KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 2/2003
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Oliver Falk
Quo Vadis?
Jugend und Jugendpolitik nach den X. Weltfestspielen
1. Einleitung

Quo Vadis? Diese Frage wäre vielleicht - so könnte man spekulieren - unter nicht wenigen Jugendlichen der DDR unmittelbar nach dem Festival auf Unverständnis gestoßen. Oder hatte der real existierende Sozialismus der DDR nicht etwa gerade bewiesen, zu was er im Stande war? Neben dem ganzen materiellen Aufwand, den der bravourös meisterte – hatte er nicht etwa gezeigt, dass er sehr wohl freien Meinungsaustausch und kulturelle Vielfältigkeit tolerierte, ja sogar unterstützte? Und was ist mit der Anerkennungswelle der DDR durch viele andere Staaten? Und gibt es da nicht die Deutsch-Deutsche Annäherung? Gelockerte Reisebedingungen? Von West nach Ost und von Ost nach Ost? Und nun die Weltfestspiele! Hier hat sich die DDR offenbart, Maßstäbe gesetzt. Hinter diese kann sie nun wirklich nicht zurückgehen!

Das die Führung der DDR entgegen dieser weit verbreiteten Überzeugung sehr wohl wieder einen härteren Kurs einschlug wird bei der genaueren Betrachtung nachfolgender Entwicklungen, vor allem solcher von jugendpolitischer Bedeutung, deutlich.

Im Folgenden soll nun genauer auf den politischen Prozess eingegangen werden, der 1974 in einem neuen, dem dritten Jugendgesetz der DDR kulminierte. Bereits weit vor den Weltfestspielen einsetzend und nach diesen forciert, zeigt dieser in einiger Deutlichkeit, wie weit die Vorstellungswelten großer Teile der ostdeutschen Jugend – nicht zuletzt unter dem Eindruck des Festivals - und den tatsächlichen jugendpolitischen Entwicklungen auseinander klafften.


2. Wirkung der X. Weltfestspiele auf die ostdeutsche Jugend

Die X. Weltfestspiele waren für alle Beteiligten ein großer Erfolg. Quer durch die ganze Bevölkerung überwog eine positive Bilanz teilweise sogar überschwängliche Euphorie in der Bewertung der Ereignisse jener Augusttage. So erhielt beispielsweise der 1. Generalsekretär der SED Erich Honecker von einem älteren Genossen eine Postkarte, auf der dieser bemerkte: „Zwanzig müsste man noch mal sein! “ Die X. Weltfestspiele hatte also offensichtlich nicht nur die Jugend beeindruckt, sondern auch die Menschen älterer Generationen.

In den Augen der SED und FDJ galt das Festival ohnehin als ein voller Erfolg, nicht zuletzt deswegen, weil es zu einem größeren Einfluss unter der Jugend verhalf. Grund dafür war nicht zuletzt das Bemühen, die Atmosphäre der WFS über die Grenzen der Hauptstadt hinaus in die Republik zu tragen. Dies wurde unter anderem dadurch erreicht, indem man breit angelegte Live Übertragungen im Fernsehen ausstrahlte (allein im I. Programm ganze 113 Stunden Farbfernsehbeiträge) [1], einen quer durch die DDR führenden sogenannten Festivalexpress einrichtete und eine Vielzahl „kleiner Festivals“ in allen großen und größeren Städten der Republik organisierte. Von Rostock bis Suhl belief sich die Zahl auf 23.000 „kleine Festivals“, die insgesamt ein Publikum von über 2.300.000 Menschen fanden. [2] So musste man nicht eben nach Berlin delegiert worden sein, um ein wenig vom Festivalglück abzubekommen. Der damals Jugendliche W. Schröder, Radfahrer beim sportlichen Rahmenprogramm in Leipzig, erinnert sich:
„[Das] fand ich eigentlich toll. [...] Also anders kann man das nicht sagen. Es [...] sind doch gigantische Sachen bewegt worden, was heute eigentlich nicht denkbar ist. Weil jeder ja so fragt: Was kriege ich dafür? Und damals war es der Idealismus. Man brauchte nicht auf Arbeit gehen, man hat einen tollen Verpflegungsbeutel gekriegt, vielleicht eine Apfelsine oder eine Banane drin.“ [3]

Jenseits der Freude über Südfrüchte, war es vor allem dem Großaufgebot an allerhand Kulturveranstaltungen, dem unbefangenen Umgang mit ebenso bekanntem, wie skeptisch beäugten jugendlichen Habitus und auch dem freundlichen Auftreten der Sicherheitskräfte geschuldet, dass man in dieser weltoffenen Atmosphäre die ersten Anzeichen des Erfüllen jener Hoffnungen sah, die man in Honecker gesetzt hatte, und die mit dem Grundlagenvertrag neue Nahrung erhielten.

Zu einem besseren Verständnis, wie ungefähr die Atmosphäre in Berlin und rund um den Alexanderplatz gewesen sein könnte, kann durchaus ein kurzer Ausschnitt aus Christoph Dieckmanns Erinnerungsbüchlein „Die Liebe in den Zeiten des Landfilms“ beitragen. Mit einem Augenzwinkern weiß er uns aus seinen Erinnerungen folgendes zu berichteten:
„Heinrich [Alter Ego Dieckmanns] reiste nach Berlin. Die Hauptstadt der Bürokratischen Republik wurde gerade heimgesucht von jener weltoffenen Atmosphäre, die der Vorsteher des Landes schon seit längerem plante.
Berlin, die Räuberin unter den Städten, tanzte, wimmelte und sang, denn Hunderttausende von internationalen Gästen, der progressive Nachwuchs sämtlicher verfügbaren Nationen, begingen die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten. Selbst in diesem Tollhaus fiel Heinrich auf. Er hatte sich in Kutte geworfen, den Parka mit dem großen polnischen Black-Sabbath-Aufnäher. Lässig Gummi kauend hinterm Existentialistenblick, behaart mit der coolsten Matte der Stadt, so lungerte er am Fuße des Telespargels, im Volksmund auch Fernsehturm genannt. Bald war er weiblich umringt, grunzte Anglizismen und schrieb Autogramme.
´Where you want my writing?` fragte er entzückte Blauhemd-Maiden in einem Amerikanisch, das seiner Harzer Abkunft durchaus inne war. Hier, hier on arm! quietschten und drängelten die Darnen, und Heinrich signierte mit Schwung: Danny Joe Brown, Manhatten!!! [...]Sodann betrat er das Kaufhaus „Centrum“ am Alexanderplatz [...] eilte ins Männerklo und schnürte sich den rechten Unterschenkel aufs Gesäß.

Derart versehrt, hüpfte er zur Herren-Schuhabteilung und verlangte einen Rinds-Boxcalf-Slipper der Größe zweiundvierzigeinhalb – den linken bitte! Die Verkäuferin stammelte, man gebe nur komplette Paare ab. Darauf schalt Heinrich die Bürokratische Republik einen Betrug am behinderten Menschen. Verhaftung unterblieb, wegen weltoffener Atmosphäre.“
[4]

Mit den vielen ausländischen Delegationen und einer bislang unbekannten freizügigen Diskussionsatmosphäre in sogenannten Sit-ins und darüber hinaus, wehte ein Hauch von großer weiter Welt in die Enge der kleinen Republik. So blieb es nicht aus, dass V„...das Festival [...] unter der Jugend den Wunsch nach weiteren internationalen Kontakten und jugendgemäßen Artikulationsmöglichkeiten [weckte].“ Darüber hinaus [...] hatte [es] das Lebensgefühl der jungen Generation angesprochen, Optimismus verbreitet und Hoffnungen auf die Zukunft geweckt.“ [5]

Das es sich hierbei nicht allein um rückblickende Interpretationen damaliger Jugendlicher handelt wird von den Eindrücken der am Festival teilnehmenden westlichen Jugendlichen unterstrichen, die bei FDJlern – wie sie sagten - Optimismus und Zuversicht feststellen konnten. Diese Tendenzen der Einschätzung war auch in der relativ breiten Berichterstattung überregionaler Zeitungen der BRD und Westberlins zu erkennen, wie ein Abschlussbericht über den Verlauf der Weltfestspiele an das Politbüro vermerkt.

„In den großen überregionalen Zeitungen der BRD und Westberlins war eine kontinuierliche, relative breite Berichterstattung zu verzeichnen. Folgende Haupttendenzen wurden sichtbar:
[...] Angesichts des Selbstbewusstseins, der echten Begeisterung der Jugendlichen der DDR und der Freizügigkeit und Toleranz, die in Berlin zutage treten, müsse man im Westen von alten Klischee-Vorstellungen über die innere Stabilität des Regimes in der DDR und über die politische Haltung ihrer Jugend Abschied nehmen.
Das Zugeständnis einer weltoffenen Diskussion mit Andersdenkenden sei für die SED-Führung ein großer politischer Test gewesen, dessen Ergebnis positiv ausgefallen sei. Das Erlebnis dieses freien Meinungsaustausches, hunderttausender Jugendlicher der DDR, werde es der SED andererseits schwer machen, hinter die durch das Festival gesetzten Maßstäbe zurückzugehen.“
[6]

Konnte sie wirklich nicht? Dies war eine Fehleinschätzung, der nicht nur westliche Medien, sondern eben auch große Teile der ostdeutschen Jugend erlagen.


3. Nach den X. Weltfestspielen

Die Hoffnungen und Wünsche der Jugendlichen, hatten sich im wesentlichen kaum geändert. Sie blieben die selben, wie sie bereits im Vorfeld der Weltfestspiele artikuliert wurden. Das Festival war letzten Endes nichts anderes als eine Art Katalysator für allerlei Begehrlichkeiten. Gleichwohl blieb die Erfüllung der Hoffnungen nach den X. Weltfestspielen aus. Bereits nach kurzer Zeit zog der Alltag und damit „der alte Trott“ wieder ein. [7] In einer Information der Abteilung Verbandsorgane vom 17. 4. 1974 lässt sich denn auch ein - gemessen an der Realität - vermutlich relativ vorsichtig formulierter Satz lesen. Unter Punkt 1, übertitelt mit dem Wort „Gesamteindruck“ steht:
„[...] Eine Reihe von FDJlern weist darauf hin, dass die Erfahrungen der X. Weltfestspiele ungenügend genutzt werden und teilweise auch der Elan und die jugendgemäße Atmosphäre in den FDJ Kollektiven zurückgegangen sind.“ [8]

Zurückgegangen war allerdings nicht nur der Elan, sondern auch das im Vorfeld der Weltfestspiele gestiegene Interesse an der Arbeit im Jugendverband. War seit 1970 die absolute Mitgliedzahl jährlich um fast 100.000 Jugendliche gestiegen, ließen sich im Jahr 1974 gerade mal 15.000 neue Mitgliederzugänge verzeichnen. [9] Grund dafür war die allgemeine Ernüchterung unter den Jugendlichen, die relativ schnell nach den Weltfestspielen eintrat.

Exemplarisch dafür folgende Äußerung eines ehemaligen Lehrlings aus Altenburg. [10]
„Es war eine einmalige Situation, und danach ging es mit dem gleichen stupiden Schwachsinn in FDJ-Manier weiter.“ Und weiter erinnert sich dieser: „Es war, glaube ich, nie das Ziel – so wie wir damals dachten -, dass das ein Anfang zur Öffnung ist.“

Einer von der politischen Führung aus der Einsicht in die Notwendigkeit betriebenen liberaleren Jugendpolitik vor den X. Weltfestspielen folgte nunmehr eine Regulierung bzw. eine klare Eingrenzung der im Zuge des Festivals entstandenen Freiräume in Form eines neuen Jugendgesetzes. Gerade an der Diskussion um dieses dritte der Jugendgesetze der DDR lässt sich ablesen wohin der Weg nach den Weltfestspielen führen würde.

„Die Disziplinierung der ostdeutschen Jugendlichen erhielt mit dem Jugendgesetz [...] einen neuen gesetzlichen Rahmen.“ [11]


4. Zur Entstehung, Bedeutung und Wirkung des Jugendgesetzes 1974

Die SED-Führung, hoch zufrieden mit dem Verlauf des Festivals, forcierte nun die bereits 1972 begonnene Diskussion um ein neues Jugendgesetz. So formulierte Albert Norden zur 10. Tagung des ZK der SED (2.10.1973):
„Die X. Weltfestspiele waren ein überzeugender Ausdruck des gewachsenen Bewusstseins der Jugend der DDR. [...] Wir sind davon überzeugt, dass gerade die Erfahrungen der X. Weltfestspiele geeignet sind, die begonnene Diskussion über den vom ZK der SED vorgeschlagenen Entwurf eines neuen Jugendgesetzes zielgerichtet und breit weiterzuführen und dieses bedeutsame Dokument unserer Jugendpolitik in die Tat umzusetzen.“ [12]

Im Vordergrund des neuen Jugendgesetzes stand vor allem die materielle Besserstellung der Jugend, die zum größten Teil auf junge Ehen und Familien sowie Lehrlinge abzielte. Auf dem Gebiet des kulturellen Lebens und der Freizeitgestaltung Jugendlicher indes war man bestrebt nun wieder klare Grenzen zu ziehen. An erster Stelle, so lässt sich einer Vorlage des Zentralrates der FDJ (6. Dez. 1972) an das Politbüro entnehmen, müsse „Bestimmendes Anliegen aller im Jugendgesetz festzulegenden Aufgaben [...] die Erziehung [der Jugend zu] klassenbewusste[n] Sozialisten[...]“ [13] sein.

Gerade auf dem Gebiet der Freizeitgestaltung der Jugend sah man, um diesem Anspruch gerecht zu werden, allerdings noch großen Nachholbedarf.

In einer Expertise (1972) [14] – also noch weit vor den WFS - zur Ausarbeitung des Jugendgesetzes wird deutlich, welche Probleme man in der Freizeitgestaltung der Jugend erkannt haben wollte.

„Die Freizeitgestaltung...“ so lässt sich erfahren „...wird vor allem auf den entscheidenden unteren Leitungsebenen nicht mit der notwendigen Planmäßigkeit geführt. Spontaneität und Subjektivität haben in diesem so bedeutsamen Bereich des gesellschaftlichen Lebens zu viel Spielraum. [...] In vielen Städten und Gemeinden besteht ein großer Nachholbedarf bei der Gestaltung einer vielseitigen, niveauvollen Freizeit als Teil der sozialistischen Lebensweise.
[...] Deutlich muss erkannt werden, dass die durch die im ganzen unbefriedigende Lage im Freizeitbereich relativ günstige Bedingungen für das Eindringen feindlicher Auffassungen über Form und Inhalt der Freizeitgestaltung gegeben sind. [...]


Ein Vorschlag, wie die bestehenden Problem zu lösen seien wurde gleich mitgeliefert:
„Eine der entscheidenden Voraussetzungen, um mit dem Jugendgesetz spürbare Veränderungen auf dem Gebiet der Freizeitgestaltung der Jugend zu erreichen, ist – [...] – eine klare inhaltliche Zielbestimmung. [...] Diese Zielbestimmung ist auch erforderlich, um der Jugend selbst klarer als bisher zu erläutern und zu begründen, wie ein junger Sozialist seine Freizeit heute und künftig gestalten soll. Eine solche gesellschaftliche Normierung des Freizeitverhaltens fehlt unseres Erachtens gegenwärtig.“

Ging die Forderung nach einer Normierung jugendlichen Freizeitverhaltens im allgemeinen Vorbereitungstrubel der Weltfestspiele ein wenig unter – sicherlich auch weil es zu diesem Zeitpunkt eher unpassend erschien - , wurde nun nach dem Festival eine solche forciert. Wie in der Expertise bereits angeklungen stand nunmehr – und das nicht nur in der Diskussion sondern auch im Jugendgesetz selbst – die „Entwicklung der Jugend zu sozialistischen Persönlichkeiten“ [15] an erster Stelle.

Letztlich war dieses Jugendgesetz Ausdruck des ambivalenten Verhältnisses der politischen Führung zur Jugend. Einerseits erkannte man sehr wohl die Notwendigkeit der Förderung Jugendlicher, gleichwohl beschränkte sich diese aber vor allem auf die materielle Versorgung. Ungefähr ein Jahr nach Erlassen des Gesetztes vermerkte man, das nunmehr:

„- ...knapp 400000 Lehrlinge ein höheres Lehrlingsentgelt erhalten
- deren Urlaub auf 24 Tage erhöht wurde
- das durch staatl. Zuschüsse im Jahr 74 das Mensaessen verbessert wurde
- über 900 Jugendklubs neu gebildet wurden
- 280 Sporteinrichtungen geschaffen wurden
- und über 1 Millionen Kinder ihre Sommerferien in einem Ferienlager verbringen konnten.“
[16]

Auf der anderen Seite indes war ein fast in Paranoia ausuferndes Misstrauen gegenüber den sogenannten Hausherren von Morgen zu verzeichnen. Auch wenn in der Lesart eines Horst Sindermanns die Jugend zu den „Bahnbrechern des Neuen“ [17] gehört: Welchem Neuem allerdings die Bahn gebrochen werden sollte, lag nicht in der Entscheidung der Jugendliche selbst; es war staatlich klar vordefiniert.
So formulierte Erich Honecker:
„Dem Sozialismus [...], und nur dem Sozialismus, gehört die Zukunft. Und das ist die Zukunft der Jugend.“ [18]

Das Misstrauen gegenüber der Jugend rührte nicht zuletzt daher, dass man sich offensichtlich nicht so sicher war ob das die Jugendlichen der DDR ähnlich konsequent sahen. Dementsprechend argumentierte Hans Jagenow, Sekretär des ZR der FDJ in einem Vortrag vom Dezember 1974:
„Wenn wir davon ausgehen, dass junge Menschen nicht automatisch Sozialisten werden und sich das Klassenbewusstsein ebenso wenig von einer Generation auf die andere vererbt, [...], dann wird klar, wie wichtig die konsequente Anwendung der entsprechenden Festlegungen des Jugendgesetzes für die Verstärkung der politisch-ideologischen Erziehungsarbeit ist.“ [19]

Hierbei drängt sich unwillkürlich der Verdacht auf, dass mit der materiellen Besserstellung, wie beispielsweise der Schaffung neuer Jugendklubs, vor allem auf eine bessere Einflussnahme auf jugendliche Sphären abgezielt wurde. Dies wurde gar von vielen Jugendlichen selbst wahrgenommen:
„Fragen und Argumente zur Position des Einzelnen in der DDR – Häufig aufgetreten:

- Ich habe im Sozialismus zu wenig persönliche Freiheit. Ich soll politisch organisiert sein, aber ob ich davon überzeugt bin, danach fragen mich meine Lehrausbilder nicht.
- Bei uns ist das Freizeitleben politisiert. Wenn man nicht die gesellschaftliche Norm einhält, ist man das schwarze Schaf.
- Warum heben wir immer die Rolle des Kollektivs hervor? Ich habe selbst eine Meinung und weiß, was ich zu tun habe.“ [20]

Dem Wunsch nach Individualismus, so wird deutlich, stand die Normierung des gesellschaftlichen Lebens gegenüber. Wollte man sich als Jugendlicher keine Unannehmlichkeiten einhandeln, blieb nichts anderes übrig, als sich einzureihen.

Raum für jugendlichen Eigensinn – war er ohnehin schon knapp bemessen – gab es nach den X, Weltfestspielen nun kaum noch. Die Hoffnungen und Illusionen ostdeutscher Jugendlicher, genährt durch Machtwechsel, Grundlagenvertrag und Weltfestspiele, die Phase des Gefühls eines Aufbruchs, fanden mit dem neuen Jugendgesetz zu ihrem entgültigen Ende.

In dieses Entwicklung passt eben auch das Verbot der Klaus-Renft-Combo 1975. Bedenkt man, dass die Renft-Combo zu den X. Weltfestspielen noch die inoffizielle Festivalhymne „Ketten werden knapper“ geliefert hatte und sich auf ihren Konzerten einem begeisterten Publikum gegenübersah, kann diese, durchaus gewünschte, Symbolwirkung des Verbots kaum unterschätzt werden. In die, wiewohl oft zitierten, aber doch eben passenden Worte Reiner Kunzes übersetzt, hieß das wohl:
„Hier wird nicht gespielt! Eure Zeit ist vorbei [...]!“ [21]


Anmerkungen

[1] Information an das Politbüro vom 31. August 1973. SAPMO-BArch, DY 30 / vorl. SED / 18052.
[2] Ebd.
[3] Zit. nach Ohse, Marc-Dietrich: Jugend nach dem Mauerbau. Anpassung, Protest, Eigensinn (DDR 1961–1974). Berlin 2003. Hier: S. 355 f.
[4] Dieckmann, Christoph: Die Liebe in den Zeiten des Landfilms. Eigens erlebte Geschichte. Berlin 2002. Hier: S. 112 ff.
[5] Mählert, Ulrich / Stephan, Gerd-Rüdiger: Blaue Hemden – Rote Fahnen. Die Geschichte der Freien Deutschen Jugend. Opladen 1996. Hier: S. 200.
[6] wie Anm. 1
[7] Ohse. Jugend. S. 356.
[8[ Abteilung Verbandsorgane. Informationen über Hinweise und Probleme aus Leserbriefen an die Redaktion “Neues Leben” zur Diskussion: Gewählt – Was nun? 17.4.1974. SAPMO-Barch, DY 30 / vorl. SED / 14313.
[9] Ohse. Jugend. S 362.
[10] Zit. nach Rossow, Ina: Rote Ohren, roter Mohn, sommerheiße Diskussionen. Die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 als Möglichkeit für vielfältige Begegnungen. In: Fortschritt, Norm und Eigensinn: Erkundungen im Alltag der DDR. Hg. v. Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR. Berlin 1999. S. 156-275. Hier: S. 272f.
[11] Ohse. Jugend. S. 360.
[12] Aus dem Bericht des Politbüros an die 10. Tagung des ZK der SED (2. 10. 1973). Berichterstatter Albert Norden. Berlin 1973.
[13] FDJ-ZR, Vorlage für SED-Politbüro, 6.12.1972, SAPMO-BArch, DY 30 / J IV 2 / 2 / 1426, Bl. 21. Zit. Nach Ohse. Jugend. S. 358.
[14] Zentralinstitut für Jugendforschung. Expertise zur Ausarbeitung des Jugendgesetzes 1972. SAPMO-BArch, DC 4 / 1745, Bl. 37 ff.
[15] Das Jugendgesetz der DDR. Materialien der 12. Tagung der Volkskammer der DDR am 28. Januar 1974. Hg. v. Abteilung Presse und Information des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik. Heft 9. Berlin 1974. Hier: § 1.
[16] FDJ-ZR. Vortrag von Hans Jagenow. 2.12.1974. SAPMO-BArch, DC / 4 / 1751.
[17] Sindermann, Horst. In: wie Anm. 15). S. 17.
[18] Honecker, Erich: Die Jugend der Deutschen Demokratischen Republik und die Aufgaben unserer Zeit. 20.10.1972. In: Ders.: Reden. Bd. 2. S. 63. Zit. Ohse. S. 363.
[19] wie Anm. 16.
[20] FDJ-ZR. Abteilung Verbandsorgane. Aktuelle Fragen und Argumente unter der Jugend und Initiativen aus FDJ Grundorganisationen 1973. Hier vom 16.10.1973. SAPMO-BArch , DY / 24 / FDJ A / 9037.
[21] Kunze. Reiner: Die wunderbaren Jahre. Frankfurt 1998 (1978). S. 42f.