KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 2014
Kulturelle Differenzierungen der deutschen Gesellschaft
Dietrich MĂŒhlberg
Kulturinitiativen und Zwischenreden
Deutsche Kulturdebatten vor 25 Jahren
I.
In der Rubrik "Zeitdokument" veröffentlicht Kulturation das Protokoll einer deutsch-deutschen Kulturdebatte, die 1989 kurz vor dem Jahresende KĂŒnstler, Kulturwissenschaftler und Kulturpolitiker zusammengefĂŒhrt hatte. Die folgenden sieben Textabschnitte blicken aus der Perspektive eines ostdeutschen Akteurs auf dieses Ereignis zurĂŒck. Sie versuchen daran zu erinnern, wie es im Dezember 1989 zu dieser wohl einmaligen deutsch-deutschen Begegnung gekommen ist.

Die als Zeitdokument 12 eingestellten BeitrĂ€ge zu dieser - "Zwischenrede" genannten - Disputation bieten eine Momentaufnahme der unentschiedenen politischen und kulturellen Situation, spiegeln die Irritationen auf beiden Seiten der inzwischen geöffneten Mauer. Denn der schnelle Wandel im Osten wurde inzwischen auch im Westen mit wachsender Anteilnahme verfolgt. Dies besonders in Westberlin, wo bereits am 10. November bei der Kundgebung vor dem Rathaus Schöneberg eine neue politische Frontenbildung zu erleben war. Es begann sich abzuzeichnen, wer da mir wem im Osten zusammengehen wĂŒrde, welche RatschlĂ€ge zu erteilen wĂ€ren und wovor man die Ostdeutschen in ihrem Wende-Eifer besser warnte.

Waren die einen eher verwunderte Beobachter des Wandels, so die anderen existenziell Betroffene. Ihre Statements deuten die unsichere Stimmungslage an, in der kulturell engagierte Intellektuelle der noch existierenden DDR gegen Ende des Jahres 1989 redeten und handelten. Das Tempo der Ereignisse, durch die die politische Konstellation sich verĂ€nderte, war ungewohnt hoch, entwertete eben erst gewonnene Positionen schnell und erzeugte immer neue Hoffnungen, Unsicherheiten und Sorgen. Es war jene kurze Zeitspanne, in der deutlich wurde, dass die Chancen fĂŒr eine reformierte sozialistische Gesellschaft sehr gering waren, obwohl vielleicht die Mehrheit der Reformaktivisten immer noch an die Chance einer erneuerten DDR glaubte. Es wollte noch niemand recht wahrhaben, dass die durch den demonstrierten Unwillen ausgelösten VerĂ€nderungen nicht auf eine Reformation, sondern auf das Ende des „sozialistischen Experiments“ hinauslaufen wĂŒrden. Selbst die wenigen Verfechter der deutschen Einheit, wie die Leipziger um Heiduczek und Czechowski, dachten dabei an eine Konföderation beider deutscher Staaten. Die EinheitsbefĂŒrworter aus der jĂŒngeren KĂŒnstlergeneration (wie etwa Uwe Kolbe, Lutz Rathenow und Monika Maron) sahen sie als Moment der europĂ€ischen Einigung. In jedem Falle aber waren die konkurrierenden Protagonisten verschiedener politischer Lösungen noch davon ĂŒberzeugt, dass die kritische Intelligenz der ostdeutschen Gesellschaft so etwas wie einen Gestaltungsauftrag habe. Nur kurze Zeit spĂ€ter sollten sich alle Beteiligten in der Rolle unwichtiger Randfiguren wiederfinden.

Auch die kulturelle Situation war bereits im Umschlagen, doch die möglichen Folgen schneller politischer VerĂ€nderungen fĂŒr die deutschen Kulturen und ihre professionelle Personage waren noch nicht recht abzusehen. Zwar war unter den Reformern aus dem Kulturbereich die entschiedene Aufbruchstimmung bereits verflogen, die jene von KĂŒnstlern organisierte große Berliner Demonstration am 4. November noch getragen hatte. Denn schon wenige Tage spĂ€ter war mit der Grenzöffnung am 9. November eine völlig neue Situation entstanden. Eher auf der Ebene der Alltagserfahrung der Vielen wurde schlagartig sichtbar, wie problematisch ein Nebeneinander bei offener Grenze zu machen sein wĂŒrde. Die turbulenten UmstĂ€nde der Maueröffnung ließen den Aufruf „Fassen Sie Vertrauen“, der gemeinsam von allen Fraktionen der BĂŒrgerbewegung just am 9. November verbreitet wurde, fast völlig unbeachtet. Als drei Wochen spĂ€ter KĂŒnstler, Wissenschaftler, Kirchenleute und Reformpolitiker den warnenden Aufruf „FĂŒr unser Land“ verbreiteten, nannte der die neue Alternative: EigenstĂ€ndigkeit der DDR oder Anschluss an die Bundesrepublik. Er wendete sich gegen den „Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte“. Mit diesem Bekenntnis solidarisierten sich ĂŒber eine Million durch ihre Unterschrift und votierten fĂŒr die EigenstĂ€ndigkeit. Es schien also weiterhin offen zu sein, in welcher Weise die Reformierung der DDR-Gesellschaft fortgesetzt wird. Dass sie zu reformieren wĂ€re, war fĂŒr fast alle eine unabweisbare Forderung und die mehr oder weniger klare Erwartung zugleich. FĂŒr die Mehrheit der kulturell Engagierten war es zu diesem Zeitpunkt noch schwer denkbar, dass die ostdeutsche Gesellschaft sehr bald strukturell wie institutionell an die westdeutsche angepasst sein wĂŒrde und die ostdeutschen Funktionseliten – egal ob bĂŒrgerbewegt, neutral oder "systemtreu" – beinahe völlig durch Westdeutsche ersetzt sein könnten.

In dieser Ă€ußerst angespannten Situation hat es dann gegen Ende des Jahres zwei deutsch-deutsche Aktionen von Angehörigen aller Kulturberufe, von KĂŒnstlern, Autoren, Wissenschaftlern und Medienleute gegeben, auf die mit dieser Dokumentation ein Vierteljahrhundert spĂ€ter zurĂŒckgeblickt wird. Beides waren Versuche, sich ĂŒber die kulturellen Implikationen der politischen VorgĂ€nge auszutauschen und die Möglichkeiten fĂŒr gemeinsames Handeln zu prĂŒfen. Einmal hatte der „GesprĂ€chskreis DDR“ des Deutschen Kulturrates der Bundesrepublik „organisierte und nicht-organisierte KĂŒnstler, Autoren und andere Vertreter der Kulturberufe“ auf den 19. Dezember in die Akademie der KĂŒnste zu Berlin (West) zu einem Treffen eingeladen. Zum anderen haben zwei Ă€hnlich engagierte Gruppen kulturell aktiver Leute in West- und Ostberlin, zwei im Herbst 1989 entstandene „Kulturinitiativen“, zu einem deutsch-deutschen Kulturtreffen auf den 22. Dezember nach Ostberlin eingeladen, das sie "ZWISCHEN-REDE ĂŒber den Zustand deutscher Kulturen" nannten. Diese Veranstaltung kann hier unter "Zeitdokument 12" dokumentiert werden, weil sich im Archiv der Akademie der KĂŒnste die transkribierten BeitrĂ€ge der Diskussionsredner fanden. Überdies sind im Archiv der KulturInitiative '89 fast alle Materialien aus dieser Zeit abgelegt; auch Dokumente der damaligen "Westberliner Seite" stehen als Quelle zur VerfĂŒgung. Von dem Treffen, das der Kulturrat am 19. Dezember in Westberlin organisiert hat, ist nur ein kurzes Sitzungsprotokoll und die verabschiedete Resolution ĂŒberkommen. Sie wurde der "Zwischenrede" ĂŒbermittelt (und dort von Rainer FlĂŒgge vorgetragen).

Man könnte meinen, es lohne nicht, die Situation kurz vor dem politischen Scheitern fast aller mitwirkenden Ostdeutschen rĂŒckblickend zu betrachten und zu dokumentieren. Doch abgesehen von der "Aufarbeitung" historischer Ereignisse könnte ein solcher RĂŒckblick auch lehrreich sein. Mit der heutigen Erfahrung lesen sich die Texte dieser Wendezeit deutlich anders, als es die damalige Intention der öffentlich auftretenden kulturellen Aktivisten gewesen sein mochte. Heute bemerken wir, dass die Unausweichlichkeit des schließlichen Fortgangs der Ereignisse selbst in jenen BeitrĂ€gen anklingt, die noch mit einer lĂ€ngeren eigenstĂ€ndigen Entwicklung der ostdeutschen Gesellschaft rechneten. Andere sprachen bereits deutlicher ĂŒber die von ihnen erwarteten kulturellen Probleme der AnnĂ€herung beider deutscher Gesellschaften. Sie sind hier wohl erstmals ausgesprochen worden, auch das macht den RĂŒckblick interessant. Er könnte es ermöglichen, die KontinuitĂ€t und die BestĂ€ndigkeit in kulturellen Problemlagen und LösungsvorschlĂ€gen zu erkennen. Doch deutet er auch den abrupten kulturellen Wandel an, der fĂŒr die Ostdeutschen mit dem Übergang in ein anderes Gesellschaftssystem verbunden war und der viele ihrer Anstrengungen und projektierten NeuanfĂ€nge schnell entwertete und ĂŒberflĂŒssig machte.

FĂŒr das VerstĂ€ndnis der VorgĂ€nge zum Jahresende 1989 dĂŒrfte es nĂŒtzlich sein, auf die HintergrĂŒnde nĂ€her einzugehen, die diese deutsch-deutschen Begegnungen ermöglichten und notwendig machten. Erstens soll darum nĂ€her auf die Entstehung der ostdeutschen kulturellen Initiative eingegangen und dann auf die deutsch-deutschen Kontakte zurĂŒckgeblickt werden, in deren Reihe die „Zwischen-Rede“ steht.

II.
Die Mehrzahl der kulturellen Reformdebatten gegen Ende der 80er Jahre wurde durch Gruppen, Projekte, Freundeskreise außerhalb der bekannten Institutionen angeregt und gefĂŒhrt. Teils bemĂ€chtigten sie sich - nun auch jenseits der Kirche - der großen Apparate von Akademien, VerbĂ€nden, oder vom Kulturbund - teils schufen sie schnell eigene, meist kleinrĂ€umige Beziehungsnetze. In einigen FĂ€llen waren solche Strukturen schon frĂŒher entstanden und bekamen nun einen neuen Sinn.

So hatten bereits Mitte der 80er Jahre KulturwissenschaftlerInnen vor allem in Berlin versucht, eine neue kulturelle Ost-West-Beziehung zu erreichen. Ihr unmittelbares Motiv war es, die gerade fĂŒr ihre Arbeit prekĂ€re kulturelle und wissenschaftliche Abschottung der DDR zu durchbrechen. Westberlin schien dafĂŒr gĂŒnstige Voraussetzungen zu bieten, im Arbeitskreis „EuropĂ€ische Kultur“ wurde ĂŒber politisch verwendbare BegrĂŒndungen fĂŒr ein neues VerhĂ€ltnis zum Westen nachgedacht (damals Thomas Flierl, Thomas Koch, JĂŒrgen Marten, Edith Broszinsky-Schwabe, Dietrich MĂŒhlberg u.a.). Als Ideen dieser Art durch VortrĂ€ge in Sitzungen wissenschaftlicher RĂ€te manifest wurden, griff die SED-FĂŒhrung ein und unterdrĂŒckte den Versuch, im "europĂ€ischen Haus" kulturelle Kontakte speziell mit Westdeutschland zu pflegen. Wie heute genauer bekannt ist, berĂŒhrte das die Differenzen der SED-FĂŒhrung mit den Weisungsberechtigten in Moskau und konnte schon darum als „Wildwuchs“ nicht geduldet werden.

Offenbar wurde dies, als mit dem Kulturabkommen zwischen der DDR und der Bundesrepublik (1986) sich die politischen Aufregungen legten und nun pragmatische Entscheidungen nötig waren. Zwar stand alles, was zwischen den beiden deutschen Regierungen kulturell vereinbart wurde, unter der unumgĂ€nglichen Aufsicht von ZK und Staatssicherheit, doch weiteten sich an vielen Stellen HandlungsspielrĂ€ume und der ĂŒber Jahrzehnte als schwerwiegende politische Belastung geltende „Westkontakt“ verlor an diskriminierender Wirkung. Halbwegs „normal“ wurde er erst mit den 1988/89 einsetzenden Wirren und den ErmĂŒdungserscheinungen der Kontrollorgane.

Gleichfalls auf Mitte der 80er lassen sich reformerische Absichten zurĂŒckverfolgen, die die Forschung und die Lehre in den kulturwissenschaftlichen StudiengĂ€ngen betrafen. Im Kern ging es zunĂ€chst darum, die schon lĂ€nger sichtbare Ausdifferenzierung der Kulturtheorie in kulturwissenschaftliche Spezialfelder zu institutionalisieren und entsprechende Lehrgebiete zu installieren (Kultursoziologie, Kulturpolitik, Internationale Kulturprozesse, Kulturgeschichte, Kulturanthropologie, Kulturarbeit u.a.). Damit sollte eine seit lĂ€ngerer Zeit versuchte Anpassung an internationale Standards möglich werden. Zu den Reformabsichten gehörte es auch, das Studium von ideologischem Ballast zu befreien, sich von allen nur propagandistisch behaupteten Kultur- und Gesellschaftsidealen auch offiziell zu lösen, den kritischen kulturwissenschaftlichen Blick auf die eigene Gesellschaft zu legitimieren und Lehre und Forschung an den praktischen Aufgaben in der wirklichen Gesellschaft auszurichten. Auch dafĂŒr gab es entsprechende Spezialisierungen.

Im FrĂŒhjahrssemester 1988 begannen MitarbeiterInnen der Sektion Kulturwissenschaft und Ästhetik der Humboldt-UniversitĂ€t in Berlin eine Diskussionsreihe ĂŒber GrundsĂ€tze einer Kulturreform. Eines ihrer Ergebnisse war im September 1988 ein zusammenfassendes Papier unter dem Titel "Zu einigen Perspektiven unserer Kultur und zu möglichen Aufgaben von Kulturwissenschaft in der DDR (ein Diskussionsbeitrag)". Es löste eine Reihe weiterer Grundsatzdebatten zu allen Aspekten kultureller Entwicklung aus. Dabei wurde auch das BedĂŒrfnis nach Vernetzung all derer immer dringlicher, die Ă€hnlich prinzipiell ĂŒber notwendige VerĂ€nderungen in den unterschiedlichen kulturellen TĂ€tigkeitsbereichen diskutierten. ZunĂ€chst war dies nur ein Nebenaspekt der VerstĂ€ndigung, doch machten die politischen Zuspitzungen im Sommer 1989 die Sache dringlicher.

Hatten die kulturtheoretischen und kultursoziologischen Bereiche der Akademie fĂŒr Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED seit Beginn der 80er Jahre den Ort geboten, an dem KulturwissenschaftlerInnen der DDR ihre Reformabsichten diskutierten, war dies nach dem Weggang von Lothar Bisky, nach dem spektakulĂ€ren Rauswurf von Helmut Hanke und dem Selbstmord von Hans Koch anders geworden. Das BedĂŒrfnis, die durch diese Restriktionen beendeten kommunikativen Kontakte wieder herzustellen, belebte gleichfalls die Idee, einen Berufsverband der studierten KulturwissenschaftlerInnen zu grĂŒnden, der Praktiker und Wissenschaftler zusammenfĂŒhrt, deren Interessen vertritt und einen Austausch jenseits der partei- und staatsoffiziellen Institutionen ermöglicht.

Die Beteiligten haben alles dies in der Zuversicht betrieben, dass es zu betrĂ€chtlichen politischen VerĂ€nderungen in der DDR kommen werde: zu mehr Demokratie, zu mehr Rechten der einzelnen, zu differenzierteren kulturellen Praxen usw. Die große Schwachstelle der ostdeutschen Wirtschaft wurde zwar mit Besorgnis gesehen, doch in der BrĂŒckenfunktion, die die DDR zwischen Ost- und Westeuropa schnell ausbauen könnte, auch ein sicherer Aktivposten ganz selbstverstĂ€ndlich angenommen. Ein politisch tragfĂ€higes Konzept fĂŒr die Umgestaltung der ganzen Gesellschaft ist dabei nicht entstanden.

Einen stĂ€rkenden Hintergrund aller dieser AktivitĂ€ten bildete zweifellos die kritische Sympathie fĂŒr Glasnost und Perestroika in Moskau, wenngleich gerade im Kulturbereich gut bekannt war, wie gering die Resonanz dieser Politik in der Sowjetunion selbst war. Doch wenn deren Chancen auch klein sein mochten und ihr Erfolg ungewiss, war es doch unvorstellbar, dass die große Sowjetunion die DDR aufgeben wĂŒrde oder gar selbst in absehbarer Zeit untergehen könnte.

III.
Sommer und Herbst 1989 waren doppelt geprĂ€gt. Einerseits war da eine Art lĂ€hmenden Staunens ĂŒber die völlige Unbeweglichkeit der politischen FĂŒhrung den eskalierenden Ereignissen gegenĂŒber. Es mĂŒndete in die Einsicht, dass von dort weder stabilisierende noch verĂ€ndernde Entscheidungen zu erwarten waren. Die fĂŒr Kultur und Wissenschaft zustĂ€ndigen „politischen Linienrichter“ waren schon im FrĂŒhjahr weitgehend verstummt. Zwar wurde gerade an der Humboldt-UniversitĂ€t in vernetzten Arbeitsgruppen an Reformkonzepten fĂŒr viele Gesellschaftsbereiche gearbeitet (sie sind inzwischen bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung archiviert und umfassen in 61 BĂ€nden 32 TeilbestĂ€nde, etwa 15.500 Seiten). Doch der Adressat war nicht recht erkennbar. Offenbar wurde erwartet, dass bei dem anstehenden SED-Parteitag dieses analytische wie strategische Material zur Ausstattung einer neuen Politikergeneration gehören wĂŒrde. Dieses Warten auf neue Leute bestĂ€rkte die allgemein abwartende Haltung noch. Andererseits gab es in den Instituten ein eifriges Diskutieren und PlĂ€neschmieden, bei dem es von Glasnost und Demokratie bis hin zu neuen PrĂŒfungsordnungen ging. Bei all dem wurde immer eine irgendwie reformierte DDR vorausgesetzt.

IV.
Im Oktober machten es die politischen Bewegungen dringlicher, den lange besprochenen Verband von KulturarbeiterInnen als Kommunikationsort und handlungsfĂ€hige Institution zu grĂŒnden. Es war völlig klar, dass eine solche Vereinigung auch Aufgaben in den aktuellen politischen und kulturellen Transformationsprozessen zu ĂŒbernehmen hĂ€tte. Das geschah mit Seitenblick auf die Arbeitsweise von Kulturpolitischer Gesellschaft und Kulturrat im Westen.

Am 11. November 1989 kam es zu einer Vor-Beratung ĂŒber die mögliche GrĂŒndung einer kulturpolitischen Vereinigung. In dem versandten Einladungspapier (zur GrĂŒndung einer "Kulturpolitischen Gesellschaft"), das sich auf die in den Jahren 1988/89 diskutierten Konzepte stĂŒtzte, hieß es u.a.: „Zur Reform des politischen Systems der DDR gehört es, dass neue Möglichkeiten entstehen mĂŒssen, soziale Interessen auszudrĂŒcken, in der Öffentlichkeit geltend zu machen und Entscheidungen zu beeinflussen. Das muss auch fĂŒr das kulturelle Leben gelten. FĂŒr diesen Bereich erwarten wir neue Formen der Mitwirkung und der Selbstorganisation, eine starke Differenzierung der Gruppierungen, Gesellschaften und Vereine - neben den Parteien und dem Staat. Sie werden die "Einheitsorganisationen" ergĂ€nzen oder ablösen. In den Volksvertretungen und Verwaltungen, in den Gewerkschaften und in den Betrieben, in den örtlichen Kulturinstituten und in den Medien, in KĂŒnstlergruppen und KĂŒnstlerverbĂ€nden, in den Bildungseinrichtungen und Forschungsstellen sind in den letzten Jahren immer wieder Verfechter einer bĂŒrgernahen Kulturarbeit, kreativer Möglichkeiten im Alltag, neuer Formen der Selbstdarstellung und der kulturellen Interessenwahrnehmung aufgetreten und haben fĂŒr eine sozialistische Kultur demokratischen Charakters eingestanden. Sie richteten sich damit gegen die einseitige Ausrichtung auf die ĂŒberkommene ReprĂ€sentationskultur, gegen die Entpolitisierung des geistigen Lebens, gegen die UnterdrĂŒckung Andersdenkender - vor allem auch derer, die sich fĂŒr ein zeitgemĂ€ĂŸes Konzept sozialistischer Kultur einsetzten. Sie vereinigen sich in der 'Kulturpolitischen Gesellschaft', um mit politischen, kĂŒnstlerischen, wissenschaftlichen, journalistischen und finanziellen Mitteln fĂŒr ihre kulturellen Ziele einzutreten.“ Hier auf Kulturation bieten die "Zeitdokumente" 6 bis 9 einen Einblick in die AnfĂ€nge dieser Organisation.

V.
1988/89 verstĂ€rkten etliche der in Westberlin tĂ€tigen Einrichtungen politischer Bildung ihre Aufmerksamkeit fĂŒr Ostberlin, das Interesse von Kulturpolitikern und Wissenschaftlern an Austausch und Zusammenarbeit nahm zu, die Zahl der wechselseitigen Gastvorlesungen, gemeinsamen Tagungen und Debatten stieg an. Die im Rahmen der Kulturabkommen laufenden Austauschprojekte intensivierten die Ost-West-Kontakte (gegen deren staatliche Reglementierung bald schon protestiert wurde) und gaben der Vision baldiger normaler VerhĂ€ltnisse in der geteilten Stadt Berlin eine reale Grundlage. Die Arbeitsgruppe Kulturgeschichte konnte ihre Ausstellung "AnfĂ€nge der Arbeiterfreizeit" nun auch in Westberlin prĂ€sentieren, die lange vergeblichen BemĂŒhungen um eine Gesamtberliner Baluschek-Ausstellungen waren plötzlich aussichtsreich.Der kulturpolitische Austausch mit der Friedrich-Ebert-Stiftung in Westberlin wurde lebendiger - dies schon wegen ihrer hĂ€ufiger gewordenen kulturell orientierten Exkursionen nach Ostberlin.

Doch erst die offene Grenze ermöglichte es, die Kontakte zu „kulturpolitischen“ Freunden und Partnern in Westberlin auf neue Weise zu intensivieren. Auch dort hatten sich Aktivisten der Kulturszene zu einer Art „Kulturinitiative“ locker verbunden, die auf die neue Situation in der Stadt und in den beiden LĂ€ndern reagieren wollten. Dazu gehörten u.a. Joachim GĂŒnter, SPD-Politiker, Hardt-Waltherr HĂ€mer, VizeprĂ€sident der Akademie der KĂŒnste, Ulrich Roloff-Momin, PrĂ€sident der HdK, Krista Tebbe, Kunstamtsleiterin von Kreuzberg, Sabine Weißler, Beauftragte fĂŒr Kunst am Bau, Christiane Zieseke, GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der NGBK. Mit ihnen gab es eine Reihe gemeinsamer Debatten und Verabredungen zu Projekten. Am ertragsreichsten war der wechselseitige Austausch ĂŒber Kulturarbeit und Kulturpolitik, ĂŒber Konzepte wie institutionelle Strukturen, ĂŒber politische HintergrĂŒnde und wirtschaftlichen AbhĂ€ngigkeiten. Und von dem, was sich die Aktivisten dieser aufregenden Zeit vorgenommen haben, wurde in den Folgejahren dann etliches erfolgreich abgearbeitet.

Gemeinsam wurden kulturpolitische Debatten, kleinere halböffentliche Diskussionen an der Humboldt-UniversitĂ€t organisiert. Schließlich kam es zu dem dringenden Vorschlag, die „Interessen der Kultur“ in dem GetĂŒmmel der politischen Ereignisse und schnellen VerĂ€nderungen sofort laut und öffentlichkeitswirksam geltend zu machen.

Was die Mitglieder beider „Kulturinitiativen“ verband und die Zusammenarbeit ertragreich machte, war die gleichberechtigte Offenheit aller Beteiligten. Die eingetretenen UmstĂ€nde waren völlig neuartig, Lösungen hatte keiner anzubieten, und alle waren von den aktuellen Möglichkeiten mindestens ebenso begeistert wie sie kulturellen Schaden befĂŒrchteten. Denn es war nicht so klar zu sagen, worin die neuen Chancen und Gefahren ĂŒberhaupt bestanden. Sicher waren nur schnelle VerĂ€nderungen im Osten und die deutliche PrioritĂ€t der politischen Themen und KrĂ€fte, durch die alle kulturellen Anliegen plötzlich nebensĂ€chlich zu werden schienen. Hatte eben noch die oppositionelle Kultur die TrĂ€ger des politischen Systems öffentlich herausgefordert, schien jetzt die Handlungsmacht an Politiker ĂŒberzugehen.

Die GroßmĂ€chte sprachen davon, dass die Teilung Berlins und Deutschlands zusammen mit der Spaltung Europas ĂŒberwunden werden solle, Gorbatschow hatte ja schon lĂ€nger vom "gemeinsamen Haus Europa" geredet. FĂŒr Ende Dezember war der Besuch des westdeutschen Bundeskanzlers in der DDR angekĂŒndigt, und tatsĂ€chlich verhandelte Helmut Kohl am 19. und 20. Dezember mit dem Ostdeutschen MinisterprĂ€sidenten Hans Modrow. Eine ganze Reihe von Maßnahmen zum kĂŒnftigen Miteinander beider Staaten wurde dabei beschlossen.

Die politischen Entscheidungen schienen sich zu ĂŒberschlagen, und so wurde von den Vertretern beider "Kulturinitiativen" vereinbart, eine weithin vernehmbare "Wortmeldung der Kultur" zu organisieren. Noch kurz vor dem Jahresende 1989 wollten beide Initiativen möglichst viele Kulturleute aus Ost und West zu einer deutlichen „Zwischen-Rede“ versammeln. „Zwischen“ meinte sowohl ein „Inmitten des GetĂŒmmels“, ein Dazwischenreden als auch die VorlĂ€ufigkeit der Wortmeldung, weil die Dinge im Fluss waren und EndgĂŒltiges kaum zu erwarten war. Dazwischenreden schien nötig, weil nun nur noch die professionellen Politiker das Sagen hatten, die augenscheinlich ĂŒber die Köpfe der kulturellen Öffentlichkeit hin Tatsachen schufen. Da wollten die beiden Kulturinitiativen dazwischen gehen, ein erprobtes demokratisches Verfahren, die westberliner Seite war darin geĂŒbt. Zugleich sollte die Veranstaltung ein Test darauf sein, wer von "der Kultur" fĂŒr eine solche Debatte Interesse zeigte, wer mobilisierbar war und welche Absichten er hatte.

VI.
TatsĂ€chlich konnte die Versammlung in einer kurzfristigen Mobilisierungsaktion fĂŒr Freitag den 22. Dezember nach Ostberlin zusammengerufen werden. Die politischen VerĂ€nderungen nach dem Verschwinden der alten politischen FĂŒhrungsriege durch die Selbstauflösung von ZK und PolitbĂŒro der SED am 3. Dezember hatten an Tempo zugenommen. So war der Orientierungsbedarf groß und die Stimmung unter den Teilnehmern am Ende dieser Vorweihnachtswoche hoch aufgeladen

Am Montag hatten "SPIEGEL" und das ZDF die Ergebnisse einer von ihnen beim Institut fĂŒr Soziologie und Sozialpolitik der Akademie der Wissenschaften der DDR bestellten Meinungsumfrage veröffentlicht. Trotz außerordentlich harter Kritik an der SED-Politik und großer Unzufriedenheit wollten "nur 27 Prozent der Deutschen zwischen Elbe und Oder/Neiße, dass die DDR 'mit der BRD einen gemeinsamen Staat bildet'. 71 Prozent hingegen meinen, dass die DDR 'ein souverĂ€ner Staat bleiben' solle". (DER SPIEGEL 51/1989, S. 86)

Einen Tag spĂ€ter hatte Bundeskanzler Helmut Kohl seinen ersten offiziellen DDR-Besuch begonnen. Bei seiner am Dienstag im Fernsehen ĂŒbertragenen Rede in Dresden schlug er vorsichtig neue Töne an und sprach den entscheidenden Satz: „Mein Ziel bleibt, wenn die geschichtliche Stunde es zulĂ€sst, die Einheit unserer Nation.“ Vor allem fĂŒr die mediale Übertragung war in dieser Richtung Stimmung gemacht worden. Mit dem RĂŒcken zum Rednerpult standen Sprechchöre, die die Kundgebungsteilnehmer unentwegt anfeuerten. "Um mich herum standen viele große blonde MĂ€nner, die ihre FĂ€uste in den Himmel stießen und sich in militantem Rhythmus die Seele aus dem Leib brĂŒllten: 'Deutschland! Deutschland!'", schrieb der österreichische Journalist Ewald König, der damals vor der RednertribĂŒne stand. Er war auch ĂŒber das Meer neuer schwarz-rot-goldener Fahnen ohne DDR-Emblem erstaunt [Ewald König, Kohls Balanceakt in Dresden, http://www.euractiv.de/wahlen-und-macht/artikel/kohls-balanceakt-in-dresden-002548]. Der "Runde Tisch" begrĂŒĂŸte Kohls Staatsbesuch und hoffte, dass er zum "Ausbau in den Beziehungen zwischen der DDR und der BRD" beitrage.

Am Mittwoch hatte Frankreichs StaatsprĂ€sident Mitterrand seinen Besuch in der DDR begonnen und ihrer FĂŒhrung feierlich erklĂ€rt: "Sie können auf die SolidaritĂ€t Frankreichs mit der Deutschen Demokratischen Republik rechnen", denn es gibt "diese beiden deutschen Staaten". Im Kulturbetrieb erregten auch die an diesem Tage begonnenen Beratungen ĂŒber ein neues Mediengesetz der DDR betrĂ€chtliche Aufmerksamkeit.

Am Donnerstag war Hermann Kant nach heftigen politischen AnwĂŒrfen als gewĂ€hlter PrĂ€sident des Schriftstellerverbandes zurĂŒckgetreten. Am Freitag selbst endete am Brandenburger Tor der erste Staatsbesuch eines französischen Staatsoberhaupts in der DDR. Mitterand hatte keine Lust, an der von Modrow vorbereiteten symbolischen Handlung teilzunehmen: er verabschiedete sich von ihm dort kurz bevor der MinisterprĂ€sident der DDR gemeinsam mit Helmut Kohl und Walter Momper das Tor fĂŒr den Ost-West-FußgĂ€ngerverkehr öffneten.

Diese Ereignisse bewegten die Teilnehmer der Zwischenrede nicht nur, weil ihr Tagungsort dicht dabei, am anderen Ende der Luisenstraße lag. In dieser Woche ĂŒberhĂ€uften sich in Berlin die Veranstaltungen, die ablenkenden Verpflichtungen waren reichlich. Doch die Gelegenheit zu einer Zwischenrede im Ungewissen war vielen Akteuren des Kulturbetriebs wichtig. Und dies, obwohl den Veranstaltern mit dem 22. Dezember - es war der Freitagabend vor dem Weihnachtsfest - nur ein denkbar ungĂŒnstiger Termin zur VerfĂŒgung stand. So war der Andrang an diesem Abend unerwartet groß, der Saal konnte die fast fĂŒnfhundert Teilnehmer kaum fassen. Schon das war ein Erfolg, denn die beiden Veranstalter waren ja keine Vereine mit stabilen GeschĂ€ftsstellen und Budgets. Ihre Mitglieder nutzten fĂŒr die Kommunikation die BĂŒros ihrer Institute, Ämter und Gesellschaften. Die Ostberliner Akademie der KĂŒnste war ein großzĂŒgiger Gastgeber. Die Senatskulturverwaltung in Westberlin konnte ĂŒberzeugt werden, fĂŒr die Kosten von Anreise und Übernachtung der westdeutschen Teilnehmer aufzukommen. Und wegen der (damals strikt beachteten) ParitĂ€t bezahlte das DDR-Kulturministerium im Gegenzug ein BĂŒfett im KĂŒnstlerklub „Möwe“ fĂŒr alle Teilnehmer aus Ost und West.

Dann kamen die Weihnachtsfeiertage, und alle hatten etwas Ruhe, die Ereignisse zu ĂŒberdenken und den Ertrag der „Zwischenrede“ zu resĂŒmieren. Er bestand – so die ĂŒbereinstimmende Meinung - damals vor allem im Ereignis selbst, denn es war der gerade erst gegrĂŒndeten KulturInitiative '89 gelungen, im Osten eine weithin beachtete reprĂ€sentative deutsch-deutsche Zusammenkunft zu organisieren und so auch auf sich aufmerksam zu machen. Die Debatte selbst zeugte eher davon, wie unterschiedlich die Situation in West und Ost damals gesehen wurde und wie verschieden die ErfahrungshintergrĂŒnde der Beteiligten waren. Obwohl einige der anwesenden ostdeutschen KĂŒnstler, die sich in Aufrufen fĂŒr den Erhalt der DDR engagiert hatten, beredt schwiegen (wie Heiner MĂŒller und Christa Wolf), dokumentiert die Debatte, wie kommunikationsbereit beide Seiten damals noch waren - das sollte sich bald Ă€ndern. Zwar nicht auf der Ebene der beiden hier kooperierenden "Kulturinitiativen", doch bei den Akademien und anderswo brach der große Streit aus.

Liest man heute die damaligen BeitrĂ€ge als Text, so scheint alles nicht so recht zusammenzupassen, denn die Spannweite der Themen reicht von Kleinigkeiten, mit denen sich das bis dahin Unerhörte anzukĂŒndigen schien, bis zum Philosophieren ĂŒber den Augenblick der welthistorischen Wende in deutscher Dimension. Wenn man einen Gesamteindruck zusammenfassend nennen sollte: die westdeutschen TeilnehmerInnen haben wohl viel schneller begriffen, welche kulturellen Folgen der unausweichliche Übergang vom Sozialismus zum Kapitalismus haben wĂŒrde.

VII.
Die Texte sind damals nach dem Mitschnitt mehr schlecht als recht transkribiert worden; der redaktionelle Aufwand war erheblich. Danach lagen sie allen erreichbaren Autoren vor, nur zwei baten darum, ihren Beitrag nicht zu veröffentlichen (Gerd Irrlitz und Georg Knepler). Zusammen geben diese Zeitdokumente die Stimmungslage in dieser kurzen Übergangszeit recht gut wieder. Man mag sie als gespieltes Selbstvertrauen, als offensive Ratlosigkeit, als Aufbruch oder Abrechnung deuten, wichtiger scheint es zu sein, wie die Zeitzeugen ihre damaligen Vorstellungen spĂ€ter sahen. 1999 hat die Redaktion der Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung (MKF) darum Teilnehmer der "Zwischen-Rede" um einen rĂŒckblickenden Kommentar gebeten. Nicht zuerst um zu ĂŒberprĂŒfen, wie dicht sie damals an den Trends der Zeit waren, sondern um eine Facette des kulturellen Wandels im letzten Jahrzehnt sichtbar werden zu lassen. Einige haben geantwortet, darunter auch etliche, die das fĂŒr sinnlos hielten oder mit dem damaligen Ereignis nichts mehr zu tun haben wollten. Alle damals eingegangenen Texte sind hier in dem Zeitdokument 14 "RĂŒckblick aus dem Jahre 2000 - Erinnerungen an die 'Zwischenrede' 1989" enthalten und dort nachzulesen.