KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 2013
Geschichte der ostdeutschen Kulturwissenschaft
Dietrich MĂŒhlberg
Zur Geschichte ostdeutscher Kulturwissenschaft -
Ein Interview
Vorbemerkung

1994 haben mich zwei junge Kulturwissenschaftler aus LĂŒneburg - Bettina Buschow und Carsten Winter - fĂŒr einen Sammelband befragt, mit dem sie die deutschen kulturwissenschaftlichen StudiengĂ€nge vorstellten. Der dann von Carsten Winter 1996 herausgegebene Band "Kulturwissenschaft. Perspektiven, Erfahrungen, Beobachtungen" gibt Einblicke in die Studiensituation an 14 UniversitĂ€ten und Hochschulen. Im Zentrum (S. 209 - 293) das eindrucksvolle Ergebnis einer umfĂ€nglichen Befragung von 814 Studierenden von 6 ausgewĂ€hlten StudiengĂ€ngen - inzwischen ein kulturgeschichtliches Dokument. Möglich wurde diese Studie, weil Studierende aus Berlin, Bremen und LĂŒneburg 1991 eine "Studentische Kontaktgruppe Kulturwissenschaftlicher StudiengĂ€nge" (SKKS) gegrĂŒndet hatten, die als Auftraggeber und Organisator funktionierte. Ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass wir ĂŒber ein materialreiches Abbild der Ausbildungssituation vor gut zwei Jahrzehnten verfĂŒgen, das ĂŒber die Erwartungen der Studierenden ebenso informiert wie ĂŒber die der lehrenden Wissenschaftler. Dazu gehört auch das zeitbedingte Bild von der ostdeutschen Kulturwissenschaft, das ich 1994 zeichnete, als ich den Aktivisten der SKKS Auskunft ĂŒber die Entstehung, die Geschichte und die Perspektive des Studiengangs Kulturwissenschaft an der Humboldt-UniversitĂ€t gegeben habe. Hier der Text nach dem von Carsten Winter herausgegeben Band (S. 134-151).


Bettina Buschow und Carsten Winter:

Dietrich MĂŒhlberg, der zur ersten Dozentengeneration der Kulturwissenschaft an der Humboldt UniversitĂ€t in Berlin zĂ€hlt, wurde um Auskunft ĂŒber die Kulturwissenschaft in der DDR gebeten. Hier wurde Anfang der 1960er Jahre, lange bevor in Westdeutschland ĂŒber kulturwissenschaftliche StudiengĂ€nge nachgedacht wurde, eine Idee geboren, die heute an vielen UniversitĂ€ten aufgegriffen wird. Im folgenden wird der Frage nachgegangen, wie es zur GrĂŒndung des Studienganges in der DDR gekommen ist, wie er sich in den folgenden Jahrzehnten entwickelt hat und von welchen politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Ereignissen dies begleitet war.


Wie ist es zur GrĂŒndung des Studienganges gekommen?

Unmittelbar war das ein Verwaltungsakt. Vor dem Wintersemester 1963 hat das zustĂ€ndige Staatssekretariat die Philosophischen Institute der UniversitĂ€ten in Leipzig und Berlin beauftragt, an ihren Abteilungen fĂŒr Ästhetik den neuen Studiengang zu entwickeln. SpĂ€ter entstanden aus diesen Abteilungen selbstĂ€ndige Institute, schließlich auch ein eigenes fĂŒr Kulturwissenschaft. Die wissenschaftlichen Wurzeln liegen in der Philosophie, konkreter in der Ästhetik.

Die Sache war auch schon lĂ€ngere Zeit diskutiert worden. Den Hintergrund bildeten die Debatten, die einige Zeit nach Stalins Tod ĂŒber die weitere Gesellschaftsstrategie gefĂŒhrt worden sind. Nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 hat sich dann auch die SED festgelegt. 1958 wurde auf die tiefgreifenden sozialen VerĂ€nderungen in Ostdeutschland reagiert, durch die eine völlig neue kulturelle Situation entstanden war. Die alte Oberschicht, weite Kreise der Mittelschicht und der grĂ¶ĂŸere Teil der Bildungselite hatten die DDR verlassen, teils schon bei der Flucht vor der Roten Armee, teils bei den SĂ€uberungen und Enteignungen in der SBZ, und danach hatte die Abwanderung noch kein Ende. In allen gesellschaftlichen Bereichen waren inzwischen die FĂŒhrungspositionen von Leuten aus den unteren sozialen Schichten besetzt worden. Ein massenhafter Aufstieg, der in dieser Form durchaus einmalig war und bei dem man wohl von einer kulturellen Revolution sprechen kann: die ganze Oberschicht und die Funktionseliten wurden durch Arbeiter, Bauern und kleine Angestellte ersetzt, die bis dahin nicht nur sozial benachteiligt gewesen waren, sondern auch keine eigene (Gruppen)Kultur auszubilden vermocht hatten, die der Hegemonialkultur der herrschenden Eliten ebenbĂŒrtig gewesen wĂ€re.

Dieser Wandel war nicht unproblematisch und lieferte Gegnern wie Mitwirkenden viel Stoff fĂŒr Heiterkeit. Doch gelacht wurde in der Zeit des Kalten Krieges wenig, die eine Seite verhöhnte die dummen FunktionĂ€re und die anmaßenden „sowjethörigen Bonzen“, die andere Seite beharrte verbissen auf ihrem Anspruch und sah in jedem Mißlingen die Hand imperialistischer Agenten. Unter solchen Bedingungen konnte es auch zu keiner wirklichen Analyse der kulturellen Defizite dieser neu strukturierten Gesellschaft kommen. Die dabei entwickelte Urform der Abwehr sollte bis ans Ende der DDR wirksam bleiben: „Wir lassen uns doch vom Gegner keine Fehlerdiskussion aufzwingen!“ Das Pendant zu diesem kulturellen Muster hieß: „nach vorn denken“, konstruktiv diskutieren, das Neue erkennen.

Das positive Programm zur Überwindung der schwierigen kulturellen Situation wurde dann in Anlehnung an ein sowjetisches Modell die „sozialistische Kulturrevolution“ genannt. In der damaligen Sprache hieß das: nachdem Arbeiter und Bauern den Staat und die Wirtschaft fĂŒhren, mĂŒssen sie jetzt auch die Höhen der Kultur erstĂŒrmen. Gedacht war das als eine gewaltige Kampagne der „kulturellen Massenarbeit“, durch die alle zu „gebildeten sozialistischen Persönlichkeiten“ in einer (auf die Klassengesellschaft nun folgenden) „sozialistischen Menschengemeinschaft“ werden sollten. Da so ein gewaltiges kulturelles Ziel die Mobilisierung aller KrĂ€fte (des Staates, der politischen Organisationen, der Gewerkschaften, Kommunen, Betriebe) erforderte und keine der traditionellen Kulturspezialisten (PĂ€dagogen, Propagandisten, Pastoren, KĂŒnstler, Kunstwissenschaftler) fĂŒr geeignet angesehen wurden, solche VorgĂ€nge richtig zu lenken und zu verwalten, kam die Idee auf, fĂŒr Kulturpolitik und Kulturarbeit Spezialisten an UniversitĂ€ten auszubilden. Da zugleich die Aufwendungen fĂŒr kulturelle Zwecke betrĂ€chtlich erhöht wurden, war damit auch die Vorstellung verbunden, diesen Vorgang und die Mittel berechenbar zu machen, sie so effektiv wie möglich einzusetzen und die LeistungsfĂ€higkeit der kulturellen Einrichtungen quantitativ wie qualitativ zu steigern. Auch mit dieser Erwartung wurde 1960 auf einer Kulturkonferenz der SED ĂŒber die Einrichtung kulturwissenschaftlicher StudiengĂ€nge gesprochen, die dann von der Regierung beschlossen worden ist.

Was nun „Kulturwissenschaft“ sein könnte, davon bestand nur eine ungefĂ€hre Ahnung: irgendwie eine Melange von Philosophie, PĂ€dagogik, Kunstwissenschaften, Ethnologie und vor allem Marxismus-Leninismus. Schaut man nĂ€her hin, kann man bei Ulbricht, vor allem aber bei Kurella (der auf dieser Konferenz referierte und die Notwendigkeit der Kulturwissenschaft begrĂŒndete), den Einfluß kulturphilosophischer Ideen deutscher Sozialisten, Monisten und Freidenker der Jahrhundertwende nicht ĂŒbersehen. Vor allem die volksphilosophischen Schriften von MĂŒller-Lyer dĂŒrften hier nachgewirkt haben. Er hatte versucht, Soziologie als „allgemeine Kulturwissenschaft“ zu begrĂŒnden und in seinen „Phasen der Kultur“ die „Richtungslinien des Fortschritts“ offenbar ebenso einleuchtend dargestellt, wie er die Logik und die Gesetze der Kultur plausibel erlĂ€utert hatte. Von der Natur- zur „Kulturbeherrschung“ sei fortzuschreiten: die Vernunft wird durch die Kulturwissenschaft zu einer sozialen Macht, wenn sie sich anschickt, eine Menschengemeinschaft herzustellen. Von solchen geistes- und ideologiegeschichtlichen Ahnen und Stichwortgebern hatten wir damals keine Ahnung, als wir Bausteine fĂŒr eine Kulturtheorie zu sammeln begannen. Da das damals am Philosophischen Institut geschah, war damit allerdings eine verwandte Richtung vorgegeben.


Wie kamen die ersten Studierenden dazu, in diesem neuen Studienangebot innerhalb der Philosophie zu studieren?

Unter den Philosophiestudenten der UniversitĂ€ten wurde gefragt, wer denn fĂŒr das neue Fach Interesse hĂ€tte. So kamen die ersten 20 Studierenden zusammen, fast alle hatten kĂŒnstlerische Interessen oder sahen in dieser Spezialisierung eine Chance, sich dem Beziehungsfeld Individuum-Gesellschaft intensiver zu widmen.

Ich war damals Doktorand der Philosophie. Der neue Studiengang reizte mich, weil ich einerseits durch kunst- und literaturhistorische Studien vorgeprĂ€gt war, mich aber zugleich stark fĂŒr die sozialen und kulturellen Kontexte aller Formen von KreativitĂ€t und ProduktivitĂ€t interessierte. So habe ich mit meiner Promotionsschrift versucht, AnsĂ€tze fĂŒr ein marxistisches Konzept der Kulturgeschichte zu entwickeln - noch ohne Kenntnis der „Frankfurter Schule“, von MentalitĂ€ts- und Sozialgeschichte war noch nichts zugĂ€nglich, die damals in Westdeutschland maßgebenden AutoritĂ€ten (Toynbee, Spengler, A. Weber, Freyer, Gehlen usw.) erwiesen sich fĂŒr diesen Zweck als wenig brauchbar.


Welchen Stellenwert und welche Funktion hatte die Ästhetik innerhalb der Philosophie und in dem neu gegrĂŒndeten Studiengang Kulturwissenschaft?

Im damaligen Gesellschaftskonzept der DDR wurde vom vermehrten Umgang mit den KĂŒnsten betrĂ€chtliche Wirkungen erwartet. Diese utopische Hoffnung ist den gebildeten Deutschen seit Schiller ein Axiom, die Ă€sthetische Lebensreformbewegung der Jahrhundertwende hat sie nach allen Seiten elaboriert und die kulturbeflissenen Köpfe in der Arbeiterbewegung haben sie begeistert aufgenommen. Seitdem war völlig klar, daß der Sozialismus nicht allein die Lösung der „Messer-und-Gabel-Frage“ ist, sondern als eine Kulturbewegung geradewegs auf einen vertrauten Umgang mit den KĂŒnsten zusteuere.

Mit solcher Überzeugung mußte die Ästhetik als SchlĂŒsselwissenschaft erscheinen. Sie wurde darum gefördert und entwickelte sich zunĂ€chst als eine stark an Hegel (und seinen russischen SchĂŒlern) orientierte allgemeine Kunstphilosophie. Freilich von Anfang an mit der Tendenz, den Kunstbereich zu ĂŒberschreiten und Ă€sthetisches Verhalten ĂŒberhaupt zum Gegenstande zu machen. Ähnlich wurde Kulturgeschichte anfĂ€nglich von vielen Beteiligten als eine allgemeine Geschichte der KĂŒnste verstanden (wie sie uns in Hausers “Sozialgeschichte der Kunst und Literatur” seit kurzem vorlag), jedoch auch hier (in Hausers Sinne) eher auf den sozialen Kontext, auf die “KunstverhĂ€ltnisse” abgehoben. Das wies in eine andere Richtung, und so haben wir an der UniversitĂ€t versucht, anhand einiger historisch-materialistischer PrĂ€missen eine Kulturtheorie zu entwickeln, die dann auch fĂŒr Untersuchungen kultureller VorgĂ€nge und ZustĂ€nde operationalisierbar sein sollte.

Bei der Beurteilung dieser Versuche muß man die damalige Wissenschaftssituation bedenken. Im Westen verlor das vorherrschende konservativ-elitĂ€re KulturverstĂ€ndnis erst ganz langsam an Einfluß, die spektakulĂ€ren Auftritte der Frankfurter Schule standen noch bevor, Sozialgeschichte war noch kein Begriff, von den französischen und englischen Historikern erreichte uns nichts. An der eigenen UniversitĂ€t fehlten viele Voraussetzungen fĂŒr ein solches Unterfangen: die Geschichtswissenschaft war auf die politischen KlassenkĂ€mpfe fixiert, empirische Sozialforschung fehlte völlig, die Psychologie wurde als Naturwissenschaft oder als pĂ€dagogisches Hilfsmittel verstanden. So hielten wir uns an die (gerade publizierten) FrĂŒhschriften von Marx, versuchten seine Einsichten in die ZusammenhĂ€nge von wirtschaftlichen, politischen und kulturellen ZustĂ€nden zu verwerten und ĂŒbten uns im Auslegen seiner humanistischen Botschaften. In diesen AnnĂ€herungen an eine Kulturwissenschaft lag durchaus eine innovative Chance. Sie wurde ĂŒbrigens recht unterschiedlich genutzt, denn neben den (ĂŒbrigens auch verschiedenartigen) UniversitĂ€tsinstituten hatten bald auch die Akademie fĂŒr Gesellschaftswissenschaften (der SED), die Bildungseinrichtungen der Parteien und Organisationen, die Bezirkskulturakademien und einige Kunsthochschulen eigene Abteilungen fĂŒr “Kulturtheorie“. Die nicht nur politisch bedingten, sondern auch durch das WissenschaftsverstĂ€ndnis verursachten Differerenzen zwischen ihnen wĂ€ren ein Thema fĂŒr sich.


Was waren die bevorzugten GegenstÀnde dieser entstehenden Kulturwissenschaft?

In den Anfangsjahren waren wir an unserem Institut völlig damit beschĂ€ftigt, ein kulturtheoretisches System auszuarbeiten, das die Grundthesen der damaligen philosophischen Gesellschaftstheorie berĂŒcksichtigte, zugleich aber bestimmte Gedanken von Karl Marx nutzte, um dem vereinfachenden ökonomischen Determinismus zu entgehen, der mit dem Schema von Basis und Überbau verbunden war. Wir bauten unsere Kulturtheorie von einer Subjekt-Objekt-Dialektik her auf und entwickelten Modelle, nach denen sich die Vermittlungen zwischen den gesellschaftlichen Makrostrukturen und den kulturellen PhĂ€nomenen auffinden ließen. Zum Problemkreis dieser "Vermittlungen" gehörte auch die Sozialisation des einzelnen, die Ausbildung individueller SubjektivitĂ€t als biographischer und als kulturgeschichtlicher Vorgang; bei uns hieß das lĂ€ngere Zeit „Kulturtheorie der Persönlichkeit“ und wurde als ein eigener Lehr- und Forschungsbereich entwickelt. Deutlich haben wir uns um eine (eigentlich selbstverstĂ€ndliche) Unterscheidung bemĂŒht. NĂ€mlich der zwischen Kulturauffassung, Kulturpolitik und Kulturarbeit einerseits und dem tatsĂ€chlichen Alltagsleben der Menschen , ihren Lebensformen und „kulturellen Praxen“ andererseits. Das wurden selbstĂ€ndige Lehr-und Untersuchungsbereiche - ganz im Unterschied zum gĂ€ngigen Verfahren von Kulturarbeit und Kulturpolitik, Absicht und Wirkung, Ziel und Resultat zu vermengen. SelbstverstĂ€ndlich haben wir dann auch unsere Modelle in Detailstudien erprobt. Schließlich versuchten wir danach die Kulturgeschichte einer sozialen Makrogruppe anhand vorhandener Daten zu rekonstruieren und darzustellen. Damit konnten wir etwas von dem abstreifen, was man im Westen spĂ€ter verĂ€chtlich (als die Phase der Kapital-Seminare vorbei war) den "Ableitungsmarxismus" genannt hat.

So gelang u.a. mit dem „Proletariats-Projekt“ Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre der Anschluß an den Stand der einschlĂ€gigen Gebiete der Geschichtsforschung und der Ethnographie. In den Übersichtsdarstellungen („Arbeiterleben um 1900“, „Proletariat. Kultur und Lebensweise im 19. Jahrhundert“) wie in Studien zu Bereichen der Arbeiterkultur (Familie, Freizeitverhalten, Umgang mit Genußmitteln, Kulturarbeit und Kulturpolitik, LiteraturverhĂ€ltnis) haben wir versucht, den Forschungsstand zu resĂŒmieren, die von uns aufgeworfenen Fragen in die wissenschaftliche Diskussion zu bringen und in der Lehre ein VerstĂ€ndnis fĂŒr Kulturen arbeitender Menschen der Moderne zu fördern. Allerdings haben wir unser „eigentliches Ziel“ nicht erreicht. Die Übertragung dieser kulturhistorischen Betrachtungsweise auf die aktuelle Gesellschaft ist uns nicht gelungen. Als wir 1988 zu einer vergleichenden Untersuchung kultureller Profile west- und ostdeutscher Arbeiter ansetzten (im Rahmen des deutsch-deutschen Wissenschaftsabkommens), wurde das schon von den Aufregungen ĂŒberlagert, die mit den inneren VerĂ€nderungen der DDR zusammenhingen und uns auf aktuelle Themen lenkten.

RĂŒckblickend lĂ€ĂŸt sich aber sagen, daß sich die ostdeutsche Kulturwissenschaft Mitte der 70er Jahre von der Fixierung auf die nur theoretischen Kontroversen löste, praxisorientierter arbeitete und sich im Anschluß an internationale Trends der KulturpĂ€dagogik, FreizeitpĂ€dagogik und entsprechender Richtungen der Soziologie auszudifferenzieren begann. Freilich muß man bedenken, daß dies ein sehr kleines GrĂŒppchen war: anfangs fĂŒfn „wissenschaftliche Mitarbeiter“, spĂ€ter vier Hochschullehrer und sieben wissenschaftliche (Ober)Assistenten.


Welche gesellschaftspolitischen Zielsetzungen waren mit diesen wissenschaftlichen BemĂŒhungen verbunden?

Ich unterstelle einmal, daß alle, die in unserem Felde forschten, lehrten und studierten, der Utopie einer sozialistischen Gesellschaft anhingen, aber doch sehr unterschiedliche Auffassungen von unmittelbaren gesellschaftspolitischen Zielsetzungen hatten. Dies schon, weil fĂŒr sie die kulturelle Perspektive auf die VorgĂ€nge entscheidend war und es keineswegs klar war, worin denn das „kulturelle Profil“ sozialistischer Gesellschaften bestehen könnte und sollte. DarĂŒber gingen die Meinungen auseinander. Weil wir ja fĂŒr die Praxis ausbilden sollten (und auch wollten) und alle unsere Studierenden ĂŒber praktische Erfahrungen mit dem Kulturleben verfĂŒgten, war es fĂŒr uns schon ein stĂ€ndiges Problem, in welche Richtung die kulturellen Trends gingen. In der ersten Phase mußten wir uns fragen, ob es ĂŒberhaupt richtig sein konnte, sich an den humanistischen Werten bĂŒrgerlicher Kultur des 19. Jahrhunderts zu orientieren und zugleich die traditionelle Volkskultur wiederbeleben zu wollen, wie es schon die Sozialreformer der Jahrhundertwende empfohlen hatten. Was die folkloristischen Neigungen der politischen FĂŒhrung betrifft, so war das ganz klar: Arbeiter des 20. Jahrhunderts waren (im Unterschied zu jugendbewegten JungbĂŒrgern) nicht dazu zu bewegen, die Laute zu schlagen und den Tanz um die Linde zu proben - wie es einige Traditionen auch der sozialistischen Jugendbewegung nahelegten und wie es unter sowjetischem Einfluß tatsĂ€chlich versucht worden ist. In dieser Lage konnten von uns keine VorschlĂ€ge fĂŒr neue Formen der Kulturarbeit kommen. Anders war das bei der Absicht, das Volk an die „SchĂ€tze der Hochkultur“ heranzufĂŒhren und so auch die KĂŒnste aus einer Angelegenheit von Spezialisten zu einer BetĂ€tigungsmöglichkeit fĂŒr Menschen aller sozialen Gruppen werden zu lassen.

Gegen dieses Programm zur Demokratisierung bĂŒrgerlicher Kultur war zunĂ€chst schon deshalb nichts zu sagen, weil man sich sonst den Vorwurf einhandelte, AnhĂ€nger des Proletkult zu sein. Zwar wußte niemand so genau, welche Ziele Bogdanow mit seiner Organisation „Proletarische Kultur“ einst verfolgt hatte, es „wußte“ auch niemand mehr, daß er Stalin zum Opfer gefallen war. „Proletkult“ war einfach das Synonym fĂŒr Verherrlichung der Unkultur, fĂŒr das Konstruieren einer kĂŒnstlichen proletarischen Kultur, fĂŒr Ablehnung der hohen Werte der Menschheitskultur, fĂŒr die Negierung der sozialistischen Kulturrevolution usw. Also blieb es zunĂ€chst bei der alten VolksbĂŒhnen-Losung „Die Kunst dem Volke“, die so gar nicht spezifisch fĂŒr die DDR war. Ähnliche Gedanken wurden zur selben Zeit in westeuropĂ€ischen LĂ€ndern verfochten, und sogar in Westdeutschland ging die Vorherrschaft elitĂ€rer Kulturideen langsam zu Ende, denken Sie nur an die 1963 von Georg Picht eingeleitete Debatte ĂŒber die "Bildungskatastrophe" und ihre strukturwandelnden Folgen.


Aber wie im Westen dĂŒrfte das Demokratisierungsprogramm ja wohl nicht ausgesehen haben?

Das stimmt, denn schon der gesellschaftliche Kontext dieses Demokratisierungsprogramms war völlig anders. Hier war es ein von vom Staat, also „von oben“ verlangtes Muß, im Westen - denken wir an die Ruhrfestspiele und ihre programmatische Idee - war es eine dem elitĂ€ren Kunstbetrieb „von unten“ abzutrotzende Forderung. Und es war im Osten eine „gesellschaftliche Notwendigkeit“. Denn durch das VerdrĂ€ngen der "kulturtragenden" bĂŒrgerlichen Mittelschichten waren unzweifelhaft kulturelle Verluste entstanden. Wenn sie durch eine Kultur- und Bildungsoffensive wettgemacht werden sollten, so mußte traditionelles bĂŒrgerliches Kulturgut dabei eine ganz entscheidende Rolle spielen. Mit der medialen Verbreitung westlicher Jugendkultur seit den 50ern geriet solche altmodische Programmatik zwar in wachsende Distanz zu jugendlichen Erwartungen, erzielte auf die Dauer aber doch so etwas wie kollektive Billigung einer spezfisch begriffenen Hochkultur. Sie war bei den neuen Funktionseliten, die ja in nur einer Generationsspanne aus den unteren Schichten rekrutiert worden war, besonders stark und hĂ€lt bis heute an. Sie figurieren in den soziologischen Stratifikationsmodellen fĂŒr Ostdeutschland heute als Milieu der „humanistischen Intelligenz“. Selbst wenn zugestanden werden muß, daß ja kaum andere kulturelle Substanz verfĂŒgbar war, beruhte das Kulturprogramm dennoch auf einem Irrtum, der nicht fĂŒr FunktionĂ€re von sozialistischen Parteien spezifisch ist. Es ist die etwas Ă€ltere, aus der AufklĂ€rung stammende Idee, nach der ein bestimmtes Kultur- und Bildungsniveau die Voraussetzung fĂŒr vernĂŒnftiges und gemeinschaftsorientiertes soziales Handeln ist. Es gehört zu den GrundĂŒberzeugungen des BĂŒrgertums, daß es den Unterschichten gerade hieran mangelt. Und genau dieses Mangelbewußtsein war der Bildungshintergrund derer, die das Konzept der Kulturrevolution erarbeitet haben: alles Intellektuelle, die die Massen ĂŒber ihre wahre Bestimmung aufklĂ€ren wollten. Das gilt fĂŒr Trotzki und Lenin (auf die das Programm der Kulturrevolution zurĂŒckgeht) ebenso wie fĂŒr fĂŒhrende Politiker und Kulturexperten der SED. Mehr oder weniger waren alle gebildeten Sozialisten davon ĂŒberzeugt, daß eine neue Gesellschaft nur funktionieren könne, wenn alle Leute subjektiv aufgerĂŒstet werden, wenn ein "Neuer Mensch" heranwachse. Nun schien die soziale RealitĂ€t gerade diese alte Vorstellung zu bestĂ€tigen: die meisten Stellen waren mit Leuten besetzt, deren Bildung diese Position nicht rechtfertigte. Gerade die neue Intelligenz erlebte das alltĂ€glich in ihren großen und kleinen ZusammenstĂ¶ĂŸen mit den TrĂ€gern politischer Macht.

So kam es zu einer seltsamen kulturpolitischen Symbiose: Weil es fĂŒr beide Gruppen auf der Hand lag, daß kulturell etwas getan werden mußte, wurden dann die Kulturkonzepte als Bildungs- und Hebungprogramm angelegt. Und so nimmt es nicht wunder, daß die KĂŒnste eine so wichtige Rolle spielten. Sie galten als eine besonders komplexe Aneignungsweise der Wirklichkeit, der wissenschaftlichen in bestimmter Hinsicht sogar noch ĂŒberlegen. Ihr "Vorteil" (den auch Kulturwissenschaftler immer hervorhoben), wurde darin gesehen, daß sie Anschaulichkeit mit einem hohen Grad an Reflexion verbindet. So sollte der Denkhorizont des Volkes ĂŒber ein entsprechendes Theater, ĂŒber Filme und vor allem ĂŒber die Literatur geweitet werden.


Worin also besteht der „Irrtum des Kulturprogramms“?

Heute eine Binsenweisheit, aber wir bildeten uns vor zwanzig Jahren etwas darauf ein, daß unsere soziologischen und historischen Studien die Erwartungen der „Hebungsprogramme“ nicht bestĂ€tigten, sondern andere Konzepte nahelegten. Wir (und selbstverstĂ€ndlich nicht nur wir) kamen zu der Einsicht, daß es nicht so sehr die planbaren Kultur-, Bildungs-, Hebungs- und Erziehungsprogramme oder die politischen Eingriffe in kulturelle VerhĂ€ltnisse sind, die darĂŒber entscheiden, wie die einzelnen denken, handeln, BedĂŒrfnisse und SehnsĂŒchte ausbilden und ihr Leben fĂŒhren. Das alles ist zunĂ€chst durch ganz andere Faktoren bedingt, hĂ€ngt von der Struktur und QualitĂ€t aller ihrer Lebensbedingungen ab, von den VerkehrsverhĂ€ltnissen, der Marktsituation, den kommunikativen Strukturen, vom Profil des Mileus usw. Das ist nur scheinbar trivial, denn der Irrtum, daß sich ein wie auch immer geartetes Denken und Handeln ĂŒber ein Hebungs-, ĂŒber ein Bildungs- oder Kulturpropgramm herstellen oder anregen lĂ€ĂŸt, ist unter Gebildeten verbreitet. Er liegt auch allen emphatischen Konzepten von Kulturarbeit zugrunde. Jedenfalls treibt er jene, die als Kulturbringer kommen und die Armen im Geiste missionieren wollen. Unser kulturelles Konzept (das wir nicht durchsetzen konnten, das aber etliche unserer Absolventen vertreten haben) ging in eine andere Richtung. Nach unserer Auffassung sollte die Aufgabe von Kulturpolitik und Kulturplanung darin bestehen, die verschiedenen sozialen Gruppen dabei zu unterstĂŒtzen, ihre je eigenen HandlungsrĂ€ume zu sichern, damit sie von sich aus, selbstĂ€ndig und freiwillig und auch mit ihren Mitteln, das machen können, was ihrer sozialen Lage und ihren Perspektiven entspricht - heute wĂŒrde man das ein plurales Programm nennen. Darauf haben diese Gruppen in demokratischen Gesellschaften einen legitimen Anspruch, nachdem die Bildungseliten mit großer SelbstverstĂ€ndlichkeit die Hochkultur als Medium fĂŒr Sinnstiftung, Genuß und Kommunikation besetzt haben. In den Schwierigkeiten, ihn auch geltend zu machen - Ă€hnelten sich die so verschiedenen deutschen Gesellschaften.

Als es dann beim Übergang von Ulbricht zu Honecker zu einer Wende im gesellschaftspolitischen Konzept kam, Ă€nderte sich die kulturpolitische Strategie. Wesentlich war daran, daß nun die soziale Differenzierung als ein normales Merkmal der sozialistischen Gesellschaft angesehen wurde und in der Folge darum klassen-, schichten- und gruppenspezifische Differenzierungen in der Lebensweise wie im ganzen kulturellen Habitus akzeptiert werden mußten. Das gab uns Argumente, auf gruppenspezifische Formen von Kulturarbeit zu drĂ€ngen. Bald danach begannen auch in Westdeutschland die Debatten ĂŒber eine „Neue Kulturpolitik“. SelbstverstĂ€ndlich haben wir verfolgt, was Hermann Glaser, Hilmar Hoffmann, Olaf Schwencke damals als Programm der „Soziokultur“ vorgestellt haben und was das Grundsatzpapier der „Kulturpolitischen Gesellschaft“ 1976 an eklatanten kulturpolitischen Defiziten aufzĂ€hlte. Es war eine Phase, in der BeschĂ€ftigung mit Kulturpolitik durchaus spannend war. Um diese Zeit wurden wir ĂŒbrigens auch erstmals im Westen als mögliche VerbĂŒndete wahrgenommen, unser Material nachgefragt und manche wissenschaftliche Beziehung geknĂŒpft. Etliche davon gingen erst nach 1990 in die BrĂŒche, als die Abgrenzungen wie die Allianzen (auch diesmal durch außerwissenschaftliche Faktoren) neu bestimmt worden sind.


Hatte die Arbeit des Instituts fĂŒr Kulturwissenschaft Auswirkungen auf kulturpolitische Entscheidungen? Wie war es um die wechselseitige Durchdringung von kultureller Wirklichkeit, Wissenschaft und Politik bestellt?

Das Institut und die Studienrichtung verdankten ihre Entstehung einem politischen Auftrag, dessen Einlösung auch immer wieder eingefordert worden ist. Doch die politische Strategie war schwankend, Kulturpolitik setzte bald diese, bald jene Akzente. Es hat mehrere Phasen und Bereiche gegeben, in denen unsere Vorstellungen ganz oder teilweise mit den politischen Zielen ĂŒbereinstimmten, egal ob vermeintlich oder wirklich. Das hat ĂŒbrigens „die Obrigkeit“ wenig beeindruckt, offenbar schon deshalb, weil weder im Parteiapparat noch bei den Ministerien jemand die „volle Verantwortung“ fĂŒr uns hatte - wir lagen irgendwie zwischen Kulturpolitik, Wissenschaftspolitik und Geschichte. Das fiel erst 1986 auf, als wir uns mit eigenen Wortmeldungen in die grundsĂ€tzlichen Auseiandersetzungen am kulturwissenschaftlichen Lehrstuhl der parteieigenen Akademie fĂŒr Gesellschaftswissenschaften einmischten und dabei energisch in die Schranken verwiesen wurden.

Bei dieser gesellschaftlichen Stellung konnte es zu den anfangs von uns erwarteten wissenschaftlichen BegrĂŒndungen und Berechnungen der verschiedenen Kulturoffensiven nicht kommen. Und viele der im Laufe der Jahre getroffenen kulturpolitischen Entscheidungen der SED FĂŒhrung korrespondierten ĂŒberhaupt nicht mit unseren (mehr oder weniger wissenschaftlich zu stĂŒtzenden) Vorstellungen von einer erstrebenswerten kulturellen Situation. Aber das ist fĂŒr Wissenschaftler keine ungewöhnliche Konstellation. Auch ist zu bedenken, daß kulturpolitische Entscheidungen das eine sind, ihr Befolgen in der alltĂ€glichen Kulturarbeit von Betrieben, ProvinzstĂ€dten oder Dörfern etwas anderes - von den schließlichen kulturellen Folgen solcher Unternehmungen ganz zu schweigen. Kulturwissenschaftler haben ja auf alle Beteiligten dieses Zusammenhangs zu achten; die Neigung, sich instrumentell auf die kulturpolitische Seite zu schlagen, war nicht sehr stark. Schon weil unser Einfluß auf kulturpolitische Entscheidungen gering war. Wirksam waren wir wohl nur vermittelt ĂŒber die Ausbildung der Studierenden und Doktoranden. Das war auch einer der GrĂŒnde, warum wir mehr die philosophische und historische Seite des Studiums betonten. Das haben uns einige unserer Studierenden mitunter angekreidet. SpĂ€ter aber zeigte sich, daß sie sich mit den erworbenen Grundkenntnissen und Methoden ganz gut behaupten konnten (und können). Man muß allerdings bedenken, daß wir nie mehr als 200 Studierende hatten (davon die HĂ€lfte im Fernstudium) und sich die Lehrenden um beinahe jeden kĂŒmmern konnten. Die Betreuung war recht intensiv - bis hin zur Berufsvermittlung der Absolventen des grundstĂ€ndigen Studiums.

Man könnte meinen, wir hĂ€tten uns so weit wie möglich von der Kulturpolitik ferngehalten, doch das trifft es nicht ganz. Mitarbeiter von UniversitĂ€ten erhielten gar nicht die entsprechenden Informationen, durften (offiziell) auch gar nicht dazu forschen und waren in kulturpolitische Entscheidungsfindungen gar nicht einbezogen. Auch hat das System der Kaderlenkung unsere Studierenden nicht fĂŒr wirkliche FĂŒhrungspositionen vorgesehen, dafĂŒr waren dann umfangreiche weitere Studien und PrĂŒfungen anderer Art nötig. Von den Absolventen (und ihren Lehrern) wurde erwartet, die richtigen BeschlĂŒsse der FĂŒhrung „umzusetzen“.


Ist also aus der wissenschaftlichen Begleitung des groß angelegten kulturellen Hebungskonzeptes nichts geworden?

Als ich mein Studium 1954 am Philosophischen Institut begann, wurde uns erzĂ€hlt, wir sollten spĂ€ter in jedem Dorf und in jeder Gemeinde die Pastoren verdrĂ€ngen und eine wissenschaftliche Weltanschauung vermitteln, als Propagandisten so etwas wie weltliche Seelenhirten werden. Und so Ă€hnlich war die Idee fĂŒr das kulturwissenschaftliche Studium, vielleicht haben auch hier der „praktische Theologe“ und der Propagandist der Freidenker Modell gestanden. Es sollten nĂ€mlich akademisch gebildete Leute herauskommen, die irgenwo unter den Menschen Kulturarbeit leisten, vergleichbar vielleicht mit dem Programm, das Jahrzehnte spĂ€ter im Westen als Freizeit- oder KulturpĂ€dagogik entwickelt worden ist, nur stĂ€rker sozial orientiert und ideologisch festgelegt. In solch einem Beruf sind dann aber nur wenige unserer Absolventen gegangen. Viele wollten das auch gar nicht, und entsprechende Kompetenzen hatten sie bei uns auch gar nicht erwerben können. Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen, am Freizeit-Thema. Wir konnten wohl ein Seminar darĂŒber abhalten, wie verschiedene Philosophen Zeit und Raum theoretisch gefaßt haben, wir konnten in Vorlesungen erlĂ€utern, welch wichtige kulturgeschichtliche Ereignisse die Entstehung von Muße und von disponibler Zeit waren. Auch die Tendenzen im Zeitverhalten der Moderne, die Ergebnisse der Zeitbudgetuntersuchungen und der Freizeitsoziologie konnten diskutiert werden. Aber mit solchem Wissen vermag niemand irgendwo im Freizeitbereich eine Aktion anzuregen; wir haben keine atheistischen Pastoren, keine FreizeitpĂ€dagogen oder Animateurs ausgebildet.


Worin bestand das vermittelte kulturwissenschaftliche Wissen?

Das hat sich im Verlaufe von drei Jahrzehnten betrĂ€chtlich verĂ€ndert und lĂ€ĂŸt sich nur grob andeuten. Zwei große StrĂ€nge wĂ€ren zu unterscheiden. Einmal war das die philosophische Ästhetik, verstanden als allgemeine Theorie der sinnlichen Erkenntis. Mit der starken Betonung der Geschichte des Ă€sthetischen Denkens war sie Mittler philosophischer und historischer Bildung und ermöglichte den Studierenden, die fast alle ein kunstwissenschaftliches Nebenfach belegt hatten, grĂ¶ĂŸere kulturelle ZusammenhĂ€nge zu entdecken. Den anderen Strang bildete die Vermittlung kulturtheoretischer Kenntnisse, wobei das Schwergewicht auf den zivilisationsgeschichtlichen Konzepten von Herder bis Elias und auf den Sozialisationstheorien psychologischer und soziologischer Herkunft lag. In den siebziger Jahren kamen eine sozialgeschichtlich wie ethnologisch orientierte Kulturgeschichte der Moderne und kulturvergleichende wie kultursoziologische Erkenntnisse dazu.


Gab es Auseinandersetzungen ĂŒber den Stellenwert der Ästhetik oder die Tradition des Faches?

Das sind verschiedene Dinge. Einmal lag das Kulturkonzept, dem wir die GrĂŒndung der Studienrichtung verdankten, ganz in der Tradition des kunstorientierten bĂŒrgerlichen KulturverstĂ€ndnisses. Das war fĂŒr die Situation der Kulturwissenschaft - zumal sie dann einem kunstwissenschaftlichen Fachbereich in missionarischer Erwartung zugeordnet worden ist- gewiß nicht unproblematisch. Zugleich aber mußten Ästhetiker und Kulturwissenschaftler in der Ausbildung kooperieren, was tatsĂ€chlich nicht ohne Konkurrenzen abging, die zweifellos förderlich waren und den Studierenden Wahlmöglichkeiten eröffneten. In der Anfangssituation war die gemeinsame marxistische philosophische Herkunft von starker Bindung, die wurde schwĂ€cher mit der Profilierung der beiden “Disziplinen”. Denn Ästhetiker und Kulturwissenschaftler berufen sich auf unterschiedliche Traditionen und haben unter den Sozial- und Geisteswissenschaftlern jeweils anderere Partner. So haben wir uns um ParitĂ€t bemĂŒht, keine wissenschaftlich korrekte, aber eine sehr praktische Lösung.

Die war auch nötig, weil ĂŒber das Curriculum kaum öffentlich zu diskutieren war. Das offiziell verbindliche Studienprogramm war von einer Expertenkommission des Ministeriums fĂŒr Hoch- und Fachhochschulwesen entworfen, in der wir zwar vertreten waren, aber niemals eine Chance hatten, unsere weitreichenden Vorstellungen durchzusetzen. Auch ohne die Vorgaben „von oben“ wĂ€re das nicht gelungen: jeder der versammelten Experten hatte da sein System kulturwissenschaftlichen Denkens und wollte vor allem seine Vorstellung vom Fach auf diese Weise festschreiben. So hat es uns nicht sonderlich gestört, daß wir die darin vorgesehenen Lehrgebiete beibehalten mußten. Es hing weitgehend von uns ab, was unter diesen Überschriften gemacht wurde. So hieß das Lehrfach “Ästhetik der Moderne” eben "Auseinandersetzung mit imperialistischen Theorien".


Heute wird diskutiert, ob das kulturwissenschaftliche Studium unter dem Mangel an klaren Inhalten leidet. Gab es als Bezugspunkt auch einen Textkanon?

Das hat sich mit den Jahren gewandelt und war anfangs durch die allgemeine Distanzierung von der „bĂŒrgerlichen Pseudowissenschaft“ mitgeprĂ€gt. Aber auf welche kulturwissenschaftlichen Texte marxistischer Gesinnung sollten wir zurĂŒckgreifen? Die gab es kaum. FĂŒr uns waren darum zunĂ€chst die Texte „der Klassiker“ (also von Marx, Engels und Lenin) maßgeblich, und es gehörte zu unserem Legitimationsnachweis, daß wir zeigten, welch großen Raum kulturelle Probleme in ihrem Werk eingenommen haben. Ich glaube, daß es ein Gewinn war, die frĂŒhen Werke von Marx als kulturgeschichtliche Studien zu interpretieren und sie zugleich als historische Texte zu behandeln. Das gilt auch fĂŒr seine spĂ€ten ethnologischen Exzerpthefte und deren Adaption durch Engels. Neben den „Grundrisssen“ von Marx standen Herders „Briefe“ und Hegels „PhĂ€nomenologie“, also die großen zivilisationsgeschichtlichen Konstruktionen der vorindustriellen Zeit. Wir behandelten sie damals aus der Sicht des 20. Jahrhunderts, angeleitet durch die (verfĂŒgbaren) Texte von LukĂ cs und Bloch und die (nicht so einfach zugĂ€nglichen) der Frankfurter Schule. Folgerichtig hatten dann in den 70er Jahren die englischen Kulturtheoretiker (also etwa Raymond Williams, das Birminghamer CCCS, E.P. Thompson und Eric Hobsbawm), die französische MentalitĂ€tsgeschichte, Norbert Elias und spĂ€ter die westdeutsche Sozialgeschichte einigen Einfluß auf uns. Freud haben wir kaum beachtet, und auf die Ethnologen sind wir erst durch die Texte von Bourdieu stĂ€rker aufmerksam geworden.

Die große Schwierigkeit bestand darin, daß die Klassiker der Moderne und die Texte „westlicher“ Autoren nur den Lehrenden verfĂŒgbar waren (und auch das nur bei listenreicher AktivitĂ€t). Das Ă€nderte sich erst in den 80er Jahren allmĂ€hlich. Die VervielfĂ€ltigungstechnik war primitiv und aufwendig, die TextauszĂŒge, die wir den Studierenden geben konnten, waren darum sehr begrenzt, aber sie wurden wirklich gelesen. Unter diesen Bedingungen spielte die mĂŒndliche Weitergabe eine andere Rolle als heute, die Lehrenden waren Vermittler von Wissen, das anders nicht greifbar war. Übrigens war auch die sogenannte „Auseinandersetzungsliteratur“ in diesem Sinne wirksam, etwa wenn in den 60er Jahren Alfred Kurella eine materialistische Anthropologie aus der Auseinandersetzung mit Gehlen und Portmann zu gewinnen versuchte, I. S. Kon die Geschichtsphilosophie des 20. Jahrhunderts kritisch darstellte oder Robert Steigerwald darĂŒber informierte, daß Herbert Marcuse einen (selbstverstĂ€ndlich ungangbaren) „dritten Weg“ vorschlage.

Insgesamt versuchten wir ein Basiswissen dadurch zu sichern, daß wir die Studierenden ĂŒber alle verfĂŒgbaren Texten informierten, die Kultur in komplexere VorgĂ€nge einordnen, die ZusammenhĂ€nge mit Makrostrukturen erkennen lassen und die die Wechselbeziehungen mit ökonomischen, politischen und sozialen ZustĂ€nden verdeutlichen. Das reichte von Marx und Max Weber bis zur Frankfurter Schule und Bourdieu, bezog die historische Schule der Psychologie ein und litt darunter, daß die Klassiker der Moderne erst in den 80er Jahren langsam verfĂŒgbar waren (und auch da keineswegs in allen wichtigen Texten).

Wir haben dann auch bald versucht, neben den hektographierten Studientexten und den Lehrbriefen (die fĂŒr das Fernstudium nötig waren und denen schon wegen der Bibliothekssituation im Lande immer ein Reader zum jeweiligen Thema angehĂ€ngt war) eine eigene Schriftenreihe fĂŒr die interne Kommunikation herauszubringen, die „Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung“. Wir begannen vor siebzehn Jahren und haben bis heute 36 Ausgaben hergestellt. Anfangs haben wir Bibliograpien, Referate, Rezensionen und Konferenzmaterial gedruckt, zunĂ€chst nur zur Kulturgeschichte der Arbeiterklasse. Besonders wichtig war der umfangreiche Besprechungsteil, er brachte uns Rezensionsexemplare internationaler Fachliteratur, die auf anderem Wege kaum erreichbar war. Mit Beginn der 8oer Jahre haben wir dann thematische Ausgaben zu allen Bereichen der kulturwissenschaftlichen Arbeit am Institut produziert, vor allem wurde hier die Serie unserer Kolloquien dokumentiert. Inzwischen ist aus den „Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung“ eine Schriftenreihe mit thematischen Schwerpunkten und festen Rubriken geworden.


Stark mĂŒndlich vermitteltes Wissen kann ja auch sehr beliebig sein. Welche Schwierigkeiten brachte das?

ZunĂ€chst sei angemerkt: fast immer haben unsere Studierenden ĂŒber das viel zu große Literaturpensum geklagt; es wurde schon „am Text“ gearbeitet. Aber selbstverstĂ€ndlich war die stark mĂŒndliche Vermittlung wichtiger Theoriebereiche nicht unproblematisch. In mancher Hinsicht versetzte uns das in die Zeit vor dem Buchdruck zurĂŒck und machte die Lehrenden zu „GeheimnistrĂ€gern“, die ihr Wissen nur in besonderen Situationen preisgaben. Da war eine gewisse Beliebigkeit in der Auswahl sicher unvermeidlich. Aber diese UmstĂ€nde machten auch neugierig auf die „Geheimlehren“ unserer Wissenschaft, sicherte eine (unter heutigen VerhĂ€ltnissen völlig undenkbare) Kommunikationsdichte. Vielen Studierenden war klar, daß sie in unseren Veranstaltungen mit theoretischen AnsĂ€tzen und Forschungsergebnissen vertraut werden konnten, ĂŒber die anderswo nichts zu erfahren war. Das soll nicht ĂŒberbewertet werden, aber jedenfalls wurden Themen behandelt, ĂŒber die in Druckschriften erst sehr viel spĂ€ter nachzulesen war.

Das war auch eine Folge der (gelinde gesagt) „großen Reserviertheit“, mit der die Offiziellen jedem neuen gesellschaftswissenschaftlichen Projekt begegneten. Auch dafĂŒr ein Beispiel. Es erscheint fĂŒr eine sozialistische Gesellschaft widersinnig, doch als wir Anfang der 70er Jahre begannen, uns mit dem Thema Arbeiterkultur zu beschĂ€ftigen, wurde dies sowohl von den Wissenschaftspolitikern als auch von vielen Historikern als eine gewisse Provokation empfunden; sie sahen darin eine HerabwĂŒrdigung der geschichtlich so heroisch handelnden Arbeiterklasse. Als Arbeiterleben dann auch im Westen ein beliebtes Thema wurde, verstĂ€rkte das die Ablehnung noch. In dieser Forschung, die ja hĂ€ufig vom Alltag in den verschiedenen proletarischen Milieus ausging, wurde (wie auch in der ganzen sozialgeschichtlichen Richtung) etwas besonders Böses gesehen: ein unter dem Deckmantel der Empirie vorgetragener Angriff auf die „historische Mission der Arbeiterklasse“ usw. Aus heutiger Sicht verstehe ich die damaligen Aversionen noch besser, sie waren in gewisser Weise schon berechtigt. Rekonstruierten wir nĂ€mlich die Wandlungen „der Arbeiterklasse“ und die ihrer subjektiven Verfassung, so wurde auch die Differenz zu jenen politischen ZustĂ€nden deutlich, die so ausdrĂŒcklich in ihrem Namen hergestellt worden waren. Auch Unzufriedenheit mit den Lebensbedingungen in der DDR bekam ja eine ganz andere Bedeutung. Wurde doch die Frage provoziert, warum ausgerechnet eine Gesellschaft, die als Arbeiter- und Bauernstaat definiert wurde und in der immer wieder „der Klassenstandpunkt“ eigefordert wurde, hinter etliche jener BedĂŒrfnisse, Freiheiten und GenĂŒsse zurĂŒckgehen mußte, die fĂŒr die LohnabhĂ€ngigen schon selbstverstĂ€ndlich geworden waren. Die Freiheit der Marktwirtschaft ist tendenziell sicher arbeiterfeindlich, aber sie hat die Unfreiheiten frĂŒherer, vormoderner AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnisse abgeschafft. Als einige dieser vormodernen Einengungen in gewandelter Form wiederkamen (oder so empfunden worden sind), durften sich machthabende Politiker wie opponierende Reform-Intellektuelle nicht wundern, wenn vor allem junge Arbeiter sich entschlossen â€žĂŒber die Mauer zu springen“, wenn vor allem sie es waren, die sie schließlich aufbrachen und - wie es die Westler sahen - nach den Bananen rannten. Sicher hatten sie Illusionen ĂŒber die kĂŒnftigen Möglichkeiten, und diesem Aufbruch folgte darum der Katzenjammer - die Freiheit des Arbeitsmarktes ist eben kein sicheres GlĂŒcksversprechen fĂŒr den einzelnen. Dennoch liegt in dieser Abwendung von der DDR-Gesellschaft eine kulturelle ZwangslĂ€ufigkeit: es ist auf die Dauer unmöglich, hinter Errungenes zurĂŒckzugehen, das frĂŒheren Generationen schon vertraut war.


Welchen Stellenwert können kulturwissenschaftliche Forschungsergebnisse unter den verÀnderten politischen Bedingungen haben?

Das muß sich erst noch erweisen und lĂ€ĂŸt sich heute nicht abschĂ€tzen. Dabei wĂŒrde ich den Erkenntnisgewinn nicht sehr hoch veranschlagen. Eine gewisse StĂ€rke gewann die ostdeutsche Kulturwissenschaft aus ihren sozialen Bindungen und Interessen. Sie betrachtete die Arbeit als ein kulturelles Ereignis und „den Betrieb“ als einen Kulturort, beteiligte sich an der Freizeitforschung, sah in den sozialen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts kulturell innovative KrĂ€fte, wendete sich den Kulturen sozialer Gruppen zu (Arbeiter, Jugendmilieus, Homosexuelle, AuslĂ€nder), förderte aktiv die Erforschung von GeschlechterverhĂ€ltnissen, bot der Frauenforschung eine Nische, drĂ€ngte auf Medienforschung und auf die Untersuchung der populĂ€ren KĂŒnste, versuchte dörfliche Kultur zu bestimmen und eine Vorstellung von UrbanitĂ€t zu gewinnen. Bei der geringen Zahl der KrĂ€fte eine enorme Zerstreuung mit entsprechenden Folgen. Das ĂŒberdauernde Resultat könnte ein spezifischer Wirklichkeitssinn sein, nĂŒtzlich dort, wo das Alltagsverhalten eine Rolle spielt, wo SensibilitĂ€t fĂŒr die Kulturen arbeitender Menschen, von Sondergruppen und Außenseitern gefragt ist. Vielleicht ist das eine Ursache dafĂŒr, daß KulturwissenschaftlerInnen gegenwĂ€rtig an der Artikulation und Verbreitung ostdeutschen SelbstverstĂ€ndnisses so ĂŒberaus stark beteiligt sind.

FĂŒr ein Eindringen in die etablierten Diskurse des bundesdeutschen Wissenschaftsapparates sind die Chancen eher gering. Wissenschaftler vergleichbarer sozialer Orientierung und mit Ă€hnlichem KulturverstĂ€ndnis haben sich dort nur ausnahmsweise etablieren können. Um beim Beispiel Arbeiterkultur zu bleiben. JĂŒngst war die Ablehnung solcher Forschung noch heftiger und folgenreicher als die, die wir vor zwanzig Jahren erfahren mußten. Die Geisteswissenschaftler aus dem Westen, die gekommen waren um bei uns alles zu evaluieren und zu regulieren, sagten unmißverstĂ€ndlich: ausgerechnet mit Arbeiterkultur haben Sie sich beschĂ€ftigt? Das ist ja ein recht peripherer Gegenstand fĂŒr einen Kulturwissenschaftler, können Sie vielleicht noch was anderes? Und sie dachten dabei: typisch fĂŒr den Osten, außer Arbeiterkultur kennen diese systemtreuen Kulturwissenschaftler nichts, weil sie lebenslĂ€nglich nur das gemacht haben, was die ParteifĂŒhrung befohlen hat.


FĂŒr die Berliner Kulturwissenschaft haben sich abrupt die Bedingungen von Forschung und Lehre verĂ€ndert. Wohin tendiert die Berliner Kulturwissenschaft, wird sie praktischer?

Das sind mehrere Fragen, Antworten sind mir schwer möglich, danach mĂŒĂŸten Sie andere fragen, ich kenne die Vorhaben der neuberufenen Kolleginnen nicht. So kann ich bislang nur etwas ausschließen. Wenn Sie unter „praktisch“ die NĂ€he zu den Feldern der Kulturarbeit verstehen, so dĂŒrfte es kĂŒnftig nicht in diese Richtung gehen. Die schon zitierten Herren haben klargestellt, daß es nicht Aufgabe einer UniversitĂ€t sein kann, sich in KulturvorgĂ€nge, oder gar in Kulturpolitik einzumischen. Das wĂ€re vielleicht die Sache von Sozialwissenschaftlern (vor allem von Politologen), wĂ€re Aufgabe von Fachhochschulen und von pĂ€dagogischen Disziplinen. Darum wurden die kunstpĂ€dagogischen Bereiche aus der FakultĂ€t entfernt, wurde Kultursoziologie (auch im Sinne unserer Lebensweiseforschung) nicht akzeptiert und fĂŒr Theorie und Geschichte der Kulturpolitik kein Bedarf mehr gesehen. Das Fernstudium fĂŒr Leute aus den Kulturberufen wurde abgeschafft und die Spezialausbildung fĂŒr Jugendkulturarbeit abgegeben. War anfangs noch davon die Rede, die sozialgeschichtliche Orientierungen der Berliner Kulturwissenschaft nicht völlig aufzugeben, hat sich das dann durch die Berufungspolitik des Senators erledigt.


Unbestritten ist aber doch, daß die sich an vielen Orten etablierende Kulturwissenschaft Antworten geben muß, die andere Disziplinen so nicht zu geben vermögen. Wie sehen Sie fĂŒr Berlin die Möglichkeiten kulturwissenschaftlicher Forschung und Lehre?

Sehr optimistisch, denn das kulturwissenschaftliche Institut ist (wenn wir das Anschnellen der Studentenzahlen nicht berĂŒcksichtigen) recht gut mit Stellen ausgestattet. Welches Profil Lehre und Forschung kĂŒnftig haben werden, das ist noch offen. Bei der eher geisteswissenschaftlichen Ausrichtung dĂŒrfte von den Traditionen der letzten dreißig Jahre nichts bleiben. Etwas davon könnte sich an anderen Instituten fortsetzen: bei den Sozialhistorikern und Philosophen; die empirisch-kulturwissenschaftlichen Erfahrungen sind in der EuropĂ€ischen Ethnologie zu finden - an diesen Stellen sind auch kompetente KulturwissenschaftlerInnen tĂ€tig. An das kulturwissenschaftliche Institut wurden inzwischen WissenschaftlerInnen berufen, die eine grĂ¶ĂŸere NĂ€he zu den KĂŒnsten haben, die den Ästhetikern verwandter sind. Auch die Studierenden, die aus den westlichen (Bundes)LĂ€ndern in großer Zahl zu uns kommen, verstehen unter Kulturwissenschaft etwas, was vor allem Umgang mit den KĂŒnsten verspricht. Was daraus folgen wird, kann ich nicht absehen.

Eine eigenartige Anstrengung ostdeutscher KulturwissenschaftlerInnen bestand in ihrem Versuch, die Kunstzentriertheit der bĂŒrgerlichen und sozialistischen Kulturauffassungen zu ĂŒberwinden. Die Symbiose mit der Ästhetik bot dafĂŒr die besten Voraussetzungen: ihr wurde es ĂŒberlassen, die Ă€sthetischen Praxen (vom Alltag bis zu den KĂŒnsten) als kulturelle PhĂ€nomene zu untersuchen. Solche Abgrenzung erzeugte bei KulturwissenschaftlerInnen auch Vorurteile, etwa die Neigung, solche Betrachtungsweisen fĂŒr zu abgehoben vom „wirklichen Leben“ anzusehen. Dabei sind derartige Distanzierungen eigentlich unverstĂ€ndlich, gehört es ja zu den frĂŒhen kulturwissenschaftlichen Einsichten, daß es „die“ erkenn- und beeinflußbare soziale Wirklichkeit nicht gibt, sondern die Wirklichkeiten (erklĂ€rbare) kulturelle Konstrukte sind. Dennoch wollten wir (in der so unĂŒbersehbar vorhandenen sozialen RealitĂ€t) verĂ€ndernd wirksam sein, wollten uns nicht damit zufrieden geben, nur ĂŒber erneute Interpretationen von Interpretationen jener Interpretationen zu reden, die bestimmte Menschen mit den symbolischen Abbildern ihrer sozialen Wirklichkeit angefertigt haben. Auf diese Weise mag man mit originellen Perspektiven sinnstiftende Diskurse eröffnen. Doch ich glaube nicht, daß kulturwissenschaftliche StudiengĂ€nge durch die Forcierung solcher Hermeneutik an Profil gewinnen können. Die Philosophie, die Literatur- und Kunstwissenschaften und vor allem die Ästhetik dĂŒrften ihnen darin nicht nur ĂŒberlegen sein, sondern darin auch einen konkurrierenden Anspruch auf ihren eigenen Daseinszweck erblicken.

Aber vermutlich Ă€ußert sich in solchen Vorstellungen von Kulturwissenschaft sowieso nichts als ein typisches Vorurteil der Ostdeutschen, die sich als Aufsteiger aus dem Milieu der kleinen Leute jede Wissenschaft nur als „eingreifendes Denken“ vorstellen können und die - stark ergebnisorientiert und weniger diskursfreudig - immer „nĂŒtzlich“ sein wollen, also stets auch nach sozialen Akteuren ausschauen, die mit ihren Erkenntnissen etwas anfangen können. Was liegt da nĂ€her, als sich die eigenen Studierenden als kĂŒnftige kulturelle Macher vorzustellen und sie auf diese Profession vorzubereiten?

Doch es geht ja nicht nur um wissenschaftliche Haltungen und Stile. Die allgemeine Ratlosigkeit gegenĂŒber den harten Tatsachen dieser Welt und ihren kulturellen Implikationen ist ja nicht zu ĂŒbersehen. Angesichts der sich entfaltenden sozialen Konfliktlagen können wir heute nicht viel mehr empfehlen als MultikulturalitĂ€t, PluralitĂ€t, BĂŒrgersinn und Toleranz. Auf die tiefe Legitimationskrise aller Kulturarbeit haben wir einstweilen gar keine Antwort, angesichts des Andrangs von Studierenden können wir nur die Köpfe schĂŒtteln.


Das klingt sehr desillusionierend. Was mĂŒsste die Kulturwissenschaft angesichts dieser Herausforderungen leisten?

“Die Kulturwissenschaft“ ist ja eine Fiktion, es wird da unterstellt, daß alle, die sich als KulturwissenschaftlerInnen verstehen, zumindest verwandte Vorstellungen von ihrer Disziplin haben. So kann ich nur fĂŒr mich und einige Ă€hnlich denkende KollegInnen etwas sagen. Es hatte sich an unserem Institut in dreißig Jahren ein gewisses Profil herausgebildet. Es war eher durch die Fragestellungen und UntersuchungsgegenstĂ€nde gegeben als durch die VerstĂ€ndigung auf ein einheitliches und spezifisches Methodenarsenal. Wir haben uns im doppelten Sinne um wissenschaftliche Vermittlung bemĂŒht: einmal um ÜbergĂ€nge zwischen den (von anderen) modellierten Makrostrukturen und den vielfĂ€ltigen Mikrokosmen individueller Existenzen und Schicksale. Zum anderen ging es um Vermittlungen zwischen elaborierten wissenschaftlichen Disziplinen mit ihren zwangslĂ€ufigen Borniertheiten; fĂŒr sie waren wir als Medium interdisziplinĂ€rer Kontakte darum gelegentlich interessant, aber immer “unsauber” und schon darum nicht recht akzeptabel. Zu diesem Profil gehörten auch auffĂ€llige außerwissenschaftliche Neigungen, einige politische PrĂ€ferenzen und ein betrĂ€chtliches soziales Engagement. Die politischen Optionen waren und sind demokratischer und sozialistischer Art, kaum konservativ. Weil Kulturwissenschaft auch Formen sozialen Engagements zum Untersuchungsgegenstand hatte, verfĂŒgt sie ĂŒber eine gehörige Distanz zu allen Arten von kulturell und weltanschaulich motivierter Hingabe ans Soziale. Dennoch war und ist sie selbst engagiert, weil sie (auch durch die LehrtĂ€tigkeit) verbunden ist mit den im “kulturellen Bereich” tĂ€tigen Fachleuten. Die leisten ja „humane Dienste“, haben immer Menschen als Adressaten. Sie optimieren nicht den Postdienst, keine KapitalflĂŒsse und auch nicht technische Systeme oder die Schlagkraft einer Armee. KulturarbeiterInnen sind fĂŒr Menschen da und wollen was fĂŒr sie tun. Darauf wĂŒrde ich auch die Perspektiven eines kulturwissenschaftlichen Studiums grĂŒnden wollen. Denn die Herausforderungen der Zeit sehe ich in den sozialen und kulturellen Konfliktfeldern der hochorganisierten europĂ€ischen Gesellschaften. Sie zwingen dazu, sich den gegenwĂ€rtigen kulturellen und sozialen Prozesse zu stellen, in sie einzutauchen, fĂŒr die menschlichen Schicksale sensibel zu bleiben und sich fĂŒr Lösungen einzusetzen, die nicht hinter den erreichten humanen AnsprĂŒchen zurĂŒckzubleiben. Hinter den großen Überschriften der Politik - Abbau des Sozialstaates, Globalisierung des Arbeitsmarktes, Abschied von der Arbeitsgesellschaft, ökologischer Umbau, Nord-SĂŒd-Konflikt usw. - sind auch die kulturellen Problemlagen der nĂ€chsten Jahrzehnte zu finden:

Leider sehe ich, daß von den ostdeutschen KulturwissenschaftlerInnen aus mehreren GrĂŒnden vorerst wenig zu erwarten ist. ZunĂ€chst ist da der Verlust von Institutionen und ArbeitsplĂ€tzen anzumerken; nur ein kleiner Teil des kreativen Potentials ist heute noch wissenschaftlich eingebunden. Es ist darum kein Zufall, wenn etliche wissenschaftliche Köpfe heute in der Politik, in den Medien und im Management reĂŒssieren oder im Felde der Jugend-, Sozial- und Kulturarbeit tĂ€tig wurden. Einige von ihnen haben sich in einem freien „Kulturwissenschaftlichen Institut“ zusammengeschlossen und haben interessante Projekte zur ostdeutschen Kulturgeschichte, zur Kulturpoltik und zur Mediensituation begonnen.

Ähnlich liegt das auch bei dem ehemaligen Institut fĂŒr Kulturwissenschaft der Humboldt-UniversitĂ€t. Zwar konnte 1990 der Senat von Berlin durch eine große Aktion von Wissenschaftlern und Kulturpolitikern aus dem Westen davon ĂŒberzeugt werden, daß der Abwicklungsbeschluß der Wissenschaftssenatorin verfehlt ist (auch weil nicht unser Institut fĂŒr die Kunstpolitik der SED und fĂŒr den bösen Umgang mit KĂŒnstlern verantwortlich wĂ€re), doch die Aussonderung der Ostdeutschen ist auch hier inzwischen abgeschlossen und wird nur noch durch die Arbeitsgerichte verzögert.

Ein weiteres Handikap dĂŒrfte in der spezifischen Weise bestehen, in der ostdeutsche KulturwissenschaftlerInnen aufgrund ihrer Tradition und ihrer Erfahrungen die verĂ€nderte soziale und kulturelle Lage reflektieren. Was sich hier im Osten verĂ€ndert, sehen sie sehr deutlich und können es auch aus den (nur ihnen so vertrauten) geschichtlichen Voraussetzungen erklĂ€ren. Doch dieser Platzvorteil und ihre historisch gewachsenen Kenntnisse sind durch ernsthafte Defizite zugleich entwertet: sie haben sich in der Vergangenheit kaum mit den jetzt wirkenden ökonomischen und politischen Faktoren beschĂ€ftigt, kennen die Strukturen nicht, sind aus den Beziehungsnetzen der akademischen bĂŒrgerlichen Welt ausgeschlossen und geraten allemal in die Lage von Bittstellern. Der kulturwissenschaftliche Diskurs war in Ostdeutschland eh schon dĂŒrftig, es gibt ihn noch, aber er hat sich weiter eingeengt. Nur wenige haben bislang neue wissenschaftliche Verbindungen herstellen können. Das aber wĂ€re schon nötig, weil Kulturwissenschaft nur dort ErwĂ€hnenswertes geleistet hat, wo sie in Kontakt war mit Forschungsfeldern anderer Richtungen und etablierter Disziplinen. Vielleicht bin ich zu pessimistisch und ĂŒbersehe die Chancen, die in dieser Malaise stecken. Soziales Engagement und demokratische Gesinnung vorausgesetzt, ist es ja ein Vorsprung, wenn die ostdeutschen KulturwissenschaftlerInnen bereits erfahren haben, was die Mehrzahl westdeutscher Akademiker erst dunkel ahnt: die soziale Situation hat sich so grĂŒndlich geĂ€ndert, daß viele gelĂ€ufige Methoden, Interpretationsmuster und Wertvorstellungen inzwischen unangemessen geworden sind. Vergesse ich als Ostdeutscher fĂŒr einen Moment, daß Wissenschaft nur in etablierten Institutionen möglich ist, sehe ich darin eine enorm anregende Situation.