KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 2/2003
Kulturelle Differenzierungen der deutschen Gesellschaft
Ina Dietzsch
Im Labor Ostdeutschland.
Kulturelle Dimensionen des gesellschaftlichen Wandels
[Mit diesem Text resümiert die Verfasserin den Band „Labor Ostdeutschland. Kulturelle Praxis im gesellschaftlichen Wandel“, den sie gemeinsam mit Kristina Bauer-Volke im Auftrag der Kulturstiftung des Bundes herausgegeben hat. Interessenten bestellen ihn unter info@kulturstiftung-bund.de.]


»Die Arbeit, die in den Labors der Zivilisation zu leisten ist, unter den Gesichtspunkten der Vernetzung, Simulation, Diskussion, vor allem experimentellen Handelns [...] zielt auf Systhesis, ›durchspielt‹ Möglichkeiten mit Phantasie, geht ›querfeldein‹.« [1]

Die AutorInnen der in diesem Buch veröffentlichten Beiträge haben die Arbeit im Labor Ostdeutschland auf vielfältige Weise beschrieben. Dabei wurde deutlich, dass die Frage, wieviel Kultur im engeren Sinne sich die Gesellschaft leisten kann oder will, nicht diskutiert werden kann, ohne gleichzeitig auch darüber nachzudenken, welche Funktion sie im Rahmen übergreifender gesellschaftlicher Wandlungsprozesse hat. Der folgende Epilog stellt deshalb einen Versuch dar, noch einmal im Überblick die kulturellen Dimensionen des gesellschaftlichen Wandels zu benennen, wie sie sich in den hier publizierten Beiträgen und nach einer Auswertung weiterer wissenschaftlicher Literatur zum Transformationsprozess darstellen, und zugleich Fragen zu formulieren, die sich neu ergeben haben und zukünftig eine genauere Beachtung verdienen.


Auf der Suche nach neuen Bewertungen:
Arbeit, Erwerbslosigkeit und Armut am Ende der Industriegesellschaft


In modernen Gesellschaften ist Arbeit ein wesentliches Kriterium von Teilhabe und Teilnahme an der Gesellschaft. Die Arbeitenden waren auch in der DDR die tragenden Säulen der Gesellschaft, und Erwerbsarbeit stellte sowohl die ökonomische und soziale als auch die symbolische Integration in die Gesellschaft sicher. Mit dem Zusammenbruch der DDR verschwand hier innerhalb eines Jahrzehntes »die Industriemoderne [...] weiträumig, ohne einen Erben zu finden« [2]. Damit ging eine kollektive Erfahrung von wenigstens zeitweiliger Erwerbslosigkeit einher bzw. davon, dass die neuen Arbeitsformen in vielen Fällen von einem Normalarbeitsverhältnis abweichen.

Dieser Prozess hat verschiedene kulturelle Dimensionen. Erstens werden dabei grundlegende Denkmuster der Industriemoderne herausgefordert, die ungebrochene Erwerbsverläufe, festes Einkommen und geregelte Arbeitszeiten als Norm festschreiben. Zweitens wurde experimentelles Handeln in Gang gesetzt. Michael Hofmann und Thomas Strittmatter beschreiben in ihren Beiträgen Tendenzen, die darauf hindeuten: die Entstehung neuer sozialer Milieus, die Auflösung der Grenzen eines bisher als genuin verstandenen kulturellen Bereichs der Gesellschaft. [3] Auch das von Rolf Kuhn und Rudolf Woderich vorgestellte Projekt Internationale Bauausstellung Fürst-Pückler-Land ist ein lebendiger Versuch, die durch die Industriemoderne geprägten Denk- und Handlungsmuster aufzubrechen. Doch gerade die Schwierigkeiten, die sich dabei ergeben, die innovativen Ideen und Konzepte von Kulturarbeit mit den Bedürfnissen der Menschen vor Ort zu vermitteln, verweisen gleichzeitig auf ein Festhalten an vertrauten Vorstellungen von Erwerbsarbeit. Dies zeigte sich auch im unmittelbar nach der Wende begonnenen Großprojekt »Industrielles Gartenreich« Dessau-Bitterfeld-Wittenberg, dessen Ergebnisse bereits evaluiert wurden und von dessen Erfahrungen die IBA profitieren kann. Neben allen Erfolgen, die bei der Verbesserung des Images für die Region erzielt werden konnten, haben sich experimentell angelegte Projekte zur Eigenarbeit und zum nachhaltigen Wirtschaften bisher nicht durchsetzen können, obwohl versucht wurde, an Erfahrungen aus der DDR-Vergangenheit anzuschließen. Eine Mitarbeiterin der anstiftung resümiert: »Eigenarbeit, Eigeninitiative und Selbstversorgung müssten den BewohnerInnen der ehemaligen DDR eigentlich vertraut sein. Dies war zumindest eine der Annahmen der anstiftung, als sie 1998 in der Plattenbausiedlung Wolfen-Nord Werkstätten für Eigenarbeit einrichtete. [...] Begleitend fand fachliche Beratung durch MitarbeiterInnen der anstiftung statt. Doch der Erfolg dieses Engagements stellt sich nicht ein. In Wolfen-Nord liegt die reale Arbeitslosenquote bei nahezu 50 Prozent. In einer solchen Situation [...] findet ein soziales Experiment wie Eigenarbeit äußerst ungünstige Bedingungen für seine Realisierung vor.« [4] Ganz offensichtlich ist es hier nicht gelungen, alternative Strukturen zur Existenzsicherung und neue Formen der sozialen Anerkennung jenseits einer Einbindung in Erwerbsarbeit zu etablieren.

Dies korrespondiert mit weiteren Forschungsergebnissen zu individuellen und kollektiven Deutungen von Arbeit und Erwerbslosigkeit im Transformationsprozess. Sie liefern vielfältige Hinweise darauf, dass trotz bzw. gerade wegen der hohen Erwerbslosigkeit die zentrale Bedeutung von Erwerbsarbeit in vielen Fällen bisher ungebrochen bleibt. Hiermit ist eine dritte kulturelle Dimension angesprochen: Neben der ökonomischen Dimension der Existenzsicherung stellt sich auch die Frage nach Alternativen zu Systemen sozialer Anerkennung, die bisher eng an Erwerbsarbeit gebunden waren und es in der Regel auch noch sind. So zeigte unlängst eine Untersuchung, dass auch für ostdeutsche Männer mit gebrochenen Erwerbsbiografien »Beruf« weiterhin eine Grundsäule ihrer Identität bleibt. [5] Ebenso ist die Erwerbsorientierung von Frauen in den neuen Bundesländern eine Selbstverständlichkeit in deren biografischem Konzept geblieben. [6] Schließlich gilt sie hier für beide Geschlechter als Ausdruck von Gleichberechtigung.

Und wie eine Studie über den Umgang mit Erwerbslosigkeit in Thüringen zeigt, bleiben die Handlungsmuster, die sich dabei ausprägen, ein »Spiel auf Zeit«. [7] Geschicktes Einkaufen, Preisvergleiche, das verstärkte Informieren über Sonderangebote, der Verzicht auf Restaurant-Besuche, Einschränkungen in Bezug auf Kleidung und Telefonieren, die Reparatur von Kleidungsstücken und Geräten, kurzfristiges Kalkulieren und zugleich langfristiges Sparen auf größere Anschaffungen, das Rechnen mit noch größeren Einschränkungen in der Zukunft – dies alles sind Handlungsweisen, die sicherstellen, dass Erwerbslosigkeit als akute Krise bewältigt werden kann, die aber nicht auf Dauer tragfähig sind. Darüber hinaus sehen sich Erwerbslose trotz der Einschränkungen häufig nicht als Opfer ihrer Situation, sondern deuten ihr Handeln als individuelle Leistung, ihr Leben trotzdem noch ordnen zu können. Die wenigsten verstehen sich selbst als arm und sie trösten sich damit, dass es anderen noch schlechter geht. [8] Damit entgehen sie, aufgrund ihrer Erwerbslosigkeit bereits marginalisiert, der noch stärkeren Stigmatisierung durch Armut, geben diese jedoch zugleich an andere soziale Gruppen weiter.

Der Ausgrenzung durch Armut liegt ein Denkmuster zugrunde, das eng mit dem Wachstumsgedanken moderner Gesellschaften verbunden ist: die Vorstellung, dass eine stete Verbesserung der Lebensbedingungen Schritt für Schritt auch die Armut behebe. Wer dann noch arm ist, trägt selbst die Schuld. Doch die neue Armut, wie sie sich gegenwärtig in Europa (nicht nur in den neuen Bundesländern) beobachten lässt, ist ein formenreicher Ausdruck neuer sozialer Kämpfe, die durch die ökonomischen Globalisierungsprozesse hervorgebracht und durch die postsozialistischen Transformationen verstärkt werden. Mit ihr verbunden ist eine kulturelle Praxis des Ausgrenzens und Abwertens, die Selbstbestimmung und Freiheit einschränkt, soziale Verachtung erzeugt und mit der oft die Würde verletzt wird. Sie schränkt die lebensweltlichen Horizonte ein, führt zu einem Verlust an Kontrolle über Raum und Zeit und zu Perspektivlosigkeit sowie zu selbstzerstörerischen Handlungsverläufen, bringt aber auch Innovation, Kreativität, widerständige Strategien und Kompetenzen im Umgang mit der marginalisierten Position hervor. [9]

Um ihre eigene Armut nicht als solche erscheinen zu lassen, bringen Menschen viel Kraft und Kreativität auf. In diesem Sinne kann es metaphorisch verstanden werden, wenn Erwerbslose in einem Berliner Obdachlosentheater spielen. [10] Während die eigentliche Zielgruppe des Projektes – die Obdachlosen – das Theater im wahrsten Sinne des Wortes als Theater sieht, das ihre wirklichen Probleme nicht lösen kann und sich eher pragmatisch und wenig zuverlässig engagiert, erlangt das Projekt für erwerbslose Nicht-Obdachlose eine besondere Bedeutung. Ihnen gibt die Theatergruppe eine Struktur und die Möglichkeit »des Was-Tuns« [11], ohne dass sie ihre Erwerbslosigkeit zum Thema machen müssen. Und so nutzen beispielsweise erwerbslose KünstlerInnen das Theater dazu, unsichere Zwischenphasen, die aus ihren oft prekären Arbeitsverhältnissen resultieren, sinnvoll auszufüllen und zugleich der Betroffenheit im Feld von Sozialarbeit zu entgehen.

Kreativität und widerständige Strategien im Umgang mit Armut finden sich auch in der Zunahme von privater Garten-, Subsistenz- und Kleinlandwirtschaft. Sie ist ein Phänomen, das in vielen osteuropäischen Ländern bereits seit Jahren zur Normalität gehört, in Deutschland in diesem Zusammenhang jedoch bisher kaum eine Öffentlichkeit fand. Elisabeth Meyer-Renschhausen und Anne Holl, zwei Ethnologinnen, haben die »Wiederkehr der Gärten« [12] beobachtet und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich dabei oft um Strategien des Überlebens handelt, die weltweit sehr ähnlich sind. Jenseits von städtischen Ziergärten und dem, was in den 80er Jahren vor allem als Rudiment von Spießigkeit galt, haben sie im ländlichen Raum der neuen Bundesländer seit Mitte der 90er Jahre Tendenzen einer »Reagrarisierung ohne Landwirtschaft« festgestellt. Damit sind Formen des ländlichen Wirtschaftens gemeint, die als eine Art Familienbetrieb, im Rahmen einer Tauschringökonomie oder nicht marktförmig als erweiterte Hauswirtschaft funktionieren. Dabei kann oft auf Erfahrungen von Nebenerwerb zurückgegriffen werden, der schon während der DDR-Zeit oder gar noch früher (Ackerbürger) praktiziert wurde, sich unmittelbar nach der Wende aber nicht mehr lohnte: Tabakanbau, Kaninchenzucht, Obst- und Gemüseanbau, Gänse- oder Entenhaltung usw.

Die Arbeit, die in diesen Bereichen in der Regel von Landfrauen bzw. RentnerInnen geleistet wird, ist nicht nur allein der Notwendigkeit und der hohen Erwerbslosigkeit in der untersuchten Region geschuldet. Es handelt sich dabei eher um eine generelle Aufwertung von Gartenbau und Kleinstlandwirtschaft und um produktive Umgangsweisen mit sozialer Abwertung. »Eigenarbeit ist bewusstes Selber-Tun, ist Tätigkeit nach eigenem Kopf, nach eigenem Konzept, mit den eigenen Möglichkeiten im Rahmen der eigenen Gruppe für sich und diese soziale Beziehungsgruppe. Als solche beinhaltet sie alle Chancen für den einzelnen wie für die Gemeinde und die Gegend.« [13] Sicher, so mag man hier einwenden, trägt dies zu einer erneuten Beschränkung individueller Freiheiten bei, weil damit in einem gesellschaftlichen Kontext, in dem Mobilität zu den Schlüsselkompetenzen zählt, die Bindungen an einen Ort verstärkt und Frauen einmal mehr auf traditionelle Formen von Frauenarbeit verwiesen werden. Doch es wird zugleich auch etwas gewonnen: Diese Arbeit stellt häufig eine Quelle für Stolz und Selbstvertrauen dar und stärkt durch die Einbindung in eine informelle Ökonomie das soziale Kapital – eine Ressource, die vermutlich in der Zukunft gesamtgesellschaftlich immer gewichtiger zum Tragen kommen wird.

Wie das Beispiel des Projektes »Industrielles Gartenreich« gezeigt hat, funktioniert das Konzept von Eigenarbeit jedoch nicht überall in gleicher Weise. Die Frage, unter welchen Bedingungen es gelingt, dabei an Erfahrungen aus der DDR-Vergangenheit produktiv anzuknüpfen, stellt sich für eine weitere, vergleichende Analyse. Parallel dazu bedarf es aber auch einer öffentlichen Diskussion, die die Armut aus ihrer Unsichtbarkeit herausholt, einer Debatte um den gesellschaftlichen Wert informeller Ökonomien und der Aufwertung kreativer Handlungspraxen, mit denen Menschen bisher unbeachtet versuchen, ihrer Armut zu entgehen.


Die andere Seite des Wachstumsdenkens: Schrumpfende Städte und das Verhältnis zur Natur

Schrumpfende Städte sind inzwischen zu einem Symbol der neuen Bundesländer geworden. Wie die Beiträge in dem Kapitel »Szenario Schrumpfstadt« ausführlich beschreiben, haben sie das Wachstumsdenken in Ostdeutschland kräftig irritiert und damit vielschichtige Ängste hervorgebracht. Wie tief damit die Vorstellungen vom ewigen Wachstum angegriffen werden, wird deutlich, wenn für Hoyerswerda, wie Simone Hain in ihrem Beitrag schreibt, auch schon mal in die Diskussion eingebracht wird, die Stadt ganz auf- bzw. an die »Natur« zurückzugeben. [14] Auch hier ist experimentelles Handeln gefordert und zugleich die Aufwertung von Alltagspraktiken, die bisher eher eine Negativbewertung erfahren haben und im Schatten des Wachstumsdenkens standen, denn stadtpolitisches und alltagspragmatisches Handeln müssen in Zukunft »weit über das eingeübte planerische Handlungsfeld und die Beseitigung städtebaulicher Missstände« [15] hinausgehen.

Dort, wo durch die Deindustrialisierung, die Konversion großer Militärgebiete und nicht zuletzt durch brachliegende ehemalige Grenzgebiete eine (Um-)Gestaltung von Landschaften in großem Maßstab in Gang gesetzt wurde, finden vielfältige Auseinandersetzungen um das Verständnis von dem, was »Natur« ist, statt und darüber, wie sich in der Zukunft das Verhältnis von Kultur und Natur gestalten soll. Der mit dem Transformationsprozess verbundene Funktionsverlust großer Flächen wird hier zur Chance für Neugestaltung, nachhaltiges Wirtschaften gewinnt an Bedeutung und zwischenzeitliche Brachen werden ihrer Nutzlosigkeit wieder enthoben. In einigen Zusammenhängen wird das Ende der DDR gar als die Stunde Null für den Naturschutz angesehen. [16]

Dieser Wandel vollzieht sich jedoch nicht ohne Spannungen und Aushandlungen um das Ausmaß und die Radikalität der Umdeutungen. Im Unteren Odertal beispielsweise entzündete sich ein Konflikt an unterschiedlichen Naturschutzverständnissen und Nutzungsbedürfnissen der AkteurInnen. Natur»schützer« argumentieren hier mit der Erhaltung eines globalen Ökosystems und damit, dass Totalreservate das Überleben der Menschen auf dem Globus sichern. Demgegenüber stehen als Natur»nutzer« die Landwirte, die eine weitere sanfte Bewirtschaftung nach den Grundsätzen des Naturschutzes fordern. [17] Sie argumentieren mit emotionalen Kategorien wie »schöner Landschaft« und »vertrauter Umgebung« und sehen sich als »die einzigen, die in der Lage sind, diese Landschaft zu erhalten und zu pflegen« [18]. Ihr Naturverständnis ist vom Stolz geprägt, das eigene Land »in Ordnung« zu halten, und von Interessen der eigenen Existenzsicherung. Symbol für die konfliktträchtigen Auseinandersetzungen wurde das so genannte »Elchpapier«. Dabei handelte es sich um ein Konzept, das die Ansiedlung von Elchen in Totalreservaten vorsah, das am Widerstand der Bevölkerung scheiterte [19] und sich in das kollektive Gedächtnis der Menschen in der Region eingeschrieben hat.

Neue Zukunftsvisionen und, wie von Wolfgang Kil in seinem Beitrag gefordert, Strategien, die auf »Entschleunigung, Entdichtung, Verkleinerung, Vorläufigkeit« und »Abschied« gerichtet sind [20], so beweist auch dieses Beispiel, können nur im gemeinsamen Lernen mit der Beteiligung aller und in öffentlichen Räumen entstehen. Für die Moderation solcher Lern- und Aushandlungsprozesse sind bereits einige innovative Ideen entwickelt worden. Ein eindrückliches Beispiel ist das Vorgehen von zwei amerikanischen KünstlerInnen, das Rudolf Woderich für die Landschaftsgestaltung im Südraum Leipzig in seinem Beitrag vorstellt. [21] Für das Konversionsgebiet Lieberose haben zwei Kulturwissenschaftler ebenfalls gerade eine Projektskizze entworfen. Nach ihrem Konzept sollen alle landschaftsprägenden AkteurInnen in einer von ihnen erarbeiteten Ausstellung »Landschaftsvision« mit ihren Interessen zu Wort kommen. »Als Produkt bietet die Landschaftsvision eine kulturhistorisch gegründete, aber ob der visionären Projektanteile doch hinreichend offene Planungsgrundlage sowie eine nach innen Identität stiftende, nach außen Prägnanz und Eigenart formulierende Darstellung des Gebietes. Die partizipative Herangehensweise fördert den demokratischen Willensbildungsprozess von Beginn an.« [22] Der Erfolg solcher Konzepte hängt jedoch nicht nur von bürgerschaftlich engagierten Einzelnen ab, sondern auch maßgeblich davon, welche Rolle politische Institutionen bei der Unterstützung der Aushandlungsprozesse spielen. Frank Adler hat beispielsweise das Scheitern der Projekte im »Industriellen Gartenreich« analysiert und ist zu dem Schluss gekommen, dass sich dort ein handlungsleitendes Verständnis von Nachhaltigkeit nicht durchsetzen konnte, unter anderem weil »ein wirklicher Diskurs zwischen den regionalen Akteuren über die komplizierten Probleme und Interessenkonflikte (z.B. auf Kurzfrist-Lösungen drängender Problemdruck vs. Langzeitorientierung, Ressortdenken vs. übergreifende Lösungsansätze etc.) der Konkretisierung und Umsetzung nicht so recht in Gang gekommen« ist. [23]


Neue Identifikationen: Mobilität und Ortsbezüge

Eine weitere kulturelle Dimension ist eng mit dem Schrumpfen der Städte und der nach wie vor prekären ökonomischen Situation in den neuen Bundesländern verbunden – die Frage nach Identitätskonstruktionen und Gefühlen kultureller Zugehörigkeit. Mit dem Ende der DDR waren deren ehemalige BürgerInnen herausgefordert, nicht nur die eigene Lebensgeschichte neu zu schreiben, sondern auch ihr Verhältnis zu Gesamtdeutschland, zu »ihrer« Stadt oder »ihrer« Region neu zu definieren.

»Ostdeutsch« ist dabei zu einer Kategorie kultureller Zuschreibung wie Selbstzuschreibung mit ambivalentem Charakter geworden. Der Bezug darauf ermöglichte einerseits das Einfordern von politischer Unterstützung und ökonomischen Transferleistungen, wird andererseits aber zur identitätspolitischen Falle, weil in den Gegensatz »ostdeutsch« und »westdeutsch« ein symbolisches Ungleichheitsverhältnis eingeschrieben ist.

Vorstellungen von einer ostdeutschen Kultur wurden auch durch wissenschaftliche Argumente gestützt. Mitte der 90er Jahre, als der Institutionentransfer weitgehend abgeschlossen war, deutete sich an, dass sich die erwartete Angleichung der Lebensverhältnisse nicht im gleichen Tempo vollziehen würde. Zu diesem Zeit-punkt bekamen auch im wissenschaftlichen Diskurs kulturelle Argumente ein stärkeres Gewicht. Es wurden nun individuelle Strategien, Praktiken, aber auch die besonderen Fähigkeiten und Eigenschaften von »Ostdeutschen« und ihre Identitätskonstruktionen hervorgehoben. Allmählich setzte sich die Deutung von der Besonderheit, dem Anders-Sein der Bevölkerung in den neuen Bundesländern durch. In politikwissenschaftlichen Zusammenhängen wurde gar von einer ostdeutschen Teilgesellschaft, von »Sondermentalität« und »Doppelidentität« gesprochen. Solche Interpretationen reagierten auf das Scheitern sowohl von ökonomischen und politischen Lösungsansätzen für die Probleme in den neuen Bundesländern als auch von wissenschaftlichen Modellen, die von West nach Ost übertragen worden waren. Sie bauten auf der Vorstellung auf, bei den Erfahrungen der DDR-BürgerInnen hätte es sich lediglich um Überformungen eines fundamentaleren Gemeinsamen aller Deutschen gehandelt. Damit einher ging die Erwartung, dass diese mit dem Ende der DDR auch schnell »vergessen« werden könnten. Das geschah jedoch nicht. Und so lag es nahe, die eigenwillig und unerwartet verlaufenden Entwicklungen mit einer »anderen Kultur der Ostdeutschen« zu erklären.

Doch die Identitätsbezüge in den neuen Bundesländern sind längst nicht so homogen, wie mit der Zuschreibung bzw. Selbstzuschreibung »ostdeutsch« nahe gelegt wird. Vielmehr wird diese überlagert durch Erfahrungen mit Erwerbsmigration, durch Regionalisierungstendenzen und eine Aufwertung des Lokalen, die aus den fortschreitenden Globalisierungsprozessen resultieren. Daraus entsteht eine komplizierte Gemengelage, die vor allem von einer Gleichzeitigkeit verschiedener Identitätskonstruktionen spricht und die PolitikerInnen in ihrem konkreten Umfeld gut kennen müssen, wenn sie Imagearbeit für die Stadt bzw. die Region leisten wollen.

Peter A. Berger hatte schon 1991 als Folge des gesellschaftlichen Wandels »Transitorien« vorausgesagt – »vorübergehende ›Zwischen‹-, ›Noch-Nicht-‹ und ›Nicht-Mehr‹-Zustände und Lebensphasen«, die »in den nächsten Jahren in den neuen Bundesländern besonders häufig sein werden.« [24] Seine Prognosen finden in verschiedenen Studien und Forschungsarbeiten der letzten Jahre eine bemerkenswerte Bestätigung. In solchen unterschiedlichen Lebenssituationen sind kaum mehr homogene und kontinuierliche Identifikationen zu erwarten, sondern eher eine ganze Spanne zwischen konservativen Rückbezügen auf »heile Welten« in der Vergangenheit bis hin zu hybriden Identitätskonstruktionen mit wechselnden Bezügen.

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, den Blick auf die Mobilität in den neuen Bundesländern zu richten. Vor allem verdient dabei das Phänomen der PendlerInnen in die alten Bundesländer Aufmerksamkeit, dessen kulturelle Aspekte bisher noch kaum untersucht wurden. Während bis 1996 mehr Erwerbstätige aus den alten in die neuen Länder gependelt sind, hat sich dieses Verhältnis inzwischen längst umgekehrt. [25] Dazu kommt die massive Abwanderung aus ostdeutschen Städten und Regionen, die den Weggehenden eine Bereitschaft für Mobilität und Abschied abfordert und den Dagebliebenen Rechtfertigungen ihres Dableibens, wie aus dem Beitrag von Franziska Becker hervorgeht. [26] Welche Folgen diese Mobilität für die Bindung von Menschen an einen konkreten Ort hat, ist bisher noch eine offene Frage. Franziska Becker und Matthias Middell leisten in ihren Texten dazu erste Interpretationen. [27] Langfristig wird von Interesse sein, inwieweit damit gängige Vorstellungen von Sesshaftigkeit aufbrechen. Bleibt die Bindung der Menschen an ihren Ort – beispielsweise durch die Familie – so stark, dass die tägliche Reise zur Arbeitsstätte nur als Übergangsphase in »bessere Zeiten« gedeutet wird? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Abwanderer nach einer bestimmten Zeit wieder zurückkehren, mit dem in den alten Bundesländern verdienten Geld ein Unternehmen gründen oder dass sie mit dem Eintritt in das Rentenalter wieder in ihren Heimatort ziehen, weil sie dort noch über funktionierende soziale Kontakte verfügen? Oder werden sich aus der Erwerbsmigration zwischen Ost und West »moderne Nomaden« entwickeln, deren Mobilität im Laufe der Zeit zur »Wanderung in Permanenz« wird, wie es für bestimmte Berufsgruppen (z.B. Flugpersonal, höhere Managementebene global agierender Unternehmen, WissenschaftlerInnen etc.) schon lange gang und gäbe ist? [28] Auch wenn dies noch unentschieden ist, kann mit relativ großer Sicherheit davon ausgegangen werden, dass aus dem regelmäßigen Pendeln neue Kompetenzen für die Vermittlung und Übersetzung zwischen verschiedenen Erfahrungsräumen erwachsen.


Zukunftsperspektiven: Vorstellungen von Jugend und Alter auf dem Prüfstand

Das Schrumpfen von Städten, die Ausdünnung von Regionen und die Abwanderung junger Menschen stellen auch das gängige Verständnis von Jugend und Alter in Frage. Meinhard Miegel beschreibt in Übereinstimmung mit anderen Demographen, was uns in den kommenden Jahren erwartet: »[...] der eigentliche Alterungsschub steht noch bevor. In den kommenden vierzig Jahren wird sich der Altersaufbau der Bevölkerung Deutschlands und Europas dramatisch verändern. [...] Das zahlenmäßige Verhältnis von Jung zu Alt kehrt sich um.« [29] Welche kulturellen Dimensionen wird dieser demographische Wandel mit sich bringen? Müssen wir uns die neuen Bundesländer zukünftig als ein flächendeckendes Altersheim vorstellen? Wird die Gesellschaft gezwungen sein, um das knappe Gut der Jugend zu wetteifern und Jugendlichkeit weiter als Wertmaßstab und Schönheitsideal feiern? Oder wird die demographische Entwicklung zu einer Aufwertung des Alters führen, wie sie sich in den USA bereits in Begriffen wie selpies (second life people) oder grampies (grown avtive moneyed people in excellent state) ausdrückt? In modernen Industriegesellschaften werden Jugend und Alter vorrangig als Phasen in einem biografischen Ablauf gedacht, in dem die Zeit des Erwerbs im Zentrum steht. Damit wurden lange Zeit beide Phasen – Jugend, im Sinne eines »Noch-Nicht« und Alter eines »Nicht-Mehr« – in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung der Erwerbsphase nachgestellt. Mit der Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses werden diese Phasen im individuellen Lebensverlauf immer länger und die Grenzen zwischen ihnen fließend. Das führt zu einer widersprüchlichen Handlungs- und Deutungspraxis sowohl in Bezug auf Jugend als auch auf Alter: Die Abwanderung von Jugendlichen in den neuen Bundesländern wird zum einen mit dem Verlust von Zukunftsperspektiven assoziiert und verbindet sich mit der angstbesetzten Vision einer überalterten Gesellschaft. Zum anderen zeigen der Beitrag von Bernd Lindner und Wilfried Schubarth sowie das Gespräch mit Klaus Farin [30], dass Jugendliche mit ihren Initiativen in den etablierten institutionellen Strukturen zu wenig ernst genommen werden, ihnen Handlungsräume zur gesellschaftlichen Mitgestaltung verschlossen bleiben.

Im Bezug auf das Alter lässt sich eine ähnliche Widersprüchlichkeit feststellen. Dass ältere Menschen zurückbleiben, gilt zum einen als Negativszenario, denn Alter wird häufig immer noch generalisierend mit Vorstellungen von Schwäche und Unproduktivsein verbunden, Bleiben mit Passivität. Parallel dazu sind zum anderen Ansätze zu einer Aufwertung des Alters vor allem im ökonomischen Bereich zu beobachten, wenn zum Beispiel die Gruppe so genannter SeniorInnen immer stärker als Konsumentensegment entdeckt wird, bis hin zu touristischen AkteurInnen, die Visionen von SeniorInnen-Paradiesen entwerfen. Bereits in dem Begriff der SeniorInnen werden die Versuche zur gesellschaftlichen Aufwertung des Alters augenfällig. Nur darauf zu bauen, das Alter mit positiven Bildern zu besetzen, die darüber hinaus oft nur mit Vorstellungen von Jugendlichkeit überschrieben werden (Alte, denen man ihr Alter nicht anmerkt ... ), hieße, die Medaille einfach umzudrehen. Dabei gerät schnell aus dem Blick, dass es um etwas Fundamentaleres geht – um das Zulassen von Verschiedenheit, darum, die Veränderung im Lebensverlauf als etwas Selbstverständliches anzuerkennen und Jugend, Alter sowie das Dazwischen als gleichwertige Lebensphasen zu verstehen. Solange dies jedoch nicht zum gesellschaftlichen Konsens gehört, besteht die Gefahr, dass die angstbesetzten Visionen von demographisch ausgedünnten, überalterten Regionen in Ostdeutschland keine Möglichkeiten zur Identifikation und keine Zukunftsperspektiven mehr für Jugendliche bereithalten und einmal mehr zur Abwertung der Menschen beitragen, die hier leben.

Dieses Buch räumt den Zukunftsperspektiven von Jugendlichen ein ganzes Kapitel ein, in dem die AutorInnen (kultur-)politische Forderungen formulieren und die Potenziale kreativen Handelns von Jugendlichen an konkreten Beispielen beschreiben. Deshalb möchte ich mich hier vor allem den Fragen zuwenden, die sich für ein zukünftiges Verständnis des Alters ergeben. In der soziologischen Altersforschung wird Alter als eine soziale Konstruktion begriffen. Die Deutungen vom Alter variieren demnach historisch und bleiben auch zukünftig veränderbar. Viele Untersuchungen der Altersforschung mahnen außerdem zur Differenzierung. [31] Sie unterscheiden nach »jungen Alten« und »Hochbetagten«, was aufgrund der steigenden Lebenserwartung und besseren gesundheitlichen Verfassung älterer Menschen sinnvoll erscheint. Nicht das Alter an sich, sondern altersbedingte Krankheiten werden zum wesentlichen Handicap älterer Menschen und nicht alle älteren Menschen müssen automatisch weniger aktiv und physisch beeinträchtigt sein. Dafür spricht, was die einzige uns bekannte Studie zur Aktivität älterer Menschen in den neuen Bundesländern ergab. [32] Immerhin ein Drittel der Befragten war »nachberuflich« erwerbstätig. Ihre Lebenszufriedenheit schätzten sie überwiegend als hoch ein. Es geht ihnen aufgrund des derzeitigen Rentenniveaus und ihrer Spareinlagen finanziell im Vergleich zu den Jüngeren besser. Die (kulturellen) Aktivitäten von älteren Menschen beschränken sich, so die Studie, in der Mehrzahl auf Häusliches, wie Zeitung lesen, Fernsehen, gegebenenfalls auch auf Gartenarbeit. Ins Kino, ins Theater, in die Oper oder zum Tanzen gehen die meisten monatlich höchstens einmal, viele noch seltener oder nie. Die überwiegende »Privatheit« dieser Aktivitäten führt dazu, dass die Teilhabe von älteren Menschen an dem, was mit einem engen Kulturbegriff als kulturelles Angebot verstanden werden kann, im Hintergrund gesellschaftlicher Wahrnehmung bleibt.

Doch auch wenn sie im öffentlichen Raum stattfinden, erhalten sie kaum Aufmerksamkeit, auch nicht in wissenschaftlichen Untersuchungen außerhalb der Altersforschung. Gerhard Schulze, der mit seinem Buch »Erlebnisgesellschaft« den Anspruch einer gesellschaftsübergreifenden Analyse kultureller Praxis verfolgt und Alter als eine zentrale Kategorie sozialer Differenzierung betrachtet, stellt fest, dass mit dem von ihm verwendeten soziologischen Instrumentarium »Szenen, deren Kultur vom Trivialschema beherrscht wird«, nicht entdeckt wurden. »Kaffeefahrten, Volksliederabende, Heimatfilme, Busreisen nach Österreich etwa wurden in der Befragung nicht gesondert thematisiert« [33] – alles Bereiche, in denen derzeit die kulturellen Aktivitäten vieler älterer Menschen zu erwarten sind. Es deutet also einiges darauf hin, dass wir nur sehr wenig über die Bedürfnisse älterer Menschen sowie ihre Erwartungen an die Gesellschaft wissen und noch weniger über die der nächsten Generationen für die Gestaltung ihres Alter.

Auch Fragen der Mobilität und spezifischer milieu- und altersbedingter kultureller Aktivitäten bleiben in den meisten Studien zum Alter(n) unterbelichtet. Eine Ausnahme sind verschiedentliche Verweise auf »AlterswandererInnen«, wie sie seit einigen Jahren in den alten Bundesländern zunehmend beobachtet werden können, wo ältere Menschen mit der Pensionierung ihren Wohnsitz in landschaftlich reizvolle Regionen wie das Alpenvorland, die Nordseeküste oder die Lüneburger Heide verlegen. Verweise auf diese Art von Wanderungsbewegungen sind vor allem in Regionalstudien zu finden. In einer Analyse der Perspektiven für die Müritz-Region wird davon ausgegangen, dass der ländliche Raum von der verlängerten Lebenserwartung der Menschen profitieren könne, weil er Qualitäten bietet, die den Bedürfnissen in der »langen dritten Lebensphase« entsprechen, und dass somit ein (begrenzter) Zuzug zu erwarten sei. [34] Die Ruhe, die man hier finden kann, hat aber zugleich einen negativen Effekt, denn mit dem Rückgang der Bevölkerung stellt sich auch verstärkt das Problem einer infrastrukturellen Unterversorgung. Zentral ist dabei ein Konflikt, der sich daraus ergibt, dass der wirtschaftliche Betrieb einer funktionierenden Infrastruktur ausschließlich an Zahlen der zu versorgenden Bevölkerung gemessen wird. Dagegen interessiert aus der Sicht der potenziellen NutzerInnen vor allem, wie gut oder schlecht die Dienstleistungen zu erreichen sind. Dieser Interessenkonflikt zwischen Anbietern und Nachfragenden ließe sich in sehr dünn besiedelten Regionen der neuen Bundesländer mit einer einfachen Übertragung des westdeutschen Modells nicht lösen, so der Autor der Müritz-Studie. Dieses funktioniert über ein System von zentralen Orten, auf die sich auch die Versorgungspunkte konzentrieren. Um eine bedarfsorientierte Versorgung in der Müritz-Region zu sichern, empfiehlt er deshalb ein infrastrukturelles Netzwerk mit Knotenpunkten jenseits der zentralen Orte, die gleichmäßig auf die Region verteilt werden und zusätzlich über mobile Einsatzkräfte verfügen sollten. In dieser Form wären unter anderem Stützpunkte von Sozialstationen, Allgemeinärzten, Nachbarschaftsläden mit Postbankdiensten, eine Medikamentenausgabe und Teilleistungen der Altenpflege zu organisieren. [35] Ähnlich ließe sich auch die Organisation einer kulturellen Infrastruktur für Regionen denken, deren Bevölkerungszahlen schon heute eine kritische Marge erreicht haben.

Offen muss jedoch auch hier die Frage bleiben, wie sich insgesamt der Bedarf danach entwickeln wird. [36] Die älteren Menschen von morgen werden sehr wahrscheinlich ganz andere alltägliche Selbstverständlichkeiten entwickelt haben und auch über andere ökonomische Ressourcen verfügen, als dies derzeit der Fall ist. Verbunden mit den Individualisierungsprozessen und der Pluralisierung von Lebensformen ist außerdem zu erwarten, dass sich neue Bedürfnisse nach sozialen Netzwerken im Alter artikulieren, aber auch praktische Erfahrungen des Umgangs mit sozialer Isolation zur Verfügung stehen. Insbesondere hier ist außerdem damit zu rechnen, dass sich noch einmal die unterschiedlichen Alltagserfahrungen und die Differenzen in den ökonomischen Ressourcen zwischen BewohnerInnen der alten und der neuen Bundesländer bemerkbar machen werden.


Mut zum offenen Ausgang

»Gesellschaften entwickeln sich nur weiter, wenn sie sich selbst in Frage stellen, ihren Wandel vorantreiben, sich verändern. Das Faszinierende an dem Gedanken, daß die Basisgewohnheiten problematisiert werden, ist für mich die Hoffnung auf Veränderung, die sich darin ausdrückt.« [37]

Die Transformationsprozesse in Ostdeutschland haben kulturelle Denkmuster der Industriegesellschaft in tiefgreifender Weise in Frage gestellt und neue Handlungsstrategien hervorgebracht. Viel zu häufig werden diese jedoch nur als reaktives Krisenmanagement wahrgenommen. Dabei enthalten oftmals die einfachen Alltagsstrategien Einzelner wichtige Potenziale für die Zukunft. Sie genau zu beobachten und in Form von professionellem Wissen für größere Zusammenhänge verfügbar zu machen, könnte zu neuen Impulsen und politischen Ideen führen. Mit dem gesellschaftlichen Wandel ist aber auch die Suche nach neuen Sinnstrukturen verbunden. Kulturarbeit in Form von Sinnproduktion wird demnach in der Zukunft in allen gesellschaftlichen Bereichen an Bedeutung gewinnen. Der Erfolg konkreter strategischer Konzepte wird dabei wesentlich davon abhängen, wie es gelingt, sie mit den Bedürfnissen der Menschen vor Ort zu vermitteln.

Zu den wichtigsten Einsichten, die aus der Analyse der gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozesse in den neuen Bundesländern zu gewinnen sind, gehört, dass die augenblickliche Situation nicht als Übergang in eine wie auch immer vorgestellte Zielgesellschaft betrachtet werden kann, sondern auch zukünftig der Wandel eine Normalität aller spätmodernen Gesellschaften bleiben wird. Dies anzuerkennen, erfordert Mut und das ständige Neuformulieren von Visionen. Peter Nausner hat kürzlich in einem Vortrag Labors als »Zonen höchster Produktivität und Verwundbarkeit« und als »Produktionsstätten von Experimenten« beschrieben, die es erfordern, »auch dann am Ball zu bleiben, wenn alles zunächst gegen einen Erfolg spricht.« [38] Die Arbeit im Labor Ostdeutschland hat erst begonnen, und sie ist ein Experimentieren mit offenem Ausgang.


Anmerkungen
[1] Glaser; 1994, S. 47
[2] Wolfgang Engler und Wolfgang Kil in einem Konzeptpapier 2002
[3] Michael Hofmann: Soziokulturelle Milieus einer Industriegesellschaft in Bewegung; Thomas Strittmatter: Rollenwechsel für Ostdeutschland: vom Nachzügler zum Vorreiter der Modernisierung?
[4] www.anstiftung.de/prowol.html, vgl. dazu auch kritisch Scurrell 2002. Eine Analyse des Scheiterns dieser Projekte formuliert Adler; 2000.
[5] Vgl. Scholz 2003
[6] Vgl. Dietzsch; Dölling 1996 sowie Datenreport 2002
[7] Lutz 2000, S. 131
[8] Ebd.
[9] Vgl. Knecht 1999, S. 15
[10] Vgl. Bachmann 1999
[11] Ebd., S. 287
[12] Vgl. Holl; Meyer-Renschhausen 2000
[13] Meyer-Renschhausen 2000, S. 38 f.
[14] Vgl. Simone Hain: Schauplatz Hoyerswerda – Porträt einer existentiell bedrohten Stadt
[15] Hannemann; Kabisch 2002, S. 269
[16] www.wwf.de/regionen/deutschland/projekte ost/
[17] Vgl. Polk 2003. Ähnliche Ziele verfolgt auch die von dem Naturfilmer Heinz Sielmann gegründete Sielmann-Stiftung. Sie kaufte in den vergangenen Jahren an verschiedenen Stellen in Ostdeutschland großflächig Land auf (so z.B. das 50 Kilometer südöstlich von Berlin und nördlich des Spreewaldes im Landkreis Oder-Spree gelegene Naturschutzgebiet [NSG] Groß Schauener Seenkette, das 1906 Hektar umfasst) und setzt sich dafür ein, das Gebiet in ein europäisches Schutzgebietssystem zu integrieren. Obwohl sich auch die Sielmann-Stiftung dem globalen ökologischen Haushalt verpflichtet fühlt, wird hier eine naturverträgliche Bewirtschaftung betrieben. Ziel ist dabei, dass der Mensch so wenig wie möglich in die Entwicklung dieses kostbaren Gebietes eingreift, ohne allerdings ausgesperrt zu sein. (vgl. www.sielmann-stiftung.de/projekte-fs1.html)
[18] Zit. nach Polk 2003, S. 60
[19] Vgl. Götze 2003 und Tagesspiegel vom 16.4.1998
[20] Wolfgang Kil: Stilllegungsprämie. Planerische Strategien, kulturelle Erfahrungen und Perspektiven in den schrumpfenden Städten Ostdeutschlands
[21] Vgl. Rudolf Woderich: Im Labor neuer Landschaften: Die IBA Fürst-Pückler-Land in der Lausitz
[22] »Ausgangspunkt der Landschaftsvisionen sind die Veränderungen, Gestaltungen, Spuren und Zeichen, die die Menschen vermittelt über ihre praktische Lebens- und Arbeitstätigkeit in der Landschaft hinterlassen, wie jene mentalen Spuren, die die Landschaft in ihnen hinterließ. Die Spuren werden dokumentiert, ihr hermeneutischer Sinngehalt analysiert, interpretiert und zu einer Landschaftsgeschichte mit einem offenen, reflektierten Horizont verwoben. Die Methodik und die Form der Präsentation (Ausstellung, Inszenierung, begleitende Texte) rückt die Landschaftsvisionen in die Nähe einer hermeneutischen Landschaftsanalyse.« (Kenneth Anders und Lars Fischer: Aussicht auf freies Land bei Lieberose: Ein ehemaliger Truppenübungsplatz und die Möglichkeiten einer Landschaftsvision. Unveröffentlichtes Manuskript, Kontakt: anderswiese@t-online.de)
[23] Adler 2000, S. 155
[24] Berger 1991, S. 85 f.
[25] Lt. Institut für Arbeits- und Berufsforschung seit 1997, zit. nach Harald Werner im Freitag vom 16.3.2001
[26] Vgl. Franziska Becker: Ortsbezug und Abwanderung. Kulturanthropologische Skizzen zum Transformationsprozess in einer Stadt an der deutsch-polnischen Grenze
[27] Vgl. ebd. sowie Matthias Middell: Regionalisieren ohne Regionalismus? Zum Zustand der Territorialisierung in den neuen Bundesländern nach 1990
[28] Vgl. dazu Merkel 2002, S. 236
[29] Miegel 2002, S. 25–26
[30] Vgl. Bernd Lindner; Wilfried Schubarth: Jugend als Zukunft – Jugend ohne Zukunft? sowie das Interview mit Klaus Farin: Eigene Spielregeln? Jugendkulturen in Ostdeutschland
[31] Vgl. dazu Backes 2000 sowie Prahl; Schroeter 1996
[32] Vgl. Trautloft 2002. Es handelt sich dabei um eine unveröffentlichte Diplomarbeit über Freizeitaktivitäten im Ruhestand am Beispiel Sachsens.
[33] Schulze 1992, S. 491
[34] Kujath 1995, S. 27
[35] Ebd., S. 28 f.
[36] Antworten darauf ließen sich möglicherweise in zukünftigen Forschungen finden, mit denen zumindest die heutigen Erwartungen bzw. Wünsche der folgenden Generationen für ein »erfolgreiches Altern« erkundet werden könnten.
[37] Ina Merkel mit Bezug auf Ulrich Becks Begriffe der »zweiten Moderne« bzw. der »reflexiven Modernisierung«, Merkel 2002, S. 231
[38] Nausner 2002


Literatur

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