KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
 Start  Reports  Themen  Texte  Zeitdokumente  Kritik  Veranstaltungen 
 Editorial  Impressum  Redaktion  Forum  Suche 
ThemaKulturation 2/2003
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Franziska Hornbogen
„Halb- Weltsicht“.
Die DDR- Weltoffenheit wÀhrend der X. Weltfestspiele
Zur EinfĂŒhrung

In der Grundkonzeption der X. Weltfestspiele wurde das Hauptanliegen festgelegt, dass die internationalen Treffen und Begegnungen wĂ€hrend der Festivaltage zu „StĂ€tten des Erfahrungs- und Informationsaustausches sowie der gegenseitigen Kontakte fĂŒr weitere gemeinsame Aktionen der Jugend“ werden sollten. Ebenso wurde gefordert, dass jene X. Weltfestspiele dazu beitrĂŒgen, zwischen den auslĂ€ndischen GĂ€sten und der DDR- Bevölkerung herzliche Verbindungen herzustellen. Ein grundlegendes Problem aber schon in der Vorbereitung und spĂ€ter auch in der DurchfĂŒhrung war, dass die Offenheit, insbesondere die InternationalitĂ€t, auf ein kontrollierbares Maß beschrĂ€nkt wurde. Wie inszenierte die DDR- FĂŒhrung ihre Weltoffenheit? Welche Absicht verbarg sich hinter den restriktiven Öffnungen nach Außen?

In der Januarausgabe 1973 der Zeitschrift „Das Magazin“ definierte Eberhard Heinrich den DDR BĂŒrger und gibt uns heute damit vielleicht eine ErklĂ€rung: „Dieses Jahr wird schließlich, und hier kommt zu alledem ein Spezifikum fĂŒr die DDR und ihre BĂŒrger hinzu, das Jahr der weltweiten Anerkennung unseres Staates sein. Über zwei Jahrzehnte hat sich der Imperialismus mit der Existenz des sozialistischen deutschen Staates nicht abfinden wollen. Jetzt muß er dessen SouverĂ€nitĂ€t, UnabhĂ€ngigkeit, Territorium und Grenzen selbst anerkennen, wenn er nicht von dem mĂ€chtigen Zug der Zeit ĂŒberrollt werden will. (...) Das verĂ€nderte KrĂ€fteverhĂ€ltnis wird also kĂŒnftig auch an den Vertretungen aus aller Welt in der Hauptstadt der DDR abzulesen sein. Dies vor Augen, werden sich die BĂŒrger dieses Landes aber um so deutlicher bewusst sein, wer sich von Anfang an und in den vergangenen Jahren an ihrer Seite befand, (...). Die Welt nĂ€her vor Augen, werden sie noch genauer und deutlicher erkennen, was das Wichtigste, das Ausschlaggebende in unserer Zeit ist, wodurch sich der Gang der Dinge zum Positiven verĂ€nderte und weiter verĂ€ndert: durch Aufstieg, Kraft und Einfluß des Sozialismus. Daran wiederum mitzuwirken, ist Auftrag und BedĂŒrfnis des DDR- BĂŒrgers im Jahre 73.“/1/

Die FestivalatmosphĂ€re wurde von vielen Teilnehmern als ambivalent beschrieben. Einerseits schöpften nicht nur die Jugendlichen Hoffnung auf VerĂ€nderung hinsichtlich der Öffnung der DDR gegenĂŒber der Welt aus den Vorbereitungen und dem Aufwand, der fĂŒr die Tage in Berlin betrieben wurde. Die FDJ hatte in den Monaten vor den Weltfestspielen einen enormen Zulauf, nicht zuletzt auch aus dem Grund der angeblich erweiterten Möglichkeiten innerhalb der Kultur. Andererseits fĂŒhlten viele FDJler den dauerhaften Druck, „eingereiht“ zu werden, aber die Vorbereitungen der Weltfestspiele wurden von vielen genutzt, um sich kĂŒnstlerisch und anderweitig zu betĂ€tigen. Doch wie in jugendpolitischen ParteibeschlĂŒssen ĂŒblich, standen in den Konzeptionen des Vorbereitungskomitees die Fragen der Bewusstseinsbildung im Vordergrund. Unliebsame ZwischenfĂ€lle sollten von vornherein ausgeschlossen werden, Kontakte zu auslĂ€ndischen Teilnehmern wurden geplant. Der Geist der ostdeutschen Jugend wurde auf den „Festivalkurs“ zugeschnitten. Die AnsĂ€tze einer jugendpolitischen Wende sollte verfestigt werden, aber auch genutzt werden, um die Jugend noch stĂ€rker in die sozialistische Gesellschaft einzubinden. Die Form der Vorbereitungen und der DurchfĂŒhrung der DDR- Jugend auf die X. Weltfestspiele glich in der Organisation einer Kampagne, worunter die GlaubwĂŒrdigkeit des Festivals als ein weltoffenes Jugendtreffen litt. Damit war die Möglichkeit eines Blickes nach außen, einer Kommunikation unter den verschiedenen NationalitĂ€ten, auch nach den WFS fortgefĂŒhrt, von Beginn an sehr begrenzt. Wie empfand die junge DDR- Generation diese organisierte Weltoffenheit, wie stand sie zu ihrer Heimat?


Die FDJ- Vorbereitung der Jugend auf die Weltfestspiele und die damit verbundenen auslĂ€ndischen Kontakte und die Inszenierung von InternationalitĂ€t der DDR- FĂŒhrung

Angesichts der Auswahl und der Übernahme westlicher Idole traute die SED- Regierung ihrer Jugend nicht. Im Beschluss der 4. Tagung des Zentralrates der FDJ im Februar 1972 forderte man, den Schwerpunkt aller AktivitĂ€ten und Initiativen in der Vorbereitung der X. Weltfestspiele darauf zu setzen, die Jugend „zu klassenbewussten Sozialisten zu erziehen, die sozialistisch arbeiten, lernen und leben“/2/. Das X. Festival bot die Möglichkeit, die junge DDR- Bevölkerung im Sinne von FDJ und Partei zu beeinflussen. Jener sozialistische Staat, der seine Nachfolgegeneration an sich binden wollte, legte großen Wert auf eine internationale Erziehung. Beliebte Termini waren hierbei „SolidaritĂ€t“ und „Völkerfreundschaft“. Nun ging es in der Erziehung hauptsĂ€chlich um die richtige Anwendung dieser Begriffe, besonders wĂ€hrend der X. Weltfestspiele. Das PolitbĂŒro forderte im Beschluss vom 20. April 1972 eine Intensivierung des „FDJ- Studienjahres“. Um die Aufnahmebereitschaft in die FDJ zu erhöhen, sollten die Alltagsfragen der Nachwuchsgeneration stĂ€rker berĂŒcksichtigt werden. Doch vor allem forderte die Partei verstĂ€rkt eine antiwestliche Propaganda des Jugendverbandes. Wesentlicher Bestandteil der Vorbereitung auf die Weltfestspiele waren fĂŒr die FDJ die Selektierung und Einweisung der Festivaldelegierten sowie ihrer „Chefbetreuer“ im Sinne einer antiimperialistischen, vor allem aber sozialistischen Jugend. Im Abschlussbericht der Hauptabteilung Großveranstaltungen der FDJ heißt es hierzu auswertend: „Wichtige Voraussetzung fĂŒr den Erfolg war die intensive politisch-ideologische Arbeit mit diesen Kollegen.“/3/ Nicht zuletzt durch die Warnung der Jugendabteilung des ZK der SED im Juni 1972 vor „sektierischer“ Gruppen (so zum Beispiel Maoisten) ausgelöst, wurden die internationalen Treffen schon von Vornherein ideologisch gelenkt. „Wir mĂŒssen im klaren sein, dass im Zusammenhang mit der Vorbereitung und DurchfĂŒhrung der Weltfestspiele die Auseinandersetzung mit ideologischen Plattformen und Auffassungen verschiedener Strömungen der Jugendbewegung in den kapitalistischen LĂ€ndern und den jungen Nationalstaaten eine Rolle spielen wird.“/4/Schließlich wollte man durch die Diskussionen unter den DDR- BĂŒrgern und den internationalen Teilnehmern auch eine Offenheit demonstrieren. FĂŒr die Organisatoren bedeutete dies, die Konversationen trainieren und dirigieren zu mĂŒssen, um nicht die Kontrolle ĂŒber die proklamierte SolidaritĂ€t und Völkerfreundschaft zu verlieren. In der Auswertung des Zentralinstitutes fĂŒr Jugendforschung „Jugend und Internationalismus“ wertete man diese Anstrengung folgendermaßen aus: „Insgesamt haben die Vorbereitungen des Festivals und das Festival selbst den Jugendlichen Anregungen gegeben, ihre marxistisch- leninistischen Kenntnisse zu erhöhen und sich darin zu ĂŒben, ĂŒberzeugend zu diskutieren und zu argumentieren.“/5/

Das Konzept fĂŒr die X. Weltfestspiele der DDR- FĂŒhrung war ein Gemisch aus sozialistischer, bĂŒrgerlicher Hochkultur, das die PrĂ€sentation des Arbeiteralltags einschloss, und der Hervorhebung tradierter Volkskunst, wobei als Beispiel hierfĂŒr ganz besonders die russischen und ungarischen VolkstĂ€nze und die Freiheitssongs sozialistischer LĂ€nder hervorzuheben sind. Alles in allem suchte man sich PrĂ€sentationsformen, die eher als propagandistische Demonstrationen zu bezeichnen waren als ein friedliches NĂ€herbringen von unterschiedlicher Kultur. Das gesamte Festival war nach dem Konzept fĂŒr DDR- Großveranstaltungen organisiert: Konferenzen, Seminare, und Massenmeetings mit schon vorher ausgewĂ€hlten Teilnehmern zu ausgesuchten, sich immerfort an den Festivaltagen wiederholenden Themen wie „Kampf gegen Herrschaft der Monopole“, „fĂŒr Aktionseinheit“, „Frieden und sozialistischer Fortschritt“. Den entscheidenden Anteil hatten die Eröffnung, die Demonstrationen sowie die Ehrung der sowjetischen Soldaten in Treptow, die besonders grĂŒndlich „unter BerĂŒcksichtigung der Massenwirksamkeit“/6/ vorbereitet wurden. FĂŒr diese Events bestĂ€tigt die Hauptabteilung Großveranstaltungen in der Nachbereitung: „Die Veranstaltung war emotional sehr wirkungsvoll und erreichte ihr Ziel im vollen Umfang.“/7/ In der Gestaltung der Stadt ĂŒbertraf man sich in der Buntheit, die fröhlich und international einladend wirken sollte und die die DDR- Besucher hĂ€ufig als sehr positiv erwĂ€hnten (empfanden sie doch ihre Hauptstadt in normalen Zeiten als eher grau). NatĂŒrlich steckte auch hinter all den SpruchbĂ€ndern mit Parolen, den bunten Flaggen und Wimpeln und den propagandistischen Plakaten eine Methode. In der Planung der „Sichtagitation“ hieß es: Das Ziel sei es, „...eine komplexe einheitliche Aussage in allen Gestaltungsebenen zu erreichen, die die jugendlich- optimistische und kĂ€mpferische AtmosphĂ€re der fortschrittlichen Jugend der Welt widerspiegelt.“/8/ Die international ansprechenden Ausstellungen, das Proklamieren von SolidaritĂ€t und wachsender Weltoffenheit sollte seine Wirksamkeit nicht verfehlen. Die Hauptabteilung „Internationale Treffen“ wertete dieses BemĂŒhen im Nachhinein positiv aus: „Das politische Programm der X. Weltfestspiele unterstrich die gewachsene Breite und die sich vertiefende politische Klarheit der antiimperialistischen SolidaritĂ€tsbewegung innerhalb der nationalen und internationalen sowie regionalen Jugend- und Studentenbewegung.“/9/

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Darstellung einer (im Grunde genommen partiellen) Weltoffenheit der DDR ein externes wie auch ein internes Ziel hatte. Einerseits wollte die DDR- FĂŒhrung der Welt zeigen, welchen Stellenwert der Jugend in ihrem Staat innerhalb des sozialistischen Kampfes fĂŒr Frieden und SolidaritĂ€t zugemessen und dass sie ernstgenommen wird. Andererseits diente dieses Unterfangen auch der normativen Vorgabe fĂŒr die DDR- Jugend. Sie bekam demonstriert, wie sie im Idealfall zu sein, zu denken und zu handeln hatte.


Die Ergebnisse der Studie „Jugend und Internationalismus“ des Zentralinstitutes fĂŒr Jugendforschung im Vergleich zu den RealitĂ€ten und Emotionen der internationalen Begegnungen

Aber wie sahen die internationalen Begegnungen in der RealitĂ€t aus? Wie empfanden die jungen DDR-BĂŒrger die Weltfestspiele und ihre propagierte Weltanschauung? ZunĂ€chst zur offiziellen Beurteilung: Die meisten der Jugendlichen, so ergab eine Studie des Zentralinstitutes fĂŒr Jugendforschung „Jugend und Internationalismus“ im Februar 1974, waren von der jugendgemĂ€ĂŸen AtmosphĂ€re des Festivals, der aktiven SolidaritĂ€t beeindruckt. Weiterhin stellte diese Studie fest, dass die teilnehmende Jugend die politische Wirksamkeit als Ă€ußerst positiv beurteilte, vor allem aber bewerteten 70% der Befragten/10/ die Weltfestspiele als ein gutes Beispiel fĂŒr den freien Austausch von Meinungen und Informationen zwischen der sozialistischen DDR und den kapitalistischen LĂ€ndern. Gleichzeitig wird aber auch erwĂ€hnt, dass der ĂŒberwiegende Teil nur kurze oder flĂŒchtige Treffen erlebte. Die politischen Diskussionen hĂ€tten den Eindruck der Jugendlichen vom Festival wesentlich bestimmt. Eine Definition dieser Jugendlichen macht diese Feststellung verstĂ€ndlich: junge Genossen (59%), Arbeiter (50%) und FunktionĂ€re der FDJ (42%)/11/, also die (aus Angst vor ungenĂŒgenden politischen Kenntnissen und mangelnden FĂ€higkeiten) in der Vorbereitung schon ideologisch Trainierten und Gelenkten. Interessant ist hierbei die Betonung der Einsicht der jungen Nachwuchssozialisten, dass ein Internationalismus ohne Patriotismus nicht einhergehen könne. Als Beweis dafĂŒr eine HĂ€ufigkeit uneingeschrĂ€nkt positiver Einstellungen zum Vaterland: 69% der Befragten seien stolz, ein BĂŒrger des sozialistischen Staates zu sein, 76% betonen, die DDR und nicht „ganz Deutschland“ als Heimat zu bezeichnen. Allerdings gaben nur noch 36% (im Vergleich) die Notwendigkeit an, sich auch weiterhin vollstĂ€ndig von der imperialistischen BRD abzugrenzen. Die Statistik von Begegnungen der Festivalteilnehmer mit GĂ€sten anderer Staaten bleibt in der Studie unkommentiert. Möglicherweise passte diese Tabelle nicht in den sonst so positiv ausfallenden Tenor, denn hier wird deutlich: 72% trafen GĂ€ste aus den sozialistischen LĂ€ndern, aber 72% trafen sich ebenfalls mit Teilnehmern aus kapitalistischen Staaten. Die Auswertung folgert resultierend: „Entscheidend ist jetzt, dieses gewachsene politische Interesse durch entsprechende Maßnahmen weiter zu fördern.(...)Die Probleme der ideologischen Arbeit mit der Jugend: Die insgesamt politische Entwicklung erstreckt sich nicht gleichsam auf alle sozialistischen GrundĂŒberzeugungen.“/12/

Doch versetzt man sich in den jungen DDR- BĂŒrger, der, so dachten viele, das GlĂŒck hatte, an den X. Weltfestspielen teilzunehmen, so stĂ¶ĂŸt man wieder auf eine Ambivalenz. In einer Zeit des Kalten Krieges, in der fĂŒr die sozialistische Welt fest stand, dass der Kapitalismus die Menschenrechte mit den FĂŒssen trat, in der der Kampf fĂŒr den Frieden und die Befreiung so bedeutende Positionen einnahm, wie mussten die sich in Kriegsuniformen reprĂ€sentierten Staaten aus Afrika, Lateinamerika und Asien sowie eine Angela Davis mit erhobener Faust auf den jungen Ostdeutschen wirken? Der Grundgedanke an SolidaritĂ€t und Frieden hatte sich verfestigt und man konnte stolz sein, zu der gerechten Seite zu gehören, am Kampf fĂŒr die Gerechtigkeit und Menschlichkeit teilzuhaben, besser ausgedrĂŒckt: man trug zur StĂ€rkung der antiimperialistischen Aktionseinheit der Weltjugend bei, man war ein Teil dessen. Es war großartig, Teilhaber einer Friedensbewegung zu sein. Diese Emotion war unleugbar bei den meisten vorhanden. Da scheint es nur all zu erklĂ€rbar, wieso viele ihr Heimatland und den „proletarischen Sozialismus“ vor westdeutschen Angriffen verteidigten. Andererseits bezeugen viele Interviews, die im Nachhinein gefĂŒhrt wurden, dass oft auch ĂŒber ganz AlltĂ€gliches diskutiert wurde. Die Frage, wie es sich in der anderen HĂ€lfte der Welt, im Kapitalismus lebt, beschĂ€ftigte die DDR- Kinder genauso (umgekehrt interessierten sich die auslĂ€ndischen GĂ€ste fĂŒr das Leben im Sozialismus). Man war neugierig und genoss die Möglichkeit einer weiteren Sicht in die bisher verpönte und unbekannte Welt. Nur schien man ein „besser“ oder „schlechter“ in diesen GesprĂ€chen weitergehend ausschließen zu wollen. Das GefĂŒhl, die Welt mit den HĂ€nden greifen zu können, wenn auch nur fĂŒr ein paar Tage, schĂŒrte die Hoffnung auf eine lĂ€ngerfristige VerĂ€nderung hinsichtlich der Öffnung der DDR der Welt gegenĂŒber. Ein anderer wesentlicher Grundgedanke darf nicht vernachlĂ€ssigt werden: Die Weltfestspiele wurde von vielen Teilnehmern als eine grandiose Party empfunden. An PlĂ€tzen jenseits der Kontrolle von Staatssicherheit und der immer prĂ€senten „Blauhemden“ (FDJ) fanden die wirklichen Treffen statt, bei denen gemeinsam gesungen, getrunken, getanzt und geliebt wurde. Heute denken die Teilnehmer am ehesten an die Buntheit und die Leichtigkeit des Festivals zurĂŒck und vielleicht auch ein bisschen schmerzhaft kommt dann die Erinnerung an das nicht einzulösende Versprechen an den indischen Freund, ganz bestimmt bald nach Kalkutta zu kommen. Doch reisen durfte man weiterhin nur in die sozialistische HĂ€lfte der Welt. Schließlich war doch dem Gros der jungen DDR- Generation der manipulative Hintergrundgedanke der plötzlichen Weltoffenheit bewusst. Sigrid R., ehemalige FDJ- Leiterin aus Pasewalk spricht es 30 Jahre spĂ€ter stellvertretend fĂŒr viele aus:„Diese Sache mit der Weltoffenheit war sehr weit hergeholt, denn es war keine Weltoffenheit. Die Grenzen zu Westberlin waren ja genauso verschlossen, wie sie immer verschlossen waren. Und die Begegnungen der einzelnen NationalitĂ€ten war sehr gesteuert.“/13/

Also bleibt mir die Schlussfolgerung: auch nach den Weltfestspielen war die Weltanschauung oder Weltsicht der jungen DDR- Generation eben weiterhin leider nur eine „Halb- Weltsicht“!


Anmerkungen

/1/ Heinrich, Eberhard. DDR- BĂŒrger ÂŽ73. In: Das Magazin. Heft 1/1973. S. 33.
/2/ Zentralrat der FDJ: Die Aufgaben der FDJ und der Pionierorganisation „Ernst ThĂ€lmann“ zur Vorbereitung der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Berlin, der Hauptstadt der DDR. Beschluss der 4. Tagung des Zentralrates der FDJ vom 29. Februar 1972. Berlin 1972. S. 3.
/3/Abschlussbericht der HA GV. DY 24/7379.
/4/ DY 30/Vorl. 18060.
/5/ Zentralinstitut fĂŒr Jugendforschung. Jugend und Internationalismus. Leipzig. Februar 1974.
/6/ HA GV DY 24/7379.
/7/ Ebd.
/8/ Abschlussbericht des Operativstabes fĂŒr Stadtgestaltung der BL der SED Berlin und der Abteilung Stadtgestaltung / Werbung des Organisationskomitees. Berlin. 19.8.1973. DY 24/7717.
/9/ HA Internationale Treffen. DY 24/16468.
/10/ Zentralinstitut fĂŒr Jugendforschung. Jugend und Internationalismus. Leipzig. Februar 1974.
/11/ Zentralinstitut fĂŒr Jugendforschung. Jugend und Internationalismus. Festivalstudie III. Leipzig. November 1973.
/12/ ZiJ. Februar 1974. S. 11.
/13/ Ohse, M. D.. Eine Schaufensterveranstaltung. Die DDR im Glanze der Weltfestspiele. In: Ders.. Jugend nach dem Mauerbau. Anpassung, Protest und Eigensinn (DDR 1961-1974), Berlin 2003. S. 353.


Quellen:

Akten des Zentralinstitutes fĂŒr Jugendforschung. Jugend und Internationalismus, Festivalstudien 1972- 1974.

Grundkonzeption fĂŒr Gestaltung der politischen Großveranstaltungen wĂ€hrend der X. Weltfestspiele. Zentralarchiv der FDJ, DY 24/ 7379.

Abschlußbericht der HA Großveranstaltungen, DY 24/ 7379.

Grundkonzeption fĂŒr die politischen Veranstaltungen der X. Weltfestspiele. Anlage III, DY 24/ 16468.

HA Internationale Treffen, DY 24/ 16468.

Tagesberichte des Organisationskomitees. (Erich Rau- Leiter des OK der X.WFS), DY 24/ 8646.


SekundÀrliteratur:

Ohse, M. D. . Eine Schaufensterveranstaltung. Die DDR im Glanze der Weltfestspiele. In: Ders.. Jugend nach dem Mauerbau. Anpassung, Protest und Eigensinn (DDR 1961-1974), Berlin 2003. S. 339- 356.

Raabe, F. . Positionen aus Ost und West zu den X. Weltfestspielen 1973 in Ostberlin. Zwischen Distanz und Aktionseinheit. In: Ost- West-Informationsdienst des katholischen Arbeitskreises fĂŒr Zeitgeschichte. Heft 196. 1997. S. 28-39.

Rossow, I. . “Rote Ohren, roter Mohn, sommerheiße Diskussion”. Die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 als Möglichkeit fĂŒr vielfĂ€ltige Begegnungen. In: Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR. Berlin 1999. S. 257- 275.

Rossow, I. . „Ketten werden knapper“? Die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 im Zeichen scheinbarer LiberalitĂ€t (Magisterarbeit). Leipzig 2000.

Wolle, S.. Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971-1989. Berlin 1998. S. 164-166.