KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 2013
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Harald Dehne
Konsumieren oder untergehen -
Konsumversprechungen zwischen Planwirtschaft und Volksverlangen
Wie die wankelmütigen Konsumversprechungen der DDR-Führung regelmäßig zwischen starrer Planwirtschaft und unbändigem Volksverlangen zerrieben wurden

Als die DDR im Oktober 1949 gegründet wurde, hieß es, man wolle ein neues, ein besseres, ein sozial gerechteres Deutschland schaffen. Doch das sozialpolitische Abenteuer begann unter ungünstigen Vorzeichen und erreichte dieses selbstgesteckte Ziel niemals. Den Ausgangspunkt bildeten die politischen und wirtschaftlichen Ruinen des Dritten Reiches. Gegründet durch Stalins Hand, blieb der Staat stets eingeschränkt in der nationalen Selbstbestimmung. Und immer sah sich die ökonomisch vergleichsweise schwache DDR auch einem unmittelbarem Vergleich mit dem Gesellschaftsmodell des Westens und dem dort ausgelebten Konsumstil ausgesetzt. Im Kräftespiel um die Vorherrschaft innerhalb des Systemvergleichs hatte sich die westdeutsche Konsumkultur nach 1949 rasch als die attraktivere von beiden erwiesen und war zum hegemonialen Muster der individuellen Konsumtion geworden.

Das Experiment DDR begann als spürbare Diktatur, es litt unter der Knappheit an materiellen Ressourcen ebenso wie unter der zögerlichen Beteiligung der Bevölkerung. Auf die starken Repressionen des Regimes bis Mitte der 50er Jahre folgten für die Ostdeutschen Hoffnungen und Enttäuschungen im Wechsel. Verbesserungen in der Lebensmittelversorgung wurden durch die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft teilweise wieder zunichte gemacht, das (im Jahre 1958 groteskerweise wohl tatsächlich ernst gemeinte) Versprechen von schlaraffenlandähnlichen Zuständen blieb unerfüllt, stattdessen flüchteten Hunderttausende aus der DDR in die BRD. Nach dem Mauerbau 1961 folgten sogar wieder vier Jahre mit gewissen frühlingshaften Anzeichen. In den 70er Jahren schließlich erfolgte eine starke Prägung der DDR-Gesellschaft mit betont sozialistischen Vorzeichen, in deutlicher Abgrenzung zum anderen deutschen Staat und von der gemeinsamen Geschichte, aber auch mit gewissen Erfolgen des sozialpolitischen Programms nach dem 8. Parteitag der SED im Jahre 1971. Ende der 1970er Jahre allerdings setzte die endgültige Krise des Experiments DDR ein, und die Stagnation in der gesellschaftlichen Dynamik wurde immer deutlicher erfahrbar. Diese Krise aber war eine schleichend daherkommende, sie wurde von innen noch schwächer wahrgenommen als von außen, und vor zwanzig Jahren selbstverständlich viel weniger als in der historischen Rücksicht, in der heute so vieles von vornherein klar gewesen zu sein scheint.

Hier ist von denjenigen Ostdeutschen die Rede, die nicht – wie es bis zur „Wende“ im Jahre 1989 zehn bis fünfzehn Prozent von ihnen taten – lieber in den Westen gingen, sondern die die Akteure des DDR-Alltags blieben. Auch vor dem Mauerbau 1961 gab es für viele Menschen hinreichende Motive, im Land zu bleiben: politische (eine gesellschaftliche Vision) oder private Gründe (die Familie, ein Haus, ein Gewerbe oder einfach die Hoffnung, es werde eines Tages wieder anders kommen). Für die meisten Ostdeutschen lässt sich das Leben in der DDR als „alltagpragmatisch“ beschreiben, d.h., die Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung arrangierte sich mit den Verhältnissen und nahm im DDR-Alltag sowohl „Konsenspunkte“ [1] als auch „Konfliktpotentiale“ wahr. Dies trifft auch auf die Schwierigkeiten bei der privaten Konsumtion zu. Hierbei gibt es allerdings wesentliche Unterschiede je nach Zeitraum und Generation der Konsumenten.

Für die vier Jahrzehnte, die die DDR existierte, ist keine kontinuierliche konsumpolitische Strategie, vergleichbar etwa mit der zum „Wirtschaftswunder“ führenden Politik der sozialen Marktwirtschaft in der BRD, erkennbar. Im Umgang mit den Konsumbedürfnissen der Bevölkerung befand sich die Partei- und Staatsführung der DDR in allen Phasen ihrer vierzigjährigen Herrschaft stets in mehreren Dilemmata gleichzeitig. Sie bestanden in einem permanenten Mangel an materiellen Ressourcen ebenso wie in einem Mangel an politischem Verständnis für die kulturelle Bedeutung des privaten Konsums. In der entbehrungsreichen Nachkriegszeit, in der Reparationslieferungen an der schwachen Volkswirtschaft zehrten und zugleich durch den Wiederaufbau der Produktion und der Infrastrukturen erst mal das Vorkriegsniveau erreicht werden musste, ging es vor allem um die Versorgung der Bevölkerung mit dem Lebensnotwendigsten. Alle weitergehenden Bedürfnisse galten nahezu als Luxus. Die Sehnsüchte nach Annehmlichkeiten, die über die konsumtive Existenzsicherung hinausgingen, konnte man den Menschen zwar nicht wirklich ausreden, aber man versuchte, analog zum christlichen Paradiesversprechen, sie auf die später einmal folgenden Beglückungen des Kommunismus zu vertrösten. Diese folgenschwere Unterbewertung der individuellen Konsumtionsbedürfnisse durch die DDR-Führung lässt sich nicht nur aus den immer wiederkehrenden Mangelsituationen an Waren erklären, sondern sie ist selbst auch ein Bestandteil der Ideologie der deutschen Arbeiterbewegung. Darin wurde der private Konsum vor allem als ein bürgerliches Phänomen verstanden, als eine ökonomische Notwendigkeit, um das kapitalistische System am Laufen zu halten. Der Marxschen Theorie zufolge würde in einer universell produzierenden Gesellschaft nach der bürgerlichen nicht der Reichtum an Sachen zählen, sondern der Reichtum an frei verfügbarer Zeit, die für die persönliche Entwicklung der Individuen und für die Gestaltung ihres Beziehungsreichtums genutzt werden kann. Daher rangierten in der politischen Propaganda vor den materiellen Bedürfnissen stets die geistigen: „Wissen ist Macht“ hieß bekanntlich das Ideal der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Dass sich das Wohl der arbeitenden Menschen im späteren „Zukunftsstaat“ würde verbessert haben, das verstand sich angesichts ihrer unter den kapitalistischen Verhältnissen miserablen Lebensbedingungen von selbst. Insofern enthielt die Ideologie des Sozialismus ursprünglich kein Konzept für eine Konsumkultur. So blieb es auch kulturwissenschaftlich lange Zeit verdeckt, dass zur „allseitig entwickelten Persönlichkeit“, dem kulturellen Ideal der sozialistischen Gesellschaft, nicht nur geistige Ansprüche, sondern auch ein Reichtum an materiellen Bedürfnissen gehören müsse. Erst im Laufe der siebziger Jahre wurde in der DDR-Kulturtheorie[2] mit dem Blick auf Marx darauf verwiesen, dass der universelle Mensch des Kommunismus nicht ohne universelle Konsumtion vorstellbar sei und dass die massenhafte Entfaltung und Weiterentwicklung von Konsumbedürfnissen durchaus ein immanentes gesellschaftspolitisches Ziel des Sozialismus darstellt.

Als ein drittes Dilemma für die DDR-Konsumpolitik erwies sich der Umstand, dass die ostdeutsche Bevölkerung jederzeit das ständig weit vorauseilende Konsumverhalten der Westdeutschen vor Augen hatte. Es waren immer die westlichen Konsumstandards, die die Maßstäbe setzten; sie gaben das Tempo vor, und der DDR blieb bloß noch das – oftmals hilflos daherkommende – Reagieren auf die Konsummuster des Westens.


Verheißung und Vertröstung – wie die schwache DDR Konsumbedürfnisse erfüllen wollte

Konsumgeschichtlich ging es in den ersten Jahren des Bestehens der DDR fast ausschließlich darum, die Grundversorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Der Aufstand vom 17. Juni 1953 führte jedoch zu einem neuen konsumpolitischen Kurs, der nunmehr auch die materiellen Bedürfnisse der Menschen zu akzeptieren bereit schien und eine bessere quantitative Versorgung versprach. Aber die bekannten Mängel in der kontinuierlichen und flächendeckenden Versorgung mit Lebensmitteln und vor allem in der Qualität der Waren blieben bis in die 60er Jahre hinein bestehen.

Die Losung „Alle sollen besser leben“, der Anfang der 50er Jahre die soziale Marktwirtschaft in der BRD in Schwung bringen sollte, hätte sich wohl genauso gut das SED-Politbüro ausdenken können. Aber in der BRD wurde das Wirtschaftswunder jetzt tatsächlich Realität: „Fresswelle“, private Motorisierung, Eigenheimbau, Auslandstourismus, Kofferradio, später Fernseher – das alles setzte die DDR-Führung im Laufe der fünfziger Jahre schon unter Druck. Aus Ostberlin und aus den angrenzenden Brandenburger Kreisen der sogenannten „Zone“ fuhren täglich Tausende zur Arbeit nach Westberlin und noch viel mehr Ostdeutsche kauften dort trotz des „Schwindelkurses“ von fünf Ostmark für eine D-Mark günstig Lebensmittel und andere Konsumgüter ein. Vieles, was im Osten Mangelware war und blieb, gab es überhaupt nur in den Westzonen. Der Westen hatte nicht nur den „guten Kaffee“, der in der Tat wesentlich besser schmeckte als die Kaffeesorten in der DDR, er hatte auch die demonstrativ billige Banane. Dass der zollfreie Import dieser Südfrucht, den Bundeskanzler Konrad Adenauer seinen westdeutschen Landsleuten auch nach der Gründung der Europäischen Gemeinschaft im Jahre 1957 geschickt zu sichern wusste, [3] auch als ein politisches Signal an die „Brüder und Schwestern in der Ostzone“ gedacht war, um sie ein wenig neidisch zu machen, liegt nahe.[4] Der groteske Umstand, dass die Banane in der Bundesrepublik jederzeit und für wenig Geld verfügbar war, in der DDR jedoch höchst selten (mit einer gewissen Zuverlässigkeit jedoch zum Weihnachtsfest) gekauft werden konnte, führte dazu, dass der Banane eine absurde politisch-symbolische Aufladung zukam. Sie wurde zu einem „zeichenhaften Symbol der kleinen und wilden Begierden der DDR Bürger“, „für die Luxusentbehrung lange Zeit kollektives Schicksal war.“[5]

Angesichts der strahlenden Konsumwelt des Westens, die in ihrer demonstrativen Präsentation der Verlockungen auch in Richtung Osten ihre Wirkung auf die an Glanz und Farbe eher arme DDR kaum verfehlte und die immer mehr Begehrlichkeiten innerhalb der DDR-Bevölkerung weckte, sah sich die SED zu Recht im Zugzwang. Zumindest im Versprechen von Konsum wurde daraufhin im Jahre 1958 eine neue Offensive gestartet. Kaum waren im Mai die letzten Reste der seit 1939 bestehenden Lebensmittelrationierung aufgehoben, acht Jahre später als in der BRD, sollte die kommunistische Gesellschaft nunmehr in „Siebenmeilenschritten“ erreicht werden. Aus der Sicht von 1958 sollte dies in 25 bis 40 Jahren der Fall sein, also innerhalb eines durchaus überschaubaren Zeitraums, den nicht nur die Jugend noch erleben sollte. Das Zaubermittel sollte das Chemieprogramm darstellen, das im November 1958 beschlossen wurde und das „Brot, Wohlstand und Schönheit“ geben werde, wie die Losung der Partei verhieß. Unter dem Motto „Einholen und überholen“ sollte die ökonomische Überlegenheit der sozialistischen DDR gegenüber der kapitalistischen BRD unter Beweis gestellt werden. Innerhalb weniger Jahre wollte man den Pro-Kopf-Verbrauch bei allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgütern so steigern, dass die private Konsumtion in der BRD nicht nur erreicht, sondern sogar übertroffen werden sollte. Dieses überaus ehrgeizige Projekt entbehrte zwar weitgehend der materiellen Basis, und einige gute industrielle Wachstumsraten durften nicht über allgemeine Mangelwirtschaft und über die anhaltenden Versorgungsprobleme der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln (Fleisch, Butter, Zucker usw.) und sogar den „1000 kleinen Dingen“, die für jede private Hauswirtschaft unentbehrlich, aber so gut wie nicht erhältlich waren, hinwegtäuschen. Umso begeisterter und farbenreicher fielen die propagandistischen Erzählungen und Bilder von der kommunistischen Zukunft aus, auf die sich die DDR im rasanten Tempo hinbewege.

Ihren Verheißungen nach würde in der klassenlosen Gesellschaft des Kommunismus alles vorhanden sein, aber jeder nehme sich nur das, was er tatsächlich brauche. Das Geld sei ohnehin abgeschafft. Jetzt erlaube die Ankunft im Paradies die vollkommene Selbstverwirklichung der Menschen, weil, wie Karl Marx und Friedrich Engels es sich bereits 1845 in ihrer Schrift „Die deutsche Ideologie“ vorstellten, „die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“[6] Dieser Traum vom besseren Leben verwies auf die Zukunft, die den Lohn für die heutige harte Arbeit und den entbehrungsreichen Alltag bereithalten würde. Eine Konsumutopie, die angesichts der Mühen und Frustrationen des alltäglichen Einkaufs, die auch nach dem zehnten Geburtstag der DDR unvermindert anhielten, geradezu grotesk erschienen sein muss. „Zu keinem anderen Zeitpunkt in der vierzigjährigen Geschichte der DDR war die kommunistische Utopie propagandistisch so aktuell und präsent wie Ende der fünfziger Jahre. Die ungehemmte, vielfach naive, immer plastische und farbenfrohe, stets über die Maßen euphorische Erzählung von der kommunistischen Zukunft bediente sich freilich überwiegend technizistischer und arkadischer Topoi, sozialutopische Erzählelemente sind in der Massenagitation kaum vertreten.“ [7] Als Schulanfänger war ich damals von den Bildern in meiner Kinderzeitschrift immerhin stark beeindruckt: riesige Kaufhäuser mit lückenlosen Warenmustern (wie heute bei IKEA), mit endlosen Laufbändern für die Besucher (wie heute auf modernen Großflughäfen) und sogar mit Landeplätzen für die Lufttaxis (wie heute die Helikopter, die wichtige Politiker transportieren). Was sollte da am Kommunismus, der zwar erst ein wenig später, aber doch im Raketentempo eintreffen würde, schlecht sein? Plötzlich schien sich hier ein Fenster zum Kommunismus, der fast schon vor der Tür stünde, aufzutun. Ungefähr drei Jahre lang verbreitete die sozialistische Propaganda eine solche gesellschaftliche Utopie, die die unverzügliche Erfüllung aller konsumtiven Sehnsüchte der Menschen in der DDR verhieß. Dann sorgten die nach wie vor vorhandenen und unübersehbaren Schwierigkeiten der DDR-Volkswirtschaft dafür, dass der hochtrabende Anspruch als nichts anderes als reines Wunschdenken erkannt und stillschweigend revidiert werden musste.

In den Großstädten der DDR, vor allem in den Bezirkshauptstädten und in den Industrieregionen, die bevorzugt mit Konsumgütern versorgt wurden, genügte das Warenangebot weder quantitativ der Nachfrage noch qualitativ den wachsenden Ansprüchen der Bürger. Doch einen noch größeren Rückstand als in den Städten wies das Warenangebot auf dem Land auf. Das Handelsnetz war in den dünner besiedelten Gebieten traditionell nicht eben engmaschig geknüpft. Dieses Relikt der (kapitalistischen) Vergangenheit versuchten die Konsumverantwortlichen der DDR-Führung seit der Gründung der DDR zu überwinden und gerade und die Versorgung der dörflichen Bevölkerung im Arbeiter- und Bauernstaat sichtbar zu verbessern. Der Ausbau des Landhandels wurde der Konsumgenossenschaft übertragen. Ein weiterer Schritt, um den Anschluss an das westdeutsche Konsumniveau nicht zu verpassen, zugleich wohl auch, um die eine Mangelwirtschaft stets konterkarierende Praxis der Hamsterkäufe einzuschränken, [8] sollte 1956 die Einführung des Versandhandels für die Landbewohner sein. Über zwanzig Jahre hinweg bereitete das Projekt mehr Probleme als die Bedürfnisse des Massenkonsums zu befriedigen, so dass man dem Desaster durch simple Abschaffung des Versandhandels ein stilles Ende bereitete. Eine ähnliche Luftnummer blieb die Idee des Jahres 1959, durch eine Anzahl von Großraum-Landverkaufsstellen die Konsuminteressen der Dorfbewohner komplex zu befriedigen.[9] Das Experiment scheiterte nicht nur an der unzureichenden Baukapazität, sondern ebenso so sehr an der Warendecke, die sich als viel zu knapp erwies. [10]

Eine durchaus ansehnliche Erfolgsgeschichte schrieb hingegen ein anderes Konsumprojekt, indem es aus der Not eine Tugend machte. Weil als Folge sowohl der Abschaffung der Lebensmittelkarten als auch der mit massivem politischem Druck erreichten Vergenossenschaftlichung der gesamten Agrarproduktion der DDR Ende der 50er Jahre eine neue Versorgungskrise auftrat, die mit Schwankungen bis etwa 1966/67 andauerte, wurde in kurzer Zeit eine industrielle Hähnchenproduktion aus dem Boden gestampft. Ihre Einrichtung durch einige engagierte Wirtschaftsfunktionäre war ein Husarenstück gegenüber den Widernissen, die die Bürokratie von Partei und Regierung ihnen bereitete. Ab Ende 1967 gab es schließlich ein Brathähnchen ostdeutscher Provenienz, das man unter dem Namen „Goldbroiler“ nunmehr tiefgefroren kaufen oder in einem der zunächst drei Berliner speziellen (fast so zu bezeichnenden) Schnellrestaurants, die im Stil einer Bauernschenke eingerichtet waren, verspeisen konnte. Mit der Einführung dieses eher banal erscheinenden Geflügelmastprodukts war in der permanent versorgungsschwachen DDR am Ende der sechziger Jahre ein kulinarischer Treffer gelandet worden, der nicht nur die Ernährungssituation, sondern auch die Stimmungslage im Land entspannte, zumindest für einige Zeit. Man kann diese Erfindung unter dem Aspekt eines herrschaftssichernden Versorgungsauftrags einordnen, exemplarisch für den Übergang von Gewalt zum Arrangement“.[11] Man kann aber auch sagen, dass diese DDR-Kreation, vergleichbar mit dem Brathendl der Wienerwald-Kette, einen Beitrag zur Entspannung des DDR-Konsumalltags leistete. Inzwischen ist der Goldbroiler übrigens als eine sprachliche Eigenart der DDR in den gesamtdeutschen Sprachgebrauch eingegangen.


Die Illusion zentralpolitischer Fürsorge: „Konsumsozialismus“ nach 1971

Es ist die wirklichkeitsfremde Anmaßung, vom Schreibtisch aus für die „individuelle Konsumtion“ von siebzehn Millionen Menschen eine totale Bedürfnisplanung und gönnerische Zuwendung praktizieren zu können, die die siebziger und achtziger Jahre kennzeichnet. Rückblickend betrachtet scheint der „Konsumsozialismus“ wohl auch ein Coup[12] und eine voluntaristische Spielwiese Erich Honeckers gewesen zu sein, der den neuen Kurs der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ weitgehend im Alleingang bestimmt hat. Der zur Charakterisierung der DDR vor einigen Jahren vorgeschlagene Begriff der „Fürsorgediktatur“ [13] beschreibt für den Zeitraum ab 1971 den Anspruch der SED-Politik durchaus treffend. Der 8. Parteitag der SED, mit dem Honecker als mächtigster Mann der DDR in die Weltgeschichte eintrat, suggerierte einen Wandel hin zu den Interessen des Volkes und leitete ein spektakuläres sozialpolitisches Programm ein. Es akzeptierte nicht nur, dass konsumtive Bedürfnisse vorhanden waren und befriedigt werden müssten, sondern es erkannte auch den gewaltigen Nachholbedarf in diesem Punkt. Vollmundig versprach die Parteiführung, das „materielle und kulturelle Lebensniveau des Volkes“ zu erhöhen und löste damit große Erwartungen aus. Tatsächlich kam es rasch zu sozialpolitischen Verbesserungen für die Familien, zu einer Erhöhung der Arbeitseinkommen und vor allem zu einem Wohnungsbauprogramm. Aber das „Geschenk“ der Sozialpolitik war materiell überhaupt nicht abgesichert, die endgültige Bezahlung stand aus und hing ab von erwarteten wirtschaftlichen Erfolgen, die jedoch ganz ungewiss waren und letztlich auch weitestgehend ausblieben. „Anders als Ulbricht, der zunächst mit einer gewaltigen Anstrengung die Effektivität und nachfolgend den Lebensstandard erhöhen wollte, nahm Honecker einen Wechsel auf die Zukunft. Die Erhöhung des Lebensstandards und umfangreiche sozialpolitische Maßnamen sollten faktisch einen Anreiz für erhöhte und verbesserte wirtschaftliche Leistung bieten. Dabei wollte man die Bevölkerung mit Hilfe der propagandistisch noch aufgewerteten Verbesserungen ihrer sozialen Lage auch stärker am System interessieren und zugleich ruhigstellen.“ [14]

Dazu kam, dass es für die konkrete Ausgestaltung dieses sozialpolitischen Programms nicht nur wenig praktische Erfahrung, sondern auch so gut wie keine wissenschaftliche Fundierung gab. Forschungen zur Sozialpolitik waren spätestens in den 60er Jahren zum Erliegen gekommen. [15] Nun versuchte man verzweifelt, eine Forschung zum Thema „Konsumtion und Lebensstandard“ zu etablieren, um dem illusorischen Anspruch einer kompletten Bedürfnisplanung gerecht zu werden. Es wurde eine „kennziffernmäßige Erfassung des sozialistischen Lebensniveaus“[16] ausgearbeitet und eine Klassifikation von Faktoren aufgestellt, die die sozialistische Lebensweise beeinflussen. Der letzte konzeptionelle Versuch der DDR, eine „Konsumgesellschaft mit sozialistischem“ Vorzeichen resp. eine konsumierende „Kulturgesellschaft“ [17] zu entwickeln, scheiterte bereits wenige Jahre später, als klar wurde, dass die versiegenden ökonomischen Ressourcen dem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung machten und Konsumversprechen und Volksverlangen angesichts des alltäglichen Mangels immer mehr auseinander klafften. Am Machtanspruch der SED änderte sich dadurch nichts, im Gegenteil, er wurde mit zunehmender Verbissenheit behauptet, obwohl das Wachstum der Unzufriedenheit längst nicht mehr aufzuhalten war.


Der instrumentalisierte Mangel – eine Gesellschaft am Rande der Massenkriminalität

Es ist üblich geworden, die DDR sowohl in den Medien als auch in der wissenschaftlichen Literatur kurzerhand als eine „Mangelgesellschaft“ zu bezeichnen. [18] Natürlich reduziert dieser Begriff das Alltagsleben der DDR-Bürger auf einen einzigen Aspekt: auf Engpässe und Versorgungslücken, auf die Abwesenheit von Waren und Dienstleistungen, die regelmäßig Ärger und „Beschaffungsarbeit“ gleichermaßen bedeutete, und auf die häufige Nichtverfügbarkeit über die schönen Dinge unbeschränkten Konsums. Natürlich spielt dieser Mangelbegriff mit den unerfüllten Konsumsehnsüchten der Ostler, denn jeder weiß, dass gegenüber diesen jahrzehntelangen Entbehrungen wenige Kilometer weiter sich der Überfluss der schillernden Warenwelt des Westens auftürmte: die wahre Konsumgesellschaft eben. Insofern hebt das Etikett „Mangelgesellschaft“ ganz einseitig den alltäglichen Frust beim Einkaufen und „Besorgen“ hervor und wird daher in den meisten Fällen in eher denunziatorischer Absicht verwendet. Doch auch wenn das Alltagsleben in der DDR selbst hinsichtlich der Schwierigkeiten beim individuellen Konsumieren mehr war als der permanente sisyphoshafte Versuch, irgendwie dem Mangel abzuhelfen, so lassen sich dem Ansatz der Mangelgesellschaft dennoch auch anregende Fragestellungen unter zwei Aspekten abgewinnen. Erstens: Könnte es vielleicht sein, dass ein nicht unbeträchtliches Quantum an Mangel unter den Auspizien von Machtsicherung durch die SED-Führung durchaus gewollt war? Und zweitens: welche Formen des materiellen und des sozialen Gewinnziehens veränderten die Schichtungen in der Gesellschaft, wer waren die Nutznießer des Mangels?

Natürlich spricht auf den ersten Blick einiges für die These vom Mangelerhalt als einem Herrschaftsinstrument. So funktionierte der Mangel, so lange er nicht in eine akute versorgungswirtschaftliche und somit sich auch politisch auswirkende Krise umschlug, durchaus auch systemerhaltend, denn die aufwendige Suche nach Ersatzlösungen und Improvisationen kosteten die Menschen extrem viel Zeit und Energie. Die permanent notwendigen Aktivitäten zur Mangelabhilfe konnten also Kreativität binden und sie zugleich auch kanalisieren, was die persönlichen Kraftpotentiale für eine soziale Machtprobe mit der Obrigkeit verringert haben dürfte. Aber war dieser Effekt tatsächlich schon ein berechnetes Kalkül? Viel mehr spricht dafür, dass es vielleicht eine gewollte Abhängigkeit der Konsumenten von den Wohltaten der Herrschenden in der Weise gab, die Bittrolle des Volkes aufrechterhalten, um die Macht und die gelegentliche Großzügigkeit des Staates als Herrschaftsinstrument demonstrieren zu können. Das Volk blieb angewiesen auf die Gunst der Obrigkeit, gezwungen zum Wohlverhalten. Lässt sich daraus aber eine bewusst gewollte Knappheit an Wohnungen, Telefonen oder Autos herleiten? Wären dann nicht die negativen Begleitumstände eine zu große Gefahr gewesen? Der schwunghafte Handel etwa mit Autoanmeldungen oder der Schwarzhandel mit gebrauchten Autos, die nicht selten zum doppelten Neupreis verscherbelt wurden – im gegenseitigen Einvernehmen von Verkäufer und Käufer. Diesem kriminellen Handeln, das alle sozialen Gruppen praktizierten, stand die Staatsmacht in den 70er und 80er völlig hilflos gegenüber. [19]

Zugleich produzierte der Mangel in der DDR im Volke verschiedenste Varianten von Nutznießern dieser Situation, die in der glücklichen Lage waren, begehrte Dienstleistungen oder materielle Tauschobjekte anbieten zu können. Diese Mangelsituation verlieh zum Beispiel Handwerkern, Verkäufern, Ärzten, Kellnern, Taxifahrern und vielen anderen einen unverdienten Machtzuwachs. Eine privilegierte Position konnten darüber hinaus diejenigen einnehmen, die über West-Mark verfügten. Damit konnten sie sowohl in den sogenannten Intershops oder über den Geschenkdienst Genex importierte Westwaren gegen D-Mark erwerben [20] als auch die Versorgungslücken bei Konsumgütern und Dienstleistungen in der DDR selbst überwinden.

Aber man sollte angesichts dieser Beispiele auch ehrbares Alltagsverhalten nicht übersehen. Eine moralische Haltung, der zufolge die Arbeit, die man macht, auch gut zu machen sei, war nicht so selten, wie es heute in der Retrospektive oftmals aussehen mag. Die in den DDR-Medien oftmals penetrant herbeigeredete „Arbeiterehre“ gab es auch in der Wirklichkeit, und die Arbeitsethik von Ingenieuren, die bei weitem nicht immer für diesen Staat eingenommen waren, aber für eine praktische Aufgabenlösung eintraten, weil sie etwas Bleibendes gestalten wollten, erst recht. Ihr Engagement resultierte aus der Sache selbst, daraus, eine technische Herausforderung in eine praktische Lösung umzusetzen, oftmals durch geniale Improvisation. Für mutige „Schwarzentwicklungen“ gegen die herrschende Bürokratie, d.h. ungenehmigte Konstruktionen von Maschinen, Anlagen oder Konsumgütern durch erfinderische Ingenieure und Meister gibt es zahlreiche Beispiele. [21]


Ein Spiel um soziale Konfliktbewältigung: Luftablassen und Drohgebärden gegen die Obrigkeit

Der kleine alltägliche Beschiss zum persönlichen Vorteil, sich den einem „zustehenden“ Anteil am Volkseigentum einzufordern bzw. ihn sich einfach „zurückzunehmen“, gehörte zu den selbstverständlichen Übungen des DDR-Alltags. „Man machte gemeinsam Witze über den Sozialismus und beklaute gemeinsam den Staat.“ [22] Viele hielten sich an den Ressourcen des volkseigenen Betriebes schadlos, in dem sie brauchbare Güter und Materialien aus dem Betrieb in die eigene Wohnung „verlagerten“, werkseigene Transportkapazitäten für private Aufgaben einsetzten oder einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Arbeitszeit für persönliche Gänge missbrauchten: für einen Besuch beim Arzt oder beim Friseur, am häufigsten jedoch für’s Einkaufen.

Es waren dies persönliche Vorteilsnahmen aus der DDR-Gesellschaft ohne Unrechtsbewusstsein, aber es waren keine Aktionen von Verweigerung und schon gar nicht von Widerständigkeit, die in den späteren Selbstreflexionen eine um so größere Überbewertung[23] erfährt, je mehr Jahre seit dem Untergang der DDR vergangen sind. Die Mehrheit der DDR-Bürger wandte die bekannten Spielregeln im vollen Bewusstsein an und kostete ihren Spielraum aus. Dieses Verhalten kultivierten die hofierten Theaterleute, deren kalkulierte Provokation in der Kunst eine maßvolle Widersetzlichkeit zur Freude der intellektuellen Rezipienten war, ebenso wie die Arbeiter, die sich zunehmend ihrer wachsenden Machtposition in dieser „arbeiterlichen Gesellschaft“ [24] bedienten.

Zu den ausgiebig geübten Ritualen der Auseinandersetzung der Bevölkerung mit der Staats- und Parteimacht gehörte es seit der Gründung der DDR, Eingaben zu schreiben. Statistisch gesehen verfasste zwischen 1949 und 1989 fast jeder DDR-Haushalt eine Eingabe.[25] Mit dieser ausdrücklich zugelassenen Möglichkeit der Äußerung von Vorschlägen und Wünschen zur Verbesserung des gesellschaftlichen Systems holte sich die Herrschenden zugleich ihre Kritiker näher: es war ein Brückenschlag voller Widersprüche. Handelte es sich dabei anfänglich um das ausschließliche Verfassen von individuellen Bittgesuchen an eine kaum nahbare Obrigkeit, so wandelte sich diese soziale Praxis zu einem zunehmend erfolgreich ausgenutzten Spagat der Eingabenschreiber zwischen gesellschaftlichem Engagement und persönlicher Vorteilsnahme. An den zahllosen Eingaben war es kaum mehr eindeutig ablesbar, ob sich das Schreibmotiv aus der engagierten Mitbeteiligung der Bürger an der Regelung gesellschaftlicher Angelegenheiten, die der Apparat unter dem Motto der „sozialistischen Demokratie“ ständig und wortreich einforderte, ableitete, oder ob der Schriftsatz lediglich den angestrebten Eigennutz verbrämte. Mit dem Wunsch auf die definitive Lösung der zur Sprache gebrachten individuellen Problemfälle verband sich vorwiegend die Erwartung persönlicher Vorteile (Wohnung, Krippenplatz, ein Pkw oder andere hochwertige Konsumgüter usw.), aber auch die aufrichtige Hoffnung, durch Hinweise auf Unzulänglichkeiten des Systems den „real existierenden Sozialismus“ in der DDR verbessern zu können. Insofern war die Eingabenpraxis auch ein Versuch der Bevölkerung, durch Eingaben, nicht zuletzt auch an Presse, Rundfunk und Fernsehen, für die Versorgungsprobleme eine Öffentlichkeit herzustellen. [26] Auf diese Weise hatte das Volk das gewissermaßen verbriefte Recht auf Rückmeldungen – wenngleich genau darauf begrenzt – , diese konnte es allerdings durchaus exorbitant ausüben, woraus ein Spiel für beide Seiten wurde. Mit unzähligen Eingaben konnten sich die Bürger „Luft machen“ und sich wahrgenommen fühlen, sie konnten einen beträchtlichen Teil der Arbeitsfähigkeit der Bürokratie absorbieren, aber ebenso gleichmütig und unisono auf später vertröstend fielen die Antworten der Verwaltungsinstitutionen aus. Selbst die Drohung, nicht mehr „mitmachen“ zu wollen, also nicht zur Wahl zu gehen oder einen Ausreiseantrag aus der DDR zu stellen, nutzte sich als Drohgebärde gegenüber der Obrigkeit allmählich. Was im Einzelfall herauskam, war manchmal eine bessere Wohnung oder ein neues Auto, öfter jedoch der Appell an die Einsicht, dass das angesprochene Problem derzeit leider „noch nicht“ lösbar sei, oder aber auch, dass der Einspruch bedauerlicherweise ungerechtfertigt sei. Das Schreiben von Eingaben wurde als Ventil verschiedenartigster Unzufriedenheit gehandhabt, aber am System und an den Versorgungsproblemen änderte diese Praxis unterm Strich natürlich kein Jota.

Der Einzelhandel musste stets die undankbare Rolle einer Pufferzone spielen zwischen einem ihm von oben, d.h. vom Apparat, diktierten „Versorgungsauftrag“, dem in der Praxis jedoch allzu oft die Warendecke fehlte, und einem von unten vehement eingeforderten besseren Angebot an Konsumgütern und Dienstleistungen. Der Bevölkerung wurde einerseits permanent verkündet, dass die Führung alles tue, um die Versorgungslücken zu schließen. Dem stand jedoch die regelmäßige Erfahrung gegenüber, dass viele Waren in den Geschäften nicht vorhanden waren oder dass die Qualität der erhältlichen Produkte unbefriedigend war. Gute Chancen, ihre Position als Verbraucher aufzuwerten, hatten die Konsumenten in der DDR durch die extensive Inanspruchnahme der sogenannten „Rechte als Käufer“. Dieser als Gesetz veröffentlichte Text war durchaus kundenfreundlich formuliert und stärkte die Ansprüche der Kunden gegenüber dem Handel. Angesichts der leichten Darstellbarkeit von Produktmängeln, denn die gab es zur Genüge, wuchs den Konsumenten damit ein machtvolles Aktionspotential zu: Waren sie einerseits stets abhängig von den Gnaden des Verkaufspersonals, das ihnen etwas zuwenden oder aber auch verweigern konnte, so gab ihnen das Recht auf unkomplizierten Umtausch und sogar auf die aufwendige, manchmal sogar fast aussichtslose Wiederbeschaffung der Ware durch das Geschäft die Möglichkeit, auch immer wieder Revanche an den Verkäufern nehmen und sie zumindest hinsichtlich ihrer überbordenden Macht wieder in ihre Grenzen verweisen zu können. So konnten sich die frustrierten Konsumenten mit dem Einzelhandel, der als quasi gegnerische Instanz stellvertretend für die Staatsmacht herhalten musste, zwar auch nicht viel mehr als ein Scheingefecht liefern, aber der Kunde war oft wenigstens in diesem Akt der König.


Ausbruchsverhalten auf Zeit und Weltoffenheit: Die Geister, die ich rief...

In den Medien und auch in der wissenschaftlichen Literatur wird die DDR häufig als eine Nischengesellschaft bezeichnet. Damit sind Praktiken der Verweigerung und vor allem des individuellen Rückzugs gemeint, sowohl im beruflichen als auch im privaten Leben. In der Freizeit konnten die Ausstiegsziele innerhalb der DDR ebenso die privaten Wochenendhäuser sein wie die kirchlichen Diskussionskreise. Darüber hinaus formulierte der BRD-Fernsehjournalist Peter Merseburger die These, dass jeden Tag mit dem Beginn des Abendprogramms des Westfernsehens viele Bürger der DDR zumindest mental in den Westen ausreisten. Bezogen auf die offensichtliche Orientierung der DDR-Jugend an westlichen Moden, Musikrichtungen und Konsumstilen wird auch eine „geistige Republikflucht“ beschrieben. [27] Demgegenüber praktizierten gerade viele Jugendliche seit den 70er Jahren den regelmäßigen Ausbruch aus dem Alltag als bewusstes Ausleben ihrer Vorstellungen von Alternativkultur in der DDR. Während sie die Woche über brav und unauffällig ihren Job verrichteten, scherten sie am Wochenende aus den gesellschaftlichen Zumutungen aus und inszenierten sich ihre eigenen Wochenendexzesse. Die „Jeans-und-Parka-Fraktion“[28] ist ein Beispiel für selbstbestimmtes soziales Ausrasten in die Freiräume hinein, die die DDR-Gesellschaft ließ.

Andere Möglichkeiten, sich den engen DDR-Alltag zu weiten, sind eindeutig ambivalent hinsichtlich aktivem Konsens und passiver Zustimmung. Während für Geschäftsleute und Funktionäre seit den 50er Jahren die Leipziger Messe zweimal im Jahr ein kurzes Zeitfenster zur Welt darstellte, entwickelte sich das Berliner „Festival des politischen Liedes“ seit 1970 zu einem internationalen Jugendkulturereignis, das regelmäßig eine Februarwoche lang als ein „politischer Karneval“ (Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel) auch für DDR-kritische Jugendliche attraktiv war. Mit einem Heer von ehrenamtlichen Organisatoren, manche mit Karriereabsichten, andere mit ehrlicher Überzeugung, wieder andere einfach nur mit dem Wunsch nach abenteuerlichen Erlebnissen und internationalem Flair, wurde acht Tage lang ein „Fenster zur Welt“ geöffnet, das „auch von Kulturfunktionären genutzt wurde, um frische Luft ins Land zu lassen“. [29] Die Polit-Kirmes etwa wurde ein Wochenendereignis für die ganze Familie. Zweifellos waren diese Veranstaltungen weitgehend politisch kontrolliert, aber dies wurde in der Regel in Kauf genommen, weil dieses Festival eine der wenigen Möglichkeiten bot, um sich als Teil der weltweiten Linken zu fühlen und – bevor es etwa einen Karneval der Kulturen in Westberlin gab – am internationalen Kulturleben zu partizipieren.


Zusammenfassend seien drei Gedanken hervorgehoben. In verschiedenen Phasen der vierzigjährigen DDR-Existenz hat es für große Teile der Bevölkerung diverse Motive dafür gegeben, den Konsumverheißungen und den sozialpolitischen Versprechen, die die Staatsmacht verkündete – und dies mit gelegentlich durchaus ernsthaften Attitüden, zumindest teilweise und zeitweilig Glauben zu schenken. Die von der Bevölkerung nicht einlösbaren Konsumversprechen der Herrschenden in der DDR hatten – und dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund des demonstrativen Konsums des Westens, den die Ostdeutschen beständig mitverfolgen konnten – einen wesentlichen Anteil am Zusammenbruch dieses Staates. Und drittens gab es vielfältige Gründe, sich mit dem System zu arrangieren und manche Zumutungen mitzumachen, auch in der Tat loyal zu sein, oft zweigeteilt in der Brust, bisweilen sogar schizophren. Kritisches Mitmachen und partielle Verweigerung lagen oft sehr dicht beieinander. Innerhalb dieses „Gesellschaftsspiels“ bestanden gleichwohl auch Chancen, Lücken und Nischen auszunutzen und sich durchzuschlängeln – in Kenntnis und in Anwendung der allenthalben bekannten Regeln und unter Beachtung der Grenzen, die nicht überschritten werden durften, wenn man eine Bestrafung vermeiden wollte. Auf diese Weise ließen sich letztlich viele, jedoch bei weitem nicht alle Konsumbedürfnisse befriedigen. Im Bewusstsein der gegebenen Risiken erforderte diese pausenlose Jagd nach den erstrebten Objekten zur Verschönerung des Alltagslebens allerdings eine große Umsicht und war daher auch anstrengend. Insofern war in der DDR das Einkaufen selbst dann noch zeitraubende Schwerstarbeit, als Shopping im Westen schon längst dem Lustgewinn diente.


Anmerkungen
[1] Merkel, Ina (Hrsg.): „Wir sind doch nicht die Mecker-Ecke der Nation.“ Briefe an das DDR-Fernsehen, Köln/Weimar/Wien 1998, S. 9.
[2] Vgl. z.B. Mühlberg, Dietrich: Woher wir wissen, was Kultur ist. Gedanken zur geschichtlichen Ausbildung der aktuellen Kulturauffassung, Berlin (Ost) 1983.
[3] Vgl. Adenauers Zusatzprotokoll zu den Römischen Verträgen vom 25.3.1957: Mit Rücksicht auf „besondere Bedürfnisse bei der Einfuhr von Bananen in die Bundesrepublik“. Warneken, Bernd Jürgen: Banane. in: Bausinger, Hermann u.a. (Hrsg.): Wörter, Sachen, Sinne. Eine kleine volkskundliche Enzyklopädie, Tübingen 1992, S. 24.
[4] Vgl. Seeßlen, Georg: Die Banane. Ein mythopolitischer Bericht. in: Bohn, Rainer; Hickethier, Knut; Müller, Eggo (Hrsg.): Mauer-Show. Das Ende der DDR, die deutsche Einheit und die Medien, Berlin 1992, S. 56.
[5] Korff, Gottfried: Rote Fahnen und Bananen. Notizen zur Symbolik im Prozess der Vereinigung von DDR und BRD. in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Band 86, Basel 1990, S. 147. [6] Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, MEW 3, S. 32 f.
[7] Gries, Rainer: Produkte als Medien. Kulturgeschichte der Produktkommunikation in der Bundesrepublik und in der DDR, Leipzig 2003, S. 229 f.
[8] Schindelbeck, Dirk: Marken, Moden und Kampagnen, Darmstadt 2003, S. 121.
[9] Kaminsky, Annette: Wohlstand. Schönheit. Glück. Kleine Konsumgeschichte der DDR, München 2001, S. 56.
[10] Kaminsky, Annette: Kaufrausch. Die Geschichte der ostdeutschen Versandhäuser, Berlin 1998, S. 17.
[11] Poutrus, Patrice G.: Die Erfindung des Goldbroilers. Über den Zusammenhang zwischen Herrschaftssicherung und Konsumentwicklung in der DDR, Köln/Weimar/Wien 2002, S. 225.
[12] Vgl. Skyba, Peter: Sozialpolitik als Herrschaftssicherung. Entscheidungsprozesse und Folgen in der DDR. in: Vollnhals, Clemens / Weber, Jürgen (Hg.): Der Schein der Normalität. Alltag und Herrschaft in der SED-Diktatur, München 2002, S. 44.
[13] Jarausch, Konrad H.: Realer Sozialismus als Fürsorgediktatur. Zur begrifflichen Einordnung der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 20/1998, S. 33-46.
[14] Steiner, André: Zwischen Frustration und Verschwendung. Zu den wirtschaftlichen Determinanten der DDR-Konsumkultur. in: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (Hg.): Wunderwirtschaft. DDR-Konsumkultur in den 60er Jahren, Köln u.a. 1996, S. 35.
[15] Manz, Günter/ Sachse, Ekkehard/ Winkler, Gunnar (Hg.): Sozialpolitik in der DDR. Ziele und Wirklichkeit, Berlin 2001. Siehe dazu auch meine Rezension „Insider-Geschichte der Sozialpolitik in der DDR“ im Online-Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik www.kulturation.de 1/2003.
[16] Manz, Günter (Hg.): Das materielle und kulturelle Lebensniveau des Volkes und seine volkswirtschaftliche Planung, Berlin (Ost) 1975, 41.
[17] Merkel, Ina: Utopie und Bedürfnis. Die Geschichte der Konsumkultur in der DDR. Köln 1999, S. 12.
[18] Zum Diskurs über die Hintergründe dieser inzwischen weit verbreiteten Begrifflichkeit siehe Merkel, Ina: Utopie und Bedürfnis, a.a.O., S. 11 ff.
[19] Vgl. Gries, Rainer: Produkte als Medien (Anm. 7), S. 272; Wolle, Stefan: Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971-1989, Berlin 1997, S. 218 f.
[20] Vgl. dazu Böske, Katrin: Abwesend anwesend. Eine kleine Geschichte des Intershops. in: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (Hg.): Wunderwirtschaft. DDR-Konsumkultur in den 60er Jahren, Köln u.a. 1996, S. 214-222; Schneider, Franka: „Jedem nach dem Wohnsitz seiner Tante“. Die GENEX Geschenkdienst GmbH. in: ebd., S. 223-232.
[21] Vgl. Thießen, Friedrich (Hg.): Zwischen Plan und Pleite. Erlebnisberichte aus der Arbeitswelt der DDR, Köln/Weimar/Wien 2001.
[22] Wolle, Stefan: Sehnsucht nach der Diktatur? Die heile Welt des Sozialismus als Erinnerung und Wirklichkeit. in: Vollnhals, Clemens / Weber, Jürgen (Hg.): Der Schein der Normalität. Alltag und Herrschaft in der SED-Diktatur, München 2002, S. 37.
[23] Insofern dürfte auch ein wie auch immer begründeter bewusster Verzicht auf Plastikerzeugnisse kaum als eine Form der Ablehnung des Staates gewertet werden. Vgl. Eli Rubin in: Crew, David F. (Ed.): Consuming Germany in the Cold War, Oxford 2003.
[24] Engler, Wolfgang: Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin 1999, S. 200. Vgl. zur Rezeption des Begriffes Ders.: Die Ostdeutschen als Avantgarde, Berlin 2004, S. 73 ff.
[25] Vgl. Mühlberg, Felix: Eingaben als Instrument informeller Konfliktbewältigung. in: Badstübner, Evemarie (Hg.): Befremdlich anders. Leben in der DDR, Berlin 2000, S. 233.
[26] Vgl. Gries, Rainer: Produkte als Medien (Anm. 7), S. 264.
Wierling, Dorothee: Geboren im Jahr Eins. Der Jahrgang 1949 in der DDR – Versuch einer Kollektivbiographie, Berlin 2002, S. 215.
[27] Vgl. Rauhut, Michael / Kochan, Thomas: Bye bye, Lübben City. Bluesfreaks, Tramps und Hippies in der DDR, Berlin 2004.
[28 ] Herbst, Andreas /Ranke, Winfried /Winkler, Jürgen: So funktionierte die DDR. Lexikon der Organisationen und Institutionen, Reinbek 1994, S. 279.