KULTURATIONOnline Journal fŁr Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2004
Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn: Kultur
Ilka Borchardt
"Mir geht es gut, ich habe eine Datsche."
Die russische daca als physischer und sozialer, kultureller und spiritueller Raum
Einleitung

In der deutschen Sprache gibt es ein Wort, dessen Gebrauch Ostdeutsche als solche kennzeichnet wie kaum ein zweites und als ost-spezifischer Wortschatz auch im Duden (Fremdw√∂rterbuch 1990) festgehalten ist: der Eintrag f√ľr die "Datsche" lautet hier "(DDR) Holzhaus, Sommerhaus, Wochenendhaus, Landhaus". In verschiedenen Lexika ist auch die urspr√ľngliche Bedeutung "russisches Landhaus" angegeben. Die russische Datsche (russ. "daca/ Pl.: daci" /1/) aber ist weitere Aufmerksamkeit wert, da sie nicht nur Namensgeberin und Beispiel f√ľr ostdeutsche Kleing√§rten war. Vielmehr stellt sie sich als wesentliches Element des russischen Alltags dar und vielfach auch als kulturelles Element und kultureller Code. /2/

Aussagen √ľber die tats√§chliche Verbreitung der Datschen in Russland variieren. Das liegt vermutlich an der Schwierigkeit, welche Typen von urbanen Kleing√§rten in die Z√§hlung eingehen, ob das Grundst√ľck vielleicht zu einem Dorf geh√∂rt, aber von St√§dterInnen betrieben wird. Au√üerdem finden sich in Abh√§ngigkeit von der Region verschiedene Angaben. So liegen die Zahlen zwischen 30% und 75% der gesamten Bev√∂lkerung. /3/ Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die Datschen eine Art Massenph√§nomen darstellen, d.h. dass jede RussIn irgendwie mit ihnen in Ber√ľhrung gekommen ist und eine Meinung zu den tradierten Vorstellungen zu Bedeutung, Nutzen und Umgang mit den Kleing√§rten und Kleing√§rtnerInnen entwickelt hat.

Als Motiv tauchen Datschen in verschiedenen Werken klassischer und zeitgen√∂ssischer russischer SchriftstellerInnen auf, sie dienen als Kulisse und als Thema in Malerei und Filmkunst./4/ F√ľr Lebensmittel wird heute mit dem G√ľtemerkmal geworben, dass sie so rein und nat√ľrlich seien, dass sie sich auch auf der Datsche halten w√ľrden, ebenso wird die Zuverl√§ssigkeit von Mobiltelefonen mit ihrem Nutzen auf der Datsche angepriesen. Wahlen werden auf Werktage verlegt, um die Wahlbeteiligung zu sichern und zu verhindern, dass w√§hrend der Wahl(sonn)tage die Leute in den G√§rten und nicht in den Wahllokalen sind. Staatsf√ľhrer pr√§sentier(t)en sich als Kleing√§rtner und zeig(t)en so ihre Volksn√§he. Die Maifeiertage (1. und 9. Mai, am Beginn der Vegetationszeit) werden durch einen Tag davor oder danach erg√§nzt, sodass sich oft ein langes Wochenende ergibt. In Rundfunk und Fernsehen wird der Beginn der Datschen-Saison verk√ľndet, Wetterberichte lokaler Fernseh- und Radiostationen geben spezielle Hinweise f√ľr Kleing√§rtnerInnen. Im Herbst finden √∂ffentliche Ausstellungen der "erfolgreichsten G√§rtner" statt und Jahrm√§rkte mit Saat- und Pflanzgut f√ľr das n√§chste Jahr. Im Fr√ľhling sind viele Menschen nur selten zuhause anzutreffen, erst wenn die Bestellzeit vorbei ist, lohnt es sich wieder, unangemeldet jemanden zu besuchen./5/

Damit deutet sich bereits die Vielzahl von Bedeutungen an, mit denen Datschen im Alltagsverst√§ndnis der russischen Bev√∂lkerung assoziiert werden. In vielen aktuellen Studien √ľber urbanen Kleingartenbau in Russland jedoch werden die G√§rten auf ihre wirtschaftliche Komponente, auf Subsistenzaspekte reduziert. Eine solch verk√ľrzte Betrachtungsweise entspricht m.E. jedoch weder der Komplexit√§t der Funktionen der Datschen noch den entsprechenden Assoziationen und dem Symbolgehalt im Verst√§ndnis von RussInnen. In meiner Magistra-Arbeit habe ich auf der Grundlage von vier Ans√§tzen die Vielseitigkeit der russischen Kleing√§rten dargestellt, um au√üer√∂konomische Motivationen und Folgen zu illustrieren und deren Verflechtung zu analysieren./6/ Das hier verwendete Konzept kann gewisserma√üen als Grundlage weiterer √úberlegungen und Analysen dienen: Als Raum lassen sich die Datschen in verschiedenen Dimensionen und daher unter vielf√§ltigen Perspektiven untersuchen.


Raum - ein ethnologisches Analysekonzept

Mit Helen Callaway (1981) lassen sich entsprechend drei Dimensionen unterscheiden: der physische, der soziale und der "metaphysische" Raum. Bei der ersten Ebene handelt es sich um das Aussehen menschengeschaffener Konstruktionen in einer bestimmten Umgebung, um beobachtbare Materie, √ľberdauernde Umgebungen. Hiervon leitet sich die zweite Ebene ab, auf der Beziehungen, Aktionen und Organisationen betrachtet werden, die innerhalb der R√§ume praktiziert und durch letztere beeinflusst werden - klassische ethnologische Themen, wie die Aufteilung von R√§umen nach geschlechts-, alters- oder berufsspezifischen Merkmalen, Lebenszyklen etc.. Die Abstraktion zum sogenannten metaphysischen Raum f√ľhrt dann auf die Ebene kosmologischer und gesellschaftlicher Vorstellungen und der Ordnung des sichtbaren und des unsichtbaren Universums einschlie√ülich kulturellen Wissens, also der Klassifikations- und Wertsysteme, die in diesem Raum praktiziert und tradiert werden. (Callaway 1981: 170)

Bei genauerer Betrachtung werden Defizite dieses Ansatzes sichtbar: Der Raum erscheint auf dem ersten analytischen Niveau wie die Verk√∂rperung der genannten "historischen und materiellen Bedingungen einer konkreten Gesellschaft und bestimmt damit auch deren Einzigartigkeit" (Callaway 1981: Ebd.), die auf der dritten Ebene angesprochen wird. Dieser Interpretation l√§sst sich leicht materielle Pr√§destination unterstellen, die statisch und unausweichlich erscheint, also keinen ‚ÄöRaum' f√ľr menschlichen Einfluss l√§sst und so u.a. Fatalismus und Geschichtslosigkeit impliziert. Ein grundlegendes Problem liegt auch f√ľr Henrietta Moore (1986) im Verst√§ndnis von Raum als Repr√§sentation oder Reflexion sozialer Ordnung und Klassifikationen. Die zum Erfassen der Welt notwendigen Klassifikationen - und die so hergestellte Unterscheidung von Natur und Kultur - finden nach dieser Interpretation im Raum ihren materiellen Ausdruck. Moore argumentiert, dass der Fokus auf die Verk√∂rperung sozialer Bedeutungen einen wesentlicher Aspekt ausschlie√üt: Verhindert wird das Verstehen, wie solche Systeme genutzt und in spezifische historische Kontexte gesetzt werden, denn letztlich erscheinen Individuen als der Gesellschaft und einem unver√§nderlichen Komplex sozialer Bedeutungen untergeordnet. Mit anderen Worten: Ein solcher Ansatz reduziert Handlungen auf Abl√§ufe, die mechanisch und aus Gewohnheit wiederholt werden, denen aber kein Sinn mehr beigemessen werden kann. (Moore 1986: 2-6) Dar√ľber hinaus bleibt die Frage nach der Einflussnahme von Individuen offen; Ver√§nderungen jeglicher Art scheinen losgel√∂st von menschlichen Aktionen. Der Raum wird als materialisierte gesellschaftliche Ordnung naturalisiert.

F√ľr das Konzept Raum, wie ich es verwende, ist eine Dimension wichtig, die bei Callaway nicht vorkommt, f√ľr Moore aber feststeht: "[...] the meaning of any spatial order is not intrinsic, but must be invoked through practice." (Moore 1986: 6) In diesem Sinne reflektieren R√§ume nicht nur soziale Ordnungen, sie erhalten ihre Bedeutung erst durch den Kontext, innerhalb dessen die soziale Ordnung praktiziert wird, und durch die diskursive Schaffung, Festigung und Aushandlung der zugesprochenen Bedeutungen. Diese vierte Ebene - die Ebene der durch Handlung hervorgerufenen und zugeschriebenen Bedeutung von R√§umen - erlangt an Bedeutung, wenn das Interesse sich auf den Alltag der betroffenen Menschen richtet sowie auf deren eigene Erkl√§rungen zu einem wesentlichen Aspekt ihres Lebens.

Ziel meiner Untersuchung war also keine quantitative Analyse der Verbreitung oder der Effizienz der Datschen, da es bereits gen√ľgend wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Arbeiten mit solchen Schwerpunkten gibt. Fragen der wirtschaftlichen, quantifizierbaren Bedeutung der Datschen stehen auch in vielen publizistischen Ver√∂ffentlichungen im Vordergrund, werden aber gerade hier auch oft mit Erlebnisberichten von den Datschen als Erholungs- und Ferienort, als Frage des Stolzes und als etwas "typisch russisches" beschrieben./7/ Mithilfe all dieser verschiedenen Perspektiven und Erkl√§rungen, den master narratives der qualitativen Sozialforschung und der m√ľndlichen Geschichte, l√§sst sich ein vollst√§ndigeres Bild von den Datschen zeichnen. Es geht also darum, einen m√∂glichst mehrdimensionalen Zugang zu diesem Ph√§nomen zu finden, der weder quantifizierbare Materie, Soziales, Sinngebungen noch deren Aushandlung vernachl√§ssigt.

Ein wesentlicher Aspekt ist daf√ľr die inzwischen mehr als einhundertj√§hrige Geschichte der Datschen. Gerade dass die Kleing√§rten so pr√§sent sind, sie in Werbungen verwendet werden, gesellschaftliche Ereignisse sich nach der Vegetationszeit richten usw., weist darauf hin, dass sie eine (oder mehrere) allen Menschen offensichtliche Bedeutung(en) beinhalten, die KennerInnen und TeilhaberInnen dieses Ph√§nomens nicht n√§her erkl√§rt werden muss, f√ľr eine m√∂glichst umfassende Betrachtung jedoch notwendig ist und daher hier nicht fehlen soll.


Eine kurze Geschichte der russischen Datschen

Die Bedeutung des Begriffes daca (Datscha) l√§sst sich bis ins 15./ 16. Jahrhundert zur√ľckverfolgen, sie bezeichnet "Gabe eines Herrschers in Form von Land". (Fassmer 1964: 486) Etymologisch verwandt ist es mit dem Verb dat' (geben): Seit der Zeit Iwans IV. ("dem Schrecklichen") erhielten H√∂flinge und Adelige Land vom Zaren zur unabh√§ngigen Nutzung. Ohne wesentliche Ver√§nderungen blieben die Eigentumsverh√§ltnisse bis zum 19. Jahrhundert: Land besa√üen nur Angeh√∂rige der Aristokratie, des Milit√§rs und andere Diener der Krone, konnte ihnen vom Zaren jedoch immer wieder abgenommen werden. Erst ab 1861 wurde Land k√§uflich erwerbbar. Die Leibeigenschaft der Bauern wurde aufgehoben, sie durften aber bis 1906 kein Land besitzen. Eigent√ľmer war die obŇ°cina (Gemeinde), die Parzellen entsprechend der Familiengr√∂√üe f√ľr einen beschr√§nkten Zeitraum zuwies. Das Land konnte jederzeit neuverteilt werden. (Ugarov 1997: 17-8) Mit den rechtlichen Ver√§nderungen ab 1861 entwickelte sich die klassische Datsche als Sommersitz beg√ľterter (anfangs nur aristokratischer) Stadtfamilien weiter. Nun wurden auch H√§user f√ľr die warme Jahreszeit angemietet. Beg√ľterte Familien verbrachten den Sommer dort, wobei das m√§nnliche Familienoberhaupt t√§glich in die Stadt reiste, um seinen Gesch√§ften nachzugehen. Motivation des befristeten Umzugs waren der Genuss l√§ndlicher Ruhe und die Erholung vom Stadtleben.

Hauptziel der Landreform 1906 unter Premierminister Stolypin waren private Eigentumsverh√§ltnisse f√ľr Bauern. Erreicht werden sollte dies u.a. durch die freiwillige Besiedlung Sibiriens, verbilligte Startdarlehen und Schulungskurse. Die sozialistische Kollektivierung und die Enteignung auch kleinerer Bauern sowie die fortgesetzte ideologische Abwertung von Privateigentum ab 1917 wirkten offiziell in die entgegengesetzte Richtung als von der fr√ľheren Reform angestrebt. Bald nach Ende des B√ľrgerkrieges der 1920er Jahre aber stellte eine Datsche eine Auszeichnung f√ľr verdiente Milit√§r-, Staatsangeh√∂rige und Arbeiter dar. Besitzer des Landes blieb der Staat, die P√§chter organisierten sich in Kooperativen. Tats√§chlichen privaten Grundbesitz gab es seit der Neuen √Ėkonomischen Politik (Ende der 1920er Jahre) nicht mehr. Betriebe und andere Institutionen erhielten Grundst√ľcke zugeteilt, die sie zur g√§rtnerischen Nutzung an ihre Angestellten verpachteten. Die P√§chterInnen konnten ‚Äöihr' Land jederzeit wieder verlieren, z.B. wenn die wirtschaftliche Lage erforderte, die G√ľter eines nahegelegenen Kolchos oder Sowchos zu erweitern. (Ugarov 1997: 18-9.) Die Grundst√ľcksgr√∂√üe von 600 m2 war vorgeschrieben/8/, ebenso Bebauung und Bepflanzung. Die jeweilige Gartenkooperative oder der verpachtende Betrieb unterst√ľtzten bei der infrastrukturellen Erschlie√üung des Landes. Wenn die Grundst√ľcke abseits vom √∂ffentlichen Nahverkehr lagen, organisierten die verpachtenden Einrichtungen Busse oder LKWs als Transportmittel v.a. f√ľr die Hauptbestell- und die Erntezeit./9/

Mit den Reformen der 1990er Jahre unter Jelzin wurde agrarisches Nutzland privatisiert, b√§uerliche Kleinbetriebe entstanden, und Land kann seither auch in Form einer Datsche (also f√ľr nicht hauptgewerbliche agrarische Nutzung) gekauft werden. Vorschriften zur Bepflanzung existieren kaum noch, ebenso wenig ist die Gr√∂√üe des Grundst√ľcks vorgeschrieben. Mittlerweile finden sich auch Grundst√ľcke in Gartensiedlungen von mindestens dem Doppelten der ehemals vorgeschriebenen Gr√∂√üe und mit bis zu 3-st√∂ckigen Steinh√§usern bebaut, die jedoch selten als st√§ndiger Wohnsitz genutzt werden./10/

Diente die klassische Datsche allein aristokratischen, Milit√§r- oder Intelligenzija-Familien aus Sankt Petersburg oder Moskau als Sommerresidenz, so erhielten mit den rechtlichen Ver√§nderungen von 1861 (Aufhebung der Leibeigenschaft der Bauern und damit erstmalig die M√∂glichkeit, in die St√§dte abzuwandern) auch nicht-adelige Familien die Gelegenheit, Landsitze zu kaufen oder zu mieten. F√ľr die gehobenen Schichten blieb die Datsche ein Ort der Erholung. Zugleich war unter der √§rmeren st√§dtischen Bev√∂lkerung (Arbeiter, Handwerker, u.a. die aus der Landbev√∂lkerung stammten und erst kurz zuvor in die Stadt gezogen waren) eine Art Selbstversorgung √ľblich geworden. Die Eink√ľnfte aus Lohnverh√§ltnissen wurden mit eigenem Gem√ľse und Fleisch erg√§nzt. Mit dem so Ersparten konnten f√ľr das Stadtleben notwendige Industriewaren und Dienstleistungen (Transportkosten, Miete etc.) bezahlt werden.

Nach 1917 hatten die Datschen f√ľr kurze Zeit eine Renaissance als prestigetr√§chtiges Erholungsobjekt von Reichen erlebt. F√ľr die Masse der Bev√∂lkerung aber begann sich ihre √∂konomische Funktion durchzusetzen. W√§hrend der Belagerung Leningrads z.B. wurden, √§hnlich wie in London w√§hrend des II. Weltkrieges, aber auch heute in westlichen Gro√üst√§dten, st√§dtische Brachfl√§chen und Gr√ľnanlagen zum Anbau von Kartoffeln und Gem√ľse genutzt. In Krisenzeiten, wie nach dem Gro√üen Vaterl√§ndischen Krieg 1941 bis 1945, zu Beginn der 1980er Jahre und nach der wirtschaftlichen Krise von 1998 bot der eigene Grund und Boden eine gewisse Sicherheit f√ľr die Grundversorgung. Dieser Aspekt wird besonders deutlich in Regionen oder St√§dten, die w√§hrend der Sowjetzeit als Industriezentren aufgebaut und gef√∂rdert wurden. Dazu geh√∂ren u.a. Gro√ü- und R√ľstungsbetriebe in Sibirien, im Nordural und Fernen Osten, deren Produktion √ľberfl√ľssig oder im Vergleich mit westlichen oder asiatischen Waren zu teuer oder veraltet war. Mit dem Zusammenbruch der sowjetischen Wirtschaft wurden viele Betriebe entweder geschlossen oder auf ‚ÄöSparflamme' weitergef√ľhrt, z.T. wurden jahrelang keine L√∂hne oder Geh√§lter ausgezahlt, oder als Lohn dienten Gutscheine oder Naturalien. Gutscheine konnten i.d.R. nicht eingel√∂st werden, da die betriebseigenen Gesch√§fte leer waren. Arbeitsmigration kam wegen der Entfernungen und der allgemeinen desolaten Lage nicht in Frage, Gartenbau blieb als einziger Ausweg./11/

In den fr√ľhen 1990er Jahren war die rechtliche Lage so un√ľbersichtlich, dass es auch zu illegaler Erschlie√üung von Gartenland kam. Heute sind gut gelegene Grundst√ľcke bereits zu begehrten Investitionsobjekten geworden. Es gilt der Grundsatz, dass eine Immobilie eine sicherere Geldanlage ist als ein Konto bei einer russischen Bank. "Datschen wird es wohl immer geben, sie werden kaum so stark entwertet werden wie der Rubel" - so lautet sinngem√§√ü eine weitverbreitete Ansicht.

Mittlerweile finden sich in fast allen Siedlungen H√§user verschiedenster Bauarten: von Bretterh√§usern, wie sie in der Sowjetzeit als Fertigteile erh√§ltlich waren, √ľber solide, √§ltere Blockh√§user bis hin zu Steinh√§usern. Oft sind die Steinh√§user (der sogenannten Neuen Russen) aber nur halbfertig, als w√§re dem Bauherrn das Geld ausgegangen. Diese Beobachtung l√§sst sich auf verschiedene Weise interpretieren: Entweder hat der Bauherr wirtschaftliche Verluste erlitten, die ihm am Weiterbau hindern. Oder aber hier wirkt eine Kombination aus finanziellen Verlusten und gesellschaftlichem Zwang, eine "angemessene" Datsche pr√§sentieren zu k√∂nnen - wie im Folgenden verdeutlicht wird. Es ist vorstellbar, dass in der russischen Gesch√§ftswelt potentiellen Gesch√§ftspartnern kaufm√§nnisches Geschick durch die Repr√§sentativit√§t des Besitzes symbolisiert wird.

Die Funktion der Datsche als Statussymbol l√§sst sich durch alle Perioden russischer und sowjetischer Geschichte hindurch beobachten: Da noch im 19. Jahrhundert eine solche Sommerresidenz Privileg der Aristokratie, sp√§ter vieler Reichen war, wurde es Ausdruck f√ľr Reichtum und damit gesellschaftliches Ansehen. Anfang des 20. Jahrhunderts, als ein Grossteil der Moskauer und Petersburger Bev√∂lkerung aus der Landbev√∂lkerung stammte, wurden die der Stadt vorgelagerten G√§rten zu einer Art R√ľckzug oder Flucht vor der Beengtheit des noch ungewohnten Stadtlebens. Was f√ľr die Reichen Erholung brachte, bedeutete f√ľr die √Ąrmeren zwar Arbeit, aber immerhin die von Kindheit an gewohnte Arbeit ‚Äöan der frischen Luft' und auf dem ‚Äöeigenen' Grund und Boden, wo man √ľber seine eigene Arbeitskraft und -erfolge verf√ľgt./12/

Nach der Oktoberrevolution und der Kollektivierung erschloss sich offiziell allen Menschen die M√∂glichkeit, die Grundst√ľcke der Adligen zu nutzen. W√§hrend der Sowjetzeit waren besonders sch√∂n gelegene Datschen Staatsoberh√§uptern, verdienten Funktion√§ren und dem Empfang ausl√§ndischer G√§ste vorbehalten./13/ Es kursierten Anekdoten √ľber die vielen Datschen Stalins, die in der f√ľr den durchschnittlichen Sowjetb√ľrger logischen Frage endeten: "Wo nimmt Genosse Stalin denn die Zeit her, neben den Staatsgesch√§ften auch noch so viele Kartoffeln anzubauen?" ‚ÄöNormalb√ľrgerInnen' assoziierten also die Datsche mit einem Nutzgarten, ein Ort der Erholung war sie in erster Linie f√ľr privilegierte Menschen./14/

Auf die Frage nach Wohlstand und sozialer Position lautete die Antwort oft: "Mir geht es gut, ich habe eine Datsche." Das Auto als Statussymbol rangierte gleich hinter der Datsche, im Gegensatz zu Deutschland. Wenn beides zusammentraf, war der Wohlstand offensichtlich. Dabei ging es nicht um die Art der Datsche, sondern vielmehr um den Fakt, sich die Pacht des Grundst√ľcks leisten zu k√∂nnen, meist noch ein H√§uschen darauf zu bauen und sich mit selbstangebauten Produkten zu versorgen.

Wie erw√§hnt, war w√§hrend der Sowjetzeit vieles normiert und die Auswahl stark eingeschr√§nkt, sei es durch die Gr√∂√üe oder die Art des Grundst√ľcks, durch die geringe Auswahl an Pflanz- und Saatgut oder an Baumaterialien f√ľr die Lauben und H√§user. Trotz allem sind die Datschen, die Arbeit unter eigener Regie, die selbstangebauten Produkte ein Ausdruck f√ľr Selbst√§ndigkeit und k√∂nnen identit√§tsstiftend wirken. Die Datsche als historisch gewachsenes Element des gesellschaftlichen und des Alltagslebens kann als Verbindung zur eigenen (vorrevolution√§ren) Geschichte interpretiert werden, die sonst weitgehend negiert und abgelehnt wurde. Von Bedeutung ist hierbei v.a. der Ursprung Russlands als Agrarland: Die Oktoberrevolution wirkte auch als ‚ÄöSchwelle' zu einer Industriegesellschaft. Da dieser √úbergang sehr schnell vollzogen wurde, muss angenommen werden, dass die gesellschaftliche und psychische Entwicklung der Menschen damit kaum Schritt halten konnte./15/ Vor diesem Hintergrund lie√üe sich erkl√§ren, warum in Krisensituationen, vor, w√§hrend und nach der Perestrojka, die individuellen Kr√§fte der Menschen auf eine altbekannte Versorgungsstrategie gerichtet wurden - den Kleingartenbau./16/ Au√üerdem l√§sst sich hier eine interne Stabilit√§t von Lebensvorstellungen feststellen, die sich um und in traditionellen Zentren von gesellschaftlichem Leben und Familien√∂konomie aufbauen lassen: Solange die G√§rten als ein vom Staat verh√§ltnism√§√üig wenig kontrollierter und von offizieller Ideologie egal welcher Art kaum beeinflussbarer Ort existieren, √∂ffnet sich hier ein Raum, in dem individuelle und moralische Werte tradiert werden k√∂nnen. Dass oft mehrere, zumindest zwei Generationen zusammenkommen, erleichtert die Weitergabe von Ansichten, die offiziell vielleicht unerw√ľnscht sind.

Durch das Zusammenleben in Datschensiedlungen bildeten sich soziale Beziehungen, die sich zu Netzwerken ausweiten konnten. H√§ufig wurde neben dem Gartenleben auch das Berufsleben geteilt, vor allem in Siedlungen, die von einzelnen Institutionen oder Betrieben angelegt oder verpachtet wurden. Aber auch wenn es diesen gemeinsamen Hintergrund nicht gab, verbrachte man doch einen Gro√üteil der Freizeit miteinander. Es wurden Erfahrungen, Rezepte, Saat- und Pflanzgut ausgetauscht, Nachbarn halfen sich mit Werkzeug aus, wetteiferten miteinander um die besten Ertr√§ge, manchmal wurden gemeinsame Transportm√∂glichkeiten organisiert usw. Es entstanden nat√ľrlich auch pers√∂nliche Antipathien, wie wohl in allen Gartensiedlungen. Aufgrund der relativen r√§umlichen N√§he zwischen den Mitgliedern wusste man nicht nur von positiven Seiten der Nachbarn, sondern kannte oft auch unangenehme Familiengeheimnisse, die dann wiederum in einer eigenen Version weitergegeben wurden. Die √Ėffentlichkeit spielte in diesen Siedlungen offensichtlich eine wichtige Rolle und hat sie noch immer inne. So schreibt Koslatschkow, dass Teenager sich in dieser Umgebung f√ľr ihr Alter ungew√∂hnlich verhielten, sie seien h√∂flich und ehrerbietig Erwachsenen gegen√ľber, geraucht und getrunken w√ľrde in dieser √Ėffentlichkeit nicht. (Koslatschkow 1998: 67) Diese Beobachtung wird durch meine Forschungsergebnisse etwas relativiert, in einem Aspekt aber best√§tigt: Die Gartengemeinschaft hat eine strenge, wenn auch stille Regelung des Umgangs miteinander, und eine eigene Beurteilung von Fehlverhalten. Das beginnt bei der Begr√ľ√üung bzw. wer und wie man ein fremdes Grundst√ľck betreten darf und endet mit einer unerm√ľdlichen ‚ÄöGer√ľchtek√ľche'./17/

Interessant ist zu guter Letzt noch eine Beobachtung von fr√ľheren Reisen in die Sowjetunion und nach Russland, die auch w√§hrend des Forschungsaufenthaltes immer wieder auffiel: auf der Datsche trugen und tragen die meisten Menschen alte abgenutzte Kleider. Im beruflichen und im Alltagsleben auf ihr √Ąu√üeres bedachte Menschen, die sonst alle Etikette der Bekleidung und des Schminkens wahr(t)en, trugen bzw. tragen hier mehrfach geflickte, ausgeblichene Kleidung, die so wirkt, als sei sie bereits von einer anderen Generation von Kleing√§rtnerInnen genutzt worden. Auch Taschen, R√ľcks√§cke und andere Beh√§ltnisse auf dem Weg zu den Datschen geh√∂r(t)en oft einer fr√ľheren ‚ÄöGeneration' an als die im sonstigen Alltag genutzten. An gro√üen K√∂rben, Eimern, vollgepackten Rucks√§cken, Kopft√ľchern und Armeem√ľtzen oder H√ľten erkennt man die dacniki./18/ Wenn an einer Strasse eine gr√∂√üere Gruppe von Menschen mit diesen Merkmalen offensichtlich auf etwas wartet, kann man davon ausgehen, dass es sich um Kleing√§rtnerInnen handelt, die an einer allen Eingeweihten (und auch nur diesen!) bekannten Bushaltestelle ohne Kennzeichnung als solche, auf einen der wenigen Busse warten, die auf anderen Routen als Linienbusse die Gartensiedlungen anfahren.

Die bisher angesprochenen historischen Aspekte, die ohne weiteres in das dreidimensionale Konzept von Callaway einzuordnen und z.T. bis heute g√ľltig sind, sollen nun noch erg√§nzt werden, um dann auf die vierte Ebene der Datschen als Raum f√ľr Sinngebungen und -verhandlungen einzugehen./19/


Die Datschen als physischer Raum

Auf der physischen Ebene, der Topographie also sind Datschen G√§rten oft mit kleinen H√§uschen, zumeist in Kleingartensiedlungen in der Vorstadt oder in nahegelegenen D√∂rfern. Es werden Gem√ľse, Obst und Heilpflanzen angebaut, oft gibt es ein H√§uschen oder Schuppen und ein Folienzelt f√ľr k√§lteempfindliche Pflanzen. Die Entfernung vom Wohnort der BesitzerInnen betr√§gt zwischen zehn Minuten mit dem Bus, wie im Fall meines gate-keepers Tatjana, und bis zu f√ľnf Autostunden, in seltenen F√§llen sogar mehr. Benachbarte G√§rten sind durch Z√§une von einander abgegrenzt, aber durch Wege und/oder Strassen, in einigen F√§llen auch durch extra Pforten oder Durchg√§nge im Zaun verbunden usw. /20/. Als Verkehrswege dienen unbefestigte Sandwege, die in diesen Siedlungen enden. In einigen Orten gibt es nur Gemeinschaftsanschl√ľsse f√ľr Strom und Wasser, Warmwasseranschl√ľsse sind sehr selten. Nach au√üen sind die Kolonien durch Z√§une begrenzt, sofern es sich nicht um √§ltere Siedlungen in D√∂rfern handelt. Die meisten H√§user haben einen Ofen in der K√ľche als der Mitte des Geb√§udes, der sowohl zum Heizen als auch zum Kochen dient. Fenster sind heute oft mit Eisengittern versehen. Die Aufteilung der R√§umlichkeiten h√§ngt vom Typ der Laube ab. Die K√ľche ist jedoch in den meisten F√§llen am besten beheizt und dient gleichzeitig als Aufenthalts- und Essraum. Es gibt oft zwei Betten, bei Bedarf k√∂nnen Sofas oder Sessel zu Schlafst√§tten umfunktioniert werden. Sanit√§re Anlagen befinden sich selten im Haus. Die Toilette, in einem einfachen Bretterverschlag mit einem Loch im Boden, findet sich am Ende des Gartens,. Duschen o.√§. habe ich nirgendwo gesehen /21/, die H√§nde werden unter einem speziellen Wasserspender oder direkt am Wasserhahn im Garten gewaschen. In einigen G√§rten findet sich eine Sauna (banja).

Die M√∂blierung der H√§uschen ist einfach: ein Sofa (als Ersatzschlafst√§tte), eine Schrankwand, ein Schrank oder eine Truhe f√ľr Kleidung und wenige B√ľcher oder alte Zeitschriften./22/ Die M√∂bel sind zumeist ausgediente St√ľcke, wenn sich ihre Besitzer f√ľr die Wohnung neue geleistet hatten. Bis auf ein obligatorisches Radio, wenige Fernseher und (Mobil-)Telefone (die allerdings beide immer mehr Verbreitung finden) gibt es kaum elektrische Ger√§te: einen √§lteren K√ľhlschrank f√ľr die Lebensmittel des t√§glichen Gebrauchs und eine oder zwei Kochplatten. Alle elektrischen Ger√§te werden am Ende der Saison abtransportiert. Die H√§uschen sind unterkellert, d.h. im Holzfu√üboden des Hauses gibt es eine Klappe, unter der sich ein einfaches Erdloch befindet. Im Keller werden sowohl frische und konservierte Lebensmittel aus eigenem Anbau als auch gekaufte gelagert, bis sie verzehrt oder abtransportiert werden. Da in gro√üen Teilen Sibiriens Dauerfrostboden herrscht, ist es auch im Sommer in diesen Vorratskellern k√ľhler als in vergleichbaren ‚ÄöErdl√∂chern' in Mitteleuropa.


Der soziale Raum Datsche

Als sozialer Raum betrachtet stellen Datschen sich als Familienwirtschaft dar, wohin Freunde und Verwandte zur Erholung eingeladen werden (k√∂nnen). Eine Person wei√ü am besten √ľber die bereits erledigten und die noch zu erledigenden Arbeiten Bescheid und verteilt diese Aufgaben. Nach meiner Beobachtung obliegt diese Verantwortung meist einer (√§lteren) Frau. Die hier √ľbliche geschlechtsspezifische Arbeitsteilung kann sich durchaus von der in der Stadt unterscheiden kann. Es gibt m.E. mehr Frauen als M√§nner, die in den G√§rten arbeiten und im Sommer auch dort leben. RentnerInnen leben z.T. den ganzen Sommer auf der Datsche, manche fahren nur tags√ľber hin, um die notwendigen Arbeiten zu erledigen. Es herrscht ein typisches Generationsgef√ľge. Zumeist k√ľmmert sich die Generation der Gro√üeltern bzw. der Gro√üm√ľtter um die G√§rten, die EnkelInnen kommen am Wochenende oder f√ľr den Sommer (die Sommerferien) zu Besuch. Ihre Eltern bringen (am Wochenende) Eink√§ufe f√ľr die auf der Datsche Lebenden oder erledigen Arbeiten, welche besondere Qualifikationen verlangen oder von den √Ąlteren physisch nicht bew√§ltigt werden. (Vgl. Marinina 2001) Enkelkinder werden, wenn sie Interesse zeigen, in ‚Äödie Geheimnisse des Gartenbaus' eingef√ľhrt. Durch das Ber√ľhren der Pflanzen, Beobachten des Wachstums und das Essen der Fr√ľchte lernen Kinder Gartenbau als sinnliche Erfahrung kennen. Sie m√ľssen nicht arbeiten, lernen aber durch das Vorbild der Gro√üeltern, dass diese Arbeit mit Genuss, den Gartenfr√ľchten, belohnt wird.

Mit NachbarInnen bestehen Kontakte, die gepflegt werden (m√ľssen). Aufgrund der selten ausgepr√§gten Infrastruktur der Siedlungen besteht die Notwendigkeit der Zusammenarbeit und der gegenseitigen R√ľcksichtnahme z.B. bei der Wasserentnahme an Gemeinschaftsanschl√ľssen. Feiertage (z.B. Geburtstage) der jeweiligen benachbarten Familie werden als Zeichen der Aufmerksamkeit und zum Erhalt der Beziehungen gemeinsam begangen. Die zu intensivierenden Beziehungen werden sorgf√§ltig ausgew√§hlt, praktisch wird zwischen nachbarschaftlich-diplomatischen und engen (freundschaftlichen) Beziehungen differenziert./23/ Erstere sind gepr√§gt durch relativ distanzierte H√∂flichkeit, die Grenzen des jeweils anderen Gartens bleiben gewahrt. Man kommuniziert √ľber den Zaun hinweg und f√ľhrt ausschlie√ülich ‚Äösmall talk'. Vermieden werden kleine Gef√§lligkeiten und der Austausch von Rezepten. Die Pflege dieser Beziehungen obliegt meist Frauen. Enge Verh√§ltnisse sind u.a. gekennzeichnet durch den Austausch von Gef√§lligkeiten, Naturalien, Arbeitsleistung, Wissen etc.. Der Tausch (auch innerhalb der Familie) muss nicht unmittelbar reziprok sein, d.h. zwischen einer Leistung und deren Erwiderung kann sehr lange Zeit vergehen.

Produziert wird zum gr√∂√üten Teil f√ľr den Eigenbedarf. Von der Ernte ern√§hrt sich u.U. im Winter die Familie auch in der Stadt. Oft werden j√ľngere Familienmitglieder, die nicht bei ihren Eltern wohnen und √ľber begrenzte finanzielle Mittel verf√ľgen, z.B. Studierende in Wohnheimen, von ihren Eltern (oder Gro√üeltern) mit Lebensmittelpaketen versorgt. Bei einer Einladung in eine russische Familie wird der Gast eigene (oder von den Eltern angebaute) Produkte vorgesetzt bekommen, wobei deren Herkunft aus dem "eigenen Garten" auf jeden Fall betont wird. Besonders wichtige Konserven sind Konfit√ľren, die zum Tee gegessen werden, und eingelegtes Gem√ľse, wie Gurken, Tomaten, Pilze, manchmal auch Paprika, die als zakuska (als Knabberei zu Alkohol oder schwerem Essen) dienen. Wichtig ist auch Sauerkraut, dessen Zubereitung viel k√∂rperliche Kraft und Geduld braucht. Kartoffeln, K√ľrbisse, M√∂hren und Zucchini werden in der Wohnung eingelagert, um lange Anfahrtswege zu den Vorratskellern und das Erfrieren des Gem√ľses im Winter dort zu vermeiden./24/

Die Erholungsfunktion betrifft nahezu alle beteiligten Generationen: Kinder im Schulalter verbringen die Ferien hier, Jugendliche und junge Erwachsene treffen sich mit FreundInnen, um zu grillen und Partys zu feiern. H√§ufig werden zu diesen Anl√§ssen die √§lteren Generationen, die Eltern und Gro√üeltern, ‚Äöausgeladen', um nur unter sich sein zu k√∂nnen und die Zeit frei zu gestalten. Ein solcher Abend verl√§uft ganz nach den in dieser Generation g√ľltigen Regeln. Wenn die Datsche am n√§chsten Tag aber verlassen wird, wird peinlich genau aufger√§umt entsprechend der sonst √ľblichen Werte von Ordnung und Sauberkeit. Eine Einladung von jungen Menschen auf die Datsche (der Eltern oder Gro√üeltern) bedeutet: unter sich (Gleichaltrigen) sein, etwas essen und viel trinken, wenn es eine Sauna gibt, nach Geschlechtern getrennte Saunabesuche, alkoholgeschw√§ngerte Diskussionen usw. Junge Familien mit Kindern nutzen die M√∂glichkeit, Wochenenden oder sogar den Sommerurlaub auf der Datsche von Freunden oder Bekannten zu verbringen, wenn sie keine Verwandten mit Garten haben. Gartenbesitzer, die das Rentenalter noch nicht erreicht haben, verleben oft ihren Jahresurlaub auf der Datsche, v.a. wenn sie sich, wie die Mehrheit der Bev√∂lkerung in Nowosibirsk, keine Reisen leisten k√∂nnen.

Ungeachtet dieser aus einem Mangel heraus geborenen Funktion der Datsche als ‚ÄöErsatz-Urlaubsziel' ist mit ihr die Frage nach Status verbunden. Heute ist es zwar leichter, sich ein Auto oder auch eine Datsche zu kaufen, trotzdem habe ich oft lange und wiederholte Geschichten √ľber die Schwierigkeiten beim Erwerb der aktuellen Datsche geh√∂rt. Diese verdeutlichten, wie viel M√ľhe und Zeit in die heutige Erscheinung des eigenen Gartens gesteckt wurde. Eine Einladung auf die Datsche kann daher auch als Ehrerbietung an den Gast verstanden werden, da so ein unter gro√üen Entbehrungen gekaufter, urbar gemachter und instandgehaltener Teil des famili√§ren Reiches preisgegeben wird.

F√ľr den Eintritt in dieses Reich herrschen wichtige Regeln: An der Gartenpforte gibt es keine Klingeln, es muss gerufen werden, um die Ankunft zu signalisieren. Selbst wenn niemand im Garten zu sehen ist, sollte man sich laut bemerkbar machen. Erst an der T√ľr des H√§uschens zu klopfen, ist un√ľblich und wirkt wie ein unbefugtes Eintreten - wer an der Haust√ľr angelangt ist, hat bereits einen gro√üen Teil des Gartens durchquert! Wer den eigenen Garten verl√§sst, um zu NachbarInnen zu gehen, zieht sich oft, entsprechend des jeweiligen Anlasses, bessere Kleidung an, als die fr√ľher beschriebene Gartenkleidung. Die im Garten praktizierte Kleiderordnung spricht daf√ľr, dass der Garten als ein Raum verstanden wird, der, obwohl von au√üen einsehbar, den jeweiligen BesitzerInnen und BetreiberInnen doch die M√∂glichkeit des R√ľckzugs von √§u√üeren Einfl√ľssen wie Kleidungsvorschriften l√§sst, er ist ein Raum zur Entfaltung und Realisierung eigener Bed√ľrfnisse.


Der kulturelle ("metaphysische") Raum Datsche

Zun√§chst zum Merkmal der Datschen als Kleing√§rten von St√§dterInnen, in der Vorstadt oder der Umgebung von St√§dten gelegen: Hier verbinden sich auf allt√§gliche Weise Stadt und Land als r√§umliche Kategorien mit all ihren Implikationen f√ľr Arbeit und deren Wert, Gesundheit, Ern√§hrung u.a. zu einer gemeinsamen Praxis. Diese beinhaltet die Annehmlichkeiten beider (Lebens-) Welten, n√§mlich die f√ľr den Winter notwendige Infrastruktur der Stadt mit warmem Wasser, Strom, medizinischer Versorgung, relativer Bewegungsfreiheit usw. Gleichzeitig aber geh√∂ren zu ihr auch die Vorteile l√§ndlichen Lebens: die Versorgung mit frischen, qualitativ hochwertigen, relativ reinen Lebensmitteln, die N√§he zum eigenen Produkt, die relative M√∂glichkeit den Tagesablauf und die Arbeit frei einzuteilen, unabh√§ngig von fremddiktierten Regeln und Anforderungen, die saubere Umgebung und Ruhe, die Langsamkeit und Gelassenheit l√§ndlicher ‚ÄöIdylle'./25/ Dar√ľber hinaus werden die k√∂rperliche Arbeit, die N√§he zum eigenen Produkt, die Eigenverantwortlichkeit der Arbeit ("Wenn ich nicht rechtzeitig auss√§e oder falsch pflege, werde ich keine Ernte haben", war eine der h√§ufigsten Erkl√§rungen) und die M√∂glichkeit zu Kreativit√§t und Selbstbest√§tigung als positiv und dem Stadtleben entgegengesetzt bewertet.

Die Erreichbarkeit der G√§rten mit √∂ffentlichen Verkehrsmitteln und die gleichzeitige Entfernung vom st√§ndigen Wohnort steigert auf subtile Art den Wert der Datsche und des Datschenlebens. Die Entfernung darf nicht zu gro√ü sein, sie sollte ‚Äögerade so' zu bew√§ltigen sein, aber nicht in ‚ÄöQual' ausarten. Nat√ľrlich aber darf sie auch nicht zu kurz sein, da es sonst weniger g√§be, was als Opfer zugunsten dieser Besch√§ftigung dargestellt werden k√∂nnte und somit den Wert der Datsche erh√∂hen w√ľrde./26/

Die Reglementierung von Grundst√ľcksgr√∂√üe, Bebauungsart, Pflanzen usw. ist auf zweierlei Weise zu interpretieren: Zum einen kann hier ein Versuch gesehen werden, auch diese Lebensweise, welche noch aus zaristischen Zeiten stammt, in die sowjetische Organisation des Lebens einzubinden und nach diesen Vorstellungen zu formen. Von besonderer Bedeutung ist hier der Fakt, dass erst kurz nach dem Zweiten Weltkrieg (einer Zeit extremer Lebensmittelknappheit und Not) die Datschen in ihrer auch heute noch existierenden Form als private Nebenwirtschaft/27/ gef√∂rdert wurden. Um aber dieses eigentliche Privateigentum ideologisch zulassen zu k√∂nnen, musste es reglementiert und dem individualistischen Prestige-Anspruch, der noch aus Zarenzeiten stammte, entzogen werden. Interessanterweise aber wurde trotz der Kontrolle des Gartenbaus (in Vereinen, Betriebskollektiven, durch die Auswahl an Bau- und Pflanzmaterialien, durch das nicht existente Eigentum/28/ an Grund und Boden, den immer m√∂glichen Verlust des Landes durch Neuverteilung oder Aufl√∂sung von Gartenkolonien) die Datsche als ein (vielleicht auch nur graduell) ‚Äöprivaterer' Raum angesehen, als es z.B. Zimmer in Gemeinschaftswohnungen, in Wohnheimen oder die beengten Stadtwohnungen waren. (Chekhovskikh 2000, Humphrey 2002: 186f.) Diese Opposition der Datsche als privater Raum gegen√ľber der staatlichen √Ėffentlichkeit liegt u.a. auch in der Eigenschaft als Familienwirtschaft begr√ľndet.

Die Familie gilt symbolisch als ein Ort, in dem Menschen sich vorbehaltlos vertrauen. (Shlapentokh 1989) Es liegt daher nahe, dass ein famili√§rer Raum wie die Datschen ebenfalls als ein Ort gesehen wird, in welchen staatliche Reglementierungen keinen Zutritt haben sollten. Au√üerdem wurde die Sph√§re des Famili√§ren, einschlie√ülich der Datschen, so geformt, dass auch widerspr√ľchliche Bed√ľrfnisse der Familienmitglieder hier doch erf√ľllt werden konnten. Praktisch geschah die ‚ÄöPrivatisierung', die Einordnung der Datschen in den vom Staat getrennten ‚Äöprivaten'/29/ Raum, zum einen durch die quasi-Aneignung des Bodens durch die Bewirtschaftung. Zum anderen aber auch, weil sich innerhalb dieses Raumes trotz der Reglementierung M√∂glichkeiten der individuellen Verwirklichung boten, so z.B. durch das Experimentieren mit Pflanz- und Saatgut, durch den "Import" nicht heimischer Pflanzen aus anderen Klimazonen des Landes von Urlaubsreisen, durch die individuelle Anordnung der vorgeschriebenen Pflanzen, durch die Entwicklung "geheimer" Rezepte bei der Zubereitung und Konservierung, die nur an Auserw√§hlte preisgegeben wurden (und werden!) usw.

Die Wahrnehmung der Datsche als quasi-privaten/30/ Raum wird in den Verhaltensregeln deutlich, wie ich sie beschrieben habe. V.a. vor dem Hintergrund der "sowjetischen Pers√∂nlichkeit"/31/ gewinnt die in dieser Privatheit ausge√ľbte Eigenverantwortlichkeit an Bedeutung. Es herrschen Regeln, welche die Beziehungen zwischen den einzelnen Parteien in diesem Raum direkt, ohne Zwischeninstanzen ordnen. Die Pflege der Beziehungen obliegt also den einzelnen TeilnehmerInnen in diesem Feld. Die Unmittelbarkeit der Beziehungen verlangt von jeder/m Einzelnen die Unterscheidung enger und entfernter Verh√§ltnisse: Das Aufrechterhalten der h√∂flich-distanzierten Kontakte kann in zweierlei Hinsicht interpretiert werden, wobei beide plausibel sind: Zum Ersten erscheint es als Mittel zur Schadensbegrenzung aufgrund der gegenseitigen und gemeinsamen Abh√§ngigkeit von verschiedenen √§u√üeren Faktoren wie Infrastruktur, Wetter, Kriminalit√§t u.a. Man versucht den ‚ÄöUnwillen' des anderen nicht zu erregen, weil dieser sehr gro√üen Schaden zuf√ľgen kann, z.B. durch (wissentliches) Unterbrechen der Wasser- oder Stromzufuhr f√ľr den Nachbargarten, oder durch unbeobachtetes Einleiten von Schadstoffen, oder, in einem drastischeren Szenario, durch Verletzung der Privatsph√§re des jeweils nicht-h√∂flichen Nachbarn durch Diebstahl, Einbruch, Brandstiftung. Zum Zweiten ist die aufrechterhaltene Distanz auch eine Art der Sanktion von nicht akzeptiertem fr√ľheren Verhalten. Die r√§umliche N√§he der G√§rten der jeweiligen Beteiligten entscheidet nicht zwangsl√§ufig √ľber die N√§he der Beziehung. Vielmehr kann durchaus zu der/dem unmittelbaren NachbarIn ein distanziertes Verh√§ltnis bestehen, w√§hrend der Besuch von engen FreundInnen in der Siedlungen l√§ngere Fu√üwege erfordern kann. Dass trotz der ‚ÄöOberfl√§chlichkeit' die Beziehungen aufrechterhalten werden, ist besonders bei engen NachbarInnen aus den Gr√ľnden der ‚ÄöSchadensbegrenzung' wahrscheinlich.

Bei engeren nachbarschaftlichen Verh√§ltnissen sollte zwischen haupts√§chlich pragmatisch motivierten und freundschaftlichen unterschieden werden. In beiden F√§llen kann sich die Tiefe der Beziehung bei nahen NachbarInnen r√§umlich durch einen Durchgang in den Z√§unen ausdr√ľcken. Diese L√ľcken im Zaun vereinfachen und verk√ľrzen zwar die Besuchswege, entbinden die BesucherInnen jedoch nicht von den allgemeing√ľltigen Verhaltensregeln, d.h. dem verbalen Bemerkbarmachen bei Betreten des Grundst√ľcks. Vorwiegend pragmatisch motivierte Beziehungen bilden f√ľr die Kleing√§rtnerInnen ein Netzwerk, mithilfe dessen die infrastrukturellen M√§ngel der Siedlungen ausgeglichen werden k√∂nnen, wie z.B. durch Mitfahr- oder Transportm√∂glichkeiten, den Zugang zu knappen Ressourcen/32/ oder auch als nachbarschaftlicher Schutz vor Einbruch, Diebstahl oder √úberf√§llen. Freundschaftliche Beziehungen zeichnen sich zus√§tzlich dadurch aus, dass Kontakte auch √ľber die Gartensaison hinaus gepflegt, Rezepte ausgetauscht werden k√∂nnen, aber auch dass in begrenztem Ma√ü famili√§re Probleme er√∂rtert werden. Dies deutet das gegenseitige Vertrauen an, das aber m.E. das innerfamili√§re Vertrauen in sehr seltenen F√§llen nur √ľbersteigt. Die auserw√§hlten Personen erhalten freieren Eintritt (L√ľcken im Zaun, Zugang zu pers√∂nlichem Wissen wie Rezepte und Probleme) in die pers√∂nliche Sph√§re als andere, m√ľssen sich aber an die allgemeinen Verhaltensregeln halten./33/

Das Datschenleben stellt in den verschiedenen Lebensphasen sinnliche Erfahrungen dar: Kinder werden hier an den ‚Äörichtigen' Geschmack gew√∂hnt, im Sinne von ‚Äöwie frisches, unbehandeltes, also wertvolles Gem√ľse und Obst zu schmecken hat'. K√∂rperliche Arbeit wird spielerisch erfahren, der Wert der Arbeit zeigt sich sp√§ter in der Qualit√§t der Nahrung. K√∂rperliche Bet√§tigung wie Schwimmen und Spazierg√§nge im Wald erweisen sich als Erholung, wenn die Gartenarbeit getan ist. Arbeit wird also in doppelter Hinsicht belohnt: durch den Geschmack der Nahrung und den folgenden k√∂rperlichen Ausgleich. Durch die Verbindung von Schulferien (Wochenenden) und dem Aufenthalt auf der Datsche (au√üerhalb beengter st√§dtischer Wohnverh√§ltnisse und schulischer Pflichten) wird der Garten als Erholung erlebt. Hinzu kommt ein psychologischer Aspekt: die N√§he zu den Gro√üeltern (der Gro√ümutter) wird mit diesen Erfahrungen verbunden./34/ Kinder erfahren die Datschen als Sinnbild f√ľr emotionale N√§he zur Gro√ümutter (als Vertreterin fr√ľherer Generationen), f√ľr schmackhaftes Essen, den Wert von Arbeit, Natur und k√∂rperlicher Bet√§tigung.


Der Raum Datsche und seine Sinngebung

Die gro√üe Verbreitung der Datschen verdeutlicht wie mehrfach erw√§hnt, dass (fast) jede Russin und jeder Russe fr√ľher oder sp√§ter in ihrem/seinem Leben geh√∂rt oder erlebt hat, was eine Datsche ist und welchen Stellenwert sie im Leben verschiedener Menschen einnehmen kann. Hierzu einige beispielhafte Aussagen aus meinem Forschungsaufenthalt als Illustration der Vielfalt an Bedeutungen:

"Ich habe keine Lust, meine ganzen Wochenenden mit meinen Eltern auf der Datsche zu verbringen und arbeiten zu m√ľssen. Ich will was erleben, Freunde treffen und rumh√§ngen." (Studentin, ca. 20)

"Meine Gro√üeltern und Eltern schuften sich hier ja richtig den Buckel krumm, und ich helfe ihnen auch manchmal. Aber ich sehe das nicht ein. Ich finde, die Datsche ist zum Erholen da. Und das ist auch in Ordnung f√ľr sie. Ich kann hier machen, was ich will." (Universit√§tsangestellter, Ende 20)

"Meine √§lteste Enkelin ist schon so erwachsen, sie kommt nicht mehr die ganzen Ferien zu mir raus, aber manchmal kommt sie doch vorbei und bringt ihre Freunde mit, und dann bekoche ich sie alle hier, und das ist wie fr√ľher. Bei der Oma schmeckt es doch immer am besten, da ist alles frisch. Aber die Kleine kommt ganz oft. Dann machen wir Pizza, und ich mache meine Eierkuchen. Die isst sie am allerliebsten." (Rentnerin, ca. 70)

"Unser Kind soll nicht nur zwischen Beton aufwachsen. Ich erinnere mich noch an Mago (ein Dorf im Fernen Osten, I.B.) und den Riesengarten und wie wir da immer gespielt haben. Und unsere Oma hat immer so toll gekocht. In der Stadt dann war es das Sch√∂nste, als wir auch eine Datsche bekamen. Das war wie fr√ľher in Mago. Und ich will, dass mein Kind auch so sch√∂ne Erinnerungen hat." (An√§sthesist, Mitte 30)

"Ohne die Datsche h√§tten wir die schlimmen Jahre (nach dem Krieg, I.B.) nicht √ľberlebt. Wir haben alles selbst angebaut und uns davon ern√§hrt. Und heute - na ja, die Erde hat uns immer ern√§hrt. Wir verdanken ihr so viel, sie geh√∂rt einfach zum Leben dazu. Warum sollte ich das jetzt sein lassen?" (zwei Rentnerinnen, Ende 60)

"Also, wenn du dich mit den Datschen besch√§ftigst, dann musst du unbedingt die B√ľcher von Anastasia/35/ lesen. Das ist so eine kluge Frau, die versteht genau, was die Datschen wirklich sind. Sie sind n√§mlich die Verbindung zu Gott und bringen das Beste in der menschlichen Natur zum Vorschein..." (Reisebekanntschaft, ca. 50)


Datsche und Nahrung

Eines der master narratives betrifft, auch in den obigen Darstellungen, die direkte Assoziation der Datsche mit dem Anbau und dem Genuss von Nahrung. Wie bereits ausgef√ľhrt, werden hier seit der fr√ľhesten Kindheit Geschmackssinne ausgebildet und best√§tigt. Eine Mitarbeiterin des universit√§ren Auslandsamtes erkl√§rte mir die weitverbreitete Ablehnung westlicher Nahrungsmittel in der russischen Bev√∂lkerung mit der Gew√∂hnung an den "richtigen" Geschmack wertvoller Produkte, d.h. Produkte aus eigenem, kontrollierten Anbau/36/, deren Konservierung mit Hilfe von erprobten Rezepten/37/ erfolgt und die auf die klimatischen Bedingungen und verf√ľgbaren Zutaten in der jeweiligen Region abgestimmt sind. Trotz der Verf√ľgbarkeit sowohl westlicher als auch einheimischer Produkte auf dem Markt und in den L√§den werden weiterhin die eigenen Produkte bevorzugt. (Vgl. Humphrey 1995: 54-58, Megre 2002: 32) G√§ste werden mit Selbstangebautem bewirtet, Kinder erhalten ‚Äöcare-Pakete' mit eigenen Produkten, aber kein Geld, welches viel leichter zu schicken w√§re. Selbst manche Familien mit gen√ľgend Einkommen bauen weiterhin bestimmte Fr√ľchte an, obwohl sie sich diese ohne weiteres auf dem Markt und von privaten Verk√§uferInnen kaufen k√∂nnten./38/ Es werden sogar mehr finanzielle, materielle und physische Aufwendungen in die Bewirtschaftung und den Erhalt der Datschen gesteckt, als diese rein rechnerisch einbringen. (Chekhovskikh 2000: 106)

All diese Faktoren f√ľhren dazu, dass die Datsche als Raum der Geschmacksbildung und der Symbolisierung des russischen Geschmacks auch zu einer Quelle und zu einer Sph√§re der Festigung der Identit√§t als RussInnen wird. Narrativ werden die Datschen u.a. als Ursprung der wahrhaft wertvollen, weil unverf√§lschten Nahrung und der Befriedigung des russischen Geschmacks konstruiert. Mit anderen Worten: Eigene (nashi) Produkte werden fremden (cuŇĺyje) vorgezogen. Und die ureigensten Produkte sind die auf der Datsche selbst angebauten.

Diese Interpretation der Datsche als Sph√§re des russischen Geschmacks ist nur mit Bezug auf den Stellenwert von Essen und gemeinsamen Mahlzeiten in der russischen Kultur m√∂glich. Ohne hier eine Ethnographie des Essens wagen zu wollen, seien nur einige wenige Beispiele angef√ľhrt: Erst nach mehreren Besuchen und informellen Gespr√§chen und erst, wenn ein Interview beendet war, lud eine Interviewpartnerin mich ein, eine Kleinigkeit mit ihr zu essen. Dabei betonte sie immer, dass das meiste des Angebotenen nach ihrem eigenen Rezept hergestellt oder sogar selbst angebaut war. Eine weitere Frau beendete das einzige Interview mit der Frage: "Und, essen wir jetzt?" Das war der Hinweis, dass die Arbeit getan war und nun das Vergn√ľgen bevorstand. Dabei war irrelevant, dass ich nicht hungrig und es eine sehr ungew√∂hnliche Zeit zum Essen war. Die dritte Interviewpartnerin hielt zur Zeit unseres Kennenlernens die orthodoxe Fastenzeit ein, aber zu unserem zweiten Treffen hatte sie f√ľr mich einen Kuchen gebacken. Sie erkl√§rte, dass sie zum Zeichen des Vertrauens ihr Fasten unterbrechen w√ľrde und dass dies auch nicht ihrem Glauben widerspr√§che. Interessanterweise waren die drei genannten Frauen w√§hrend des Essens mitteilsamer als je zuvor, sie teilten mir pers√∂nlichere Ansichten mit./3/9 Als Raum der Nahrungsproduktion wird die K√ľche besonders hoch bewertet. Sie gilt als der Raum, in dem sich das Leben abspielt. So habe ich bspw. keine russische K√ľche je ohne Samowar gesehen, der als Inbegriff von Gem√ľtlichkeit und Miteinander gilt. In Anbetracht der engen Verbindung von Nahrungsproduktion und Datschen liegt es nahe, die auf die K√ľche angewandte Interpretation auch den Datschen zuzuschreiben.

Weiterhin genannt werden oft sinnliche Erfahrungen (Erholung an der frischen Luft, nat√ľrliche Umgebung, das Teilhaben am Wachsen und Werden, am jahreszeitlichen Zyklus, k√∂rperliche Bet√§tigung etc.), die im st√§dtischen Alltag fehlen, aber unbedingt zu einem ‚Äösinnvollen', erf√ľllten Leben dazugeh√∂ren. Es wird damit herausgestellt, dass die Kleing√§rtnerInnen mit ihrem Hauptwohnsitz in der Stadt auf all diese Annehmlichkeiten und den Ausgleich verzichten m√ľssen, aber nicht auf sie verzichten wollen. In diesem Narrativ werden die Stadt und das Land als verschiedene R√§ume sowohl einander entgegengesetzt, als auch miteinander verbunden. Die gegens√§tzliche Positionierung findet sich in dem Mangel an Sinnesfreuden in der Stadt, dessentwegen die Datsche als Raum f√ľr den Ausgleich notwendig ist. Die Verbindung der beiden R√§ume aber besteht in dem seit Jahrzehnten unver√§nderten Fakt, dass Datschen nur saisonale Wohnsitze und Lebensr√§ume sind. Menschen, die auf dem Land leben, die hauptberuflich Landwirtschaft betreiben, sind keine dacniki, sondern Bauern: Dacniki betreiben den Gartenbau aus Passion, als Hobby, zur Erholung, so die von Interview- und Gespr√§chspartnerInnen gleicherma√üen genannte wichtigste Motivation.

Auf der zuvor behandelten "metaphysischen" Ebene des Raumkonzeptes stellt der Aspekt der Sinneserfahrungen die Bedeutung derselben f√ľr russische Wert- und Weltvorstellungen dar. Allerdings geht meine Interpretation hier noch weiter, da deutlich wird, dass die Praxis die Vorstellungen formt und pr√§gt: Zu bestimmten Zeiten (z.B. nach dem II. Weltkrieg und in den Mangeljahren vor, w√§hrend und nach der Perestroika) dominierte die Selbstversorgung die Bedeutung der Datsche. Diese Jahre liegen aber in der Vergangenheit. Auch wenn heute f√ľr einige Menschen die Eigenproduktion immer noch einen gro√üen Anteil ihrer Versorgung ausmacht und auch als Einkommensquelle dient, wird heute doch das Narrativ von bereichernden Motivationen, i.e. keinen Mangelerfahrungen, dominiert: W√§hrend man fr√ľher selbst anbauen musste, um √ľberleben zu k√∂nnen, werden heute, zumindest in den Narrativen, mit der Datsche haupts√§chlich Genussbed√ľrfnisse erf√ľllt, wie z.B. die Sehnsucht nach etwas Wohlschmeckendem, das Bed√ľrfnis nach wertvoller, "√∂kologischer" Nahrung, das Bed√ľrfnis nach Erholung von der st√§dtischen Umgebung und dem allt√§glichen Stress durch ein fremdbestimmtes Leben. All dies verdeutlicht, dass es eine Wahl gibt, ob die Nahrung nur nach energetischen Gesichtspunkten gew√§hlt wird, oder ob der Geschmack und das Bewusstsein um die Reinheit der Produkte Beachtung findet. In den Jahren nach dem II. Weltkrieg gab es diese Wahl nicht. Damals ging es um das ‚Äönackte √úberleben'. Ebenso hatte die Datsche in den Mangeljahren zum Ende des 20. Jahrhunderts eher existentielle Bedeutung. Diskursiv wird die Bedeutung der Datsche als etwas √ľber die Zeit ver√§nderliches konstruiert.


Die Datsche als Zufluchtsort

Allerdings f√ľhren die positiven Beweggr√ľnde, die Vorteile dieses l√§ndlichen Lebensstils, nicht zu der Konsequenz, den Hauptwohnsitz aufs Land zu verlegen und sich hauptberuflich der Landwirtschaft zu widmen./40/ Die Distanz zwischen der Datsche und dem Hauptwohnsitz muss in mehrfacher Hinsicht erhalten werden. Nur so k√∂nnen auch die verschiedenen Bedeutungen der Datsche bewahrt werden. Die t√§gliche, w√∂chentliche oder j√§hrliche Fahrt, die wegen der zu transportierenden Lasten oft einem Umzug √§hnelt, ist nicht allein eine √úberwindung der Strecke, sondern auch eine wiederholte Best√§tigung der Entfernung. Die Schwierigkeiten und Belastungen der Fahrt/41/ werden nicht einfach nur in Kauf genommen, etwa weil es keine andere M√∂glichkeit g√§be. Die Fahrt mit allen Unbequemlichkeiten ist unbedingt notwendig, sie geh√∂rt zum Datschenleben: Im Bus, im Zug oder an der Haltestelle trifft man bekannte Gesichter, die man nur aus diesem Kontext und vielleicht seit Jahren kennt, deren Namen jedoch nicht unbedingt bekannt sind. Die alte, abgetragene, geflickte Kleidung, die man teilweise bereits f√ľr die Fahrt anzieht, wird nur in den G√§rten getragen. Das mitgef√ľhrte Gep√§ck ist so vollgepackt mit den nur f√ľr die Gartenarbeit oder den Aufenthalt n√∂tigen Utensilien und so alt, dass seine Datschen-Vergangenheit f√ľr seine BenutzerInnen schon sichtbar ist. All dies wirkt wie eine Einstimmung auf die zu erwartenden Freuden und Erfolge, aber auch auf die Arbeit und Anstrengungen. Mit der Unbequemlichkeit der Fahrt l√∂st man sich von dem st√§dtischen Dasein, den kurzen Fu√üwegen in der Stadt, der Anonymit√§t, der Achtung, die dort der √§u√üeren Erscheinung gezollt werden muss.

Erst die Losl√∂sung von st√§dtischen Konventionen, Einschr√§nkungen und Zw√§ngen erm√∂glicht den √úbergang in die ‚ÄöWelt der Datschen'. Um wirklich in diese andere Welt einzutauchen und ihre Vorteile zu erfahren, ist es notwendig, das St√§dtische hinter sich zu lassen. Der r√§umliche Ausdruck dieser Trennung ist die Fahrt, der Umzug aus der Stadt. Gleichzeitig wird mit der r√§umlichen Bewegung und mit dem Bewusstsein der Anstrengungen dieser "Reise" auch die Bedeutung der Datsche als "andere Welt" konstituiert. Um aber die Eigenschaft der Datsche als "andere Welt" aufrechtzuerhalten, darf sie nicht zur "profanen Welt" werden. Die Reise ist also ein weiteres Beispiel f√ľr die aktive Gestaltung der Bedeutung von R√§umen: Sie ist ihnen nicht unver√§nderlich eingeschrieben, sie wird durch die Handlung geweckt und sie ist √ľber die Zeit ver√§nderlich.


Die Verbindung zur Zeit und zur Vergangenheit

Die Verbindung zur eigenen Geschichte und die Best√§ndigkeit der Datsche √ľber die Zeit hinweg ist eine der wichtigsten Bedeutungen, die in den Erz√§hlungen verschiedener Menschen auftauchte. Wie mir erkl√§rt wurde, betrieben die Menschen den Gartenbau nicht nur, weil "es eben Tradition ist und weil man es eben macht". (Auch wenn viele Menschen eben das Traditionelle in der Datsche als die wichtigste Motivation benannten. Bei jungen Menschen, Studierenden zum Beispiel, war damit meist eine Ablehnung der Tradition im allgemeinen und dieser Tradition im besonderen verbunden.) Nach Aussage einer Interviewpartnerin stecke auch der Wunsch dahinter, sich der vorsowjetischen, agrarischen Vergangenheit zu widmen und dadurch den Bezug zu einem Teil der Geschichte wiederherzustellen, der √ľber lange Jahre als r√ľckst√§ndig, feudal, fortschrittsfeindlich etc. (ab)gewertet wurde.

Inwieweit diese Art der R√ľckbesinnung eine bewusste Motivation f√ľr den Betrieb und Besitz einer Datsche darstellt, mag fraglich sein. Die meisten anderen Menschen haben mir auf die Frage nach dem Warum lediglich geantwortet, dass "das alle schon immer getan h√§tten, und dass man das deshalb auch weiterf√ľhrt". Trotzdem ist diese Interpretation weitere √úberlegung wert: Wenn erkl√§rt wird, die Datschen seien nun mal eine der √§ltesten Traditionen in Russland, und eine von wenigen, die sich √ľber die sowjetische Zeit hinweg erhalten h√§tten, stellt das einen Bezug zur Geschichte und zu Traditionen her. Wenn dar√ľber hinaus noch beachtet wird, welchen Stellenwert die Datschen hinsichtlich des sozialen Status' und Prestiges haben und fast ununterbrochen hatten, wird dieser einfache R√ľckbezug auf Vergangenes zu einer Wiederbelebung von Werten und Traditionen, von denen mit Stolz gesagt wird, sie h√§tten trotz aller √§u√üeren Ver√§nderungen √ľberdauert. Die Datschen bilden somit einen r√§umlichen Bezug zur eigenen Vergangenheit: Datschen, als Kleing√§rten von St√§dterInnen und in ruralen Gebieten gelegen, hat es seit Anfang des 20. Jahrhunderts gegeben. Datschen als Sommerresidenz von StadtbewohnerInnen gibt es noch l√§nger, seit Ende des 19. Jahrhunderts. Datschen als Auszeichnung f√ľr Staatsdiener gab es sogar schon in der Alten Rus'. Die Pr√§sentation der Verdienste (des Reichtums etc.) ist somit sogar eine der √§ltesten Funktionen. In der Mehrzahl der F√§lle dienen die Datschen den BesitzerInnen bis heute in allen drei Rollen, wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung. Die Erw√§hnung nur einer dieser drei M√∂glichkeiten stellt folglich (unbewusst) den Bezug zur jeweiligen Entstehungsgeschichte her.

Eindrucksvoller f√ľr den einzelnen Menschen ist jedoch die pers√∂nliche Erinnerung, welche die Meinung √ľber die Datsche pr√§gt, welche Funktion herausgestellt und welche vernachl√§ssigt wird. Zwar ist in den oben angef√ľhrten Aussagen von √§lteren Menschen der Einfluss der Erinnerungen (an Notzeiten, an sch√∂ne Kindheitserlebnisse) st√§rker nachzuvollziehen. Aber auch bei der jungen Generation (ca. 16 bis 23), von denen viele die Datsche als Ort elterlicher Kontrolle und der Arbeit betrachten, wird der zeitliche Bezug deutlich: Es sind die (Gro√ü-)Eltern, die √§lteren Generationen, die Kontrolle aus√ľben und die Arbeit verteilen. H√§ufig wird eine solche Ablehnung als Generationskonflikt konstruiert: Den √Ąlteren wird unterstellt, sie w√ľrden die Arbeit nur deshalb als Vergn√ľgen umdeuten, weil sie noch nicht erkannt h√§tten, dass die Zeiten, als Mangel in Tugend und daher Arbeit in Vergn√ľgen umgedeutet wurden, vorbei seien. Von der jungen Generation wird dann eher der Erholungsaspekt der Datsche betont. Die Datsche an sich jedoch, mit ihren mindestens drei Funktionen, ist die Konstante in all diesen Narrativen und Konstruktionen.

Abgesehen von ihrer Erprobung als informelle Wirtschaftsstrategie vor allem w√§hrend der Perestrojka und des wirtschaftlichen und finanziellen Zusammenbruchs vom August 1998, bietet sie sich auch als ein raum-zeitliches Ordnungsmuster an. Bezugnehmend auf humangeographische Konzepte der raumzeitlichen Regionalisierung (Scheller 1995: 4f.) ist die Datsche eines der wichtigsten Ordnungsprinzipien russischen Lebens schlechthin: Anfang und Ende der Datschensaison werden in den Medien verk√ľndet. Selbst f√ľr St√§dterInnen ohne Datsche ist damit klar, dass ein neuer Vegetationszyklus begonnen hat. Der Beginn des Fr√ľhjahrs ist f√ľr DatschenbetreiberInnen mit r√§umlichen Ver√§nderungen verbunden: Man bereitet sich darauf vor, auf die Datsche umzuziehen oder schafft wenigstens einen gro√üen Teil des Hausrats in den Garten, da man nur noch zum Schlafen in die Stadt kommt. So l√§sst sich "raumzeitliche Regionalisierung" hier verstehen: Raum und Zeit werden zu Ordnungsprinzipien, die sich gegenseitig beeinflussen und sp√§ter im Alltag und im Bewusstsein der Menschen kaum voneinander zu trennen sind. Der Raum, der regelm√§√üig zu einer bestimmten Zeit aufgesucht wird, wird zum Raum dieser Zeit. "Es wird Zeit" f√ľr diesen Raum: Die verbale Er√∂ffnung der Datschensaison in den Medien im Fr√ľhjahr geht einher mit einer massenhaften ‚ÄöV√∂lkerwanderung' zu den Datschen. Es ist "Datschenzeit". Ob nun die Bewegung zu diesem Raum oder die verbale Er√∂ffnung, die Erkl√§rung, dass es Zeit sei, am Anfang standen, ist unwichtig. Diese Irrelevanz deutet an, wie wirksam die stattgefundene "Regionalisierung" ist und beschreibt die genannte vierte Dimension von R√§umen.


Anstelle eines Schlusswortes - Die Spiritualität der Datsche

Abschlie√üend werde ich noch eines der √ľberraschendsten Forschungsergebnisse vorstellen, welches schon in den eingangs paraphrasierten Antworten von Gespr√§chspartnerInnen angedeutet wurde: die Entstehung einer neuen Glaubensgemeinschaft, in deren Mittelpunkt die Kleing√§rtnerInnen Russlands stehen. Diese Gemeinschaft nennt sich Anastasijcy, i.e. Anh√§nger der Anastasia. Ich erfuhr √ľber deren Existenz durch oben zitierte Reisebekannte wenige Wochen vor dem Ende meines Forschungsaufenthaltes. Sofort, nachdem sie geh√∂rt hatte, dass ich mich f√ľr die Datschen interessiere, erkl√§rte sie mir, dass in diesem Glauben die DatschenbetreiberInnen die eigentlichen Heilsbringer seien. Da die Kleing√§rtnerei nur das Beste im Menschen zum Vorschein br√§chte, habe diese scheinbar neue Spiritualit√§t der Datschen ihre Wirksamkeit schon vor Jahrzehnten best√§tigt. Zun√§chst nahm ich diese Anregung nicht ernst. Ich verga√ü sie sogar f√ľr einige Monate, bis ich im russischen Internet eine Unmenge (√ľber 10 000) von Verweisen fand, die auf entsprechende Fanclubs, Vereine, Veranstaltungen, Lebenshilfe, aber auch Zeitungen und Missionierungsversuche von Gl√§ubigen hinwiesen. Mittlerweile ist auch klar geworden, dass dieser neue Glauben seit Mitte der 1990er Jahre regen Zuspruch findet und sich weiterhin verbreitet: In vielen russischen St√§dten finden sich Kontaktadressen, die B√ľcher sind leicht zu beziehen, und jeder Mensch schien zu wissen, wovon ich sprach, wenn ich den Namen erw√§hnte./42/

Erstes Medium dieses Glaubens sind (mittlerweile sieben) B√ľcher des Nowosibirsker Gesch√§ftsmannes Wladimir Megre/43/, der von seinen Begegnungen mit Anastasia berichtet, deren Glaube an die Liebe zur Natur, zu allem Lebendigen ihr ein wahrhaft gl√ľckliches, gesundes und erf√ľlltes Leben mit einfachsten Mitteln inmitten der sibirischen Taiga beschert. Anastasia wird als Einsiedlerin, einem Waldgeist √§hnlich, eng mit der Natur verbunden und als Prophetin beschrieben. Der Autor der B√ľcher, der sich selbst als Sprachrohr von Anastasia und als ihre Verbindung zur modernen, st√§dtischen, industrialisierten Welt darstellt, gibt an, sie 1994 bei einer Schiffsexpedition am Fluss Ob (n√∂rdlich von Nowosibirsk) in den Tiefen der sibirischen Taiga getroffen zu haben. Bei wiederholten Begegnungen unterbreitete Anastasia ihm ausf√ľhrlich ihre Vorstellungen von Leben, Moral, Glauben, Arbeit, Beziehungen zwischen den Menschen im allgemeinen, und zwischen den Geschlechtern und den Generationen im Besonderen, und vom ‚Äörichtigen', liebevollen Umgang mit der Natur. Immer wieder dienten ihr die dacniki als Beispiel, dass ihre eigenen Werte nicht unrealistisch und weltfremd sind, sondern dass es bereits Menschen gebe, welche diese Vorstellungen praktizierten und mit dieser Praxis die Welt schon mehrfach vor der Apokalypse gerettet h√§tten. Zun√§chst einige Aussagen von Anastasia, wie Megre sie wiedergibt, zur Illustration:

"In der ganzen Welt sind viele Menschen, die der Katastrophe der Erde Widerstand leisten. Doch die Katastrophe 1992 hat haupts√§chlich dank der Kleing√§rtner Russlands nicht stattgefunden. [...] In Russland galt die Erde einige Zeit als Allgemeingut, das hei√üt, sie geh√∂rte keinem Einzelnen, sondern allen. Die Menschen empfanden die Erde nicht als ihr Eigentum. Dann trat eine Wende in Russland ein. Man gab dem Menschen ein kleines St√ľck Land f√ľr ihre Gartenlauben. Doch diese Grundst√ľcke waren mit Absicht so klein gehalten, dass es unm√∂glich war, irgendwelche technischen Hilfsmittel zu gebrauchen. Trotzdem gab es viele Russen, die sich f√∂rmlich nach einem St√ľckchen Land verzehrten und es mit Freuden annahmen. [...] Und als sie ihr kleines St√ľck Land erhielten, sp√ľrten sie intuitiv: Nichts kann die Verbindung des Menschen mit der Erde abbrechen. Und Millionen menschlicher H√§nde ber√ľhrten liebevoll die Erde. Ja, mit ihren H√§nden und nicht mit irgendwelchen Maschinen ber√ľhrten die Menschen z√§rtlich die Erde auf ihren kleinen Grundst√ľcken. Und sie sp√ľrte das. Sie sp√ľrte die Ber√ľhrung jeder einzelnen Hand, wurde dadurch st√§rker und konnte einige Zeit durchhalten." (Megre 2000: 59-62)

"Den Wald entstehen lassen in der W√ľste, so hei√üt die Aufgabe heutzutage. Die kleinen G√§rten um die St√§dte sind der Anfang der neuen Erde, die dem Menschen wieder zum Haus und zum Raum der Liebe wird. Wladimir, achte hoch die kleinen G√§rten, es sind Oasen in der Welt des Seelenlosen. Hier kennt und liebt den Menschen jede Pflanze. Hier heilt der Raum die Seele des Menschen. Hier zeichnet sich der Weg ins Paradies.[...] Das Tun ist hier entscheidend, nicht das Wort. In kleinen G√§rten wird ein heilig Werk verrichtet." (Megre 2001: 165f.)

Ihr Großvater sagt von Anastasia: "Sie glaubt, dass die Kleingärtner einen allmählichen Übergang zum Verständnis des irdischen Daseins darstellen. [...] Sie versuchte den Menschen liebevoll beizubringen, wie man mit den Pflanzen umgehen muss, damit sie gut gedeihen." (Megre 2000: 175)
Laut Anastasia sind die Kleing√§rten nicht nur ein Raum, in dem Menschen sich erholen und sich damit etwas Gutes tun. Sie meint vielmehr, dass hier ein "heilig Werk verrichtet" wird, dass hier die so notwendige und heilende Begegnung des Menschen mit der Erde stattfindet. Dabei bewegt sich die Interpretation Anastasias weniger auf einer kulturellen ("metaphysischen"), sozialen oder physischen Ebene von Raumvorstellungen. Vielmehr verbindet sich in diesem Glauben die Bedeutung mit der Praxis: Die Erde ber√ľhren kann man auch auf dem Feld, in einem Stadtpark, Kleing√§rten gibt es weltweit, auch au√üerhalb Russlands. Hier geht es aber explizit um die Bedeutung der "russischen Kleing√§rtner", die angeblich die planetare Katastrophe abgewendet haben. Lt. Anastasia besitzt also eine durchaus allt√§gliche Praxis einer globale und quasi-religi√∂se Bedeutung, wodurch der Raum, in welchem praktiziert wird, zu einer sakralen Welt erkl√§rt wird. Diese Art der "Heiligsprechung" (Sinngebung) geht so weit, dass in den B√ľchern Ratschl√§ge und Hinweise erteilt werden, wie durch bestimmte Pflanzen, Rituale bei der Bestellung und im allt√§glichen Ablauf die Verbindung mit der Natur erneuert und das Geschehen in diesem Raum neu strukturiert und neu gedeutet werden. (Megre 2001a: 119-125, 142-144)

Der Raum Datsche wird also auf zweierlei Weise mit einer neuen Bedeutung belegt: Die erste Praxis, welche die Bedeutung des Raumes schafft, ist die Fortf√ľhrung der Tradition, deren narrative Umdeutung entsprechend den jeweiligen vorherrschenden gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten und die Verbreitung der Kleing√§rtnerei unter St√§dterInnen. Die zweite Praxis, welche sich seit ihrem Auftauchen Mitte der 1990er Jahre wachsender Popularit√§t erfreut, ist die, dem Kleingartenbau einen Heilsanspruch f√ľr die ‚Äözivilisierte', moderne Industriewelt zuzuschreiben und in Zeiten allgemeiner Verunsicherung und Instabilit√§t ein erwiesenerma√üen stabiles Moment (die Datschen) zur Quelle positiver Identifikation zu erkl√§ren.


Anmerkungen

1 Die Transliteration russischer Begriffe folgt hier dem Standard ISO R9, sofern es sich nicht um im deutschen Sprachgebrauch verwendete Versionen handelt wie z.B. die Familiennamen Gorbatschow, Jelzin o.ä..
2 Meine Ausf√ľhrungen basieren auf einer elfmonatigen ethnologischen Forschung in Nowosibirsk 2000/2001.
3 Vgl. Chekhovskikh, 1999; dies., 2000; Kalugina, 2000; Alasheev et al. 1999. Oxen 1999: 779.
4 Turgenjews Erz√§hlung "Erste Liebe" spielt auf einem Landsitz, der von einer St√§dterfamilie f√ľr den Sommer gemietet wird - ein klassisches "Datschen-Szenario" der Petersburger und Moskauer Aristokratie und Intelligenzija. Auch in Ulitzkajas Roman "Reise in den siebenten Himmel" dient eine Datsche als ein Schauplatz des Geschehens. Die B√ľhne f√ľr Michalkows Film "Die Sonne, die uns t√§uscht" ist eine Datsche mit der Romantik des Landlebens, Familienkonzerten und Kinderspielen, vor der auch der stalinistische Terror nicht Halt macht. In der Tretjakow-Galerie Moskau findet sich eine Zeichnung von Negodjaev "Umzug auf die Datsche" von 1874, die den allj√§hrlichen Umzug einer St√§dterfamilie mit ‚ÄöSack und Pack' aufs Land illustriert.
5 Private E-mail-Korrespondenz an die Autorin Juni 2001.
6 Ich habe u.a. nachgewiesen, dass die Datschen trotz des allgegenw√§rtigen master narrative als "Tradition" durchaus Aspekte von Traditionalit√§t und Konservation beinhalten, aber auch als moderne Strategien zur Krisenbew√§ltigung verstanden werden k√∂nnen und sollten. Ebenso erwiesen sich die kleing√§rtnerischen Gemeinschaften als Identit√§tsquellen f√ľr die auf sie bezogenen communities of practice. Ein wesentlicher Fokus zur Verbindung der angewandten theoretischen Rahmen jedoch war die Untersuchung geschlechtsspezifischer Aspekte. Unter dieser Perspektive habe ich Geschlechterbeziehungen und -rollen in den Datschen als R√§umen, als traditionell und als modern, aber auch als gemeinschaftsstiftend untersucht.
7 Vgl. hierzu Alasheev et al. (1999); Chekhovskikh (2000, 1999); Kalugina (2000); Koslatschkow (1998); Ugarov (1997); Fisher-Ruge, Lois (1997, 1990); Krone-Schmalz (1993) u.v.a.
8 Der Ausdruck "sechs Hunderter" (600 m2 ) hat inzwischen Sprichwortcharakter erlangt und wird im Alltag sofort als Synonym f√ľr "Datsche" verstanden.
9 Das war zumindest in meiner Forschungsregion und in schon fr√ľher besuchten Siedlungen des Fernen Osten der Fall. Da wenige Menschen ein eigenes Fahrzeug besa√üen, wurden diese Alternativen zum √∂ffentlichen Verkehr eingerichtet. Die Finanzierung der Transporte ist mir nicht ganz klar. Wahrscheinlich ist, dass daf√ľr ein eher symbolischer Beitrag entrichtet wird. Auch Anfang Mai 2000 sah ich in der Nowosibirsker Universit√§t ein handgemaltes Wandplakat, welches eine solche Fahrgelegenheit zu einer Siedlung der Universit√§t ank√ľndigte.
10 Das konnte ich in den besuchten Siedlungen beobachten, aber auch Gespr√§chspartnerInnen erz√§hlten von den Datschen der "Neuen Russen". In Medienberichten werden diese luxuri√∂sen Datschen erw√§hnt, die den Wohlstand der neuen Reichen ("Neue Russen") repr√§sentieren. Vgl. Koslatschkow 1998: 67. Der russische Ausdruck Novye Russkie (Neue Russen) bezeichnet Menschen, deren seit der Perestrojka angeh√§ufter Reichtum oft √ľber den Wohlstand von erfolgreichen Gesch√§ftsleuten (businesmeny) hinaus geht und von dem die meisten Menschen vermuten, dass er auf illegale oder zumindest halblegale Weise erworben wurde. Der Begriff impliziert, dass diese Menschen keine ‚Äörichtigen Russen' w√§ren und dass deren Reichtum nicht von Dauer ist. (Megre 2002: 29) Es scheint auch, als wenn von diesen ‚ÄöNeureichen', wie wohl das treffendste deutsche Pendant lauten w√ľrde, meist schlechtes Benehmen erwartet w√ľrde. Inwiefern er eine Fremdbezeichnung oder vielleicht eine Eigenbezeichnung ist, ist mir nicht klar. Der einzige Angeh√∂rige einer reichen Familie, den ich traf, bezeichnete sich zwar in einer informellen Situation als "Sohn eines Neuen Russen", aber ich vermute, er versuchte mit diesem Begriff nur, mir als Ausl√§nderin seinen Status zu verdeutlichen.
11 Vgl. Koslatschkow 1998; aber auch diverse Berichte in Tageszeitungen, wenn es um die desolate wirtschaftliche Lage der Mitte der 1990er ging. Ein Beispiel aus eigener Erfahrung: 1994 besuchte ich ein Dorf in der Autonomen Republik Komi im Nordural, das ehemals in den 1950ern extra f√ľr einen holzverarbeitenden Betrieb errichtet worden war. Der Betrieb war fast 3 Jahre zuvor an eine kanadische Firma verkauft worden, seitdem ruhte die Produktion. Die ehemaligen ArbeiterInnen erhielten seitdem weder L√∂hne noch Arbeitslosen-Unterst√ľtzungen. Nach Aussagen der noch ans√§ssigen Einwohner √ľberlebten sie ausschlie√ülich durch eigene Gartenerzeugnisse und die staatlichen Kindergelder bzw. Altersrenten, die sie weiterhin bezogen, die aber gerade in Anbetracht der Inflation nur Pfennigbetr√§ge darstellten.
12 Bis zur Jahrhundertwende war Russland ein Agrarland gewesen. Die nun entstehende Arbeiter- und Angestelltenschaft waren fast ausschließlich ehemals Bauern und Bäuerinnen gewesen, die infolge verschlechterter Einkommen in die Stadt migrierten. Engel (1994: 34) schreibt auch, dass die meisten MigrantInnen enge (rechtliche und emotionale) Bindungen zu ihrem Herkunftsdorf bewahrten. Zur Veränderung des ‚Datschenwesens' zwischen den verschiedenen sozialen Schichten vgl. Chekhovskikh, (2000, Kap. 3.1, 3.2).
13 Noch immer wird auch in deutschen Medien z.B. von "Gorbatschows Datsche" auf der Krim gesprochen, wobei zu beachten ist, dass die gesamte Krim ein beliebtes Erholungs- und Kurgebiet in der UdSSR war.
14 Weitere Interpretationsans√§tze: 1.) dass ‚ÄöGenosse Stalin' viele Datschen hatte, die Mehrheit der Bev√∂lkerung hingegen sich gl√ľcklich sch√§tzte, wenn sie nur eine besa√ü - das spricht f√ľr die Bedeutung als Statussymbol; 2.) dass im Verst√§ndnis des durchschnittlichen Menschen davon ausgegangen wurde, dass auch ‚ÄöGenosse Stalin' wie jeder ‚Äönormale Sowjetb√ľrger' auf seiner Datsche Kartoffeln anbauen w√ľrde - ein Indiz f√ľr den (durchaus anzweifelbaren) Glauben an die Gleichheit der Menschen ungeachtet ihrer Position in der Gesellschaft; 3.) dass auch ‚ÄöGenosse Stalin' √ľberhaupt eine Datsche ‚Äöbesa√ü', dass die Datsche also in den verschiedensten gesellschaftlichen Positionen zum normalen Leben dazu geh√∂rt(e).
15 Ich gehe davon aus, dass die Lebensvorstellungen den ver√§nderten Bedingungen von Industrialisierung zwar angepasst werden sollten, aber durch das k√ľnstliche Vorantreiben der Entwicklung in ernsten Krisenzeiten (v.a. Unterversorgung) in Frage gestellt wurden und die so entstandenen Vorstellungen die auftretenden Krisen auf Dauer nicht befriedigend erkl√§ren konnten.
16 F√ľr mehrere √§ltere Interview- und Gespr√§chspartnerInnen stellte die Selbstversorgung in Erinnerungen an die Nachkriegszeit die wichtigste Bedeutung der Datschen dar (die vor dem Krieg zur Erholung genutzt wurden).
17 Vor dem Betreten eines fremden Gartens, auch wenn man angemeldet ist, sollte man h√∂rbar "Hallo" oder "Guten Tag" rufen, zum einen, damit sich die Bewohner nicht erschrecken, zum zweiten, damit diese sich vorbereiten k√∂nnen und nicht eventuell in peinlichen Situationen √ľberrascht werden, und zum dritten, um anzuzeigen, dass man nicht heimlich oder b√∂swillig kommt.
18 Mit dem Suffix -nik kann aus unbelebten Substantiven der dazugeh√∂rige Begriff f√ľr einen Menschen gebildet werden, mit -niki der Plural, -nica das Femininum, dac- ist der Wortstamm von daca.
19 Auch wenn ich im Folgenden scheinbar absolut verallgemeinere, gibt es selbstverständlich Ausnahmen. Diese werden aber hier bewusst vernachlässigt, um grundlegende Tendenzen und Merkmale aufzuzeigen.
20 Nach j√ľngsten Beobachtungen von Tatjana allerdings werden die Z√§une zwischen den Grundst√ľcken auch in dieser Siedlung immer h√∂her und eindeutig als Abgrenzungen gebaut. Dieses Element der Datschenkultur also, bei dem der Zaun mehr als Verbindung denn als Grenze und Trennung verstanden wurde, verliert sich scheinbar immer mehr und wird durch eine strengere Trennung von Eigenem und Fremden ersetzt.
21 Es ist zu vermuten, dass sich in den luxuriösen Datschen der Neuen Russen Duschen und Badewannen finden. Solche Häuser habe ich allerdings nicht besucht.
22 Hinweise auf dieses Motiv fand ich in den Zeitschriften Playboy Juni 2002: 99 und Krokodil Nr. 3 2002: 11.
23 Es gibt selbstverst√§ndlich auch graduelle Abstufungen zwischen den Arten der Beziehung. Diese aber w√ľrden den Schwerpunkt meiner Argumentation verlagern und in Frage stellen. Aus diesem Grund versuche ich hier lediglich die beiden genannten Verh√§ltnisse zu charakterisieren.
24 Nach der Ernte sah "mein" Zimmer in einer Familie wie ein Gem√ľselager aus: unter und auf den Schr√§nken, dem Tisch, unter dem Bett, in freien Zimmerecken, Regalen, auf dem Fensterbrett etc. Zucchini und K√ľrbisse in allen Farben und Gr√∂√üen. Die Kartoffeln wurden, gewaschen und getrocknet, in S√§cken im Flur, unter dem Bett, in der Toilette gelagert, M√∂hren in Kellern und im K√ľhlschrank.
25 Diese Aspekte sind als Motivation f√ľr den Gartenbau in (informellen) Gespr√§chen (auch nach meiner R√ľckkehr nach Deutschland) best√§ndig wieder genannt worden.
26 Inspiriert wurde dieses Argument durch die Analyse russischer Sprache und Sprechens als ein wesentlicher Faktor zur Konstitution russischer kultureller Identit√§t (Ries 1997). Es mangelt leider an "Raum", Ries' Arbeit detaillierter vorzustellen. Hingewiesen sei daher v.a. auf die erstmals von ihr herausgearbeitete Bedeutung von Hoffnungslosigkeit, Opfer, Leiden als Paradigmen eines "kulturellen Rituals", das sie u.a. als "Narrative Construction of Russia, Women, and Men" bearbeitet. (Ries 1997: 18, Kap. 2) Wichtig war auch die Darstellung ihres eigenen Unbehagens und der Frustration mit immer wiederkehrenden Litaneien √ľber die Leiden des russischen Volkes und die individuellen Berichte - eine unangenehme Erfahrung, die auch ich gemacht habe und von anderen Ausl√§nderInnen best√§tigt bekam. Ries allerdings nahm sich der Analyse des "Russian Talk" an und d√ľrfte damit als Erste einen Teil der vielberufenen "Tiefe der russischen Seele" aufgesp√ľrt haben.
27 Licnoje podsobnoje khozjajstvo, abgek√ľrzt LPKh, beinhaltet in der Wortwahl eine ideologische Abwertung: Vor dem Hintergrund der Ablehnung von Privateigentum in der sowjetischen Ideologie kann das hier als "privat" deklarierte nur eine Nebenwirtschaft darstellen - die zeitweilige tats√§chliche wirtschaftliche Bedeutung wird durch die Darstellung als nur erg√§nzende √úberlebensstrategie heruntergespielt.
28 Landbesitz im Sinne von Eigentum gab es nach 1917 erst seit den 1990ern wieder im Zuge der Privatisierung von Land. Ein Hintergrund der erst kurzen Geschichte von Grundbesitz ist ein sehr altes Motiv, in der russischen Mythologie fest verankert: "Die Erde ist die Mutter, und M√ľtter verkauft und kauft man nicht." Das Bild von der Mutter Erde, dem M√ľtterchen Russland tauchte in meinen Interviews und Gespr√§chen oft auf, meist in Verbindung mit der Erde entgegenzubringender Achtung, Vgl. Oxen 1999: 38, 473, Hubbs 1988, alle B√ľcher von Megre, Sergej Eisensteins Film "Alexander Newskij" 1938, den M√§rchenfilm "Der Hirsch mit dem goldenen Geweih" aus den Gorki-Studios Moskau 1973 u.v.m.
29 In der Literatur wird oft von "semi-öffentlicher" Sphäre gesprochen, die sich in den letzten 20 Jahren der sowjetischen Vergangenheit entwickelt hat. Damit werden allerdings Räume bezeichnet, in denen sich vom Staat unkontrollierte und gesteuerte Diskussionen öffentlicher (politischer) Belange entwickeln konnte, d.h. hier geht es in erster Linie um die Kreise von Dissidenten, die männlich dominiert waren. Oswald, Voronkov o.J.; Ritter 2001, Zdravomyslova 1999.
30 Im Russischen gibt es drei Worte f√ľr ‚Äöprivat', von denen 1. licnyj den Wortstamm f√ľr ‚ÄöGesicht' (lico, auch f√ľr juristische Personen) beinhaltet, castnyj hingegen auf den Stamm ‚ÄöTeil' (cast') zur√ľckgeht, und privatnoje eine Adaptation aus dem Englischen bzw. Deutschen insbes. in den Gender Studies darstellt. Das russische Konzept von √Ėffentlichkeit und Privatsph√§re ist mit westeurop√§ischen Vorstellungen aber kaum zu erfassen, da letztere auf konkreten Vorstellungen vom Individuum beruhen. Ein solches gab es in der Sowjetunion nicht. Ritter (2001: 136) schreibt: "In the Soviet Union the private sphere was interpreted by the pattern "family" (as a collective)." Und: "In this concept of society the wish for privacy has been understood as a critique of the state." Vgl. Shlapentokh 1989, Oswald, Voronkov o.J.; Zdravomyslova 1999.
31 Vgl. Humphrey 2002, Ries 1997, Schmitt 1997, Shlapentokh 1989, u.v.m.
32 Es mag den Anschein haben, dass solche informellen Netzwerke in der sowjetischen Vergangenheit von gr√∂√üerer Bedeutung gewesen seien, als in der Transformationsgesellschaft von heute. Allerdings haben vielf√§ltige Arbeiten nachgewiesen, 1. dass die spezifische Form von (Tausch-)Netzwerken, im Russischen blat' genannt, weder an Bedeutung verlieren, noch ausschlie√ülich auf Mangelerfahrungen in der UdSSR zur√ľckzuf√ľhren seien, 2. dass der scheinbare √úbergang Russlands zur marktwirtschaftlichen Gesellschaft wesentlich von teilweise alten, teilweise sich neu formierenden oder wiederbelebenden Netzwerke (barter) beeinflusst wird und daher nicht von der Entwicklung zu einer Marktwirtschaft nach westeurop√§ischem Vorbild ausgegangen werden darf. Vgl. Ledeneva 1998, Seabright 2000.
33 Auch als Tatjana und ich bereits mehrere Monate auf der Datsche gemeinsam gearbeitet, gegessen, diskutiert, Verluste geteilt und uns an Erfolgen erfreut hatten, sie mir Zweitschl√ľssel f√ľr das H√§uschen gegeben, einen Arbeitsplatz f√ľr den Computer eingerichtet und das Bett ihrer Tochter f√ľr mich freiger√§umt hatte, musste ich mich weiterhin durch Rufen ank√ľndigen und achtete darauf, nicht mit leeren H√§nden auf die Datsche zu kommen, bzw. meinen Anteil an der Arbeit zu erledigen. Sie hat auch nie in meiner Gegenwart selbst bei ihren Freundinnen ohne Ank√ľndigung das Grundst√ľck betreten oder ist mit leeren H√§nden oder ohne Grund hingegangen, selbst wenn es nur Vorw√§nde gab.
34 Gniech (1995: 179) schreibt: "F√ľr sie (Kinder, I.B.) ist Essen mit emotionaler Zuwendung eng verquickt, denn sie k√∂nnen sich meistens nicht allein ern√§hren. Sie erhalten Nahrung durch die Mutter. Mit dem Vorhandensein von Nahrung und dem Essen ist die Anwesenheit der Mutter verbunden. Auch magische Vorstellungen werden ans Essen gekn√ľpft: Was die Helden gern essen, bekommt auch mir gut. Ich will es haben." In Russland wird hier die Gro√ümutter (als eine der wichtigsten Bezugspersonen in der Kindheit) mit der Ern√§hrerin gleichgesetzt. Zur Position der Gro√ümutter in der russischen Familie vgl. Pushkareva 1997: 89ff., Oxen 1999.
35 Die "B√ľcher von Anastasia" sind (heute) acht B√§nde von Wladimir Megre, einem Nowosibirsker Gesch√§ftsmann, √ľber seine Reisen in die sibirische Taiga und die Begegnungen mit Anastasia.
36 "Kontrollierter Anbau" ist nicht zu verwechseln mit dem deutschen Pr√§dikat "kontrollierter (biologischer) Anbau". Vielmehr geht es darum, selbst zu wissen, welche D√ľngemittel und welches Saatgut verwendet wurden. Es handelt sich also um eine Kontrolle, die ausschlie√ülich in den H√§nden der ErzeugerInnen liegt, wobei diese gleichzeitig die NutzerInnen sind.
37 Rezepte und Konservierungsvorschriften finden sich bereits im mittelalterlichen Domostroj, dem Hausbuch der Alten Rus'. Vgl. Domostroj 2000: Kap. 16, 34, 48, 65.
38 Zum Ende der Gartensaison steigt die Anzahl der privaten Verk√§uferInnen auf der Strasse erheblich. Es sind zum gr√∂√üten Teil Frauen, die eingelegte Pilze, saure Gurken, Tomaten, Paprika in verschiedenen Zubereitungsformen aus eigenem Anbau verkaufen. Allerdings haben viele Menschen mir berichtet, dass sie erst vorsichtig probieren, ob die Qualit√§t und der Geschmack der Konserven ihnen zusagt, bevor sie dann regelm√§√üig bei einer bestimmten Person kaufen. V.a. bei Pilzen ist die Zubereitung wichtig, da unsachgem√§√üe Lagerung oder Zubereitung hier zu ernsthaften gesundheitlichen Sch√§den f√ľhren k√∂nnen.
39 Vgl. zur Bedeutung geteilter Mahlzeiten Herold 2001.
40 Zumindest nicht in den j√ľngeren Generationen, d.h. bis zum Erreichen des Rentenalters.
41 Die sich oft erh√∂henden Fahrpreise, √ľberf√ľllte Verkehrsmittel, viel Gep√§ck, oft auch noch Fu√üwege bis zum eigenen Garten, das Anstehen am Bus oder dem Zug etc.
42 Vgl. auch die Vielzahl von Internetseiten, es gibt bereits deutsche, englischsprachige Websites, angefangen mit Zeitungsartikeln √ľber Fanclubs bis hin zu Treffen der Anh√§nger (Im Herbst 2002 wurde ein solches Treffen in Berlin in der Privatwohnung einer Sp√§taussiedlerin abgehalten. Im Fr√ľhjahr 2003 gab es eine Konferenz in Berlin, danach in Stuttgart.) Der Autor gibt h√§ufig Lesungen im In- und Ausland und besucht Fanclubs und Projekte der Anh√§nger. Die B√ľcher wurden bisher ins Deutsche, Englische und Polnische √ľbersetzt. Am 07.12.2002 wurde in Petersburg ein Theaterst√ľck nach den B√ľchern von Megre aufgef√ľhrt. http://www.irkutskout.ru/afisha/2002/12/07/28.html, usw.
43 Wladimir Megre ist ein Gesch√§ftsmann und steht allen mythischen, idealistischen Ideen √§u√üerst skeptisch gegen√ľber. Die Wandlung seiner Geisteshaltung und die Aufgabe seines Skeptizismus sind wichtige diskursive Mittel zur Verdeutlichung der Instabilit√§t von Werten.


Literatur

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