KULTURATIONOnline Journal fŘr Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 2011
Geschichte der ostdeutschen Kulturwissenschaft
Horst Groschopp
Warum aus Freidenkern Humanisten wurden
Neues zur Geschichte der Bewegungen von Konfessionsfreien in Ostdeutschland
Aktueller Einstieg: "Vatikanischer Humanismus" / Humanismus-Definition

Vatican Radio verbreitete am 21. Mai 2011 zur Mittagszeit unter der ├ťberschrift "An der Gottesfrage entscheidet sich alles" die Nachricht, dass Papst Benedict XVI. eine Abordnung der r├Âmischen Universit├Ąt Sacro Cuore empfangen habe und vor ihr den "Niedergang der 'humanistischen Kultur'" beklagt habe. Der menschliche Horizont werde "auf das reduziert, was sich messen l├Ąsst". Es sei deshalb eine Aufgabe der katholischen Universit├Ąten und Fakult├Ąten, f├╝r eine Renaissance des "echten Humanismus" zu sorgen. Diese m├╝ssten wieder eine "Schule der humanitas" sein. Das Evangelium setze kulturelle, humanistische und ethische Energien frei und das Wissen des Glaubens erleuchte die Menschen, entrei├če sie "einem Denken des Kalk├╝ls".

Berechenbarkeit und Kalk├╝l sind freundlichere und volkst├╝mlicher Ausdr├╝cke als Aufkl├Ąrung und Rationalismus, meinen das aber letztlich. Das richtet sich gegen eine Auffassung vom "wissenschaftlichen Humanismus", die auch im organisierten Humanismus strittig ist, worauf am Ende des Vortrages eingegangen wird. Praktisch bedeutet die obige Mitteilung, dass der Vatikan die vom Humanismus ausgehende Gefahr f├╝r alle Religionen erkannt hat und ein Humanismus angestrebt und gelehrt werden wird, der in die Dogmen der Kirche passt und in der Mussolini-Zeit schon einmal entwickelt wurde.[1]

Diesem Humanismus steht dasjenige Verst├Ąndnis entgegen, wie es heute im Allgemeinen und in einem Satz ausgedr├╝ckt vorfindlich ist: eine historisch gewordene Kulturauffassung von "Barmherzigkeit", "Menschlichkeit" und "Bildung" verstanden, die weltanschauliche Richtungen b├╝ndelt, die mit einem rationalen und historischen Herangehen W├╝rde definieren, damit verbundene Fragen anthropozentrisch beantworten (nicht anthropozentristisch) und die ohne Transzendenzbezug auskommen.

Humanismus wird oft verwechselt oder gleichgesetzt mit Humanit├Ąt. Das ist aber nicht identisch. Humanit├Ąt verweist seit Herder auf eine Haltung der Menschlichkeit. Diese kann auch religi├Âs begr├╝ndet werden. Der "Ismus" jedoch verweist auf etwas anderes, auf historische und kulturelle Bewegungen, auf Haltungen und Str├Âmungen, auf Ideenkonglomerate und Menschenbilder sowie auf p├Ądagogische Annahmen und Praxen.

Danach ist Humanismus ist eine besondere Kulturanschauung. In ihr wird der Mensch vom Menschen aus betrachtet und in den Mittelpunkt gestellt, also nicht von einem Gott oder einer Religion aus abgeleitet, oder von der Rasse oder Nation her bestimmt. Es gibt gegenw├Ąrtig etwa vierzig Humanismen, dar├╝ber sp├Ąter.


Kurze Geschichte der Freidenkerei

Die allgemeinste Definition der Freidenkerei stammt von Friedrich Nietzsche, der sie zu einem Zeitpunkt (1880/81) in dem Buch Morgenr├Âthe formulierte, als die Br├╝sseler-Freidenker-Internationale und der Deutsche Freidenkerbund entstanden. Interessanterweise verglich Nietzsche die Freidenker, denen "schon ein Ausdenken und Aussprechen von verbotenen Dingen ... Befriedigung giebt", mit den "Freith├Ątern". Letztere seien gegen├╝ber den Freidenkern in einem doppelten Nachteil, zum einen, "weil die Menschen sichtbarer an den Folgen von Thaten, als von Gedanken leiden"; und zum anderen, weil jene, "welche durch die That den Bann einer Sitte durchbrachen", stets als "schlechte Menschen", ja als Verbrecher gelten. Wenn aber das vorhandene Sittengesetz umgeworfen werde, so ├Ąndere sich die Haltung ihnen gegen├╝ber. Die Geschichte, so schlie├čt Nietzsche seine Sentenz, "handelt fast nur von diesen schlechten Menschen, welche sp├Ąter gutgesprochen worden sind!"[2]

Es versteht sich, dass zu Zeiten der Einheit von Thron und Altar die Freidenkerei eine philosophische und zugleich antikirchliche war.[3] Aus der Gemeinschaft der Protestantischen Freunde ("Lichtfreunde") von 1840/41 und den ab 1844 entstehenden Deutschkatholischen Gemeinden ("Deutschkatholiken") gehen im sp├Ąten Vorm├Ąrz verschiedene freireligi├Âse und freie religi├Âse Gemeinden hervor, die nach 1848/49 teils verboten, teils geduldet, teils zugelassen werden.

Sie versuchen in der Folge verschiedene nationale bzw. regionale Zusammenschl├╝sse. Von diesen ist der 1859 gegr├╝ndete Bund freier religi├Âser Gemeinden Deutschlands der erfolgreichste und f├╝r die dissidentische Bewegung von gravierender Bedeutung. Die gegen Ende des Jahrhunderts stark freidenkerisch werdende Berliner Freireligi├Âse Gemeinde wurde bereits im Vorm├Ąrz geboren.

Die radikaler religionskritischen Freireligi├Âsen riefen 1881 den Deutschen Freidenkerbund ins Leben, eine nationale Seitenlinie des Internationalen Freidenkerbundes (1880), auch Br├╝sseler Internationale genannt. Einige Sozialdemokraten errichten 1905 eine Sterbekasse mit Namen Verein der Freidenker f├╝r Feuerbestattung, aus der nach 1920 eine Massenorganisation wurde und aus der 1993 der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) hervorging. Eine zweite Geburtslinie ist ein kleiner b├╝rgerlicher Kreis in der Berliner Freireligi├Âsen Gemeinde, aus dem 1887 die Berliner Humanistengemeinde hervorging. Sie wurde zu einer Vororganisation der Deutschen Gesellschaft f├╝r Ethische Kultur von 1892, 1893 Mitglied im Internationalen Bund ethischer Gesellschaften (auch: Internationaler Ethischer Bund). Den angestrebten Weg zu einem Ersatz der Religion durch Ethik geht eine Anzahl religi├Âs motivierter Erneuerer nicht mit und gr├╝ndet eigene Vereine.

Nach der Jahrhundertwende nehmen allerlei Versuche einer Koordination der dissidentischen Str├Âmungen zu. Erst das Weimarer Kartell (1907, 1909) vermochte durch Wahrung der Selbst├Ąndigkeit jeder Spezialit├Ąt die gemeinsamen Interessen halbwegs zu b├╝ndeln und ├Ârtliche Allianzen anzuregen.

In den 1920er Jahren differenziert sich diese Verbandslandschaft bin hin zu Massenorganisationen wie dem Deutschen Freidenkerverband, dies vor allem durch dessen Dienstleistungsangebot und hier wieder besonders die Feuerbestattung. 1933 werden diese Organisationen verboten und enteignet, einige in S├╝dwestdeutschland gleichgeschaltet. In der SBZ wurden Neugr├╝ndungen der Freidenker nicht zugelassen, aber es kam in der DDR durch die SED in den 1950ern zu einer "Verstaatlichung" im Kirchenkampf mit Begr├╝ndung der "sozialistischen Kulturrevolution". In BRD erfolgte zun├Ąchst die Anbindung an SPD, dann aber, nach dem Godesberger Programm und der Aufl├Âsung der Arbeiter-Milieus erfolgte der Weg in die Marginalit├Ąt. Nach 1990 erfolgten Versuche eines Neubeginns. Hinzu kam der Verein "Jugendweihe".[4]

Humanistische Organisationen der Gegenwart, Gr├╝nde Annahme des Begriff "Humanismus" und Aktivit├Ąten, Ost-West-Unterschiede

Es ist auf drei Organisationen zu schauen, die gegenw├Ąrtig erfolgreich mit dem Namen "Humanismus" in kulturellen und politischen Feldern operieren - die Humanistische Union (HU, gegr├╝ndet 1961), der Humanistische Verband Deutschlands (HVD, gegr├╝ndet 1993) und die Giordano Bruno-Stiftung (gbs, begr├╝ndet 2004).[5]

1. Die F├╝hrung der ├Ąltesten deutschen B├╝rgerrechtsorganisation Humanistische Union, mit der Verfassungsjuristin Rosemarie Will an der Spitze, hat zwar gerade vergeblich versucht, den Namen zu ├Ąndern, v. a. um Verwechslungen mit dem weltanschaulich auftretenden HVD auszuschlie├čen. Aber die HU hat ein klares Profil juristisch begr├╝ndeter humanistischer Leitkultur.

"Humanismus" meint hier die universal aufgefassten Menschen- und B├╝rgerrechte. Darin ist die Staat-Kirche-Trennung eingebettet. Sie wird in der HU seit jeher laizistisch gedacht und ist in ihrem Programm fast kongruent mit den Freiburger Thesen der FDP von 1971. Aktuell findet zwar eine konsequente L├Âsung von letztlich atheistischen hin zu b├╝rgerrechtlichen Begr├╝ndungen statt. Die HU hat vor Ostern einen eigenen Gesetzentwurf zur Abl├Âsung der Staatsleistungen nach Art. 140 GG iVm Art. 138 Abs.2 WRV vorgelegt.

Der b├╝rgerrechtliche Humanismus der HU ist von den zwei noch vorzustellenden humanistischen Organisationen vor allem dadurch unterschieden, als hier auch religi├Âse Personen aktiv an der Meinungsbildung teilnehmen, z.B. ausgehend von einem christlichen Humanismus und einem Christentum, das sich von staatlichen Einbindungen l├Âsen m├Âchte.

2. Die Weltanschauungs- und Bekenntnisgemeinschaft Humanistischer Verband widmet sich - so das Selbstbild - einem modernen und praktischen Humanismus. Der HVD will auf dem Wege der Gleichbehandlung die Staat-Kirche-Trennung und Menschen "von der Wiege bis zur Bahre" erreichen. Er tritt kulturell auf, bietet Lebens- und Sterbebeleitung, humanit├Ąre bis humanistische Dienstleistungen (Stichworte: Kitas, Lebenskunde, Jugendfeiern, Patientenverf├╝gungen, Hospize). Der HVD hat hier in Berlin etwa tausend Besch├Ąftigte.

Der Begriff Humanismus wurde aus folgenden Erw├Ągungen ├╝bernommen:

a) internationale Erw├Ągungen: Gro├če Verb├Ąnde in den USA, Indien, Sri Lanka, Holland, Belgien usw. haben die Bezeichnung "humanistisch" ├╝bernommen und sind damit erfolgreich bis hin zu internationalen Zusammenschl├╝ssen in der IHEU oder EHF.

b) programmatische Erw├Ągungen: Begriffe wie frei-geistig, frei-religi├Âs, frei-denkerisch wurden wegen zu gro├čer Missverst├Ąndnisse und religi├Âser Vereinnahmungen abgelegt und zugleich, nach Holl├Ąndischem Vorbild eine vorrangig positive Arbeit an einem humanistischen Welt-, Menschen- und Gesellschaftsbild, verbunden mit einer entsprechenden Praxis, aufgenommen. Das war auch ein Abschied vom "Kirchenkampf"

c) ├änderungen der praktischen Konzeption: Der HVD bietet Dienstleistungen an, vor allem in den Bedarfstrukturen "nicht-kirchliche Feiern", "soziale Dienste, aktuell v. a. f├╝r die 5. Lebensphase" und "Bildung sowie Kinder-Jugend-Familie, v.a. Kitas, und Lebenskunde". Die alles w├Ąre ohne Namens├Ąnderung schwer m├Âglich gewesen.

d) Notwendigkeit politischer und konzeptioneller Trennstriche: Das betrifft sowohl die Distanz zu einer Freidenkerei, die die freie Weltanschauung dogmatisch und sektiererisch an den Marxismus-Leninismus zu binden versucht, als auch die klare Distanz nach rechts. Hier betrifft die Abgrenzung eine freie Religiosit├Ąt, die sich zwischen 1933 und 1945 als Teil des Nationalsozialismus verstand. In Zeiten, da politisch Rechte auch "gottlos" auftreten, empfiehlt sich humanistische Positionierung.

Der Humanistische Verband ist dem Laizismus belgischer Pr├Ągung aufgeschlossen, tritt ansonsten "quasi-konfessionell" auf,6 denn er besteht als Weltanschauungsgemeinschaft auf Gleichbehandlung mit den Religionsgesellschaften nach Art. 4 Abs. 1 GG und besonders 140 GG i.V.m. Artikel 137 Abs. 7 WRV: Gleichstellung mit den Religionsgesellschaften durch gemeinschaftliche Pflege einer Weltanschauung.

Alle neuere Rechtsliteratur - bis auf einen, noch ├Ąlteren Grundgesetz-Kommentar - best├Ątigt inzwischen die Gleichbehandlung von Religionsgesellschaften mit Weltanschauungsgemeinschaften.[7]

Der HVD tritt zwar praktisch quasi-konfessionell auf, lehnt aber offiziell den Begriff "Konfession" ab, der im Sinne von "dritte Konfession" im Jahr 2000 vom katholischen Theologen Eberhard Tiefensee eingef├╝hrt wurde, um den "ostdeutschen Volksatheismus" zu charakterisieren.

Der HVD meidet den Konfessionsbegriff aber auch,
- erstens wegen des direkten Vergleichs mit den Kirchen;
- zweitens wegen der eigenen antikonfessionellen Freidenker-Geschichte;
- drittens wegen der Distanz zu einer drohenden Vers├Ąulung der Gesellschaft wie bis vor kurzem in Holland (muslimische, buddhistische usw. "Konfession");[8]
- viertens Vwegen der nichtkonfessionellen Strukturen der Muslime, die dennoch jetzt staatlich bedient werden; und f├╝nftens wegen der vielen Irritationen im Wortgebrauch von "Konfession".

Deshalb ist auch das Verhalten des HVD in der Laizismus-Debatte zur├╝ckhaltend, aber unbedingt von dem Wunsch gepr├Ągt, konkrete Probleme von 35 % Konfessionsfreien in der Gesellschaft zu thematisieren, zwar nicht "kulturk├Ąmpferisch", aber doch endlich einmal ├╝berhaupt.

3. Die Aktivit├Ąten der noch jungen Giordano Bruno-Stiftung, gruppieren sich um den Begriff des "evolution├Ąren Humanismus". Die gbs besitzt wie die HU ein Programm der humanistischen Leitkultur, das aber insofern ├╝ber das der HU hinausreicht, als es st├Ąrker religionskritisch (nicht nur kirchenkritisch) und positiv naturalistisch (soziobiologisch) ist. Ich halte die gbs in ihrem Kern f├╝r laizistisch orientiert. Die Stiftung l├Ąsst aber f├╝r einen in seinem Wirkungskreis konzeptionell begrenzten praktischen Humanismus in ihrem Programm Raum f├╝r Gleichbehandlungsans├Ątze. Mitglieder der gbs sind deshalb auch im HVD aktiv und umgekehrt.

Der weltanschauliche Teil des im Umfeld der gbs gepflegten Humanismus findet sich ebenfalls nicht nur in der gbs. Einige derjenigen, die sich dem "neuem Humanismus" zurechnen, stehen allerdings mitunter sehr kritisch zu Positionen etwa von Michael Schmidt-Salomon.

Dies geschieht auf zwei Ebenen; zum einem lehnen die Kritiker die radikale Haltung gegen├╝ber Religionen und Kirchen ab, besonders die damit verbundene Praxis (Stichworte: Fitna-Aff├Ąre, Buskampagne, Heiden-Spa├č-Festivals, Religionsfreie Zonen, "Evolutionstag" als "Himmelfahrtstag"-Ersatz, "Violettbuch", Kirchenaustrittskampagnen); zum anderen werden einige philosophische Positionen hinterfragt, die hier nicht weiter interessieren.

Alle genannten Organisationen sind Westgr├╝ndungen, an denen Ostdeutsche teilgenommen haben. Au├čer in Berlin plus Speckg├╝rtel sind sie wenig, bis gar nicht vorhanden, was nicht Ableger ausschlie├čt. Eine origin├Ąre und erfolgreiche Ostorganisation ist bescheiden auf dem Weg in den Westen: Jugendweihe e.V., diese versteht sich letztlich als humanistisch-neutral, nicht als humanistischer Verein, gar als Weltanschauungsgemeinschaft.

Hier w├Ąre jetzt das ganze Feld der Konfessionsfreien zu behandeln, einschlie├člich einer Konfessionsfreienpolitik und einer Aufarbeitung der Geschichte des Verst├Ąndnisses von Humanismus in der DDR: Diskussion.

Renaissance der Humanismus-Debatten, Diskussionsrichtungen

Wer einen Blick in aktuelle Humanismus-Debatten wirft, wird auf viele Humanismen sto├čen. Es gibt danach (in alphabetischer Reihenfolge) folgende: abendl├Ąndischer, afrikanischer, alter, anthropologischer, anthropozentrischer, anthropozentristischer, antiker, arabischer, atheistischer, b├╝rgerlicher, christlicher, deutscher, dritter, erster, ethischer, evolution├Ąrer, indischer, interkultureller, islamischer, j├╝discher, klassischer, konfuzianischer, kritischer, lateinamerikanischer, multikultureller, naturalistischer, ├Âkologischer, p├Ądagogischer, philosophischer, praktischer, proletarischer, realer, sozialistischer, super-humanistischer, trans-humanistischer, wahrer, weltanschaulicher, weltlicher (bzw. s├Ąkularer), wissenschaftlicher, zeitgen├Âssischer, zweiter ... Sogar von einem sexuellen Humanismus ist die Rede in einem Buch, 1988 von weiblichen Prostituierten ver├Âffentlicht.

Schon diese (unvollst├Ąndige) Liste zeigt: Humanismus ist wieder ein lebendiger Begriff, geht weit ├╝ber traditionelle Antike-Diskurse im Verst├Ąndnis etwa der "Humanismus heute"-Stiftung in Baden-W├╝rttemberg oder des "Humanistischen Gymnasiums hinaus. Er ist in der Renaissance, auch einer wissenschaftlichen, obwohl es in Deutschland keine einzige Professur f├╝r Humanismus gibt.

Aus dem bisherigen geht hervor, dass es hierzulande im Wesentlichen um drei Diskussionsrichtungen geht: (1) Humanismus als Kultur und (2) Humanismus als Weltanschauung.[9] Daneben ist in den letzten Jahren unter Naturwissenschaftlern und Religionskritikern eine dritte Richtung neu aufgelebt, die des "wissenschaftlichen" oder "neuen" Humanismus.

Diese sucht einen "wissenschaftlichen" Zugang zur Welterkl├Ąrung. Dieser geht - auch wenn dies den Vertretern des "neuen Humanismus" oft nicht bekannt ist -, in seinem Kern zur├╝ck auf Positionen des Wiener Kreises von Rechtswissenschaftlern und Philosophen (1922-1936). Dort kam der Begriff des "wissenschaftlichen Humanismus" Ende der 1920er Jahre in Gebrauch.[10] Er wurde von Rudolf Carnap eingef├╝hrt,[11] ohne dass er bei den "logischen Empiristen" - wie sie sich nannten - um den Verein Ernst Mach bereits allgemein ├╝blich wurde. Es ging dem Wiener Kreis darum, Recht und Moral rein wissenschaftlich zu untersuchen und die traditionelle Philosophie, die generell als Metaphysik galt, letztlich durch einen "logischen Empirismus" zu ersetzen.[12]

Carnap selbst konstatierte r├╝ckblickend beim Wiener Kreis drei Annahmen als unhinterfragbare Voraussetzungen des Denkens im Sinne eines "wissenschaftlichen Humanismus":[13]

1. Die "Ansicht, da├č der Mensch weder ├╝bernat├╝rliche Besch├╝tzer noch ├╝bernat├╝rliche Feinde hat und da├č deshalb alles, was zur Verbesserung des Lebens getan werden kann, Aufgabe des Menschen ist".

2. Dass "die Menschheit f├Ąhig ist, ihre Lebensbedingungen so umzugestalten, da├č viele der heutigen Leiden vermieden und die ├Ąu├čere und innere Lebenssituation f├╝r den einzelnen, die Gemeinschaft und schlie├člich die ganze Menschheit wesentlich verbessert werden k├Ânnte".

3. Dass "jede ├╝berlegte Handlung Welterkenntnis voraussetzt, da├č die wissenschaftliche Methode die beste Methode ist und die Wissenschaft deshalb als eines der wertvollsten Instrumente zur Verbesserung des Lebens betrachtet werden mu├č."

Es gibt Kulturkritik an diesem "neuen Humanismus" sowohl von religi├Âsen wie humanistischen Positionen ausgehend. Der - nennen wir ihn einmal so - "kulturelle Humanismus" wirft dem "wissenschaftlichen" vor, nicht kulturhistorisch zu argumentieren, keine Gef├╝hle zu zeigen, keine Rituale zu haben, also eigentlich Religion nicht dort zu begegnen, wo sie als Lebenspraxis stattfindet.

Damit k├Ânnten wir wieder auf den Papst Bezug nehmen und zum Ausgangspunkt zur├╝ckkehren, und die Frage formulieren, ob es sich f├╝r Konfessionsfreie gelohnt hat, die alte Freidenkerei aufzugeben und ein humanistisches Konzept zu entwickeln.


Anmerkungen

[1] Vgl. Guiseppe Toffanin: Geschichte des Humanismus. Holland 1941.

[2] Friedrich Nietzsche: Gedanken ├╝ber die moralischen Vorurtheile. Chemnitz 1881, zit. nach: Nietzsche Werke, Kritische Gesamtausgabe, hg. v. Giorgio Colli u. Mazzino Montinari. F├╝nfte Abt., Erster Bd., Berlin, New York 1971, S.28/29.

[3] Vgl. das Folgende bei Horst Groschopp: Dissidenten. Freidenkerei und Kultur in Deutschland. Berlin 1997. - Neuauflage 2011 in Vorbereitung.

[4] Eine Auflistung aller Verb├Ąnde findet sich hier: http://www.horst-groschopp.de/sites/default/files/saekulare_organisationen_heute%20[2009].pdf (Zugriff: 27. Mai 2011). - Zur Geschichte der Konfessionslosen und ihrer aktuellen Strategiedebatte vgl. Horst Groschopp: Von den Dissidenten zu den Religionsfreien. Zur Konzeption einer Konfessionsfreienpolitik in Deutschland. In: "Lieber einen Knick in der Biographie als einen im R├╝ckgrat", Festschrift zum 70. Geburtstag von Horst Herrmann, hrsg. von Yvonne Boenke, M├╝nster 2010, S. 395-412.

[5] Das Folgende vgl. Vgl. Horst Groschopp: "Neuer Humanismus" - eine neue Konfession? In: Zeitschrift f├╝r Kultur und Weltanschauung, Online-Ausgabe, Berlin 2011, 2. [14.] Jg., H. 1, Text 22.

[6] Vgl. Horst Groschopp: Humanismus - eine (gottlose) Konfession. Die Weltanschauung hinter der Humanistischen Schule Bremen. In: humanismus aktuell online, Text 8, Berlin 27. September 2010. - Einige Passagen dieses Textes sind dem dortigen entnommen.

[7] Vgl. Thomas Heinrichs: Die rechtliche Stellung der s├Ąkularen Weltanschauungsgemeinschaften. In: Konfessionsfreie und Grundgesetz, hrsg. von Horst Groschopp, Aschaffenburg 2010, vor der Auslieferung (Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Deutschland, Bd. 3).

[8] Durch die Anti-Islam-Politik des Rechtspopulisten Wilders ist dieser Konsens wird dieser Konsens derzeit zerst├Ârt.

[9] Vgl. hier die Debatten in "humanismus aktuell". - Vgl. Humanismusperspektiven. Hrsg. von Horst Groschopp Aschaffenburg 2010 (Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Deutschland, Bd. 1). - Vgl. auch die Schriftenreihen der Humanistuschen Akademie Bayern und Berlin.

[10] Vgl. Wissenschaftlicher Humanismus. Texte zur Moral- und Rechtsphilosophie des fr├╝hen logischen Empirismus. Hrsg. und mit einem Anhang versehen von Eric Hilgendorf. Freiburg und M├╝nchen 1998.

[11] Hilgendorf f├╝hrt in Wissenschaftlicher Humanismus, S. 412 als Beleg an Moritz Schlick: Fragen der Ethik. Wien 1930, hrsg. und eingeleitet von Rainer Hegselmann, Frankfurt a.M. 1984, S. 199.

[12] Vgl. Eric Hilgendorf: Zur Philosophie des fr├╝hen logischen Empirismus. Ein Problemaufri├č. In: Wissenschaftlicher Humanismus, S. 379 ff.

[13] Vgl. Hilgendorf: Zur Philosophie, S. 409 (= Rudolf Carnap: Mein Weg in die Philosophie. ├ťbersetzt und mit einem Nachwort sowie einem Interview hrsg. von Willy Hochkeppel. Stuttgart 1993, S. 130).