KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 2/2003
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Christoph Ochs
Aktion „Banner“.
Operativer Einsatz, Taktik und Strategie des MfS wÀhrend der X. Weltfestspiele 1973
Aktion „Banner“. Operativer Einsatz, Taktik und Strategie des MfS wĂ€hrend der X. Weltfestspiele 1973 Einleitung

Toleranz, das war ein Wort, welches im Sprachgebrauch der Staatssicherheit normalerweise nicht vorkam. BeschĂ€ftigt man sich jedoch mit dem Einsatz der Staatssicherheit wĂ€hrend der Vorbereitung und DurchfĂŒhrung der X. Weltfestspiele von 1973, stolpert man verdĂ€chtig oft ĂŒber diese Vokabel, die dabei in mehreren Steigerungsformen, bis hin zur ‚grĂ¶ĂŸtmöglichen Toleranz’, gebraucht wurde.

Die X. Weltfestspiele fanden in einer Zeit der AnnĂ€herung zwischen West und Ost statt. Die Politik der SED unter FĂŒhrung Erich Honeckers war seit 1971 auf die internationale Anerkennung der DDR ausgerichtet. Ziel war es, die außenpolitische Isolation zu durchbrechen und aus der verstĂ€rkten internationalen Anerkennung gleichzeitig innenpolitische Legitimation zu gewinnen. Die Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten entspannten sich zu Beginn der siebziger Jahre, was 1972 seinen Ausdruck im Grundlagenvertrag zwischen DDR und Bundesrepublik fand. Eine Gruppe von 15 vorwiegend westlichen Staaten, darunter Großbritannien, die USA und Frankreich, nahmen 1973 diplomatische Beziehungen zur DDR auf. Den Höhepunkt fand diese Politik im September 1973 durch die Aufnahme der DDR in die Vereinten Nationen.

Die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten dienten der DDR-FĂŒhrung dazu, der Welt das Bild eines liberalen, toleranten und weltoffenen Staates zu vermitteln. Gleichzeitig sollte durch die Weltfestspiele dokumentiert werden, dass die Jugend der DDR voll hinter der Politik seiner Partei- und StaatsfĂŒhrung steht.

Vom 28. Juli bis zum 5. August 1973 tummelten sich mehrere hunderttausend Jugendliche aus der ganzen Republik und ĂŒber zwanzigtausend auslĂ€ndische GĂ€ste in Berlin, der Hauptstadt der DDR. Es war ein buntes Treiben auf den Strassen und PlĂ€tzen der Stadt, und ein Hauch von WeltlĂ€ufigkeit lag in der Luft. Die Weltfestspiele boten fĂŒr die DDR-Jugend eine einmalige Gelegenheit zum Meinungsaustausch mit gleichaltrigen Jugendlichen aus aller Welt. Abseits der offiziellen Veranstaltungen wurden Kontakte geknĂŒpft und bis in die frĂŒhen Morgenstunden miteinander diskutiert. Augenscheinlich unbehelligt von Polizei und Staatssicherheit genossen die Jugendlichen die ihnen fĂŒr die Zeit der Weltfestspiele gewĂ€hrte FreizĂŒgigkeit.

Was fĂŒr den Betrachter von außen allerdings im Verborgenen blieb und auch bleiben sollte, war das ausgeklĂŒgelte System der Kontrolle und Überwachung, welches die Staatssicherheit, in Zusammenarbeit mit der Volkspolizei, wie ein Netz ĂŒber die Weltfestspiele legte. Dabei gehörte es zur Taktik des MfS, sich bewusst im Hintergrund zu halten zunĂ€chst nur zu beobachten und zu dokumentieren, denn der Einsatz des MfS bei den Weltfestspielen wurde durch die neuen außenpolitischen Bedingungen geprĂ€gt. Die Staatssicherheit bediente sich daher einer Doppelstrategie. Sie wurde schon im Vorfeld aktiv, um sich dann wĂ€hrend der Weltfestspiele auf die Kontrolle und Überwachung zu beschrĂ€nken. Ein offenes Eingreifen war wegen des starken öffentlichen Interesses, welches die Weltfestspiele auch im Ausland fanden, nur im Ă€ußersten Notfall vorgesehen. Auf einen Nenner gebracht bedeutete dies, Repressionen im Vorfeld und grĂ¶ĂŸtmögliche Toleranz wĂ€hrend der Weltfestspiele. Staatssicherheitsminister Erich Mielke umriss die Strategie und die Taktik des MfS kurz vor den Weltfestspielen wie folgt: „Im ĂŒbrigen haben wir klar orientiert, dass man sich als Kommunist, als Tschekist diesmal wie die 3 Affen verhalten muss und trotzdem sehen, hören und richtig und konsequent handeln, wo es sein muss.“ /1/

Auf der Grundlage der von der Staatssicherheit erstellten Befehle, Weisungen und MaßnahmenplĂ€ne soll im Folgenden ein grober Überblick ĂŒber den operativen Einsatz, die Taktik und die Strategie der Staatssicherheit wĂ€hrend der X. Weltfestspiele gegeben werden. Die Darstellung soll auch Anregungen zur weiteren Forschung zu diesem Thema geben. Weitere detaillierte Untersuchungen zur Kontrolle und Überwachung der auslĂ€ndischen Delegationen, besonders zur Rolle der Hauptverwaltung AufklĂ€rung, wĂ€ren wĂŒnschenswert. DarĂŒber hinaus bieten auch das prĂ€ventive Vorgehen der Staatssicherheit und der Einsatz von Inoffiziellen Mitarbeitern weitere Möglichkeiten zu Spezialuntersuchungen.


1 Der Einsatz des MfS zu den Weltfestspielen

Aus den Akten geht hervor, dass das MfS mit massiven Störungen sowohl in der Vorbereitung als auch in der DurchfĂŒhrung der Weltfestspiele rechnete. Es wurde ein ganzer Katalog möglicher Störungen und Provokationen aufgestellt. Danach befĂŒrchtete das MfS vor allem Provokationen gegen die Staatsgrenze der DDR, das Umfunktionieren des politischen Inhalts der Weltfestspiele und die Verbreitung feindlicher Theorien und Ideologien durch Hetz- und Propagandamaterialien. /2/ Nach den Informationen des MfS bereiteten sich besonders ausgewĂ€hlte und geschulte Personen aus der Bundesrepublik darauf vor, Kontakte zu DDR-BĂŒrgern zu knĂŒpfen, um diese negativ zu beeinflussen und zu Provokationen anzustacheln. BefĂŒrchtet wurde auch die massive Einreise von links- und rechtsextremistischen KrĂ€ften aus Westberlin, um ihre feindlichen Ideologien unter der Jugend der DDR zu verbreiten. /3/ Ziel dieser feindlichen KrĂ€fte war, nach Meinung des MfS, das Provozieren von ZwischenfĂ€llen mit den Sicherheitsorganen der DDR im Zusammenwirken mit negativen Personenkreisen aus der DDR. Veranstaltungen sollten gezielt durch Sprechchöre zu den Themen „Mauerbau“, „Schiessbefehl“ und „Reisefreiheit“ gestört werden. /4/ Ein weiteres Gefahrenpotential vermutete die Staatssicherheit unter der eigenen Jugend. Hier waren die BefĂŒrchtungen groß, dass sich Jugendliche ‘zusammenrotten’ könnten, um ihren Unmut ĂŒber die politischen und wirtschaftlichen VerhĂ€ltnisse auszudrĂŒcken. Ob diese Berichte, die von der Staatssicherheit hauptsĂ€chlich aus Presse, Rundfunk und Fernsehen der Bundesrepublik und einzelnen IM-Berichten zusammengestellt wurden, ein reelles Bild des Bedrohungspotentials gegen die Weltfestspiele darstellten, darf bezweifelt werden. Dem Leser eröffnen sich geradezu apokalyptische Vorstellungen von Bedrohungen, Provokationen, Störungen und Terror gegen die X. Weltfestspiele. Diese Berichte wirken ĂŒbertrieben und dienten auch zur Legitimation des eigenen Einsatzes.

Um ein derart großes Gefahrenpotential in den Griff zu bekommen, waren nach Meinung der MfS-FĂŒhrung auch außergewöhnliche Maßnahmen erforderlich. Die Staatssicherheit bereitete sich generalstabsmĂ€ĂŸig auf ihren Einsatz vor. Es wurde eine besondere Strategie und Taktik entwickelt, die den Einsatz tausender Mitarbeiter notwendig machte.

Der Einsatz der Staatssicherheit sollte auf die spezifischen Bedingungen der Weltfestspiele ausgerichtet, mal verdeckt, an die Ă€ußeren Bedingungen angepasst, mal offen und demonstrativ erfolgen. Erich Mielke betonte, dass der Einsatz bei Tag und bei Nacht ununterbrochen zu erfolgen habe./5/ Die Staatssicherheit war von Beginn an in die Vorbereitungen und DurchfĂŒhrung der X. Weltfestspiele integriert. Nichts sollte und durfte den Tschekisten entgehen, so die Maßgabe von Minister Mielke./6/ Auf seinen Befehl hin wurde im April 1973 ein „Plan der Maßnahmen zur GewĂ€hrleistung der Sicherheit wĂ€hrend der X. Weltfestspiele“ erarbeitet, der am 25. Juni 1973 vom GeneralsekretĂ€r der SED, Erich Honecker, persönlich abgezeichnet und damit bestĂ€tigt wurde. Danach erfolgte der Einsatz des MfS unter dem Decknamen „Banner“. Dem Minister fĂŒr Staatssicherheit wurde die Koordinierung der Zusammenarbeit der bewaffneten Organe ĂŒbertragen./7/

Aus dem „Gesamtplan“ lĂ€sst sich die besondere Rolle des MfS wĂ€hrend der Weltfestspiele ablesen, das zwei Aufgabenschwerpunkte zu erfĂŒllen hatte. Einerseits sollte die Sicherheit und der Schutz der ReprĂ€sentanten der DDR, der internationalen EhrengĂ€ste sowie der auslĂ€ndischen Festivalteilnehmer gewĂ€hrleistet werden. DarĂŒber hinaus hatte das MfS fĂŒr den Schutz der auslĂ€ndischen Journalisten, des internationalen Pressezentrums, der Botschaften und anderer diplomatischer Einrichtungen zu sorgen. Auch fĂŒr die Sicherung und den Schutz sogenannter diversionsgefĂ€hrdeter Objekte, wie Grenz- und Industrieanlagen, KrankenhĂ€user und Kraftwerke war das MfS in Zusammenarbeit mit der Volkspolizei und der Nationalen Volksarmee zustĂ€ndig. Andererseits sollte die Staatssicherheit die „ ... PlĂ€ne, Absichten und Maßnahmen feindlicher und negativer KrĂ€fte zur Störung oder Diffamierung der X. Weltfestspiele rechtzeitig und umfassend ... „/8/ aufklĂ€ren und verhindern, um somit Störungen und Provokationen schon im Vorfeld auszuschließen.


1.1 Mitarbeiter und Ressourcen

Zur ErfĂŒllung dieses Aufgabenkatalogs wurden alle KrĂ€fte der MfS-Verwaltungen von Groß-Berlin, Potsdam und Frankfurt/Oder zur VerfĂŒgung gestellt. Dazu kamen 4260 speziell ausgebildete Mitarbeiter und das gesamte Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ mit 3200 Soldaten. Der Staatssicherheit wurden 1500 ausgewĂ€hlte Mitarbeiter der Volkspolizei unterstellt. ZusĂ€tzlich standen die FDJ-Delegation und die LehrkrĂ€fte und Hörer der Juristischen Hochschule der Staatssicherheit als Reserve bereit. Aus allen Bezirken wurden Mitarbeiter nach Berlin abkommandiert. Insgesamt mobilisierte das MfS fĂŒr die Weltfestspiele 27.096 Mitarbeiter./9/ Bei einer Gesamtzahl von etwa 53.000 hauptamtlichen Mitarbeitern im Jahre 1973 waren etwas mehr als die HĂ€lfte aller MfS Mitarbeiter wĂ€hrend der Weltfestspiele im Einsatz./10/ Dazu kamen noch 19.800 Volkspolizisten und 1750 Soldaten der Nationalen Volksarmee, darunter zwei Elitebataillone, drei FallschirmjĂ€gerkompanien, eine gemischte Hubschrauberstaffel und ein mobiler Gefechtsstand. Als Reserven standen 8870 freiwillige Helfer der Volkspolizei und Angehörige des Zentralen Ordnerverbandes bereit./11/ Nach dem Gesamtplan setzten die bewaffneten Organe, inklusive aller ReservekrĂ€fte, ca. 60.000 SicherungskrĂ€fte zu den X. Weltfestspielen ein.


1.2 Repressionen im Vorfeld der Weltfestspiele

Die Angst von Partei- und StaatssicherheitsfĂŒhrung vor öffentlichkeitswirksamen, politisch unerwĂŒnschten ZwischenfĂ€llen ist in den Akten greifbar./12/ Daher wurden die Mitarbeiter immer wieder zur Toleranz ermahnt, aber auch zur absoluten und ‘revolutionĂ€ren’ Wachsamkeit. Um unliebsame ZwischenfĂ€lle von vornherein auszuschließen, durchkĂ€mmte das MfS im ersten Halbjahr 1973 zusammen mit der Volkspolizei die gesamte Republik nach möglichen Gefahrenherden. Auf Geheiß des Ministers, sollte alles, was ĂŒber feindliche PlĂ€ne bekannt wird, sofort dem MfS mitgeteilt werden, damit „ ...wir vorbeugend tĂ€tig werden können, vorher eingreifen können."/13/

Tausende Jugendliche wurden wegen ihres angeblichen asozialen Verhaltens, ihrer Renitenz gegenĂŒber den Staatsorganen oder wegen ihrer Vorstrafen ĂŒberprĂŒft bzw. verhaftet. Die Zahlen, welche die immer beflissenen Genossen der Sicherheit ihren Vorgesetzten meldeten, erschrecken den heutigen Leser.

Die Hauptabteilung IX des MfS vermeldete die stolze Zahl von 6.635 eingeleiteten Ermittlungsverfahren wegen asozialen Verhaltens im ersten Halbjahr 1973./14/ Das war ein Plus von 4.632 Ermittlungsverfahren im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres. Bis zum 23. Juli 1973 wurden 8.995 Personen durch das MfS und die Volkspolizei verhaftet, weil sie angeblich gezielt Straftaten gegen die X. Weltfestspiele vorbereiteten oder zu solchen Personenkreisen gehörten, von denen man annahm, dass sie eine Gefahr fĂŒr die Sicherheit und Ordnung wĂ€hrend der Festspiele darstellen könnten./15/ Bis zur Eröffnung der Feierlichkeiten wurden 553 Personen in psychiatrischen Einrichtungen eingeliefert, 929 verschwanden in Jugendwerkhöfen und 1.453 in Spezialkinderheimen./16/ In den Akten werden solche Maßnahmen als „ ... rechtzeitige Einweisung in Einrichtungen der Volksbildung und des Gesundheitswesens ... „/17/ bezeichnet. Zur Verhinderung von Reisen nach Berlin wurden bis zum 28. Juli mit 21.935 /18/ Personen GesprĂ€che gefĂŒhrt und etwa 30.000 Personen unter Kontrolle genommen./19/ Bis zum Beginn der Weltfestspiele wurden nicht weniger als 5.391 Personen ermittelt, die sich in 955 kriminellen Gruppierungen organisiert haben sollen./20/

ÜberprĂŒft wurden auch die verschiedenen Festivaldelegationen aus der DDR. Schließlich wollte man fĂŒr die Festspiele nur Jugendliche nominieren, die den eigenen gesellschaftlichen und politischen AnsprĂŒchen gerecht wurden. Es sollten nur jene, „ ... die von ihrer bisherigen Entwicklung und Haltung weitgehend dafĂŒr GewĂ€hr bieten, unsere Republik wĂŒrdig zu vertreten.“, zu den Weltfestspielen delegiert werden. Nach den ÜberprĂŒfungen wurden viele Kandidaten unter anderem wegen mangelnder politischer ZuverlĂ€ssigkeit, Vorstrafen und unmoralischem oder rowdyhaftem Auftreten abgelehnt./21/

Dass die Staatssicherheit keinerlei Risiko eingehen wollte, zeigt sich auch daran, dass ca. 50 000 Personen, die „ ... unmittelbar oder mittelbar mit den auslĂ€ndischen Teilnehmern in den Objekten, deren Umgebung oder in Betreuerfunktionen in BerĂŒhrung kommen konnten ... “/22/, vorbeugend ĂŒberprĂŒft wurden. Auch auslĂ€ndische BĂŒrger mit stĂ€ndigem Wohnsitz in der DDR gerieten ins Blickfeld des MfS. Die extra fĂŒr die Weltfestspiele gegrĂŒndete ‚Arbeitsgruppe AuslĂ€ndische Teilnehmer’ erhielt von anderen Diensteinheiten des MfS Informationen ĂŒber auslĂ€ndische BĂŒrger in der DDR. Alle politisch-operativ aufgefallenen AuslĂ€nder sollten in einer Kartei gespeichert werden, wenn möglich mit Foto./23/ Nun konnte die Manifestation des Friedens und der VölkerverstĂ€ndigung beginnen.


2 Taktik und Strategie des MfS zu den Weltfestspielen

Das MfS befĂŒrchtete besonders „Zusammenrottungen“ sogenannter negativer Jugendlicher. Um nicht mit einem massiven Aufgebot an SicherheitskrĂ€ften diese Gruppen auflösen zu mĂŒssen, wurde der Einsatz von Ablenkungsmitteln erwogen, wobei die Mitarbeiter der Staatssicherheit eine erstaunliche Phantasie an den Tag legten. So wurde der spontane Einsatz eines Fanfaren- oder Spielmannszuges oder einer Beat-Kapelle angeregt, um solche Gruppierungen zu zerstreuen. Dies fĂŒhrte zu einer erstaunlichen Einsicht auf Seiten des MfS. „Ein Wort eines Mitglieds einer renommierten Beat-Kapelle kann unter UmstĂ€nden ĂŒberzeugender sein als ein Appell der SicherungskrĂ€fte.“/24/ Auch andere, besonders phantasievolle Möglichkeiten wurden in Betracht gezogen. So heißt es an selber Stelle: Möglich seien auch „ ... andere kurzfristig zu organisierende Attraktionen, wie z. B. auch eine FlugvorfĂŒhrung, die zwar teuer, aber selbst in einer Grossstadt binnen weniger Minuten zu organisieren ist. Ein Flugzeug- oder Hubschraubereinsatz bietet die Möglichkeit, durch Abwurf einiger die Aufmerksamkeit auf sich lenkender GegenstĂ€nde in die Menge Interessen zu wecken (Fallschirme mit PĂ€ckchen daran, der PĂ€ckcheninhalt könnten billige GebrauchsgegenstĂ€nde sein) und durch Fortverlegen der Abwurfstelle die Menge zu zerstreuen.“

Die EinsatzkrĂ€fte wurden angewiesen, sich bei „Zusammenrottungen“ zurĂŒckzuhalten und Provokateure nur zu beobachten und zu identifizieren. Eine Verhaftung sollte spĂ€ter, von der Öffentlichkeit unbemerkt, erfolgen, um eine Solidarisierung von Umstehenden zu verhindern. Generell galt, dass keine administrativen Maßnahmen bei Demonstrationen im Stadion und anderen Festivalorten durchgefĂŒhrt werden sollten, da zu viel Öffentlichkeit durch Rundfunk und Fernsehen aus dem Ausland bestand.

Auch sollten sich die Mitarbeiter der Staatssicherheit, gekleidet im FDJ-Hemd, in die Gruppe begeben und deren Zusammenhalt auflockern sowie durch kluge Argumentation die „Zusammenrottung“ auflösen./25/ Überhaupt setzte das MfS einen Grossteil der Mitarbeiter als FDJler getarnt ein. Ziel war es, die eingeleiteten Sicherheitsmassnahmen fĂŒr Außenstehende zu verschleiern und die eigenen KrĂ€fte schnell und ĂŒberraschend zum Einsatz zu bringen. „Die SicherungskrĂ€fte mĂŒssen in der Lage sein, an Diskussionen mit FDJlern und auslĂ€ndischen GĂ€sten teilzunehmen und dabei konsequent unseren Klassenstandpunkt, die Politik unserer Partei und Regierung vertreten.“/26/

Sprechchöre mit negativem Inhalt sollten durch, wie es hieß, progressive KrĂ€fte, in diesem Fall die FDJ, ins Gegenteil verkehrt werden. Auch der spontane Einsatz von FDJ-Singegruppen zum Übertönen negativer Sprechchöre wurde geplant. Bei sonst unerwĂŒnschten Symbolen, Losungen und PortrĂ€ts zeigte das MfS ebenfalls eine große Toleranz. Nur bei Transparenten und SpruchbĂ€ndern mit ĂŒbler Hetze und Diskriminierung sollte eingegriffen werden. FĂŒhrten GesprĂ€che mit den TrĂ€gern solcher unerwĂŒnschten Symbole und Losungen nicht zu dem gewĂŒnschten Ergebnis, seien diese weiter zu beobachten und zu identifizieren. Gleichzeitig wurde dafĂŒr gesorgt, dass zu den Großveranstaltungen geeignete Losungen und TrĂ€ger bereitstanden, um kurzfristig die nicht gewĂŒnschten zu verdecken. Auch hier fehlt der Hinweis an die SicherheitskrĂ€fte nicht, keine Gewalt anzuwenden, da dies dem Charakter der Weltfestspiele widersprechen wĂŒrde./27/ „Als Grundsatz gilt, marxistische KrĂ€fte bekennen ihren Standpunkt, ohne sich in unĂŒberschaubare Auseinandersetzungen einzulassen.“/28/ Auch der Minister selbst machte sich zu diesem Thema Gedanken. Zu einem möglichen ‚sit in’ vor der EhrentribĂŒne sagte er: „ ... was kann man machen? Grosses Tuch darĂŒber decken und links und rechts vorbei marschieren usw.“, um dann aber gleich wieder klar zu stellen: „Nur wenn große Störungen verursacht werden, holen wir uns natĂŒrlich dann auch die Erlaubnis zum Eingreifen.“ /29/

Die ausgegebene Taktik der grĂ¶ĂŸtmöglichen Toleranz fĂŒhrte in der FĂŒhrung des MfS aber auch zu Bedenken, dass die angestrebte FreizĂŒgigkeit in der Meinungsfreiheit wĂ€hrend der Weltfestspiele negative Auswirkungen auf die ideologische Standfestigkeit, gerade der jĂŒngeren Mitarbeiter haben könnte. Die neue Taktik stand in scharfem Gegensatz zu den bisherigen Vorgehensweisen der Staatssicherheit. Es wurde BefĂŒrchtet, dass die Mitarbeiter in komplizierten Situationen Schwierigkeiten bekommen könnten, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Um dem entgegenzuwirken sollten die Mitarbeiter verstĂ€rkt ideologisch geschult werden./30/


2.1 Der Einsatz von Inoffiziellen Mitarbeitern

Schon im Vorfeld der Weltfestspiele wurden die Mitarbeiter angewiesen, die inoffiziellen Kontakte zu intensivieren und detaillierte EinsatzplĂ€ne fĂŒr die IM zu erarbeiten. Diese sollten mittels eines „ ... selbstĂ€ndigen und bewussten operativen Verhaltens und Reagierens [ ... ] zur Erkennung feindliche Absichten und zur Verhinderung ihres Wirksamwerdens ... “ beitragen./31/ Wichtig waren der Staatssicherheit dabei unter anderem Informationen ĂŒber Kontakthandlungen zwischen DDR-BĂŒrgern und Teilnehmern aus nichtsozialistischen LĂ€ndern, besonders solche mit westlichen Journalisten. Zu politischen Veranstaltungen, bei denen das MfS mit Provokationen rechnete, sollten nur solche IM geschickt werden, die auch ausreichend politisch-ideologisch gefestigt waren und ĂŒber genĂŒgend Lebenserfahrung verfĂŒgten./32/ Viele der IM-Berichte waren jedoch wenig aussagekrĂ€ftig und beschĂ€ftigten sich eher mit NebensĂ€chlichkeiten wie Wetter und Verpflegungssituation. Kurioserweise schickte die Hauptabteilung II/6 des MfS am 2. August 1973 ihren Gesellschaftlichen Mitarbeiter Sicherheit (GMS) „JĂŒrgen Winter“ zu einem Treffen junger Esperantisten, an dem dieser auch auftragsgemĂ€ĂŸ teilnahm. Das Ergebnis war jedoch eher mager. „Da dieses Treffen in der Sprache der Esperantisten durchgefĂŒhrt wurde, konnte der GMS nicht viel verstehen.“/33/ Allerdings stellte das MfS durch die IM-Berichte auch fest, dass es gegnerischen KrĂ€ften gelungen ist, eine Reihe von Kontakten zu sogenannten negativen Kreisen in der DDR herzustellen. „Derartige Kontakte bedĂŒrfen der weiteren intensiven politisch-operativen Kontrolle und Bearbeitung.“/34/ Betroffen waren besonders kirchliche Mitarbeiter, Journalisten, KĂŒnstler und Schriftsteller.

Die Arbeitsgruppe AuslĂ€ndische Teilnehmer knĂŒpfte ein Netz von Inoffiziellen Mitarbeitern unter den Betreuern und Dolmetschern der Delegationen und setzte insgesamt 428 Inoffizielle Mitarbeiter ein./35/ Im Abschlussbericht wurde stolz vermeldet, dass zu etwa neunzig Prozent aller eingesetzten Betreuer und Dolmetscher inoffizielle Verbindungen bestanden./36/ Diese hatten unter anderem die Aufgabe, das von den Delegationen mitgefĂŒhrte Material, wie FlugblĂ€tter und BroschĂŒren, konspirativ zu kontrollieren und ĂŒber deren Inhalt Bericht erstatten. Materialien mit diskriminierenden Inhalt sollten durch die Betreuer „scheinbar unabsichtlich“, durch Beschmutzen, das HerbeifĂŒhren von WasserrohrbrĂŒchen oder durch den Einsatz von SĂ€ure, unbrauchbar gemacht werden./37/

Die Staatssicherheit nutzte ihren Einsatz bei den Weltfestspielen auch zur Anwerbung neuer Inoffizieller Mitarbeiter. Die ‚Arbeitsgruppe AuslĂ€ndische Teilnehmer’ ĂŒbernahm beispielsweise 428 Inoffizielle Mitarbeiter von anderen Diensteinheiten des MfS fĂŒr ihre Arbeit. Am Ende der Aktion „Banner“ konnte sie die Werbung von 81 neuen Inoffiziellen Mitarbeitern vermelden./38/


2.2 Die auslÀndischen Festivalteilnehmer

Besonders im Blick der Staatssicherheit standen die auslĂ€ndischen Teilnehmer der Weltfestspiele. „Der Gegner ist drin (in den Delegationen) oder mischt sich unter die Gruppen, und er wird Provokateure in Aktion treten lassen.“, so jedenfalls die BefĂŒrchtung von Stasi-Chef Mielke./39/

FĂŒr die Sicherung und Überwachung der auslĂ€ndischen Delegationen war die ‚Arbeitsgruppe AuslĂ€ndische Teilnehmer’ verantwortlich. Diese sollte die auslĂ€ndischen GĂ€ste und deren UnterkĂŒnfte politisch-operativ vor terroristischen AnschlĂ€gen und Provokationen sichern. Die Arbeitsgruppe entwarf fĂŒr jede Unterkunft, in der auslĂ€ndische GĂ€ste untergebracht waren, detaillierte Sicherungskonzeptionen. Die Umgebung dieser Objekte wurden, wie es im Sprachgebrauch der Staatssicherheit hieß, „aufgeklĂ€rt“ und die in der unmittelbaren NĂ€he wohnenden Personen ĂŒberprĂŒft. Zur besseren Kontrolle wurden verdeckte Beobachtungspunkte eingerichtet und die Einschleusung politisch-operativer Mitarbeiter in die Objekte vorbereitet./40/ Zur Sicherung und Kontrolle der auslĂ€ndischen Festivalteilnehmer wurden durch Staatssicherheit und Volkspolizei insgesamt 3.410 Mitarbeiter eingesetzt, davon 1.360 durch das MfS./41/

Unter der Absicherung der auslĂ€ndischen Teilnehmer verstand die Staatssicherheit aber nicht nur deren Schutz vor terroristischen AnschlĂ€gen und Provokationen. Sie befĂŒrchtete, dass von den auslĂ€ndischen Delegationen „ ... ideologische Zersetzungsversuche, vor allem zur Verbreitung des Sozialdemokratismus, Maoismus, Nationalismus und anderer feindlicher Ideologien ... „/42/ ausgehen könnten. Kontaktversuche von auslĂ€ndischen GĂ€sten gegenĂŒber DDR-BĂŒrgern und Teilnehmern anderer sozialistischer Staaten sollten zunĂ€chst nur beobachtet und dokumentiert werden, um sie spĂ€ter weiter zu „bearbeiten“. Die Verbreitung von FlugblĂ€ttern und BroschĂŒren mit ungewolltem politischen Inhalt durch die auslĂ€ndische Delegationen sollte verhindert werden und schon verteilte Materialien durch die SicherheitskrĂ€fte und die FDJ eingezogen werden.

Politisch-operative Mitarbeiter des MfS wurden mit dem „ ... Ziel der AufklĂ€rung und BekĂ€mpfung feindlicher Konzeptionen des ‚Störens durch Teilnahme’ ... “/43/, als Betreuer fĂŒr die auslĂ€ndischen Delegationen eingesetzt. Solche Mitarbeiter wurden auch gezielt in offizielle Funktionen im Organisationskomitee eingeschleust oder arbeiteten in einigen FĂ€llen als Kraftfahrer. Nach den Weltfestspielen stellte die ‘Arbeitsgruppe AuslĂ€ndische Teilnehmer’ fest, dass sich diese Maßnahmen bewĂ€hrt hĂ€tten und wesentlich mehr Informationen aus erster Hand „abgeschöpft“ werden konnten./44/

Trotzdem sollte gegenĂŒber abweichendem politischen Verhalten von Seiten auslĂ€ndischer Festivalteilnehmer die „grĂ¶ĂŸtmögliche Toleranz“ an den Tag gelegt werden./45/ AuslĂ€ndische Delegationen wurden bei der Einreise keiner Zollkontrolle unterzogen. Eine Ausnahme bildete nur die Einreise ĂŒber den Flughafen Schönefeld. Außerdem durften die auslĂ€ndischen Delegationen die fĂŒr ihre TĂ€tigkeit notwendigen technischen Mittel, wie Tonband- und VervielfĂ€ltigungsgerĂ€te einfĂŒhren. Das MfS behielt sich jedoch vor, Personen- und GepĂ€ckkontrollen mit sogenannten operativ-taktischen Mitteln durchzufĂŒhren, so dass der Kontrollierte davon nichts bemerkte. Ebenfalls unbemerkt wurden Kopien von Passbildern aus den ReisepĂ€ssen der einreisenden auslĂ€ndischen Teilnehmer angefertigt, um sogenannte feindlich-negative Personen besser identifizieren und ĂŒberwachen zu können./46/

Ein Zentraler Einlassverband kontrollierte die Objekte und deren Umgebung, in denen die auslĂ€ndischen Teilnehmer untergebracht waren. MfS-Mitarbeiter, als FDJler getarnt, sassen an den Rezeptionen und liessen nur diejenigen in die Objekte, die ĂŒber den richtigen Passierschein verfĂŒgten./47/ Somit konnte die Staatssicherheit einerseits fĂŒr die allgemeine Sicherheit der auslĂ€ndischen GĂ€ste sorgen, hatte aber gleichzeitig die Möglichkeit, alle Personenbewegungen der auslĂ€ndischen GĂ€ste zu kontrollieren.

Bei den Großveranstaltungen wurden an den Aufmarschstrecken Dolmetscher eingesetzt, welche die mitgefĂŒhrten Losungen und Transparente der verschiedenen Delegationen ĂŒbersetzten und deren Inhalt an die Staatssicherheit weitermeldeten. So konnten unerwĂŒnschte Losungen „ ... durch sinnvolles Eingreifen der operativen KrĂ€fte zurĂŒckgezogen werden.“/48/ Auch hatte es sich bewĂ€hrt, Mitarbeiter direkt als Betreuer bei den auslĂ€ndischen Delegationen einzusetzen, da so eine FĂŒhrung der Inoffiziellen Mitarbeiter erleichtert wurde.


2.3 Die Sicherung der Grenze

Ein weiteres Problem stellte fĂŒr die Staatssicherheit die Sicherung der Grenze zu West-Berlin dar. „Der Schiessbefehl wird natĂŒrlich nicht aufgehoben. Wir wollen aber nicht, dass jemand erschossen wird. Aber wir mĂŒssen vorbeugend so arbeiten, dass uns nichts passiert; dass wir nicht erst schießen mĂŒssen.“/49/

Auch hier galt die ausgegebene Taktik, im Vorfeld alles zu prĂŒfen und eventuelle Störungen von Beginn an zu verhindern. Der Schiessbefehl sollte demnach flexibel gehandhabt werden. Tote an der Mauer hĂ€tten nicht in das Bild gepasst, welches die DDR der Welt zeigen wollte. Der Minister fĂŒr Staatssicherheit, Mielke, schlug deshalb PrĂ€mien fĂŒr diejenigen Grenzposten vor, die einen Mann ergreifen, ohne dabei zu schießen. „An der Grenze muss man die Menschen lautlos ergreifen und nicht schießen. Auch was von drĂŒben kommt, so in Empfang nehmen und einlochen ... .“/50/

FĂŒr die FĂŒhrung der Staatssicherheit war klar, dass die westliche Presse, allen voran das Feindbild Nummer eins, die ‘Springer-Presse’, das Grenzproblem aufbauschen wĂŒrde. Es wurde befĂŒrchtete, dass Provokateure zu einem Marsch an die Mauer aufrufen könnten, dem sich dann, wie beim „Schneeballprinzip“, viele anschließen könnten. Das schien fĂŒr die fĂŒhrenden Genossen ein Alptraum zu sein. Deshalb sollte „ ... alles so geschickt organisiert werden, dass gar nicht erst etwas passiert.“/51/

Die Sicherung der Grenze wurde in enger Absprache zwischen dem MfS, der Volkspolizei und dem Ministerium fĂŒr Nationale Verteidigung organisiert. So verstĂ€rkte die Volkspolizei zu den Weltfestspielen ihre StreifentĂ€tigkeit in GrenznĂ€he, und die Grenztruppen erhöhten die Zahl der Grenzposten. Auch sollten wĂ€hrend der Weltfestspiele die Wehrpflichtigen an der Grenze zu West-Berlin durch erfahrene Offiziere ersetzt werden. Das eigentliche Problem schien nicht in der Möglichkeit von ungesetzlichen GrenzĂŒbertritten durch DDR-BĂŒrger zu liegen, sondern in Grenzprovokationen von westlicher Seite. „Der große Unsicherheitsfaktor fĂŒr uns ist die Auslösung von drĂŒben. Deshalb wollen wir vielleicht auch bei Angriffen von drĂŒben mit Nebelkörpern arbeiten usw., um möglichst nicht schießen zu mĂŒssen. [ ... ] Sie wollen ein paar Tote haben. Das mĂŒssen wir verhindern.“/52/

Allerdings musste das MfS bei der Auswertung der Weltfestspiele feststellen, dass es trotzdem zu 186 Straftaten nach §213 StGB (ungesetzlicher GrenzĂŒbertritt) kam, an denen 248 BĂŒrger der DDR beteiligt waren. An der Grenze zu West-Berlin wurden 15 versuchte GrenzĂŒbertritte mit 17 Personen registriert. Die Staatssicherheit verbuchte es als großen Erfolg ihrer vorbeugenden TĂ€tigkeit, dass in der gesamten DDR 42 versuchte GrenzĂŒbertritte verhindert werden konnten, zehn davon nach West-Berlin. Darunter war auch ein spektakulĂ€rer Versuch, die Grenze nach West-Berlin mit einer prominenten Geisel zu durchbrechen. So planten, nach Informationen der Staatssicherheit, vier Jugendliche aus Rangsdorf den Chefkommentator des DDR-Fernsehens, Karl-Eduard von Schnitzler, zu entfĂŒhren. Der Plan der „Rowdygruppe“ sah vor, zum Zeitpunkt der Eröffnung der Weltfestspiele, „ ... an der GrenzĂŒbergangsstelle Friedrich-Zimmerstrasse, unter Androhung der Erschießung des Chefkommentators, das Passieren der Staatsgrenze nach Westberlin zu erzwingen.“/53/ Offenbar rechnete die Gruppe damit, dass die Sicherheitsorgane das Leben der Geisel in solch einer Situation nicht unnötig gefĂ€hrden wĂŒrden. Als Motiv gaben die vier ihre ablehnende Haltung gegenĂŒber den Weltfestspielen an.


3 Zusammenfassung

Die Staatssicherheit wertete ihren Einsatz zu den X. Weltfestspiele als vollen Erfolg. „Im gesamten Zeitraum der Vorbereitung und DurchfĂŒhrung der X. Weltfestspiele war die politisch-operative Lage in der Hauptstadt und in allen Bezirken der DDR normal und stabil. Die Sicherheit und Ordnung waren jederzeit gewĂ€hrleistet.“/54/ Erich Mielke konnte am 6. August 1973 stolz vermelden, dass die bewaffneten Organe der DDR, allen voran das Ministerium fĂŒr Staatssicherheit, die an sie gestellten Aufgaben voll und ganz erfĂŒllt haben./55/

Als Erfolg wurde die vorbeugende Arbeit eingeschĂ€tzt, besonders die Maßnahmen zur BekĂ€mpfung der AsozialitĂ€t, die Verhinderung von Berlinreisen und die Aufdeckung von geplanten GrenzĂŒbertritten./56/ Es gab kaum nennenswerte ZwischenfĂ€lle, wenn man von etwa 13 Gramm Haschisch, einer geringen Menge Schund- und Schmutzliteratur und einer Pistole der Marke Browning absieht, die an der Grenze sichergestellt wurden./57/ Im Zeitraum der Festspiele wurden durch Staatssicherheit und Volkspolizei 213 Personen festgenommen. Gegen 93 von ihnen wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet, davon endeten 76 mit Haft. Unter den festgenommenen waren 24 Festivalteilnehmer, 3 davon aus auslĂ€ndischen Delegationen. Ein Mitglied der finnischen Festivaldelegation wurde festgenommen, weil er in stark angetrunkenem Zustand eine DDR-Fahne von einem Wohnhaus entfernt hatte, um sich diese als Souvenir mit nach Hause zu nehmen./58/ Gegen die auslĂ€ndischen GĂ€ste wurden allerdings keine weiteren Maßnahmen eingeleitet. Überhaupt musste das MfS feststellen, dass ein Grossteil der ermittelten jugendlichen TĂ€ter unter starkem Alkoholeinfluss stand./59/

Selbstzufrieden konnte die Staatssicherheit feststellen, dass die im Zusammenhang mit der Aktion „Banner“ registrierten Vorkommnisse, im Vergleich zu den Aktionen „JubilĂ€um“ (20. Jahrestag der DDR) und „Meilenstein“ (VIII. Parteitag der SED), bedeutend geringer ausgefallen sind. So wurden zur Aktion „Meilenstein“ von 1971 in nur fĂŒnf Tagen 326 Vorkommnisse registriert, wĂ€hrend es bei der zwölf Tage andauernden Aktion „Banner“ lediglich 124 waren./60/ Dies erstaunt umso mehr, wenn man bedenkt, dass mehrere hunderttausend Jugendliche und GĂ€ste an den X. Weltfestspielen teilnahmen.

Die geringe Zahl von Vorkommnissen rechtfertigte die von der Staatssicherheit ausgegebene Taktik. Demnach hatte der schon im Vorfeld in Gang gesetzte Repressions- und Kontrollapparat funktioniert. Allerdings war es, trotz des gewaltigen Aufgebots an Mensch und Material, dem MfS nicht möglich, eine totale Kontrolle ĂŒber die Weltfestspiele zu erlangen. So schĂ€tzte die Hauptabteilung XX die Zahl der festgestellten Kontakthandlungen, von DDR-BĂŒrgern mit Personen aus dem nichtsozialistischen Ausland, als relativ ein. Es musste zugegeben werden, dass die KontakttĂ€tigkeit „ ... wĂ€hrend des Festivals weit höher lag.“/61/ FĂŒr die Jugendlichen gab es also, abseits von Kontrolle und Überwachung, genĂŒgend FreirĂ€ume.

Die Doppelstrategie der Staatssicherheit, durch Repressionen im Vorfeld mögliche Gefahrenherde auszuschließen und sich wĂ€hrend der Weltfestspiele in Toleranz zu ĂŒben und im Hintergrund zu agieren, hatte sich bewĂ€hrt. Das MfS nutzte die gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem Einsatz zu den X. Weltfestspielen zur „ ... weiteren Vervollkommnung der Formen und Methoden der Arbeit auf diesem Gebiet, fĂŒr die weitere Erhöhung der Schlagkraft der bewaffneten Organe.“/62/


Anmerkungen/Nachweise

1 Protokoll der Einweisung der ReprĂ€sentanten der Partei- und StaatsfĂŒhrung und weiterer fĂŒhrender Genossen in den Gesamtplan der Maßnahmen zur GewĂ€hrleistung der Sicherheit wĂ€hrend der X. Weltfestspiele, 5. 07. 1973, BStU, MfS, GVS 005 – 680/73, Bl. 92.
2 BStU, MfS, ZOS Nr. 1173, Bl. 72ff., o.D.
3 EinfĂŒhrende Bemerkungen zur Informierung ĂŒber den “Gesamtplan der Maßnahmen zur GewĂ€hrleistung der Sicherheit wĂ€hrend der X. Weltfestspiele”, 5.7.1973. BStU, MfS, ZAIG Nr. 4853, Bl. 3.
4 Hinweise ĂŒber PlĂ€ne, Absichten und Maßnahmen des Gegners sowie geplante AktivitĂ€ten feindlicher/negativer KrĂ€fte in der DDR im Zusammenhang mit der Vorbereitung und DurchfĂŒhrung der X. Weltfestspiele, 26. 06. 1973. BStU, MfS, ZAIG Nr. 4852, Bl. 2.
5 Plan der Maßnahmen zur GewĂ€hrleistung der Sicherheit wĂ€hrend der X. Weltfestspiele, 25.7.1973, BStU, MfS, GVS 005 – 644/73, Bl. 24.
6 Protokoll der Beratung des Ministers fĂŒr Staatssicherheit mit dem Minister fĂŒr Nationale Verteidigung und dem Minister des Inneren und Chef der Deutschen Volkspolizei, 24. 7. 1973, BStU, MfS, GVS 005 – 725/73, Bl. 73.
7 BStU, MfS, GVS 005 – 644/73, Bl. 3-71, Anm. 5, insb. Bl. 23.
8 Ebd., Bl. 6ff u. 4.
9 Ebd., Bl. 20f. u. Tab. des KrÀfteeinsatzes des MfS, ebd,. Bl. 65, Anlage 4b.
10 Jens Gieseke, Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit. Personalstruktur und Lebenswelt 1950-1989/90, Berlin 2000, S. 294.
11 Tabelle des KrĂ€fteeinsatzes des MfS,. BStU, MfS, GVS 005 – 644/73, Bl. 62-64, Anlage 4 u. 4a, Anm. 7.
12 Zu einigen beachtenswerten Problemen im Zusammenhang mit der GewÀhrleistung eines störungsfreien und reibungslosen Ablaufs der X. Weltfestspiele, vom 11. 7. 1973, BStU, MfS, AGM Nr. 2066, Bl. 189.
13 BStU, MfS, GVS 005 – 725/73, Bl. 73, Anm. 6.
14 Übersicht zu eingeleiteten Ermittlungsverfahren wegen asozialen Verhaltens gem. § 249 StGB in der [...] unmittelbaren Vorbereitung und DurchfĂŒhrung der X. Weltfestspiele, 5. 8. 1973, BStU, MfS, HA IX Nr. 5354, Bl. 14, Anlage 1.
15 Übersicht ĂŒber durchgefĂŒhrte Festnahmen im Rahmen der Maßnahmen zur vorbeugenden Beseitigung von Gefahrenmomenten [...] wĂ€hrend der X. Weltfestspiele, 23. 7. 1973, BStU, MfS, HA IX Nr. 269, Bl. 28.
16 Übersicht zu Personen, die in psychatrischen Einrichtungen, Jugendwerkhöfen und Spezialkinderheimen untergebracht wurden, 5. 8. 1973, BStU, MfS, HA IX Nr. 5354, Bl. 21, Anlage 8.
17 Ebd., Bl. 3.
18 Übersicht ĂŒber die mit kriminell und asozial gefĂ€hrdeten Personen gefĂŒhrten GesprĂ€che zwecks Verhinderung einer Einreise in die Hauptstadt der DDR, Berlin, wĂ€hrend der X. Weltfestspiele, 5. 8. 1973, ebd., Bl. 19, Anlage 6.
19 Übersicht ĂŒber am 23.7.1973 unter Kontrolle stehende Personen, 5. 8. 1973, ebd., Bl. 20, Anlage 7.
20 Übersicht ĂŒber aufgelöste kriminelle Gruppierungen, 5. 8. 1973, ebd., Bl. 16, Anlage 3.
21 EinfĂŒhrende Bemerkungen zur Informierung ĂŒber den “Gesamtplan der Maßnahmen zur GewĂ€hrleistung der Sicherheit wĂ€hrend der X. Weltfestspiele”, 5. 7. 1973, BStU, MfS, ZAIG Nr. 4853, Bl. 3.
22 Schlussfolgerungen und Erkenntnisse aus der Aktion “Banner”, 10. 8. 1973, BStU, MfS, AS Nr. 432/73, Bd. 1a, Bl. 139f, AG/AF.
23 Einsatzplan der Arbeitsgruppe AuslĂ€ndische Festivalteilnehmer (AG-AF) zur Vorbereitung und DurchfĂŒhrung der Aktion „Banner“, 11. 5. 1973, ebd., Bl. 51.
24 GrundsĂ€tze fĂŒr die politisch-operativen und taktischen Handlungen der EinsatzkrĂ€fte des MfS zur Verhinderung bzw. schnellen Auflösung von Zusammenrottungen Jugendlicher, 28. 6. 1973, BStU, MfS, AGM Nr. 1758, Bl. 38, HA XX. Das Folgende ebd.
25 Ebd., Bl. 36.
26 Schulungsmaterial zur Vorbereitung der Angehörigen der Hauptabteilung PS auf die Aktion „Banner“, Mai 1973, BStU, MfS, HA PS Nr. 1007, Bl. 44f.
27 BStU, MfS, AGM 1758, Bl. 73, 28. 6. 1073.
28 BStU, MfS, ZAIG Nr. 25138, Bl. 41.
29 BStU, MfS, GVS 005 – 725/73, Bl. 74, Anm. 6.
30 Ebd., Bl. 74.
31 Einsatzplan zur politisch-operativen Sicherung der Aktion „Banner“ gemĂ€ss Befehl Nr. 13/73 [...], 2. 5. 1973, BStU, MfS, ZOS 1171, Bl. 57, HA XIX.
32 BStU, MfS, ZAIG Nr. 25138, Bl. 39.
33 Stimmungsbericht v 3. 8. 1973, BStU, MfS, ZAIG Nr. 15702, Bl. 3.
34 AG/AF, AbschlusseinschĂ€tzung zur Aktion “Banner”, 15. 8. 1973, BStU, MfS, AS Nr. 432/73, Bd. 1a, Bl. 181.
35 Ebd., Bl. 190.
36 AG/AF, Schlussfolgerungen aus der Aktion “Banner”,10. 8. 1973, ebd., Bl. 136.
37 Sicherungskonzeption zur politisch-operativen Sicherung der auslÀndischen Festivalteilnehmer wÀhrend der Eröffnungsveranstaltung der X. Weltfestspiele am 28. 7. 1973 [...], BStU, MfS, ZOS Nr. 1171, Bl. 146.
38 BStU, MfS, AS Nr. 432/73, Bd. 1a, Bl. 139, Anm. 22.
39 BstU, MfS, GVS 005 – 725/73, Bl. 78, Anm. 6.
40 Einsatzplan der Arbeitsgruppe AuslĂ€ndische Festivalteilnehmer (AG-AF) zur Vorbereitung und DurchfĂŒhrung der Aktion „Banner“, 11. 5. 1973, BStU, MfS, AS Nr. 432/73, Bd. 1a, Bl. 39.
41 Vortrag zur ErlĂ€uterung des „Gesamtplanes der Massnahmen zur GewĂ€hrleistung der Sicherheit wĂ€hrend der X. Weltfestspiele“, 5. 7. 1973, BStU, MfS, ZOS Nr. 1171, Bl. 224.
42 Ebd., Bl. 44.
43 Ebd., Bl. 36.
44 BStU, MfS, AS Nr. 432/73, Bd. 1a, Bl. 179, Anm. 34.
45 BStU, MfS, AGM Nr. 1758, Bl. 2.
46 BStU, MfS, AS Nr. 432/73, Bd. 1a, Bl. 185, Anm. 34.
47 Konzeption fĂŒr die TĂ€tigkeit des Zentralen Einlassverbandes, 18.6.1973, BStU, MfS, AGM Nr. 2065, Bl. 35.
48 BStU, MfS, AS Nr. 432/73, Bd. 1a, Bl. 137, Anm. 22. Das Folgende ebd.
49 AusfĂŒhrungen des Ministers fĂŒr Staatssicherheit; Protokoll der Beratung des Ministers fĂŒr Staatssicherheit mit dem Minister fĂŒr Nationale Verteidigung und dem Minister des Inneren [...], 24.7.1973, BStU, MfS, GVS 005 Nr. 725/73, Bl. 77.
50 Ebd., Bl. 84.
51 Ebd., Bl. 78.
52 AusfĂŒhrungen des Ministers fĂŒr Nationale Verteidigung Genosse Hoffmann; Protokoll (Anm. 49), ebd., Bl. 80.
53 Feindlich-negative Handlungen bzw. Vorkommnisse in der Hauptstadt der DDR in Vorbereitung und DurchfĂŒhrung der X. Weltfestspiele, o.D, BStU, MfS, ZOS Nr. 1173, Bl. 45.
54 EinschĂ€tzung der feindlich-negativen Handlungen bzw. Vorkommnisse in der Hauptstadt und in den Bezirken der DDR in Vorbereitung und DurchfĂŒhrung der X. Weltfestspiele, 29.8.1973, BStU, MfS, ZOS Nr. 1173, Bl. 100.
55 Meldung des Ministers fĂŒr Staatssicherheit an den Genossen [...] Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates, 6.8.1973, BStU, MfS, AGM Nr. 2066, Bl. 3.
56 BStU, MfS, HA IX Nr. 5354, Bl. 2, 5.8.1973.
57 BStU, MfS, ZOS Nr. 1173, Bl. 66.
58 Abschlussbericht zur Aktion „Banner“, 14. 8. 1973, BStU, MfS, HA IX Nr. 269, Bl. 1f.
59 BStU, MfS, ZOS Nr. 1173, Bl. 22. Anm. 53.
60 Ebd., Bl. 33.
61 EinschĂ€tzung festgestellter Kontakthandlungen wĂ€hrend der Aktion „Banner“ und politisch-operative Schlussfolgerungen zur weiteren schwerpunktmĂ€ĂŸigen Bearbeitung, 23.8.1973, BStU, MfS, ZMA XX, Bl. 1.
62 BStU, MfS, AGM Nr. 2066, Bl. 4, Anm. 55.