KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 20 • 2017 • Jg. 40 [15] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 2011
Geschichte der ostdeutschen Kulturwissenschaft
Horst Groschopp
Warum aus Freidenkern Humanisten wurden
Neues zur Geschichte der Bewegungen von Konfessionsfreien in Ostdeutschland
Aktueller Einstieg: "Vatikanischer Humanismus" / Humanismus-Definition

Vatican Radio verbreitete am 21. Mai 2011 zur Mittagszeit unter der Überschrift "An der Gottesfrage entscheidet sich alles" die Nachricht, dass Papst Benedict XVI. eine Abordnung der römischen Universität Sacro Cuore empfangen habe und vor ihr den "Niedergang der 'humanistischen Kultur'" beklagt habe. Der menschliche Horizont werde "auf das reduziert, was sich messen lässt". Es sei deshalb eine Aufgabe der katholischen Universitäten und Fakultäten, für eine Renaissance des "echten Humanismus" zu sorgen. Diese müssten wieder eine "Schule der humanitas" sein. Das Evangelium setze kulturelle, humanistische und ethische Energien frei und das Wissen des Glaubens erleuchte die Menschen, entreiße sie "einem Denken des Kalküls".

Berechenbarkeit und Kalkül sind freundlichere und volkstümlicher Ausdrücke als Aufklärung und Rationalismus, meinen das aber letztlich. Das richtet sich gegen eine Auffassung vom "wissenschaftlichen Humanismus", die auch im organisierten Humanismus strittig ist, worauf am Ende des Vortrages eingegangen wird. Praktisch bedeutet die obige Mitteilung, dass der Vatikan die vom Humanismus ausgehende Gefahr für alle Religionen erkannt hat und ein Humanismus angestrebt und gelehrt werden wird, der in die Dogmen der Kirche passt und in der Mussolini-Zeit schon einmal entwickelt wurde.[1]

Diesem Humanismus steht dasjenige Verständnis entgegen, wie es heute im Allgemeinen und in einem Satz ausgedrückt vorfindlich ist: eine historisch gewordene Kulturauffassung von "Barmherzigkeit", "Menschlichkeit" und "Bildung" verstanden, die weltanschauliche Richtungen bündelt, die mit einem rationalen und historischen Herangehen Würde definieren, damit verbundene Fragen anthropozentrisch beantworten (nicht anthropozentristisch) und die ohne Transzendenzbezug auskommen.

Humanismus wird oft verwechselt oder gleichgesetzt mit Humanität. Das ist aber nicht identisch. Humanität verweist seit Herder auf eine Haltung der Menschlichkeit. Diese kann auch religiös begründet werden. Der "Ismus" jedoch verweist auf etwas anderes, auf historische und kulturelle Bewegungen, auf Haltungen und Strömungen, auf Ideenkonglomerate und Menschenbilder sowie auf pädagogische Annahmen und Praxen.

Danach ist Humanismus ist eine besondere Kulturanschauung. In ihr wird der Mensch vom Menschen aus betrachtet und in den Mittelpunkt gestellt, also nicht von einem Gott oder einer Religion aus abgeleitet, oder von der Rasse oder Nation her bestimmt. Es gibt gegenwärtig etwa vierzig Humanismen, darüber später.


Kurze Geschichte der Freidenkerei

Die allgemeinste Definition der Freidenkerei stammt von Friedrich Nietzsche, der sie zu einem Zeitpunkt (1880/81) in dem Buch Morgenröthe formulierte, als die Brüsseler-Freidenker-Internationale und der Deutsche Freidenkerbund entstanden. Interessanterweise verglich Nietzsche die Freidenker, denen "schon ein Ausdenken und Aussprechen von verbotenen Dingen ... Befriedigung giebt", mit den "Freithätern". Letztere seien gegenüber den Freidenkern in einem doppelten Nachteil, zum einen, "weil die Menschen sichtbarer an den Folgen von Thaten, als von Gedanken leiden"; und zum anderen, weil jene, "welche durch die That den Bann einer Sitte durchbrachen", stets als "schlechte Menschen", ja als Verbrecher gelten. Wenn aber das vorhandene Sittengesetz umgeworfen werde, so ändere sich die Haltung ihnen gegenüber. Die Geschichte, so schließt Nietzsche seine Sentenz, "handelt fast nur von diesen schlechten Menschen, welche später gutgesprochen worden sind!"[2]

Es versteht sich, dass zu Zeiten der Einheit von Thron und Altar die Freidenkerei eine philosophische und zugleich antikirchliche war.[3] Aus der Gemeinschaft der Protestantischen Freunde ("Lichtfreunde") von 1840/41 und den ab 1844 entstehenden Deutschkatholischen Gemeinden ("Deutschkatholiken") gehen im späten Vormärz verschiedene freireligiöse und freie religiöse Gemeinden hervor, die nach 1848/49 teils verboten, teils geduldet, teils zugelassen werden.

Sie versuchen in der Folge verschiedene nationale bzw. regionale Zusammenschlüsse. Von diesen ist der 1859 gegründete Bund freier religiöser Gemeinden Deutschlands der erfolgreichste und für die dissidentische Bewegung von gravierender Bedeutung. Die gegen Ende des Jahrhunderts stark freidenkerisch werdende Berliner Freireligiöse Gemeinde wurde bereits im Vormärz geboren.

Die radikaler religionskritischen Freireligiösen riefen 1881 den Deutschen Freidenkerbund ins Leben, eine nationale Seitenlinie des Internationalen Freidenkerbundes (1880), auch Brüsseler Internationale genannt. Einige Sozialdemokraten errichten 1905 eine Sterbekasse mit Namen Verein der Freidenker für Feuerbestattung, aus der nach 1920 eine Massenorganisation wurde und aus der 1993 der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) hervorging. Eine zweite Geburtslinie ist ein kleiner bürgerlicher Kreis in der Berliner Freireligiösen Gemeinde, aus dem 1887 die Berliner Humanistengemeinde hervorging. Sie wurde zu einer Vororganisation der Deutschen Gesellschaft für Ethische Kultur von 1892, 1893 Mitglied im Internationalen Bund ethischer Gesellschaften (auch: Internationaler Ethischer Bund). Den angestrebten Weg zu einem Ersatz der Religion durch Ethik geht eine Anzahl religiös motivierter Erneuerer nicht mit und gründet eigene Vereine.

Nach der Jahrhundertwende nehmen allerlei Versuche einer Koordination der dissidentischen Strömungen zu. Erst das Weimarer Kartell (1907, 1909) vermochte durch Wahrung der Selbständigkeit jeder Spezialität die gemeinsamen Interessen halbwegs zu bündeln und örtliche Allianzen anzuregen.

In den 1920er Jahren differenziert sich diese Verbandslandschaft bin hin zu Massenorganisationen wie dem Deutschen Freidenkerverband, dies vor allem durch dessen Dienstleistungsangebot und hier wieder besonders die Feuerbestattung. 1933 werden diese Organisationen verboten und enteignet, einige in Südwestdeutschland gleichgeschaltet. In der SBZ wurden Neugründungen der Freidenker nicht zugelassen, aber es kam in der DDR durch die SED in den 1950ern zu einer "Verstaatlichung" im Kirchenkampf mit Begründung der "sozialistischen Kulturrevolution". In BRD erfolgte zunächst die Anbindung an SPD, dann aber, nach dem Godesberger Programm und der Auflösung der Arbeiter-Milieus erfolgte der Weg in die Marginalität. Nach 1990 erfolgten Versuche eines Neubeginns. Hinzu kam der Verein "Jugendweihe".[4]

Humanistische Organisationen der Gegenwart, Gründe Annahme des Begriff "Humanismus" und Aktivitäten, Ost-West-Unterschiede

Es ist auf drei Organisationen zu schauen, die gegenwärtig erfolgreich mit dem Namen "Humanismus" in kulturellen und politischen Feldern operieren - die Humanistische Union (HU, gegründet 1961), der Humanistische Verband Deutschlands (HVD, gegründet 1993) und die Giordano Bruno-Stiftung (gbs, begründet 2004).[5]

1. Die Führung der ältesten deutschen Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union, mit der Verfassungsjuristin Rosemarie Will an der Spitze, hat zwar gerade vergeblich versucht, den Namen zu ändern, v. a. um Verwechslungen mit dem weltanschaulich auftretenden HVD auszuschließen. Aber die HU hat ein klares Profil juristisch begründeter humanistischer Leitkultur.

"Humanismus" meint hier die universal aufgefassten Menschen- und Bürgerrechte. Darin ist die Staat-Kirche-Trennung eingebettet. Sie wird in der HU seit jeher laizistisch gedacht und ist in ihrem Programm fast kongruent mit den Freiburger Thesen der FDP von 1971. Aktuell findet zwar eine konsequente Lösung von letztlich atheistischen hin zu bürgerrechtlichen Begründungen statt. Die HU hat vor Ostern einen eigenen Gesetzentwurf zur Ablösung der Staatsleistungen nach Art. 140 GG iVm Art. 138 Abs.2 WRV vorgelegt.

Der bürgerrechtliche Humanismus der HU ist von den zwei noch vorzustellenden humanistischen Organisationen vor allem dadurch unterschieden, als hier auch religiöse Personen aktiv an der Meinungsbildung teilnehmen, z.B. ausgehend von einem christlichen Humanismus und einem Christentum, das sich von staatlichen Einbindungen lösen möchte.

2. Die Weltanschauungs- und Bekenntnisgemeinschaft Humanistischer Verband widmet sich - so das Selbstbild - einem modernen und praktischen Humanismus. Der HVD will auf dem Wege der Gleichbehandlung die Staat-Kirche-Trennung und Menschen "von der Wiege bis zur Bahre" erreichen. Er tritt kulturell auf, bietet Lebens- und Sterbebeleitung, humanitäre bis humanistische Dienstleistungen (Stichworte: Kitas, Lebenskunde, Jugendfeiern, Patientenverfügungen, Hospize). Der HVD hat hier in Berlin etwa tausend Beschäftigte.

Der Begriff Humanismus wurde aus folgenden Erwägungen übernommen:

a) internationale Erwägungen: Große Verbände in den USA, Indien, Sri Lanka, Holland, Belgien usw. haben die Bezeichnung "humanistisch" übernommen und sind damit erfolgreich bis hin zu internationalen Zusammenschlüssen in der IHEU oder EHF.

b) programmatische Erwägungen: Begriffe wie frei-geistig, frei-religiös, frei-denkerisch wurden wegen zu großer Missverständnisse und religiöser Vereinnahmungen abgelegt und zugleich, nach Holländischem Vorbild eine vorrangig positive Arbeit an einem humanistischen Welt-, Menschen- und Gesellschaftsbild, verbunden mit einer entsprechenden Praxis, aufgenommen. Das war auch ein Abschied vom "Kirchenkampf"

c) Änderungen der praktischen Konzeption: Der HVD bietet Dienstleistungen an, vor allem in den Bedarfstrukturen "nicht-kirchliche Feiern", "soziale Dienste, aktuell v. a. für die 5. Lebensphase" und "Bildung sowie Kinder-Jugend-Familie, v.a. Kitas, und Lebenskunde". Die alles wäre ohne Namensänderung schwer möglich gewesen.

d) Notwendigkeit politischer und konzeptioneller Trennstriche: Das betrifft sowohl die Distanz zu einer Freidenkerei, die die freie Weltanschauung dogmatisch und sektiererisch an den Marxismus-Leninismus zu binden versucht, als auch die klare Distanz nach rechts. Hier betrifft die Abgrenzung eine freie Religiosität, die sich zwischen 1933 und 1945 als Teil des Nationalsozialismus verstand. In Zeiten, da politisch Rechte auch "gottlos" auftreten, empfiehlt sich humanistische Positionierung.

Der Humanistische Verband ist dem Laizismus belgischer Prägung aufgeschlossen, tritt ansonsten "quasi-konfessionell" auf,6 denn er besteht als Weltanschauungsgemeinschaft auf Gleichbehandlung mit den Religionsgesellschaften nach Art. 4 Abs. 1 GG und besonders 140 GG i.V.m. Artikel 137 Abs. 7 WRV: Gleichstellung mit den Religionsgesellschaften durch gemeinschaftliche Pflege einer Weltanschauung.

Alle neuere Rechtsliteratur - bis auf einen, noch älteren Grundgesetz-Kommentar - bestätigt inzwischen die Gleichbehandlung von Religionsgesellschaften mit Weltanschauungsgemeinschaften.[7]

Der HVD tritt zwar praktisch quasi-konfessionell auf, lehnt aber offiziell den Begriff "Konfession" ab, der im Sinne von "dritte Konfession" im Jahr 2000 vom katholischen Theologen Eberhard Tiefensee eingeführt wurde, um den "ostdeutschen Volksatheismus" zu charakterisieren.

Der HVD meidet den Konfessionsbegriff aber auch,
- erstens wegen des direkten Vergleichs mit den Kirchen;
- zweitens wegen der eigenen antikonfessionellen Freidenker-Geschichte;
- drittens wegen der Distanz zu einer drohenden Versäulung der Gesellschaft wie bis vor kurzem in Holland (muslimische, buddhistische usw. "Konfession");[8]
- viertens Vwegen der nichtkonfessionellen Strukturen der Muslime, die dennoch jetzt staatlich bedient werden; und fünftens wegen der vielen Irritationen im Wortgebrauch von "Konfession".

Deshalb ist auch das Verhalten des HVD in der Laizismus-Debatte zurückhaltend, aber unbedingt von dem Wunsch geprägt, konkrete Probleme von 35 % Konfessionsfreien in der Gesellschaft zu thematisieren, zwar nicht "kulturkämpferisch", aber doch endlich einmal überhaupt.

3. Die Aktivitäten der noch jungen Giordano Bruno-Stiftung, gruppieren sich um den Begriff des "evolutionären Humanismus". Die gbs besitzt wie die HU ein Programm der humanistischen Leitkultur, das aber insofern über das der HU hinausreicht, als es stärker religionskritisch (nicht nur kirchenkritisch) und positiv naturalistisch (soziobiologisch) ist. Ich halte die gbs in ihrem Kern für laizistisch orientiert. Die Stiftung lässt aber für einen in seinem Wirkungskreis konzeptionell begrenzten praktischen Humanismus in ihrem Programm Raum für Gleichbehandlungsansätze. Mitglieder der gbs sind deshalb auch im HVD aktiv und umgekehrt.

Der weltanschauliche Teil des im Umfeld der gbs gepflegten Humanismus findet sich ebenfalls nicht nur in der gbs. Einige derjenigen, die sich dem "neuem Humanismus" zurechnen, stehen allerdings mitunter sehr kritisch zu Positionen etwa von Michael Schmidt-Salomon.

Dies geschieht auf zwei Ebenen; zum einem lehnen die Kritiker die radikale Haltung gegenüber Religionen und Kirchen ab, besonders die damit verbundene Praxis (Stichworte: Fitna-Affäre, Buskampagne, Heiden-Spaß-Festivals, Religionsfreie Zonen, "Evolutionstag" als "Himmelfahrtstag"-Ersatz, "Violettbuch", Kirchenaustrittskampagnen); zum anderen werden einige philosophische Positionen hinterfragt, die hier nicht weiter interessieren.

Alle genannten Organisationen sind Westgründungen, an denen Ostdeutsche teilgenommen haben. Außer in Berlin plus Speckgürtel sind sie wenig, bis gar nicht vorhanden, was nicht Ableger ausschließt. Eine originäre und erfolgreiche Ostorganisation ist bescheiden auf dem Weg in den Westen: Jugendweihe e.V., diese versteht sich letztlich als humanistisch-neutral, nicht als humanistischer Verein, gar als Weltanschauungsgemeinschaft.

Hier wäre jetzt das ganze Feld der Konfessionsfreien zu behandeln, einschließlich einer Konfessionsfreienpolitik und einer Aufarbeitung der Geschichte des Verständnisses von Humanismus in der DDR: Diskussion.

Renaissance der Humanismus-Debatten, Diskussionsrichtungen

Wer einen Blick in aktuelle Humanismus-Debatten wirft, wird auf viele Humanismen stoßen. Es gibt danach (in alphabetischer Reihenfolge) folgende: abendländischer, afrikanischer, alter, anthropologischer, anthropozentrischer, anthropozentristischer, antiker, arabischer, atheistischer, bürgerlicher, christlicher, deutscher, dritter, erster, ethischer, evolutionärer, indischer, interkultureller, islamischer, jüdischer, klassischer, konfuzianischer, kritischer, lateinamerikanischer, multikultureller, naturalistischer, ökologischer, pädagogischer, philosophischer, praktischer, proletarischer, realer, sozialistischer, super-humanistischer, trans-humanistischer, wahrer, weltanschaulicher, weltlicher (bzw. säkularer), wissenschaftlicher, zeitgenössischer, zweiter ... Sogar von einem sexuellen Humanismus ist die Rede in einem Buch, 1988 von weiblichen Prostituierten veröffentlicht.

Schon diese (unvollständige) Liste zeigt: Humanismus ist wieder ein lebendiger Begriff, geht weit über traditionelle Antike-Diskurse im Verständnis etwa der "Humanismus heute"-Stiftung in Baden-Württemberg oder des "Humanistischen Gymnasiums hinaus. Er ist in der Renaissance, auch einer wissenschaftlichen, obwohl es in Deutschland keine einzige Professur für Humanismus gibt.

Aus dem bisherigen geht hervor, dass es hierzulande im Wesentlichen um drei Diskussionsrichtungen geht: (1) Humanismus als Kultur und (2) Humanismus als Weltanschauung.[9] Daneben ist in den letzten Jahren unter Naturwissenschaftlern und Religionskritikern eine dritte Richtung neu aufgelebt, die des "wissenschaftlichen" oder "neuen" Humanismus.

Diese sucht einen "wissenschaftlichen" Zugang zur Welterklärung. Dieser geht - auch wenn dies den Vertretern des "neuen Humanismus" oft nicht bekannt ist -, in seinem Kern zurück auf Positionen des Wiener Kreises von Rechtswissenschaftlern und Philosophen (1922-1936). Dort kam der Begriff des "wissenschaftlichen Humanismus" Ende der 1920er Jahre in Gebrauch.[10] Er wurde von Rudolf Carnap eingeführt,[11] ohne dass er bei den "logischen Empiristen" - wie sie sich nannten - um den Verein Ernst Mach bereits allgemein üblich wurde. Es ging dem Wiener Kreis darum, Recht und Moral rein wissenschaftlich zu untersuchen und die traditionelle Philosophie, die generell als Metaphysik galt, letztlich durch einen "logischen Empirismus" zu ersetzen.[12]

Carnap selbst konstatierte rückblickend beim Wiener Kreis drei Annahmen als unhinterfragbare Voraussetzungen des Denkens im Sinne eines "wissenschaftlichen Humanismus":[13]

1. Die "Ansicht, daß der Mensch weder übernatürliche Beschützer noch übernatürliche Feinde hat und daß deshalb alles, was zur Verbesserung des Lebens getan werden kann, Aufgabe des Menschen ist".

2. Dass "die Menschheit fähig ist, ihre Lebensbedingungen so umzugestalten, daß viele der heutigen Leiden vermieden und die äußere und innere Lebenssituation für den einzelnen, die Gemeinschaft und schließlich die ganze Menschheit wesentlich verbessert werden könnte".

3. Dass "jede überlegte Handlung Welterkenntnis voraussetzt, daß die wissenschaftliche Methode die beste Methode ist und die Wissenschaft deshalb als eines der wertvollsten Instrumente zur Verbesserung des Lebens betrachtet werden muß."

Es gibt Kulturkritik an diesem "neuen Humanismus" sowohl von religiösen wie humanistischen Positionen ausgehend. Der - nennen wir ihn einmal so - "kulturelle Humanismus" wirft dem "wissenschaftlichen" vor, nicht kulturhistorisch zu argumentieren, keine Gefühle zu zeigen, keine Rituale zu haben, also eigentlich Religion nicht dort zu begegnen, wo sie als Lebenspraxis stattfindet.

Damit könnten wir wieder auf den Papst Bezug nehmen und zum Ausgangspunkt zurückkehren, und die Frage formulieren, ob es sich für Konfessionsfreie gelohnt hat, die alte Freidenkerei aufzugeben und ein humanistisches Konzept zu entwickeln.


Anmerkungen

[1] Vgl. Guiseppe Toffanin: Geschichte des Humanismus. Holland 1941.

[2] Friedrich Nietzsche: Gedanken über die moralischen Vorurtheile. Chemnitz 1881, zit. nach: Nietzsche Werke, Kritische Gesamtausgabe, hg. v. Giorgio Colli u. Mazzino Montinari. Fünfte Abt., Erster Bd., Berlin, New York 1971, S.28/29.

[3] Vgl. das Folgende bei Horst Groschopp: Dissidenten. Freidenkerei und Kultur in Deutschland. Berlin 1997. - Neuauflage 2011 in Vorbereitung.

[4] Eine Auflistung aller Verbände findet sich hier: http://www.horst-groschopp.de/sites/default/files/saekulare_organisationen_heute%20[2009].pdf (Zugriff: 27. Mai 2011). - Zur Geschichte der Konfessionslosen und ihrer aktuellen Strategiedebatte vgl. Horst Groschopp: Von den Dissidenten zu den Religionsfreien. Zur Konzeption einer Konfessionsfreienpolitik in Deutschland. In: "Lieber einen Knick in der Biographie als einen im Rückgrat", Festschrift zum 70. Geburtstag von Horst Herrmann, hrsg. von Yvonne Boenke, Münster 2010, S. 395-412.

[5] Das Folgende vgl. Vgl. Horst Groschopp: "Neuer Humanismus" - eine neue Konfession? In: Zeitschrift für Kultur und Weltanschauung, Online-Ausgabe, Berlin 2011, 2. [14.] Jg., H. 1, Text 22.

[6] Vgl. Horst Groschopp: Humanismus - eine (gottlose) Konfession. Die Weltanschauung hinter der Humanistischen Schule Bremen. In: humanismus aktuell online, Text 8, Berlin 27. September 2010. - Einige Passagen dieses Textes sind dem dortigen entnommen.

[7] Vgl. Thomas Heinrichs: Die rechtliche Stellung der säkularen Weltanschauungsgemeinschaften. In: Konfessionsfreie und Grundgesetz, hrsg. von Horst Groschopp, Aschaffenburg 2010, vor der Auslieferung (Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Deutschland, Bd. 3).

[8] Durch die Anti-Islam-Politik des Rechtspopulisten Wilders ist dieser Konsens wird dieser Konsens derzeit zerstört.

[9] Vgl. hier die Debatten in "humanismus aktuell". - Vgl. Humanismusperspektiven. Hrsg. von Horst Groschopp Aschaffenburg 2010 (Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Deutschland, Bd. 1). - Vgl. auch die Schriftenreihen der Humanistuschen Akademie Bayern und Berlin.

[10] Vgl. Wissenschaftlicher Humanismus. Texte zur Moral- und Rechtsphilosophie des frühen logischen Empirismus. Hrsg. und mit einem Anhang versehen von Eric Hilgendorf. Freiburg und München 1998.

[11] Hilgendorf führt in Wissenschaftlicher Humanismus, S. 412 als Beleg an Moritz Schlick: Fragen der Ethik. Wien 1930, hrsg. und eingeleitet von Rainer Hegselmann, Frankfurt a.M. 1984, S. 199.

[12] Vgl. Eric Hilgendorf: Zur Philosophie des frühen logischen Empirismus. Ein Problemaufriß. In: Wissenschaftlicher Humanismus, S. 379 ff.

[13] Vgl. Hilgendorf: Zur Philosophie, S. 409 (= Rudolf Carnap: Mein Weg in die Philosophie. Übersetzt und mit einem Nachwort sowie einem Interview hrsg. von Willy Hochkeppel. Stuttgart 1993, S. 130).