KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 2/2003
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Gerd Dietrich
Eine "weltoffene" Diktatur. Die DDR am Beginn der 70er Jahre

Eröffnungsvortrag der "Sommeruniversität" im Rahmen der Veranstaltung der Bundeszentrale für Politische Bildung: "heldinnen, bands & klassenbrüder. Weltfestspiele '73", Berlin, 1. August 2003.

Es soll auch bei dieser "Sommeruniversität" um den Versuch gehen, das Wesen und Leben in dieser DDR, oder das, was diese kleine Welt im innersten zusammenhielt, zu erklären. Und seit dem Ende der DDR häufen sich ja die Erklärungsmodelle. Die Angebote scheinen sich stetig zu mehren, die Literatur ist nahezu unüberschaubar geworden: Da ist von einem totalitären bzw. posttotalitären Staat, von einem vormundschaftlichen Staat, von einem Versorgungsstaat oder von einem Ständestaat mit Kastenherrschaft die Rede, da spricht man von moderner Diktatur, Erziehungsdiktatur, von parteibürokratischer Herrschaft oder von einer Patrimonialbürokratie neuen Typs, da gibt es Charakteristika wie durchherrschte Gesellschaft, Organisationsgesellschaft, Klassengesellschaft, Konsensgesellschaft oder Nischengesellschaft, und da geistern Begriffe wie arbeiterliche und tragische Gesellschaft oder das Land der kleinen Leute und die roten Preußen durch die Literatur. (vgl.Ihme-Tuchel)

Jeder kann sich sein kleines Modell zusammenbasteln aus dem großen Modellbaukasten der Theorien. Die DDR-Geschichte ist gleichsam zu einem Marktplatz der Ideen, zur Spielwiese und Probebühne, zum Experimentierfeld und Diskussionsobjekt der Politik-, Sozial- und Kulturwissenschaften geworden.

Ich habe nicht die Absicht, einen weiteren Typ von Diktatur zu kreieren. Ich will auch nicht, jedenfalls noch nicht, am Wettbewerb der Interpreten teilnehmen. Ich versuche allein auf die Zweigleisigkeit von Altem und Neuem, auf das Nebeneinander von Hoffnungen und Enttäuschungen; oder - um es wissenschaftlich auszudrücken: auf die "konstitutive Widersprüchlichkeit" (Pollack,S.110) und auf die "unaufhebbare Multiperspektivität" (Sabrow, S.107) jener Zeit einzugehen.

Ich werde erstens über die Ambivalenz Anfang der 70er Jahre, zweitens die Weltfestspiele 1973 sprechen und drittens über den Wandel der Erinnerung nachdenken.


1. Die DDR zur Zeit der Weltfestspiele

In dem Projektseminar "Zwischen Propagandashow und 'rotem Woodstock' X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten, Berlin 1973" haben wir uns mit dieser Widersprüchlichkeit und Multiperspektivität beschäftigt. Ich bin gespannt darauf, wie eine junge Generation von heute die Erfahrungen der jungen Generation von damals beschreibt und beurteilt. - Zuvor jedoch ein Blick zurück:

Weltfestspiele der Jugend und Studenten hatten in Berlin - Ost schon einmal stattgefunden: das III. Festival im August 1951. Es war das "bis dahin größte und aufwendigste". Die junge DDR warb um Anerkennung. "26.000 Teilnehmer aus 104 Ländern mischten sich mit rund 2 Mill. Jugendlichen aus der DDR. Etwa 35.000 waren aus der Bundesrepublik und Westberlin gekommen" (Breßlein, S.89 u. S.5). Das Festival stand unter der Losung: "Jugend - einig im Kampf für den Frieden - gegen die Gefahr eines neuen Krieges". Erich Honecker, damals Chef der FDJ, dazu in seinen Erinnerungen: "Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte kam es in den Augusttagen des Jahres 1951 zur massenhaften Begegnung der deutschen Jugend mit Jugendlichen aus Ländern aller Kontinente nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf dem Feld des Friedens und der Völkerverständigung." (Honecker, Leben, S.181)

Mit der Organisation allerdings war die FDJ überfordert. Täglich gingen 80.000 bis 90.000 Jugendliche nach Berlin - West, um dort Kinos zu besuchen und sich verpflegen zu lassen. Der darob von der SED-Führung heftig kritisierte FDJ-Chef trat die Flucht nach vorn an, ließ Marschsäulen von 10.000 FDJ'lern nach Westberlin demonstrieren, was zu blutigen Zusammenstößen mit der Polizei führte. "Die Freie Deutsche Jugend stürmt Berlin" hieß ein Lied von 1950.

Seitdem hatte sich die Lage grundlegend verändert. Bipolarität und Blockdenken waren im Kalten Krieg verfestigt worden. Die Berliner Mauer im August 1961 nahm den Ostdeutschen die Freiheit der Ausreise - und des Kinobesuchs - und leitete zugleich die Konsolidierung der DDR ein. Zum Ende der 60er deutete sich eine Phase der Entspannung zwischen den Supermächten USA und Sowjetunion und in deren Folge auch zwischen den beiden deutschen Staaten an. Der lange Kampf der DDR gegen die Hallstein-Doktrin hatte Erfolg: Im Sommer 1973 unterhält sie mit 89 Staaten diplomatische Beziehungen, ist in den Spezialorganisationen der UNO vertreten, im September 73 werden beide deutsche Staaten in die Vereinten Nationen aufgenommen.

Die Vorbereitung der Weltfestspiele 1973 stand ganz im Zeichen dieses Prozesses internationaler Anerkennung und gewachsener Souveränität. Sie stand ebenso im Zeichen der Konkurrenz mit der Bundesrepublik. Als z.B. Honecker die Olympioniken der DDR empfing, die bei den XX. Olympischen Sommerspielen in München 1972 erstmals als selbständige Mannschaft auftraten und den dritten Platz in der Länderwertung belegten, wies er ausdrücklich auf die Weltfestspiele als nächsten Höhepunkt hin. Die DDR wollte beweisen, daß sie zur reibungslosen Durchführung eines ebenso großen internationalen Treffens in der Lage sei.

Im Verhältnis zur Bundesrepublik aber geriet die DDR Anfang der 70er unter erheblichen Anpassungsdruck und Veränderungszwang. Auf der einen Seite Gespräche und Verhandlungen, kulminierend im Grundlagenvertrag vom Dezember 1972. Von Egon Bahr prägnant kommentiert: "Früher hatten wir gar keine Beziehungen, jetzt haben wir wenigstens schlechte." (Bender, S.184) Gleichwohl war das der Beginn eines "Wandels durch Annäherung".

Auf der anderen Seite Distanz und Abgrenzung: Kaum hatte Willy Brandt eine ähnliche Position vertreten, wie sie die DDR bisher bezogen hatte: zwei Staaten, die nicht Ausland füreinander sind und derselben Nation angehören, trat die SED den Rückzug an. Die Verfassung der DDR von 1968 hatte noch vom sozialistischen Staat deutscher Nation gesprochen, der VIII. Parteitag der SED 1971 erklärte, daß die Geschichte über die nationale Frage entschieden habe und 1974 wurden alle nationalen Bezüge aus der Verfassung gestrichen. - Über die deutsch-deutschen Querelen während der Weltfestspiele wird uns Carsten Schröder berichten.

Auch gesellschaftspolitisch geriet die SED Anfang der 70er unter Veränderungszwang und Anpassungsdruck. Mit der von Honecker eingeleiteten Politik eines "Konsumsozialismus" versuchte die DDR, im Konsum dem Westen nachzueifern, ohne seine Produktivität erreichen zu können. Später wurden hierfür die Begriffe "Fürsorgediktatur" oder "diktatorischer Wohlfahrtsstaat" (Jarausch, S.42; Meuschel, S.235) geprägt. Bekanntermaßen führte dies in die Schuldenfalle.

Die SED - Politik der frühen 70er ist auch als "kontrollierte Öffnung" bzw. "repressive Toleranz" (Wolle, S.164; Ohse, S.304) bezeichnet worden. Denn die SED-Führung mußte wieder größere Handlungsspielräume zulassen, um Autorität zurück zu gewinnen. Das innenpolitische Klima war seit 1965 - seit dem "Kahlschlagplenum" - geradezu eisig geworden. Selbst bei loyalen Bürgern hatte die SED an Vertrauen eingebüßt. Der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in Prag 1968 hatte ein übriges getan.

Und natürlich wollte sich der neue Mann an der Spitze - nach seiner Rolle als Zuchtmeister von 1965 - nun als Landesvater profilieren. Die SED-Führung unter Honecker versuchte ab 1971 zu testen, was herauskommen könnte, wenn sie sich zeitweilig nur auf die Globalsteuerung kultureller und geistiger Prozesse beschränkte. Man zog eine stillschweigende Korrektur vor. Die Kontrollmechanismen wurden zwar flexibler gehandhabt, aber nicht prinzipiell reformiert. Hauptziel war, einen Beruhigungseffekt zu erzielen. Zugleich schien sich Veränderung anzukündigen:

So gab es im Januar 1972 zum ersten Mal eine Öffnung der Grenzen in Richtung Osten. Nun konnten die Bürger der DDR visafrei nach Polen und in die CSSR reisen.

Daß die am Tage fleißig arbeitenden Werktätigen am Abend in den Westen "gingen", wurde nicht mehr mit dem Herunterholen der "Ochsenköpfe" bzw. Unterschriftenaktionen gegen Westmedien beantwortet, sondern von Honecker im Mai 73 mit dem lakonischen Kommentar versehen, daß "bei uns jeder nach Belieben ein- und ausschalten kann". (Honecker, Bd.2, S.235)

In der Sprache der Kulturpolitik häuften sich Stichworte wie Weite und Vielfalt, Entdeckerdrang und Phantasie, Geduld und schöpferisches Suchen. Auf der ZK-Tagung im Dezember 71 fiel Honeckers berühmt gewordener, freilich sehr unterschiedlich interpretierbarer Satz: "Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben." (Honecker, Bd.1, S.421)

Geradezu spektakulär war die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruches bis zur 12. Woche durch Gesetz der Volkskammer im März 72, wo es zum ersten Mal sogar Gegenstimmen gab. Diese moderne Fristenlösung war verbunden mit umfangreichen Maßnahmen zur Verlängerung des Mutterschutzes, dem Ausbau von Kinderkrippen und der finanziellen Förderung junger Ehen.

Auch in der Jugendpolitik gab es eine Trendwende: Noch 1968 hatten die Herrschenden dem ganzen Land gezeigt, daß sie bereit waren, selbst die eigenen Kinder der Staatsräson zu opfern. Als die gegen den Einmarsch in Prag protestierenden Töchter und Söhne von Altkommunisten exemplarisch bestraft wurden. Aber Ende der 60er signalisierte selbst das MfS: das Konfliktpotential auf dem Beatmusik- und Jugendsektor sei so bedrohlich, daß sich ein erneuter Kurswechsel empfehle.

Nun bekam die Jugendpolitik eine konstruktive Note, zielte auf Integration statt auf Konfrontation. Der Jugend sollten wieder Freiräume gewährt werden. Die FDJ wurde verpflichtet, sich für deren kulturelle Belange zu engagieren und sie nicht nur mit propagandistischen Formeln anzusprechen. Die Konsum- und Freizeitmöglichkeiten wurden deutlich verbessert, vom Ausbau des Tanz- und Unterhaltungsangebots bis zu technischen Geräten und Medien. Die Weltfestspiele verhalfen der Rockkultur in der DDR endgültig zum Durchbruch.- Heiner Stahl wird über den Jugendsender DT 64 und Johannes Krätschell über einen Jugendklub in Berlin sprechen. - Und die Losung: "Nieten in Nietenhosen unerwünscht" war längst passé. Jetzt produzierte die DDR selber Jeans, oder so was ähnliches.

Jene "Öffnung" und "Toleranz" hatte allerdings eine Kehrseite, die der Kontrolle und der Repression. Der gigantische Ausbau der Staatssicherheit und ihres Systems der "Inoffiziellen Mitarbeiter" in den 70er Jahren war Teil dieser Politik. Daß Unterdrückung, Überwachung und Manipulation subtilere Formen annahmen, lag nicht an den fehlenden Möglichkeiten, sondern den veränderten ökonomischen und internationalen Rahmenbedingungen. "Der Stasi - Apparat unterlag dem gleichen Prinzip wie die Absperrmaßnahmen an der Grenze ", schrieb Stefan Wolle: "Er wurde technisch immer perfekter und politisch immer wirkungsloser." (Wolle, S.152) Was er zu den Weltfestspielen alles in Bewegung setzte, wird uns Christoph Ochs zeigen.

Zweifelsohne erweiterten sich die sozialen und kulturellen Möglichkeiten Anfang der 70er Jahre in der DDR beträchtlich. Gemessen am Wünschbaren mochten die Veränderungen gering erscheinen. Verglichen mit den Zuständen vorher war die Verbesserung der sozialen Lage und des kulturellen Klimas unübersehbar. Allerdings, politische oder institutionelle Garantien für einen dauerhaft größeren Freiraum wurden nicht gegeben. Kein Wunder auch, daß eine Politik, die jene Tendenzen begünstigte sie zugleich beargwöhnte. - Wir wissen, wie das ausging: Die Grenzen der Toleranz sind 1976/77 mit den Namen Reiner Kunze, Wolf Biermann, Rudolf Bahro oder Entwicklungen wie den Szenen oder dem Punk umschrieben. Es begann eine neuerliche Aussteiger- und Ausreisebewegung aus der DDR.

2. Die X. Weltfestspiele - Fakten und Zahlen

Die Ambivalenz des Festivals in Berlin - Ost 1973 ist schon mehrfach beschrieben worden: Einerseits ist von "Propagandashow", "Massenspektakel", "Schaufensterveranstaltung" und der DDR als "Potemkinsches Dorf" die Rede, andererseits von Offenheit der Diskussionen, der Fülle internationaler Begegnungen, von jugendlicher Ausgelassenheit: ein Hauch von "Woodstock" eben. (Mählert, S.195; Ohse, S.339; Wolle, S.163; Rossow, S.251ff.; Kirchenwitz, S.63)

Auch die offizielle Zielstellung, die die SED - Führung ausgab, betonte einen doppelten Aspekt. Schon bei der Konstituierung des Festivalkomitees der DDR im Februar 72 sagte Honecker: "Die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten werden ein Fest der Lebensfreude, ein Ereignis von großer politischer Bedeutung sein." (Honecker, Bd.2, S.448) Stets wurden beide Aspekte betont. Und es ist keineswegs so, daß diese politische Bedeutung auf reine Propaganda oder Ideologie reduziert werden kann.

Die von allen Teilnehmern akzeptierte Losung der X. Weltfestspiele lautete: "Für antiimperialistische Solidarität, Frieden und Freundschaft". Und wenn wir uns vor Augen führen, mit welcher Begeisterung Delegationen empfangen wurden, etwa aus Vietnam, in dem gerade der Krieg zu Ende ging, oder aus Chile, das wenige Monate später dem Putsch von Pinochet zum Opfer fiel, so wird verständlich, daß es tatsächlich einen friedliebenden und antiimperialistischen Geist gab und gibt, der die Jugend der Welt damals einte und der sie auch heute gegen den Krieg demonstrieren läßt.

Das Prinzip der Freundschaft über alle Kontinente hinweg, symbolisiert in der Festivalblume, sollte nicht eine utopische Idee bleiben, sondern mit dem Ende des Kalten Krieges Erfüllung finden. Dies zeigte auch das Festival des Politischen Liedes, über das Sarah Jost sprechen wird. Freilich ist nicht zu leugnen, daß jene Idee einer freundlichen Welt damals ebenso mit Illusionen behaftet war, wie die Hoffnung der Jugend auf Liberalisierung in der DDR. Aber darüber werden uns Oliver Falk und Beate Krenz aufklären.

Gleichwohl zeigten diese X. Weltfestspiele, daß die Jugend der DDR zwar zu Großveranstaltungen noch zu mobilisieren war, ansonsten sich aber an der westlichen Massenkultur orientierte. Während die Politik noch auf ideologische Gleichschaltung zielte, übernahm die Sub- und Gegenkultur schon die Funktion authentischer Wahrnehmung. "Ketten werden knapper" von Gerulf Pannach und Klaus Renft wurde so zur inoffiziellen Festivalhymne.

Daß man die Feste feiern muß, wie sie fallen, hat Honecker zwar mit "Fest der Lebensfreude" nicht gemeint. Er dachte wohl eher konservativ an "Brot und Spiele" fürs Volk und jene manifeste Repräsentationskultur, wie sie alljährlich zum 1. Mai und 7. Oktober inszeniert wurde. Aber das Leben in der DDR war nicht gerade arm an Feiern und Festen. Zu ihrem Ende soll es jährlich über 5.000 Feste zwischen Ostsee und Thüringer Wald gegeben haben. Denn die 'Lust auf Feste' traf sich mit der "parteioffiziellen Legitimierung populärer Formen geselliger Unterhaltung", ja mit einer geradezu als "klassenneutral" verstandenen Unterhaltungskultur. (Mohrmann, S.424; Rossade, S.141) Wie sehr sich die Bilder gleichen, wird Svea Bräunert beim Vergleich des Karnevals der Nationen 1973 mit dem Karneval der Kulturen 2003 demonstrieren.

Über Details und Emotionen des Festivals werden wir noch viel erfahren. Ich will einige nüchterne Zahlen nennen, die Dimensionen umreißen, was hier zu inszenieren und zu installieren war. Und das ohne Zwischenfälle und zur Zufriedenheit der Teilnehmer, denn diesmal klappte die Organisation.

Der Abschlußbericht (vgl. zum folg. SAPMO; Honecker, Leben, S.332) nennt 1.542 Veranstaltungen mit ca. 7,4 Mill. Besuchern.

Aufgeschlüsselt heißt das: Ca. 1.200 Kulturveranstaltungen mit 174 bekannten Künstlern aus 22 Ländern hatten 5,2 Mill. Besucher.

Zu den 210 Veranstaltungen des politischen Programms kamen 1,8 Mill. in- und ausländische Teilnehmer, zu 36 Meetings der Solidarität 354.800 Teilnehmer, zu 157 Konferenzen und Seminaren 20.200 Teilnehmer, die internationalen Zentren der Solidarität wurden von 380.000 Menschen aufgesucht.

Die 137 Sportveranstaltungen hatten 437.000 Zuschauer. Am Sportprogramm nahmen 685 Sportler aus 20 Ländern teil. Zu den 8 internationalen Volkssportzentren kamen über 150.000 Festivalteilnehmer.

Darüber hinaus gab ein Pionierprogramm für Kinder und Jugendliche mit 46 Kinderdelegationen waren aus 44 Ländern. 50.000 Mädchen und Jungen nahmen am internationalen Kinderfest teil.

Für die ausländischen Festivalteilnehmer wurden ca. 1.000 Freundschaftstreffen mit 30.000 Teilnehmern, 135 Fahrten zu Mahn- und Gedenkstätten mit ca. 5.000 Teilnehmern und 230 Exkursionen in die Bezirke der DDR mit 8.700 Teilnehmern organisiert.

Insgesamt nahmen an den X. Weltfestspielen 25.646 ausländische Gäste teil, darunter 19.136 Festivaldelegierte. Sie repräsentierten 1.700 nationale und internationale Organisationen aus 140 Ländern. In dieser Hinsicht mag "Weltoffenheit" tatsächlich zutreffen.

Der Bericht spricht von 288.000 Festivaldelegierten aus der DDR. An anderer Stelle wird die Zahl von 500.000 FDJ'lern und Jungen Pionieren genannt, die am Festival teilnahmen. (Honecker, Bd.2, S.332) Über die Weltsicht bzw. die Halb-Weltsicht dieser "Heldinnen, Bands & Klassenbrüder" wird uns Franziska Hornbogen informieren.

Bleibt die Frage: Warum beschäftigt uns die Erinnerung daran?

3.Vom Verlust und Gewinn der Erinnerung

Heute reibt sich manch einer verwundert die Augen und schüttelt bedenklich den Kopf:

- Jana Hensels "Zonenkinder" hat inzwischen eine Auflage von 130 000.
- Wolfgang Beckers "Good bye, Lenin" sahen bisher über 5 1/2 Mill. Zuschauer.
- Der DDR - Geschmack ist auch in den "Kaufhallen" von Kaiser's oder Netto angekommen. - Ich selbst stehe auf Pflaumenmus aus Mühlhausen, Ziegenkäse aus Altenburg und Senfgurken aus dem Spreewald, Thüringer Rostbratwürste freilich nur in meiner Heimatstadt.
- Die Massine Productions GmbH plant in den Rathenau-Hallen in Berlin-Oberschöneweide einen "Funpark": Alltag in der DDR.
- Bei Berthelsmann wird "Das dicke DDR-Buch" vertrieben, als Sach- und Lachbuch in einem.
- RTL plant für den Herbst eine "DDR - Show" mit Katarina Witt u.a. Prominenten.
- Und hier: "Helden, Bands & Klassenschwestern" !

Da moniert das Flaggschiff gehobener (DDR-) Unterhaltung "Das Magazin": "Der Osten ist nur noch Mode und Unterhaltung, die DDR hat ihre Beißringfunktion für Freund und Feind verloren." (Meier, S.14)

Was geht hier vor? - Natürlich hat die Kulturindustrie einen gewinnträchtigen Markt entdeckt. Das ist ihr nicht zu verdenken, so ist sie nun einmal. Und selbstverständlich haben gute Ostprodukte ihren Markt verdient! Darauf will ich gar nicht hinaus. Es geht um eine allgemeine Erinnerungskultur, es geht um einen Wandel der Erinnerung. Lange Zeit standen sich die professionellen Geschichtsdeutungen der DDR-Vergangenheit und die erinnerten Alltagserfahrungen der Ostdeutschen ziemlich unvermittelt gegenüber. Die Ostdeutschen litten an einem "Mangel an Traditionssicherheit" (Mühlberg, S.218), sie fühlten sich geschichtlich ausgegrenzt, ihre vergangene Lebenswelt war ohne Wert geworden.

Dietrich Mühlberg hat den "langsamen Wandel der Erinnerung an die DDR" klug und einfühlsam beschrieben:

Während sich in der ersten Phase - 1990 - 1992 - im Überschwang der gewonnenen Freiheit die Ostdeutschen leichtsinnig von allem trennten, was nun "historischer Ballast" geworden war: Bibliotheken flogen in die Container, Straßen und Plätze wurden umbenannt, Denkmäler geschleift und die Super-Illu, das neue Blatt für die Ostdeutschen, setzte auf den Titel: "Vor der Wende mußte Meike aus Berlin die häßliche blaue FDJ - Bluse anziehen. Heute trägt sie am liebsten Reizwäsche. Doch der Wandel ist nicht nur äußerlich. Die neue Freiheit ist wie ein Ventil für die Seele." (Mühlberg, S.231)

Setzte in der zweiten Phase - 1993 - 1996 - eine "Ernüchterung" ein und es wurde nach Perspektiven gesucht, um den eigenen Erinnerungen wieder Raum zu geben. In dieser Zeit finden sich auch "erste Signale eines neuen Selbstbewußtseins" der Ostdeutschen, von den Westdeutschen zumeist als "Nostalgie" abgewertet. Und wenn über 80% der Ostdeutschen für die "gute Idee Sozialismus" votierten - nach der bekannten Umfragen - Frage, ob der Sozialismus im Grunde eine gute Idee war, die nur schlecht ausgeführt wurde -, so drückte sich darin nicht ein Festhalten an der Idee, sondern vor allem eine "Verteidigung der in Mißkredit geratenen eigenen Vergangenheit" aus. (Mühlberg,S.233)

Die dritte Phase - seit 1996 - ist dadurch gekennzeichnet, "daß sich der Umgang mit der DDR-Geschichte zu differenzieren begann und nun unterschiedliche Deutungsangebote für die ostdeutsche Vergangenheit in Umlauf kamen." Mühlberg stellt eine "Widerständigkeit gegen alle offiziellen Geschichts-Deutungen" fest. (Mühlberg, S.243) Und an Beispielen, wie Thomas Brussigs Roman "Helden wie wir" oder Leander Haußmanns Film "Sonnenallee", begann sich dann, ein außerwissenschaftlicher Streit über den zulässigen Umgang mit der DDR-Geschichte zu entzünden.

Es ist ein Streit darüber, ob mit pikaresken Zügen und Mitteln des Verlachens, ob mit Satire und Ironie Vergangenheit aufgearbeitet werden kann. Hier soll nicht "Ostalgie" gepflegt und kein DDR - Disneyland aufgebaut werden. Es werden Erfahrungen des Scheiterns artikuliert, eigene Traditionen neu erfunden und mythische Gegenwelten konstruiert, um sich der schwankenden Identität in der Gegenwart zu versichern. Auch die Ostdeutschen sollen und wollen keine Menschen ohne Schatten, sprich ohne Vergangenheit, sein!

Hier und heute, am Beispiel der Weltfestspiele, wird es möglich sein, sich auf ganz unterschiedlichen Wegen mit dieser Geschichte der DDR auseinander zu setzen: wissenschaftliche Vorträge, Diskussionen, Gespräche mit Zeitzeugen, Ausstellungen, Ortsbegehungen, Konzerte und Filme. Gemeinsamer Nenner allerdings sollte sein: "die ostdeutsche Vergangenheit ganz selbstverständlich in die deutsche Geschichte einzuordnen". (Mühlberg, S.251)

Ich kann es auch anders sagen:

Wir wollen die DDR nicht wiederhaben,
aber wir lassen Sie uns auch nicht nehmen!

Literatur

Bender, Peter: Episode oder Epoche? Zur Geschichte des geteilten Deutschland, München 1996.

Breßlein, Erwin: Drusba! Freundschaft! Von der Kommunistischen Jugendinternationale zu den Weltjugendfestspielen, Frankfurt a. M. 1973.
Ders. Die Weltjugend und der Dogmatismus. Geschichte und Problematik der Weltjugendfestspiele. In: APZ, B 22/73, 2. Juni 1973.

Honecker, Erich: Aus meinem Leben, Berlin 1980.
Honecker, Erich: Reden und Aufsätze, Bd.1, Berlin 1975.
Honecker, Erich: Reden und Aufsätze, Bd.2, Berlin 1975.

Ihme-Tuchel, Beate: Die DDR, Darmstadt 2002.

Jarausch, Konrad H.: Realer Sozialismus als Fürsorgediktatur. Zur begrifflichen Einordnung der DDR. In: APZ, B 20/98, 8.Mai 1998.

Kirchenwitz, Lutz: Folk, Chanson und Liedermacher in der DDR. Chronisten, Kritiker und Kaisergeburtstagssänger, Berlin 1993.

Mählert, Ulrich / Stephan, Gerd-Rüdiger: Blaue Hemden - Rote Fahnen. Die Geschichte der FDJ, Opladen 1996.

Meier, André: Ach, wie niedlich. In: Das Magazin, Juni 2003.

Meuschel, Sigrid: Legitimation und Parteiherrschaft. Zum Paradox von Stabilität und Revolution in der DDR 1945-1989, Frankfurt a. M. 1992.

Mohrmann, Ute: Lust auf Feste. Zur Festkultur in der DDR. In: Evemarie Badstübner (Hg.): Befremdlich anders. Leben in der DDR, Berlin 2000.

Mühlberg, Dietrich: Vom langsamen Wandel der Erinnerung an die DDR. In: Konrad H. Jarausch, Martin Sabrow (Hg.): Verletztes Gedächtnis. Erinnerungskultur und Zeitgeschichte im Konflikt, Frankfurt/New York 2002.

Ohse, Marc-Dietrich: Jugend nach dem Mauerbau. Anpassung, Protest und Eigensinn (DDR 1961-1974), Berlin 2003.

Pollack, Detlef: Die konstitutive Widersprüchlichkeit der DDR. Oder: War die DDR-Gesellschaft homogen? In: Geschichte und Gesellschaft, 1/1998.

Rossade, Werner: Gesellschaft und Kultur in der Endzeit des Realsozialismus, Berlin 1997.

Rossow, Ina: "Rote Ohren, roter Mohn, sommerheiße Diskussionen". Die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 als Möglichkeit vielfältiger Begegnungen. In: Fortschritt, Form und Eigensinn. Erkundungen zum Alltag in der DDR, Berlin 1999.

Sabrow, Martin: Die DDR im nationalen Gedächtnis. In: Geschichte ist immer Gegenwart. Vier Thesen zur Zeitgeschichte, Stuttgart München 2001.

SAPMO-Barch, DY 24/7705: Abschlußbericht vom 7.8.1973.

Wolle, Stefan: Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971-1989, Berlin 1998.