KULTURATIONOnline Journal fŘr Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 2/2003
Film- und Fernsehgeschichte
Peter Hoff
Das Projekt eines Fernsehseh- und Rundfunkstudios in Leipzig als erster Versuch einer Dezentralisierung der Fernseharbeit
Im Bericht ├ťBER DIE PROGRAMMT├äTIGKEIT DES FERNSEHENS IN DER DDR vom Oktober 1955 wird u. a. als Fazit der Analyse des "offiziellen Versuchsprogramms" ausgef├╝hrt: "Politische, k├╝nstlerische, technische und Produktionsgesichtspunkte veranlassten die Leitung des Fernsehzentrums, bereits seit Monaten Pl├Ąne zu entwickeln und zentralen Stellen Vorschl├Ąge zu unterbreiten, die vorsehen, das Fernsehen in der DDR zuk├╝nftig dezentralisiert zumindest in der Programmherstellung zu betreiben.

An eine Kapazit├Ątserweiterung in Berlin ist danach nicht gedacht. Lediglich eine teilweise Modernisierung und Vervollkommnung des Fernsehkomplexes ist erforderlich. Studios sollen nach den Planvorschl├Ągen beginnend in Leipzig in den verschiedensten Gebieten der Republik entstehen. Damit w├╝rde erreicht werden, dass die politische, k├╝nstlerische und technische Kapazit├Ąt der Republik wirkungsvoll f├╝r das Fernsehprogramm Verwendung finden w├╝rden." (a.a.O., S. 42/43) In den im Bundesarchiv Berlin verwahrten Akten des Staatlichen Rundfunkkomitees der DDR fanden sich entsprechende bislang unbekannte Projektierungsdokumente f├╝r die geplante Dezentralisierung des DDR-Fernsehens Ende der f├╝nfziger Jahre und f├╝r seine Umprofilierung im Sinne einer gesamtdeutschen Wirksamkeit.

Um die Mitte der f├╝nfziger Jahre war die Fernsehversorgung in der DDR, zumindest was die technischen Bedingungen des Empfangs betraf, (ausgenommen die schwer zug├Ąnglichen s├╝dlichen Bezirke) fl├Ąchendeckend gesichert, bei allerdings erheblichen Unterschieden in der technischen Qualit├Ąt des Empfangs in einzelnen Territorien. Ein relativ enges Netz von Sendern und Relaisstationen sicherte die grunds├Ątzlichen Empfangsm├Âglichkeiten in der DDR und trug ├╝ber starke Sender an der Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten zur Verbreitung des DDR-Programms auch in die grenznahen Gebiete der Bundesrepublik bei, wenn auch nicht im politisch gew├╝nschten Ma├če, denn w├Ąhrend die BRD durch einen in Westberlin stationierten Sender mit einem Reichweiteradius von mehr als achtzig Kilometern immerhin rund sechzig Prozent des Staatsgebietes der DDR mit dem Gemeinschaftsprogramm der (damals einzigen bundesdeutschen Fernseheinrichtung) ARD versorgen konnte, erreichte das DDR-Fernsehen auf Grund technischer und geographischer Bedingungen gro├čz├╝gig gesch├Ątzt nur knapp zwanzig Prozent der BRD/1/. Der weitere Ausbau des Sender- und Verteilernetzes und die Verbesserung der Empfangsqualit├Ąt waren st├Ąndige Bestandteile der staatlichen Planwerke.

Ein Engpass war noch die Ger├Ąteproduktion in der DDR, die dem Bedarf nicht nachkam und auf deren Steigerung alle staatlichen Planvorgaben orientierten. ├ťber Nachfrage nach Fernsehempf├Ąngern brauchte man sich in der DDR keine Gedanken zu machen, war das Fernsehen f├╝r die ostdeutschen B├╝rger doch nicht nur eine technische Attraktion als neues Unterhaltungsmedium, sondern auch ein "Fenster in die (westliche) Welt", das nur zu gern allabendlich in den Wohnstuben der DDR ge├Âffnet wurde. Erst drei Prozent der DDR- Haushalte war Mitte der f├╝nfziger Jahre mit einem Fernsehger├Ąt ausger├╝stet, jeder hundertste B├╝rger der DDR besa├č einen Empf├Ąnger, die Zahl der Empfangslizenzen betrug am Jahresende 1957 159.500, das DDR-Fernsehen sendete in diesem Jahr 1448 Stunden, das entsprach 28 Stunden Programm w├Âchentlich.

Mit der Einf├╝hrung der aus Gro├čbritannien importierten ersten beiden ├ťbertragungswagen und dem Beginn von Direkt├╝bertragungen aus allen Gegenden der DDR auf der Seite der Programmproduktion endete im Herbst 1955 die Studiophase des DDR-Fernsehens (vgl. HICKETHIER/HOFF 1998, S. 183ff.). Hatten in der ersten H├Ąlfte der f├╝nfziger Jahre alle Bem├╝hungen der technischen Erprobung des Fernsehens im Sendezentrum Berlin-Adlerhof - so die Bezeichnung des ostdeutschen Fernsehens w├Ąhrend der rund dreij├Ąhrigen Phase des offiziellen Versuchsprogramms - unter "geschlossenen" Studiobedingungen gegolten, die nur mit Hilfe des Films durchbrochen werden konnten, so ging der Deutsche Fernsehfunk mit seinem offiziellen Programm seit Januar 1956 aus dem Studio heraus. Direkt├╝bertragungen von Originalschaupl├Ątzen, aus Theatern und Variet├ęs und aus den zahlreichen Kulturh├Ąusern des Landes, wurden zum neuen Attraktionsmoment f├╝r das Medium. Das Fernsehen wurde mobil, der Slogan f├╝r die Programmarbeit lautete "Fernsehen hei├čt dabei sein", die Bem├╝hungen galten ab jetzt der quantitativen Erweiterung des Programms und der Frage, wie dieses Programm an die Zuschauer im Lande, aber auch jenseits der Grenze, in der Bundesrepublik, gebracht werden k├Ânne.

Der Deutsche Fernsehfunk war ein Intendanzbereich des Demokratischen Rundfunks und unterstand dem durch eine Verordnung des Ministerrats der DDR vom 14. August 1952 eingerichteten Staatlichen Rundfunkkomitee beim Ministerrat als dem zentralen Leitungsorgan (vgl. RIEDEL 1977, S. 38). W├Ąhrend der H├Ârfunk sich in Sendeeinrichtungen mit eigenen Intendanzen und mit jeweils spezifischen Aufgabenbereichen gliederte und sich bei aller generellen Zentralisierung der Rundfunkarbeit doch auch eine gewisse Regionalisierung erlaubte, war das Fernsehen in den drei Jahren des Versuchsprogramms streng zentralisiert./2/ Dabei muss beachtet werden, dass auch der H├Ârfunk in der ersten H├Ąlfte der f├╝nfziger Jahre eine Neuprofilierung der einzelnen Sendeanstalten erfahren hatte/3/. Gerade diese Zentralisierung der Fernseharbeit wurde nun in dem Bilanzpapier zum Versuchsprogramm kritisch infrage gestellt. Einer schnellen Korrektur des Ist-Zustandes beim nunmehrigen "Deutschen Fernsehfunk" (seit dem 3. Januar 1956) stand jedoch die Tr├Ągheit der DDR-Planwirtschaft entgegen. Jede Ver├Ąnderung eines einzelnen Postens in den staatlichen Planwerken zog Modifikationen des Gesamtsystems nach sich. So vergingen wiederum zwei Jahre, bis ein diskutables Projekt zur Dezentralisierung der Fernseharbeit vorlag. Es handelte sich um die "Aufgabenstellung f├╝r das Fernseh- und Rundfunkstudio in Leipzig, Standort III. Erarbeitet in der Konferenz vom 28. bis 30. Januar 1958" (DR6/655).

Teilnehmer der Konferenz und somit Autoren dieser 34-seitigen Projektstudie waren 21 leitende Mitarbeiter des Ministeriums f├╝r Post und Fernmeldewesen der DDR und der Studiotechnik von Rundfunk und Fernsehen sowie Architekten und ├ľkonomen, darunter der Technische Direktor des Fernsehens, Ernst Augustin (1902-1961), der bereits in den drei├čiger Jahren die rundfunktechnische Projektierung des Hauses des Rundfunks in der Berliner Masurenallee geleitet, das Fernsehstudio des Reichsrundfunks im Deutschlandhaus 1938 konzipiert sowie das Ostberliner Funkhaus in der Nalepastra├če und das Fernsehzentrum in Berlin-Adlerhof technisch projektiert hatte. Dazu kamen der Verwaltungsleiter des Deutschen Fernsehfunks Arthur Nehmzow sowie die Architekten Richard Paulick (1903-1979), der sp├Ątere Direktor der Bauakademie der DDR, und Franz Ehrlich (1907-1983), nach dessen Entw├╝rfen zwischen 1949 und 1956 das Fernsehzentrum Berlin-Adlerhof errichtet worden war/4/. Die Namensliste belegt, dass dieses Projekt hoch angebunden war und dass der Einrichtung dieses Fernseh- und Rundfunkstudios in Leipzig seitens der staatlichen Leitungsgremien gro├če politische Bedeutung beigemessen wurde.

Die Pr├Ąambel des Planungsdokuments verweist darauf, dass der "Aufgabe" das "Gesetz ├╝ber den zweiten F├╝nfjahrplan zur Entwicklung der Volkswirtschaft in der deutschen Demokratischen Republik f├╝r die Jahre 1956-1960 vom 9. Januar 1958" zu Grunde liegt, das "unter ┬ž 15 Kultur (3)" besagt, "dass in Leipzig mit dem Aufbau eines Fernsehstudios zu beginnen ist. Es ist sicherzustellen, dass der Bauumfang, der Baubeginn, die gesamte Bauzeit, die Gel├Ąndeausdehnung und die Investitionsmittel f├╝r das Fernsehstudio nicht beeintr├Ąchtigt werden durch die Absicht, sp├Ąter in Leipzig ein neues Rundfunkstudio zu bauen." (BArch DR6-655, S. III).

Dieser zweite F├╝nfjahrplan - der erste lief von 1950 bis 1955 - hatte seine eigene, in der Parteigeschichte der SED sp├Ąter verschwiegene Geschichte. Das "Gesetz ├╝ber den zweiten F├╝nfjahrplan" war erst am 9. Januar 1958 durch die Volkskammer verabschiedet worden. Dieses Datum ist jedoch aus den offiziellen Geschichtsdokumenten der SED getilgt worden, wie der zweite F├╝nfjahrplan sp├Ąter generell keine Erw├Ąhnung mehr findet, so wenig wie der nachfolgende Siebenjahrplan/5/, der ebenfalls nicht erf├╝llt wurde. Die Gr├╝nde daf├╝r sind in erster Linie in der Entwicklung der Beziehungen zwischen den sozialistischen L├Ąndern seit dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 zu suchen.

Im Herbst 1957 (14.-16. November) fand in Moskau eine "Beratung von Vertretern der kommunistischen und Arbeiterparteien der sozialistischen L├Ąnder" statt, auf der die F├╝hrung der Sowjetunion die Satellitenparteien nach dem Budapester Aufstand und den Unruhen in Polen st├Ąrker zusammenzuschlie├čen und auf die KPdSU als das Zentrum einzuschw├Âren sich bem├╝hte. Diese strenge Integration der Parteien und V├Âlker der sozialistischen Staaten als "sozialistisches Lager" zog ├Âkonomische Folgerungen nach sich, die auch eine Novellierung der staatlichen Plandokumente in diesen L├Ąndern einschlossen.

Die Inhalte des zweiten F├╝nfjahrplanes muten aus der distanzierten gegenw├Ąrtigen Sicht utopisch an, ebenso wie schon die ├Âkonomischen Planaufgaben, die sich die KPdSU in den Beschl├╝ssen ihres XX. Parteitages stellte. Es ging der F├╝hrung der KPdSU darum, die sozialistischen Volkswirtschaften in k├╝rzester Zeit so zu entwickeln, dass sie denen der kapitalistischen Staaten Konkurrenz machen konnten. Die Pl├Ąne in der DDR folgten dieser vorgegebenen Linie. Der DDR-Plan sah z.B. die Steigerung der Arbeitsproduktivit├Ąt und der Industrieproduktion durch "Modernisierung, Mechanisierung und Automatisierung" um 50 Prozent vor. Es sollte eine "neue industrielle Umw├Ąlzung" auf der Grundlage der "sozialistischen Produktionsverh├Ąltnisse" bewirkt werden. Vor dem Hintergrund dieser ganz offensichtlich unrealistischen Zielsetzung ist auch das Projekt des "Fernsehstudios Leipzig" zu betrachten.

Das Projekt ist aber auch im Kontext der deutschlandpolitischen Aktivit├Ąten der UdSSR wie auch der DDR-Regierung zu sehen, vor allem im Zusammenhang mit den Vorschl├Ągen der sowjetischen und der ostdeutschen Staatsf├╝hrung zur Ver├Ąnderung des Status quo in Deutschland. Am 30. Januar 1957 hatte Walter Ulbricht auf dem 30. ZK-Plenum der SED eine deutsch-deutsche Konf├Âderation vorgeschlagen, als deren Kernst├╝ck ein parit├Ątisch besetzter Gesamtdeutscher Rat fungieren sollte. Am 27. Juli des gleichen Jahres unterbreitete die DDR-Regierung der Bundesregierung offiziell dieses politische Projekt. Auf dem V. Parteitag der SED vom 10. bis 16. Juli 1958 erneuerte Ulbricht diesen Vorschlag. Am 27. November 1958 k├╝ndigte die Sowjetunion in Noten an die drei Westm├Ąchte, die Bundesrepublik und die DDR die Vierm├Ąchteverantwortung f├╝r Deutschland und f├╝r Berlin auf. Westberlin sollte entmilitarisiert und innerhalb eines halben Jahres in eine "selbst├Ąndige politische Einheit" umgewandelt werden. Am 31. Dezember erkl├Ąrten die Westm├Ąchte sich zu Verhandlungen bereit, lehnten aber die Aufgabe ihrer Verantwortung f├╝r Berlin und Deutschland ab. Daraufhin forderte die sowjetische Regierung am 10. Januar 1959 eine Friedenskonferenz und legte einseitig den Entwurf f├╝r einen Friedensvertrag vor.

Es lag nahe, dass als Voraussetzung f├╝r das Zustandekommen einer deutsch-deutschen Konf├Âderation Berlin in seine auf der Potsdamer Konferenz vereinbarte alte Position des Vierm├Ąchtestatus (der von der Sowjetunion einseitig aufgek├╝ndigt worden war) h├Ątte zur├╝ckversetzt werden m├╝ssen. Zudem w├Ąre f├╝r l├Ąngere Zeit eine Interimsl├Âsung notwendig gewesen, die, unter den Bedingungen der urspr├╝nglichen Teilung Deutschlands auf der Potsdamer Konferenz, Berlin als ostdeutsches Regierungs- und Verwaltungszentrum ausgeschlossen h├Ątte. F├╝r die ostdeutsche Administration w├Ąre eine Ausweichl├Âsung zu finden gewesen, auch f├╝r den DDR-Rundfunk und das ostdeutsche Fernsehen. Leipzig, in den Nachkriegsjahren auch als ostdeutsche Hauptstadt schon im Gespr├Ąch gewesen, h├Ątte sich angeboten.

Noch aus einem anderen Grund w├Ąre Leipzig als Sitz f├╝r die Rundfunkmedien in Ostdeutschland als geeignet befunden worden. Das geteilte Berlin mit seinen noch ungesicherten Sektorengrenzen, das offiziell noch immer dem Vierm├Ąchtestatus unterlag, konnte im Sinne des Staats- und V├Âlkerrechtes nur bedingt den neuen Staat DDR repr├Ąsentieren. Deshalb wurde eine F├╝lle von Gro├čveranstaltungen in die traditionelle Messestadt verlegt, beispielsweise die Turn- und Sportfeste. Vor allem betraf dies aber internationale Veranstaltungen wie die Leipziger Messe. Leipzig war somit generell das Tor zur Welt f├╝r die um Anerkennung ringende DDR. Unabh├Ąngig von politischen Vorbedingungen konnte sich die DDR hier der Welt├Âffentlichkeit pr├Ąsentieren. Das galt auch f├╝r das DDR-Fernsehen, das sich im Rahmen eines allj├Ąhrlichen Messe-Sonderprogramms seit 1953 hier einem internationalen Publikum vorstellte. Auf der Leipziger Messe demonstrierte die DDR nicht allein technische und ├Âkonomische, sondern auch kulturelle Leistungskraft.

Angesichts dieser vielf├Ąltigen Initiativen war f├╝r alle konkreten Handlungsschritte in Richtung "Fernsehstudio Leipzig" Eile angesagt. In wenig mehr als zwei Wochen seit der Annahme des Gesetzes ├╝ber den zweiten F├╝nfjahrplan waren offenbar die Vorarbeiten zum Projekt des neuen Fernseh- und Rundfunkstudios in Leipzig in konkrete Formen gegossen worden. Dem Leipziger Fernsehstudio sollte nach den Planungsunterlagen ein nicht unbetr├Ąchtlicher Teil des Programms ├╝bertragen werden, zwei Tagesprogramme in der Woche zu je 7 Stunden, wobei damit schon der realen Programmplanung des DDR-Fernsehens vorgegriffen wurde, das zum Zeitpunkt der Beratung vom Januar 1958 t├Ąglich nur vier Stunden sendete. Einen sieben Stunden umfassenden t├Ąglichen Sendeplan realisierte der Deutsche Fernsehfunk erst ab 1959. Auch die Planung eines t├Ąglichen Mittags- und Nachmittagsprogramms und bereits eines halbst├╝ndigen Nachtprogramms griff den aktuellen Gegebenheiten vor.

Im Einzelnen waren die zweimal sieben Programmstunden pro Woche aus Leipzig folgenderma├čen verplant:
"a) Vormittagsprogramm: 1 Stunde (Schul- und Hochschulfunk u.├Ą.)
b) Mittagsprogramm: 1 1/2 Stunde (f├╝r Schichtarbeiter. Es werden hier im Wesentlichen Aufzeichnungen zur Sendung kommen).
c) Nachmittagsprogramm: 1 1/2 Stunde (Kinder- und Frauensendungen u.a.) d) Abendprogramm: 2 1/2 Stunden
e) Nachtprogramm: 1/2 Stunde (z.B. Westdeutschland)"
(BArch DR6/655, S. 2)

Diese Programmplanung, die dem Ist-Stand des Jahres 1958 um etwa zwei Jahre vorgriff, weist eine ganze Reihe von Programminnovationen aus, die f├╝r das Ende der f├╝nfziger Jahre vorgesehen waren. Das vormitt├Ągliche Wiederholungsprogramm "f├╝r Schichtarbeiter" wurde am 8. Oktober 1958, also ein Dreivierteljahr nach der Konferenz, begonnen. An ein regelm├Ą├čiges Programm des "Schul- und Hochschulfunks" war noch lange nicht zu denken. /6/ Zwar gab es schon seit Beginn des Versuchsprogramms ein umfangreiches Angebot an Kindersendungen; 1955 wurden j├Ąhrlich 47 Stunden f├╝r Kinder gesendet, das waren 6,0 % des Gesamtangebotes des Programms , 1960 waren es 267 Stunden, was 8,9 % des Programmangebotes entsprach. Das Jugendprogramm war jedoch bis dahin nur wenig entwickelt. Die "Frauensendungen" f├╝hrten im Programm des DDR-Fernsehens eine Randexistenz. Lediglich am fr├╝hen Montagabend (von 19.00 bis 19.30) waren im Sendeschema f├╝r das Jahr 1958 "Sendungen f├╝r Frauen" eingeplant, wahrscheinlich dem Umstand geschuldet, dass der Montag der "Tag der gesellschaftlichen Arbeit" war, an dem die Partei- und Gewerkschaftsveranstaltungen durchgef├╝hrt wurden, und da die Funktion├Ąre in der Mehrzahl m├Ąnnlich waren, konnte zu diesem Zeitpunkt den Frauen eine Nische im Fernsehprogramm einger├Ąumt werden. Dieses Programm f├╝r die Frauen unterschied sich jedoch erheblich von ├Ąhnlichen Programmsparten im bundesdeutschen Fernsehen. Im "Perspektivplan" des Deutschen Fernsehfunks f├╝r die Jahre 1959 bis 1965 wird dies erl├Ąutert: "Das Frauenfernsehen konzentriert sich in seiner Aufgabenstellung auf die Einbeziehung st├Ąndig gr├Â├čerer Schichten der Frauen in den sozialistischen Produktionsprozess in Industrie und Landwirtschaft der allseitigen Hilfe und Unterst├╝tzung (sic!) f├╝r die werkt├Ątigen Frauen und M├╝tter und der Ver├Âffentlichung der besten Beispiele der Erziehung der Kinder der berufst├Ątigen Frauen in Tagesheimschulen, Schularbeitszimmern, Kinderhorten und Kinderg├Ąrten." (BArch DR 6/655, S. 10)

Der Erkl├Ąrung bedarf auch der Umstand, dass im Projekt des Leipziger Fernsehzentrums an zwei Tagen in der Woche ein "Nachtprogramm" geplant wurde, das zudem mit dem Zusatz "z.B. Westdeutschland" versehen wurde. Am 11. September 1957 hatte das DDR-Fernsehen eine Programmstrecke aufgegriffen, die sich im Sinne des gesamtdeutschen Wirkungsauftrages, den sich beide deutsche Nachkriegs-Fernsehinstitutionen erteilt hatten, von Ost-Berlin aus an die Zuschauer in der Bundesrepublik wandte. Das "Tele-Studio West" war geschickt im Programm positioniert worden, am sp├Ąten Samstagnachmittag (18.00 bis 18.50 Uhr, eingebettet zwischen einer Unterhaltungssendung und dem "Abendgru├č des Sandm├Ąnnchens", also popul├Ąren Sendungen), der von der Programmplanung der ARD bis dahin wenig beachtet worden war. Zudem interessierte diese Reihe des DDR-Fernsehens durch die noch ungewohnte und folglich attraktive offene Form des Magazins mit unterschiedlichen Beitr├Ągen auch Zuschauer in der Bundesrepublik (siehe HICKETHIER/ HOFF 1998, S. 282/283).

Wenn in der Planung f├╝r das Leipziger Fernsehstudio Sendungen f├╝r "z.B. Westdeutschland" auf das "Nachtprogramm" orientiert wird, so darf angenommen werden, dass auch hier eine neue Zeitschiene erschlossen werden sollte, um in die Bundesrepublik einwirken zu k├Ânnen/7/. Aus diesem Gesichtswinkel betrachtet, bekommt auch die Planung des Frauenprogramms einen erweiterten Inhalt. Denn die in ihrer Mehrzahl berufst├Ątigen Frauen der DDR kamen als Zielgruppe eines solchen Nachmittagsprogramms nur bedingt infrage, wohl aber die Frauen in der Bundesrepublik, die im Zuge des "Wirtschaftswunders" wieder in die traditionelle Hausfrauenrolle zur├╝ckgekehrt waren.

Das f├╝r das Studio Leipzig vorgesehene Programm zeigt sich als durchaus zukunftsweisend und von der politischen Strategie her als durchdacht. Deshalb kann auch der Aufwand kaum noch verwundern, mit dem dieses Programm realisiert werden sollte. Immerhin wurden nach der Planung vom Januar 1958 f├╝r seine Realisierung nicht weniger als 865 Mitarbeiter ben├Âtigt, einschlie├člich "Feuerwehr, Betriebsschutz- und Reinigungskr├Ąften", doch ohne das Personal f├╝r die sozialen und kulturellen Einrichtungen wie Verk├Ąuferinnen der betrieblichen Handelseinrichtungen usw. Von diesen 865 Mitarbeitern waren 765 festangestellte Kr├Ąfte und "100 Freie Mitarbeiter f├╝r Programm und Redaktion". Die Festangestellten gliederten sich folgenderma├čen auf: "250 Mitarbeiter techn. Personal
150 Mitarbeiter redakt. Pesonal
150 Mitarbeiter Produktionspersonal
(...)
215 Mitarbeiter als Verwaltungspersonal"
(BArch DR6/655, S. 2)

Die geplanten "6 selbst├Ąndige(n) Redaktionen" umfassten das gesamte Spektrum eines damaligen Rundfunk- oder Fernsehprogramms, ausgenommen, und das muss verwundern, Sport (er wurde in einer "Nebenstelle Berliner Redaktionen" mit 10 Mitarbeitern der "aktuellen Politik" subsummiert) und Unterhaltung, auch sie als "Nebenstelle" f├╝r "unterhaltende und musikalische Sendungen (Unterhaltung, Feuilleton und ├Âffentliche Veranstaltungen und Musik)", ebenfalls mit 10 Mitarbeitern gef├╝hrt/8/. BArch DR 6/655, S. 3) Im Einzelnen waren an selbst├Ąndigen, also nicht dem Berliner Zentrum unterstellten Redaktionen, geplant:

Redaktion "Dramatische Kunst" mit 15 Mitarbeitern
Redaktion "Wissenschaft und Technik" mit 15 Mitarbeitern
Redaktion "Kulturpolitik" mit 15 Mitarbeitern
"Frauenredaktion" mit 15 Mitarbeitern
Redaktion "Landwirtschaft" mir 15 Mitarbeitern und die
Redaktion "Kinderfernsehen", f├╝r die 30 Mitarbeiter vorgesehen waren.

Die Projektierung des Leipziger Studios war durchaus auf die Zukunft ausgerichtet, so dass der vorliegende Plan als ein wichtiges Dokument zu betrachten ist, das R├╝ckschl├╝sse auf die Vorstellungen erlaubt, die Ende der f├╝nfziger Jahre seitens des DDR-Fernsehens von der weiteren Entwicklung des Fernsehens generell bestanden. Die im Plan genannten Sendezeiten beispielsweise seien "als ca. 75 % der Programmerfordernisse zu betrachten. 25 % Programmerfordernisse (d.h. Sendereihen, die heute noch nicht zu ├╝bersehen sind oder ein Regionalprogramm) die evtl. auch weitere Redaktionen nach sich ziehen, m├╝ssen der Kapazit├Ąt auch vom B├╝roraum zugeschlagen werden." (BArch DR6/655, S. 5)

Da von einem "Regionalprogramm" in Planpapieren des DDR-Fernsehens bis dahin niemals und nirgendwo die Rede war, kommt dieser Mitteilung quasi am Rande durchaus Bedeutung zu. Der DDR-Rundfunk, das gemeinsame Dach, unter dem sich auch das Fernsehen zu diesem Zeitpunkt noch befand, hatte die Regionalstruktur der fr├╝hen Nachkriegszeit, die der Struktur der Landessendeanstalten des deutschen Vorkriegsrundfunks folgte, zugunsten des zentralistischen Prinzips, das den einzelnen Sendern eine besondere politische Funktion zuma├č, aufgegeben.

Wenn die Regionalstruktur hier f├╝r die Zukunft ins Auge gefasst wurde, muss bei allen innenpolitischen ├ťberlegungen hinsichtlich einer st├Ąrkeren Ber├╝cksichtigung der regionalen Informationsbed├╝rfnisse der DDR-Bev├Âlkerung auch bedacht werden, ob in diesem Zusammenhang eventuell die Hoffnung auf eine mittelfristige Wiedervereinigung eine Rolle gespielt haben mag, durch die eine Wiederherstellung der Regionalstruktur notwendig geworden w├Ąre, wobei der Plan f├╝r das Fernsehstudio Leipzig einer Angleichung des DDR-Rundfunks an das f├Âderative Rundfunksystem der Bundesrepublik schon gedanklich zugearbeitet h├Ątte.

Einer solchen ├ťberlegung arbeitet auch der Umstand zu, dass in dem Planpapier bei der Raumplanung auch von einem "Intendanten" des Fernsehstudios die Rede ist, d. h. offenbar an eine selbstst├Ąndige und vom Berliner Fernsehzentrum in bestimmtem Ma├če unabh├Ąngige Leitung f├╝r die Leipziger Einrichtung gedacht worden war, also eine gewisse Eigenst├Ąndigkeit vergleichbar mit den Sendern der ARD ins Auge gefasst wurde. Zumindest lassen die Planungen diesen Schluss zu, denn die Projektierung des Leipziger Studios umfasst alle technischen Bereiche, die f├╝r einen aktuelle (Live-) Programmbetrieb notwendig sind. Auch die Aufgabenteilung zwischen Zuarbeit zum Gemeinschaftsprogramm bei gleichzeitiger regionaler Wirksamkeit des Studios entspricht dem ARD-Modell.

Die Arbeit mit dem Film, wie sie in den Planungsunterlagen vorgesehen ist, entspricht der damaligen Bewertung des Films als Erg├Ąnzung zur dominierenden Live-Arbeit mit elektronischer Produktionstechnik. Drei Schneider├Ąume f├╝r 35mm und 16 mm Film sind eingeplant, der Personalbestand sieht vier bis f├╝nf Schnittkr├Ąfte vor. Ein Filmvorf├╝hrraum mit "vorschriftsm├Ą├čiger Vorf├╝hrkabine f├╝r 35 mm und 16 mm Film" (S. 13) ist f├╝r die Abnahmen vorgesehen. Auf die Dominanz des mit elektronischer Technik zu realisierenden Live-Sendebetriebes verweist auch der Umstand, dass immerhin 15 "Fernsehkameraf├╝hrer" vorgesehen waren. Den Regier├Ąumen f├╝r die Studios waren Film- und Diageber f├╝r den aktuellen Sendebetrieb "schichtm├Ą├čig und r├Ąumlich getrennt" zugeordnet. Eine Gruppe technischer Ger├Ątschaften - "Kamerazugpult und Regieanlage, ein zentraler Trickraum soll in der N├Ąhe der Filmgeber angeordnet werden" (S. 12) - war projektiert. In allen Gewerken wie Beleuchtung, Studiotechnik, Maske, Kost├╝m und Ausstattung bis hin zu den Dekorationswerkst├Ątten und zum Fundus f├╝r Kost├╝me und Requisiten und einem Archiv f├╝r die Produktionsunterlagen sollte das Leipziger Studio autonom sein, die Raumplanung daf├╝r war gro├čz├╝gig.

Architektur und Technologie der Studios ber├╝cksichtigten Berliner Erfahrungen und entwickelten sie weiter. Drei Studios waren geplant: ein Studio f├╝r die Ansage und f├╝r kleinere publizistische Sendungen wie Gespr├Ąchsrunden etc. mit einer Grundfl├Ąche von 180-200 qm, "welches nach M├Âglichkeit teilbar sein soll". Eine variable Raumgr├Â├če war auch f├╝r die beiden "Sendestudios mit einer Spielh├Âhe von 8 m und vollkommen gleicher technischer Ausstattung und Einrichtung von 900 qm" vorgesehen. Diese beiden Studios sollten einerseits durch ein schalldicht gesichertes Tor akustisch voneinander getrennt, bei Bedarf aber auch durch ├ľffnung dieses Tors zu einem Studio vereint werden k├Ânnen. Solche Variabilit├Ąt fehlte den damals vier Studios in Berlin-Adlershof noch. Neu ist am Leipziger Projekt, verglichen mit dem Berliner Fernsehzentrum, dass diese Studios publikumsoffen angelegt wurden. Damit wird die publikumsnahe Konzeption des fr├╝hen deutschen Rundfunks auch im Leipziger Studio wieder aufgegriffen, zumal auch der obligatorische "Gro├če Sendesaal" - hier "├ľffentlicher Saal" genannt (S. 33) - wieder aufgenommen wird, diesmal als gemeinsamer Saal f├╝r Rundfunk und Fernsehen. Er soll repr├Ąsentativen Zwecken dienen, indem er die "Aura" von H├Ârfunk und Fernsehen als Kulturinstitutionen demonstriert: "Die Fernseh- und Rundfunkveranstaltungen bedeuten f├╝r den Besucher einen festlichen Abend. Er will f├╝r sein Geld einen guten Platz mit allseitiger Sicht. Da(s) ergibt die Forderung f├╝r die Technik, dass sie so gel├Âst sein muss, dass sie in keinem Falle im Gegensatz zu den Bed├╝rfnissen des Zuschauers steht." (S. 33)

Gegen├╝ber dem in seiner Funktion als Gro├čer Sendesaal nie wirklich genutzten und schon bald zum "Studio V" umgewidmeten Theatersaal des Berliner Fernsehzentrums war der "├ľffentliche Saal" des Leipziger Fernseh- und Rundfunkstudios von vornherein gro├čz├╝giger geplant und als ├Âffentliche Einrichtung vorgesehen: "Die Gr├Â├če des Saals muss der Bedeutung der Stadt Leipzig als Messestadt entsprechen. Dabei soll davon ausgegangen werden, dass Rundfunk und Fernsehen nicht die alleinigen Benutzer sind. Er soll, soweit es die Veranstaltungen von Rundfunk und Fernsehen zulassen, auch anderen Institutionen zur Verf├╝gung stehen." Auf die Multifunktionalit├Ąt verweist eine Anmerkung zur m├Âglichen Nutzung dieses Saals: "In diesem Saal m├╝ssen Konzertveranstaltungen, dramatische Kunst, artistische Darbietungen, Zirkus (im Typoskript gestrichen: und Sportveranstaltungen) geboten werden k├Ânnen." - Bei solchen Gelegenheiten begegneten sich Fernsehspiel und Theater. Es war zu dieser Zeit noch ├╝blich, einzelne erfolgreiche Fernsehspiele vor einem Live-Publikum im Fernseh-Theatersaal als normale B├╝hnenst├╝cke aufzuf├╝hren, um so auch bei den vom Fernsehen noch nicht ├╝berzeugten B├╝rgern des Territoriums f├╝r das neue Medium zu werben.

War der Theatersaal in Berlin noch eines der Kernst├╝cke des geplanten Studiokomplexes gewesen, so ist er in Leipzig eher von nachgeordneter Bedeutung: "Er braucht nicht (im Typoskript handschriftlich nachgetragen: r├Ąumlich) mit dem Schaltzentrum des Fernsehstudios (handschriftlich: u. d. Funkhauses) in Verbindung stehen. Entsprechende Verhandlungen ├╝ber den evtl. gemeinsamen Bau eines solchen Saales (wohl gemeinsam mit den kommunalen Gremien der Stadt Leipzig, P.H.) sind zu gegebener Zeit zu f├╝hren - im Moment steht er nicht im Mittelpunkt des Interesses." (S. 33)

Neben der station├Ąren Technik war auch an eine f├╝r die damalige Zeit sehr umfangreiche mobile Technik gedacht. Drei Fernseh-├ťbertragungswagen und ebenfalls drei Filmreportagewagen, zwei Ton├╝bertragungswagen (nur f├╝r den Fernsehbetrieb) und ein Filmabtastwagen f├╝r das Live-Einspiel von vorbereiteten Filmteilen vom originalen ├ťbertragungsort sowie weitere Technikfahrzeuge f├╝r die Live-├ťbertragung waren vorgesehen, insgesamt 30 Technik-Fahrzeuge sowie weitere 40 Produktionsfahrzeuge f├╝r den Dekorations- und Beleuchtungstransport wurden in den Planungspapieren f├╝r erforderlich gehalten, ein gro├čer Fahrzeugpark also. Daraus l├Ąsst sich schlie├čen, dass das Leipziger Studio auch in dieser Hinsicht vom Berliner Zentrum unabh├Ąngig werden sollte, dass also ein eigenst├Ąndiger Sendebetrieb auch bez├╝glich der Original├╝bertragungen beabsichtigt war.

Schlie├člich wurde f├╝r den Sender noch ein eigener Richtfunkturm von 150 m erlaubter H├Âhe projektiert, der das r├Ąumlich nicht weiter ausbaubare Provisorium im Hochhaus am Ring abl├Âsen und "die in Leipzig endenden bzw. durchlaufenden Richtfunkverbindungen mit diesem Komplex zusammenfassen" sollte (S. 16). Der Richtfunkturm sollte sich "in unmittelbarer N├Ąhe des Fernsehstudiogel├Ąndes befinden". Ein solcher Richtfunkturm findet sich auch in den architektonischen Planungsunterlagen von Franz Ehrlich f├╝r den sp├Ąter nicht realisierten DFF-Komplex in Berlin-Adlershof vom Ende der sechziger Jahre. Mit Hilfe des Leipziger Richtfunkturmes sollten vor allem die Richtfunkstrecken im S├╝den der DDR koordiniert werden, die "Verbindung Bezirksst├Ądte - Berlin" und "Bezirksst├Ądte untereinander" sowie "Modulationsversorgung der Fernsehsender der DDR mit Programm aus der Messestadt Leipzig und Umgebung"; er sollte als "m├Âgliche Relaisknotenstelle innerhalb des FS-Richtfunknetzes zur Modulationsversorgung der Fernsehsender Leipzig, Brocken und Inselsberg", also des alten Sendegebietes des fr├╝heren Mitteldeutschen Rundfunks dienen und ferner die Richtfunkverbindung von ├ť-Wagen bei der ├ťbernahme von Fernseh-Livesendungen aus Leipzig und Umgebung ├╝bernehmen.

F├╝r die Fernsehtechnik waren vier Stockwerke des Turms vorgesehen, w├Ąhrend im 5. Geschoss ein "Kleinstrestaurant" f├╝r die ├ľffentlichkeit geplant war. Also wurde auch hier der Gedanke einer ├ľffnung f├╝r das Publikum, ├Ąhnlich wie bei den Studios, weitergef├╝hrt. ├ťber die Vorstellungen vom Programm f├╝r den Fernsehsender Leipzig ist dem vorliegenden, in erster Linie von Technikern und Architekten ausgearbeiteten Papier ├╝ber die eingangs zitierten kargen Mitteilungen hinaus nur wenig zu entnehmen. Bemerkenswert ist allerdings, dass, wie beim Adlershofer Sendezentrum, auch in Leipzig die "Dramatische Kunst" eine exponierte Stellung zugebilligt bekommen sollte. W├Âchentlich wurde "1 Sendung mit einer durchschnittlichen Sendezeit von 120 Minuten" geplant. "Zugrunde gelegt wird, dass innerhalb von 2 Monaten
6 Fernsehspiele original aus dem Studio,
1 Theatergastspiel aus dem Studio und
1 Direkt├╝bertragung aus einem Theater oder einem Ort au├čerhalb des Studios gesendet werden.

Es ist vorgesehen, im Zeitraum eines Vierteljahres auch ein Fernsehspiel als Aufzeichnung zu senden.

Die Fernsehspiele, die aus dem Studio gesendet werden, werden etwa im Durchschnitt 95 % original und
5 % mit Filmeinblendungen
gesendet." (S. 3)

Die Anzahl der geplanten "Aufzeichnungen", was zu diesem Zeitpunkt noch Film bedeutete, entsprach jener, die auch in Berlin produziert wurden. Auch im Berliner Studiobetrieb wurden zu diesem Zeitpunkt (bis zum Anfang der sechziger Jahre) nur durchschnittlich vier Fernsehfilme j├Ąhrlich produziert. Auch das Verh├Ąltnis von Elektronik ("original") und Film, wie es hier festgelegt wird, entsprach der damaligen Norm. Erst in den sechziger Jahren setzte sich die Norm von 1:4 (Film zu Elektronik) durch, vor allem durch die damals an Bedeutung gewinnenden F├Ąlle der Krimireihen "Pitaval" und "Blaulicht".

Die f├╝r Leipzig geplante Gesamtkapazit├Ąt der "Dramatischen Kunst" entsprach in etwa der H├Ąlfte der Produktionskapazit├Ąt, wie sie im Fernsehzentrum Berlin-Adlershof in einem quasi industriellen Herstellungsprozess realisiert werden musste. Im Studio IV in Adlershof, dem Studio, das bislang ausschlie├člich dem Fernsehspiel vorbehalten war, entstanden w├Âchentlich zwei fernsehdramatische Erstsendungen, die jeweils am Sonntag und am Donnerstag/9/ zur Ausstrahlung kamen. An einem dritten Sendetermin, am Dienstag, wurden ├ťbertragungen von Theaterauff├╝hrungen gesendet. Ob mit der Leipziger Fernsehspielproduktion eine Entlastung des Berliner Studios beabsichtigt war, oder ob auf diesem Wege eine Erh├Âhung der Anzahl von Fernsehspielen erreicht werden sollte, ist bis jetzt nicht schl├╝ssig zu entscheiden.

Anhand der im Bundesarchiv vorliegenden Plandokumente aus dem Bestand des Staatlichen Rundfunkkomitees l├Ąsst sich rekonstruieren, dass mit dem Fernsehstudio Leipzig der Beginn einer Dezentralisierung und Regionalisierung des DDR-Fernsehens geplant war. So wird in einer Besprechung am 22. April 1959, an der neben dem Leiter der Abteilung Agitation im SED-Zentralkomitee, Heinz Geggel, auch die leitenden Rundfunk- bzw. Fernsehmitarbeiter Probst, Kleinert und Adameck teilnahmen (Protokoll ├╝ber die Besprechung betr. Perspektiven der Rundfunk- und Fernsehstudios in der DDR bis 1965, BArch DR 6/ 655) unter Punkt I. 1. festgelegt: "Leipzig - Das vorhandene Projekt f├╝r den Aufbau eines Rundfunk- und Fernsehstudios bleibt bestehen."

Weitere Studios wurden f├╝r Dresden und Rostock vorgesehen, wo bereits ein "Provisorium" f├╝r die allj├Ąhrlichen Programme zur "Ostseewoche", einer allj├Ąhrlich stattfindenden politisch-kulturellen Veranstaltung der ├Âstlichen Ostsee-Anliegerstaaten, in Betrieb ist. Dazu wird beschlossen: "Es sind die Voraussetzungen zu schaffen, dass 1963 (in Rostock, P.H.) mit dem Bau eines neuen Fernsehstudios begonnen wird. Die Aufgabenstellung ist vom Deutschen Fernsehfunk gemeinsam mit der Leitung der Studiotechnik Fernsehen auszuarbeiten." (ebenda, S. 2) Auch f├╝r Dresden wird im Protokoll festgelegt: "Vom Deutschen Fernsehfunk ist die Aufgabenstellung f├╝r den Fernsehteil des Rundfunk- und Fernsehstudios gemeinsam mit der Leitung der Studiotechnik Fernsehen auszuarbeiten." (ebenda) F├╝r beide Projekte werden der Fernsehintendant Adameck und der Leiter der Studiotechnik, G├╝nther, verantwortlich benannt. Termine sind der 1. Juni 1959 (Dresden) und der 1. Oktober 1959 (Rostock).

Von diesen drei Fernsehstudios in der Republik sowie vom Berliner Fernsehzentrum sollen die einzelnen Bezirke mit versorgt werden, und zwar in folgender Aufschl├╝sselung:
Berlin: Potsdam, Frankfurt/O., Neubrandenburg (gemeinsam mit Rostock)
Rostock: Schwerin, Neubrandenburg (gemeinsam mit Berlin)
Dresden: Cottbus
Leipzig: Halle, Gera, Suhl, Weimar
F├╝r Erfurt wird "nach 1965" der "Neubau eines Fernsehstudios" beschlossen, f├╝r Magdeburg erfolgt hinsichtlich der Fernseharbeit laut Protokoll keine Festlegung ├╝ber eine Studioanbindung. Die geplanten Studios entsprechen im Wesentlichen der alten Struktur der Landesrundfunkanstalten.

Diese Beschl├╝sse zur Regionalisierung der Fernseharbeit ├╝berschneiden sich mit einer anderen Ma├čnahme, die etwa zur gleichen Zeit in Beratungs- und Beschlussprotokollen des Staatlichen Rundfunkkomitees z.T. gemeinsam mit den Gremien der SED-F├╝hrung Erw├Ąhnung findet, mit der geplanten Einf├╝hrung eines II. Fernsehprogramms "auf der Neubau-Perspektive mit einem Sender in Berlin und einem vollkommen neuen Studienkomplex Schwerin - Dequede - Inselsberg
Neubau/ 1962
Ab 1962 zun├Ąchst 8 Stunden Sendung
1963 12 " "
bis 1965 20 " "
Das h├Ąngt davon ab, was wir von der Industrie bekommen." So Fernsehintendant Adameck in der "Sitzung des Komitees am 21. 4. 1959" (Protokoll, BArch DR 6/ 655, S. 2). ├ťber den Charakter des II. Programms ├Ąu├čert Adameck sich eindeutig. Das Telestudio West, also der auf die Westpropaganda gerichtete Programmkomplex "m├╝sste m├Âglichst bald ausgebaut werden und den Kern des zweiten Programms langsam heranbilden." Der fr├╝here Personalchef des DDR-Fernsehens denkt auch an die Kaderperspektive f├╝r das neue Programm: "Wenn wir einen Genossen h├Ątten, der sp├Ąter Programmleiter oder Chefredakteur sein soll, so m├╝sste er so bald wie m├Âglich eingesetzt werden."

Das II. Fernsehprogramm sollte in der Perspektive das Telestudio ersetzen. Adameck: "Mit dem zweiten Programm f├Ąllt Telestudio weg." (Ebenda, S. 2). Auch in diesem Zusammenhang wird wieder die Frage nach lokalen Sendern des Fernsehens angesprochen, die, so Prof. Gerhart Eisler, "von uns untersch├Ątzt worden" ist, "genau so wie die Bedeutung der Kreis- und Stadtzeitungen, die alte Tradition, dass jede Kleinstadt zwei-drei Zeitungen gehabt hat. Der lokale Sender muss die Aufgabe haben, Nachrichten aus Stadt und Land seines Kreises zu bringen." (ebenda, S. 15) Auch der ZK-Abteilungsleiter Geggel spricht sich f├╝r die Erweiterung der regionalen Sendungen aus: "Was die Bezirksstudios anbelangt, so glaube ich auch, dass es notwendig ist, die lokale Seite st├Ąrker hervorzuheben. Ich habe den Eindruck, dass wir von unserer urspr├╝nglichen Linie etwas abgehen. Wir wollten doch, dass die Bezirkssender im Programm mehr Sendezeit bekommen."

Der Realisierung dieser Pl├Ąne sind jedoch durch die ├ľkonomie und durch die technischen Gegebenheiten Grenzen gesetzt. Adameck ├Ąu├čert in diesem Zusammenhang auf die Frage, ob er glaube, "dass im Fernsehen das Lokale keine Rolle" spiele, Zweifel an der Realisierbarkeit der Dezentralisierungs- und Regionalisierungspl├Ąne f├╝r das Fernsehprogramm: "Es ist von der technischen Seite her unm├Âglich, ├Ârtliche Fernsehstudios zu errichten. Wir sind froh, wenn wir 1980 drei Fernsehprogramme haben." Auf die Frage von Geggel: "Wird in den n├Ąchsten Jahren das Studio Rostock neben dem zentralen Programm eine Stunde eigenes Programm haben?", antwortet Adameck: "Meiner Meinung nach nicht." Und er beantwortet die Frage des Komiteevorsitzenden Prof. Hermann Ley: "Neben der Zubringung f├╝r das zentrale Programm wird Leipzig t├Ąglich Eigenprogramm f├╝r Leipzig machen?" - "Nein, weil bis dahin der Ausbau des ersten und zweiten Programms gemacht werden muss. 1975 evtl. ja." (ebenda, S. 20/21) - Den hochfliegenden Pl├Ąnen standen also ernsthafte Schwierigkeiten entgegen, die der Pragmatiker Adameck offenbar klar erkannt hatte.

Am 15. 6. 1959 findet in der Staatlichen Plankommission, Abt. Transport- und Nachrichtenwesen, eine zweist├╝ndige "Besprechung betr. Einf├╝hrung eines 2. Fernsehprogramms" unter Beteilung hochrangiger Funktion├Ąre aus dem ZK der SED, den Ministerien, dem Staatlichen Rundfunkkomitee und dem Deutschen Fernsehfunk statt. Der erste Absatz des Protokolls benennt den ├Ąu├čeren Grund f├╝r die Eile, mit der dieses Vorhaben vorangetrieben wurde. Es ging wieder einmal, wie schon zu Beginn der Fernseharbeit in der DDR, um die Sicherung der daf├╝r vorgesehenen Frequenzen: "├ťber die Notwendigkeit einer schnellen Einf├╝hrung eines 2. Fernsehprogramms in der DDR bestand bei allen Beteiligten volle ├ťbereinstimmung, um der Absicht des Gegners, das Band IV zu belegen, zuvorzukommen." (Protokoll, BArch DR6/ 655, S. 1) Gleichzeitig wird jedoch auch klar, dass hinter diesem zum vorrangigen Projekt erkl├Ąrten Unternehmen alle anderen Planungen zur├╝ckstehen mussten: "Angesichts der Lage bestand auch dar├╝ber Klarheit, dass die Bereitstellung von zus├Ątzlichen Investitionen, Importmitteln, Arbeitskr├Ąften usw. insbesondere bis 1962 nur im Zuge einer Umverteilung m├Âglich ist." (ebenda)

Im "Perspektivplan bis 1965 (Siebenjahrplan)" des Staatlichen Rundfunkkomitees (BArch DR 6/ 655) vom 27. Juni 1959 wird unter der "Entwicklung der Sendekapazit├Ąt" neben der Erweiterung des Programmangebotes des "Fernsehprogramm I" auf 81,5 Stunden (1965) w├Âchentlich auch ein "Fernsehprogramm II" mit zun├Ąchst 18 Sendestunden (1960), kontinuierlich gesteigert auf 38 Sendestunden w├Âchentlich (1965) "mit Deutschlandsender-Charakter" (ebenda S. 3) aufgef├╝hrt, also ein Fernsehprogramm vor allem f├╝r die Bundesrepublik, das seine Botschaften allerdings in kultureller Verpackung und ├╝ber Erfolgsmeldungen aus der DDR anbieten sollte, wie der H├Ârfunksender "Deutschlandsender" dies demonstriert hatte. Vom Neubau dezentraler Fernsehstudios au├čerhalb Berlins ist im Dokument ├╝ber den Siebenjahrplan keine Rede mehr.

In einer "Stellungsnahme zur Beschlussvorlage des Leiters der Elektroindustrie ├╝ber Ma├čnahmen zur Sicherung der Entwicklung des I. Fernsehprogramms in der deutschen Demokratischen Republik" des Fernsehintendanten Adameck vom 23. Juni 1960 wird noch einmal auf die Studios in Rostock, Dresden und Leipzig eingegangen, aber dieses Dokument zeigt auch, dass von den Pl├Ąnen nun, nach dem Scheitern des Siebenjahrplanes, kaum noch etwas ├╝briggeblieben ist: das Studio Rostock wird ein "Provisorium" bleiben, der Bau des Studios Dresden soll nicht, wie urspr├╝ngliche geplant, 1962 begonnen und 1964 beendet werden, sondern soll wegen "mangelnder Produktionskapazit├Ąt" erst 1966 fertiggestellt sein, und f├╝r das Studio Leipzig ist eine "Teilinbetriebnahme 1965" geplant, was Adameck zur Nachfrage veranlasst: Was ist darunter zu verstehen? Was ist das f├╝r ein ÔÇÜTeil'? Wann sind die ├╝brigen ÔÇÜTeile' fertig? Ganz davon abgesehen, dass nach Auffassung der Leitung des Deutschen Fernsehfunks Ma├čnahmen und Garantien geschaffen werden m├╝ssen, dass das gesamte Objekt Fernsehstudio sp├Ątestens 1965 als Ganzes zur Verf├╝gung stehen muss." (S. 5/6)

Adameck versucht in diesem Zusammenhang auch noch einmal, "die Einf├╝hrung eines 2. Fernsehprogramms in der Deutschen Demokratischen Republik", die "eine politisch, personell, technisch und ├Âkonomisch v├Âllig selbst├Ąndige Angelegenheit ist", vom Ausbau des 1. Programms abzukoppeln, denn: "Es ist zu erwarten, dass das 2. Fernsehprogramm von Partei und Regierung als Sonderma├čnahme in absehbarer Zeit auf Grund gesonderter Dokumente beschlossen wird." (S. 8) Vergeblich, wie heute klar ist. Es mangelte an den notwendigen Mitteln f├╝r die Realisierung der Regionalstudios, und das 2. DFF-Programm "mit Deutschlandsender-Charakter" hatte seine Funktion als Propagandakanal f├╝r Kultur und Lebensweise der DDR sp├Ątestens mit dem Mauerbau verloren.

Die Vorbereitungen zu einem zweiten Programm des DDR-Fernsehens wurden mit Beginn der sechziger Jahre ad acta gelegt wurden, bis sie mit neuer Konzeption um 1963 wieder aufgenommen und zum 20. Jahrestag der DDR 1969 ohne klare Konzeption realisiert wurden. Das Projekt eines Leipziger Fernseh- und Rundfunkstudios wurde mit dem Abbruch des zweiten F├╝nfjahrplanes durch den Beschluss der Volkskammer ├╝ber den Siebenjahrplan 1959-1965 aufgegeben. Es ging, wesentlich reduziert und unter Beibehaltung des zentralistischen Charakters des DDR-Fernsehens mit Standort in der DDR-Hauptstadt Berlin, in die seit den sechziger Jahren geschaffenen Regionaleinrichtung des DFF Studio Halle ein. Das Ostseestudio Rostock blieb ein Provisorium, die Studios Dresden und Karl-Marx-Stadt blieben im Embryonalstadium stecken und realisierten lediglich einzelne Sendungen aus ├Âffentlichen Veranstaltungss├Ąlen.


Literatur:

DEUTSCHER FERNSEHFUNK (Hrsg., 1957): F├╝nf Jahre Deutscher Fernsehfunk. Berlin 1957.
HICKETHIER, Knut unter Mitarbeit von Peter HOFF (1998): Geschichte des deutschen Fernsehens. Stuttgart/Weimar 1998.
HOFF, Peter/ M├ťNCHEBERG, Hans (1984): Experiment Fernsehen. Vom Laborversuch zur sozialistischen Massenkunst. Die Entwicklung fernsehk├╝nstlerischer Sendeformen zwischen 1952 und 1961 in Selbstzeugnissen von Fernsehmitarbeitern. Hrsg. v. Hans M├╝nchberg. Zusammengestellt und kommentiert von Peter Hoff. Podium und Werkstatt. Schriftenreihe des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden 15/16, Berlin 1984.
HOFF, Peter (1993 A): Organisation und Programmentwicklung des DDR-Fernsehens. In: Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland/ hrsg. von Helmut Kreuzer und Christian W. Thomsen. Bd. 1. Institution, Technik und Programm: Rahmenaspekte der Programmgeschichte des Fernsehens/ hrsg. von Knut Hickethier. M├╝nchen 1993.

HOFF, Peter (2002): Dezentralisierung oder Regionalisierung des Fernsehens der DDR? Das Projekt eines Fernseh- und Rundfunkstudios in Leipzig 1958. In: Rundfunk und Geschichte, 28. Jg. Nr. 1/2 - Januar/April 2002, S. 22-30.
PROTOKOLL ├╝ber die Besprechung betr. Perspektiven der Rundfunk- und Fernsehstudios in der DDR bis 1965, 22. 4. 1959. Ms., BA Berlin DR 6/655.
RIEDEL, Heide (1977): H├Ârfunk und Fernsehen der DDR. Funktion, Struktur und Programm des Rundfunks in der DDR. Hrsg. v. Deutsches Rundfunk-Museum e.V., Berlin. K├Âln 1977.
STAATLICHES RUNDFUNKKOMITEE (1958): Bericht an den Ministerrat ├╝ber die kulturpolitische Arbeit des Rundfunks und Fernsehens. Ms. BA/ DR 6-529.
├ťBER DIE PROGRAMMT├äTIGKEIT DES FERNSEHENS IN DER DEUTSCHEN DEMOKRATISCHEN REPUBLIK (1955), Ms, Oktober 1955, BA DR 8 - 3.

Anmerkungen

/1/ In den beginnenden sechziger Jahren sowohl seitens der DDR, als auch von bundesdeutschen Stellen verbreitete graphische Darstellungen, die eine Reichweite der DDR-Sendeanlagen bis in den Raum um Frankfurt/M. oder bis tief in Niedersachsen hinein behaupten, sind der Propaganda des Kalten Krieges geschuldet: einerseits als Erfolgsbericht, anderseits als Warnung vor der Gefahr "kommunistischer Infiltration". Mit der zeitgen├Âssischen Realit├Ąt hatten sie nichts gemein.

/2/ Dieser zentralisierte Programm- und Produktionsbetrieb f├╝hrte zu institutionellen wie auch zu produktionstechnologischen Konsequenzen wie beispielsweise zu der h├Ąufig beschriebenen quasi-industriellen Produktion der in gro├čer Zahl eigenproduzierten Fernsehspiele im Studio IV des Adlershofer Sendezentrums in Berlin.

/3/ Vor allem wurde die West-Wirksamkeit der DDR-Rundfunkanstalten auf die einzelnen Sender aufgeteilt. Der traditionelle "Deutschlandsender", der auf der Mittelwelle sein Programm ausstrahlte, war zur Sendeanstalt mit der Aufgabe der politischen, vor allem aber auch der kulturellen Einwirkung in die Bundesrepublik ausgebaut worden, w├Ąhrend der Berliner Rundfunk neben der "DDR-Hauptstadt" Ost-Berlin den Westen der geteilten ehemaligen deutschen Hauptstadt als sein Wirkungsgebiet betrachtete.

/4/ Wenn auch nicht sehr konsequent, denn Ehrlichs architektonisches Konzept f├╝r das Adlershofer Zentrum gr├╝ndete sich auf die architektonischen ├ťberlegungen der Industriearchitektur aus den zwanziger Jahren mit dem Grundgedanken der Vereinigung von Funktionalit├Ąt und ├ästhetik (Ehrlich hatte seinerzeit mit Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe zusammengearbeitet) und wurde, wohl prim├Ąr auch im Interesse einer sparsameren Variante, bei der Realisierung stark reduziert. Seine Entw├╝rfe f├╝r einen Umbau des DFF auf der Grundlage der Grundkonzeption von 1950 mit einem repr├Ąsentativen Eingangsgeb├Ąude, einer neuen Fassadengestaltung f├╝r das Studio V (Aktuelle Kamera) und mit einem neuen Sendeturm vom Ende der sechziger Jahre, die sich in den Akten des Politb├╝romitglieds Werner Lamberz fanden, blieben unrealisiert.

/5/ Vgl. GESCHICHTE DER SOZIALISTISCHEN EINHEITSPARTEI DEUTSCHLANDS 1978, Kapitel 7 und 8 (S. 325-419).

/6/ Erst im "Perspektivplan des Deutschen Fernsehfunks" f├╝r die Jahre 1959 bis 1965 werden dieser Programmsparte ab 1960 zwei w├Âchentliche Sendestunden einger├Ąumt, die dann allerdings bis 1965 auf 10 Wochenstunden einer "Fernsehvolkshochschule" einschlie├člich eines "Schulfernsehens" gesteigert werden sollten. Bis 1965 sollte "gepr├╝ft" werden, "ob ein eigenes Fernsehstudio in einer vorbildlichen Schule einzurichten ist, in der die Sendet├Ątigkeit auf dem Gebiet der Volksbildung mit der Praxis der Schule selbst verbunden werden kann". (Auszug aus dem Perspektivplan des Deutschen Fernsehfunks. BArch DR 6/655, S. 7)

/7/ Das Sendeschema des DFF von 1959 r├Ąumte dem "Telestudio West" am sp├Ąten Samstagabend nach 22.00 Uhr bei offenem Ende eine zweite Sendezeit ein. Nur wenig sp├Ąter begannen die Planungsarbeiten f├╝r ein 2. Programm des DDR-Fernsehens als "Deutschlandfernsehen" (in Analogie zum H├Ârfunksender "Deutschlandfunk") mit dem Ziel, vornehmlich f├╝r Zuschauer in der Bundesrepublik zu senden. Der damalige Plan wurde nach politischen Ver├Ąnderungen in der BRD, vor allem nach der Gro├čen Koalition zwischen CDU und SPD, durch die die Sozialdemokratie als "potentieller B├╝ndnispartner" der SED ausfiel, im Zuge einer grunds├Ątzlichen Revision der Deutschlandpolitik der SED-F├╝hrung aufgegeben.

/8/ "Diese Nebenstelle wird die ├ťbertragung einzelner Musik- und Unterhaltungsprogramme und einige Filmproduktionen (angenommen werden vier 45-Minutenprdouktioen im Jahr), die mit k├╝nstlerischen Kr├Ąften aus dem Leipziger Bereich gestaltet werden, betreuen.
St├Ąrke dieser Redaktion : 10 Mitarbeiter." (BArch DR 6/ 699, S. 3).

/9/ Am Donnerstag wurden auch publizistisch-dramatische Mischformen wie die "Szenischen Fragestellungen" gesendet, in denen gesellschaftliche Problemf├Ąlle szenisch dargestellt und im Anschluss an die Ausstrahlung dieser szenischen Darstellung von Experten live im Studio diskutiert wurden