KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 2018
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Isolde Dietrich

Das Kombinatsdirektoren-Projekt
Isolde Dietrich
Das Kombinatsdirektoren-Projekt

Die Kulturwissenschaftlerin Isolde Dietrich hat an dem hier vorgestellten biografiegeschichtlichen Generaldirektoren-Projekt von Beginn an beratend mitgewirkt und es kommentierend begleitet. 2010 in der Reihe „Bausteine ostdeutscher Kulturgeschichte“ mit ihrem Beitrag über „Das Spannungsfeld von Wirtschaft und Kultur“. Kulturation veröffentlichte 2012 ihre Bestandsaufnahme "Das Schweigen der Kombinatsdirektoren" (www.kulturation.de/ki_1_report.php?id=176). 2016 folgte ihr erster Bericht über das biografiegeschichtliche Projekt: "Nützliche Erfahrungen Alternativen zur gegenwärtigen Wirtschaftsorganisation" (www.kulturation.de/ki_1_report.php?id=202). Mit einem Rückblick auf sechs erfolgreiche Jahre stellt sie nun in einem erneuten "Zwischenbericht" für kulturation dar, was die lebensgeschichtliche Erinnerungs-Arbeit mit prominenten Wirtschaftsakteuren eingetragen hat.

Seit 2012 lädt das Berliner Unternehmen Rohnstock Biografien frühere Kombinatsdirektoren und andere Wirtschaftsführer der DDR zu sogenannten Erzählsalons ein. Damit war anfangs nur die Hoffnung verbunden, bisher schweigende Zeugen der Vergangenheit zum Sprechen zu bringen und ihre Erfahrungen festzuhalten. Inzwischen hat sich dieses Projekt gemausert. Aus einem kleinen Zirkel des geselligen Austausches unter Insidern ist eine feste Institution geworden, die weit in die Öffentlichkeit ausstrahlt.

Wie alles begann
Die Vorgeschichte ist kurz erzählt. Im Grunde gab es drei Gruppen mit unterschiedlichen Ambitionen und Voraussetzungen, die sich zu einem Team zusammenfanden und das Projekt aus der Taufe hoben.
Da war einmal Katrin Rohnstock, die Geschäftsführerin der gleichnamigen Firma, die sich auf das Anfertigen und Herausgeben von Autobiografien spezialisiert hat. Sie hatte seit längerem festgestellt, dass kaum Ostdeutsche zu ihren Kunden zählten. Das war sicher auch eine Geldfrage. Vor allem war es aber dem Umstand geschuldet, dass sich Ostdeutsche nach den Demütigungen der Nachwendezeit mehrheitlich zurückzogen, sich selbst gegenüber Angehörigen, Freunden und Bekannten bedeckt hielten, jedenfalls kein Bedürfnis spürten, ihr Leben vor anderen auszubreiten.
Wer sich als Opfer des SED-Regimes darzustellen verstand, konnte mit Fördermitteln rechnen und war nicht auf die Dienste eines Unternehmens wie Rohnstock Biografien angewiesen, schied also als potentieller Auftraggeber aus. Solche Leute mussten ihre Biografien nicht auf eigene Kosten herstellen lassen.
Nur etwa die Hälfte der Ostdeutschen hatte nach der Wende ihren Arbeitsplatz behalten oder rasch einen gleichwertigen neuen gefunden. Noch seltener konnte von einem beruflichen Aufstieg die Rede sein, von dem sich stolz in einer Autobiografie berichten ließe. Für viele wäre eine Bilanz des eigenen Werdegangs vermutlich bitter ausgefallen. Die einen waren als Versager bloßgestellt und für den Niedergang der DDR verantwortlich gemacht worden. Sie hätten mit Erklärungsversuchen nur noch mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf ihr Tun gelenkt. Bei anderen ließ sich der Kreuzweg mit seinen vielen Stationen wie Aberkennung erworbener Abschlüsse, Herabstufung, Vorruhestand, Entlassung, ABM, Umschulung, Ein-Euro-Job, Ich-AG, geringfügige Beschäftigung, Zeitarbeit, Hartz IV, Altersarmut usw. nicht zu einem Bericht über ein gelungenes Leben oder gar zu einem Heldenepos umdeuten.
Dabei gab es aufregende Lebensgeschichten zuhauf, die aufzuschreiben lohnte. Das hatten nicht zuletzt die Erinnerungen des DDR-Bankers Edgar Most bewiesen, die aus dem Hause Rohnstock kamen und auf dem Buchmarkt ein Bestseller wurden. Besonders vermisste Katrin Rohnstock die Biografien von Fachleuten aus der ostdeutschen Wirtschaft, auch und gerade weil sie zahlreiche Aufträge von westdeutschen Unternehmern abgearbeitet hatte.
Zweitens gab es eine Gruppe von Kulturwissenschaftlern, die regelmäßig im Hause Rohnstock verkehrte und dort Veranstaltungen zur DDR-Kulturgeschichte anbot. Von hier kam die These, Alltag, Lebensweise und Mentalität der Ostdeutschen seien ohne Kenntnis des Wirtschaftslebens nicht zu erhellen. Gerade für ein so arbeits- und berufsorientiertes Gemeinwesen wie die DDR liege hier der Schlüssel. Dabei genüge es nicht, Pläne zu studieren und Statistiken auszuwerten. Viel interessanter sei die Frage, aus welchem Holz die Wirtschaftsführer des Landes seinerzeit geschnitzt sein mussten. Schließlich reichten Ingenieurwissen, kaufmännischer Sachverstand und Menschenführung nicht aus, um ein sozialistisches Unternehmen durch die Klippen der staatlichen Planwirtschaft zu steuern. Immer war zugleich im Maßstab der Volkswirtschaft, gar im Rahmen des RGW zu denken und zu handeln. Und bei alledem war das Staatsziel der DDR, der Aufbau einer humanen und sozial gerechten Gesellschaft im Auge zu behalten. Das Wohl der Beschäftigten zu sichern und gleichzeitig ordentliche, oft auch sehr harte, wirkliche "Knochenarbeit" zu organisieren, zu verlangen und durchzusetzen, war ihr Auftrag. Die "klassischen" Arbeitsantriebe – Eigennutz und Angst vor Entlassung – standen dafür kaum zur Verfügung.
Um all das in Erfahrung zu bringen, sei nach Meinung der Kulturwissenschaftler ein biografischer Zugang besonders geeignet, wie ihn auch das Unternehmen Rohnstock mit seinem Geschäftsmodell praktiziere. In einem ersten Schritt müssten die Industriekapitäne, die Generaldirektoren der großen Kombinate um Auskunft gebeten werden. Nur so ließe sich klären, wie die Art und Weise der Produktion das Leben der Menschen weit über den Beruf und den Betrieb hinaus prägte.
Der Dritte im Bunde war der gemeinnützige Verein zur Förderung lebensgeschichtlichen Erinnerns und biografischen Erzählens e.V., der sich die Ziele von Katrin Rohnstock und die der Kulturhistoriker zu eigen machte. Dieser Verein versuchte, Fördermittel für so ein Projekt zu besorgen und die Organisation des Vorhabens nach Kräften zu unterstützen.

Höchste Eile war geboten
Allen Beteiligten war klar, dass höchste Eile geboten war. Schließlich gehörten die 1989 amtierenden Generaldirektoren der großen Industriekombinate einer Generation an, die in den 20er, 30er und beginnenden 40er Jahren geboren war. Bis auf wenige Ausnahmen – nur einige waren noch Soldat und in Gefangenschaft gewesen - handelte es sich um die Generation der Kriegskinder. Viele kamen aus Flüchtlingsfamilien. Diese Generation hat im Wesentlichen ihre schulische und berufliche Ausbildung in der SBZ bzw. DDR erhalten, hier ein Studium in technischen und naturwissenschaftlichen Fachrichtungen absolviert, später meist noch ein wirtschaftswissenschaftliches Studium angeschlossen. Bevor sie zum Generaldirektor berufen wurden, hatten etliche ein vorgeschriebenes gesellschaftswissenschaftliches Studium an einer Parteischule zu durchlaufen. Diese Männer und (wenigen) Frauen waren es, die das Erbe der deutschen Industriekultur fortzuführen hatten, das ihre Vorgänger im Amt - die Angehörigen der sogenannten Aufbaugeneration - bereits auf einen völlig neuen Pfad gelenkt hatten. Hierbei erlebten die Generaldirektoren einen beruflichen Aufstieg, der in den meisten Fällen auch ein sozialer Aufstieg aus "einfachen" Verhältnissen war. Jene Herkunft dürfte ihren Blick auf gesellschaftliche Tatbestände zeitlebens geerdet haben. Politisch wurden alle geprägt durch die ständigen Ost-West-Konflikte, den Wettlauf und die Konfrontation der Systeme, den kalten Krieg und das damit verbundene Lagerdenken. So gesehen waren sie eine wirtschaftliche Führungsriege, die in dieser Konstellation einmalig in der Geschichte gewesen sein dürfte. Das macht ihre Selbstauskünfte kostbar wie Goldstaub – unabhängig von allen aktuellen geschichtspolitischen Erwägungen und Querelen. Es wäre verantwortungslos, auf diese Quellen zu verzichten.
Erste Recherchen hatten ergeben, dass nahezu zwei Drittel von ihnen bereits verstorben oder in einer gesundheitlichen Verfassung waren, die keine Befragungen mehr zuließ. Gern hätte man etwa von Werner Frohn, dem Kombinatsdirektor des Petrolchemischen Kombinats Schwedt erfahren, wie er das Kunststück fertigbrachte, Arbeitsplätze in "seinem" Unternehmen in wirklichen Größenordnungen abzuschaffen, ohne Mitarbeiter zu entlassen. Zu spät – Frohn ging nach 20 Jahren in dieser Position 1990 in den Vorruhestand, er verstarb 2002. Viele andere mächtige und auch machtbewusste Wirtschaftsführer, wenn man so will "sozialistische Manager", die ebenso wie Frohn ihren Handlungsspielraum auszunutzen und ihre Verfügungsrechte wahrzunehmen wussten, leistungsmotiviert und leistungswillig waren, innovatives und flexibles Herangehen an den Tag legten, kommunikativ begnadet waren und die Belegschaften erfolgreich führten, waren ebenfalls nicht mehr zu erreichen oder mussten absagen.
Besonders bedauerlich ist, dass von den wenigen Frauen in dieser Spitzenposition nur noch eine zusagen konnte: Christa Bertag, vormals Generaldirektorin des VEB Kosmetik Kombinat Berlin. Von Brundhild Jaeger vom Fotochemischen Kombinat Wolfen und Helge Häger, der Generaldirektorin des Braunkohlenkombinats Bitterfeld weiß man vom Hörensagen nur, dass sie ein eisernes Regiment geführt haben sollen. War das wirklich so und was hat man sich darunter vorzustellen? Hätte man mehr Frauen befragen können, wäre wohl noch eine andere Dimension in das Projekt gekommen. Schließlich hatten sie ihre Stellung – im Unterschied zu westlichen Konzernchefinnen – weder ererbt, noch erheiratet. Kurz: Rasches Handeln war unumgänglich, wollte man die führenden Wirtschaftsführer überhaupt noch erreichen.

Hitzige Debatten im Vorfeld
Dennoch gab es zwischen 2010 und 2012 zunächst hitzige Debatten um das anzugehende Projekt. Diverse Runden versuchten, sich in unterschiedlicher Zusammensetzung dem Thema zu nähern. Das Team aus dem Hause Rohnstock und der Verein für lebensgeschichtliches Erzählen (Bettina Kurzek, Dietrich Mühlberg und Hans Thie – wirtschaftspolitischer Referent der Linken im Bundestag) verfassten unter dem Titel "Wirtschaftskrimi Planwirtschaft" einen Aufruf, mit dem sie die "DDR-Wirtschaftselite" zur Mitarbeit einluden und erklärten, nun sofort loszulegen.
Wirtschaftswissenschaftler empfahlen, Fachleute ihrer Disziplinen einzubeziehen, was allerdings nur in Ansätzen gelang. Immerhin konnte der Wirtschaftshistoriker Prof. Jörg Roesler gewonnen werden, der als Experte für die Geschichte der DDR-Wirtschaft fortan bei allen Salonveranstaltungen zugegen war und die vorgetragenen Erfahrungen der Praktiker in den jeweiligen Kontext einordnete. Auch andere Wirtschaftswissenschaftler wie die Professoren Christa Luft, Thomas Kuczynski, Klaus Steinitz, Harry Nick u.a. waren gelegentlich dabei, allerdings ohne dem Profil der Reihe eine andere Richtung zu geben.
Die Kulturwissenschaftler um Prof. Dietrich Mühlberg hatten ebenfalls ein wissenschaftlich gestütztes und begleitetes Vorhaben im Sinn. Vor allem bestanden sie auf einem klaren Konzept und auf einem sachlichen, weniger marktschreierischen Grundgestus. Das Schwergewicht sollte auf dem Erinnern und Bewahren liegen. Es wären persönliche, individuell einmalige Erfahrungen von Menschen festzuhalten, die ein völlig neues, ein alternatives Wirtschafts- und Gesellschaftsprojekt verwirklichen wollten und damit scheiterten. Rechtfertigungen und vordergründige "Lehren" für Gegenwart und Zukunft seien unbedingt zu vermeiden. Diese würden den Blick auf das sensationell Andere der DDR nur trüben und es künftigen Generationen erschweren, das Innovative, Originelle daran zu erkennen. Durchsetzen konnten sich die Kulturwissenschaftler mit solch einer Auffassung freilich nicht.
Die Diskrepanz dieser verschiedenen Positionen konnte nie ausgeräumt werden, sorgte immer für Spannungen. Aber vielleicht war es gerade die Mischung von erfrischender Naivität und kundigeren Bedenken, die für die rechte Atmosphäre sorgte und dem Projekt am Ende Leben einhauchte.
Die Sache startete schließlich ohne wissenschaftliches Konzept und ohne gesicherte finanzielle Basis. Man einigte sich vorab nur auf einen gewissen Rahmen:
Geschwächt durch Krieg und hohe Reparationsleistungen, abgeschnitten von bisherigen Rohstoff- und Energiequellen ist die Industrie in Ostdeutschland nach 1945 fast ohne Privateigentum an Produktionsmitteln und ohne Konkurrenzwirtschaft von neuem aufgebaut worden. Das hat einen speziellen Typ von Wirtschaftsführern wie von Arbeitern hervorgebracht, die die DDR binnen weniger Jahrzehnte in ein international geachtetes Industrieland verwandelt haben.
Die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte des deutschen Kapitalismus ist sehr gut erforscht und im Gedächtnis der Deutschen fest verankert.
Die industrielle Erfolgsgeschichte Ostdeutschlands ist dagegen wenig erforscht und noch weniger in den Köpfen der Menschen präsent.
Das Ende des Staates DDR und die weitgehende Deindustrialisierung des Landes scheinen die Erinnerung an die Blütezeit der ostdeutschen Industrie verschüttet zu haben.
Die Generaldirektoren der Kombinate und ihr Führungsstab gehören nach der im Lande vorherrschender Auffassung nicht zur deutschen Wirtschaftselite des 20. Jahrhunderts. Sie gelten als Repräsentanten einer kommunistischen Misswirtschaft und werden höchstens in soziologischen Spezialabhandlungen untersucht.
In der DDR gab es 1989 über 250 Kombinate. Die Hälfte davon (125) war zentral von Industrieministerien geleitet worden. Die Gruppe der Generaldirektoren und ihrer Leitungsteams interessierte nicht nur wegen ihrer Schlüsselrolle in der DDR-Wirtschaft. Sie war zugleich Motor sozialer und kultureller Veränderungen. Und sie machte im Laufe der Jahrzehnte selbst eine Entwicklung durch.
Bei der Mehrzahl der Kombinatsdirektoren handelte es sich um Ingenieure bzw. Naturwissenschaftler mit einer soliden akademischen Ausbildung. Die meisten machten eine erfolgreiche Nachwende-Karriere, aber niemand von ihnen stieg in die Riege der 400 deutschen Top-Manager auf. Nur Karl Döring vom Eisenhüttenkombinat Ost hat eine dem DDR-Generaldirektor vergleichbare Spitzenposition behaupten können.
Ziel des Projekts am Hause Rohnstock sollte es sein, dem Negativbild etwas entgegenzusetzen. Im Einzelnen wurden vier verschiedene Absichten verfolgt: Erstens ging es darum, zeithistorische Erinnerungen biografisch abzurufen und zu sichern. Zweitens sollte mit den monatlich stattfindenden Vorträgen jeweils eines Generaldirektors die innere Verständigung zwischen den Generaldirektoren und den anderen Vertretern der Wirtschaftselite angeregt werden, um im Miteinander am Bild der wirtschaftlichen Entwicklung der DDR zu arbeiten und das Selbstbewusstsein der "Abgetauchten" zu stärken. Drittens sollten prominente ostdeutsche Wirtschaftsakteure angeregt werden, ihre Autobiografie zu schreiben bzw. zu Protokoll zu geben. Katrin Rohnstock strebte an, mit einer Serie von 20 Autobiografien ein Bild der DDR-Volkswirtschaft zu zeichnen. Vermittelt über Autobiografien von Kombinatsdirektoren - untermauert mit Fakten und Dokumenten – sollte die Wirtschaftsgeschichte der DDR aus der Innensicht erzählt werden. Und viertens war es schließlich ein Ziel, diese Seite der ostdeutschen Geschichte auf neue Weise ins öffentliche Gespräch zu bringen – gegen die allgemeine Version, die DDR sei vor allem auf Grund ihrer maroden Wirtschaft gescheitert.

Schwierigkeiten und Hindernisse
Bei den ersten Versuchen, Kontakt zu früheren Wirtschaftsführern aufzunehmen, stieß das Projektteam auf eine Mauer des Schweigens. Kaum jemand war bereit, zuzuhören, zu sprechen, geschweige denn, sich an dem Vorhaben zu beteiligen.
Das war verständlich. Viele waren in den Medien unmittelbar nach der Währungsunion in ihrer Ratlosigkeit und in ihren vergeblichen Versuchen, die Unternehmen und damit die Arbeitsplätze von Tausenden zu retten, bloßgestellt worden – nicht ohne eine gewisse Häme und Genugtuung. Auch auf anderen Ebenen gab es vernichtende Urteile. So hatte etwa eine westdeutsche Personalberatungsfirma 1990 über 250 leitende ostdeutsche Wirtschafts-"Manager" zu befinden. Danach hätten ganze sieben Personen auf Grund ihrer konzeptionellen Stärke, ihrer hohen Motivation, ihrer Leistungsorientierung, ihres selbstbewussten Auftretens und ihres Habitus "ganz oben" in der westdeutschen Führungselite bestehen können.
Dazu kamen massive Anschuldigungen bis hin zu polizeilichen Ermittlungen und Gerichtsverfahren, Drohungen und handfesten Auseinandersetzungen. Mancherorts wurden Direktoren von aufgehetzten Belegschaften aus den Betrieben gejagt.
Dieses Trauma hatte Spuren hinterlassen. Es war kein Phantomschmerz, wenn Führungskräfte über zwei Jahrzehnte nach der Vernichtung ihres Lebenswerks mit Verbitterung an die damaligen Ereignisse dachten und fürchteten, dass mit dem angestrebten Projekt neue Denunziationen und Anfeindungen auf sie zukommen würden. Die allererste Aufgabe bestand also darin, eine Vertrauensbasis zu schaffen.

Der Start
Offiziell startete das Vorhaben im Sommer 2012 mit einer Beratung im Hause Rohnstock. Zu zwei Generaldirektoren konnten erste Kontakte aufgebaut werden, die ihr Interesse am "Wirtschaftskrimi Planwirtschaft" bekundeten und bereit waren, das Programm mitzugestalten. Dem einladenden Verein zur Förderung lebensgeschichtlichen Erzählens und Erinnerns war es gelungen, eine Anschubförderung durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung zu erhalten. Damit konnte eine erste Tagung geplant werden, die einen größeren Kreis erreichen sollte.

Erste Tagung September 2012
Unter dem anspruchsvollen Titel "Krise und Utopie. Was heute aus der DDR-Planwirtschaft für ein zukünftiges Wirtschaften gelernt werden kann" fand diese Tagung am 21. September 2012 statt.
Zwischenzeitlich war hier im Onlinejournal der Report Das Schweigen der Kombinatsdirektoren erschienen (www.kulturation.de/ki_1_report.php?id=176). Auf der Grundlage eines früheren Vortrags im Hause Rohnstock wurde darin das Erkenntnisinteresse an den Erfahrungen der einstigen Wirtschaftsführer noch einmal erklärt und der dringende Appell zum Mitmachen wiederholt. Am Beispiel der wenigen bereits vorliegenden Autobiografien aus diesem Milieu ist der Wert solcher Wortmeldungen gezeigt worden. Heinz Schwarz, ehemaliger Generaldirektor des Chemiekombinats Bitterfeld, der mit Leuna "die ältesten Klamotten der DDR am Halse" hatte, Herbert Richter, der das Kohleveredelungskombinat "Schwarze Pumpe" führte und nebenbei mit einer "Schwarzinvestition" für den Bau eines Kulturhauses in Hoyerswerda (der heutigen Lausitzhalle) sorgte und Werner Bahmann, langjähriger Chefkonstrukteur und Direktor für Forschung und Entwicklung der Berliner Werkzeugmaschinenfabrik Marzahn hatten mit ihren Lebensberichten schließlich nicht nur die Arbeitswelt beschrieben, sondern zugleich ein Sittengemälde des Landes gezeichnet.
Dieser Text war zusammen mit der Einladung zur Tagung verschickt worden. Er ist nach den Aussagen diverser Tagungsteilnehmer offenbar als "Weckruf" verstanden worden. Jedenfalls war die Resonanz – gemessen an vorangegangenen Startversuchen - erstaunlich groß. 50 Interessenten fanden sich ein, zwölf von ihnen traten als Referenten auf.
Obwohl der Tagung mit dem Titel eine Richtung vorgegeben worden war, handelte es sich um sehr unterschiedliche, nach vielen Seiten offene Beiträge. Es gab Grundsatzerklärungen, detailreiche Arbeitsberichte, selbstkritische Eingeständnisse, Legitimationsversuche, Thesen, die Stirnrunzeln hervorriefen – im Grunde die ganze Bandbreite der im Lande verbreiteten Erinnerungen an das versunkene Land und der Reaktionen auf die Ereignisse von vor über zwei Jahrzehnten. Die einzige Besonderheit bestand darin, dass alle den Versuch verteidigten, das gemeinsame Arbeiten und Leben auf eine völlig neue Basis zu stellen. Dabei war die grundsätzliche Zustimmung vielgestaltig. Einige waren mit viel Herzblut dabei. Andere erklärten, dass ihnen in jungen Jahren Eigensinn und Widerständigkeit ausgetrieben worden seien. Als man sie schließlich in verantwortliche Positionen brachte, hätten sie aber Interesse an ihren Aufgaben gefunden und den Ehrgeiz entwickelt, ihre Sache möglichst gut zu machen – zum Wohle des Landes. Gleichzeitig teilten etliche die Einsicht, dass das praktizierte Alternativmodell an seine Grenzen gekommen und so nicht fortzuführen gewesen war.
Repräsentativ konnten weder die Teilnehmer noch deren Wortmeldungen sein. Denn wer mit der DDR und mit der eigenen Vergangenheit gebrochen hatte, kam nicht zu solch einer Begegnung. Und auch wer vor Kummer über die Vernichtung seines Lebenswerkes nicht mehr an frühere Zeiten erinnert werden wollte, mied ein Wiedersehen mit den alten Weggefährten.
2012 konnte man nicht mehr von einem ersten Zugriff auf die Quellen sprechen. Die Zeitzeugen hatten mit dem Abstand der Jahre ihre Sicht der Dinge gewiss wieder und wieder geändert. Aber zu einem früheren Zeitpunkt waren sie eben nicht befragt worden, jedenfalls nicht als Gruppe. Nie hatten sie eine Gelegenheit und einen geschützten Raum gehabt, in größerer Runde zusammenzukommen und sich zu verständigen. So hatte die Tagung auch einen Anflug von Klassentreffen und Stuhlkreis-Therapie. Die lockere Atmosphäre im Salon, Kaffee und Kuchen, die freundliche Offenheit der Gastgeberin - all das trug dazu bei, dass hinter den Verkündern von Staatsplanauflagen, Investitionsvolumina und Jahresbilanzen die Menschen sichtbar wurden, zu deren Tagesgeschäft das einst gehört hatte.
Es ist hier nicht der Ort, auf die einzelnen Beiträge einzugehen. Auszüge sind in dem Sammelband Jetzt reden wir! Edition Berolina 2013 nachzulesen. Nur so viel: Mit der Tagung wurde der Bann gebrochen, das Schweigen beendet. Was so vielen Teilnehmern bisher den Mund versiegelt hatte, spielte plötzlich keine Rolle mehr. Das war ein kleiner Sieg über die scheinbar allmächtige DDR-Aufarbeitungsindustrie mit ihren einseitigen Urteilen. Von nun an gingen die Protagonisten des Projekts Schritt für Schritt an die Öffentlichkeit.
Was folgte, waren über 50 Salons mit Teilnehmern, die an den Schalthebeln der DDR-Wirtschaft gesessen hatten: Kombinats- und Werksdirektoren, leitende Mitarbeiter aus dem zentralen Parteiapparat, aus den diversen Wirtschaftsministerien, aus der staatlichen Plankommission, vom Amt für Preise usw., aber auch Wirtschaftssoziologen aus Ost und West sowie Schriftsteller wie Volker Braun und Daniela Dahn. Es gab Buchdiskussionen, Filmvorführungen und Ausstellungsbesuche. Dabei zeigte sich, dass es am günstigsten war, immer nur eine Person bzw. ein Team oder ein Thema in den Mittelpunkt der jeweils dreistündigen Veranstaltung zu stellen. Eingangs wurden die Anwesenden von den Moderatoren mit dem Werdegang des jeweiligen "Hauptdarstellers" vertraut gemacht, der danach einen etwa einstündigen Vortrag hielt. Anschließend stellte der Wirtschaftshistoriker Jörg Rösler das Vorgetragene in größere geschichtliche Zusammenhänge. Danach wurde diskutiert. Dabei ging es mitunter hoch her, kamen doch unterschiedliche Erfahrungshintergründe und Perspektiven der Teilnehmer zur Geltung, wurden Erkenntnisse und Sichten ausgehandelt.
Die Initiatorin der Reihe Katrin Rohnstock begriff die monatlichen Salons als "Vorlesungsreihe", als "Universitäten zur DDR-Wirtschaftsgeschichte". Bei einer Anhörung der Linksfraktion im Bundestag meinte sie leicht selbstironisch, "keine Ahnung von Ökonomie" zu haben. Jedenfalls dürfte es anfangs für den einladenden Verein gegolten haben, dem heute mit Christa Bertag, Uwe Trostel und Eckhard Netzmann wirtschaftserfahrene Fachleute vorstehen. Auch für die Kulturwissenschaftler war klar, dass im Rahmen solcher Veranstaltungen keine wirtschaftshistorischen Fachgespräche geführt werden konnten. Hier sollten Erinnerungen der DDR-Wirtschaftselite zusammengetragen und Bewertungen von den Beteiligten gemeinsam ausgehandelt werden. Der eigentliche Sinn der Unternehmung lag darin, zum Erzählen zu animieren, Erfahrungen der Gewährsleute aus den Kombinaten ans Licht zu bringen und festzuhalten. Mit diesem Konzept entwickelte der Generaldirektoren-Salon über die sechs Jahre seiner Existenz eine eigene Darstellungsweise, die die Wirtschaftsakteure nicht nur selbst praktizierten, sondern auch an neu Hinzukommende weitergaben. Eine (unvollständige) Übersicht der Veranstaltungen sowie weitere Informationen zum Projekt sind übrigens einzusehen unter www.kombinatsdirektoren.de.

Zweite Tagung Dezember 2013
Am 8. Dezember 2013 fand nach neun erfolgreichen Salon-Veranstaltungen eine zweite Tagung statt. Sie stand unter dem recht allgemeinen Motto "Wie die Generaldirektoren heute auf die Erfahrungen in ihren Kombinaten blicken", thematisch sollten sich die Beiträge dann um Produktivität und Volkseigentum gruppieren, weil diese beiden Komplexe in der öffentlichen Debatte immer wieder zum Kristallisationspunkt gemacht wurden. Beide Themen wurden nacheinander in zwei Podiumsdiskussionen debattiert. Die Praktiker aus der Wirtschaft berichteten sehr persönlich und kenntnisreich, teils auch unterhaltsam und pfiffig, sehr zur Freude des großen Auditoriums (ca. 200 Gäste). Mit den unverdaulichen Brocken Produktivität und Volkseigentum taten sie sich aber schwer. Auch Wirtschaftspolitiker, Wissenschaftler und die Moderatoren, die von außen kamen und als ausgewiesene Experten empfohlen waren, konnten hierzu nichts Nennenswertes beisteuern. Es zeigte sich – wie auch schon bei der ersten Tagung – dass abstrakte Kategorien im Kontext praktischer Erfahrungen leere Worthülsen bleiben, zumal wenn sie theoretisch nicht ausgereift und mehrdeutig sind.
Da die Tagung mit der Buchpremiere von Jetzt reden wir! begonnen hatte, damit ein erstes sichtbares Ergebnis des Projekts vorgezeigt werden konnte, und da sie vielen Gästen ein Wiedersehen mit einstigen Mitstreitern und Weggefährten ermöglichte, herrschte eine gelöste Stimmung. Da hielt man sich nicht lange mit theoretischen Spitzfindigkeiten auf.
Auf diese Veranstaltung, auf das damit verbundene Projekt und vor allem auf die erste Publikation gab es ein beachtliches Medienecho. Zusammen mit dem großen Teilnehmerkreis und dessen Mundpropaganda sorgte diese Resonanz dafür, dass sich der Titel quasi zu einem Renner entwickelte. Immerhin erlebte er fünf Auflagen mit insgesamt über 10.000 verkauften Exemplaren, was für ein Sachbuch mit solch einer Thematik bemerkenswert ist. Mit dem Buch war der Grundstein gelegt für zahlreiche öffentliche Diskussionsrunden der Autoren mit Lesern und anderen Interessenten. Hier wiederholte sich, was schon bei den allerersten Begegnungen im Hause Rohnstock zu beobachten war: Sobald es eine Gelegenheit und einen Ort gab, sich ohne Bevormundung über das Leben und Arbeiten in der DDR auszutauschen, öffneten sich die Schleusen. Niemand vermochte das "Volkseigentum" umfassend zu definieren oder zu interpretieren, aber fast jeder erzählte ganz selbstverständlich davon, wie es war, damals in "meiner" Brigade, in "unserem" Betrieb und "unserem" Ferienheim.

Mein letzter Arbeitstag.
Abgewickelt nach 89/90. Ostdeutsche Lebensläufe. edition berolina 2014.


Kritisiert wurde das Generaldirektoren-Projekt vor allem aus linker Perspektive. Es würden nur die Eliten befragt, nicht aber die breite Masse der "Werktätigen". Deshalb wurde im Hause Rohnstock ein weiteres Buch erarbeitet, das das Generaldirektoren-Projekt ergänzte. Im Zentrum standen diesmal nicht die Chefetagen, sondern Arbeiter, Meister, Ingenieure, Lehrausbilder, Kohlekumpels, Werftarbeiter, Vertreter der Gewerkschaft – sie erzählten von ihrem beruflichen Werdegang und ihren Arbeitserfahrungen vor und nach dem Ende der DDR. Einschränkend muss gesagt werden, dass es schließlich weniger die klassischen Industriearbeiter, sondern überwiegend Angestellte, teils studierte Leute waren, die den Band prägen. Immerhin waren es keine Vertreter aus Spitzenpositionen, sondern gleichsam "Namenlose". Auch hierzu gab es Salongespräche und zahlreiche Einzelinterviews, die den Einsatz von Autobiografikern und aufwendige Recherchearbeiten nach sich zogen. Fördermittel kamen diesmal von keiner Seite, den Befragten konnte auch kein Geld abverlangt werden, so dass die Firma Rohnstock alle Auslagen aus Eigenmitteln bestritt. Geschäftlich hat sich diese Investition nicht ausgezahlt, auch weil der Titel von den Medien ignoriert wurde. Es gab lediglich eine Auflage in recht überschaubarer Höhe, inzwischen ist der Titel nur noch in der Kindle Edition als eBook erhältlich.
Dabei dürfte das Buch mit zu den stärksten aus dem Unternehmen Rohnstock gehören. Stellvertretend für jene vier Millionen Ostdeutsche, die im Zuge der deutschen Einheit ihren Arbeitsplatz verloren, schildern sieben Frauen und 23 Männer ihren unfreiwilligen Abschied vom gewohnten Berufsleben und den Versuch, in einer fremden Arbeitswelt Fuß zu fassen und sich dort zu behaupten. Diese Rückbesinnung – ein Vierteljahrhundert nach dem seinerzeit als radikal und bedrohlich empfundenen Bruch in der eigenen Biografie – fällt vielstimmig aus.
Eines lassen aber alle Beiträge aufscheinen – jenen Unterton A, A wie Arbeit, der ganz selbstverständlich in der DDR herrschte und der alle verband. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht mag es unsinnig gewesen sein, dass in dieser Gesellschaft jeder seinen Platz im Arbeitsleben und sein Auskommen durch Arbeit hatte. Selbst notorische Faulpelze, Bummelanten und Schluckspechte mussten von den Brigaden irgendwie mit durchgeschleppt werden. Es ist allerdings nie eine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einschließlich einer (Folge-)Kosten-Nutzen-Analyse gemacht worden, ob es billiger gewesen wäre, solche Menschen als Arbeitslose zu alimentieren. Kurz – die DDR war eine Arbeitsgesellschaft, und zwar durchgängig. In Europa galt hier wohl mit die längste Tages-, Wochen- und Lebensarbeitszeit. Beruflich gegen Bezahlung zu arbeiten war der Normalzustand für Männer wie für Frauen. Das zeigen die Beiträge. Und sie zeigen noch eine zweite Tatsache: Mit der Arbeit verlor man nicht nur das Einkommen, sondern auch den vertrauten Umgang mit den Kollegen, das tägliche Mittagessen, den Betriebsarzt, den Sportklub, den Nähzirkel, den Urlaubsplatz, das Kinderferienlager, das Brigadevergnügen. Man verlor das Zeitkorsett, die ganze Struktur des Alltags bis hin zum Familienleben kam ins Rutschen. Vor allem aber ging die Anerkennung durch andere verloren, am Ende sogar der Stolz und die Selbstachtung. In diesem Punkt berühren sich die Erinnerungen der "Namenlosen" mit denen der Kombinatsdirektoren, zeigen sie doch, dass die "Generäle" Verantwortung trugen nicht nur für die Planerfüllung, sondern dass sie mit jedem Handeln oder Unterlassen ganz elementar über das Wohl und Wehe der Beschäftigten entschieden.
Übrigens haben fast alle Protagonisten des Bandes eine neue Stelle gefunden. Sie vergleichen seitdem unbewusst ständig das "Damals" mit dem "Heute", dem "Jetzt". Die meisten Frauen entschieden ganz pragmatisch: Hauptsache Arbeit, egal was. Männer taten sich da meist schwerer. Ihr Berufsstolz und Statusbewusstsein hinderten sie mitunter, sich unter Wert zu verkaufen. Es gab auch einige, die "nur noch heulen" konnten, schwere gesundheitliche Probleme bekamen und froh waren, wenn sie sich in den Vorruhestand oder in die Rente retten konnten.
Repräsentativ sind auch diese Lebenswege nicht. Die wirklich Gestrandeten waren nicht bereit, sich öffentlich zu Wort zu melden oder zogen als schwer Gebeutelte ihren Beitrag aus Scham zurück. In zwei Fällen haben die Familien einer Veröffentlichung der Geschichten nicht zugestimmt, weil sich die Erzähler inzwischen das Leben genommen hatten.
Es ist wie im Falle des Generaldirektoren-Projekts: Das Rohnstock-Team hat Sonden hinab gelassen in ein soziales Terrain, das in den offiziellen Bekundungen keine Rolle spielt oder mit den Bildern vom "Jammer-Ossi" und vom "Versager" abqualifiziert und verhöhnt wird.

Erste Autobiografie:
Karl Döring: EKO Stahl für die DDR – Stahl für die Welt: Kombinatsdirektor und Stahlmanager. Eine Autobiografie. edition berolina 2015.

Karl Döring hatte im Dezember 2012 den allerersten Salon der Generaldirektoren bestritten. Im September 2015 erschien seine Autobiografie, die erste eines Kombinatsdirektors, die im Rahmen des Projekts entstand. Viele Passagen des Buches hat Karl Döring selbst verfasst – anhand seiner Aufzeichnungen aus früheren Jahren. Eines seiner Motive war, endlich selbst über sein Leben und über die wirtschaftlichen Regularien der DDR Auskunft zu geben und sich nicht ständig von Leuten, die nicht in diesem Land gelebt hatten, erklären zu lassen, wie alles war.
Dass Döring Stahlexperte durch und durch ist, musste er eigentlich nicht betonen. Das beweist allein die Tatsache, dass er den Standort Eisenhüttenstadt rettete, indem er das EKO nach 1989 zusammenhielt und als Aktiengesellschaft in die Marktwirtschaft führte. So konnte das Unternehmen auf eigene Rechnung – also vorbei an der Treuhand, die ganz andere Pläne hatte – 1995 an das belgische Industrieimperium Cockerill-Sambre verkauft werden. Inzwischen gehört es nach mehreren Transaktionen zum weltgrößten Stahlkonzern ArcelorMittal.
In der Autobiografie beschreibt Döring (Jg. 1937) den weiten Weg vom sächsischen Leinewebersohn über den Absolventen der ABF und einer Moskauer Hochschule für Stahltechnologie, Stationen in den Stahlwerken von Riesa und Hennigsdorf, über den stellvertretenden Minister für Erzbergbau, Metallurgie und Kali, den Generaldirektor des EKO bis zum Vorstand in Europas größtem Stahlkonzern. Das Geheimnis seines Erfolgs: "Man muss sich schinden". Den Fleiß habe er wohl von seinen Eltern geerbt. Die Aufbruchsstimmung nach dem Kriege habe ein Übriges getan. Die Begeisterung für die Metallurgie habe ihm der Chemielehrer mit auf den Weg gegeben. (Es scheint, als habe es damals im Osten begnadete Chemielehrer gegeben. Auch die Generaldirektorin vom Kombinat Berlin Kosmetik berichtet von einem solchen.) Ansonsten habe ihm wohl seine politische Bildung über alle Klippen hinweggeholfen – nicht einzelne Lehrsätze, "aber die Fähigkeit zu analysieren".
Geld sei wichtig im Leben, jedoch nie sein Motiv oder Maßstab gewesen. Döring war ins EKO geholt worden, weil sein Vorgänger mit einer neuen Technologie nicht klar kam und die Planerfüllung miserabel war. Als sich vier Monate nach Dörings Amtsantritt daran nichts geändert hatte, kürzte der zuständige Minister sein Gehalt um die Hälfte. Schließlich trug der Generaldirektor die alleinige persönliche Verantwortung. So lasch die ökonomischen Regulative im Gesamtsystem sein mochten – an dieser Stelle wurde knallhart durchgegriffen. Eigentlich hätte Döring seine Fachdirektoren auch auf 50 Prozent setzen sollen, was er ablehnen konnte, weil hierüber nicht der Minister, sondern er selbst zu entscheiden hatte. Schließlich brauchte er seine eingespielte Führungsmannschaft. Nur gemeinsam konnten sie die Technologie des modernen Konverterstahlwerks beherrschen lernen, was schließlich auch gelang. Gehaltskürzungen hätten in dieser kritischen Phase nur demotivierend gewirkt.
Als Generaldirektor habe er mit 3200 DDR-Mark angefangen, sei 1989 bei 3600 Mark angekommen. Das war das Dreifache eines Facharbeiterverdienstes. (In der DDR wurde kein Geheimnis um Lohn und Gehalt gemacht. Die winzigen Lohnstreifen lagen frei herum, das Jahreseinkommen wurde ins grüne SV-Buch eingetragen, was jede Krankenschwester beim nächsten Arztbesuch in die Hände bekam. Und spätestens, wenn der Vertrauensmann die Gewerkschaftsbeiträge kassierte, konnte jeder auf der Liste sehen, was die lieben Kollegen verdienen.) Zuletzt habe er als Vorstand in Europas größtem Stahlkonzern sechsstellig im Jahr verdient. Das sei schon schwindelerregend gewesen, doch kein Vergleich zu dem, was es heute in den Konzernspitzen gebe. Das halte er für sittenwidrig, überhaupt, dass es seit der Wende nur noch um Geld, Geld, Geld gehe. Mitarbeiter seien für ihn keine Kostenfaktoren, sondern Träger von Know-how, ohne die kein Stahl gelinge.
Erfolg sei in der DDR ganz anders gemessen worden, nämlich an der Planerfüllung, ein Umstand, den auch andere Generaldirektoren immer wieder hervorhoben. Hinter dem sperrigen Wort verbargen sich Realien, konkrete Gebrauchswerte, die dringend benötigt wurden, ohne die andere nicht arbeiten oder leben konnten. Notfalls mussten sie auch ohne Gewinn oder mit Einbußen produziert werden, um die Gesellschaft als Ganzes am Laufen zu halten. Der Staatshaushalt würde die Verluste dann ausgleichen. Nie war mit fiktivem Kapital jongliert worden, hinter dem keine wirklichen Werte standen. In diesem Sinne waren die Führungskräfte grundsolide, waren sie "ehrbare Kaufleute". Hätte es im System harte Finanzierungsregelungen gegeben, hätten sie sicher auch gewinnorientierter gearbeitet. So aber blieb es bei der Planerfüllung, d.h. der Maximierung des Nutzens und nicht des Gewinns.
Es ist hier nicht der Ort, Dörings Autobiografie umfassend zu würdigen. Man muss sie selbst lesen, auch um zu sehen, wie ergiebig das Generaldirektoren-Projekt sein könnte, wenn es auf eine gesicherte finanzielle Basis gestellt werden würde.
Hinzuweisen ist an dieser Stelle auf ein weiteres Buch, das am Ende zwar nicht mehr direkt vom Rohnstock-Team betreut wurde, aber doch durch viele Fäden mit ihm verknüpft blieb. Es handelt sich um Hans-Joachim Lauck: Edel sei der Stahl, stolz der Mensch: Erinnerungen eines Kombinatsdirektors und Ministers. Das Neue Berlin 2017.
Man könnte meinen: Noch einmal Metallurgie, noch ein Stahlmanager, noch einer, der einmal Minister war, noch einer vom Jahrgang 37, noch einer, der aus einer Arbeiterfamilie kam. Aber gerade das macht den Reiz aus. Von den äußeren Koordinaten her scheinen sich die beiden sehr ähnlich zu sein. Ein Blick in die Bücher zeigt aber, dass es bei allen Gemeinsamkeiten doch auch Andersartigkeiten gab – im Selbstverständnis, in der Berufs- und Arbeitsauffassung, in dem, was sie freute und was sie ärgerte, in ihrem Blick auf das Leben, auf die Welt und auf die eigene Person. Beide inszenieren sich nicht als Lichtgestalten, die kraft ihrer besonderen Fähigkeiten und durch einsame, kluge Entscheidungen die Geschicke ihrer Kombinate zum Besten gewendet haben. Ganz im Gegenteil – immer betonen sie den Anteil ihrer Mitarbeiter, die Kraft der gesamten Führungsriege. Und doch waren es eben ganz verschiedene Typen, die da in ein und derselben Liga spielten: Döring, der kunstliebende Schöngeist, und Lauck, der leidenschaftliche Förderer der Betriebssportgemeinschaft BSG Stahl Brandenburg. Unterschiede gab es vor allem auch hinsichtlich der Möglichkeiten, die sich ihnen am Ende der DDR boten. Döring konnte um den Erhalt "seines" Stahlunternehmens kämpfen. Lauck konnte das nicht, denn zu dieser Zeit war er nicht Generaldirektor, sondern Minister. Als Mitarbeiter des Staatsapparates war sein Ende besiegelt, ganz unabhängig von seiner persönlichen Tüchtigkeit.
Faszinierend ist der Vergleich in mehrfacher Hinsicht. Beide waren Ingenieure. Bei der Lektüre ihrer Autobiografien drängt sich auch dem Laien der Eindruck auf: der erfahrene Ingenieur ist dem Betriebswirt, dem Volkswirt und erst recht dem Juristen in solchen Führungspositionen überlegen. Er ist von Hause aus kreativ, schöpferisch, erfinderisch, hat immer das Machbare im Auge, kann Technologien und menschliche Ressourcen am besten beurteilen, ist unschlagbar hinsichtlich seiner Problemlösungskompetenz ("Dem Ingenieur ist nichts zu schwör"). Auch mitten in den Niederungen des Tagesgeschäfts sieht er übergreifende Zusammenhänge und komplexe Abläufe, kann sinnvoll steuernd eingreifen und das soziale System Kombinat, Unternehmen, Betrieb usw. entsprechend ausrichten. Die nötigen Finanzkenntnisse, Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft, Weltwirtschaft kann der Ingenieur – unterstützt von Experten - bei der Arbeit erwerben. Schließlich geht es in der Praxis dabei weniger um technokratisches Optimieren, sondern eher um die Gabe, sehr verschiedene Dinge gleichzeitig zu bedenken und vorauszuschauen – eine Anforderung, mit der der Ingenieur aufgewachsen ist und die bereits während seines Studiums ständig an ihn gestellt wurde.
Der Vergleich die Autobiografien von Döring und Lauck lohnt auch in anderer Hinsicht. Beide waren im Verlauf ihres beruflichen Werdegangs abwechselnd Generaldirektor und Minister – wie übrigens auch Eckhard Netzmann, Hans Sandlaß und Karl Nendel. Damit rückt die strategische Allianz dieser beiden Führungspositionen in den Blick. Als Dritten im Bunde ließe sich noch die entsprechende Fachabteilung im ZK der SED hinzufügen, wo Christa Bertag, die Generaldirektorin des Kombinats Berlin Kosmetik vor ihrer Berufung in dieses Amt tätig war. Alle diese Posten waren mit Experten aus der jeweiligen Branche besetzt, meist mit Diplomingenieuren, die die gleiche Fachsprache sprachen und das gleiche theoretische Hinterland hatten. Das verband sie und machte sie zu einem mächtigen, auch operativ handlungsfähigen Akteur. Sicher gab es da immer Spannungen und hin und wieder auch Sand im Getriebe, wie Döring und Lauck den Leser wissen lassen. Schon wegen der unterschiedlichen Verfügungs- und Handlungsrechte war das gar nicht anders denkbar. Doch wenn rasche Entscheidungen nötig waren, konnte ein Anruf genügen, um eine dringende Angelegenheit zu klären. Selbst Kräfte von Volksarmee und Sowjetarmee ließen sich auf diesem kurzen Weg mobilisieren, etwa wenn Gefahr im Verzuge war oder andere außergewöhnliche Umstände es erforderlich machten.
Was für das Triumvirat von Generaldirektor, Minister und ZK-Abteilung galt, bestimmte in gewisser Weise auch das Verhältnis der Kombinatsdirektoren untereinander. Man kannte sich – teils schon vom Studium her, teils von den Weiterbildungslehrgängen am Zentralinstitut für Sozialistische Wirtschaftsführung in Rahnsdorf, nicht zuletzt von den berühmt-berüchtigten Leipziger Seminaren mit Günter Mittag während der Messe. Der Umgangston war im Allgemeinen freundschaftlich-kollegial, kleinere Eifersüchteleien und andere Unverträglichkeiten eingeschlossen. Die Kombinate wurden "höheren Orts" eben unterschiedlich bewertet, als strukturbestimmend oder weniger wichtig eingestuft, mit Investitionsmitteln, wissenschaftlichem Personal, Reisemöglichkeiten usw. besser ausgestattet oder vernachlässigt. Das hat auch böses Blut erzeugt und blieb nicht ohne Folgen für das Klima unter den Führungskräften. Bei Havarien oder in anderen kritischen Situationen stand man sich aber immer bei. Generaldirektoren waren in der Regel Monopolisten, Konkurrenz zwischen ihnen konnte es gar nicht geben. In den Salons bei Katrin Rohnstock erzählten viele von informellen Beziehungen zwischen den Kombinaten nach der Devise: Hilfst Du mir, helf ich Dir. Das spielte sich alles außerhalb der Planvorgaben ab.
Welche skurrilen Formen das annehmen konnte, hatte Wolfgang Biermann, der bereits 2001 verstorbene Generaldirektor des Kombinats Carl Zeiss Jena, von dem die Erklärung überliefert ist "In Jena bin ick det Zentralkomitee", schon vor über zwanzig Jahren berichtet. Aus der Kamerafertigung, einem Bereich mit hohem Frauenanteil, kamen ihm Mitte 1989 Klagen zu Ohren, dass es seit Monaten keine billigen Damenschlüpfer mehr zu kaufen gebe, nur noch die teuren Spitzenhöschen für 30 oder 50 Mark. Da habe er sich verpflichtet gefühlt, etwas zu unternehmen. Er habe seinen Kollegen in einem sächsischen Textilkombinat angerufen und um Hilfe gebeten. Darauf habe Zeiss 100.000 Stück in der gewünschten Baumwollqualität erhalten, die - als angebliche Überplanproduktion deklariert - direkt im Betrieb über die Gewerkschaft verkauft wurden. Im Gegenzug stellte Zeiss Ferienplätze für die Belegschaft des kleinen Werks für Untertrikotagen in Limbach-Oberfrohna zur Verfügung, und als Zeiss international im Fußball-Europacup spielte, gingen die ersten 100 Karten dort hin. Das Textilkombinat habe seinen Plan dann eben mit Trainingsanzügen erfüllt, was ohnehin viel mehr brachte als billige Unterhosen. Man kann dies als Hausvaterpolitik eines ansonsten als Despoten verrufenen Chefs ansehen, wie sie nur in der Mangelwirtschaft möglich und nötig war. Man kann es als Ausweis der hohen Improvisationskunst nehmen, die jedem Generaldirektor abverlangt wurde. In jedem Fall wird sichtbar, dass die sogenannte Kommandowirtschaft viele Poren hatte. Der Plan mochte ein Befehl sein. Wie man ihn erfüllte, wurde letztlich vor Ort entschieden.
Nebenbei: Unlängst ist eine Biografie über Wolfgang Biermann erschienen (Dietmar Remy: Zeiss-Generaldirektor Wolfgang Biermann: ein sozialistischer Manager im Traditionsunternehmen. Gera, Garamont, der Wissenschaftsverlag 2018). Da ist im Zusammenhang mit der Schlüpferaktion von 20.000 gelieferten Stück die Rede. Biermann selbst hatte allerdings in einem Interview vom September 1993 von 100.000 Stück gesprochen. An diesem winzigen Detail lassen sich die Unterschiede zwischen einer Biografie und einer Autobiografie erkennen. Für den Historiker, der eine Biografie schreibt, ist der Zeitzeuge ein unsicherer Kantonist. Er wird sich nie allein auf dessen Aussagen verlassen, sondern diese immer mit anderen, belastbareren Belegen abgleichen. Für ihn ist klar: Alle Quellen "lügen", die mündlichen wie die schriftlichen, die überkommenen Bilder ebenso wie die Gegenstände. Daher ist Quellenkritik das A und O seiner Arbeit. Für die Autobiografiker bei Rohnstock sieht die Sache anders aus. Sie wollen ja gerade die Sicht ihrer Protagonisten wiedergeben. Bei groben Ungereimtheiten recherchieren auch sie, ob die Dinge sich wirklich so zugetragen haben können, wie sie ihnen geschildert werden. Aber sie wissen, dass Erinnerungen immer eine Mischung von Dichtung und Wahrheit sind und gerade die Verknüpfung beider Elemente die jeweilige Person charakterisiert. War Biermann ein großmäuliger Aufschneider, wenn er so gewaltig übertrieb? Wollte er sich als besonders fürsorglicher Chef präsentieren? Wusste er überhaupt, wieviel Frauen in der Kamerafertigung beschäftigt waren? Wollte er einfach, dass die Feinmechanikerinnen endlich Ruhe gaben und ihrer Arbeit nachgingen? Schade, dass in diesem Fall keine Autobiografie mehr zu erwarten ist, die auch den kleinen Geschichten Raum geben würde und aus der man etwas über die Motive des Mannes erfahren könnte.

Zwei Sammelbände
Als absehbar war, dass sich die von der Firma Rohnstock angestrebten 20 Autobiografien von Generaldirektoren nicht so rasch würden realisieren lassen, wurde zunächst ein anderes Format in die Tat umgesetzt. Es erschienen zwei Sammelbände mit jeweils kurzen Statements von früheren "Wirtschaftskadern". Auf den Titel Jetzt reden wir! Was heute aus der DDR-Wirtschaft zu lernen ist aus dem Jahr 2013 folgte 2016 Jetzt reden wir weiter! Neue Beiträge zur DDR-Wirtschaft und was daraus zu lernen ist.
In den beiden Anthologien kamen insgesamt 17 Generaldirektoren großer Kombinate zu Wort. Auffällig an ihrem beruflichen Werdegang ist, dass 14 von ihnen zunächst eine klassische Berufsausbildung absolvierten, nur drei fanden ihren Einstieg in die Arbeitswelt über ein Ingenieurstudium. Zu den Lehrberufen gehörten Schlosser, Werkzeugmacher, Former, Elektriker, Chemiefacharbeiter, Lederzuschneider, Brauer und Mälzer. Auf dem sogenannten zweiten Bildungsweg qualifizierte sich die Mehrzahl von ihnen über ein technisch-naturwissenschaftliches Studium für eine Führungsposition, wobei sie in der Regel der jeweiligen Branche treu blieben. Einen wirtschaftswissenschaftlichen Bildungsgang haben einige als Erst-, andere als Zweitstudium durchlaufen. Meist blieb es auf diesem Gebiet aber bei den obligatorischen Weiterbildungslehrgängen. Eine einer Business School vergleichbare, also vorwiegend auf Betriebswirtschaft ausgerichtete Lehranstalt hat aus diesem Kreis niemand besucht. Auch Juristen waren nicht darunter.
Das erklärt vielleicht die produktbezogene, gebrauchswertorientierte Perspektive der Kombinatsdirektoren, die sie immer wieder schnell zum Fachsimpeln veranlasste. Es ging in diesem Wirtschaftssystem stets um konkrete Wertschöpfung, nie um Renditeerwartungen von Aktionären.
Im Einzelnen sind in den beiden Bänden mit Beiträgen vertreten Führungskräfte aus den Bereichen Schwermaschinenbau (Eckhard Netzmann), Metallgießerei (Lothar Poppe), Elektromaschinenbau (Heiner Rubarth), Industrieanlagen-Import (Herbert Roloff), Kraftwerksanlagenbau (Manfred Dahms und nochmals Eckhard Netzmann), Stahlproduktion (Karl Döring und Hans-Joachim Lauck), Energiewirtschaft (Herbert Richter und Hans Sandlaß), Klimatechnik (Günter Kretschmer), Mikroelektronik (Karl Nendel), Automobilindustrie (Winfried Sonntag), Sportgerätebau (Wolfgang Neupert), Schuh- (Joachim Lezoch), Kosmetik- (Christa Bertag), Pharma- (Winfried Noack) und Getränkeindustrie (Peter Lietz).
Die Berichte der Generaldirektoren kommen aus berufenem Mund. Schließlich melden sich hier Wirtschaftsführer, die im Laufe ihres Lebens Teil hatten an zwei gewaltigen Experimenten – nicht am Computer, nicht im Labor, sondern am lebenden Organismus einer gesamten Volkswirtschaft. Es handelte sich nicht um Tierversuche. "Probanden" waren Millionen lebender Menschen.
Der erste Versuch war das Wagnis, ein völlig neues Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell (nahezu) ohne Privateigentum an Produktionsmitteln auszuprobieren, eine kriegszerstörte Industrie und Infrastruktur wieder aufzubauen und die neuentstandene DDR in einen prosperierenden Wirtschaftsraum zu verwandeln. Entgegen allen Prophezeiungen hat sich dieser Bauplan über vier Jahrzehnte bewährt.
Das zweite Experiment bestand darin, eine so strukturierte Volkswirtschaft quasi über Nacht zu reprivatisieren und mit einem Währungstrick in die globale Weltwirtschaft zu katapultieren. Das Ergebnis ist bekannt und treffend als "größte deutsche Wirtschaftskatastrophe des 20. Jahrhunderts" bezeichnet worden. Bekannt ist auch, was das für die Menschen bedeutete. Dennoch wird immer noch erstaunt gefragt, wo denn der Frust der Ostdeutschen herkomme.
Neben den genannten Generaldirektoren kommen auch Vertreter der staatlichen Planungs- und Preisbehörden sowie Wissenschaftler zu Wort, darunter der Wirtschaftshistoriker Jörg Roesler.
Roesler erinnert eingangs an die Koordinaten, in denen sich die ostdeutsche Wirtschaft zu bewegen hatte: Kriegszerstörungen, Spaltungsdisproportionen, umfangreiche Demontagen und weitergehende drückende Reparationsleistungen im Gesamtumfang von 54 Milliarden RM/DM, Kalter Krieg samt über 40 Jahren Westembargo, Mangel an Rohstoffen und Arbeitskräften usw.
All diese Widrigkeiten sind allgemein bekannt. Sie ins Gedächtnis zu rufen, scheint aber nötig, weil sie nur teilweise durch eine gezielte Strukturpolitik behoben werden konnten. Im Grunde haben viele dieser Ausgangsbedingungen bis zuletzt das wirtschaftliche Vorwärtskommen des Landes erschwert und das Agieren der Kombinatsdirektoren bestimmt.
Interessant ist, dass Roesler Akzente setzt, die nicht jedem im Bewusstsein sein dürften, etwa im Zusammenhang mit dem Marshallplan. Westeuropäischen Ländern – eingeschlossen die deutschen Westzonen -, die vom Marshallplan profitierten, wurde der Handel mit dem "kommunistischen Osteuropa" weitgehend untersagt. Der Entzug dieses Marktes dürfte ein hoher Preis gewesen sein für die Gegenleistung – Hilfsgelder als Darlehen in Höhe von 14 Milliarden US-Dollar, wovon Westdeutschland 10 % (1,4 Mrd.) erhielt mit der Auflage, dafür vorrangig US-amerikanische Waren zu kaufen. Auf diese Weise sollte die Überproduktion in den USA abgebaut werden.
Die Vorstellung, der Marshallplan habe das westdeutsche "Wirtschaftswunder" bewirkt, ist schon vor Jahrzehnten stark relativiert worden. Lediglich 0,5 Prozent jährliche Steigerung des Bruttoinlandsprodukts werden diesen Finanzspritzen zugeschrieben. Entscheidend für den westdeutschen Nachkriegsboom seien andere Faktoren gewesen, etwa die Liberalisierung des Handels zwischen den westlichen Staaten.
Speziell für Westdeutschland sei noch ein anderer Umstand bedeutend gewesen: Von 1949 bis 1961 kamen 2,7 Millionen "Zuwanderer" aus der DDR, darunter besonders viele mit Hochschulabschluss (Ingenieure, Ärzte usw.) und andere Fachkräfte. Übrigens seien nur 14 % von ihnen als politische Flüchtlinge anerkannt worden. Auf diese Weise sparte die Bundesrepublik über 30 Milliarden DM an Bildungs- und Ausbildungskosten, konnte diese während der gesamten 50er Jahre auf dem Niveau der Weimarer Republik belassen, ohne die Wachstumschancen der Wirtschaft zu verringern.
Roesler zitiert in diesem Zusammenhang den Bielefelder Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser: "Der Ost-West-Transfer von Humankapital in Höhe von jährlich 2,6 Mrd. DM – im Durchschnitt von 12 Jahren – übertraf das Ausmaß der Marshallplanhilfe für die Bundesrepublik bei Weitem." (Abelshauser, Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1945-1980. Frankfurt/Main 1983, S. 96) (Nur nebenbei: Nach 1989 hatten die Abwanderung von Ost nach West und die Arbeit von Hunderttausenden ostdeutschen Pendlern einen ähnlichen Effekt.)
Etliche Kombinatsdirektoren werden aus eigener Erfahrung bestätigen, was Werner Bahmann von der Berliner Werkzeugmaschinenfabrik Marzahn 2008 in seiner Autobiografie über seine Studienzeit berichtete: Nach Ende des Studiums setzte sich in technischen Fachrichtungen mitunter ein halber Absolventenjahrgang in Richtung Westen ab. 1958 bildete die DDR doppelt so viele Ingenieure aus wie die Bundesrepublik. Doch der Ingenieuranteil lag in der Bundesrepublik mehr als drei Mal so hoch wie in der DDR. Sollte das kleinere, ärmere Deutschland dem größeren, reicheren Entwicklungshilfe geleistet haben, sollte es weit mehr als der gelobte Marshallplan zum westdeutschen "Wirtschaftswunder" beigetragen haben?
Die Generaldirektoren, die in den beiden Sammelbänden zu Wort kommen, erzählen sachlich und gelassen von ihrer Arbeit. Es geht ihnen nicht darum, sich zu rechtfertigen oder die eigene Leistung ins rechte Licht zu rücken. Die ließe sich ohnehin nur ermessen, wenn die vorgegebenen Aufgaben und die Mittel bzw. Möglichkeiten, diese zu bewältigen in Rechnung gestellt und ins Verhältnis gesetzt würden. Ihr Ausgangspunkt sind vielmehr die Werte und Ziele der Gesellschaft sowie die volkswirtschaftliche Gesamtkonstellation. In diesem Rahmen haben sie sich verortet. Davon haben sie ihre betriebswirtschaftlichen Erwägungen und Entscheidungen abgeleitet. Die DDR ist Geschichte. Als Versager fühlen sich ihre einstigen Wirtschaftslenker dennoch nicht.
Die beiden Bände sind keine Wirtschaftsgeschichte der DDR, sondern erzählen Geschichten aus der DDR-Wirtschaft so, dass sie Interesse erwecken können. Sie wollen zeigen, dass die Beschäftigung mit der DDR-Wirtschaft voller Überraschungen und ein Abenteuer ist, das sich vorschnellen Bewertungen entzieht. Die Bände sind ein Mosaik verschiedener Miniaturen, die aber doch Schlaglichter auf das Ganze werfen. Da geht es nicht nur um nüchterne Berichterstattung, sondern auch um ganz verrückte Geschichten. So ist etwa von "Erichs Krönung", dem berüchtigten Kaffee Mix die Rede, davon, was salzige Zahnpasta mit sowjetischen Erdöllieferungen zu tun hatte, von einem Teenager-Ansturm aufs Berliner Centrum-Warenhaus, vom landesweit üblichen Fenster-Aufreißen als Ersatz für regulierbare Heizungen, von den Abenteuern des Bierbrauens, von Salamander-Schuhen, Nivea-Creme und VW-Motoren (alle Made in GDR), vom ersten 1-MB-Speicherchip und von vielem anderen mehr.
Thomas Edison, der Erfinder der Glühlampe, erklärte nach unzähligen missglückten Versuchen: "Ich bin nicht gescheitert. Ich habe 10.000 Wege gefunden, wie es nicht funktioniert." Die Kombinatsdirektoren haben etwas mit ihm gemeinsam. Sie haben bei der "Erfindung" und Erprobung eines neuen Wirtschaftsmodells viele Nackenschläge einstecken, unlösbare Konflikte durchstehen müssen, über die sie freimütig Auskunft geben,
So zum Beispiel Generaldirektor Joachim Lezoch, der die Schuhindustrie automatisierte, wie es seinerzeit kein Westunternehmen vermocht hätte. Sein Kombinat hatte u.a. Kinderschuhe im Programm.
Lezoch konnte die Produktion noch so rationell gestalten, mit jedem zusätzlichen Paar hat er nur den volkswirtschaftlichen Schaden vergrößert, weil der Staat jedes Mal 35 Mark drauflegen musste. Denn Kinder- und Arbeitsschuhe gehörten wie zahllose andere Artikel, wie Tarife und Mieten zum hochsubventionierten Grundbedarf. Es machte ihm am meisten zu schaffen, so teilt Lezoch mit, dass er die Planerfüllung auch noch als Erfolg zu feiern hatte, obwohl sie ein weiterer Sargnagel war.
Solche Wege, "wie es nicht funktioniert", aufgezeigt zu haben, gehört zu den Verdiensten der beiden Sammelbände. Linken und grünen Politikern, die heute darüber fabulieren, wie wünschenswert eine kostenlose Energieversorgung, ein kostenloser öffentlicher Nahverkehr, kostenlose Schulspeisung, kostenlose Nutzung von Bädern, Museen usw. wäre, sei besonders die Lektüre des zweiten Bandes dringend empfohlen. Sie können dort erfahren, weshalb solche Ankündigungen oder Versprechungen nicht zu halten sind, selbst bei gesellschaftlichem Eigentum nicht.
Nicht nur Politikern, auch Großeltern sei das Buch ans Herz gelegt. Wenn sie ihren Enkeln von der goldenen DDR-Zeit erzählen, in der die Schrippe einen Sechser, zwei Wochen Ferienspiele mit Mittagessen eine Mark und eine Kinokarte für die Kindervorstellung 25 Pfennige kosteten, könnten sie ein fragwürdiges Bild entstehen lassen.
Das Kapitel über die Preispolitik in der DDR von Manfred Domagk, Wilfried Maier und Walter Siegert mag manch einem Leser zunächst verwirrend oder geradezu exotisch erscheinen. Hinter die Geheimnisse des "sozialistischen Planpreises" zu steigen, ist kein leichtes Unterfangen. Der Laie staunt, welch ausgetüfteltes System erdacht werden musste, um halbwegs die Balance zu halten.
In ihrer Gesamtheit haben die vielen subventionierten Wohltaten wohl eine Art bedingungsloses Grundeinkommen für jedermann bedeutet, das in seinem Geldwert (etwa 43 Prozent des realen Gesamteinkommens) aber gar nicht mehr wahrgenommen und gewürdigt wurde. Im Gegenteil – es hat verheerend gewirkt, sowohl auf das Verhalten der Verbraucher, als auch auf die Investitionskraft der Wirtschaft. (Nach der Wende zeigte sich ein weiterer Nachteil dieser "zweiten Lohntüte". Da sie in keiner Lohn- oder Gehaltsbescheinigung vermerkt war, konnte sie nicht in die Rentenberechnung einfließen.)
Obwohl beinahe jedem klar war: "Wir versaufen unserer Oma ihr klein Häuschen", löste der geringste Versuch, bestimmte Verbraucherpreise zu erhöhen, Proteststürme aus. Preise waren in der DDR Festpreise, nach einem SMAD-Befehl bei Waren und Leistungen eingefroren auf dem Stand von 1944, bei Mieten auf dem Niveau von 1936. Um des sozialen Friedens bzw. der Machterhaltung willen wurde daran bis zuletzt nicht gerüttelt – wider alle Vernunft. Der Reformunfähigkeit der politischen Führung entsprach die Reformunwilligkeit der Bevölkerung.
Fachleute mögen das anders sehen, aber vielleicht zeigt sich an dieser Stelle eine Kinderkrankheit linker Politik: Wirtschafts- und Finanzexperten sind in diesem Milieu rar. Und wo es sie gibt, kümmern sie sich nach wie vor mehr um die "gerechte" Verteilung von Reichtum, als um dessen Produktion.
Dabei hielt es Marx schon vor 140 Jahren in der "Kritik des Gothaer Programms" für "fehlerhaft, von der sog. Verteilung Wesens zu machen und den Hauptakzent auf sie zu legen" (MEW, Bd. 19, S. 21). Priorität habe die Sicherung der Produktion, d.h. der Ersatz verbrauchter Produktionsmittel, die Ausdehnung und Vervollkommnung der Produktion und ein Reservefond für Ausfälle und Störungen durch Naturereignisse. All dies seien ökonomische Erfordernisse, die nichts mit Gerechtigkeit zu tun hätten. Ehe es zur individuellen Verteilung komme, seien ferner abzuziehen die Mittel für die Verwaltung der Produktion, für soziale Einrichtungen wie Schulen und Gesundheitsvorrichtungen sowie für einen Fond für Arbeitsunfähige. Erst dann könne man sich über den Rest verständigen, der dem Einzelnen zum persönlichen Verbrauch zuerkannt werde. Jedem Wirtschaftslenker in der DDR war dies vertraut. Doch im Widerstreit mit politischen und sozialen Zielen zog die Ökonomie oft den Kürzeren. Als Lehre aus der verfehlten Preispolitik stellen die ehemaligen Mitarbeiter der Finanzbehörden der DDR fest: "… die Subvention darf nicht am Produkt, sondern muss gezielt an der bedürftigen Person ansetzen".
Die beiden Sammelbände zeigen aber nicht nur, "wie es nicht funktioniert", obwohl dies allein schon den Erfahrungsschatz deutscher Wirtschaftsgeschichte bereichern würde. Sie führen auch vor Augen, wie mitunter aus Not und Mangel geborene Lösungen sich am Ende doch als die überlegenen erwiesen und international durchsetzten.
Wenn etwa Bierbrauer in aller Welt heute auf in der DDR entwickelte Verfahren zurückgreifen, worauf der stellvertretende Generaldirektor Peter Lietz aufmerksam macht, ist dies nur ein Beispiel dafür. Die heimische Schuhindustrie, einst aus Kostengründen ins billigere Ausland verlagert – kehrt inzwischen zurück als vollautomatisierte Produktion. Freilich auf anderer technologischer Grundlage als zu Lezochs Zeiten, aber er war der Vorreiter der Automation. Die strengen Energiesparauflagen der DDR – seinerzeit als Zumutung und mitunter als Willkür empfunden, waren kein Armutszeugnis, sondern ein Gebot wirtschaftlicher Vernunft. Dass sie durch Verschwendung auf der anderen Seite konterkariert wurden, steht auf einem anderen Blatt, wird aber von den Kombinatsdirektoren in den wirtschaftlichen Gesamtzusammenhang gestellt. Armut war tatsächlich zugleich der beste Umweltschützer wie der schlimmste Umweltzerstörer – einer der vielen Widersprüche, mit denen es die Industriekapitäne zu tun hatten.
Mehr noch, inzwischen hat sich gezeigt, dass man heute auf manches zurückkommt, das in der DDR schon allgemein praktiziert wurde. Frauenerwerbstätigkeit und Kitabetreuung – einst verrufen als kommunistische Zwangsmaßnahmen – gehören mittlerweile zu solchen Selbstverständlichkeiten, dass sie mitunter sogar gerichtlich eingeklagt werden können. Auch in der Berufsausbildung, im Schul- und Gesundheitswesen, in der Sozial- und Rentenversicherung, im Wohnungsbau, im Transport- und Verkehrswesen wird an neuen Konzepten gestrickt.
Kaum wird sich dabei jemand auf DDR-Modelle berufen, versteht sich. Diese wären heute – unter veränderten Bedingungen – in ihrer damaligen Form auch untauglich. Dennoch haben Ostdeutsche immer öfter das Gefühl, auf Altbekanntes zu stoßen. Offenbar drängen viele Probleme in eine Richtung, die so gar nicht den bisherigen Lösungen des Finanzmarkt-Kapitalismus entspricht.
In einem Punkt wird es aber mit Sicherheit kein Déjà-vu-Erlebnis geben – in der Gewissheit "Mir kann keiner", die sich auf soziale Gleichheit, ökonomische Unabhängigkeit und existentielle Sicherheit gründete. Eine Gewissheit, die jeder in sich trug, gleich welcher Bildungs-, Berufs- und Einkommensschicht er angehörte, die nun aber wohl endgültig dahin ist.

Zweite Autobiografie
Karl Nendel: General der Mikroelektronik. Autobiographie. edition berolina 2017.

Die zweite Autobiografie innerhalb des Generaldirektoren-Projekts erschien im Mai 2017. Ihr Protagonist Karl Nendel, von 1967 bis 1989 Staatssekretär im Ministerium für Elektrotechnik und Elektronik der DDR und ab 1977 Regierungsbeauftragter für die Entwicklung der Mikroelektronik, war von ganz anderem Kaliber als die Generaldirektoren aus der Stahlbranche und auch als die, die sich in den beiden Sammelbänden vorgestellt hatten. Liest man seine Autobiografie, so gewinnt man den Eindruck, dass er den Spitznamen Revolver-Karl völlig zu Recht trug. Nendels Credo: "Obwohl ich nie beim Militär gedient habe, war und bin ich der Meinung, dass man die Wirtschaft militärisch führen muss". Wie manch anderer auch, hatte er sich da wohl an einem sowjetischen Führungsmodell orientiert. In seiner Biografie war das eigentlich nicht angelegt. Geboren 1933 als Sohn eines Schlossers, Berufsausbildung zum Elektriker, Fachschulstudium mit dem Abschluss Elektroingenieur, in diesem Beruf sechs Jahre Arbeit bei der Erschließung von Braunkohlentagebauen – Stationen eines Werdegangs, wie er für viele sogenannte Nomenklaturkader charakteristisch war. Mit dem Eintritt in den Staatsapparat muss sich in Nendels Selbstverständnis grundsätzlich etwas geändert haben. Er war nun nicht mehr nur ein Macher, sondern ein ausgeprägter Machtmensch, worüber er in seiner Autobiografie freimütig Auskunft gibt.
Wenn die Vorstellung Katrin Rohnstocks von einem Wirtschaftskrimi Planwirtschaft auf ein Buch zutrifft, dann ist es dieses. Hier kommen ganz andere Milieus in den Blick als in den sonstigen Titeln. Das hängt mit Nendels Arbeitsfeld zusammen. Die Mikroelektronik war wohl die umstrittenste Branche der ostdeutschen Industrie. Die Annahme, trotz US-amerikanischen High-Tech Embargos und trotz sowjetischen Widerstands, sich an dem Projekt zu beteiligen, quasi aus eigener Kraft zur internationalen Entwicklung aufzuschließen, mag heute abenteuerlich anmuten. Seinerzeit verband sich aber damit die Erwartung, auf diese Weise einen gordischen Knoten zu durchschlagen. Mit einem einzigen technologischen Sprung wollte man sich aus der Rohstoffabhängigkeit von der Sowjetunion lösen und zum Monopolanbieter im RGW werden.
Damals ging die Devise um, die DDR müsse zum "Japan des RGW" werden. Dafür seien alle Mittel und Kräfte zu konzentrieren, es gehe auf diesem Gebiet um "Sieg oder Niederlage", man müsse sich einfach "in die Mikroelektronik hineinquälen", wie Günter Mittag meinte. In einer der Salon-Veranstaltungen bei Rohnstock Biografien hatte ein Teilnehmer berichtet, wie das in seinem Verantwortungsbereich lief. Da sei eine hochmoderne Produktionslinie aus Japan importiert worden. Aus Mangel an geeigneten Arbeitskräften habe man dann auch gelernte Bäcker und Friseure an die Taktstraße stellen müssen. Das habe natürlich nicht funktioniert, weil solche Leute relativ selbstbestimmtes Arbeiten gewohnt waren und sich nicht so einfach "eintakten" ließen. Selbst eingesetzte Industriearbeiter bedeuteten nicht unbedingt die Lösung. Das waren überwiegend Facharbeiter, also "gelernte" Leute, ein Arbeitertyp, der in Japan so überhaupt nicht existierte, weil eine systematische und breite Berufsausbildung nach hiesigem Verständnis dort unbekannt war. Dazu kam: Ostdeutsche Industriearbeiter fühlten sich in gewisser Weise als "Herren der Fabrik". Sie hatten ihre angestammten Freiräume, die sie verteidigten, notfalls auch gegen "unmenschliche" japanische Arbeitsmethoden. Auf diese Weise ist viel Geld verbrannt worden. Trotz solcher und anderer Fehleinschätzungen sind aber auch beachtliche Erfolge erreicht worden.
Dennoch hinkte die DDR dem internationalen Standard um etwa acht Jahre hinterher, wie eine Analyse der Akademie der Wissenschaften der DDR im Mai 1989 ergab. Vor allem die enormen Investitions- und Gestehungskosten waren schwer zu tragen. Was die absolute Sensation werden und die Wirtschaftswelt aufhorchen lassen sollte, wurde zur Belastung. Allein 1988 sollen die Erzeugnisse der Mikroelektronik mit einer halben Milliarde Mark subventioniert worden sein - sonst hätten sie gar nicht abgesetzt werden können. Karl Nendel und andere Insider nennen keine Zahlen und wollen sich nicht an den weitverbreiteten Spekulationen darüber beteiligen. Allerdings: bei diesen Größenordnungen ließ sich nicht mehr von einem "Groschengrab" sprechen.
Karl Nendel hat seinem Biografen Ralf Pasch erzählt, wie er durch einen japanischen Supermarkt schlenderte und dort all das sah, was zu Hause in der DDR als Spitzenleistung galt, in Japan aber quasi unter den Billigartikeln rangierte. Erstaunlich ist, dass er dennoch unverdrossen weitermachte. Er erzählt, wie Parteiapparat, Staatliche Plankommission, Industrieministerien, Staatssicherheit, KoKo und Kombinate miteinander und gegeneinander arbeiteten, wie er in dieser Schlangengrube oft mit aller Härte durchgreifen musste.
So ist kolportiert worden, Günter Mittags Schwiegersohn Wolfgang Biermann habe sich das prestigeträchtige und milliardenschwere Megabit-Programm nur auf Grund persönlicher Beziehungen unter den Nagel reißen können. In Wahrheit hätte er glaubhaft zusagen (und auch einhalten) können, dass er den Megabit-Chip schneller liefern kann als Mikroelektronik-Generaldirektor Heinz Wedler. Solche und ähnliche Auseinandersetzungen ließen sich vielleicht tatsächlich nur per Order beenden. Ob man aber Führungskräfte zusammenstauchen oder entlassen musste, wenn bestimmte Produktionslinien nicht liefen (die, wie sich später herausstellte: nicht laufen konnten), steht auf einem anderen Blatt. Zumindest Karl Döring hat bewiesen, dass es da erfolgreichere Wege gibt.
Als rechte Hand von Schalck-Golodkowski war Nendel nicht nur mit der Planwirtschaft, sondern auch mit der Marktwirtschaft bestens vertraut, also mit allen Wassern gewaschen. Wenn der Embargohandel florierte, so auch deshalb, weil Nendel alle Schleichwege und Hintertreppen kannte.
Liebhabern von Schmonzetten sei noch das Kapitel über die Bagdadbahn empfohlen. Die DDR hatte den Zuschlag bekommen, im Irak eine Bahnlinie fertigzustellen, deren Weiterbau seit Jahren stagnierte. Als windiger Abenteurer ist Nendel eigentlich nicht hervorgetreten. Aber für dieses Auslandsprojekt engagierte er sich, weil es Deviseneinnahmen versprach. Es gelang Nendel zwar, die Sache wieder in Gang und zu einem halbwegs vernünftigen Abschluss zu bringen – jedoch zu einem horrenden Preis. Er hatte nicht damit gerechnet, dass seine Kommandomethoden bei den einheimischen Arbeitern auf taube Ohren stoßen würden. Mit "militärischer Führung" war in diesem Kulturkreis nichts zu erreichen. Das Abenteuer Bagdadbahn endete als Devisen-Desaster.
Die Buchvorstellungen der Autobiografie von Karl Nendel sind immer gut besucht. Denn Tausende und Abertausende Menschen waren in den 80er Jahren in die kräftezehrende Aufholjagd auf dem Gebiet der Mikroelektronik verwickelt, die einen als Akteure, die anderen als Leidtragende, weil in ihrem Arbeitsfeld dringend notwendige Investitionen ausbleiben mussten.

Das Medienecho
Sebastian Bertram, der Pressesprecher von Rohnstock Biografien, konstatiert für das Generaldirektoren-Projekt eine zunehmende Resonanz in den Medien. Ein Echo fanden vor allem die Bucherscheinungen, aber auch die Veranstaltungen. Es sei gelungen, das Thema DDR-Wirtschaft auf neue Weise in die Öffentlichkeit zu bringen. Ein besonderer Erfolg wird darin gesehen, dass die Wirtschaftslenker, diejenigen, die in verantwortlichen Positionen Gestalter dieser Geschichte waren, endlich eine Plattform erhielten, sich öffentlich mitzuteilen. Wo vor sechs Jahren noch eine Mauer des Schweigens war, ist inzwischen eine große Bereitschaft zu beobachten, Auskünfte zu geben und eigene Erfahrungen mitzuteilen. Davon machen die Medien reichlich Gebrauch.
Für ein kleines Unternehmen wie Rohnstock Biografien, das neben dem – weitgehend unfinanzierten - Generaldirektoren-Projekt die Mittel für seine Betriebsausgaben selbst aufbringen muss, ist es nicht einfach, alle Anfragen und Anliegen von Journalisten und Lesern zu beantworten und auch Kontakte zu Protagonisten zu vermitteln – kostenfrei versteht sich. Schließlich ist es nicht der Nutznießer solcher Dienstleistungen, wird in der Regel in den daraus hervorgehenden Artikeln nicht einmal erwähnt. Es sieht sich aber in der Verantwortung, den einstigen Wirtschaftsführern auch in diesem Punkt zur Seite zu stehen und ihnen die Wege in die Öffentlichkeit zu ebnen.
Markus Röder von Rohnstock Biografien hat in einem Reader die Presseartikel zusammengestellt, die von 2012 bis 2017 über die einschlägigen Veranstaltungen und Publikationen erschienen sind. Diese Sammlung lohnte eine gesonderte Auswertung, was aber hier nicht zu leisten ist. Enthalten sind 175 Beiträge von insgesamt 27 verschiedenen Presseorganen. Dazu gehören überregionale Zeitungen wie Neues Deutschland, Junge Welt, Tagesspiegel, TAZ, Die Welt, Die Zeit, Der Standard, der Freitag, SUPERillu, aber auch viele regionale Blätter wie die Märkische Oderzeitung, die Leipziger Volkszeitung, die Stuttgarter Zeitung oder die Thüringer Allgemeine. Längst nicht alle Artikel lassen Sympathie für das Vorhaben von Rohnstock Biografien erkennen oder teilen gar die von den Generaldirektoren geäußerten Positionen. Aber alle zeugen von Interesse und von Aufmerksamkeit für Lebenswege, die bislang weitgehend unbekannt waren, und natürlich für ein Projekt, das diese ans Licht bringt.

Was wurde bisher erreicht?
Gemessen an den vier vorab formulierten Zielen kann in einer ersten Zwischenbilanz festgehalten werden:

Erstens ist es gelungen, zeithistorische biografische Erinnerungen in großer Zahl abzurufen und zu sichern. So gesehen liegt inzwischen ein wahrer Schatz in Gestalt von Text-, Bild- und Tondokumenten am Senefelder Platz in Berlin, dem Firmensitz von Rohnstock Biografien.

Zweitens wurden bei einem weiteren Ziel große Fortschritte erreicht. Es konnte die innere Verständigung von DDR-Wirtschaftsführern gefördert werden. Über zwei Jahrzehnte waren sie ins Abseits gedrängt worden und hatten auch untereinander kaum Kontakt. Jetzt schweigen sie nicht mehr. Sie sprechen mit ihren einstigen Mitstreitern und treten selbstbewusst in der Öffentlichkeit auf.

Drittens konnten prominente ostdeutsche Wirtschaftsakteure angeregt werden, ihre Autobiografie zu schreiben oder zu Protokoll zu geben. Wenn im Rahmen des Projekts statt der angestrebten 20 Bücher bisher nur drei Sammelbände und zwei Autobiografien erschienen sind, so hat das vor allem finanzielle Gründe. Es kommt noch ein weiterer Umstand hinzu. Auch die berühmten Lebensgeschichten deutscher Unternehmer des 19. und 20. Jahrhundert wie Werner von Siemens, August Thyssen oder Robert Bosch, sind nicht von diesen selbst verfasst worden. Sie alle sind mit Unterstützung von Fachleuten geschrieben, herausgegeben oder zumindest redigiert worden. An Universitäten tätige, renommierte Technik- und Wirtschaftshistoriker sowie Fachpublizisten waren auf diesem Gebiet tätig. Solche Experten der ostdeutschen Wirtschaft gibt es heute gar nicht mehr, jedenfalls keine im arbeitsfähigen Alter. Und wenn es sie gäbe, könnte sie keiner der Generaldirektoren bezahlen. "Normale" Ghostwriter müssen an der Aufgabe verzweifeln, weil sie gar nicht über das Handwerkszeug verfügen können, die (inzwischen tote) politische und wirtschaftliche Fachsprache eines untergegangenen Systems in heute allgemein verständliche Worte zu kleiden. Umso erstaunlicher ist es, dass Rohnstock Biografien den Beweis erbracht hat: Doch, es geht, wenn auch mit erheblichem Aufwand und hier und da mit Abstrichen. Hervorzuheben ist, dass es den durch Rohnstock-Biografien ausgebildeten Autobiografikern häufig gelungen ist, die erzählten Erfahrungen in eine lesbare Geschichte zu verwandeln.

Das vierte Ziel des Projekts bestand darin, diese Seite der ostdeutschen Geschichte auf neue Weise ins öffentliche Gespräch zubringen. Inzwischen wächst die zweite Generation heran, die von der ostdeutschen Industrie – abgesehen von einigen "Leuchttürmen" - eigentlich nur die Fabrikruinen kennt. Was sich einst hinter den Werksmauern abspielte, ist völlig unbekannt. Die Zeit ist für viele so fern, wie der Dreißigjährige Krieg oder wie Napoleon. Ein einziges kleines Projekt, wie das hier zur Debatte stehende, wird daran nichts ändern können. Aber hier und da hat es doch Bewegung erzeugt, Fragen ausgelöst. Immerhin gibt es ein Presseecho, und es ist nicht ausgeschlossen, dass die DDR eines Tages in den Geschichtsbüchern wiederentdeckt wird als die moderne Industrieregion, die sie einmal war, eine Region mit arbeitsamen, findigen Menschen, wovon die Autobiografien ihrer Wirtschaftsführer erzählen.