KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2004
Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn: Kultur
Elka Tschernokoshewa
Born in Eastern Europe
Die Gefahr und die Freiheit der Grenzsituation oder Warum Europa den Osten braucht
Einleitung

Wir wollen heute über die Beziehung zwischen West- und Osteuropa sprechen. Da gibt es sicherlich genügend Argumente, warum der Westen den Osten nicht braucht: Der Osten ist arm, macht nur Ärger und ist so groß, dass niemand weiß, wo er endet – so steht es hierzulande oft in der Presse. Das Bruttosozialprodukt ist niedrig, es gibt ethnische Konflikte, eine hohe Kriminalität, Maffia, undurchsichtige politische Entscheidungen – und dann werden dort auch noch Sprachen gesprochen, die keiner versteht. Zudem wollen da alle arbeiten, sogar die Frauen, und wir haben nicht mal Arbeitsplätze für uns.

Ich will diesen Argumentationsstrang nicht weiter verfolgen, sie kennen all dies bestimmt zu gut, viel mehr will ich auf eine andere Ebene gehen und meine Ausgangs-These formulieren: Westeuropa – als Idee, als Konstrukt und als analytische Kategorie - braucht Osteuropa, weil Westeuropa sich immer durch seine Beziehung zu Osteuropa definiert hat. Sie sind konstitutiv füreinander. Seit dem es Westeuropa gibt, gibt es auch Osteuropa. Und seit dem es Osteuropa gibt, gibt es auch Westeuropa. Die Frage ist: Wie wird diese Beziehung gedacht? Wie werden Identität und Gemeinschaft definiert? Was sind wir, und was die Anderen? Wie werden die Grenzen der Gemeinschaft definiert? Welche sind die Modelle des Umgangs mit dem Anderssein? Darum ist für mich die Frage nicht, ob Westeuropa den Osten braucht, sondern wie über diese Beziehung nachgedacht wird, wie diese Beziehung gestaltet wird – diskursiv, aber auch strukturell. Denn es gibt sehr unterschiedliche Möglichkeiten, unterschiedliche Modelle der Gestaltung. Und die jeweiligen wirtschaftlichen Bedingungen und politischen Strukturen sind eng mit den unterschiedlichen Modellen des Umgangs mit der Differenz verbunden.

Auf diese unterschiedlichen Modelle des Umgangs mit Differenz möchte ich näher eingehen. Ich werde das in einer eher essayistischen Form machen. Und wenn ich meine, dass Westeuropa – Osteuropa eine Konstruktion der Moderne sind, so bedeutet das nicht, dass diese Konstruktionen nicht wirksam wären. Gerade umgekehrt. Sie sind sehr wirksam, ja sie sind sehr wirklich. Und mit dieser Wirklichkeit lebe ich und versuche es – nicht nur heute Abend – mich mit ihr auseinanderzusetzen.

Balkanische Europäer
Als der bulgarisch-jüdische Filmregisseur Angel Wagenstein in Berlin gastierte, wurde er von Journalisten gefragt, wie er seine nationale oder regionale Zugehörigkeit definiert. „Ich bin ein balkanischer Europäer“ – antwortete Wagenstein und seine Antwort war sicherlich als Provokation gedacht. Denn der Balkan oder die Balkanisierung wurden seit dem 18. Jahrhundert, zugespitzt aber im 20 Jahrhundert, zu jenen Schimpfwörtern, mit denen das „aufgeklärte“ bzw. „zivilisierte“ Europa das Andersartige zu bezeichnen pflegte, d. h. alles das, was Europa nicht ist oder nicht sein will. In dem Moment, wo ein Teil von Europa für sich das Recht auf Fortschritt, Demokratie und Zivilisation okkupiert hatte, wurde der Balkan zum Synonym für Dunkelheit, Primitivismus, Barbarei. Und offenbar klingt die Vorstellung immer noch paradox, dass der Balkan und Europa zusammengeführt werden solle.

Das Paradoxon hat auch andere Namen: Ost-Europa, slawischer Raum, ehemaliges sozialistisches System. Oder auch orthodoxe Kirche, Byzanz, Nicht-EU-Raum. Mal sind es sprachliche Unterschiede (die slawischen Sprachen), mal religiöse Besonderheiten (ost-orthodoxes Christentum), ein anderes Mal politische oder ökonomische Unterschiede, die hervorgehoben und nachgezeichnet werden. Aber was bedeutet es heute, ein balkanischer Europäer oder ein Osteuropäer, ein Nicht-EU-Europäer zu sein? Wie sehen wir uns selbst, was erwarten wir von Europa und noch mehr: womit sind wir interessant für Europa?

Werden wir „Nicht-Europäer“ nur als Kontrastfolie für das Selbstbewusstsein der „wirklichen Europäer“ gebraucht oder sind wir für das EU-Europa noch anders interessant? Für mein Verständnis ist das Interessante an Osteuropa heute, dass die Leute dort über Grenzerfahrungen verfügen. Auch wenn sie keine Migration in dem Raum erfuhren, haben sie jedoch eine Migration in der Zeit durchlebt. Sie sind Grenzgänger, sie leben im Spagat zwischen zwei gesellschaftlichen Systemen, zwischen dem, was früher als „Ost“ und als „West“ galt, ja zwischen den althergebrachten Vorstellungen von Zentrum und Peripherie. Es ist ein Doppelleben, gelebte Transkulturalität, doppelte oder mehrfache Perspektivität. Vielleicht kann ich es auch so sagen: Das Besondere an der Osteuropaperspektive ist, dass sie viele Fluchtpunkte hat. Wir leben in einem dritten Raum. Wir besitzen die Weisheit der Ungewissheit. Wir sind uns selbst fremd. Wir sind hybrid.

Als ich jüngst wieder in Sofia war, habe ich mehrmals von Freunden den Ausdruck gehört: „Ach, wir leben in einer interessanten Zeit.“ Und dann wurde gleich hinzugefügt: „Es soll ein alter chinesischer Fluch sein, in interessanten Zeiten zu leben.“ Fluch oder nicht - wie verläuft solch ein interessantes Leben? Es bedeutet Abschiednehmen von der Eindeutigkeit, ein intensives Erleben des Ungewissen, verlangt zu lernen, mit neuen Strukturen umzugehen, zwingt zum Versuch, das anderswo Gelernte hier anzuwenden, einen neuen Pragmatismus an den Tag zu legen, zu vergleichen, zu staunen, oft zu staunen, eine Stereosicht zu entwickeln, zum Dialektiker oder zum Relativisten werden. Heute ein Osteuropäer sein, das bedeutet, oft belehrt, begutachtet oder evaluiert zu werden. Oft auch von Außen. Das ist eine sehr interessante Erfahrung. Dabei wird unerwartet Missachtung erfahren, unverhofft kann man aber auch Solidarität zu spüren bekommen. Die Ostdeutschen kennen das bestimmt.

Mit allen diesen „hybriden Erfahrungen“ – wie ich sie bezeichnen möchte - sind die Osteuropäer beladen. Sie haben das Reich der Eindeutigkeit verlassen. Sie besitzen eine Stereosicht. Dabei möchte ich etwas hervorheben: Wenn wir das heutige Leben in Osteuropa verstehen wollen, so dürfen wir die Erinnerung und positive Bezüge an die sozialistische Zeit nicht nur als Nostalgie oder – oft ironisierend – als Ostalgie bezeichnen und so desavouieren. Bei diesen Bezügen geht es nicht um eine Verklärung der Vergangenheit – wie oft behauptet –, sondern um erworbene Handlungskompetenzen und Lebenserfahrungen. Wenn die Betroffenen auf dieses Arsenal von kulturellen Semantiken und Praktiken bewusst zurückgreifen – und das tun wir – dann sollte dies nicht als mangelnde Anpassung an die neue Zeit verrechnet werden, denn es handelt sich um konkrete Antworten auf die neuen Lebensbedingungen. Es ist ein kreativer Umgang mit den Widersprüchen der eigenen Lebenssituation, durch den die eigene Biographie geschaffen wird. Sie vereinen in diesem Leben im Spagat das noch Unvereinbarte. Auf diese Weise entstehen hier und heute neue, hybride Welten. Solch ein Leben im Spagat bedeutet höhere Flexibilitätskompetenz, breitere Handlungskompetenz, Mobilität, Auflockerung von Grenzen und Abschließungen, Ende der Eindeutigkeit. Aber dieses Ende von Eindeutigkeit, von „Normalbiografie“, von vorhergesagter Stabilität, von Langzeitjobs, lebenslangen Bündnissen – alles das sind doch Phänomene, die in der Zeit der Globalisierung für alle schlüssig werden. In diesem Sinne sind die Osteuropäer Avantgarde der globalen Moderne. Und gerade komplexe Gesellschaften benötigen unkonventionelle Lösungen, neue Blickwinkel, überraschende Impulse. Darum könnte diese nicht mehr Mono-, sondern inzwischen „Stereosicht“ für ein gemeinsames Europa von Bedeutung sein.

Überdies sind auch in anderen Bereichen „Vermischungen“ zu erkennen. Immerhin werden an allen Schulen des slawischen Raumes auch nichtslawische Sprachen gelehrt. Die TV-Programme in Polen, Ungarn oder Bulgarien zeigen eigene und importierte Sendungen in interessanter Mischung. Oft ist es so, dass die ehemalige Peripherie mehr über das Zentrum weiß als umgekehrt. Deshalb haben diese Regionen bei der Konstruktion eines „dritten Raumes“, wo die alten Blöcke und Platzierungen, ja die Idee von Zentrum und Peripherie aufgebrochen wird, eine wichtige Funktion.

Im Folgenden will ich einige Befürchtungen, aber auch Chancen für ein gemeinsames und demokratisches Europa - thesenhaft jeweils drei - benennen, wie sie sich aus einer solchen Osteuropaperspektive ergeben. Zunächst die drei Befürchtungen.


1. Unsichtbarkeit


Zunächst ist es die Besorgnis, dass die Stimmen, die Erfahrungen und
Kompetenzen Osteuropas – und zwar als differente Erfahrungen – ausgeschlossen oder marginalisiert werden. Das Schweigen über kulturelle Differenzen ist ein signifikanter Bestandteil der Analyse von Kultur in der klassischen, europäischen, nationalistischen, aufklärerischen Tradition. Bekanntermaßen wurde in der Zeit der nationalen Moderne die Einheit der Gemeinschaft als Minimierung von Differenz im Sinne einer Dichotomisierung von Differenz hergestellt. Das Andere in seiner Andersartigkeit wurde homogenisiert und als das Fremde, als Außen definiert und jenseits der Norm, jenseits der Gemeinschaft, jenseits der „vernünftigen Welt“ situiert und somit ausgeschlossen – zuerst diskursiv, dann auch strukturell. Die Gegenüberstellung Eigen versus Fremd wurde auch als Gegenüberstellung von Gut versus Böse, Zivilisation versus Barbarei, Rationalität versus Irrationalität gedacht. Hier wurde die Konstruktion Westeuropa – Osteuropa bzw. Germanischer Raum – Slawischer Raum als Gegenüberstellung Eigen gegen Fremd konstitutiv.

An dieser homogenisierenden Konstruktion haben Philosophen, Historiker, Literaten, Volks- und Völkerkundler kräftig gearbeitet. Ich will einige Beispiele anführen. Der Göttinger Historiker Johann Friedrich Reitemeier meinte in seiner 1801 bis 1805 veröffentlichten Geschichte der preußischen Staaten, dass die Slawen doch eher primitiv, faul und durch „Unreinlichkeit“ gekennzeichnet seien. Diese negativen Eigenschaften führte er auf ihren „orientalischen Charakter“ zurück. Schon deshalb sei die Besitznahme ehemals slawischer Territorien absolut gerechtfertigt. Die Vertreibung der Slawen durch die Deutschen und die „Vernichtung ihrer asiatischen Sitten“ sei eine „Revolution von der wohltätigsten Art“, steht bei ihm.

Ähnlich äußerte sich auch der Schriftsteller August Wilhelm Schlegel. Er fand es wie Reitermeier „nicht sonderlich bedauernswert“, „wenn so viele slavische Völkerschaften unter die ursprünglich freylich sehr harte deutsche Herrschaft gerathen“ seien. Die „Slaven“ seien nämlich „überall und unter allen Umständen zur Sklaverey bestimmt (welches Wort auch unstreitig von ihnen herkömmt)“. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel bezeichnet die Slawen gar als „geschichtslose Völker“, weil sie mit Ausnahme allenfalls der Russen „bisher nicht als ein selbständiges Moment in die Reihe der Gestaltungen der Vernunft in der Welt aufgetreten“ /1/ seien.

Was das Polenbild in Deutschland betrifft, so will ich ein Auszug aus völkerkundlicher Feder anführen. Der Natur- und Völkerkundler Georg Forster schrieb Ende des 18. Jahrhunderts: „Die Polen sind Schweine von Haus aus, so Herren als Diener; alles geht schlecht gekleidet, zumal das weibliche Geschlecht; putzen sie sich, so sitzt es wie der Sau das güldne Halsband. Ausnahmen giebts, das versteht sich; ich spreche von der allgemeinen Regel.“ Und weiter: „Krakau ist ein trauriger, öder Ort, alle Häuser baufällig, und keins repariert [...]. Überall wimmelts von Juden und Polacken; Unreinigkeit und Schweinerey überall.“/2/

Das war damals der Geist der Zeit. Politisch war es die Phase, in der sich in Europa die Nationalstaaten bildeten. Wirtschaftlich löste die Marktwirtschaft die feudalen Strukturen ab. Hier nun wurde Europa zweigeteilt – zuerst als Idee, dann auch als gesellschaftlich Struktur. In diesem Modell ist Osteuropa alles das, was Westeuropa nicht ist und nach nationalistischen Idealen, utilitaristische Praktiken und realen Machtverhältnissen auch nicht sein darf: Verdrängt werden Wildheit, Natur, Gefühle, Zeitlosigkeit, Privatheit.

Die Erfindung der zwei Europa erinnert an der Erfindung der zwei Geschlechter. Ich hätte meinen Vortrag auch „Osteuropa als Frau – Westeuropa als Mann“ nennen können. Ähnlich wie mit der Erfindung der Zweigeschlechtlichkeit die Unterwerfung der Frau unter dem Mann legitimiert worden ist und ihre Bindung an Kinder, Küche und Kirche schließlich als Norm und Normalität gesehen wurde, so wurde auch die koloniale Erweiterung des Westens nach Osten legimitiert. Und so wie Erfahrungen, Sensibilitäten und Kompetenzen von Frauen in diesen Prozess diskriminiert wurden, so geht in Europa ein riesiger Steinbruch von Überlebensformen verloren, diffizile Sensibilitäten werden verschüttet, kräftige Handlungsmuster werden verdrängt.

Das ist nur scheinbar eine alte Geschichte, denn sie ist immer noch sehr präsent. In Osteuropa ist derzeitig die Befürchtung stark, nicht gesehen, nicht gehört zu werden oder wieder an der Peripherie platziert zu werden. Diese Sorge steht in Verbindung mit den aktuellen wirtschaftlichen Schwierigkeiten in der Region. Oft ist aber das Erlebnis der Unsichtbarkeit traumatischer als die materielle, die finanzielle Armut selbst. Die neue Grenzziehung des EU-Raumes schafft strukturelle Unterschiede aus denen für die Nicht-EU-Europäer eine neue Unmöglichkeit erwächst, sich angemessen zu artikulieren. Die praktizierte stufenweise Angliederung an die EU und die Idee von einem Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten begünstigen eher die Unsichtbarkeit.


2. Othering, Folklorismus, Unterschichtung

Eine zweite Gefahr sehe ich in der Tendenz, Osteuropa dichotomisch, d. h. als Gegenwelt Westeuropas gegenüber zu stellen, dabei Osteuropa zu folklorisieren oder hierarchisch „unten“ auf einer zivilisatorischen Pyramide anzuordnen. Auch mehr als 10 Jahre nach dem Zerfall der zwei Blöcke in Europa und dem Verschwinden der hegemonialen Mächte ist diese Gefahr nicht überwunden. In der Zeit des Kalten Krieges wurde bekanntermaßen mit Bildern der ganzheitlichen und alternativen Gegenüberstellung der beiden Systeme gearbeitet: Wie ich schon andeutete, hat diese dichotome Gegenüberstellung eine lange Tradition. Der deutsche Nationalstaat definierte sich bei seiner Gründung durch eine Abgrenzung erstens nach Westen zu Frankreich, zweitens nach Innen – zu den Andersartigen im Innern (wie Juden oder Sorben) – und drittens, nach Osten zu Polen und „dem Slawenraum“. Die Abgrenzung nach Osten war in der Preußenpolitik der Bismarck-Zeit eine wesentliche Konstituante. Wir wissen, welche großen Anstrengungen es kostete, um die Feindschaft nach Westen zu Frankreich aufzubrechen. Nach dem II. Weltkrieg wurden diverse Förderprogramme großzügig gestaltet, Kooperationen, grenzüberschreitende Initiativen, Institutionen, gemeinsame Fernsehprogramme wie Arte, das französisch-deutsche Jugendwerk etc. etc. ins Leben gerufen.

Die Feindbilder nach Osten aufzubrechen wird keine leichte Aufgabe sein. Denn der alte Traum von Reinheit spukt immer noch. Der Folklorismus ist für mich ein Aspekt dieses Traums. Wir kennen diese reduktionistischen Bilder von Balkan-Musik, den Reiseführer nach Polen, Ungarische Gulasch, Sorbinnen in Deutschland. Fremde Frauen, fremde Ethnien, fremde Nationen – sie sind nach diesem Traum unentwickelt, unrational, etwas wild, unmündig. Können womöglich schön singen, aber nicht rational denken, haben vielleicht schöne Tänze und Trachten, aber verstehen wenig von den großen Belangen der Zivilisation, sind bestimmt interessant als Bereicherung unserer Küche, oder als touristische oder folkloristische Attraktion, sind aber sonst nicht ernst zu nehmen.

Als ich eine Untersuchung zum Bild der Sorben und Sorbinnen in der deutschen Presse der letzten Jahre gemacht habe, bestätigten sich alle diese Vorurteile./3/ Was die Unterschichtung des Ostens betrifft, d. h. die negative Besetzung von Differenz, dafür können wir auch reichlich Material in den Medien hierzulande finden: Wenn Christo den Reichstag einpackt und dadurch Berlin zum Festplatz macht, wird nicht immer seine Herkunft angegeben; wenn es aber um Diebstahl, Mafia, Prostitution, Randalierung oder Schwarzarbeit geht, wird oft die Herkunft in den Titeln der Beiträge und in Großbuchstaben geschrieben: die russische Mafia, polnische Schwarzhändler, rumänische Taschendiebe.


3. Systemismus

Eine weitere Gefahr sehe ich darin, dass aus angeblichen oder tatsächlichen Merkmalen der politischen Systeme direkte Rückschlüsse auf die alltäglichen Realitäten im Leben der Menschen in Ost-Europa gezogen werden. Beispiele für solch einen „Systemismus“ sind reichlich anzutreffen. Hier will ich nur eines hervorheben: auch bei der Untersuchung von Kultur und Alltag in Ost-Europa sollten wir das, was wir spätestens mit der Systemtheorie gelernt haben, nicht vergessen: dass sich das Verhältnis zwischen der System-Ebene (Politik, Ökonomie etc.) und die Lebenswelt-Ebene nicht in bloßen Determinismus erschöpft. Auch in Ost-Europa waren die Leute kein „bloßer“, also kein passiver Reflex sozialer Strukturen. Auch hier gab es Systeme von Alltagsverhalten und Alltagsverhältnissen, Geflechte menschlicher Beziehungen, Sinnsuche und Identitätsfindung. Auch hier gab es sehr divergierende Antworten auf die vorgefundenen Bedingungen.

In diesem Sinne ist für mich der schlüssige Punkt die Frage, an welche Kräfte, Ideen oder Subkulturen Osteuropas wollen wir heute anknüpfen? Um eine Wahl treffen zu können, müssen wir diese Kulturen kennen. Nach meiner Erfahrung mangelt es oft an solchen Kenntnissen.


Nun möchte etwas zu den Chancen sagen, die sich für ein demokratisches Europa aus der neuen Situation ergeben können. Wenn ich eingangs die Multiperspektivität des Ostens betonte, so muß ich dabei berücksichtigen, dass es dort selbstverständlich auch „Reinheitsapostel“ und Nationalisten. Gerade diese Kräfte sind momentan sehr lebendig. Dennoch, Osteuropa auf den Nationalismus zu reduzieren – was ich oft nicht nur in den Medien und am Kneipentisch, sondern auch im wissenschaftlichen Diskurs erlebe – finde ich sehr bedenklich. Deshalb will ich hier die Perspektive etwas umdrehen und Osteuropa als Hoffnung, als Zukunftsvision für Europa zeichnen. Es geht um eine neue Art der Gemeinschaft. Die Vision heißt: das Andere und das Gleichartige in eins - Different und Similar zugleich.


1. Different und Similar zugleich

Es ist eine solche Philosophie der Differenz, die dem Anderen als solchem Raum gibt und zugleich dem Anderen nicht verweigert, der Gleiche zu sein. Es ist eine unterschiedliche Vorstellung von Gemeinschaft, als die, die wir traditionell kennen. „Die Einbeziehung des Anderen“ hat es Jürgen Habermas genannt./4/ „Anderssein und doch dazugehören“ – so hatten wir es auf einer Tagung formuliert./5/ Der entscheidende Punkt für mich ist, ob es möglich ist, Differenz ohne Hierarchisierung, Differenz ohne Exklusion zu denken. Dabei kann die Idee von Differenz in der Similarität und Similarität in der Differenz unterschiedliche kulturelle Bereiche oder Ebenen betreffen. Wie können wir uns diese Idee der Überlappungen und Querverbindungen vorstellen?

Vielleicht so: in bestimmten Bereichen anders (z. B. andere Sprache, andere Kleidung, andere Erfahrungen mit Zeit oder mit Arbeit), in anderen Bereichen wiederum gleich (z. B. gleiche musikalische Interessen, gleiche moralische Wertvorstellungen). Oder auch: nicht den gleichen ökonomischen, wirtschaftlichen Standard haben (wie jetzt in Europa nun der Fall ist), doch die gleichen Filme sehen und womöglich gleiche Visionen von Europa haben.

Es muss aber noch etwas gesagt werden: Menschen können in ihren kulturellen Lebensäußerungen different und ähnlich, ähnlich und different nur dann sein, wenn es die Strukturen der Gesellschaft einerseits, wie auch die Wortführer, die Deutungseliten, andererseits das zulassen. Es hängt davon ab, wie „Gemeinschaft“ organisiert ist. Welche Strukturen, Systeme und Foren der Gesellschaft erlauben oder begünstigen die Gleichzeitigkeit von Differenz und Similarität? Diese Frage können wir an die großen Strukturen richten, aber auch an jeden von uns, an unsere eigene Institutionen und Diskussionsrunden. Wie viel Anderssein können wir aushalten? Oft ist das in unserem „wirklichen Leben“ gar nicht so einfach. Ich erfahre das tagtäglich. Bei weitem nicht nur in Bautzen.


2. Das Recht auf Universales

Eine Chance für Europa sehe ich immer dann entstehen, wenn es Strukturen oder Räume gibt, wo Osteuropa für das Universale stehen kann, für das Ganze, so nach dem Motto: Wir sind Europa. Also, wenn Osteuropa nicht nur für seine Interessen und ihre Anerkennung kämpft, nicht lediglich seine partikularen Anliegen formuliert, sondern das Recht hat, universale menschliche Probleme anzusprechen und bei deren Lösung seinen unkonventionellen Beitrag zu leisten. Erst dann wird das Anderssein nicht lediglich als folkloristische Kulisse auf der Bühne Europas zu sehen sein, sondern als eine zusätzliche Perspektive. So könnten einige Konventionen in Europa etwas aufgelockert werden: z. B. über den Sinn des Lebens, über den Umgang mit Zeit und Arbeit oder mit Kindern und älteren Leuten, mit Gastfreundschaft oder Naturheilmitteln. So wie das Emir Kosturiza in seinen Filmen zeigt oder die Musik von Goran Bregoviæ imaginiert. Es gibt zahlreiche Beispiele, die Frage ist, ob Europa diese Filme oder diese Perspektiven als die eigenen erkennen kann. Nicht etwa, weil jeder Zuschauer dort seine Lebensphilosophie finden könnte. Dies ist in einer pluralen Zeit ja gar nicht möglich. Wenn aber diese „balkanische“ Perspektive nicht als eine fremde, sondern als eine von vielen Möglichkeiten bei unserer eigenen Sinnsuche erlebt oder begriffen wird, dann kann sich etwas in unserem Deutungs- und Handlungshorizont öffnen.


3. Übungen im Dialog

Die besondere Optik und Sensibilität der Osteuropäer hat eine strukturelle Bedeutung für das gegenwärtige Gemeinschaftsleben in Europa. Sie erzwingt geradezu einen Dialog der Perspektiven, alle müssen sich in die schwere Kunst des Dialogs einüben. Denn der Dialog ist eine heikle Sache. Für einen Dialog reicht bei weitem nicht die Tatsache aus, dass es zwei Seiten, zwei Parteien gibt. Das ist noch kein Dialog. Dialog bedeutet, sich auf die andere Seite einlassen, etwas von ihr aufgreifen und auf alle Fälle das Andersartige als gleichwertig und gleichberechtigt behandeln. Der Dialog gibt immer Raum für eine Umkehrung der Rollen frei. Das ist sein Signum. Jenseits der Möglichkeit des Rollentauschs, die Rollen also umzudrehen, wenn auch nur für einen Augenblick, hat jedes Reden von Dialog keinen Sinn.

Der russische Semiotiker Jurij Lotmann hat sich mit dem Prinzip des Dialogs beschäftigt und hat dieses Prinzip an der Beziehung Mutter-Kind beschrieben: wenn die stillende Mutter die Laute und die Mimik des Säuglings nachahmt und umgekehrt, das Kind, die Laute und die Mimik der Mutter. Ein anderer russischer Kulturwissenschaftler, Michail Bachtin hat den Karneval als solch einen dialogischen Raum gesehen, wo eine spielerische Umkehrung der Rollen praktiziert wird. Wenn wir an die Beziehungen mit Osteuropa denken, sollten wir solche Einsichten nicht vergessen. Dann werden vielleicht auch neue Ideen für Europa sichtbar, denn oft ist es so, dass dort, wo die Konflikte am schärfsten sind, auch Lösungen gefunden werden.


Anmerkungen

1/ Vgl. mehr dazu: Wolfgang Wippermann, Antislawismus. – In: Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871–1918, Hg. v. Uwe Puschriev, Walter Schmitz und Justus H. Ulbricht, München; v. a. S. 512–523.
/2/ Vgl. Andreas Lawaty, „Polnische Wirtschaft“ und „deutsche Ordnung“: Nachbarbilder und ihr Eigenleben, – In: Der Fremde, Interdisziplinäre Beiträge zu Aspekten von Fremdheit, Hg. Bernhard Oestreich, Peter Lang Verlag 2003, S. 156–166.
/3/ Vgl. Elka Tschernokoshewa, Das Reine und das Vermischte. Die deutschsprachige Presse über Andere und Anderssein am Beispiel der Sorben, Waxmann Münster/New York/München/Berlin, 2000.
/4/ Vgl. Jürgen Habermas, Die Einbeziehung des Anderen. Studien zur politischen Theorie, Frankfurt am Main 1997.
/5/ Vgl. Elka Tschernokoshewa/Dieter Kramer (Hg.) Der alltägliche Umgang mit Differenz. Bildung – Medien – Politik, Waxmann Münster/New York/München/Berlin, 2001.