten verfügte, so fiel dieser Anteil bei den Gartenbesitzern wesentlich höher aus.

Gartenarbeit ist in diesem Zusammenhang nie näher bestimmt worden. Es blieb offen, ob darunter der bloße Aufenthalt im Garten oder die Zeit für den wirklichen Gartenbau verstanden wurde, ob es sich um eine Liebhaberei oder um eine Notwendigkeit handelte. So gaben 1974 in einer Befragung zu Urlaub und Freizeit 35 Prozent der Männer und 31 Prozent der Frauen an, die Arbeit und der Aufenthalt im Garten sei ihre liebste Beschäftigung am Feierabend. Am Wochenende stand immerhin für 42 Prozent der Männer und 36 Prozent der Frauen der Garten in der Beliebtheitsskala an erster Stelle. Unabhängig davon, ob Gartenarbeit nun unter den Freizeitwünschen ganz vorn rangierte oder eher aus einer Zwangslage heraus betrieben wurde, haben zu dieser Zeit 40 Prozent der Männer und 37 Prozent der Frauen täglich oder mehrmals wöchentlich im Garten gearbeitet.

Von den Gartenbesitzern gaben rund 40 Prozent an, einen Nutzgarten zu haben, die übrigen sahen ihren Garten mehr oder weniger als kombinierten Nutz- und Freizeitgarten an. Diese Mischformen dominierten. Selbst Wochenendgrundstücke waren in der Regel keine reinen Freizeit- und Erholungsgärten. Auch hier wurden oft Obst und Gemüse angebaut und verwertet, so dass die Grenzen zwischen den verschiedenen Gartentypen fließend waren. Als der Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter Ende der siebziger Jahre begann, unter seinem Dach eigene Wochenendsiedlungen zu errichten, wurde die klare Abgrenzung zwischen Kleingärten und Erholungsgärten vollends hinfällig. Weder die rechtliche und organisatorische Anbindung, noch die Ausgestaltung oder die Art der Nutzung boten hinreichend Anhaltspunkte dafür. Es gab auf der einen Seite Kleingärtner, die wegen der räumlichen Entfernung sowie wegen beruflicher oder familiärer Pflichten ihre Parzelle nur am Wochenende und dann überwiegend als Erholungsgarten nutzten. Auf der anderen Seite haben zahlreiche Datschenbesitzer, vor allem Rentner, ihr Stückchen Land regelrecht wie einen Nutzgarten bewirtschaftet.

Die soziologischen Erhebungen brachten ans Licht, dass Gartenarbeit nach der Mediennutzung (Fernsehen, Radio und Schallplatten hören, Lesen) und nach einer Position, die mit Geselligkeiten, Erholung, religiöse Tätigkeiten und sonstige Freizeittätigkeiten nur sehr vage umschrieben wurde, an dritter Stelle lag, etwa gleichauf mit dem ebenfalls vorgegebenen Tätigkeitsfeld Spazierengehen, Wandern und aktiver Sport. Es folgte der Besuch von Kultur- und Sportveranstaltungen sowie von Gaststätten. Weit abgeschlagen rangierten dahinter Bildung und Qualifizierung, gesellschaftspolitische Betätigung sowie die Beschäftigung mit Kunst und Hobbys. Das galt für den gesamten untersuchten Zeitraum zwischen 1965 und 1990. Während mit Ausnahme der Mediennutzung die anderen Bereiche relativ konstant blieben, wurde alle fünf Jahre festgestellt, dass der Anteil der Gartenarbeit wiederum gewachsen war, umgerechnet auf den Tag um jeweils 0,1 Stunde.

Unter Soziologen war bis zuletzt umstritten, ob Gartenarbeit überhaupt als Freizeitbeschäftigung anzusehen sei oder wie Hausarbeit, Kinderpflege, Essen und Schlafen zu den „notwendigen Verrichtungen“ des Lebens gehörte, die man nicht nach Belieben ausführen oder unterlassen konnte. International erfasste die Zeitbudgetforschung Gartenarbeit und Tierpflege seit jeher getrennt als Hausarbeiten und als Freizeittätigkeiten, je nachdem, ob sie als Form von Eigenarbeit und Selbstversorgung oder als Liebhaberei betrieben wurden. In der DDR sind in den letzten Jahrzehnten Gartenarbeit und Tierpflege nur noch als Freizeittätigkeiten ausgewiesen worden. Damit konnte der stagnierende und sogar leicht rückläufige Umfang der Freizeit kaschiert werden. Da für diese Tätigkeiten zunehmend mehr Zeit aufgewandt wurde, ließ sich rein rechnerisch sogar ein Anwachsen der Freizeit belegen.

Diese politisch motivierte Umbewertung der Gartenarbeit warf neue Fragen für die Politik auf. War es angesichts dieser Tatsachen noch opportun, Gartenarbeit und Tierpflege als kleinbürgerlichen Rückzug ins Private zu denunzieren, wie dies bis weit in die fünfziger Jahre hinein geschah? Noch Ende der sechziger Jahre wurde die Ergebnisse der Zeitbudgetforschung als Nachwirkungen entfremdeter Arbeit im Kapitalismus und als ein Zustand interpretiert, der durch gezielte Erziehungs- und Kulturarbeit möglichst schnell überwunden werden müsse. So monierte etwa Alfred Kurella: „Was die Erholung betrifft, werden ideell indifferente Formen wie Gartenarbeit, Kleintierzucht, Steckenpferde aller Art und die ‚leichte Muse‘ bevorzugt.“

Kurella war ein Zeitgenosse Walter Ulbrichts und seinerzeit als Kandidat des Politbüros des ZK der SED ein führender Kulturfunktionär der Partei. Der Arztsohn, der im Unterschied zu vielen anderen Parteifunktionären das Gymnasium besucht hatte, glaubte unerschütterlich an die Allmacht der Kunst. Dies war wohl ein Erbe seiner Herkunft und seiner Ausbildung an der Münchner Kunstgewerbeschule. Nach seinem Verständnis würden nach dem Fortfall aller politischen Ausgrenzungen auch die sozialen und kulturellen überwunden. Dann könnte der kleine Kreis der (Kunst )Kenner rasch zu einem großen gemacht werden. Unter dem Einfluss Kurellas und anderer war die DDR als kleines Land mit großen Ambitionen angetreten, mit einer Utopie vom „neuen Menschen“, von einer Arbeiterklasse, die „die Höhen der Kultur erstürmen“ sollte. In diesem Konzept war für Gartenarbeit kein Platz. Der Ulbrichtsche Kompromiß bestand darin, Kleingärtner nicht als kulturlos abzuschreiben, sondern sie zu ermutigen, sich in ihren Gemeinschaften auch künstlerisch zu betätigen. Durch die gesamten fünfziger, sechziger und frühen siebziger Jahre zieht sich das Bemühen, die „ideell indifferente“ Gartenarbeit durch Volkskunstzirkel aller Art, durch „kulturelle Leistungsvergleiche“ und Festspiele aufzuwerten.

Erst die wirtschafts- und sozialpolitische Neuorientierung des VIII. und IX. Parteitages leitete hier ein Umdenken ein. Jahrzehnte nach dem Kriege und der Machtübernahme der SED schien es nicht mehr angezeigt, das reale Verhalten der Leute als zurückgeblieben und nicht richtig sozialistisch zu deklarieren. Es hatte sich auch herausgestellt, dass trotz erheblicher ideologischer Anstrengungen und entsprechender personeller wie materieller Aufwendungen die massenhaft ausgebildete „allseitige Persönlichkeit“ im Sinne des frühen SED-Verständnisses eine Fiktion blieb. Die künstlerische Betätigung „der Werktätigen“ blieb auf einen kleinen Teil der Bevölkerung beschränkt. In den Zeitbudgeterhebungen, die ja immer Mittelwerte angaben, bewegte sich die Beschäftigung mit Kunst und Hobbys konstant zwischen 0,0 und 0,1 Stunden pro Tag, d.h. sie war statistisch kaum fassbar. Vor allem Kinder, Jugendliche, Studenten, Hausfrauen und Rentner sowie jene Laienkünstler, die es seit jeher in allen Schichten gab, profitierten von der großzügigen staatlichen Förderung. Die Mittel dafür standen von Mitte der siebziger Jahre an nicht mehr in der bisherigen Höhe zur Verfügung, sondern wurden dringend für die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen benötigt. Was lag in dieser Situation näher, als die bisher scheel betrachtete Gartenarbeit aufzuwerten. Dazu mussten die Leute nicht überredet werden, das taten sie ohnehin. So nimmt es nicht wunder, dass unter dem Eindruck der soziologischen Befunde und angesichts notwendiger Umschichtungen im Staatshaushalt seit Mitte der siebziger Jahre der Gartenarbeit immer mehr „kulturell wertvolle“, „persönlichkeitsfördernde“ Wirkungen zugeschrieben wurden. In der Statistik avancierte sie durchweg von der Hausarbeit zur selbst gewählten Freizeitbeschäftigung.

Hinter dieser Umbewertung standen noch viele andere Tatbestände. Immer deutlicher zeigte sich, dass die DDR-Bevölkerung zu einem Volk von übergewichtigen Stubenhockern zu werden drohte – mit nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit. Der hohe Krankenstand war nicht nur Indiz nahezu grenzenloser sozialer Sicherheit, sondern auch Folge vielfältiger Arbeits- und Umweltbelastungen sowie einer vielfach ungesunden Lebens- und Ernährungsweise. Wenn in der Öffentlichkeit das Krankfeiern vor allem am Bild des Kleingärtners festgemacht wurde, verdeckte dies den Umstand, dass gerade diese Bevölkerungsgruppe vergleichsweise viel für die Gesundheit tat – durch körperliche Betätigung an der frischen Luft, durch Erzeugung und Verzehr von gesundem Obst und Gemüse, durch die Pflege der grünen Lungen in den Städten. Die Einsicht in diese Zusammenhänge und der Mangel an alternativen Freizeitangeboten veranlasste die Parteiführung, unter dem Motto von der „aktiven Erholung“ das Kleingartenwesen fortan stärker zu fördern. Gartenarbeit wurde quasi zum Volkssport Nummer eins erklärt, was vielleicht darüber hinwegtrösten konnte, dass etliche DDR-Bürger keinerlei Sport trieben und im Alltag kaum etwas für die eigene Kondition taten. Zugleich wurde damit ein sehr willkommener Nebeneffekt erzielt: Die zu allen Zeiten angespannte Versorgungslage bei Obst und Gemüse konnte entschärft werden. Die DDR mit ihrer auf Autarkie bedachten Agrarpolitik war immer auf die landwirtschaftliche Kleinstproduktion in den Gärten angewiesen – zur Selbstversorgung der Kleingärtnerhaushalte und für den Verkauf an den staatlichen Handel. Dies war ein Grund mehr, die Kleingärtnerei gesellschaftlich aufzuwerten.

Die soziologischen Erhebungen zum Zeitverhalten der Ostdeutschen haben den Platz des Gartens, darunter auch des Kleingartens, in der Lebenswelt allerdings nur quantitativ und in Relation zu anderen Freizeitorten und –beschäftigungen abbilden können. Ihnen sind kaum Aussagen zur Funktion zu entnehmen, unter anderem auch deshalb, weil ihnen (vielleicht „naturgemäß“) jegliche historische Dimension fehlte.

Spezielle Studien zur ostdeutschen Kleingartenkultur als Lebenswelt, Milieu und kulturelle Szene sind seinerzeit nicht vorgelegt worden. Wohl gab es kulturwissenschaftliche Untersuchungen, die die Freizeit der Arbeiter, der „kleinen Leute“ bzw. der „Werktätigen“ zum Gegenstand hatten. Sie bezogen sich auf das Kaiserreich, die Weimarer Republik sowie auf die SBZ/DDR. In solchen Untersuchungen stellte sich heraus, dass sich der Alltag der Ostdeutschen auf stabile Traditionen gründete, deren Wurzeln vor allem im Arbeiterleben angelegt waren. Es zeigte sich, dass das Freizeitverhalten arbeitender Menschen bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine Orte, seine Institutionen und seine Gegenstände gefunden hatte. Seit dieser Zeit gehörte der Kleingarten zu den bevorzugten Freizeitorten von Arbeitern, städtischen Handwerkern sowie kleinen Angestellten und Beamten. Bis auf die neuen elektronischen Medien und den Urlaubstourismus war später nichts wesentliches mehr hinzugekommen – auch in der DDR nicht, in der lediglich die Freizeit- und Vergnügungsindustrie verstaatlicht worden war und Urlaubsplätze vor allem nach sozialen Kriterien vergeben wurden. Es gehörte darum zu den Erträgen kulturgeschichtlicher Studien, im Kleingarten nicht ein zu überwindendes Muttermal des Kapitalismus, sondern ein Element der Lebensweise im Sozialismus zu sehen, dem wichtige Funktionen im Alltag zukommen. Die kulturhistorische Ausstellung Parzelle – Laube – Kolonie. Kleingärten zwischen 1860 und 1930, die 1988 im Museum Berliner Arbeiterleben lief, hatte anschaulich vorgeführt, welchen Bewegungs- und Erfahrungsraum so ein Garten für „kleine Leute“ eröffnete.


Mündliche Quellen

Für die Rekonstruktion der Lebenswelt Kleingarten wurden auch mündliche Quellen herangezogen, vor allem Gespräche mit ostdeutschen Kleingärtnern. Darunter sind keine repräsentativen, keine gezielten und keine kontinuierlichen Befragungen zu verstehen. Biographische oder historische Interviews nach Art der Oral History, der mündlich erfragten Geschichte, bildeten die absolute Ausnahme. Vielmehr handelte es sich eher um Jahrzehnte „teilnehmender Beobachtung“ und um eine Fülle zwar informeller, aber doch sachorientierter Gespräche. Auf diese Weise ließen sich kaum verwertbare Tatsachen ermitteln. Doch wurde der Blick „von innen“ und „von unten“ geschärft, mit dem dann die anderen Quellen geprüft werden konnten. Diese Binnensicht, die sich auch aus der persönlichen Kenntnis des Kleingärtneralltags ergab, erwies sich zugleich als erhebliches Handicap der Darstellung. Unweigerlich stellten sich recht subjektive, deutende, mitunter zu detailliert veranschaulichende Schilderungen ein, in denen sich andere Kleingärtner mit ihren speziellen Erfahrungen vielleicht nicht wiedererkennen. Es kann daher nur eine der möglichen Perspektiven auf die Lebenswelt Kleingarten vorgestellt werden.


Bildquellen

Schließlich sind als dritte Materialgrundlage Bildquellen ausgewertet worden. Es handelte sich einmal um Fotografien aus Zeitschriften, Museen und Privatbesitz. Diese scheinbar so authentischen Zeugnisse des Kleingartenlebens vermittelten zwar eine anschauliche, sinnliche Vorstellung vom Ganzen und förderten auch manches Detail zutage, das anderen Quellen nicht zu entnehmen war. Dennoch waren das selbstverständlich keine wahrheitsgetreuen und zuverlässigen Abbilder. Entweder hatte man es mit Presseaufnahmen zu tun, die vorgegebene Ansichten bestätigen sollten. Oder es waren Schnappschüsse von Laien, die ganz persönliche Ziele verfolgten.

Zum anderen wurden Karikaturen zu Rate gezogen, die zwischen 1946 und 1990 in den satirischen Zeitschriften Frischer Wind und Eulenspiegel erschienen sind. Beide waren beileibe keine Oppositionsblätter. Sie unterstanden letztlich wie alle offiziellen Printmedien der Abteilung Agitation des ZK, erhielten über viele Vermittlungen von dort die ihre Anleitung. So hatten sie sich auch an den jeweiligen Pressekampagnen zu beteiligen.

Im Zusammenhang mit dem Kleingartenthema war diese Abhängigkeit besonders in den fünfziger und sechziger Jahren sichtbar. Bestimmte Motive und Reizthemen wie die vom Krankfeiern, von der Bauwut, vom allgegenwärtigen Gartenzwerg usw. tauchten sowohl im Kleingärtner, in vielen Tages- und Wochenzeitungen und eben auch im Eulenspiegel auf. Was der Kleingärtner in mehr oder weniger fingierten Leserbriefen rügte, wurde im Eulenspiegel ins Bild gesetzt. Im einzelnen lässt sich schwer herausfinden, ob die Zeichnungen bestimmte zentrale Vorgaben bedienten, d.h. eine Sicht der Partei auf die Kleingärtner illustrierten, die offiziell nicht ausgesprochen wurde, aber unterschwellig wirkte, oder ob andere Beweggründe dahinter steckten.

Das Arsenal der Karikaturisten ließ sich nämlich zu keiner Zeit eindeutig als Kampf- und Erziehungsmittel der SED in Dienst nehmen. Es hat immer höchst unterschiedliche Botschaften befördert. Kritik an Kleingärtnern oder auch Appelle an sie, sich stärker gesellschaftlich zu engagieren, sich für eine bessere Versorgung im Lande einzusetzen oder die Wohngebiete zu verschönern, wurden mitunter auf so aberwitzige Weise vorgetragen, dass sie sich in ihr Gegenteil verkehrten. Die Zeichner lieferten dann eher bissige, skurrile Kommentare zu politischen Ansprüchen, als dass sie diese eins zu eins umsetzten. In den achtziger Jahren konterkarierten sie auf stille Weise die markigen Worte und großen Parolen, mit denen Staatspartei und Verbandsspitze die Kleingärtner bedachten.

Dabei ging die Sache im Kern eigentlich immer über das Schrebergartenmilieu hinaus, selbst da, wo die Zeichner an gängige Klischees anknüpften oder verdrängte Wahrheiten aufdeckten. Wenn „Laubenpieper“ als fröhliche Arbeitsbummelanten erschienen, die im Betrieb mitgehen ließen, was nicht niet- und nagelfest war, als Menschen, denen Planerfüllung, Wettbewerb, Brigadeleben herzlich egal waren, solange es nur auf ihrer Parzelle voranging, als stämmige, trinkfeste Zeitgenossen von zweifelhaftem Natur- und Umweltverständnis, seltsamem Schönheitssinn und höchst eigenwilligem Gestaltungsdrang, waren nicht allein die Kleingärtner gemeint. Es ging wohl nicht darum, ausschließlich sie als Blaumacher, Langfinger, Schluckspechte, Umweltsünder und Kulturbanausen zu denunzieren, sondern darum, generell das hehre Leitbild von der sozialistischen Persönlichkeit mit der irdischen Praxis zu konfrontieren. Der Kleingärtner stand sozusagen für den Ostdeutschen schlechthin, der in einem Winkel seines Herzens vielleicht immer bieder und provinziell blieb, auf den eigenen Vorteil bedacht, wie überall auf der Welt von dem Wunsch beseelt, sich in den gegebenen Verhältnissen möglichst behaglich einzurichten. In diesem Sinne boten die Karikaturen ein Sittengemälde des Landes, konnten als Lehrstück in Sachen Privatleben gelesen werden, das im Schutze nahezu grenzenloser sozialer Sicherheit sonderbare Blüten trieb.

Es wäre es lohnend, die Zeichnungen genauer als zeithistorische Dokumente anzusehen. Zu fragen wäre nicht nur, was Karikaturisten zum Kleingarten zu sagen hatten, sondern auch, was sie am Beispiel des Kleingartens vor Augen führten. Schon eine flüchtige Durchsicht der etwa zweihundert Darstellungen zum Thema zeigte, dass hier nicht illustriert wurde, was schon aus anderen Quellen bekannt war, sondern kaum bewusste Vorgänge und Tatbestände ans Licht gebracht wurden.


Gegenständliche Quellen

Einen möglichen Zugang zur ostdeutschen Kleingartenkultur als Lebenswelt ermöglichten auch gegenständliche Quellen. Die Mehrzahl der Gartenanlagen existiert noch relativ unverändert. Vereinshäuser und Lauben wurden bislang vergleichsweise selten umgestaltet oder neu gebaut. Der Bestandsschutz hat viele überdimensionierte Gartenhäuschen, Schuppen und Gewächshäuser erhalten. Selbst Kleintierställe sind noch zu finden. Etliche Kleingärten sind nach wie vor viel zu dicht bepflanzt, obwohl es keine wirtschaftliche Notwendigkeit mehr dafür gibt. Gerätschaften und die sonstigen Utensilien des Kleingärtners stellen heute eine bunte Mischung aus Alt und Neu dar. Aus diesen überkommenen Sachzeugen der Vergangenheit lässt sich viel über den ostdeutschen Kleingärtneralltag herauslesen.

Auch die widerstrebenden Bemühungen, den Auflagen des bundesdeutschen Kleingartengesetzes nachzukommen, lassen die vormaligen Zustände durchscheinen. Wenn etwa in einstigen Wochenendsiedlungen des VKSK heute selbst in reinen Waldlagen der Anbau kleingärtnerischer Kulturen propagiert wird, um der Einstufung als Freizeit- und Erholungsgärten und den damit verbundenen höheren Kosten zu entgehen, wirft das ein Licht auf die relativ liberale Praxis zu DDR-Zeiten. Überhaupt ist die gegenwärtig zu beobachtende Überlagerung von ost- und westdeutscher Kleingartenkultur ein Fundus für all jene, die den Platz und die Funktion des Kleingartens im Leben der DDR-Bürger bestimmen wollen. Reibungen und Konflikte, die häufig genug vor Gericht ausgetragen werden, machen sichtbar, welche verbrieften Freiheiten und ungeschriebenen Gewohnheitsrechte ostdeutsche Kleingärtner seinerzeit in Anspruch nehmen konnten.

Wer den ostdeutschen Kleingarten nur aus den Akten kennt, wer nur die Zeitschriften von damals anschaut oder nur die Fotos, wer sich allein auf die Erinnerungen von Zeitgenossen verlässt, der wird vermutlich eine schiefe Vorstellung davon bekommen. Alle diese Quellen und Materialien - die schriftlichen, die mündlichen, die Bilder, die Sachzeugen – bieten für sich genommen nie ein verbürgtes Abbild der einstigen Kleingartenwirklichkeit. Es sind Mitteilungen, die immer von speziellen Interessen geleitet waren, daher ganz zwangsläufig einseitig, zufällig, subjektiv ausfallen mussten, Informationen, die geschönt, gefälscht, ideologisch interpretiert, nur vage erinnert, unvollständig überliefert oder sonst irgendwie beschädigt waren. In ihrer Summe und im kritischen Vergleich ergaben sie aber ein Bild, das der Realität nahe kommen dürfte.

Nachdem wir die Quellenlage besichtigt haben, soll nun zu zeigen versucht werden, was der Kleingarten einst für die „einfachen Leute“ bedeut hat, was sie aus ihren paar Quadratmetern Pachtland gemacht haben. Wenn im folgenden vergröbert wird, der geschichtliche Wandel sowie die regionalen, sozialen, generations- und geschlechtsspezifischen Unterschiede vernachlässigt werden, wenn eher dezidiert behauptet als schlüssig aus vorgelegten Befunden verallgemeinert wird, ist dies vor allem der gebotenen Kürze geschuldet. Auch muss sich die folgende Studie zum DDR-Alltag auf die achtziger Jahre konzentrieren.


Der Kleingarten im Alltag des DDR-Bürgers

Zweitwohnung


Das wichtigste am ostdeutschen Kleingarten der 80er Jahre war wohl, dass er einen zweiten Wohnsitz bot. Das unterschied ihn grundsätzlich vom Kleingarten im Westen, wo das Übernachten oder gar zeitweilige Wohnen auf der Parzelle untersagt war. In der offiziellen Sicht von Politik und Verwaltung ist diese Seite kaum beachtet worden. Kleingärten gehörten immer zum Ressort Landwirtschaft, unterstanden nie den Verantwortlichen für Stadtentwicklung, Bauwesen und Wohnungswirtschaft. Dadurch kam der Eindruck auf, die Leute rissen sich so um einen Kleingarten, weil sie samt und sonders passionierte Obst- und Gemüsebauern, Blumenfreunde und Kaninchenzüchter waren oder wegen dürftiger käuflicher Angebote notgedrungen zur Selbstversorgung schritten. Das mag ein Motiv gewesen sein, zu dieser Zeit für viele aber bereits ein untergeordnetes. Hätte es ein Übernachtungsverbot für Lauben gegeben, wäre die Attraktivität zumindest der weiter entfernt liegenden Kleingärten nach dem Ende der Hungerjahre wohl auch in der DDR beträchtlich zurückgegangen.

Laut Statistik verfügte jeder Ostdeutsche 1989 über 27,4 Quadratmeter Wohnfläche. Das war zwar fast doppelt so viel wie 1950, aber deutlich weniger als im Westen Deutschlands. Dort hatte jeder Einwohner 36,7 Quadratmeter zur Verfügung. In der DDR wohnte man wesentlich häufiger zur Miete, seltener in den eigenen vier Wänden und zog auch öfter um. Die Mietwohnung war eine Bleibe auf Zeit, stand für Ungebundenheit und Wandel. Der im staatlichen und genossenschaftlichen Wohnungsneubau seit den siebziger Jahren favorisierte Typ war der Plattenbau in Großsiedlungen. Es existierte kein Wohnungsmarkt. Wohnungen wurden nach vorwiegend sozialen Kriterien zugeteilt, schieden damit von vornherein als Statussymbol aus. Die Wohnadresse verriet im Osten normalerweise kaum etwas über familiäre Herkunft, Bildung, Beruf oder Einkommen. Mietwohnungen waren so sicher wie anderswo nur Eigentumswohnungen. Der niedrige Mietpreis hatte mehr symbolische Bedeutung.

Diese allgemeinen Bestimmungen sagen wenig darüber aus, wie wirklich gewohnt wurde. Sie verbergen zum einen, dass die meisten ostdeutschen Wohnungen tagsüber praktisch leer standen, weil alle Bewohner außer Haus beschäftigt waren. Sie verschweigen zum anderen, dass viele Ostdeutsche eine Zweitwohnung besaßen, die in keiner Wohnungsstatistik auftauchte. Die relativ hohe Akzeptanz der Plattenbauten gründete sich vor allem darauf, dass sie für jedermann bezahlbar waren und hinsichtlich Lage, Grundriß sowie Ausstattung den elementaren Bedürfnissen breiter Bevölkerungsschichten entsprachen. Sicher war dies eine notgedrungene Wertschätzung, denn wirkliche Alternativen gab es nicht.

Die DDR gehörte bis zuletzt zu den Ländern mit dem höchsten Beschäftigungsgrad und der längsten formellen Arbeitzeit der Welt. Die tägliche Regelarbeitszeit betrug 8 ¾ Stunden. Auch hinsichtlich der Wochen-, Jahres- und Lebensarbeitszeit lag das Land mit an der Spitze im internationalen Vergleich. Der den Ostdeutschen oft nachgesagte Zeitwohlstand ist wohl eine Legende gewesen. Vielmehr war Zeitnot eines der größten Alltagsprobleme. Vollzeitbeschäftigte Männer und Frauen mit Kindern waren darum vor allem auf kurze Wege zu Arbeit, Schule, Kindergarten, Einkaufsmöglichkeiten und Dienstleistungseinrichtungen angewiesen. Sie brauchten eine Wohnung mit moderner Heizung und Warmwasser, Innentoilette, Bad und Einbauküche, um möglichst wenig Hausarbeit zu haben. Vor diesem Hintergrund wurde die Mietwohnung eher als Start- und Landebahn für den Arbeits- und Schultag angesehen - als Scharnier, das die Abfolge der Werktage verband - denn als private, intime Gegenwelt dazu. Für wirkliche Freizeit und Erholung ist von vielen von vornherein ein anderes Gehäuse angestrebt worden. Die preiswerteste, für jedermann erschwingliche Variante einer solchen Zweitwohnung war die Parzelle in einer Kleingartenanlage. Die deutlich teureren Wochenendgrundstücke mit ihren mitunter vergleichsweise luxuriösen Bungalows galten eher als Statussymbol der Besserverdienenden, schon allein deshalb, weil sie in der Regel nur mit dem eigenen Auto zu erreichen waren. Ob größere Wohnungen, eine weniger anonyme Architektur und ein nicht so spartanisch gestaltetes Wohnumfeld den Drang nach einem grundsätzlichen Tapetenwechsel am Wochenende aufgehalten hätten, muss offen bleiben. Vielleicht wäre auch dann eine klare räumliche und zeitliche Zäsur zwischen berufsdominierten Werktagen und selbstbestimmten freien Tagen gesucht worden. Zumindest war das zweigeteilte Wohnen – unter der Woche in der städtischen Kleinstwohnung, an freien Tagen in der Laube oder im Wochenendhaus – eine weit verbreitete Realität, auf die sich auch das öffentliche Leben einzustellen hatte.

Die Laube in der Kleingartenanlage wurde durch allerlei Um- und Anbauten nach und nach in ein zweites Zuhause verwandelt. Sie wuchs beinahe von selbst. Im Laufe der Zeit kam eins zum anderen. Aus dem Sitzplatz vor der Laube wurde allmählich eine Veranda, die von Jahr zu Jahr stabiler gemacht und schließlich geschlossen wurde, so dass am Ende ein zusätzlicher Raum entstand. Das Herzhäuschen samt Plumpsklo verschwand, im einstigen Schuppen wurde eine Toilette mit Waschbecken eingerichtet. Dafür musste ein weiterer Anbau her für all die Gerätschaften und sonstigen Utensilien des Kleingärtners. Auf diese Weise entstanden vielerorts ansprechende kleine Sommerhäuschen mit Elektro- und Wasseranschluss sowie Koch- und Schlafgelegenheiten. Zwar gab es Grenzen, was Größe und Komfort anging. Baugenehmigungen mussten eingeholt, Gartenordnungen befolgt und Auflagen beachtet werden. Doch die Anweisungen wurden relativ liberal gehandhabt oder ließen sich umgehen. Die Ausstattung richtete sich eher nach den eigenen Möglichkeiten. Lauben konnten durchaus 40 – 50 Quadratmeter Grundfläche und damit die Größe einer Familienwohnung erreichen. Es gab Gartenhäuschen mit Keller, Elektroherd, fließendem Wasser, Dusche und WC. Kühlschrank, Fernsehapparat und Staubsauger gehörten für viele zum Mindeststandard eines solchen zweiten Haushalts.

Diese Sommerwohnung im Grünen ergänzte immerhin für ein halbes Jahr - von April bis September - die Hauptwohnung. Sie bot private Freiräume und bei allen Vorschriften doch ein erhebliches Maß an individuellen Gestaltungsmöglichkeiten, daneben Naturnähe, Auslauf und all die Dinge, die auch der Garten des Einfamilienhauses bereithielt. Als Eigenheimersatz war der Kleingarten dennoch nicht anzusehen. Das Eigenheim hatte einerseits einen gänzlich anderen Lebenszuschnitt zur Voraussetzung, verlangte nicht nur größere finanzielle, psychische und soziale Opfer, sondern auch eine berufliche und familiäre Organisation, wie sie in der DDR selten gegeben war. Im Osten waren Hausfrauen bzw. bezahltes Personal – wichtige Säulen des Eigenheims – absolute Ausnahmen. Zum anderen blieb man im Hausgarten letztlich immer den Gesetzen des Hauses, der Nachbarschaft, der Wohngegend verpflichtet. In Kleingarten und Laube dagegen tauchte man in eine völlig andere Welt ein. Selbst wenn die Gartenanlage nur wenige Straßenecken entfernt lag, war sie quasi ein geheimer Ort, den nur enge Vertraute kannten. Für alle übrigen war man praktisch unerreichbar, damit deren Ansprüchen und Zumutungen entzogen. Im Kleingarten wurde man wie im Plattenbau auch nicht zwangsläufig mit einem bestimmten sozialen Status oder einer beruflichen Position in Verbindung gebracht, weil hier wie da vom Pförtner bis zum Werkdirektor, von der angelernten Näherin bis zum Universitätsprofessor alles vertreten war.

In der Kleingartenkolonie herrschten eigene Sitten. Die hier geltenden Regeln, Ordnungen und Umgangsformen, die Formen der sozialen Kontrolle, die Rollenverteilung, die Kleiderordnung, die Eß- und Wohnkultur, selbst die Rituale der Feste und Feiern unterschieden sich deutlich von denen in der Mietwohnung. Im Kleingarten gingen sogar die Uhren anders. Ohne Hektik und Eile sollte es hier zugehen, möglichst ohne größeren Aufwand, ungezwungen und familiär.

Schon die Ausstattung der Lauben erzeugte eine spezielle Atmosphäre. Selten ist da mit Bedacht ausgewählt und angeschafft worden, etwa um dem Ganzen ein ländliches Flair zu geben. Vielmehr kam meist alles Ausrangierte hierher. Die kleinen Räume waren mit Möbeln und Hausrat vollgestopft. Was in der Wohnung nicht mehr benötigt wurde, aber irgendwie noch brauchbar schien, zu schade zum Wegwerfen, landete in der Laube: Das erste Kofferradio, die Klappcouch aus der Junggesellenzeit, die letzten Tassen vom Hochzeitsservice – für den Außenstehenden meist ein unmögliches Sammelsurium, schäbiger Plunder. Für die Besitzer hingen aber Erinnerungen daran an Menschen und denkwürdige Umstände. Die Dinge waren vertraut durch langen Gebrauch, machten vergangene Zeiten immer wieder lebendig und erzeugten allesamt jenen eigentümlichen Stallgeruch, der die Generationen zusammenhielt. In gewisser Weise war jede Laube ein Familienmuseum, angefüllt mit Zeugnissen des Herkommens, der gemeinsamen Wurzeln. Möglicherweise war die sparsame Lebensführung der Ostdeutschen in dieser Hinsicht ganz nebenbei der beste Denkmalschützer.

Was für die Innenausstattung galt, traf auch auf die äußere Gestalt zu. Gartenarchitektonische Kostbarkeiten durfte man hier nicht erwarten. Die Parzelle war irgendwann einmal vom Vorgänger übernommen worden, nicht weil Liebe auf den ersten Blick die Wahl bestimmte, sondern weil nichts anderes zu finden war. Jeder Pächter hatte versucht, dem Anwesen sein Gepräge zu geben. So standen vor allem in den älteren Anlagen schmucke Bungalows und wahre Bruchbuden, Pavillons und Gewächshäuser, Schuppen und Weinlauben, Taubenschläge und Kaninchenställe dicht beieinander. Die gärtnerische Nutzung war höchst unterschiedlich ausgeprägt. Vom reinen Ziergarten bis zum regelrechten Wirtschaftsgarten war alles zu finden. Dabei waren viele Parzellen hoffnungslos „überpflanzt“. Obstbäume, Beerensträucher und Hecken, Gemüsebeete und Erdbeerreihen, Kartoffelfurchen und Kräuterecken – bis in den letzten Winkel wurde der Boden genutzt. Dazwischen musste noch Platz gefunden werden für eine Sitzecke, für den Grill, für eine Liegewiese und für Blumen, für Sandkasten, Schaukel, Planschbecken oder Tischtennisplatte, für Komposthaufen und Regentonne. Zugleich war der Garten eine ständige Baustelle. Immer war irgendwo etwas auszubessern oder zu erneuern, zu verlängern, aufzustocken oder anzustreichen. Selbst wenn die Arbeit ruhte, lag zumindest Material bereit, um es bei Bedarf zur Hand zu haben. Der Kleingärtner konnte alles gebrauchen und warf so schnell nichts weg. Deshalb herrschte auch im Schuppen drangvolle Enge. Schubkarre, Rasenmäher, Sonnenschirm, Liegestühle, Leitern, Kisten, Körbe, Kannen, Schläuche, Gartengeräte, Werkzeuge, Draht, Schrauben, Nägel, Pinsel, Farben, Bretter, Dachpappe, Sämereien, Dünger und tausend andere Dinge mussten auf wenigen Quadratmetern untergebracht werden.

Gemessen an der Wohnung schuf der Garten das Gefühl von Weite. Doch am Ende war auch er stets zu klein. Raum, Kraft und Zeit reichten nie aus, um alle Wünsche in die Tat umzusetzen. So durchkreuzten Nützlichkeitserwägungen ständig den Schönheitssinn, ganz Prosaisches die Poesie. Chaos und Ordnung, Unkraut und Blütenpracht, Wildnis und akkurate Beete gehörten immer zusammen. Im Unterschied zum Hausgarten ließ sich hier kein Vorgarten anlegen, der dem Vorübergehenden die Schmuckstücke wie in einer Vitrine präsentierte und die intimeren Bereiche an die Rückfront verwies. Doch war auch der Kleingarten kein homogener Raum. Er hatte seine innere Logik, war nach ungeschriebenen, aber strengen Regeln geordnet. Was von den Gemeinschaftswegen aus einzusehen war, wurde auf allgemein akzeptierte Weise gestaltet. Was vor neugierigen Blicken verschont bleiben sollte, verschwand hinter Hecken und Pergolen. Sosehr sich der Kleingärtner um ein abgeschirmtes Refugium bemühte, wirklich verbergen ließ sich hier nichts. Auch er selbst saß eigentlich immer auf dem Präsentierteller. Nur war die Öffentlichkeit der Laubenkolonie eine andere als die des städtischen Umfelds oder der Arbeitswelt. Sie folgte eigenen Normen und Sitten, hatte sogar ihre spezielle Kleiderordnung. Eine ausgesprochene Freizeitkleidung legten sich die wenigsten zu. Im allgemeinen hatte der Gartenlook selbst am Wochenende nicht Feiertägliches, nichts Ländliches, nichts Sportliches, war eben kein Sonntagsstaat, sondern Arbeitskluft. Da wurde Abgelegtes und Bequemes getragen, weite Hosen, Kittelschürzen, ausgetretene Schuhe. Wenn das Wetter danach war, ließ man sich auch noch mit achtzig Jahren und Bauch im Badekostüm sehen. Niemand hätte sich in seiner Gartenmontur im Stadtpark gezeigt oder auch nur einen Schritt vor die Haustür gewagt. In den Anlagen dagegen war solch ein Aufzug allgemein üblich. Die Laubenkolonie war kein Laufsteg. Schönheitswettbewerbe wurden hier nicht ausgetragen. Selbst an Frauen mit Lockenwicklern im Haar und unrasierten Männern nahm niemand Anstoß. Die meisten standen die Woche über im Berufsleben und hatten auf ein korrektes Äußeres zu achten. Da war jedem das Bedürfnis verständlich, sich auch einmal gehen zu lassen.


Spielraum für eigenes Tun

Für viele war der Kleingarten die ideale Ergänzung zur Mietwohnung und zum beruflichen Alltag. Was dort nicht ausgelebt werden konnte, fand im Garten seinen Raum. In diesem Sinne war der Garten Ausgleich und Gegengewicht zu den Einseitigkeiten der modernen Arbeitswelt und des städtischen Umfelds. Er reproduzierte ein Stück vorindustrieller Lebensweise, ohne die Menschen dauerhaft an deren Schranken zu binden.

Der Kleingarten war zwar kein privates Eigentum, aber doch ein besonderer Rechtsraum, in dem man im Unterschied zu Wohnung und Betrieb bleibende Spuren hinterlassen konnte. Er bot Handlungs- und Entscheidungsspielräume, die sonst nirgendwo zu finden waren. Es machte wohl den besonderen Reiz der Parzellen aus, dass Kleingärtner hier relativ ungehindert schalten und walten konnten.

So vielfältig wie die Dimensionen des Kleingartens als Ort des Wohnens, der Arbeit, der Freizeit, der Repräsentation, der Erholung, Geselligkeit, Bildung, Erziehung, Ernährung, Gesundheit, von Spiel, Sport und sonstigem Zeitvertreib waren, so breit gefächert boten sich Möglichkeiten für eigenes Tun. Der Garten war eine Spielwiese für Jung und Alt, für ewiges Wühlen und Ackern, für Basteln und Bauen.

Solcherart Freiheit hatte allerdings ihre Kehrseite: Wer sich einmal für einen Kleingarten entschieden hatte, war fortan im Laufrad der Gartenarbeit gefangen, konnte für andere Interessen und Tätigkeiten kaum noch Zeit erübrigen. Vom zeitigen Frühjahr bis zum späten Herbst beanspruchte der Garten nahezu jede freie Stunde. Da war zu graben und zu hacken, zu säen und zu pflanzen, zu wässern und zu düngen, zu jäten und zu mähen, zu ernten und einzukochen. Selbst wer nicht auf hohe Erträge aus war, hatte mit Bäumen, Sträuchern, Hecken, Stauden, Blumen und Rasen vollauf zu tun. Auch sie verlangten intensive Pflege, mussten vor Schädlingen und Krankheiten bewahrt werden. Laube, Schuppen, Wege, Zäune, Gerätschaften waren instand zu halten. Im Osten war in Gartenanlagen auch die Kleintierhaltung erlaubt. Wer Kaninchen, Hühner oder Tauben besaß, war noch enger an seine Parzelle gebunden. Das Kleinvieh ließ einem niemals Ruhe. Täglich war für Futter zu sorgen, die Ställe mussten sauber gehalten werden, man hatte sich um die Gesundheit der Tiere zu kümmern, die Nachzucht zu organisieren und vieles mehr. Im Unterschied zu anderen Hobbys konnten Kleingarten und Tierhaltung nicht einfach beiseite geschoben werden, wenn andere Dinge wichtiger wurden. Jede Unterbrechung und jedes Versäumnis rächten sich und machten alle vorangegangene Mühe zunichte. Selbst eine Urlaubsreise konnte da schon zum Problem werden.

Für Männer war der Garten zugleich eine Werkstatt unter freiem Himmel. Da wurde getüftelt und entworfen, gemessen und gerechnet, gesägt und gehämmert, gebohrt und geschraubt, was das Zeug hielt. Dem Kleingärtner widerstrebte es, Dinge zu kaufen oder von Handwerkern erledigen zu lassen, die er selber besorgen konnte. Oft machte auch einfach die Not erfinderisch. Gartencenter und Baumärkte waren unbekannt. Alles, was der Kleingärtner brauchte, gehörte zu den Mangelwaren. Eigenbau, Improvisation und Nachbarschaftshilfe standen darum hoch im Kurs. Die Kunst bestand vor allem darin, aus Resten, Abfall und gebrauchtem Material mit wenigen, universellen Werkzeugen Neues zu schaffen. Lauben, Folienzelte und Gewächshäuser, Ställe, Schuppen und Gartenteiche entstanden auf diese Weise. Sogar Hollywoodschaukel, Grill, Saftpresse und Rasenmäher sind selbst gebaut worden.

Ein Wochenende im Kleingarten konnte körperlich anstrengender und kräftezehrender sein als eine ganze Woche im Betrieb. Meist war das ein gesuchter Ausgleich zur einseitigen Beanspruchung im Beruf, ein Gegengewicht, wie es anderswo nicht zu finden war. Viele kannten aus der Arbeitswelt das deprimierende Erlebnis sinnlos vertaner Zeit, das sie zusätzlich veranlasste, im Garten ordentlich zuzupacken. Jedenfalls legten Kleingärtner mitunter eine regelrechte Arbeitswut an den Tag und dachten selbst in der Freizeit streng nützlichkeitsorientiert. Etwas für die Gesundheit zu tun, war ihnen schon wichtig. Aber den Körper durch ausgefeilte Übungen zu trainieren, erschien ihnen dann doch als unsinniger Kräfteverschleiß. Ebenso wenig erstrebenswert war es für manche, mit dem Dampfer über die Seen der Umgebung zu schippern, Flaniermeilen entlang zu schlendern oder Ausflugslokale anzusteuern, dabei die Sonne, die frische Luft und die schöne Natur zu genießen. Das ganze Sehen und Gesehen Werden bedeutete für sie vergeudete Zeit. Die meisten öffentlichen Freizeitangebote waren in ihren Augen zu aufwendig, zu lärmend, zu langweilig oder zu teuer. Oft behagte ihnen zudem das soziale und kulturelle Umfeld nicht, oder ihnen waren die jeweiligen Spielregeln fremd.

Der Kleingarten war kein Lustgarten, kein Ort, wo Müßiggänger eine Beschäftigung suchten, sondern das Feld von Menschen, für die strammes Arbeiten eigentlich Gewohnheit und Ehrensache war. Viele von ihnen mussten auch im Garten rastlos tätig sein, konnten nicht innehalten, weil sie nie in ihrem Leben gelernt hatten, ausgiebige Mussestunden zu genießen. Das sogenannte süße Nichtstun stellte für sie keinen Wert, sondern eine unerträgliche Belastung dar. Wenn der äußere Zwang zur Arbeit entfiel, trat sofort der innere an seine Stelle. Dann war Eigenarbeit die beste Form der Erholung, die ein sichtbares Ergebnis, Freude und Zufriedenheit, Bestätigung, seelisches Gleichgewicht und Lebensgenuß brachte. Für jenen Menschenschlag wäre es die größte Strafe gewesen, untätig sein zu müssen, nichts Sinnfälliges zuwege bringen zu können. Dieser Kleingärtnertyp machte auch seine Pausen, aber nur, um nach getaner Arbeit auszuruhen, das Geschaffene stolz zu betrachten, die größte Hitze oder einen Regenguß abzuwarten und den nächsten Schritt vorzubereiten.

Dabei vermengten sich unentwegt Arbeit und Zeitvertreib. Etwas Sinnvolles zu tun, konnte durchaus bedeuten, sich etwas Zweckfreies vorzunehmen und dabei der Phantasie freien Lauf zu lassen. Viele Kleingärtner setzten ihren ganzen Ehrgeiz daran, den eigenen Schönheitsvorstellungen Geltung zu verschaffen. In den Kleingärten drückten sich immer auch die ästhetischen Maßstäbe ihrer Nutzer aus. Die Gartengestaltung reichte von streng geometrischen bis zu natürlichen, verspielten und halb verwilderten Formen. Indirekt und unbewusst sind alle historischen Gartenstile nachgeahmt worden, meist in einer bunten Mischung. Viel Mühe und große Sorgfalt wurden darauf verwandt, schmückende Elemente anzufertigen und in das Gesamtbild einzufügen, um selbst dem profansten Nutzgarten noch eine persönliche Note zu geben. Dazu gehörten Versatzstücke und Zitate aus der Geschichte der Gartenkunst ebenso wie umfunktionierte Gegenstände des täglichen Lebens. Burgen und Grotten, Arkaden und Pavillons, Brunnen und Becken, Windmühlen und Wasserräder wurden im Schrebergartenformat nachgebaut. Ziergitter, Wetterfahnen und Reliefs, Geweihe, Muscheln und Anker, Ampeln und Wagenräder, allerlei Geschmiedetes und Gedrechseltes, bepflanzte Schubkarren, Autoreifen und Milchkübel, dem griechischen Vorbild nachempfundene Krüge und Vasen, mit leeren Flaschen eingefasste Blumenrabatten, Miniaturlandschaften mit Eisenbahnen, Tunneln und Viadukten, Gartenskulpturen unterschiedlicher Art wie Rehe, Hasen, Störche oder Fliegenpilze - im Kleingarten gab es nichts, was es nicht gab. Selbst die Ikonen der Laubenkolonien, die vielgeschmähten, zugleich heißbegehrten Gartenzwerge – massenindustrielle Kopien der einst in Barockgärten aufgestellten Gnome und Erdmännchen aus Porzellan – fehlten nicht, obwohl sie in der DDR eigentlich nur für den Export hergestellt wurden.

Gartenkunst dieser Art hat die Kleingärtnerschaft immer entzweit. Die einen hängten ihr Herz daran, wollten damit ein Zeichen setzen, ihre Sehnsucht nach Idylle und Intimität, nach verspielter Heiterkeit und kreativem Schaffen ausdrücken. Andere empfanden solche Dinge als Kitsch, als unerträglichen Angriff auf den guten Geschmack. Obwohl mit dem traditionellen Bildungsbürgertum auch dessen ästhetische Urteilskraft als Maßstab aus der Öffentlichkeit verschwunden war, wirkten bestimmte Werturteile offenbar fort. Eine dritte Fraktion wiederum hatte genügend Distanz, den ganzen Zauber als Ulk anzusehen und sich darüber zu amüsieren. Im Grunde waren die Kleingartenanlagen ein Spiegelbild dessen, was sich sonst hinter ostdeutschen Wohnungstüren auftat und die unterschiedlichen Bildungs- und Kulturhorizonte offenbarte. Die Provokation bestand nur darin, dass dies hier unter freiem Himmel, vor den Augen der Öffentlichkeit geschah.


Ort der Familie

Der Kleingarten war der Ort der Familie. Die ostdeutsche Familie hatte viele Gesichter, war überall da, wo Kinder mit Eltern, Müttern oder Vätern lebten. Die verwandtschaftlichen und juristischen Konstellationen konnten dabei höchst unterschiedlich sein. Für alle Formen galt aber gleichermaßen, dass sie durch die Berufstätigkeit der Frauen und die außerhäusliche Betreuung der Kinder mehr oder weniger Wochenendfamilien waren. Werktags wurden die wache Zeit vor allem in Betrieben, Schulen und Kindereinrichtungen zugebracht. Das sogenannte Familienleben beschränkte sich auf die Morgen- und Abendstunden, im Wesentlichen auf gemeinsame Mahlzeiten, häusliche Pflichten, Fernsehen und das Schlafen unter einem Dach. Um so kostbarer waren dann der Urlaub, die Wochenenden und Feiertage. Sie gehörten oft ausschließlich der Familie. Im Urlaub versuchten auch Kleingärtner, einen Ferienplatz im Betriebs- oder Gewerkschaftsheim zu erhalten, schon der Kinder wegen und weil der Aufenthalt dort billiger war als das Daheimbleiben im Garten. Für zwei Wochen fand sich immer ein Nachbar, der auf der Parzelle nach dem Rechten sah und sich um das Gießen kümmerte. Für die übrigen freien Tage war der Kleingarten ein idealer Ort – leicht erreichbar, rund um die Uhr geöffnet, ohne Anfangszeiten und Eintrittspreise, ohne Verzehrzwang und ohne Etikette, ruhig, kinderfreundlich, altersgerecht, auch auf Menschen mit Handicaps eingerichtet. Hier war man unter sich, an der frischen Luft und im Grünen, nicht in der Wohnung, aber dennoch zu Hause. Hunger, Durst, Müdigkeit – für alles war gesorgt.

Schon das gemeinsame Essen hatte etwas Nicht-Alltägliches. Die Tischsitten waren zwar so locker wie das Gartenleben insgesamt. Es wurde auch nicht groß getafelt. Aber allein die andere Umgebung und die Tatsache, dass die ganze Familie beisammen saß, gaben den Mahlzeiten am Wochenende etwas Besonderes. Es war ein Genuß, unter freiem Himmel zu sitzen, ohne ängstlichen Blick auf die Uhr zulangen zu können, ohne Anstehen und Thermophorgeklapper, ohne Sprelacartplatten und klebrige Wachstuchdecken, ohne Plastikgeschirr und Aluminiumbesteck, ohne die Mischung von Spülmitteln, Desinfektionsbrühe, gerösteten Zwiebeln und dem schwülen Dunst der Abfallkübel in der Nase zu haben. Niemand hätte wochentags auf die Gemeinschaftsverpflegung mit ihrem wohl unvermeidlichen Ambiente verzichten können. Sie sicherte eine warme Mahlzeit, war preiswert und auch mehr oder weniger bekömmlich. Eine Schule der Sinne war sie aber gewiß nicht. Milchreis, Brühnudeln, Kartoffelsuppe, Fischstäbchen, saure Eier, Jägerschnitzel und dergleichen haben aus den Ostdeutschen keine Gourmets gemacht. Verglichen damit bot die Gartenküche ganz andere kulinarische Genüsse. In aller Regel kam auch hier schlichte Hausmannskost auf den Tisch, aber eben frisch zubereitet, meist mit Gemüse und Obst aus dem eigenen Garten: Pellkartoffeln mit Dillsauce, Kräuterquark, knackige grüne Bohnen, Pflaumenknödel, Kirschpfanne – jeder hatte da sein Leibgericht. Im Osten hat sich trotz oder gerade wegen des Einerleis in Kantinen und Gaststätten und der begrenzten Auswahl an käuflichen Zutaten viel vom regionalen Erbe des Geschmacks und der Küchengeheimnisse gehalten. Es ist in den Familien gehütet und von Generation zu Generation weitergegeben worden.

Die Generationen lagen im Osten ohnehin zeitlich relativ dicht beieinander. Frauen bekamen meist in vergleichsweise jungen Jahren ihre Kinder, die wiederum auch rasch flügge wurden, so dass die verschiedenen Elterngenerationen eine relativ lange gemeinsame Lebenszeit miteinander hatten. In den Mietwohnungen blieb jede dieser Generationen für sich, in den Gartenkolonien lebten indirekt größere Familienverbände wieder auf. Hier half man einander, wenn Not am Mann war, hier wurde verteilt, was geerntet, aber nicht selbst verbraucht werden konnte. Hier feierte man Geburtstage und andere Familienfeste, bei denen sich oft die ganze Sippe traf. Die zwanglose Gartenatmosphäre machte es leichter, sich selbst in schwierigen Situationen und bei vertrackten Familienverhältnissen an einen Tisch zu setzen. Die Familie als persönlich verbundene Gemeinschaft wurde bei jeder dieser Begegnungen neu konstituiert. Das half, besondere Formen des Zusammenhalts und der gegenseitigen Unterstützung am Leben zu erhalten, die im gewöhnlichen Alltag zu verlanden drohten. So konnten etwa Großeltern in der DDR normalerweise keinen allzu häufigen Kontakt zu ihren Enkeln pflegen, weil sie selbst noch berufstätig waren und infolge der staatlichen Wohnungszuweisung oft nicht in unmittelbarer Nachbarschaft lebten. Die Gelegenheiten zu unbefangenem, herzlichem Beisammensein und Austausch beschränkten sich meist auf Feiertage, das Wochenende und den Urlaub. In der warmen Jahreszeit verabredete man sich oft im Kleingarten, weil die Älteren ohnehin dort waren und die Jüngsten da mehr Bewegungsfreiheit hatten als in der Wohnung. Die Gartenkolonien konnten auch deshalb zum Treffpunkt der Generationen werden, weil es hier mitunter regelrechte Familiendynastien gab. Mehrere Gärten einer Anlage waren seit Jahrzehnten fest in der Hand einzelner Clans. Kleingärten konnten im Unterschied zu Mietwohnungen quasi vererbt werden. Enkel halfen den Großeltern bei der Gartenarbeit, wenn deren Kräfte in hohem Alter nachließen, bis sie am Ende die Parzelle als neue Pächter übernahmen.

Generell waren Kleingartenanlagen immer eine Heimstatt der Alten. Sie waren diejenigen, die in der Kolonie das Sagen hatten, nicht nur, weil sie im Unterschied zu den Berufstätigen täglich anwesend sein konnten, sondern auch, weil sie meist die wichtigen Posten im Vorstand besetzten. Viele Kleingärtner sahen schon in jüngeren Jahren in der Parzelle ihren künftigen Alterssitz und arbeiteten bewusst darauf hin, alles entsprechend vorzubereiten. Im Garten fanden sie, was mit dem Abschied von der Arbeitswelt verloren ging: Gelegenheit zu sinnvollem Tun, Eigenverantwortung und selbstbestimmtes Handeln, soziale Kontakte und Integration in eine Gemeinschaft, Schaffensfreude, Anerkennung durch andere und persönliche Bestätigung. Besonders wichtig wurde das für Alleinstehende, für Verwitwete und Geschiedene. Im Garten wurde zwar jede Hand gebraucht, aber man konnte auch als einzelner bestehen, sich nach dem Verlust des Partners in eine vertraute Lebenswelt zurückziehen, ohne zu vereinsamen. Als idealer Lebensplatz für die Jahre nach der Berufs- und Familienphase ermöglichte der Garten ein aktives, zufriedenes Älter- und Altwerden. Hier konnten dem Ruhestand trotz sinkenden Einkommens und schwindender Vitalität auch positive Seiten abgewonnen werden. Erst jetzt fand der Kleingärtner die Zeit, den Garten wie seinen guten Ruf zu pflegen und zu einem Ebenbild des eigenen Ich zu machen. Und er begann, den Garten als Jungbrunnen zu schätzen, in ihm den besten Arzt zu sehen. Dennoch waren die Gartenanlagen im Osten keine Altersheime. Bei der Vergabe von freiwerdenden Parzellen wurden stets junge Familien mit Kindern bevorzugt. Dadurch blieb eine relativ ausgewogene Altersstruktur erhalten.

So sehr der Garten die Familien vereinte, knüpfte doch jedes Alter und Geschlecht ganz unterschiedliche Erwartungen daran. Einerseits wurde nirgendwo Freizeit so sehr mit Freiheit assoziiert wie hier. Der Kleingarten war private Freifläche für das ungehinderte Spiel der Kinder und für kompensatorische Betätigungen der Erwachsenen, frei von Lärm, Gestank und Verkehr, frei von den kontrollierenden Blicken der Öffentlichkeit. Andererseits konnten Spaß und Erholung schnell in lästige Pflichten umschlagen.

Für kleinere Kinder war der Garten ein Abenteuer. Wasser, Erde, Holz, Steine, Bindfaden boten unerschöpfliche Möglichkeiten. Die beste Spielzeugkiste war der Schuppen. Hier lernten schon die Jüngsten, mit richtigem Werkzeug umzugehen. Auch Pflanzen und Tiere weckten ihr Interesse. Regenwürmer, Schnecken, Insekten, Vögel und Igel konnten für sie aufregender sein als der wildeste Löwe im Zoo. Viele waren mit Feuereifer dabei, wenn sie selbst ein eigenes kleines Beet anlegen durften. In punkto Kreativität und Umwelterziehung war der Kleingarten im besten Sinne des Wortes ein idealer Kindergarten. Insgesamt kam der wenig geregelte, nicht so sehr auf Disziplin, Ordnung und Sauberkeit ausgerichtete Tagesablauf Kindern sehr entgegen. Abends lange am Grill sitzen, Katzenwäsche, Übernachten auf der Campingliege oder gelegentlich sogar mit Schlafsack und Taschenlampe im Zelt – all das atmete Lagerfeuerromantik und war ganz nach ihrem Geschmack. Größere Kinder dagegen konnten sich im Garten schnell langweilen. Sie vermißten ihre Freunde, wären vielleicht lieber zum Fußball oder zum Schwimmen gegangen. Wenn sie dann noch zur Gartenarbeit angehalten wurden, konnte ihnen der Aufenthalt gründlich verleidet werden. Von einem gewissen Alter an kamen sie ohnehin nicht mehr mit, genossen lieber die Freiheit, am Wochenende die Wohnung für sich zu haben oder sonst ihrer Wege zu gehen.

Für Frauen war die Situation eine besondere. Vielen Ostfrauen mit Familie lag nicht unbedingt daran, am Wochenende ausgeführt zu werden und unter Leute zu kommen. Zum einen hatten sie kaum Zeit dafür, weil an Hausarbeit zu erledigen war, was die Woche über liegen blieb. Zum anderen stand ihnen oft auch nicht der Sinn danach, denn soziale Kontakte und öffentliche Aufmerksamkeit hatten sie werktags genug. Sie suchten eher jene familiäre Häuslichkeit, die sonst immer zu kurz kam. Dafür schlüpften sie bereitwillig oder auch notgedrungen für zwei Tage in die klassische Hausfrauen- und Mutterrolle, auch in die der Kleingärtnerin. Sie konnten sich durchaus mit Leidenschaft in die Gartenarbeit stürzen oder ans Einwecken machen. Wenn sie dann allerdings nach einem Tag Hacken und Gießen, Jäten und Ernten, Gemüseputzen und Kirschen Entsteinen noch die halbe Nacht in der Laube am Herd standen, um Konfitüre, Ketchup oder Saft zu kochen, weil nichts von den Früchten des Gartens umkommen durfte, hörte der Spaß selbst für die passionierteste Kleingärtnerin auf. Der Mann hatte derweil möglicherweise längst die Flucht ergriffen, half irgendwo aus oder saß im Vereinsheim beim Bier. Die Kinder schliefen oder waren nur mühsam mit dem Fernsehprogramm in Schach zu halten. Was als heiteres, beschauliches Wochenendidyll gedacht war, konnte leicht aus den Fugen geraten. Die ungewohnte Nähe aller Familienmitglieder und die unterschiedlichen Vorstellungen vom Gartenleben führten unversehens zu Reibereien. In solchen Situationen erschien Frauen das schönste Gartenparadies plötzlich nur noch als etwas, was sie neben all den anderen Pflichten zusätzlich am Halse hatten. Dann sehnten sie sich nach den geregelten Verhältnissen am Arbeitsplatz oder danach, ganz allein inmitten ihrer Rosen zu sitzen.

Denn der Kleingarten war nicht nur Mittelpunkt des Familienlebens, sondern zugleich ein legitimer Ort, sich von den Seinen auch einmal zurückzuziehen, ohne gleich alle Brücken abzureißen. Zwar war es meist Männern vorbehalten, das Feld zu räumen, wenn sich zu Hause Gewitterwolken zusammenbrauten. Frauen hatten diesen Wunsch auch, blieben aber durch viele Aufgaben eher an die Wohnung gebunden. Profitiert haben dennoch alle. Der Garten war dann Blitzableiter und Seelentröster. Umgraben oder Holzhacken bis zum Umfallen, ein Wort und ein Bier mit dem Nachbarn, und mancher Ärger war verflogen. Selbst in weniger brisanten Situationen war der Kleingarten ein verläßlicher Helfer. In Wohnungen ohne eigenen Raum für jedes Familienmitglied, ohne Arbeits- und Gästezimmer, ohne Kammern und sonstiges Nebengelass konnte sich praktisch niemand aus dem Wege gehen, nirgendwo für sich sein. Wer ungestört seinen Gedanken nachhängen wollte, allein sein mit einer dringenden Arbeit, einem Kummer, einer Passion oder einer heimlichen Liebe, der blieb nur im Garten unbehelligt. Eltern flohen hierher vor dem Partylärm ihrer Sprößlinge, Schichtarbeiter vor den unvermeidlichen Tagesgeräuschen in Mietshäusern mit etlichen Wohnparteien. Mitunter war die Laube auch Gästewohnung oder Ausweichquartier für die halbe Familie, wenn daheim Besucher die Betten belegten.

Mit Ausnahme der Jüngsten besaß meist jeder in der Familie einen eigenen Gartenschlüssel, konnte also auch solo oder mit Freunden dort aufkreuzen. Einerseits gab es in den Laubenkolonien eine gewisse soziale Kontrolle. Es wurde schon registriert, wer da wann mit wem auftauchte. Andererseits war es völlig in Ordnung, Fremde mitzubringen. Ob allerdings in den Gartenanlagen wirklich das Leben tobte, ob hier die eigentlichen Liebesnester des Ostens versteckt waren, wie mitunter behauptet wird, ist glücklicherweise im Verborgenen geblieben. Dennoch wußten alle: Wenn man weder zur ihm, noch zu ihr gehen konnte, dann blieb oft nur der Garten übrig. Im Schutze der Laube machten Heranwachsende ihre ersten sexuellen Erfahrungen, und auch ältere Semester führten ihre neuen Eroberungen mitunter hierher. Besonders in der kalten Jahreszeit, wenn die Laubenkolonien wie ausgestorben dalagen, waren sie begehrte, verschwiegene Orte. Viele Ostdeutsche erinnern sich an Sternstunden der Liebe in eisigen Bungalows und klammen Betten, was der Leidenschaft offenbar keinen Abbruch tat. Der Kleingarten war sicher der Hort der Familie. Doch die Familie selbst befand sich fortwährend im Wandel, war an ihren Rändern offen, mit Schlupflöchern und Übergängen zu anderen Formen des Zusammenlebens.


Selbstversorgung und Nebenerwerb

Seit Mitte der fünfziger Jahre brauchte man den Kleingarten nicht mehr, um die Familie satt zu bekommen. Von diesem Zeitpunkt an war die ostdeutsche Bevölkerung im Allgemeinen wohlgenährt, zum Teil sogar bedenklich übergewichtig. Nach Meinung aller Fachleute wurde insgesamt zu viel, zu fett und zu süß gegessen – ein Trend, der bis zum Ende der DDR anhielt. Dennoch blieb der Garten wichtig für die Ernährung. Es war für die meisten Kleingärtner selbstverständlich, Obst und Gemüse anzubauen. Ausschlaggebend dafür waren nicht etwa horrende Preise oder schlechte Qualität der vom Handel angebotenen Naturprodukte. Auch der bessere Geschmack des Selbstgezogenen spielte kaum eine Rolle. Fades Obst und Gemüse aus dem industriellen Treibhausanbau – jenes „schnittfeste Wasser“, das den Westen überschwemmte – war im Osten gänzlich unbekannt. Entscheidend war vielmehr, dass es immer zu wenig Obst und Gemüse zu kaufen gab. Auf Konserven konnte man noch am ehesten zurückgreifen. Auch Tiefkühlerzeugnisse waren im Angebot, darunter geradezu legendäre DDR-Erfindungen wie etwa der eingefrorene Gurken- und Tomatensalat, der sich nach dem Auftauen nur noch aus der Tasse trinken ließ. Frisches dagegen war selbst in der Saison Mangelware, nicht einmal in Delikatgeschäften oder im Intershop erhältlich. Das betraf nicht nur die immer knappen Importe wie ungarische Paprikaschoten, polnische Champignons, bulgarische Weintrauben und kubanische Mandarinen, sondern auch einheimisches Obst und Gemüse. Erdbeeren, Kirschen oder Knoblauch zu ergattern, gehörte schon zu den Glücksfällen. Wer Sonderwünsche hatte, außer den zwei Standard-Apfelsorten einen anderen Geschmack suchte oder das ewige Einerlei von Kraut und Rüben satt hatte, konnte sich nur auf Eigenarbeit und ein gewisses Maß an Selbstversorgung verlassen.

Über die gärtnerischen Fähigkeiten und Erträge ostdeutscher Kleingärtner waren viele Legenden in Umlauf, die selbst in die amtliche Statistik der DDR Eingang fanden. Tatsächlich dürfte sich alles aber im üblichen Rahmen bewegt haben. Die meisten Kleingärtner waren blutige Laien und hatten als Berufstätige auch gar nicht die Zeit, sich intensiv dem Gartenbau zu widmen. Viele Laubenkolonien lagen so weit entfernt von der Wohnung, dass es unmöglich war, mehrmals in der Woche oder gar täglich zum Gießen zu kommen. Auch mit dem Sachverstand der Hobbygärtner war es oft nicht weit her. Abgesehen von einigen Spezialisten, die aus dem Metier kamen, und den alten Hasen, die schon über Jahrzehnte hatten Erfahrungen sammeln können, hatten die meisten nicht viel Ahnung. Der Kleingärtner hatte vielleicht einmal Elementares im Schulgartenunterricht gelernt und manches den Eltern oder Nachbarn abgeschaut. Er mochte sich auch bemühen, in Gartenzeitungen und Ratgeberbüchern nachzulesen, entsprechende Rundfunk- und Fernsehsendungen zu verfolgen oder gar spezielle Vorträge und Fachberatungen zu besuchen – im allgemeinen blieb es aber bei lückenhaften Kenntnissen.

Um so mehr wurde mit Hingabe und Liebe gearbeitet. Der Kleingärtner hatte ein ganz anderes Verhältnis zur Natur als der Erwerbsgärtner oder der Landwirt. Er verwandte viel Mühe darauf, jedes einzelne Pflänzchen aufzupäppeln, freute sich auch über kleine Erfolge. Um so größer war der Stolz, wenn wirklich einmal etwas gut gedieh. So war es dann jedes mal eine stille Freude und Genugtuung, wenn er die erste Gurke oder Tomate abnehmen konnte. Die Erinnerung an ihren Duft und Geschmack hatte den Kleingärtner schon beim Säen und Pflanzen beflügelt. Da war dann keine Mühe zu groß, Setzlinge vor Frost, Schädlingen und Krankheiten zu schützen, sie zu wässern und mit Nährstoffen zu versorgen, ihnen jede nur mögliche Pflege angedeihen zu lassen. Was so mit dem eigenen Schweiß gedüngt war, schmeckte dann um so besser. Das ließ auch Fehlschläge rasch vergessen. Wenn in einer einzigen kalten Nacht alle Pfirsichblüten erfroren, die schönsten Erdbeeren von Schnecken gefressen wurden, ein heißer Sonnentag die knackigen Salatköpfe in die Höhe schießen ließ, Radieschen am Ende wurmstichig und Kohlrabiknollen holzig wurden oder Braunfäule die Tomatenpflanzen dahinraffte – der Kleingärtner trug es mit Fassung. In seinen Augen war das höhere Gewalt, gegen die kein Kraut gewachsen war. Er versuchte, zu retten, was zu retten war, verbrauchte, was noch halbwegs genießbar schien. Der Rest wurde verfüttert, landete auf dem Kompost oder wurde vernichtet, um Krankheiten nicht ins nächste Jahr zu schleppen.

Über die Rentabilität seines Tuns dachte der Kleingärtner in der Regel nicht nach. Betriebswirtschaftliches Kalkulieren war ihm fremd. Hätte er all die aufgewandte Zeit und Kraft veranschlagt, dazu die Auslagen für Samen und Pflanzen, Gartengeräte, Dünger, Pflanzenschutzmittel, Wasser und Strom, für Pacht, Beiträge und Versicherungen, am Ende auch noch die unvermeidlichen Einbußen und Verluste gegengerechnet, hätte sich das vermeintlich billige Obst und Gemüse als überaus teurer Spaß herausgestellt. Aber was zählte, war nicht der Marktwert, sondern die Freude am Selbstgezogenen, die Genugtuung, etwas zu haben, was man nicht kaufen konnte, auch das Bewusstsein, etwas für die Gesundheit zu tun und dabei unabhängig von mehr oder weniger leeren Gemüsegeschäften zu sein. All das war nicht in Geld aufzuwiegen.

Inwiefern der Kleingarten Grundlage eines Nebenerwerbs war, lässt sich schwer sagen. Der Handel kaufte zwar alle Gartenprodukte auf, selbst kleinste Mengen und zu Preisen, die oft über den Ladenpreisen lagen. Bei reichem Erntesegen, in Zeiten einer Obstschwemme oder bei unverhofft hohen Gemüseerträgen konnte das hilfreich sein. Große Mengen konnte der Kleingärtner meist nicht schnell genug selbst verarbeiten, und kein Mensch wollte in der Saison tagaus, tagein grüne Bohnen oder Spinat essen. Bei vielen war es aber verpönt, Überschüssiges aus dem Garten zu Geld zu machen. Manch einer genierte sich, unter den Augen der Nachbarn einen Korb Stachelbeeren oder ein Bund Mohrrüben in die Kaufhalle zu tragen. Der organisierte Aufkauf in der Sparte hatte da schon eher Erfolg. Insgesamt wurden Gartenprodukte aber vor allem getauscht oder verschenkt – in Erwartung einer künftigen Gegenleistung. Sogar für Rentner war es weitaus lukrativer, stunden- oder tageweise im alten Betrieb auszuhelfen, wo sie als Arbeitskräfte immer gefragt waren, als das Ruhegehalt durch kleine Beträge aus dem Verkauf von Blumen, Obst oder Gemüse aufzubessern. Das Geschäftsinteresse der Kleingärtner hielt sich auch deshalb in Grenzen, weil selbst beim Direktverkauf auf Märkten oder an der Straßenecke die Preise eine staatlich vorgegebene Höhe nicht überschreiten durften. Bei Kleintierhaltern sah die Sache anders aus. Sie produzierten meist von vornherein nicht ausschließlich für die eigene Familie. Viele konnten mit Kaninchenfleisch, Eiern oder Honig gutes Geld verdienen.


Vereinsleben

Jeder Kleingartenpächter gehörte dem Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter (VKSK) an. Das war eine gesellschaftliche Organisation mit über 1,5 Millionen Mitgliedern, die neben Kleingärtnern auch Siedler, Wochenendsiedler, Kleintierzüchter und –halter sowie Imker in sich vereinigte. In den VKSK trat man aus rein pragmatischen Gründen ein. Es gab keine andere Möglichkeit, zu einem Kleingarten zu kommen. Ohne eine solche Mitgliedschaft kam kein Pachtvertrag zustande. Dass dem Verband politische und wirtschaftliche Ziele aufgegeben waren, spielte dabei kaum eine Rolle. Die wenigsten Kleingärtner kannten das Statut oder nahmen Notiz von den Verlautbarungen der Zentrale.

Dem Verband schloß man sich jedenfalls nicht an wegen seiner überzeugenden Ziele oder weil man eine soziale Bindung suchte. Der erwachsene DDR-Bürger war meist Mitglied in mehreren Vereinigungen, in der Regel, ohne sich groß um deren Organisationsleben zu kümmern. Der VKSK machte da keine Ausnahme, zumal es sich hierbei nicht gerade um eine prestigeträchtige Einrichtung handelte, wo die Mitarbeit berufliches oder soziales Fortkommen versprochen hätte. Landläufig war vom VKSK halb abschätzig, halb liebevoll vom Schrebergarten- bzw. Laubenpieperverein die Rede. Und der durchschnittliche Kleingärtner erlebte seine Sparte – so hieß die Pächtergemeinschaft einer Anlage im Osten - ja tatsächlich als Quasi-Verein, kaum als Teil einer Großorganisation. Sie war ein die Generationen übergreifender Verbund von Menschen mit gleichen Freizeitinteressen, geprägt von eigenen Regeln des Zusammenlebens, von Gemeinsinn und sozialer Verantwortung. Die Sparte hatte zwar keine eigene Satzung, wählte aber einen Vorstand, traf sich zu Versammlungen, Arbeitseinsätzen und geselligem Beisammensein. Die Anteilnahme war höchst unterschiedlich ausgeprägt. Bei manchen erschöpfte sich die Mitgliedschaft im bloßen Entrichten der Beiträge und Pachtzahlungen. Andere absolvierten die angesetzten Veranstaltungen nach dem Prinzip der Anwesenheit. Schließlich gab es überall einen harten Kern von engagierten Gartenfreunden, denen der Zusammenhalt in der Anlage am Herzen lag und die aus zentralen Vorgaben das beste zu machen versuchten. Dazu gehörten auch jene braven Parteisoldaten, die hierzu den Auftrag ihrer Genossen erhalten hatten oder aus eigenem Interesse privates Hobby, ehrenamtliche Verbandsarbeit und Parteifunktion miteinander verbanden. Gewiß gab es darunter Wichtigtuer und Radikalinskis, Möchtegern-Fürsten und Bürokraten, die jede Weisung von oben buchstabengetreu umzusetzen versuchten. Im allgemeinen bestimmten aber die Ehrenamtlichen vor Ort im Einvernehmen mit den Mitgliedern, wo es lang ging.

Als Gemeinwesen lebte die Sparte von und in ihren Projekten. Vorhaben wie der Bau eines Kulturhauses oder eines Kinderspielplatzes, das Verlegen einer Wasserleitung oder der Anschluss an die Stromversorgung – Dinge, die meist wirkliche Knochenarbeit bedeuteten und durch Eigenleistungen der Mitglieder erledigt wurden, brachten die Leute näher und stärkten das Zusammengehörigkeitsgefühl. Im Unterschied zu den „Subbotniks“ in Betrieben und Wohngebieten handelte es sich hierbei nicht um aufgenötigte Freizeitarbeit. Viele waren mit vollem Einsatz dabei, weil sie selbst darüber abgestimmt hatten und einen persönlichen Nutzen darin sahen. Auch wenn Gefahr von außen drohte, die Anlage geräumt werden sollte oder unbillige Forderungen gestellt wurden, rückte man zusammen und war sich schnell einig. Ansonsten waren die Beziehungen eher locker. Mit den Nachbarn suchte man ein gutes Auskommen, den Vorstand ließ man nicht ohne Not im Regen stehen, es lebten alte Freundschaften und alte Feindschaften wie in einem Dorf.

Das Gartenjahr hatte seinen eigenen Festkalender, der dem Rhythmus der Vegetation folgte und die Gewohnheiten des Alltags unterbrach. Kleingärtner waren schon immer ein geselliges Völkchen und noch nie Kinder von Traurigkeit gewesen. Traditionell stand alle paar Wochen irgendein Fest auf dem Programm, bei dem es meist hoch herging: Frühlings-, Sommer-, Ernte- und Kinderfeste, Faschingsbälle und Pfingstkonzerte, „Italienische Nächte“, Rentner- und Kinderweihnachtsfeiern, Sylvesterschwof, zwischendurch Preisskat, Frühschoppen und andere volkstümliche Vergnügungen. All diese Traditionen lebten in ostdeutschen Laubenkolonien fort. Manches davon wurde in den fünfziger und sechziger Jahren von der neuen Obrigkeit als unzeitgemäß angesehen und eingeschränkt. Besonders der hohe Alkoholkonsum war ein Stein des Anstoßes, auch die Tatsache, dass bei solchen Gelegenheiten derbe Späße die Runde machten, altdeutsche Weisen erklangen oder Schnulzen aus dem Westen, im schlimmsten Fall sogar Rock- und Beatmusik. Unbefangenheit, Übermut, Rabatz und Rausch, die einfach zu jedem dieser Spektakel dazugehörten, galten plötzlich als schlimme Auswüchse. So ist den Leuten in bester aufklärerischer Absicht manch herkömmlicher Jokus ausgetrieben worden.

Als endlich Friedhofsruhe eingezogen war, der Festkalender auf ein Sommerfest mit Kinderbelustigungen und eine Rentnerweihnachtsfeier zusammengeschrumpft war, ansonsten der Kleingärtner lieber bei Bier und Rostbrätel auf seiner Parzelle sitzen blieb, als sich im Vereinshaus den neuen Sitten zu fügen, war es auch wieder nicht recht. Der Versuch der Verbandsspitze, in den achtziger Jahren die alte Festkultur neu zu beleben, scheiterte allerdings. Viele Traditionen waren endgültig verloren gegangen. Inzwischen hatten die Leute andere Gelegenheiten und Formen des Feierns entdeckt. Lebensstil und Zeitrhythmus hatten sich von Grund auf gewandelt. Die Einbindung in überkommene Gemeinschaften hatte generell nachgelassen. Und auch die ostdeutsche Kleingärtnerschaft war nicht mehr dieselbe wie vordem. In den 80er Jahren waren jene Bildungs- und Einkommensschichten, die traditionell im Kleingartenmilieu verwurzelt waren, längst nicht mehr unter sich. Gegen Ende der DDR hatte jeder vierte Kleingärtner ein Hochschulstudium abgeschlossen, jeder fünfte eine Fachschulausbildung. Berufliche und soziale Aufsteiger unterlagen im Osten nicht dem Zwang, in Sprache, Denkart, Normen und Verhalten ihre Herkunft zu verleugnen. Das erklärt, weshalb sich auch höhere Chargen in den Laubenkolonien wohl fühlten. Dennoch gingen die Vorstellungen vom fröhlichen Vereinsleben zunehmend auseinander. Die Festkultur der Ostdeutschen blieb immer den Mustern der Unterschichten nahe. Gleichwohl wurde es schwieriger, alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Spartenfeste bekamen allmählich den Charakter von Hausfesten. Viele gingen nur hin, um sich nicht auszuschließen, um keine Gräben aufzureißen gegenüber den Nachbarn, mit denen man unter einem Dach oder in einer Anlage zusammenlebte. Ob man mit Spaß bei der Sache war und auf seine Kosten kam, wurde demgegenüber nebensächlich.

Kleingartensparten waren seit den siebziger Jahren keine geschlossenen Gesellschaften mehr, sondern offen für jedermann. Seitdem die Tore der Anlagen nicht mehr zugesperrt wurden, viele Kolonien sogar als Naherholungsgebiete für die Allgemeinheit staatlich anerkannt waren, änderte sich ihr Platz im Kulturleben der Städte und Gemeinden. Zu Tanzvergnügen und Ausstellungen kamen mitunter mehr Besucher aus den umliegenden Wohngebieten als aus den Anlagen selbst. Kinderfeste wurden Attraktionen auch für die Jüngsten aus der Nachbarschaft. Das Sparten- bzw. Kulturhaus war zudem oft eine Oase in der gastronomischen Wüste vieler Wohnviertel, jedenfalls der einzige Bier- und Kaffeegarten weit und breit. Kleingartenanlagen ohne Vereinsheim hatten zumindest einen sogenannten Getränkestützpunkt - abends und am Wochenende eine der wenigen Möglichkeiten, für Nachschub zu sorgen, wenn die heimischen Vorräte zur Neige gingen. Das Vereinshaus stand für Familienfeiern, Brigade- und Hausfeste zu Verfügung. Polterabende, runde Geburtstage, Jugendweihen und Silberhochzeiten sind hier gefeiert worden.


Insel der Träume

So handfest und irdisch der Kleingarten auch war, blieb er doch immer zugleich ein imaginärer Ort, eine Insel der Wünsche, Träume, Mythen und Erinnerungen, ein Ort, der einen Zauber selbst in sonst ganz einfache Verhältnisse brachte. So oft der Kleingärtner seine Scholle auch verfluchen mochte wegen der endlosen Plackerei und des unentrinnbaren Eingebundenseins - sie zog ihn immer wieder magisch an. Offenbar hatte der Garten auch eine gleichsam metaphysische Dimension. Was ist nicht alles auf jene dreihundert Quadratmeter Pachtland projiziert worden? Die Sehnsucht nach Naturnähe, nach Ruhe und Beschaulichkeit, nach Rückzug vom öffentlichen Geschrei, von Hektik und Betriebsamkeit in einen geschützten und schützenden Raum, der Wunsch nach familiärer Harmonie, der Traum von einem erfüllten Lebensabend: In der Morgensonne frühstücken, die Stille genießen, dem Gesang der Vögel lauschen, Blumen an ihrem Duft, Früchte an ihrem Geschmack erkennen, ausruhen im Schatten eines Baumes, den Regen aufs Dach trommeln hören, zuschauen, wie sich die Blüten im Dämmerlicht schließen, den Sternenhimmel betrachten, im Wechsel der Jahreszeiten, im immerwährenden Werden und Vergehen Momente Ewigkeit spüren und dabei seinen Seelenfrieden finden.

Der Kleingarten blieb unveränderlich an Ort und Stelle liegen, überlebte jeden Wandel, mochten die Zeitläufe noch so dahinjagen und dem eigenen Leben widerfahren, was da wollte. Der Garten war einer der wenigen Orte, an dem die Zeit stille zu stehen schien – ein tröstlicher Gedanke, wenn man selbst sichtbar älter wurde. Der Garten begleitete einen über Jahrzehnte, war darum emotional auch viel stärker besetzt als etwa die Wohnung, die unterdessen oft mehrmals gewechselt wurde. Als Sinnbild des Dauerhaften, Überschaubaren, Verläßlichen stand er für ein Stück Heimat, nach der man sich sehnte aus der Ferne, auch wenn sich dieses Zuhause bei näherem Hinschauen als recht prosaisches und begrenztes Gehege erwies. Nicht umsonst wurden die Kleingärten oft die kleinen Paradiese oder die Paradiese der kleinen Leute genannt. Vielleicht brauchte der Kleingärtner tatsächlich nicht die Aura ferner Stätten oder historischer Bilder. Er sah sein abgeschlossenes Fleckchen Erde als Garten Eden, als Ort, der Glück und Frieden, Ruhe und Sorglosigkeit versprach, an dem er sich wohlfühlte inmitten von Pflanzen und Tieren, wo er ein ideales Betätigungsfeld fand und seiner Natur gemäß leben konnte.

Auch aus einem anderen Grund war der Kleingarten ein geradezu mythischer Ort. Er erzeugte die Illusion, ein Grundstück zu besitzen. Der Kleingarten wurde als etwas Eigenes angesehen, als persönliche Habe, als Sinnbild für Unabhängigkeit und Selbständigkeit. Sicher war er das im juristischen Sinne nicht. Aber da im Osten ein Pachtvertrag beinahe ein Freibrief war, sich jedenfalls kein Eigentümer darum scherte, was hinter dem Gartenzaun geschah, konnte solch ein Gefühl entstehen und gepflegt werden. In der DDR hatte das Privateigentum als selbständige Größe seine Bedeutung weitgehend verloren. Wirtschaft und Gesellschaft gründeten sich auf Gemeineigentum, an dem der einzelne durch seine Zugehörigkeit zu verschiedenen Kollektiven teilhatte. Diese Teilhabe ist jedoch immer als abstrakte, formale erlebt worden, hat kaum den Sinn dafür geweckt, persönlich zuständig und verantwortlich zu sein.

Völlig unberührt vom allgegenwärtigen und allmächtigen Volkseigentum blieb dennoch bei vielen der Wunsch nach einem eigenen Revier. Dahinter standen weniger materielle Ansprüche als vielmehr die ganz existentielle Lust daran, irgendwo selber Regie führen zu können, sein eigener Herr zu sein, zu sehen, was man schafft, für sich persönlich zu arbeiten und die Früchte der Arbeit auch selbst zu ernten. Gemeineigentum und staatlicher Kollektivismus ließen private Räume und individuelle Freiheiten als rares, kostbares Gut erscheinen. Unter diesen Bedingungen bekam das gepachtete Stückchen Land ein Gewicht und vor allem einen symbolischen Wert, die ihm in anderen Eigentums- und Rechtsverhältnissen gar nicht zugekommen wären. Unter Privateigentümern und Grundstücksbesitzern war der Kleingärtner immer der arme Schlucker, der es nicht zu Eigenheim, Grund und Boden gebracht hatte. Vor diesem Hintergrund schrumpfte selbst das schönste Gartenhäuschen zur armseligen Hütte zusammen. In einer Gesellschaft von gleichermaßen Eigentumslosen galt der Kleingärtner dagegen geradezu als König, weil er auf seiner Parzelle mehr oder weniger tun und lassen konnte, was er wollte. Der Kleingarten war hier ein Schatz, der die Rechte und Freiheiten des Eigentums versprach, ohne den Erwerb und die damit verbundenen Lasten aufzubürden. Nur wer die staatlich verbrieften und die vielen zusätzlichen Gewohnheitsrechte ostdeutscher Kleingärtner kennt, kann das ermessen.

Im Kleingarten konnte sich Geltung verschaffen, was im großen Strom der Gleichmacherei sonst leicht unterging: der Gestus des Eigentümers, das persönliche Verantwortungsgefühl, das Bedürfnis nach Selbstdarstellung und Repräsentation, nach Abgrenzung von anderen. Das „Klein, aber mein“ hatte im Osten weniger den Beigeschmack von Selbstbeschränkung und kleinbürgerlicher Betulichkeit. Es bot Handlungsmöglichkeiten, die anderswo untergraben wurden, erlaubte, bestimmte Seiten des eigenen Wesens überhaupt erst auszubilden und sich sonst unstillbare Sehnsüchte zu erfüllen. Kreativität und Unternehmensgeist sind auf diese Weise erhalten geblieben. Sie beschränkten sich aber auf den Kreis der privaten Liebhabereien, sind damit von wichtigen Sphären des Gesellschaft abgezogen worden.


Nachsatz

Es ließ sich hier nur recht flüchtig skizzieren, welche Fülle von Handlungs- und Erfahrungsräumen ein Kleingarten für DDR-Bürger eröffnete. Der Fortbestand dieser Lebenswelt, deren Wurzeln bis weit in das 19. Jahrhundert zurückreichen, konnte über all die Jahre bewahrt werden. Gewandelt hat sich dagegen das Urteil der politischen Führung des Landes. Der Blick in die Akten und die Auswertung des übrigen Quellenmaterials zeigten, wie Illusionen, Ressentiments und Vorurteile gegenüber dem Kleingarten schrittweise abgelöst wurden von nüchternen, pragmatischen Überlegungen, die freilich rasch in neues Wunschdenken mündeten.

Die wechselnden Bewertungen und Sinnzuweisungen aus den politischen Apparaten haben dem Kleingartenwesen nicht viel anhaben können. Auch die Versuche, es auf die eine oder andere Weise zu regulieren, blieben meist äußerlich. So ist das Aufblühen des ostdeutschen Kleingartenwesens wohl weniger durch die spezielle Kleingartenpolitik der SED und des Staates bewirkt worden, auch nicht durch Entscheidungen der VKSK-Führung. Vielmehr war dies ein Ergebnis der Gesamtpolitik. Die Staatspartei hat durch ihr Vorgehen dafür gesorgt, dass Kleingärten verblüffend gut in den DDR-Sozialismus passten, viel besser als in die kapitalistische Gesellschaft, wo sie immer ein Fremdkörper im Grundstücksmarkt blieben. Denn die SED-Politik hat große Teile der Bevölkerung – weit über jene Schichten hinaus, die traditionell im Kleingartenmilieu verwurzelt waren – in eine Lage gebracht, wo der Kleingarten als ideale Ergänzung zu auskömmlichen, aber vielfach begrenzten Lebensmöglichkeiten angesehen wurde.

Ausschlaggebend waren wohl die Arbeits- und Einkommensverhältnisse der Leute, ihr dadurch bestimmter Zeitrhythmus und ihre Wohnsituation. Selbstverständlich waren auch die Formen familiärer Organisation wichtig, das Verhältnis der Geschlechter und Generationen, die Konsum- und Ernährungsbedingungen sowie die Voraussetzungen für Freizeit und Erholung. Die DDR-spezifische Ausprägung dieser Lebensbedingungen hatte ihre eigene soziale Logik. Sie erzeugte massenhaft den Wunsch nach einem kleinen Garten als Gegenpol zu gemeinschaftlichem Eigentum, öffentlichen Räumen, kollektiven Aktionen und gesellschaftlichen Angeboten. Was sich dort nicht verwirklichen ließ, sollte sich auf der eigenen Parzelle erfüllen.

In dem Maße, in dem die politische Führung solchem Bestreben Rechnung trug, gewann sie an Akzeptanz – nicht nur bei den Garteninteressierten. Sie konnte darüber hinaus auch das Gesamtsystem stabiler machen. Denn das Kleingartenwesen nahm manchen Konflikten die Spitze, beruhigte Unzufriedene, setzte Bindungskräfte frei und eröffnete Wege zur Selbsthilfe. Auf diese Weise trug es zum sozialen Frieden und zur inneren Sicherheit bei. All das, was Kleingärten nach Auffassung ihrer bürgerlichen Protagonisten in der kapitalistischen Gesellschaft bewirken sollten und weshalb sie einst von Kommunisten so heftig attackiert worden waren, leisteten sie schließlich auch im DDR-Sozialismus.

Die Staatspartei erhoffte sich von Kleingärtnern aber noch mehr. Zusätzlich sollten sie manches von dem wettmachen, was durch den Fortfall der Marktwirtschaft und durch das Einmauern des Landes an Leerstellen entstanden war. Im Gegenzug wurden ihnen alle erdenklichen Freiheiten eingeräumt. Nur vor dem Hintergrund solch hochgesteckter Erwartungen ist zu erklären, dass das ohnehin ehrgeizige Kleingartenprogramm der SED noch aufgestockt werden sollte. Für das Jahr 2000 waren in perspektivischen Überlegungen eine Million Kleingärten vorgesehen. Allerdings ist die Rechnung nicht aufgegangen. Zwar passten die kleinen Gärten hervorragend in den Staat der „kleinen Leute“. Nur wollten selbige am Ende doch anderes und mehr – den Anschluss an „die Welt“ mit ihren Maßstäben.


Bei vorstehendem Text handelt es sich um die überarbeitete Vorbemerkung zum Titel: Isolde Dietrich, Hammer, Zirkel, Gartenzaun. Die Politik der SED gegenüber den Kleingärtnern. Berlin 2003. ISBN 3-8311-4660-8, 408 Seiten, Abb., 26,- €.