KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 2/2003
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Svea Bräunert
Alles nur Klischee?! Inszenierungen auf dem Karneval der Nationen (1973) und dem Karneval der Kulturen (2003).

Inszenierungen von Körperlichkeit, Geschlechtlichkeit und Ethnizität auf dem Karneval der Nationen (1973) und dem Karneval der Kulturen (2003).

1. Einleitung

Karneval der Nationen und Karneval der Kulturen. 1973 und 2003. Berlin (Ost) und Berlin (West). Zweimal Karneval und zweimal implizite und explizite Bildpolitik. Bildpolitik gerade auch in Bezug auf die Inszenierungen von Körperlichkeit, Geschlechtlichkeit und Ethnizität. Doch was für Bilder werden in diesen beiden Veranstaltungen genau behandelt? Sind sie alle nur Klischees? Reproduzieren sie also gängige Vorstellungen? Oder nutzen sie die Plattform des Karnevals als Möglichkeit für das ‚Andere‘ und die Entgrenzung des Alltäglichen?

Es ist der 3. August 1973 in Berlin (Ost). An diesem 7.Tag der X. Weltfestspiele stehen die Menschenmassen seit dem Nachmittag rund um den Friedrichshain Spalier, um den Karneval der Nationen, auch als Internationaler Karneval der Artistik und des Humors oder schlicht als Festivalkarneval bezeichnet, zu sehen. 250.000 Zuschauerinnen und Zuschauer kommen allein zu dieser Veranstaltung und machen den Festivalkarneval damit zu einem unerwarteten Höhepunkt der Weltfestspiele. Am Rande des Zuges werden sie nicht nur mit zahlreichen Verkaufsständen- das Angebot reicht von Faßbrause bis zu Luftschlangen- sondern auch mit Live Musik und Kleinkunst auf zahlreichen Bühnen unterhalten. Gegen 18:00 Uhr bewegen sich die ersten Festwagen mit Themen wie „Blumen für die Jugend der Welt“ oder „Jugend und Lebensfreude“ die Mollstraße in Richtung Leninplatz entlang, um 3 Stunden später zu enden. Doch wer noch nicht genug gefeiert hat, muß nicht nach Hause gehen. Bühnen im Friedrichshain laden die Masse zum Internationalen Fest der Lieder, Tänze und Volksbräuche ( für genauere Informationen vgl. SAPMO-BArch, DY/24/7179) ein. Eine kleine exklusive Minderheit begibt sich zur Abschlußveranstaltung des Karnevals ins Friesenstadion, wo sich ein Zirkus zu Wasser, zu Lande und in der Luft (für genauere Informationen vgl. SAPMO-Barch DY/24/7212) darbietet. (vgl. SAPMO-Barch DY/24/7212)

30 Jahre später. Pfingstwochenende 2003 in Kreuzberg und Neukölln, Berlin (West). Der 8. Karneval der Kulturen, organisiert von der Werkstatt der Kulturen, hat sich vom Hermannplatz aus auf den Weg in Richtung Yorckstraße gemacht. 4.200 Akteure aus mehr als 80 Ländern in 105 Formationen werden von einer halben Million Zuschauenden begeistert in Empfang genommen. (vgl. Programmheft 2003) Einige von ihnen sind schon den dritten Tag dabei. Sie haben sich bereits am Freitag und Samstag auf dem Straßenfest am Blücherplatz bei Caipirinha und Live Musik auf 4 Bühnen vergnügt. Auf den Caipirinha muß auch heute nicht verzichtet werden. Gibt es ihn doch neben Bratwurst an jeder zweiten Straßenecke entlang der Zuges.

Während der Karneval der Kulturen das Ziel verfolgt, das multiethnische und multikulturelle Berlin auf die Straße zu bringen (vgl. Homepage), steht der Karneval der Nationen fest in der Tradition der Weltfestspiele. Hier sollen Internationalität und Weltoffenheit der Jugend propagiert werden. Zugleich heißt es in den Informationen des Programmbüros: „In diesem Karneval wird die Jugend der Welt den Imperialismus und seine Erscheinungen verspotten.“ (SAPMO-Barch DY/24/7184) Die ‚Selbstbeschreibung‘ des Karnevals der Kulturen liest sich hingegen folgender Maßen:

Der Karneval der Kulturen in Berlin ist offen für alle; er wird von Menschen jeglicher kultureller Prägung mitgetragen als Bestandteil einer urbanen, pluralen Kultur, der sie sich zugehörig fühlen. Er wird als Plattform genutzt, um selbstbewußt die eigene kulturelle Identität zum Ausdruck zu bringen. (Homepage)

Die Form des Karnevals bietet diesen heterogenen Vorstellungen von Entgrenzung eine ideale Plattform. Ist dem Spiel mit der Maske und der Maskerade doch traditionell die Möglichkeit der Umkehrung der Verhältnisse eingeschrieben. Eine tatsächliche Umkehrung der Verhältnisse und Inszenierungen einer anderen Welt müßte sich somit auch in den Bildern des Karnevals wiederfinden lassen. Als zentrale sinn- und identitätsstiftende Kategorien von Welt und gesellschaftlichem Leben, sollen im Folgenden die drei Komplexe Geschlechtlichkeit, Körperlichkeit und Ethnizität betrachtet werden. „Denn die Bedeutungen von Rasse, Ethnie, Fremdheit usw. sind keine natürlichen Gegebenheiten, die den Menschen auf den Leib geschrieben sind, sondern Bedeutungskonstruktionen unterschiedlicher Kräfteverhältnisse, in die auch und vor allem Medienapparate eingespannt sind.“ (Angerer 1994, S.123)

Bei meiner Untersuchung der beiden Karnevalsumzüge stütze ich mich auf sehr unterschiedliche Quellenarten. Da ich insbesondere auch der Frage nach der jeweiligen medialen Bildpolitik nachgehen möchte, sind unterschiedliche Film- und Fotomaterialien für meine Analyse von zentraler Bedeutung. Für den Karneval der Nationen wurde der DEFA-Dokumentarfilm Wer die Erde liebt (DEFA 1974), sowie unveröffentlichtes Film-Material des Filmarchivs Potsdam Babelsberg gesichtet. Weitere wichtige Informationen konnten den Akten des Bundesarchivs (Abteilung Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR) zum Festivalkarneval, sowie den beiden offiziellen Bildbänden zu den X. Weltfestspielen (Kottwitz, Gerstäcker 1973; Steineckert, Walther 1974) entnommen werden Bei der Analyse des Karnevals der Kulturen stehen die Berichterstattungen des Offenen Kanals Berlin und des RBB im Vordergrund. Zudem kommt neben den Veröffentlichungen der Werkstatt der Kulturen (Programmheft 2003, Homepage) besonders meiner eigenen Beobachtungen bei der Teilnahmen am Karneval 2003 ein großer Stellenwert zu.


2. Zu den Kategorien Geschlechtlichkeit, Körperlichkeit und Ethnizität:

Geschlechtlichkeit


Was für Bilder von Geschlechtlichkeit werden in den beiden Veranstaltungen inszeniert? Bewegen sie sich im Rahmen des binären Systems, das nur eine ausschließliche, eindeutige und stereotype Form von Männlichkeit und Weiblichkeit zuläßt? Oder gewähren sie auch ein eher uneindeutiges ‚Zwischen-den-Geschlechtern‘, das die Ordnung- und hiermit ist nicht nur die Hierarchie der Geschlechter gemeint- in Frage stellt?

Die Inszenierungen von Geschlechtlichkeit, die auf dem Festivalkarneval 73 verhandelt werden, bewegen sich eindeutig im starren Rahmen der Zweigeschlechtlichkeit. Die heterosexuelle Liebe, die idealer Weise in einer junge Ehe mündet, wird beschworen. Hierbei wird die Frau stereotyp als Objekt des männlichen Blicks festgeschrieben. Sie gilt einzig als ‚Kameradin‘ des Mannes und als Garantin für Schönheit und Anmut. So sollen in einem Teil des Zuges 25 der attraktivsten Ausländerinnen präsentiert werden.

Diese stereotype Festschreibung von Weiblichkeit kann exemplarisch an einem Programmpunkt der Abschlußveranstaltung illustriert werden. In dem Drehbuch zum Zirkus Ziwalalu heißt es über den Programmpunkt Reigenschwimmen:

Reigenschwimmen – in beiden Wasserbecken (3x12 Mädchen). Zum Schluß des Reigenschwimmens erscheint auf dem Sprungbrett der Reporter G. Krause, der sich mit einem Fernglas die schwimmenden Mädchen betrachtet, eine große Angel holt und sich eine ‚Wassernixe‘ (lebensgroße Schaumgummipuppe mit Fischunterleib) heraus fischt und danach, weil er mit einem solchen Monstrum als Mensch nichts anzufangen weiß, wieder ins Wasser wirft. (SAPMO-BArch DY/24/7212)

Bei genauerer Betrachtung der Regieanweisung fällt auf: Es sind Mädchen und nicht Frauen, die hier schwimmen sollen. Die junge, unschuldige Kindsfrau steht somit im Blickpunkt der Aufmerksamkeit. Das Fernglas, mit dem der Reporter die Schwimmerinnen betrachtet, verdeutlicht nur noch mehr die phallische Macht des männlichen Blickes. Mit ihm unterwirft sich das Subjekt Mann das Objekt Frau. Letztlich wird die Wassernixe als Monster und unwertes Lebewesen beschrieben, da sie keinen weiblichen, sondern einen Fischunterleib besitzt. Dies zeigt die Forderung nach einer eindeutigen (biologischen und kulturellen) Festschreibung von Weiblichkeit. Abweichungen von der Norm werden nicht toleriert. Weiblichkeit wird als körperlich, sexuell und zur Reproduktion dienend festgeschrieben.

Doch auch dreißig Jahre und eine Frauenbewegung später, scheinen nur (leichte) Verschiebungen im Bereich der Inszenierungen der Geschlechter stattgefunden zu haben. So wird auch auf dem Karneval der Kulturen- und gerade in den medialen Berichterstattung zu diesem Ereignis- Weiblichkeit häufig als Objekt des (männlichen) Blickes zur Schau gestellt. Frauen, insbesondere der weibliche Körper, dienen als Garantinnen für Erotik und Faszination.

Männer hingegen werden mit eindeutig maskulinen Attributen, wie zum Beispiel Hörnern und Speeren ausgestattet. Im Gegensatz zu den weiblichen Inszenierungen dürfen die männlichen Körper (auch) häßlich sein, so dass hier vermehrt grotesk-gruselige Masken und Kostüme zur Darstellung gelangen. Maskulinität wird (nur) dann von den Medien erotisierend dargestellt, wenn sie dem eindeutigen Bild von weißer, heterosexueller Männlichkeit nicht entspricht. In diesem Fall wird sie medial, ebenso wie der weibliche Körper, als das lustversprechende ‚Andere‘ inszeniert.

So bestätigt die Bildpolitik des Karnevals der Kulturen auf der einen Seite die strikte Trennung in heterosexuelle und eindeutige Männlichkeit und Weiblichkeit, die wiederum jeweils eindeutig binären Konnotationen unterliegen. Zugleich zeigen jedoch gerade die Medien vermehrt Bilder des ‚Zwischen-den-Geschlechtern-Stehens‘. Besonders Drag Queens finden eine erhöhte Aufmerksamkeit durch die Fernsehkameras. Ihre Performance steht einerseits für das ‚Aufregende‘ und das ‚Faszinierend-Fremde‘. Andererseits entsprechen diese Darstellungen bereits so sehr den Sehgewohnheiten der ‚Mehrheitsgesellschaft‘, dass sie kein ernsthaftes Befremden mehr hervorrufen können. Dragkings hingegen werden eher aus- als eingeblendet.


Körperlichkeit:

Die Inszenierungen von Geschlechtlichkeit sind meist eng an die Darstellungen und Vorstellungen von Körperlichkeit gebunden. So werden gerade Frauen häufig hauptsächlich über ihren Körper definiert und wahrgenommen. Der Kommentator des RBB zum Karneval der Kulturen beschreibt den Umzug als „geschmackvolle Verbindung von Globalisierungsgegner und Wackelpo“. (RBB 2003) Weiblichkeit wird mit dem körperlichen Attribut Schönheit in Verbindung gebracht. Der Körper wird sexualisiert.

Der Körper steht also im Mittelpunkt der karnevalesken Aufmerksamkeit. Körperbilder treten hierbei auf zwei Ebenen auf: der individuellen sowie der kollektiven.

Der Karnevalszug selber ist bereits ein kollektives körperliches Erlebnis: Es wird gemeinsam gelacht, getanzt, gesungen, gegessen und sicher noch einiges mehr. Zugleich inszeniert sich der kollektive Körper in unterschiedlichen Darbietungen der teilnehmenden Gruppen. Tragen alle das gleiche Kostüm oder bewegen sich nach genauen Vorgaben zum gleichen Rhythmus, dann verschmilzt der einzelne Körper mit dem kollektiven Körper der Gruppe.

In Bezug auf den Festivalkarneval der Weltfestspiele ist hier eine Besonderheit festzustellen. Spielen in anderen Programmpunkten der Weltfestspiele Uniformen, die kollektive Bekleidung par excellence, eine große Bedeutung, so werden sie vom Karnevalszug ausgeschlossen. In den Anweisungen für Teilnehmende der FDJ heißt es deutlich: „Die Teilnahme am Karnevalszug kann nicht im FDJ-Hemd erfolgen!“ (SAPMO-Barch DY/24/7184) Trotzdem tritt die Bedeutung der Inszenierung des Kollektivkörpers via Bekleidung nicht zurück. Sie wird lediglich auf eine andere Ebene verlagert. Gleichfarbige Kleidung und nationale Trachten dienen als ‚alternative Uniformen‘.

Eine wirkliche körperliche Entgrenzung findet trotz dieser kollektiven Dimension nicht statt. Im Gegensatz steht häufig gerade der disziplinierte Körper im Vordergrund: bei Tänzen, Akrobatik und Sport. So trägt einer der thematischen Abschnitte des Festivalkarnevals den Titel: „Die Jugend liebt den Sport und nicht die Unsportlichen“. (SAPMO-BArch DY/24/7212)

Als besonderes Merkmal des Karnevals 2003 läßt sich die Inszenierung von Haut und Nacktheit herausstellen. Die Nacktheit und Zurschaustellung des Fleisches dient ebenso wie die Verhüllung des Körpers mit einem Kostüm als Maskerade. Neben die reine Nacktheit als Maskerade tritt in vielen Fällen das Bemalen der Haut. Das Kostüm wird auf diese Weise direkt am Leib getragen. So gibt es Darstellungen, in denen durch die schwarze Bemalung der Haut quasi ein umgekehrtes Passing stattfindet. ‚Eine weiße Frau schlüpft für einen Tag in die Haut einer schwarzen Frau.‘

Dieses Beispiel zeigt bereits an, wie eng die Präsentation von Körperlichkeit immer auch mit der Wahrnehmung und Inszenierung von Ethnizität zusammenhängt.


Ethnizität und Nationenzugehörigkeit:

Die internationalen Teilnehmenden des Festivalkarnevals der X. Weltfestspiele sollten das bunte, weltoffene und internationale Bild der Veranstaltung prägen. Doch war es ihnen kaum möglich, tatsächlich eigene Vorstellungen für ihre Beteiligung beim Karnevalszug einzubringen. Vielmehr machte das Planungsbüro sehr eindeutige Angaben in Bezug auf die angeforderte Größe der Gruppen.

So heißt es:

Unter Beachtung der Tatsache, daß der ‚Festivalkarneval‘ eine bedeutende Veranstaltung des Kulturprogramms der X. Weltfestspiele ist, sollten sich die nachstehend aufgeführten nationalen Festivaldelegationen mit folgenden Teilnehmerzahlen beteiligen. Diese Zahlen stellen die Mindestanforderungen dar. (SAPMO-BArch DY/24/7184)

Eine besonders hohe Beteiligung erwartete man von der BRD (120), der CSSR (120), Finnland (120), Frankreich (180), Italien (130), Kuba (100), Polen (120), Rumänien (100), Ungarn (120) und der Sowjetunion (200). (SAPMO-BArch DY/24/7184) Auch die gewünschte Art des Engagements unterlag genauen Vorstellungen und Vorgaben. Die Darstellungen sollten sich im Bereich eindeutiger ethnischer oder nationaler Definitionen bewegen. Besonders gewünscht waren Nationaltrachten und Folkloregruppen, die ein vermeintliches kulturelles Erbe auf die Bühne bzw. die Straße brachten Die Anforderungen an Teilnehmende aus Afrika und den arabischen Staaten lauteten zum Beispiel: Rhythmusgruppen, Tanzgruppen, Maskengruppen, Bauchtänzerinnen und Limbotänzer. (SAPMO-BArch DY/24/7184) Es sollte Typisches gezeigt werden, das sich jedoch allzu oft als Stereotypes erwies.

Auch Kommentare wie: „Achtung. In dieser Wagengruppe werde Ausländer mit einbezogen.“(SAPMO-BArch DY/24/7212) lassen die propagierte Toleranz und Weltoffenheit eher fraglich erscheinen.

Doch nicht nur die ausländischen Teilnehmenden wurden zu ‚landestypischen‘ Darbietungen angeregt. Auch Berlin und die DDR ethnisierten sich in ihren Beiträgen zum Festivalkarneval quasi selbst. Gezeigt wurde auch hier, was als typisch betrachtet wurde. So wurde der Zug durch alte Berliner Fahrzeuge angekündigt, fand sich der Berliner Bär neben sogenannten Berliner Originalen, wie dem Hauptmann von Köpenick, Vater Zille und Laierkastenmännern. Bier, Gurken, Brezeln und Faßbrause wurden ausgeschenkt und von Blasorchestern begleitet. (vgl. SAPMO-BArch DY/24/7212)

Der Karneval der Kulturen bietet solche Darstellungen nicht an. Berlin soll sich hier nicht homogen ‚deutsch‘ präsentieren, sondern bunt und vielfältig: eine hybride Kultur oder farbenfrohe ‚Multikulti-Landschaft‘.

In Bezug auf die Repräsentation des Fremden oder ‚Anderen‘ ergibt sich schließlich jedoch nur ein etwas verschobenes Bild. Beim Karneval der Kulturen laufen ethnisch definierte Gruppen neben sozialen Trägern und elektronischen Musikwagen. Die Gruppen dürfen ihren Beitrag zwar selbst gestalten, doch die Organisatorinnen wählen aus, was als Zeigenswert gilt und was nicht. Zugleich unterliegen die in den Medien transportierten Bildern einer starken Selektion. In ihren Berichterstattungen konstruieren die Medien einen Karneval, der scheinbar hauptsächlich aus ethnisch definierten Formationen besteht.

Für beide Veranstaltungen läßt sich schließlich feststellen: Es werden vor allem Bilder gezeigt, die drei Kriterien entsprechen. Erstens müssen die dargebotenen Inhalte expressiv sein. Zweitens sollte via Kleidung, Musik und Tanz eine eindeutige Zuordnung zu einer ethnischen Gruppe stattfinden können. Und drittens fällt auf, dass trotz der propagierten ethnischen Differenz die Einzelelemente vergleichbar sind – Alle bewegen sich gemeinsam in einem Karnevalszug, in dem getanzt, getrommelt und gesungen wird. (vgl. Welz 1996, S.300f.)

Die fremden Kulturen und Traditionen sollen als scheinbar authentisch inszeniert werden und zugleich den westlichen Seh- und Hörgewohnheiten angepasst sein. Gisela Welz, die sich intensiv mit Inszenierungen von Ethnizität beschäftigt hat, schreibt hierzu: „Fremdkulturelle Musik muß also für westliche Hör-, Seh- und Körpergewohnheiten inszeniert werden, um vom Publikum als authentisch erfahren werden zu können.“(Welz 1996, S.259) Eine ernsthafte Verstörung ist in beiden Programm- bzw. Karnevalsentwürfen somit nicht vorgesehen.

Auf diese Weise werden fremde Kulturen zwar in einem positiven Kontext dargestellt. Zugleich werden sie jedoch als das wilde und begehrenswerte ‚Andere‘ festgeschrieben. Als Idealbild dieses begehrenswerten Anderen können exemplarisch der ‚wilde, primitive Schwarze‘ und die weibliche Sambatänzerin gesehen werden. Sie versprechen beide Zugang zu verlorener Freude und ungezügelter Lust. Via Blick können sich die Zuschauenden dieses Begehren selbst aneignen. So können sie scheinbar für einen Moment aus ihrem geregelten Leben ausbrechen. (vgl. Hooks 1994; Hooks 1997) Letztlich sagen die ethnisch definierten Darbietungen so mehr aus „über die Kultur, die diese Darbietungen inszeniert und rezipiert, als über die dargestellten Kulturen“ (Welz 1996, S.279) selbst.


3. Ausblick:

Karneval der Nationen und Karneval der Kulturen. Zwei sehr unterschiedliche und doch sehr ähnliche Veranstaltungen. 30 Jahre und viele Veränderungen liegen zwischen ihnen. Gerade im Bereich der Geschlechterverhältnisse hat sich seitdem einiges verändert. Die Kulturpolitik und das Verständnis in Bezug auf andere Nationen und Kulturen hat sich weiterentwickelt und gewandelt. Neben die Nation als festem Bezugspunkt sind die Aspekte Ethnizität und (Multi-)Kultur getreten. Nicht umsonst heißt der Karneval der Kulturen nicht Karneval der Nationen.

Die Betrachtung der in beiden Veranstaltungen entworfenen Bilder von Geschlechtlichkeit, Körperlichkeit und Ethnizität haben jedoch gezeigt, dass ein Vergleich dieser beiden Karnevalszüge in Bezug auf ihre Bildpolitik nicht nur Unterschiede aufwirft. Statt tatsächlichen Brüchen oder Neuinterpretationen haben lediglich Verschiebungen stattgefunden.

Doch ist der Festivalkarneval mehr als nur ein Programmpunkt der X. Weltfestspiele. Die Karnevalsmetapher wurde im Verlauf der Sommeruniversität zu den X. Weltfestspielen mehrfach bemüht, um sich dem Phänomen Weltfestspiele 73 zu nähern. Und auch die Berliner Zeitung vom 1.8.2003 titelte in Bezug auf die Veranstaltung in Ost-Berlin: „Karneval der Verheißungen“.

Karneval heißt Entgrenzung. Es heißt, für einen Moment des positiven Ausnahmezustandes das zu leben, was im Alltag nicht oder noch nicht möglich ist. (vgl. Braun 2002) Es heißt auch Spiel mit der verkehrten Welt und Umkehrung der Verhältnisse. (vgl. Schindler 1984)

Die Verantwortlichen des Festivalkarnevals haben in ihren Konzeptentwürfen ausdrücklich diese Potenz des Karnevals als Gegenmacht betont. Mit dem Gegner, der verlacht und gegen den Macht ausgeübt werden sollte, war jedoch lediglich der Imperialismus gemeint. Eine kritische Betrachtung des eigenen Systems war nicht erwünscht.

Karneval heißt auch Chaos und Unordnung. Der Festivalkarneval war jedoch genau organisiert und strukturiert. So wurden nicht nur Laufbänder und Stellkarten angefertigt, sondern auch jedes Detail aufgelistet, wurden eindeutige Anforderungen und Verhaltensmaßregeln für die Teilnehmenden festgelegt. Besondere Vorkommnisse gab es laut Aktenbericht nicht.

73 sollte der Eindruck von Spontaneität, Internationalität und Weltoffenheit vermittelt werden. Die für den Karneval untersuchten Kategorien von Körperlichkeit, Geschlechtlichkeit und Ethnizität grenzen jedoch eher aus als ein.

Es sind mit Definitionsmacht aufgeladene Kategorien, auf deren Imaginationen sich Gesellschaften und Nationen konstituieren. Zu dieser Konstitution muß das Fremde und ‚Andere‘ als das Bedrohliche ausgeschlossen werden. (vgl. Bronfen, Marius 1997) Fremd und Anders sind zum Beispiel Menschen und Konzepte, die sich einer Einordnung in das strenge System der heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit entziehen, aber auch nicht funktionale Körper oder kulturell Fremde, die qua ethnischer Benennung häufig erst zu Fremden gemacht werden. Der Ausschluß und die Benennung des Fremden als ‚Anderem‘ wird als Kontrast zur Benennung des ‚Eigenen‘ oder der ‚Norm‘ benötigt. Zugleich dient es als „Indiz für einen gelungenen fortschrittlichen politischen Wandel.“ (Hooks 1994, S.39)

Der Karneval hätte ein Ort und eine Stimme dieses Anderen in allen Formen sein können. Er hätte, wie die gesamten X. Weltfestspiele, zur Gegenmacht gegen die eingrenzenden Aspekte des DDR Regimes und Systems werden können. Doch trotz aller vermeintlichen Entgrenzungen im Rausch des Festes, blieben die Grenzen letztlich doch sehr eng gesteckt.


Literaturverzeichnis:

Quellen:

Zum Karneval der Nationen:

SAPMO-BArch, DY/24/7179.

SAPMO-BArch, DY/24/ 7212.

SAPMO-BArch, DY/24/7184.

Hellwig, Joachim: Wer die Erde liebt. Ein Dokumentarfilm über die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Ost-Berlin. Berlin 1974.

Kottwitz, Eberhard; Gerstäcker, Manfred: X. Festival. Weltfestspiele der Jugend und Studenten Berlin- Hauptstadt der DDR – 1973. Dresden 1973.

Steineckert, Gisela; Walther, Joachim: Neun-Tage-Buch. Die X. Weltfestspiele in Berlin. Erlebnisse, Berichte, Dokumente. Berlin 1974.

Zum Karneval der Kulturen:

offizielles Programmheft des Karnevals der Kulturen 2003, hrsg. von der Werkstatt der Kulturen.

www.karneval-berlin.de

Sendungen des Offenen Kanals Berlin vom 7.-9.6.2003 zum Straßenfest und Straßenumzug des Karnevals der Kulturen.

Live-Übetragung des Straßenumzugs Karneval der Kulturen des RBB vom 8.6.2003.


Sekundärliteratur:

Angerer, Marie-Luise: Vom Unbehagen der Geschlechter in der Kultur. Über Differenz, Andersheit und Identität. Feministische Perspektiven. In: Kurt Luger, Rudi Renger (Hrsg.): Dialog der Kulturen. Die multikulturelle Gesellschaft und die Medien. Wien 1994, S.110-128.

Braun, Karl: Karneval? Karnevaleske. In: Zeitschrift für Volkskunde (Bd.98) 2002, S.1-15.

Bronfen, Elisabeth; Marius, Benjamin: Hybride Kulturen. Einleitung zur anglo-amerikanischen Multikulturalismusdebatte. In: dies. (Hrsg.): Beiträge zur anglo-amerikanischen Multikulturalismusdebatte. Tübingen 1997, S.1-30.

Hooks, Bell: Selling hot pussy. Representations of black female sexuality in the cultural marketplace. In: Katie Conboy, Nadia Medina, Sarah Stanbury (Hrsg.): writing on the body. Female Embodiment and Feminist Theory. New York 1997, S.113-128.

Hooks, Bell: Black Looks. Popkultur- Medien- Rassismus. Berlin 1994.

Herold, Frank: Karneval der Verheißungen. In: Berliner Zeitung (Nr.177), 1.8.2003.

Schindler, Norbert: Karneval, Kirche und die verkehrte Welt. Zur Funktion der Lachkultur im 16.Jahrhundert. In: Jahrbuch für Volkskunde. (Bd.1) 1984, S.9-57.

Welz, Gisela: Inszenierungen kultureller Vielfalt. Frankfurt am Main und New York City. Berlin 1996.