KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 20 • 2017 • Jg. 40 [15] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Dieter Segert
Ist der Westen nach 1989 unter Druck des Ostens geraten?


Eine postsozialistische Perspektive auf die Demokratie
Dieser hier erstmals publizierte Text wurde von mir für einen Vortrag am Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS) in Regensburg im Sommer 2012 vorbereitet. Er konnte nur geschrieben werden, weil ich im Jahr vorher an der Universität Wien an einem Antragsverfahren für einen Forschungsverbund beteiligt war, an der HistorikerInnen aus verschiedenen Teildisziplinen, der Sozial-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte, aber auch PolitikwissenschaftlerInnen und eine Ethnologin teilgenommen hatten. Diesen intensiven Debatten verdanke ich viele Anregungen und insofern möchte ich zumindest einige der daran beteiligten Kollegen und Kolleginnen namentlich erwähnen: Thomas Lindenberger, Tina Olteanu, Philipp Ther, Tatjana Thelen, Rudolf Kucera und Ulf Brunnbauer.


Einleitung: 1989 als Beginn der Verwandlung des Ostens in den Westen?

1989 kann als „Sieg des Westens“ über den Osten interpretiert werden. Nach 1989 verwandelte sich der Westen für einige Hundert Millionen Osteuropäer zum gelobten Land. Er war das bereits vorher für einen Teil der Bevölkerungen, der Intellektuellen und der Eliten gewesen. Nachdem die Legitimation der alternativen Ordnung, des Staatssozialismus zusammengebrochen war, verallgemeinerte sich diese Erwartung.

Es war selbstverständlich klar, dass es etwas dauern würde, bevor sich der Osten endgültig an den Westen adaptiert hatte. Eine Frage aus Umfrageforschungen der ersten Jahre in Ostdeutschland war dann auch: wie lange dauert es bis zur Vollendung der Einheit? Anfangs war die Zahl derer, die einen schnellen Erfolg (innerhalb weniger Jahre) erwarteten, sehr groß, später verschob sich der allgemeine Erwartungshorizont nach hinten. Für die Länder Osteuropas war es ähnlich. 2005 rechneten die Ökonomen für ganz Osteuropa aus, dass es durchschnittlich 55 Jahre dauern würde, bis die betreffenden Länder wirtschaftlich zum Westen aufgeschlossen haben würde. (Kornai 2006, p. 238) Damit war klar, dass das Konzept einer bloßen Verdopplung des Westens nicht funktionieren würde. Eine Adaption, die erst nach zwei Generationen gelingt, ist am üblichen menschlichen Maß gemessen kein wirklicher Erfolg.

In der politikwissenschaftlichen Debatte aber wurde die Adaptionsthese zumindest ein Jahrzehnt lang, in den 1990ern, zum herrschenden Konzept. Die Demokratiedebatte wurde durch das Paradigma der „transition to democracy“-Schule geprägt. Nach diesem Modell wurde angenommen, dass eine Realisierung der Institutionen liberaler Demokratien in allen Ländern möglich wäre, in denen die vorangegangenen Diktaturen in eine Krise geraten waren. Dem liegt offenkundig die Vorstellung zugrunde, dass es so etwas wie einen unaufhaltsamen Fortschritt hin zur liberalen Demokratie gäbe.

Ob das für die ganze Welt stimmte, soll hier nicht geprüft werden. Für Osteuropa jedenfalls wurde das mit Verweis auf die empirische Realität in einem Beitrag in der Zeitschrift „Initial“ bezweifelt, der 2004 erschien. Im postsozialistischen Osteuropa hätten sich liberale Demokratien, konsolidierte autoritäre Regime und verschiedene Arten hybrider Regime herausgebildet. (Beichelt/Bönker/Wielgohs 2004, 6) mit ganz unterschiedlichen Entwicklungstrends herausgebildet.

Trotzdem prägte das Angleichungsparadigma den „Zeitgeist“ (die Debatte in den Medien) und die Transformationsforschung, bevor es in der Finanzwirtschaftskrise nach 2008 an Einfluss verlor.

Im folgenden Text soll versucht werden - statt mittels jener Adaptionsthese - die Wechselbeziehung von Ost- und Westeuropa nach 1989 genauer als Ko-Evolution zweier unterschiedlicher Typen von Gesellschaften zu begreifen. Dabei soll in der Betrachtung dieser offenkundigen Wechselbeziehung der Gesellschaften des „Westens“ und des „post-sozialistischen“ Ostens vornehmlich dem Einfluss des letzteren auf den ersten nachgegangen werden.
[Das wurde durch den Autor das erste Mal einem Buch zur Parteienentwicklung versucht. (Bos/Segert 2008) Dort wurde die Entwicklung im Osten (im Feld seiner Parteien, der dort gegebenen Form von repräsentativer Demokratie) als „Trendsetter“ (für den Westen) interpretiert.]

Um aber falsche Erwartungen von vornherein zu vermeiden, muss angemerkt werden, dass es sich bei den nachfolgenden Thesen um nichts weiter als eine erste Begründung einer Forschungsfrage handelt, nicht schon um Ergebnisse einer vollzogenen Analyse.


Der komplexe Prozess der Rückwirkung des postsozialistischen Ostens auf den Westen nach 1989

In den Geschichtswissenschaften wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten solche komplexen Wechselwirkungen über die Grenzen von Nationalstaaten hinaus intensiv diskutiert. In den 1990er Jahren wurden hier die Konzepte von „Transfer“, „entangled history“ und „histoire croisée“ diskutiert. (siehe Kaelble 2005) Diese Debatten dienten dazu, die vorher dominierende Fixierung auf die Geschichte einzelner Nationen aufzubrechen. In jenem Jahrzehnt waren Historiker in spezifischen Forschungsfeldern wie den „Cold-War-Studies“ oder den „Post-Colonial-Studies“ ebenfalls weit über die Grenzen nationalstaatlicher Geschichte hinausgegangen. Der Begriff der Ko-Evolution ist diesem Feld der geschichtswissenschaftlichen Debatte zuzuordnen. Er geht davon aus, dass sowohl in den Zeiten des Systemwettstreits vor 1989 als auch nach seinem Ende die interne Entwicklung der beiden großen europäischen Subregionen, von Ost- und Westeuropa, nicht ohne Berücksichtigung der Wechselwirkung mit dem jeweiligen Anderen zu erklären ist.

Die politikwissenschaftliche Transformationsforschung war von vornherein auf weltweiten Vergleich und weltweite Transformationsprozesse ausgerichtet. Der Begriff der verschiedenen (drei oder vier) „Wellen der Demokratisierung“ (Huntington, Beyme) orientierte auf globale Prozesse und Wechselwirkungen. Diese Wellen zeugten von Lernprozessen der (rational handelnden) Akteure angesichts internationaler Herausforderungen. Sie wurden u.a. durch „Institutionenexport“ geprägt (zum Institutionenexport im Transformationsprozess siehe Merkel 1994).

In der sozialwissenschaftlichen Europäisierungsforschung wurden ähnliche Lernprozesse nationaler Akteure angesichts der Anreize und Sanktionen ausgemacht, die die EU gegenüber den Kandidatenstaaten anwendete (u.a. Schimmelpfennig/Sedelmeier 2007).

Schließlich verwendeten manche Autoren auch den Hegelschen Begriff des „Zeitgeistes“ (Linz/Stepan 1996), um die sprunghafte weltweite Ausbreitung der Demokratie in den späten 1980er Jahren zu erklären.

Ein besser operationalisierbarer Begriff solcher komplexen kulturellen Diffusionsprozesse über die Grenzen von Nationalstaaten hinweg ist m.E. aus der Kulturgeschichte zu gewinnen. Dort werden Diffusionsprozesse mit dem Modell von Akteursgruppen einer transnationalen Kultur erklärt.

Akteure bilden Akteursnetzwerke, die über verschiedene Länder verstreut sind. Diese transnationalen Akteure teilen einen bestimmten kulturellen Sinn miteinander. In der Studie von Robert Brier sind für den friedlichen und raschen Umbruch von 1989 (Brier 2009, 345 ff.) zwei wichtige Gruppen ausgemacht worden, ‚Rooted Cosmopolitans’ und ‘Epistemic Communities’. Die erste Gruppe sind die osteuropäischen Dissidenten und ihre westeuropäischen Unterstützer, bei der zweiten Gruppe handelt es sich um Ökonomen, die in West und Ost zur Verbreitung marktradikaler Konzepte beitrugen.

Im üblichen Anpassungsparadigma der politikwissenschaftlichen Debatte war allerdings die grenzüberschreitende Einwirkung als Einbahnstraße konzipiert: Der Westen wird als dominierende Kraft angesehen, die den Osten prägte. Die angeführten Konzepte innerhalb der vergleichenden Geschichtsforschung wie entangled history oder Ko-Evolution gehen von Wechselbeziehungen aus, die in beide Richtungen gehen. Auch in dem vorgetragenen Text wird davon ausgegangen und die Einwirkung des Ostens auf den Westen, also der wirtschaftlich weniger entwickelten Gesellschaften auf die entwickelteren hervorgehoben.

Zunächst allerdings scheint das angesichts der deutlichen Dominanz des Westens in Europa in den letzten Jahren vor 1989 und auch danach keine sehr aussichtsreiche Blickrichtung zu sein. Ein Übergang zur liberalen Demokratie und kapitalistischer Markwirtschaft sowie die „Rückkehr nach Europa“ waren die zentralen Losungen der Bewegungen, die 1989/90 dem Staatssozialismus ein Ende bereiteten. Der Westen gab dem Osten in diesem Sinne deutlich die Zielrichtung der Entwicklung vor. János Kornai bezeichnete kapitalistische Marktwirtschaft und liberale Demokratie in seinem resümierenden Artikel der „großen Transformation“ des Ostens aus dem Jahr 2006 als „main directions“, wahrscheinlich am besten als „Magistralen des Fortschritts“ zu übersetzen. Der Osten sei 1989 aus einer Sackgasse auf die Magistralen des Menschheitsfortschritts zurückgekehrt. (Kornai 2006, 209, 213) Wenn man sich mit dieser These genauer beschäftigt stellt sich heraus, dass eine solche eindeutige Richtung der Einwirkung in der Wechselbeziehung zwischen Ost und West nur unter der Voraussetzung angenommen werden kann, dass die aus diesem Wandlungsprozess dem Westen selbst erwachsenden Impulse ausgeblendet werden.

Meine dazu passende, wenn auch noch recht grob gestrickte, These lautet: Durch die bloße Ausdehnung seiner Konstruktionsprinzipien nach Osten verändert sich der Westen selbst.

Wie äußerte sich diese Rückwirkung auf den insgesamt dominierenden Westen im Einzelnen? Nachfolgend soll dieser Gedanke mittels einiger Thesen etwas genauer erläutert werden.

1) Auf dem Gebiet der Wirtschaft scheint das am deutlichsten ablesbar zu sein. Natürlich werden die strukturellen Bedingungen des Westens auf den Osten übertragen, aber die radikale Art der Verwirklichung der marktradikalen Sicht einer freien Marktwirtschaft schlägt in verschiedener Hinsicht auf den Westen zurück: Einerseits verstärkt sich das in den alten Mitgliedsstaaten in unterschiedlichem Maße entwickelte Modell des Rückzugs des Staates aus der Wirtschaft und deren sozialer Regulierung durch die Umbauprozesse im Osten. Modelle wie die radikale Senkung von Unternehmenssteuern oder die Einführung einer „Flat tax“ werden durch deren breite Anwendung in osteuropäischen Ländern politisch attraktiver. Andererseits verändern sich die Wettbewerbsbedingungen in den alten Mitgliedsländern der EU deutlich dadurch, dass nach 1989 in Osteuropa neue Märkte für die westeuropäischen Unternehmen erschlossen worden sind. Es werden auch günstigere Produktionsbedingungen möglich, die die Konkurrenz mit den Unternehmen der BRIC-Staaten erleichtern. V.a. können auf Grundlage motivierter und gut ausgebildeter ArbeitnehmerInnen und ihrer geringerer Lohnerwartungen Produktionskosten gesenkt werden. Die westeuropäische Autoindustrie, beispielsweise, hat diese Chance intensiv genutzt und hat sowohl die Zulieferungen wesentlich verbilligen können, als auch bestimmte Modelle stärker in der Nähe zu wichtigen neuen Absatzmärkten, in den Staaten Ostmitteleuropas, zusammenbauen lassen.

2) Der Sozialstaat, so wie er sich vor 1989 im „westlichen“ Europa herausgebildet hatte, geriet durch diesen neuen Globalisierungsschub zusätzlich unter Druck. Er war schon seit den 1980er Jahren – nachdem keynesianistische Konzepte durch neoliberale ersetzt wurden - unter Druck geraten, da jene den Sozialstaat nur noch als Kostenfaktor (Lohnnebenkosten) wahrnahmen. Jetzt wurden in Osteuropa neue Absatz- und Arbeitsmärkte erschlossen, auf denen Lohnnebenkosten in wesentlich geringerem Umfang anfallen. In Deutschland war die „Standortdebatte“ jenes Diskursfeld, auf dem mit dem Verweis auf die niedrigeren Produktions- und Sozialkosten sowie Unternehmenssteuern in den Nachbarländern die Lohnverhandlungen mit den Gewerkschaften beeinflusst und der Umbau des Sozialstaates vorangetrieben wurde. Während Ehrke in einem Beitrag von 2004 den Wettbewerb zwischen dem kontinentalen und dem postkommunistischen Modell des Kapitalismus für noch nicht entschieden hält (Ehrke 2004, S. 12), kann man mit einigem Recht wohl davon ausgehen, dass die alleinige Existenz des postkommunistischen Kapitalismus schon einige Jahre lang erfolgreich das kontinentaleuropäische Kapitalismusmodell zur Anpassung gezwungen hat.

3) Der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums hat nicht nur bei den kommunistischen Parteien Westeuropas zu einem Verlust an Prestige und politischem Einfluss geführt. Vor allem in Frankreich und Italien sind diese Parteien nach 1989 stark in ihrem Einfluss beschnitten oder sogar marginalisiert worden. Merkwürdigerweise hat der Zusammenbruch des kommunistischen Konkurrenten scheinbar am meisten der westeuropäischen Sozialdemokratie geschadet. Seit 1989 hat sie eine Kette von politischen Niederlagen hinnehmen müssen. Selbst die globale Finanzmarktkrise hat diesen sozialdemokratischen Niedergangsprozess nicht aufgehalten. Ob der jüngste Wahlsieg von Hollande in Frankreich daran etwas ändern kann, wird man sehen. Das Grundproblem ist damit nämlich noch nicht gelöst: Es fehlt der Sozialdemokratie an einem strategischen Konzept zur solidarischen Gestaltung des heutigen globalen Kapitalismus. Vor 1989 hatten die sozialdemokratischen Parteien das Versprechen der besseren, weil demokratischen Alternative zum reinen Kapitalismus für sich, nach 1989 verschwand die Utopie einer Alternative überhaupt. Es schien das Ende der Geschichte erreicht zu sein. Die Sozialdemokratie hat am meisten unter dem Legitimationsverlust des gegenkapitalistischen Modells gelitten.

Im Nachfolgenden will ich mich nun mit einem vierten transnationalen Prozess etwas genauer beschäftigen, und zwar der Auswirkung des Jahres 1989 auf das Verständnis der Demokratie als dem zentralen Organisationsprinzip von politischer Herrschaft in Westeuropa.


Der Preis des Sieges: Kritikunfähigkeit gegenüber der liberalen Demokratie seit 1989

Ivan Krastev formuliert eine interessante These über die Wirkung des verwandelten Ostens auf den Westen, mit der ich mich etwas ausführlicher beschäftigen möchte. (Krastev 2010) Er schrieb in einem Beitrag im "Journal of Democracy" im Jahr 2010, dass der rasche und friedliche Sieg der Demokratie als politisches Ordnungsprinzip in den Jahren um 1989 in Osteuropa sowohl starke Auswirkungen auf die politikwissenschaftlichen Debatten über Demokratie als auch auf die Erwartungen der Bevölkerung an diese Ordnung hatten. Die einen, die Politikwissenschaftler, beschäftigten sich vornehmlich mit den neuen Demokratien, ohne sich weiter mit der Analyse der bestehenden Demokratien und deren Widersprüchen auseinanderzusetzen. Die einfachen Bürger dieser Staaten hingegen kamen zu ganz unrealistischen Vorstellungen. Ich zitiere:

„No longer was democracy only the least undesirable form of government—the best of a bad bunch, if you will. Instead, it was coming to seem like the best form of government, period. People were starting to look to democratic regimes not merely to save them from something worse, but to deliver freedom, prosperity, and honest and effective governance all in one big package.” (Krastev 2010, 113)

Also kurz gesagt, aus dem “kleineren Übel” wurde die Demokratie nun zu einem Allheilmittel. Die Kritik an ihr verstummte für einige Jahre (außer vielleicht in den Zirkeln, die generell dem Wandel des Jahres 1989 aus unterschiedlichen Gründen höchst kritisch gegenüberstanden). Dieses jahrelange Verstummen erklärt dann vielleicht auch die übergroße Aufmerksamkeit, die Colin Crouch mit seiner These von dem Entstehen einer „Postdemokratie“ (2008) in den Staaten des entwickelten Westens geschenkt wurde.

[Diese These bedarf der genauen Prüfung. Es ist nämlich schon eine Vielzahl von Texten, die von Krise der Demokratie sprechen, vor dem Buch von Crouch erschienen. Siehe u.a. Theo Sommer (Hrsg.): Demokratie in der Krise: Helmut Schmidt zu Ehren (ein Zeit-Symposium) Hamburg 1994; Thomas Jäger/Dieter Hoffmann (Hrsg.): Demokratie in der Krise? Zukunft der Demokratie, Opladen 1995; Johannes Chr. Papalekas (Hg.): Krise der Demokratie: Fragilitäten im Westen - Unwägbarkeiten im Osten, Wien 1995; Erhard Forndran: Demokratie und demokratischer Staat in der Krise? Eine Frage an Theorie und Praxis zu ihren Handlungsmöglichkeiten und Handlungsgrenzen, Baden-Baden 2002; Ralf Dahrendorf: Die Krisen der Demokratie. Ein Gespräch mit A. Polito, München 2002.]

Das Verstummen der Kritik erstaunt umso mehr, als gerade mit der Neuen Linken - in den siebziger und achtziger Jahren, also nur kurze Zeit vorher - die repräsentative Demokratie einer deutlichen Kritik unterzogen worden war. (Die vorhergehende Periode einer intensiven Kritik an der Demokratie war die europäische Zwischenkriegszeit, vgl. u.a. Bobbio 1988) In der herrschenden Demokratie wurde eine Form von Hegemonie der Bourgeoisie gegenüber anderen Klassen und Schichten gesehen, der durch gezielten Kampf um Ausweitung der Partizipation, entweder durch Ausweitung direktdemokratischer Formen oder durch die Ausweitung der Demokratie in die Gesellschaft hinein, also die gesellschaftliche Mitbestimmung in allen Bereichen, v.a. in der Wirtschaft, in Kulturinstitutionen oder in den Kommunen entgegengewirkt werden sollte. Aber auch im Lager liberaler Kritiker wurde damals von Krise der Demokratie gesprochen, besonders bezogen auf den „Parteienstaat“. (R. von Weizäcker in einer Rede 1982)

Die These ist also, dass die repräsentative Demokratie gegen Kritik immun wurde, als 1989 mit dem Zusammenbruch der staatssozialistischen Alternative zum Kapitalismus, scheinbar das „Ende der Geschichte“ (Fukuyama, 1989) anbrach. Die Argumente, die vorher, ob von links oder rechts gegen sie vorgebracht wurden, schienen angesichts des ungebremsten Drangs, überall Demokratien zu errichten, obsolet geworden. Zudem, so jedenfalls Krastev oben in seinem Beitrag im „Journal of Democracy“, wurde mit der Einführung der Demokratie die Hoffnung auf Demokratie und gute Regierung gleich noch mitgeliefert.

In Osteuropa jedenfalls war diese Hoffnung stark verbreitet. Ebenso tief war dann der Fall aus der Höhe der Illusionen, als sich zeigte, dass zwar kapitalistische Marktwirtschaft und Demokratie gleichermaßen eingeführt wurden, aber die Hoffnungen auf einen Anschluss an das Lebensniveau des Westens fehlschlugen. Selbst die Hoffnung darauf, als Emigrant im Westen sein Geld durch ehrliche Arbeit zu verdienen konnte angesichts der eingeführten Schranke gegen legale Arbeitsmigration in vielen europäischen Ländern sogar noch nach dem Beitritt des eigenen Landes zur EU nur teilweise umgesetzt werden.

Für den Westen reduzierte sich in diesen Jahren die demokratische Frage auf eine Quizfrage, nämlich: wie lange wird es in den jeweiligen Transitionsländern (u.a. vor der Haustür in Ostmitteleuropa) dauern, bis die Demokratie auch dort siegt. Diese Dauer und der Wettbewerb darum wurden dann von verschiedenen Demokratieindizes gemessen, wie durch "Nations in Transit" oder „Bertelman Transformation Index“ (BTI). Es war eine Art „post-koloniale Situation“, in der wahrgenommen wurde, wie sehr man sich im Osten bemühte die liberale Demokratie die Westens einzuführen; der Blick auf jenes Andere, legitimierte v.a. das eigene System.

Eine andere Debatte im Westen, die durch die Transformationserwartungen des Ostens beeinflusst worden ist, beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von kapitalistischer Marktwirtschaft und Demokratie. Das erste sei die unabdingbare Voraussetzung für das zweite. Die Einführung der Marktwirtschaft würde mit einer gewissen Zwangsläufigkeit zur Demokratie führen. Das war eine Aufwärmung der alten Gewissheit der Modernisierungstheorie. Als nicht die Entwicklung des Kapitalismus in Russland, sondern v.a. die wirtschaftliche Entwicklung in der VR China nicht zur Demokratie führte, geriet auch diese normativ begründete theoretische Verbindung in die Kritik.


Am Schluss nur ein kurzes Resümee:

Es ging mir meinen Ausführungen um die Formulierung und Begründung einer Fragerichtung, nicht schon um Ergebnisse der Analyse. Viele Fragen müssen noch geschärft werden und sind nur als vorläufig zu betrachten.

Zur Postsozialismus-Forschung gehört, erstens, aus meiner Sicht unbedingt die Analyse der Nachwirkungen des Staatssozialismus auf die Transformation Osteuropas nach 1989/1991 sowie deren Auswirkungen auf den Westen. Der alte Osten ist 1989/91 untergegangen, der vorangegangene Systemwettbewerb mit dem alten Westen hat daran einen entscheidenden Anteil. Aber, zweitens, der alte Westen von vor 1989 existiert heute auch nicht mehr. Zu seinem Verschwinden haben nicht nur die internen Wandlungsprozesse und politischen Auseinandersetzungen innerhalb des westlichen Systems seit Ende der 1970er Jahre beigetragen, sondern auch die Ko-Evolution des östlichen Staatssozialismus und Post-Sozialismus vor und nach 1989. Bezüglich dieser Ko-Evolution zwischen West- und Osteuropa öffnet sich ein umfangreiches Forschungsfeld sowohl für die Politik- als auch für die Geschichtswissenschaft.


Zitierte Literatur:

Beichelt, Tim/ Bönker, Frank/ Wielgohs, Jan (2004): Kulturelle Determinanten postsozialistischer Gesellschaftsentwicklung. In: Berliner Debatte Initial 15 (2004) 5-6, S. 4-12.

Bobbio, Noberto (1988): Die Zukunft der Demokratie, Berlin: Rotbuch. (italienische Erstausgabe 1984)

Bos, Ellen/Segert, Dieter (2008): Osteuropäische Demokratien als Trendsetter? Parteien und Parteiensysteme nach dem Ende des Übergangsjahrzehnts, Verlag Barbara Budrich Leverkusen-Opladen/Ridgebrook 2008.

Brier, Robert (2009): Historicizing 1989. Transnational Culture and the Political Transformation of East-Central Europe, in: “European Journal of Social Theory” (August 2009) 12(3): 337–357

Crouch, Colin (2008): Postdemokratie, Berlin: Suhrkamp. (Italien. Erstausgabe 2003)

Ehrke, Michael (2004): Das neue Europa: Ökonomie, Politik und Gesellschaft des postkommunistischen Kapitalismus, Bonn: Internationale Politikanalyse. Europäische Politik, Sept. 2004, In: http://library.fes.de/pdf-files/id/02258.pdf (gelesen am 03.07.2012)

Fukuyama, Francis (1989): The end of history? In: The National Interest (Summer 1989). http://www.wesjones.com/eoh.htm

Kaelble, Hartmut (2005): Die Debatte über Vergleich und Transfer und was jetzt?, in: H-Soz-u-Kult, 08.02.2005,

Kornai, János (2006): The Great Transformation of Central and Eastern Europe. Success and Disappointment, in: Economics of Transition Vol. 14 (2) 207–244.

Krastev, Ivan (2010): Deepening Dissatisfaction, in: Journal of Democracy Vol. 21, No. 1, January 2010, 113-119.

Merkel, Wolfgang (1994): Struktur oder Akteur, System oder Handlung. Gibt es einen Königsweg der sozialwissenschaftlichen Transformationsforschung? In: Ders. (Hrsg.) Systemwechsel I, S. 303-332.

Schimmelfennig, Frank/Sedelmeier, Ulrich 2007: Candidate Countries and Conditionality, in: Graziano/Vink, S. 88-102. (Graziano,Paolo/Vink, Maarten P. (Hrsg.) 2007: Europeanization. New Research Agendas, New York u.a.)

Weizäcker, Richard von (1982): Krise und Chance der Parteiendemokratie, Stuttgart: Robert Bosch Stiftung.