KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Gerlinde Irmscher
Kulturgeschichte des DDR-Tourismus – zwei Vorschläge und ein Versuch
1.
Ein kritischer Blick in die Literatur


In einem kürzlich via Internet veröffentlichten Forschungsüberblick resümiert der Historiker Rüdiger Hachtmann mit Blick auf den Stand der deutschen Tourismusgeschichte, sie sei „ein Mauerblümchen mit Zukunft“. „Mauerblümchen“, das meint das Desinteresse der Zeithistoriker an einem Phänomen, das „selbst seit langem in das Zentrum aller modernen Gesellschaften gerückt ist“.[1]

In der Tat, in Standardwerken wie der zur deutschen Kulturgeschichte von Axel Schildt und Detlef Siegfried oder in Forschungen zur Konsumgeschichte spielen die deutschen „Reiseweltmeister“ kaum eine Rolle. Immerhin war es Hasso Spode vergönnt, den „Aufstieg des Massentourismus im 20. Jahrhundert“ in einem neueren Handbuch zur Entwicklung der Konsumgesellschaft in Deutschland zu skizzieren.[2] Doch nicht nur Zeithistoriker, auch Soziologen verweisen Forschungen zu Urlaubsreisen in ein kleines Reservat, in dem man wesentlich unter sich ist. Die Lebensstil- bzw. Milieuforschung hat das Urlaubsverhalten bisher kaum berücksichtigt – vielleicht wirkt hier die von Touristen und der Mehrheit der Tourismusforscher geteilte Vorstellung forschungsleitend, beim Urlaub handele es sich gerade um das „Andere“ des Alltags, eine „Gegenwelt“. Erst für 2012 planen die Forscher der "Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V." (FUR) das Reiseverhalten in die vom Sinus-Institut erstellten Milieus einzuarbeiten.

Woher rührt nun Hachtmanns Optimismus, das „Mauerblümchen“ habe „Zukunft“? Größter Lichtblick ist eine 2003 veröffentlichten Dissertation von Cord Pagenstecher zum bundesdeutschen Tourismus von 1950-1990. Hier liege eine Art von Standardwerk vor, „auf dem eine künftige Geschichte des bundesdeutschen Tourismus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufbauen“ könne. Das gelte aber nicht für die DDR. Das „Standardwerk zum Tourismus im ostdeutschen Staat steht weiterhin aus.“[3]

Diese Einschätzung mag verwundern, ist doch 2009 die umfängliche Dissertation von Heike Wolter mit dem Titel „Ich harre aus im Land und geh, ihm fremd“ erschienen. Im Untertitel wird die Geschichte des Tourismus in der DDR angekündigt. Dieser Anspruch wird allerdings sofort relativiert, die Autorin will sich aus guten Gründen auf die Zeit zwischen 1971 und 1989 konzentrieren. Ihre Absichten erläutert sie folgendermaßen: „In der Publikation wird von der staatlichen Einbindung, Organisation und Kontrolle des Tourismus zunächst im idealen Anspruch des Staatssystems ausgegangen, um danach im Vergleich mit realen Gegebenheiten die Modifikationen seitens des Systems zu verstehen und schließlich die verbleibende private Seite – gemeint sind die kaum oder nicht kontrollierten Aspekte in Fragen des Ausmaßes von Freiheit, empfundener Einschränkung und aktivem Handeln gegen die Einschränkungen des Systems – zu untersuchen.“[4]

In seiner Rezension kritisiert Hachtmann, die Arbeit sei letztlich vor allem aus einer Perspektive von „oben“ geschrieben, der Blick „von unten“ käme zu kurz. „Der Tourismus im ostdeutschen Staat gerinnt Wolter unter der Hand zu einem Idealtypus, dem jegliche historische Dynamik abgeht – obwohl er diese zweifelsohne besessen hat.“[5] Zudem sei das Ganze teleologisch ausgerichtet, also vom Ende der DDR her betrachtet. Die Chance zu prüfen, ob Pagenstechers Konzeption auch für eine Tourismusgeschichte der DDR fruchtbar zu machen sei, sei vertan worden.

Tatsächlich war es wohl missverständlich, eine „Geschichte“ des Tourismus in der DDR zu annoncieren, wo doch so etwas wie ein „Handbuch“ vorgelegt wurde. Heike Wolter hat akribisch die wichtigsten zugänglichen Quellen und zahlreichen bisher veröffentlichten Einzelstudien ausgewertet und wer sich darüber informieren möchte, wer in der DDR als Reiseveranstalter auftrat, wann welche Reiseverkehrsmittel genutzt wurden und welche zeitgenössischen Institutionen Reiseforschung betrieben, wird hier gut bedient. Was den Historiker wohl eben so zur Kritik herausfordert wie die Kulturwissenschaftlerin, ist aber die disziplinäre und theoretische Unentschiedenheit. Heike Wolter zieht sich aus der Affäre, indem sie untypischerweise erst am Ende ihrer Arbeit mögliche Theorien und Forschungsstrategien benennt, die für die Tourismusgeschichte der DDR bisher nutzbar gemacht wurden und zukünftig ertragreich werden könnten.

Christopher Görlich, der am Institut für Zeitgeschichtliche Forschung in Potsdam eine noch nicht veröffentlichte Dissertation mit dem Titel „Urlaub vom Staat. Zur Geschichte des Tourismus in der DDR“ verfasst hat, kündigt an, er wolle Urlaub als „alltagsweltliches Interpretationsmuster“ auffassen und hinsichtlich seiner „Bedeutung für die Stabilität politischer Herrschaft“ befragen.[6] „Der Ruf nach Reisefreiheit und die Reisewellen, die nach 1989 aus Ostdeutschland über Italien hereinbrachen“, werden von Görlich als Nachweis gedeutet, dass der Versuch, „gleichwertige Urlaubsziele östlich des eisernen Vorhangs zu etablieren“[7] misslungen sei. Zur Kritik an dieser Einlassung später mehr. Mit dem Einbau einer „Mikroebene“, in der Rezeption und „Verarbeitung“ des Urlaubs durch die Reisenden untersucht werden, kommt diese Arbeit aber der sinnvollen Forderung von Hachtmann nach Verflechtung von Gesellschafts- und Erfahrungsgeschichte entgegen.

Um die Literaturschau fortzusetzen - neben diesen Perspektiven auf den Tourismus in der DDR stehen andere im Raum. War der Feriendienst des FDGB „Lockmittel, schöner Schein und Hauptbestandteil der DDR-Sozialpolitik“, wie es in der Ankündigung für eine Arbeit von Thomas Schaufuß zum DDR-Sozialtourismus heißt?[8] War der Tourismus ein Mittel zur Befriedigung der Bedürfnisse werktätiger Menschen, wie es mehrheitlich in der DDR kolportiert wurde?[9] War das Reisen ein von SED und Stasi beherrschtes Feld, wie kürzlich im „Deutschland Archiv“ dargestellt?[10] Oder handelte es sich um eine Art „schöner, heiler Welt“, wie es Sönke Friedreich anhand von Zeitzeugenberichten in seiner volkskundlichen Arbeit zu Urlaubsreisen während der DDR-Zeit beschrieben hat?[11]

Die Entscheidung für ein bestimmtes Konzept, etwa Modernisierungstheorie oder Totalitarismustheorie, ist zugleich eine Entscheidung über Quellen, Methoden und Ergebnis. Damit wird schon in gewisser Weise vorweggenommen, was denn der Tourismus in der DDR (und die DDR überhaupt) nun gewesen sein soll. Das erzeugt einen mehr oder weniger unterschwellig mitlaufenden Diskurs, der nicht anders als „politisch-ideologisch“ zu qualifizieren ist. Es gibt Kämpfe um die Deutungshoheit über die DDR und auf dem Gebiet des Reisens sind sie geradezu mit den Händen zu greifen, geht es doch um die „Reisefreiheit“. Natürlich haben diese Kämpfe inzwischen eine Geschichte, die zunächst von Diskussionen darüber geprägt war, inwiefern der Alltag in der DDR überhaupt ein legitimer Forschungsgegenstand sei. Wird dies zugegeben, wird die Alltagsforschung sogar ins Zentrum gerückt, finden sich häufig Überlegungen, der SED-Staat habe nicht alles „beherrscht“, es habe durchaus „individuellen Eigensinn“ gegeben. Ein dauernder Dissens von Herrschenden und Beherrschten wird unterstellt.

Das kulminiert in vielen Darstellungen zum DDR-Tourismus in der geradezu gebetsmühlenartig wiederholten, aber deshalb noch lange nicht belegten Behauptung, gerade im Camping oder im individuellen Auslandstourismus habe der DDR-Bürger seine kleine „Freiheit“ vom Staat verwirklicht.[12] Nur nebenbei: Für die Bundesrepublik scheinen kulturkritische Zeitgenossen in den 1960er und 1970er Jahren die Entwicklung des Campings als eine Absage an die aufsteigende Tourismusindustrie interpretiert zu haben. Gehen in die Interpretationen heutiger Betrachter der DDR-Entwicklung unbewusst ähnliche Vorstellungen vom „richtigen“ Reisen ein – nämlich „frei“ und „individuell“, hier vom Staat, dort vom Markt? Zeitzeugen bestätigen solche Befunde. Sie wissen, was sie sich und den Interviewern schuldig sind. Zudem werden schon zur DDR-Zeit präsente Diskurse, nun medial wirksam verstärkt, fortgeführt. Wer sein Leben in der DDR aus welchen Gründen auch immer als lebenswert empfunden hat oder es heute so darstellen will, äußert sich auch ungefragt – ein Blick ins Internet lehrt dies. Kritiker der DDR berichten dagegen kaum über einen „normalen“, wenn auch von kleinen Abenteuern geprägten Urlaubsalltag.

2.
Erster Vorschlag: Veränderung der Blickrichtung


Als 1990 aus Wandlitz über den Lebensstil des Politbüros berichtet wurde, habe ich als Kulturwissenschaftlerin die teilweise geradezu hysterischen Reaktionen des Publikums weniger als Ausdruck für einen Dissens interpretiert. Eine anderer Aspekt schien mir viel interessanter: Was sagt diese Erregung über ein durchweg ernüchternd hässliches Interieur (trotz oder gerade wegen des West-Fernsehers) über die von Herrschenden und Beherrschten möglicherweise geteilten Geschmackspräferenzen, über gemeinsame Vorstellungen von einem guten Leben aus? Aus solch veränderter Blickrichtung könnte ein Gewinn auch für die Tourismusgeschichte der DDR gezogen werden. Unbestritten waren die Rahmenbedingungen des Reisens von den politischen und ökonomischen Entscheidungen der entsprechenden Institutionen abhängig. Konzeptionen und Pläne wurden aber von konkreten Personen ausgearbeitet, von Akteuren, die übrigens selbst Touristen waren. Sie repräsentierten mentale Muster und verbreiteten kulturelle Wertvorstellungen, für die sich bisher kaum jemand interessiert hat. Warum, fragt Hasso Spode seit Jahren, hatte Herbert Warnke als „FDGB-Chef“ keine „Berührungsängste mit dem KdF“[13] und installierte nicht nur einen Feriendienst, sondern auch eine „rote KdF-Flotte“, wie sie seinerzeit im Westen genannt wurde. Liegt es nur daran, dass beide „Diktaturen … im Sozialtourismus ein vorzügliches Mittel zur Produktion von Loyalität und Leistungskraft“ sahen? Dagegen könnte man auf das Motorkabinenschiff „Baldur“ verweisen, mit dem 1930 „proletarische Gesellschaftsreisen“ durchgeführt wurden.[14] Gibt es vielleicht eine "nazifreie" Tradition des „Traumschiffs“? Wie dem auch sei, es ist noch zu prüfen, wo die Linien von Übereinstimmung und Differenz im Feld des Tourismus verliefen, um das entsprechende Konzept von Bourdieu aufzugreifen. Das betrifft die politischen und ökonomischen Verhältnisse genauso wie die mentalen Prägungen und kulturellen Wertvorstellungen der Akteure. Sie wären in konkreten historischen Kontexten aufzusuchen, deren Kräftefelder es herauszuarbeiten gilt. Dabei ist mit einer Vielfalt solcher kulturellen Muster zu rechnen, deren Genese, biografisch gesehen, bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts zurückreicht.

3.
Zweiter Vorschlag: Plädoyer für einen synchronen und diachronen Vergleich


Vielleicht gelingt es gerade im eher übersichtlichen Bereich der Tourismusgeschichte, Forschungsstrategien zu entwickeln, durch die in einem sorgfältigen synchronen Ost-West-Vergleich auf die Entwicklung beider Gesellschaften ein neues Licht fällt. Das hieße, nicht die DDR an der Bundesrepublik zu messen, wie es meistens geschieht oder auch umgekehrt, was seltener passiert.

Zunächst zur diachronen Einordnung des Reisens im ostdeutschen Staat. Hier können die Forschungsergebnisse von Hasso Spode ins Feld geführt werden. Er favorisiert eine Tourismusgeschichte des „langen Atems“. Die Nachkriegsgeschichte, das Zeitalter des Massentourismus, erscheint als Nachklang des Eigentlichen, der Entstehung des „Homo touristicus“ im Schoße der Moderne, die ihn um 1900 schon mit allem ausgestattet hatte, was heute teilweise sehr wortreich als neue Entwicklung buchstäblich verkauft wird, wenn man an die Reiseanalysen diverser Anbieter denkt.

Schon für die Zeit um 1800 entpuppt sich der Tourist „als Prototyp des modernen Menschen, empfindsam und fordernd, schwankend zwischen Bewährung und Veränderung, eingespannt zwischen der Sehnsucht nach Freiheit und Einfachheit einerseits und dem Beharren auf Komfort und Sicherheit andererseits.“[15] Im 19. Jahrhundert habe dieser bürgerliche Typus nicht nur seine touristische Infrastruktur erhalten, die bequemes, sicheres Reisen ermöglichte, sondern im Gefolge der industriellen Entwicklung habe sich zugleich der Begründungszusammenhang geändert, in dem über das Reisen geredet wurde. Reisen wurde nun geradezu als lebensnotwendig betrachtet und zwar vor allem zur Rekreation der Arbeitskraft. Der Jahresurlaub entwickelte sich zu einer neuen Urlaubsform. Die Pointe ist, dass er am Ende des 19. Jahrhunderts vor allem Geistesarbeitern, ihren Frauen und Kindern zugestanden, gewährt und verordnet wurde. Zunächst blieb er also ein bürgerliches Phänomen, „…erst in der Zwischenkriegszeit zerbricht das Begründungssystem des bürgerlichen Urlaubsprivilegs unter dem Druck der industriellen Rationalisierung und der politischen Anerkennung der Arbeiterbewegung. Ein universeller Anspruch auf die Urlaubsreise rückt in den Horizont. Das Dogma, Reisen diene der Erholung und sei daher keineswegs ein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, wurde dabei nicht angetastet. Im Gegenteil, es wurde auf alle Menschen ausgedehnt und prägt bis heute sowohl die arbeitsrechtliche Sicht als auch des Selbstbild de Homo touristicus.[16] Zu betonen ist, weil das vielleicht in der Eile nicht ganz deutlich wurde, das Zusammengehen von Urlaub und Reise. Wenn beide heute in der Vorstellung ein Syndrom bilden, kann darauf geschlossen werden, dass dies habitualisiert ist (nichts anderes meint ja die Rede vom „Selbstbild“). Dabei bleiben alle Begründungen letztendlich nebensächlich. Die Urlaubsreise hat ihren Sinn in sich selbst.

Folgt man Spode, so wäre es sinnvoll, nun synchron zu untersuchen, wie sich das Phänomen Urlaubsanspruch und Urlaubsreise in verschiedenen Gesellschaften in der Zwischenkriegszeit darstellte, für die Sowjetunion, Schweden, Italien, Deutschland und die Schweiz etwa. Zu letzterer liegt eine schöne, bisher zu wenig gewürdigte Arbeit mit dem schlichten Titel „Ferien. Interpretationen und Popularisierung eines Bedürfnisses“ vor, die manche ideologisch aufgeladenen Diskussion über den „Arbeiterurlaub“ im „Dritten Reich“ und in der DDR entschärfen könnte.[17] Auch im Sinne einer Vorgeschichte des Nachkriegstourismus kann dieser Blick über den deutschen Tellerrand hinaus fruchtbar gemacht werden.

Ein wichtiges Indiz für die Habitualisierung der Urlaubsreise, wenn auch noch nicht für ihre konkreten Ausformungen, ist zweifellos die Reiseintensität in Deutschland. Sie lag nach begründeten Schätzungen[18] vor dem 1. Weltkrieg bei 11%, 1929 bei ca. 15% und 1937 bei etwa 18%. Für die Nachkriegszeit in der Bundesrepublik liegen verlässlichere Zahlen vor. Danach stieg die Reiseintensität von etwa 25% im Jahre 1954 auf 52% im Jahre 1972. Danach liegt sie im Mittel bei 76%.[19] Für die DDR scheint sie Anfang der 1950er Jahre und Ende der 1980er Jahre höher gelegen zu haben.

Was den synchronen Vergleich der beiden Deutschländer angeht, so wäre das überkommene kulturelle Erbe zu sichten. Dazu gehört nicht nur die Ausprägung der Reiselust. Sehe ich es richtig, so argumentiert die gegenwärtige westdeutsche Tourismusgeschichte auch eher „vom Ende“, dem Sieg des kommerziellen Massentourismus. Eine genauere Untersuchung wären wohl die Anstrengungen verschiedener Institutionen nach 1945 in Westdeutschland wert, das unterstellte Bedürfnis nach einer Urlaubsreise zu bewerten, zu unterstützen oder abzulehnen. Hier traten Gesetzgeber, Gewerkschaft, Kirchen, Reiseveranstalter, Jugendfürsorger auf den Plan, um nur einige zu nennen. Bis heute wird das Feld des Reisens weder diskursiv noch praktisch dem Kommerz überlassen.[20] Ein Vergleich mit der DDR könnte nicht nur helfen, das Phänomen des „Sozialtourismus“ bis in die Begrifflichkeit hinein neu aufzurollen, sondern Gemeinsamkeiten wie Unterschiede beim „take-off“ des Massentourismus der Nachkriegszeit über den Vergleich von Zahlen und offiziellen Verlautbarungen hinaus herauszuarbeiten. Was in den beiden Deutschländern geschah, ist aber letztlich nur aus europäischer Perspektive angemessen zu interpretieren, wobei die Grenzlinien nicht nur zwischen West und Ost verliefen, wie bisher unterstellt wird.

Über die Mentalitäten von Arbeitern und ihre Sicht auf die Urlaubsreise ist ernüchternd wenig bekannt. Warum reisen sie bis heute seltener und anders als studierte Menschen? Was Christine Keitz schon für die Zwischenkriegszeit herausgearbeitet hat, wirkt nach 1950 fort und zwar in West und Ost. So lag nach Berechnungen von Cord Pagenstecher die Reiseintensität von Angestellten um 1960 bei 52% und war damit fast doppelt so hoch wie die von Facharbeitern (von den damals zahlenmäßig noch relevanten Landwirten mit etwa 5% gar nicht zu reden). Erst nach 25 Jahren erreichten Facharbeiter die Reiseintensität der Angestellten von 1961, wobei letztere schon seit Mitte der 1970er Jahre zu zwei Dritteln verreisten.[21]
Auch für die DDR liegt der Anteil der Reisenden (bezogen auf eine mindestens einwöchige Urlaubsreise ins Inland) Mitte der 1980er Jahre bei Menschen mit Hoch- und Fachschulabschluss bei rund 68%, Facharbeiter (und Meister) hatten eine 11% geringere Reiseintensität, von den Un- und Angelernten über 16 Jahre verreisten 37,4%. Mindestens eine Woche im Ausland verbrachten 31,1% der Akademiker, 20,5% der qualifizierten Arbeiter (und 14,8% der Un- und Angelernten). Von letzteren hatten 37% noch nie eine Urlaubsreise ins Ausland gemacht, während es bei den Hoch- und Fachschulabsolventen nur 17,4% waren.[22]

In ihrer Reiseintensität lag die Bundesrepublik übrigens 1970 hinter vielen westeuropäischen Ländern noch deutlich zurück, etwa Schweden, Norwegen, Großbritannien, den Niederlanden oder der Schweiz.[23]

4.
Zwischen „Goldstrand und Teutonengrill“? Ein Versuch über den Ruf nach Reisefreiheit und den Slogan „Visafrei bis Hawai“


„Goldstrand und Teutonengrill“, das ist der Titel eines bis heute viel zitierten Sammelbandes, zu dem Hasso Spode Beiträger aus Ost und West eingeladen hatte.[24] Der Titel suggeriert eine These: in beiden Deutschländern hätten die Reisenden nur außerhalb des Landes finden können, was sie suchten: einen Sonnenstrand am warmen Wasser. Praktisch ist es letztlich bei der Behauptung geblieben, die ich im Folgenden wenigstens andeutungsweise beim Wort nehmen möchte.

Zunächst zu den geschichtlichen Zäsuren. War der Mauerbau für den Osten entscheidend? Wann wurde er für Urlaubsreisen wirklich zum Problem? Vor 1961 waren Reisen in Richtung Westen (und ich meine nicht nach Westdeutschland) für Ostdeutsche politisch in dem Maße möglich, wie das auch für die westdeutsche Bevölkerung galt. Das wurde bisher ebenso wenig erforscht wie rein touristische Reisen in die Bundesrepublik. Da diese Touristen nicht in der Bundesrepublik lebten, wurden sie auch bei Umfragen nicht erfasst. Quantitativ liegt also alles im Dunkeln. Andererseits: Derlei Reisen waren an knappes Westgeld gebunden. Knapp nicht nur im Osten, sondern auch im Westen selbst. Als typische Westreise gilt für diese Zeit der Verwandtenbesuch, was selbstverständlich eine touristische Nutzung nicht ausschließt. Die Möglichkeit, in Westdeutschland herumzureisen, Freunde und Verwandte zu sehen und sich touristische Destinationen zu erschließen, war nach 1961 abgeschnitten.

Das würde ich als erste Zäsur in der Rede von der Reisefreiheit ausmachen, der Ruf „Visafrei bis Hawai“ hätte aber noch anachronistisch gewirkt. Zeitzeugen können hier wenigstens qualitativ Licht ins Dunkel bringen. Aus ihnen rekrutieren sich auch die ersten Generationen mit Reise- und Auslandserfahrung in der DDR. Es ist aber auch mit einem hohen Anteil jener zu rechnen, die weder oft im Urlaub verreisten und eine Auslandsreise erst recht nicht im Visier hatten. Um anzudeuten, worum es geht, werde ich mich jetzt selbst als teilnehmende Beobachterin und Zeitzeugin einführen. In unserer Familie gab es Verwandtschaft, aber nicht allzu nahe, in den Alpen, in Regensburg und im Spessart. Aus touristischer Sicht wären das geradezu klassische Destinationen gewesen: Hochgebirge, waldige Hügellandschaft im Binnenraum, mittelalterliche Stadt. Genutzt wurde diese Reisemöglichkeit ein einziges Mal 1956 für einen Besuch in Regensburg, jedoch nicht im Sinne einer touristischen Reise. Was waren Hinderungsgründe? Zunächst waren sie finanzieller Art – auch Urlaubsfahrten in der DDR scheiterten in meiner Familie auf den ersten Blick am Finanzbudget. Doch solche Aussagen sind nicht einfach hinzunehmen. Die Tourismusforschung vermutet dahinter ein Bündel von Ursachen, etwa die, dass Urlaub und Reise noch nicht ineinander fielen. Entscheidungen über mögliche Ausgaben sind sozial und kulturell geprägt. Auch hierzu ein Beispiel aus meinem Umfeld: zwei Brüder, beide Angestellte, Einkommen etwa gleich. Der eine unternahm schon in den dreißiger Jahren mit seiner Freundin eine äußerst preiswerte Paddelboottour. Übernachtet wurde im Zelt. Die Frau des anderen erwartete ein ordentliches Bett, das, typisch für kleine und mittlere Angestellte bis weit in die 1960er Jahre hinein, in einer Pension stand. Falls sich die Gelegenheit bot - und um nun in die Zeit nach 1945 überzuwechseln - konnte das Bett auch in einer FDGB-Pension stehen. Zelturlaub blieb aber ausgeschlossen. Eine Auslandsreise gar stand nicht auf dem Plan, es sei denn eine Tour nach Paris, wenn „die Deutschen den Krieg gewonnen hätten“. Deshalb war auch nach 1990 eine Busreise nach Österreich, die von einem örtlichen Reiseunternehmen durchgeführt wurde und bei der alle Mitreisenden einschließlich des Busfahrers bekannt waren, das größte Wagnis in Sachen Auslandstourimus. Das war vor dem Euro und gezahlt wurde auch in Wien mit DM.

Doch zurück in die Zeit bis 1961. Auch in Westdeutschland verbrachte in den 1950er Jahren die Mehrheit ihren Urlaub nicht im Ausland, die letzte Urlaubsreise hatte für viele vor dem Krieg stattgefunden. Wer sich doch auf den Weg machte, übernachtete häufig bei Verwandten und Bekannten. Das ging aber nur, wenn dort intakter Wohnraum vorhanden war, der nicht von Flüchtlingen aus dem Osten belegt war. Die steigenden Löhne und Gehälter wurden vorrangig für ein Dach über dem Kopf und die Wohnungsausstattung ausgegeben.[25] Die von den Medien immer noch in die erste Hälfte 1950er Jahre verlegte „Reisewelle“ suggeriert zugleich „Reisefreiheit“. In dieser Verbindung bleibt die Reisefreiheit, die ja schon seit längerem zu den bürgerlichen Freiheiten gehörte, nicht mehr nur ideell, sie wird real, wird Praxis. Mit Hilfe von Neckermann soll sie vor allem in Italien verwirklicht worden sein, wohin die Reisewelle schwappte. Genauer besehen handelt es sich jedoch um einen ideologisch ambitionierten Mythos. Unklar ist, ob er seinerzeit in Ost und West im Alltagsbewusstsein das erhoffte Ergebnis hatte. (Hier gibt sicher die kürzlich erschienene Dissertation von Till Manning Aufschluss, die mir aber noch nicht zugänglich ist.[26]) Auf jeden Fall wurde dieser Mythos aber auf beiden Seiten dankbar kulturkritisch aufgegriffen.

Erst in späterer Zeit, in der ersten Hälfte der 1970er Jahre, haben sich jene materiellen, sozialen und kulturellen Voraussetzungen entwickelt, die Reisefreiheit und Auslandsreise für die Ostdeutschen miteinander verklammerten. Damit war eine neue Qualität erreicht und eine zweite, entscheidende Zäsur. Aber sollte es wirklich gleich „bis Hawai“ gehen? „Hawai“ scheint nicht nur wegen des Reims gut zu passen. Es gehört zu jenen Destinationen, die durch Meer, Strand und Sonne überzeugen. Als pazifische Insel ist es seit langem Sehnsuchtsziel der Fernweh-Geplagten, zumal es heute ein US-Bundesstaat ist.

Äußerungen von Zeitzeugen wie Statistiken für die Zeit nach 1990 legen jedoch nahe, dass auch 1989 nur wenige an Hawai dachten. Zunächst wollte man mal mit eigenen Augen sehen, wie es „drüben“ ist. Diese Wendung ist oft zu hören. Das konnte, aber musste nicht Verwandtenbesuche einschließen. Sowohl für Kurzreisende wie Urlaubsreisende aus dem Osten wurden die „alten Bundesländer“ unmittelbar nach dem Beitritt ein beliebtes Reiseziel. So unternahmen 1994 71% der Ostdeutschen (aber nur 62% der Westdeutschen) eine Kurzreise innerhalb des Landes, wobei 65% der Ostler zu einem Besuch bei Verwandten und Bekannten aufbrachen (gegenüber 48% der Westdeutschen).[27]

Bei den Haupturlaubsreisen bescherten 1990 vermutlich vor allem die Ostdeutschen dem Inlandstourismus einen Anstieg auf 40% (nachdem dessen Anteil 1989 noch bei 29% gelegen hatte).[28] Genaueres ist den Berechnungen von Heike Bähre zu entnehmen. Danach reisten 1990 33,7% und 1991 34,7% Ostdeutsche während des Urlaubs in die alte Bundesrepublik (Anteil an allen Reisen). Das waren um die 4 Millionen Menschen, eine Zahl, die nach 10 Jahren auf 1,8 Millionen gesunken war. Diesem Negativsalto steht ein Positivsaldo bei den Westdeutschen gegenüber (und zwar zu Lasten des Inlandstourismus mit Zielen im Westen). So verbrachten im Jahre 2000 2,4 Millionen Ostler, aber 3,2 Millionen Westdeutsche einen Urlaub auf dem ehemaligen Gebiet der DDR.[29] Geradezu dramatisch war der Rückgang der inländischen Reiseziele für die Ostdeutschen (von 9,9 Millionen im Jahre 1990 auf 6,3 Millionen im Jahre 1991 und 4,3 Millionen im Jahr 2000).

Was sagt uns das über das Reiseverhalten der Ostdeutschen und den Ruf nach Reisefreiheit?
Ein vergleichender Blick auf die Urlaubsreisen vor 1990 könnte Aufschluss geben. Danach reisten bekanntlich 1968 zum ersten Mal mehr Bundesbürger zum Urlaub ins Ausland als in heimische Gefilde. Bis 1989 verloren Reiseziele im Inland ständig an Attraktivität und lagen um 30%.[30] Ein Blick auf die Berechnungen von Heike Bähre zeigt, dass die DDR-Bürger dagegen ihren Urlaub mehrheitlich im Inland verlebten.[31] Auch die folgende Kritik dieser Zahlen ändert daran grundsätzlich nichts.

Zunächst einige Ergänzungen. Seit Jahrzehnten, auch schon in der DDR, wurde versucht, den Anteil von gesellschaftlich und individuell organisierten Reisen zu erfassen und zu quantifizieren. Von der Statistik nicht erfasste Privatreisen wurden dabei durch Umfragen erhoben, allen voran vom Leipziger Institut für Marktforschung, von der Verkehrshochschule Dresden und dem Leipziger Institut für Jugendforschung. Im Ergebnis gibt es mehr oder weniger begründete Schätzungen über das Ausmaß des Auslandsurlaubs.

Cornelia Dahrendorf spricht in ihrer Dissertation für 1980 von 6, 2 Millionen Inlandsurlaubern und 1,2 Millionen Auslandsurlaubern. Von letzteren seien 44% organisiert gereist, knapp 56% auf eigene Faust.[32] Die Möglichkeiten, pauschal oder individuell ins RGW-Ausland reisen zu können, unterlagen ökonomischen und politischen Konjunkturen. So brach nach 1968 der Reiseverkehr mit der CSSR und nach 1981 mit Polen für einige Zeit ein. Bezogen auf den Zeitraum nach 1965 machten sich aber vor allem ökonomische Probleme bemerkbar. So erreichte der Bulgarien-Tourismus 1975 mit 31 000 Pauschalreisen einen Höhepunkt, der bis 1988 nicht mehr erreicht wurde. Stattdessen lockte der „europäische Badestrand von seltener Schönheit“ westliche Urlauber an, die „große Preisvorteile durch besonders günstigen Wechselkurs“ genießen konnten, wie es schon in den sechziger Jahren in einem Werbeprospekt hieß.[33] Dagegen verzehnfachten sich Reisen in die UdSSR. Schon 1965 reisten 450 000 Urlauber pauschal in die CSSR, die wichtigstes Reiseziel blieb. Für den RGW insgesamt gelang in 24 Jahren nur eine Verdopplung der Reisezahlen, die vor allem auf Zuwächsen zwischen 1970 und 1975 beruhte.[34] In dieser Hinsicht verlief die Entwicklung in Ost und West parallel. Mit anderen Worten, interpretiert man die erwähnten Steigerungsraten im Auslandstourismus als Reaktion auf wachsende Bedürfnisse, so konnten die Ostdeutschen zu Beginn der 1970er Jahre noch eine ständige Ausweitung der Möglichkeiten erleben.[35] Trotz der folgenden relativen quantitativen Stagnation verfügten 1989 die jüngsten Kohorten über vielfältige Erfahrungen mit Auslandsreisen. So gaben in einer Untersuchung des Leipziger Instituts für Jugendforschung nur 2% der befragten Studenten an, ihre Ferien noch nie im Ausland verbracht zu haben (im Gegensatz zu 25% der jungen Facharbeiter). Immerhin ein Viertel der Studierenden hatte schon 10mal und mehr Urlaub im Ausland verlebt, bei den Facharbeitern 50% zwischen zwei- und 5mal.[36]

Eine vorsichtige Interpretation dieser und anderer Daten ergibt, dass die kulturellen Lernprozesse[37] in Bezug auf den Auslandsaufenthalt schon in der DDR stattfanden (ich folge hier der Einschätzung von Heike Wolter). Reisen in die CSSR gehörte, wenn man Tagesfahrten und Kurzreisen einbezieht, zum Alltagstourismus, auch für Reisen in die Sowjetunion oder nach Ungarn, Polen und Bulgarien dürfte das gegolten haben. Diese Lernprozesse begann schon Ende der 1950er Jahre, erreichten ihre erste Hochphase aber wohl erst Anfang der 70er. Mit anderen Worten, waren (wenn man die seltenen und teuren Ziele wie Ägypten, Kuba oder Vietnam vernachlässigt), gegen Ende der DDR die Destinationen für viele „ausgereizt“? War es langweilig geworden, zum fünften Mal nach Bulgarien oder Ungarn zu reisen? Zeitzeugen bestärken diese Vermutung. Sie wollten mal woanders hin.

Gegen eine solche Interpretation spricht ein Blick auf die westdeutschen Hauptreiseländer wie auch auf Reisegewohnheiten.[38] Der Kreis der beliebtesten Urlaubsländer ist klein, lagen 1970 Österreich (15%), Italien (12%) und Spanien (5%) vorn, so waren es 1988 Spanien (12%), Italien (11%), Österreich (8%) und Frankreich (7%). Fernreisen hatten 1970 einen Anteil von 1%, 1988 von 10%.[39]: Bis weit in die 70er Jahr war Ausland wesentlich deutschsprachiges Ausland, wenn die hier nicht genannte Schweiz hinzugefügt wird und mit Südtirol eine in Italien gelegene deutschsprachige Region. Vergleicht man das nun mit der DDR, dann könnte neben der mythologisierten Rede von der Reisefreiheit, die ja nicht nur die Urlaubsreise meinte, eine andere Entwicklung bedeutsamer gewesen sein. Das Reisebüro der DDR war schlicht nicht in der Lage, den Bedarf an Pauschalreisen zu befriedigen. Der große „Run“ auf die Pauschalreise begann in Deutschland nicht mit Neckermann, sondern mit dem Aufstieg des Spanienurlaubs. Die „Haupturlaubsreise“ wurde 1970 noch von 87% als Individualreise organisiert, bis 1978 war dieser Anteil auf 75% gesunken. Im Jahre 1988 waren schon 39% „Veranstalterreisen), 1994 war mit 47% fast Parität zu den Individualreisen erreicht.[40] Billiger Pauschalurlaub, Hotelaufenthalt, Flugreise und die „Germanisierung“ Mallorcas bildeten wohl ein Syndrom, dessen Auswirkungen auf die Vorstellungen vom „richtigen Urlaub“ noch zu prüfen sind. Jedenfalls wünschten sich 1977 in der DDR 58 % der Befragten für ihren potentiellen Auslandsurlaub eine organisierte Reise, nur 27 % präferierten eine individuelle.[41] Man wollte ohne großen Aufwand reisen, auch der Auslandsurlaub war ein normales Konsumgut geworden, für das gelten sollte: Geld gegen Ware. Auch das war mit „Visafrei nach Hawai“ gemeint. Zudem bedeuteten sprachliche Barrieren ein zusätzliches kulturelles Hindernis für private Reisen, doch darüber ist bisher wenig bekannt.

Zu klären ist auch, inwieweit für die Perspektive der Ostdeutschen und den Wunsch, nun endlich mal andere Länder zu sehen, das Bewusstsein bedeutsam gewesen ist, bisher nicht an den „richtigen“ Destinationen gewesen zu sein. Das hat eine eindeutig distinktive Komponente. Der Ärger der Ostdeutschen in Bulgarien könnte so eine Erklärung finden. Zwar werden entsprechende Äußerungen von Zeitzeugen immer am Geld festgemacht. Viel wichtiger dürfte aber gewesen sein, dass ein DDR-Lehrer mit einem westdeutschen Arbeiter nicht nur konkurrieren musste und verlor, sondern dass man sich überhaupt am selben Ort aufhalten musste.

Die in der Literatur kolportierte Vorstellung, Italien sei das Sehnsuchtsziel der Ostdeutschen könnte hier ihre Wurzel haben. Bestärkt wird sie durch Menschen wie Klaus Müller, der 1988 auf den Spuren Seumes nach Syrakus „wanderte“.[42] Verallgemeinerbar ist das allerdings nicht. Zumindest für die überwiegende Mehrheit gehörte Italien (auch nicht seine Mittelmeerküste) nicht zu den geplanten Reisezielen. Prozentual nur jeweils halb so viele Ostdeutsche wie Westdeutsche äußerten 1994 Interesse daran, „ziemlich sicher“ oder „“wahrscheinlich“ in Italien am Mittelmeer, in den Alpen oder im Binnenland Urlaub machen zu wollen. Italien lag für die Ostdeutschen etwa gleichauf mit den Balearen, Griechenland, Ungarn und der ehemaligen CSSR.[43]

Seinen mythischen Überschuss und die damit intendierten Bilder hat der Topos von den durch Reisefreiheit in Gang gesetzten Reisewellen allerdings bis heute nicht verloren. Auch im wissenschaftlichen Feld zeigt er seine Macht - wie ist die oben zitierte Überlegung von Christopher Görlich sonst zu verstehen. Danach hätten die DDR-Bürger ab 1990 nachgeholt, was schon für die Westdeutschen nicht nachweisbar ist: nämlich Italien zu überschwemmen. Nun sind aus kulturgeschichtlicher Sicht nicht nur Fakten, sondern auch Wahrnehmungen interessant. Doch auch Wahrnehmungen bewegen sich nicht im Ungefähr. Für die Wirksamkeit des Mythos, für die alltägliche Vorstellungswelt der Menschen könnte das Stereotyp oder Phantasma von Italien als „Sehnsuchtsland“ eine Rolle gespielt haben und spielen. Auch die Rede vom „Land, wo die Zitronen blühen“ ist älteren Bildungsbürgern noch gegenwärtig. Doch ist nicht erwiesen, ob sie jemals über enge soziale Grenzen hinaus bekannt und wirksam gewesen ist. Die Mehrheit der westdeutschen Italienurlauber bewegte sich ja nicht auf den klassischen Reiserouten, sondern sonnte sich am Strand von Rimini, eben am „Teutonengrill“. Sie bereiteten jenes „sun, sand, sea and sex“ vor, mit dem Reiseveranstalter heute nicht mehr eine Destination, sondern ein Syndrom aus Urlaubswunsch und Realisierung bezeichnen, dass an jeder warmen Küste stattfinden könnte. Das schwebte wohl auch vielen Ostdeutschen vor, die sich diesen Wunsch allerdings nur am „Goldstrand“ erfüllen konnten.

Anmerkungen
[1] Hachtmann, Rüdiger: Tourismusgeschichte – ein Mauerblümchen mit Zukunft! Ein Forschungsüberblick, hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/2011-10-001, S.1.
[2] Spode, Hasso: Der Aufstieg des Massentourismus im 20. Jahrhundert, in: Haupt, Heinz-Gerhardt; Torp, Claudius (Hg.): Die Konsumgesellschaft in Deutschland 1890-1990. Ein Handbuch, Frankf.a.M./New York 2009, s. 114-130.
[3] Hachtmann, Rüdiger, a.a.O., S. 21.
[4] Wolter, Heike: „Ich harre aus im Land und geh, ihm fremd“. Die Geschichte des Tourismus in der DDR, Frankf.a.M./New York 2009, S. 46.
[5] Hachtmann, Rüdiger, www.sehepunkte.de/2010/05/17252.html.
[6] Görlich, Christopher: Urlaub vom Staat. Zur Geschichte des Tourismus in der DDR, in: Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien, Nr. 38/39 Dezember 2007/Januar 2008, S. 64.
[7] Ebd.66.
[8] Schaufuß, Thomas: Die politische Rolle des FDGB-Feriendienstes in der DDR. Sozialtourismus im SED-Staat, Berlin 2011.
[9] Dahrendorf, Cornelia: Die Befriedigung des Bedürfnisses nach Urlaubstourismus in der sozialistischen Gesellschaft, Martin-Luther-Universität Halle/S.-Wittenberg 1983, Dissertation A, 150 Blatt.
[10] Appelius, Stefan: Das Reisebüro der DDR, Deutschland Archiv Online (2011)7, www.bpb.de/themen/49F9X5,0,Das Reisebüro_ der_ DDR.html
[11] Sönke Friedreich: Urlaub und Reisen während der DDR-Zeit. Zwischen staatlicher Begrenzung und individueller Selbstverwirklichung, Dresden 2011.
[12] So in den einschlägigen Beiträgen in „Endlich Urlaub“. Die Deutschen reisen, Bonn 1996.
[13] Spode, Hasso: Der Aufstieg des Massentourismus im 20. Jahrhundert, a.a.O., S. 123f..
14 Hobusch, Erich: Proletarische Gesellschaftsreisen mit dem Motorkabinenschiff „Baldur“ um 1930, in: Spode, Hasso (Hg.): Zur Sonne, zur Freiheit! Beiträge zur Tourismusgeschichte, Berlin 1991, S. 71-78.
[15] Spode, Hasso: Wie die Deutschen „Reiseweltmeister“ wurden. Eine Einführung in die Tourismusgeschichte, Erfurt 2003, S. 36.
[16] Ebd, S. 72.
[17] Schumacher, Beatrice: Ferien. Interpretationen und Popularisierung eines Bedürfnisses Schweiz 1890-1950, Wien/Käln/Weimar 2002.
[18] Keitz, Christine: Reisen als Leitbild. Die Entstehung des modernen Massentourismus in Deutschland, München 1997, S. 336.
[19] Wiegand, Guido; Schrader, Rolf und Lohmann, Martin: RA 2011. Erste Ergebnisse, ITB Berlin, März 2011.
[20] Stellvertretend hierzu die langjährigen Forschungen von Dieter Kramer: Tourismus-Politik. Aufsätze aus 12 Jahren Tourismus-Diskussion, Münster 1990.
[21] Pagenstecher, Cord: Der bundesdeutsche Tourismus. Ansätze zu einer Visual History: Urlaubsprospekte, Reiseführer, Fotoalben 1950-1990, Hamburg 2003, S. 129.
[22] Grundmann, Siegfried: Der DDR-Alltag im Jahre 1987. Dargestellt auf der Grundlage der soziologischen Untersuchung ‚Sozialstruktur und Lebensweise in Städten und Dörfern’ aus dem Jahre 1987, in: Timmermann, Heiner (Hg.): Die DDR- Analysen eines aufgegebenen Staates, Berlin 2001, S. 151.
[23] Scheuch, Erwin K.: Soziologie der Freizeit, in: König, René (Hg.): Handbuch der empirischen Sozialforschung, Band 11: Freizeit, Konsum, Stuttgart 1977, S. 125.
[24] Spode, Hasso (Hg.: Goldstrand und Teutonengrill. Kultur- Und Sozialgeschichte des Tourismus in Deutschland 1945 bis 1989, Berlin 1996
[25] Siehe die entsprechenden Kapitel bei Pagenstecher (a.a.O.).
[26] Manning, Till: Die Italiengeneration. Stilbildung durch Massentourismus in den 1950er und 1960er Jahren. Göttingen 2011.
[27] Aderhold, Peter: Urlaub und Reisen. Die Reiseanalyse. Urlaubsreisen 1970-1994. Ausgewählte Zeitreihen, Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. 1996, Tabelle 15.
[28] Ebd., Tabelle 3.
[29] Bähre, Heike: Tourismuspolitik in der Systemtransformation. Eine Untersuchung zum Reisen in der DDR und zum ostdeutschen Tourismus im Zeitraum 1980 bis 2000, Berlin 2003, Tabelle 6.3, S. 430.
[30] Siehe z.B. die schon zitierte RA 2011.
[31] Bähre, Heike, a.a.O., S. 270.
[32] Dahrendorf, Cornelia, a.a.O., S. 111.
[33] Endlich Urlaub, a.a.O., S. 81.
[34] Wolter, Heike, a.a.O., S. 147.
[35] Immer wieder ist darauf hinzuweisen, dass diese organisierten Reisen nur einen Teil der Auslandsreisen ausmachten. So wird für 1983 eine Zahl von fast 4,4 Millionen Individualtouristen mit Reiseziel CSSR und knapp 108 000 mit Reiseziel Ungarn angegeben. Das wären für die CSSR das 5-6fache der Pauschaltouristen, nach Ungarn wären genauso viele Urlauber pauschal wie individuell gereist. Allerdings sind die Zahlen nicht wirklich vergleichbar, da bei den Individualtouristen nicht angegeben wird, wie lange ihre Reise dauerte. Für die CSSR kommen allerdings Tagesfahrten und Kurzreisen eher in Betracht als für Ungarn. Zu den Zahlen siehe: Müller, Claudia Andrea: Teure Touristen, in: www.horch-und-guck.info/hug/archiv/2008-2009/heft-64/06408/.
[36] Schmidt, Harald: Der deutsche Jugend-Tourist. Jugendsoziologische Studien über Reiseinteressen und –tätigkeiten junger Leute aus Ost- und Westdeutschland 1989/90, Berlin 1990.
[37] Zu den genannten Lernprozessen gehörte auch ein gewachsenes Qualitätsbewußtsein. Lärm und Dreck am Urlaubsort wollten auch die DDR-Bürger nicht mehr hinnehmen. Hier entwickelte sich ein Potential für Unzufriedenheit (möglicherweise mit der Erwartung, im „Westen“ gebe es so etwas nicht), das bisher ebenfalls kaum untersucht ist.
[38] Auf letztere kann ich hier nur hinweisen. Zahlreiche Urlauber fahren oft über Jahre, ja sogar Jahrzehnte in dieselbe Region, auf denselben Campingplatz, in dieselbe Pension.
[39] Aderhold, Peter, a.a.O., Tabelle 5.
[40] Ebd., Tabelle 10.
[41] Dahrendorf, Cornelia, a.a.O., S. 111.
[42] Großmann, Margita: „Boten der Völkerfreundschaft“? DDR-Urlauber im sozialistischen Ausland, in: Endlich Urlaub, a.a.O. S. 91f.
[43] Aderhold, Peter, a.a.O., Tabelle 8.