KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2010
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Klaus Hölzle
Die KulturInitiative'89 – Entwurf einer lexikalischen Darstellung
FĂŒr eine lexikalische Darstellung der KulturInitiative'89 hat Klaus Hölzle Daten aus ihrer Geschichte gesammelt und in einer Skizze zusammengestellt. Wir stellen seinen Entwurf einer geschichtlichen Darstellung (hier noch ohne Fotos und Faksimiles) zur Diskussion und bitten Zeitzeugen um ErgĂ€nzungen und Korrekturen. So sie ĂŒber Faktenmeldungen hinausgehen, sollen sie an dieser Stelle publiziert werden.
Die Redaktion


Die Kulturinitiative‘89 e.V, undenkbar ohne die Entwicklung der Disziplin Kulturwissenschaft, konstituierte sich in den bewegten Zeiten des Jahres 1989 in der noch existierenden Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Helmut Hanke legte am 12.11.1989 einen ersten Entwurf ‘GrĂŒndungsaufruf / erste Vorstellung von Arbeitsschritten‘ zur GrĂŒndung einer Kulturpolitischen Gesellschaft der DDR vor.

Zu Beginn dieses Entwurfes heißt es: „Die Unterzeichner rufen zur GrĂŒndung einer ‘Kulturpolitischen Gesellschaft der DDR‘ auf. Sie bekennen sich zur demokratischen Erneuerung der Gesellschaft, zu radikalen VerĂ€nderungen in Politik, Wirtschaft und Kultur. Zu seiner Gesundung braucht der erkrankte soziale Organismus eine Reform an Haupt und Gliedern; auch in der Kultur muß Ballast abgeworfen, mĂŒssen Strukturen beseitigt werden, die seit Jahrzehnten die freie Entwicklung des menschlichen Geistes, der schöpferischen FĂ€higkeiten des Volkes, der Begabungen und Talente jedes einzelnen Menschen behindern und verhindern. Die Fortsetzung des sozialistischen Experiments auf deutschem Boden unter völlig verĂ€nderten Bedingungen und mit grundlegend neuen Zielsetzungen ist ein Gebot der Vernunft. Nur durch solidarisches Handeln aller Menschen und ein neues VerhĂ€ltnis zur Natur kann die Menschheit ĂŒberleben, können die verschiedenen Regionen des Planeten Heimat gleichberechtigter Völker und Nationen sein.“

Dieser Aufruf basierte auf einer Beratung ‘Über die mögliche GrĂŒndung einer kulturpolitischen Vereinigung in der DDR‘ vom 11. November 1989, an der Lothar Bisky (Rektor der Hochschule fĂŒr Film und Fernsehen "Konrad Wolf"), Dr. Thomas Flierl (Mitarbeiter im Kulturministerium), Dr. Horst Groschopp (Institut fĂŒr Kulturwissenschaft der Humboldt-UniversitĂ€t zu Berlin), Prof. Helmut Hanke (Prorektor der Hochschule fĂŒr Film und Fernsehen "Konrad Wolf") und Prof. Dietrich MĂŒhlberg (Institut fĂŒr Kulturwissenschaft der Humboldt-UniversitĂ€t zu Berlin) teilnahmen. Dem ‘Initiativkomitee zur GrĂŒndung einer Gesellschaft fĂŒr kulturelle Erneuerung in der DDR‘, das am 17. November 1989 zu einer Sitzung zusammentrat und noch am selben Tag den 'Aufruf zur Mitwirkung' veröffentlichte, gehörte u.a. auch Prof. JĂŒrgen Marten (Institut fĂŒr Kulturforschung) an.

Vorangegangen waren diesem Aufruf jahrelange Diskussionen ĂŒber Möglichkeiten und GrundsĂ€tze einer Kulturreform, woraus MitarbeiterInnen der Sektion Kulturwissenschaft und Ästhetik der Humboldt-UniversitĂ€t zu Berlin im FrĂŒhjahr 1988 eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Zu einigen Perspektiven unserer Kultur und zu möglichen Aufgaben von Kulturwissenschaft in der DDR (ein Diskussionsbeitrag)" konzipierten. In Folge löste dies eine Reihe weiterer Grundsatzdebatten zu allen Aspekten kultureller Entwicklung aus. Die politischen Zuspitzungen im Sommer 1989 machten die Notwendigkeit, endlich einen Interessenverband der KulturarbeiterInnen in der DDR zu grĂŒnden, um so dringlicher.

Bis zur GrĂŒndung der Gesellschaft, die auf die UnterstĂŒtzung des spĂ€ter im Ostteil der Stadt wohl erfahrensten und erfolgreichsten Fördervereins fĂŒr dezentrale Kulturprojekte, die Kulturinitiative Förderband, zĂ€hlen konnte, hatte das Komitee seinen Sitz an der Sektion Kulturwissenschaft und Ästhetik der Humboldt UniversitĂ€t zu Berlin. Zu den Initiatoren der ersten Stunde zĂ€hlen ebenfalls Persönlichkeiten wie u.a. Christa Wolf, Fritz Cremer, Hermann Beyer, Lothar Trolle, Fritz Marquardt, Christoph Hein und Heiner MĂŒller.

Gliederung
1. Zur Entstehungsgeschichte der Disziplin Kulturwissenschaft in der DDR
2. Der Studiengang Kulturwissenschaften in der DDR
3. Institutionalisierung der Disziplin Kulturwissenschaft in der DDR
4. Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung
5. Die Kulturinitiative ’89 - Eckdaten, Grundsatzdokumente und Veröffentlichungen
6. Kulturdebatten
7. MedienbeitrĂ€ge und -kommentare zur 'Kulturinitiative ’89'


Zur Entstehungsgeschichte der Disziplin Kulturwissenschaft in der DDR
Die Geschichte der Entstehung der Disziplin Kulturwissenschaft in der DDR ist noch wenig erforscht. Als einzigartige und eigenstĂ€ndige Wissenschaftsdisziplin reicht sie dort bis in die sechziger Jahre des 20.Jahrhunderts zurĂŒck, fand ihre Wurzeln aber schon in der zurĂŒckliegenden Arbeiterbewegung und ihren vielfĂ€ltigen Strömungen. Das Kulturthema hat die sozialistische Bewegung seit ihren AnfĂ€ngen begleitet. Es wurde auf kulturelle Werteorientierungen und reichhaltige Ideenhaushalte der alten Sozialdemokratie von vor 1914 zurĂŒckgegriffen, an Erfahrungen des Kulturidealismus der deutschen Linken und der sozialistischen Abteilung der Lebensreformbewegung angeknĂŒpft. Praktiken der bĂŒrgerlichen Volkswohl- und Volkserziehungsbewegung und der "Ă€sthetischen Sozialreform" aus der Zeit zwischen 1890 und 1914 standen ebenso Pate wie die kultursozialistische Idee vom "neuen Menschen" der 20er Jahre.

Noch 1988 bemĂŒhte man sich am Institut (der Sektion) Kulturwissenschaft und Ästhetik der Humboldt UniversitĂ€t zu Berlin intensiv darum, der Wissenschaftsentwicklung und kulturwissenschaftlichen Aus- und Weiterbildung zukunftsweisend ein noch schĂ€rferes Profil zu geben und dachte an die Entwicklung und Weitergestaltung der Fachrichtung Kulturwissenschaft der kommenden Jahrzehnte. Hier entfalteten auch Glasnost und Perestroika der Sowjetunion durchaus widersprĂŒchliche Wirkungen, was vorhandene "innere" akademische Diskurse nicht unbeeindruckt ließ. Dessen ungeachtet fanden hier insbesondere die folgenden Hauptlehrgebiete eine höhere Bewertung: 1. kulturtheoretisch-Ă€sthetische Kommunikationsforschung, 2. international vergleichende Kulturforschung, 3. Ă€sthetische Grundlagenforschung, 4. Forschungen zu Geschichte und Theorie der bĂŒrgerlichen Ästhetik im 20. Jahrhundert und 5. ein schneller Ausbau der empirischen Kulturforschung in der sozialistischen Gesellschaft. Den Imperativ einer interdisziplinĂ€ren Zusammenarbeit hatte man schon lange erkannt, nun galt es, den sozialen Lebensprozeß unmittelbar reflektierende Disziplinen noch enger zu verknĂŒpfen: Sozialgeschichte, Soziologie, Sozialpsychologie, Ethnographie, Volkskunde, Wirtschaftsgeschichte u.a. 1991 wurden dann infolge von strukturellen Reformen und radikalen VerĂ€nderungen die Sektionen der Humboldt UniversitĂ€t zu Berlin umgebildet. Aus der Sektion fĂŒr Ästhetik und Kunstwissenschaften wurde der Fachbereich 8 (Kultur- und Kunstwissenschaft).

Eine historisch-kritische Analyse der mit der DDR beendeten Kulturarbeit steht noch aus, was einerseits ihrer politischen Instrumentalisierung bzw. Stigmatisierung und andererseits dem von ihren Protagonisten gewollten aber zwiespĂ€ltig wahrgenommenen historisch-emanzipatorischen Charakter in der DDR geschuldet ist - das Experiment ist abgebrochen. Dieser Widerspruch wirkt bis in die Gegenwart und wird eine notwendige Forschung fĂŒrderhin bestimmen können und nur dann produktiv wirken, sollten beide letztgenannten Argumentationslinien in ihrer Ambivalenz einer gleichberechtigten Analyse unterworfen werden.

Der Studiengang Kulturwissenschaften in der DDR
Der Studiengang Kulturwissenschaften wurde 1963 - erstmalig im deutschsprachigen Raum - an der Humboldt-UniversitĂ€t zu Berlin und der Karl-Marx-UniversitĂ€t Leipzig installiert und das erste regulĂ€re Studienjahr fand im Zeiraum von 1964 - 1968/69 statt. All dies geschah auf Anweisung der Regierung der DDR an den Instituten fĂŒr Philosophie (Abteilung Ästhetik) beider UniversitĂ€ten. Die Idee, einen Berufsverband der Kulturwissenschaftler zu grĂŒnden gab es erstmals 1986, was jedoch erst Ende 1989 wirklich gelang. Bis 1990 sind an beiden Hochschulen insgesamt 2500 Diplom-Kulturwissenschaftler ausgebildet worden. Inhaltlich wurde als ĂŒbergreifender Themenkomplex die allgemeine Kulturgeschichte der Menschheit ebenso abgehandelt wie "spezielle Probleme, die sich aus der Entwicklung der DDR ergaben. Die Lehrangebote reichten vom antiken Schönheitsideal ĂŒber die Leibnizsche Monadologie bis zum Bauhaus, zu den Trinksitten der Arbeiter und zum Platz der PopulĂ€ren Musik im Alltag von Jugendlichen. Es ging darum, eine umfassende Bildung (namentlich in Philosophie, Kulturgeschichte, Ästhetik, Kulturtheorie, Literatur-, Kunst-, Theater- und Musikwissenschaft) sowie wissenschaftliche Arbeits- und Denkweisen zu vermitteln." (Isolde Dietrich, Kulturwissenschaftlerin)

Institutionalisierung der Disziplin Kulturwissenschaft in der DDR
Nach Stalins Tod (1953) kamen unter den FĂŒhrern der "kommunistischen und Arbeiterparteien" Debatten darĂŒber in Gang, was denn Sozialismus als Gesellschaftsform nun sein sollte. Dabei spielten die Gebiete Ideologie und Kultur und eine dem Sozialismus "treu ergebene" Intelligenz eine zentrale Rolle. Die aus den Unterschichten aufgestiegenen neuen Funktionseliten (Stichwort Arbeiter- und BauernfakultĂ€ten - ABF) galt es zu befĂ€higen, um auch in der DDR eine sozialistische Kulturrevolution zu organisieren. 1960 fand eine Kulturkonferenz des ZK (Zentralkomitee) der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) statt, wo die Ausarbeitung eines "Berufsbildes spezieller Bildungswege fĂŒr KulturfunktionĂ€re, wie Fachschulbildung, Hochschulbildung und mit beiden Einrichtungen verbundenes Fernstudium" diskutiert wurde. So beschloss das zentrale Machtorgan der SED, das Sekretariat des Zentralkomitees, zwei Jahre spĂ€ter, am 8. August 1962 den Aufbau eines einheitlichen Qualifizierungssystems fĂŒr KulturfunktionĂ€re.

Den Absolventen war von Beginn an ein breites Einsatzfeld sicher: Regionale und örtliche Kulturarbeit (KulturĂ€mter, KulturhĂ€user, Jugendklubs, Ferienheime), Kunst vermittelnde Einrichtungen (Verlage, Theater, Museen, Galerien, Schallplattenproduktion, Agenturen, Management der Unterhaltungskunst, Ausstellungswesen), Massenmedien (Kulturredaktionen der Zeitungen und Zeitschriften, Hörfunk, Film und Fernsehen), Umweltgestaltung (Mode, Design, Stadtplanung), Großbetriebe (betriebliche KulturhĂ€user, Erwachsenenbildung, bis Mitte der 70er Jahre auch als "Kulturassistenten" in Betriebsleitungen), Parteien und gesellschaftliche Organisationen (Kulturabteilungen, kulturelle Einrichtungen), Staat (untere bis mittlere kulturpolitische Funktionen in nachgeordneten Einrichtungen des Kulturministeriums und in den Kulturabteilungen in den Bezirken, "höhere" Funktionen verlangten hier - wie bei den Parteien - einen anderen Karriereverlauf), Lehre und Forschung (UniversitĂ€ten, Kunsthochschulen, Akademieinstitute).

1973/74 gab es einen Modellversuch von KĂŒnstlern der Hochschule der KĂŒnste Berlin (HdK) - Westberlin, die 1975 einen ersten Kontakte zur DDR aufnahmen, um sich nach dem hier bereits institutionalisierten Fernstudium zu erkundigen und an einer Kooperation, z.B. mit den Mitteilungen aus der Kulturwissenschaftlichen Forschung (MKF) und dem Kulturwissenschaftlichen Institut der Humboldt UniversitĂ€t interessiert waren. Diese Zusammenarbeit sollte bis zum Ende der DDR und darĂŒber hinaus anhalten. Die Westberliner nutzten die Erfahrungen zum Aufbau eines eigenen Fernstudienlehrgangs. Da die MKF auch ein Rezensionsexemplar waren, erschien darin auch Literatur aus Westdeutschland und Westberlin.

Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung
Die Weimarer BeitrĂ€ge - Zeitschrift fĂŒr Literaturwissenschaft, Ästhetik und Kulturwissenschaften wie auch die Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung (MKF) waren in der DDR zwei der renommiertesten Literatur- und Kulturzeitschriften. Beide kulturwissenschaftlichen Publikationen konnten die rasante Umbruchsphase 1989/90 nur ĂŒberstehen, da sie insbesondere im betreffenden akademischen Milieu eine feste Verankerung gefunden hatten und durch die ’Kulturinitiative 89’ vorerst weitergetragen wurden. Die “Weimarer BeitrĂ€ge“ galten als das 'zentrale Diskussions- und FĂŒhrungsorgan' fĂŒr Ästhetik, Literatur- und Kulturwissenschaften in der DDR und wurden 1991 durch den Aufbau Verlag eingestellt. Seither werden sie vom Passagen Verlag herausgegeben.

Die Schriftenreihe Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung dagegen war unter den verĂ€nderten Bedingungen schließlich nicht mehr zu halten und wurde 2003 eingestellt. Diese Reihe verstand sich zum Schluß als ein Ost-West-Diskussionsforum (so mit den Ausgaben 31 GeschlechterverhĂ€ltnisse, 32 Kultur in Deutschlands Osten, 33 Ostdeutsche Kulturgeschichte, 34 Enquete kultureller Wandel, 35 Was soll Kulturpolitik, 36 Differente SexualitĂ€ten) und dokumentierte vor allem den kulturellen Wandel nach 1990.

Um weiterhin in den öffentlichen Diskurs einzugreifen, nutzte die ’Kulturinitiative 89’ u.a. die neuen Medien ĂŒber die Online-Plattform Kulturation - Das Online-Journal fĂŒr Kultur, Wissenschaft und Politik, auf der eine Vielzahl von Texten, Publikationen und Veranstaltungsthemen der Initiative abrufbar bleiben. Dort heißt es im stĂ€ndigen Editorial: "Mit der BegrĂŒndung eines kulturwissenschaftlich/kulturpolitischen Online-Journals setzt die KulturInitiative 89 ihre BemĂŒhungen fort, eine Art von Gesellschaftsbetrachtung und eingreifender Praxis öffentlich zu machen, wie sie vor allem fĂŒr die Berliner Kultur- und Wissenschaftslandschaft seit lĂ€ngerer Zeit typisch ist. Das in den 1970 und 80er Jahren in Berlin Ost und West ausgebildete kulturwissenschaftliche Potential gibt es nicht mehr. Teils wurde es abgewickelt, teils verdrĂ€ngt, teils ist es in neue ZusammenhĂ€nge eingebunden, und etliches hat sich gewandelt. Dieses kulturwissenschaftliche Milieu konnte in der damals auf andere Weise geteilten Stadt schon situationsbedingt nicht annĂ€hernd homogen sein. Doch zeichnete es sich systemĂŒbergreifend durch die soziale RĂŒckbindung und ein praktisches Engagement der wissenschaftlichen Arbeit aus, war mit der Kulturarbeit verbunden, verfolgte kritische AnsĂ€tze und engagierte sich politisch im linken und linksliberalen Spektrum. Es gab so etwas wie eine kulturwissenschaftlich/kulturpolitische Szene in Berlin. Einer ihrer Kristallisationspunkte war das Kulturwissenschaftliche Institut der Humboldt-UniversitĂ€t mit seinen Kolloquien und den dort erscheinenden MKF. Es fĂŒhlte sich verwandt mit jenen, die zwischen Birmingham und TĂŒbingen die Kulturen der kleinen Leute, der Außenseiter und Oppositionellen ins Licht rĂŒckten und zugleich den Kulturformen der Moderne verschrieben waren." Dieses Journal erscheint fortlaufend, wird halbjĂ€hrlich zu einer Ausgabe zusammengefaßt und im Archiv nachgewiesen.

Die Kulturinitiative ’89 - Eckdaten, Grundsatzdokumente und Veröffentlichungen
Da es in der DDR kein Vereinsrecht gab, betraten die Initiatoren der 'Kulturinitiative '89' Neuland. Nachdem sich die Initiative am 17. November 1989 konstituiert hatte, informierte sie die Öffentlichkeit mit einer Pressemitteilung und startete einen Aufruf zur Mitwirkung. Am 27. November 1989 stellten die Initiatoren beim Kulturminister einen ordentlichen Antrag zur Registrierung der Initiative der positiv beantwortet wurde. WĂ€hrend das kleine GrĂŒndungskomitee ausnahmslos aus Kulturwissenschaftlern bestand, war die Kulturinitiative schon nach wenigen Tagen ein West-Ost-Unternehmen, das am 22. Dezember die erste große deutsch-deutsche Kulturdebatte in der Akademie der KĂŒnste organisierte. Im Februar 1990 wurden in einem FĂŒnf-Punkte-Programm die GrundsĂ€tze der Arbeit (Entwurf) der Kulturinitiative vorgestellt. Im selben Zeitraum gestaltete sich auf kommunaler Ebene eine Zusammenarbeit zwischen den Stadtbezirken Prenzlauer Berg und Berlin-Kreuzberg und es wurden Tagungen zur Kultur- und Kommunalpolitik abgehalten. Die Resonanz darauf war allerding sehr schwach. Aus dem Verein MKF wurde den verĂ€nderten Bedingungen geschuldet plötzlich ein Freier TrĂ€ger mit Kuratorium, Vorstand, GeschĂ€ftsfĂŒhrung und annĂ€hernd 140 Mitarbeitern sowie einem BĂŒro in den RĂ€umer der ehemaligen CDU-Zentrale (Ost) am Gendarmenmarkt. 1. Vorsitzender war Prof. JĂŒrgen Marten und die GeschĂ€ftsfĂŒhrung ĂŒbernahm Manfred HĂŒbner.

Zu den wichtigsten eigenen Publikationsmedien der Initiative zĂ€hlen die Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung und die BlĂ€tter fĂŒr demokratische Kultur.

Zwei miteinander verbundene praktische Arbeitsschwerpunkte traten zu Beginn in den Mittelpunkt: kommunale Kulturpolitik und BeschĂ€ftigungsmaßnahmen fĂŒr arbeitslose und von Arbeitslosigkeit bedrohte KĂŒnstler. Das fĂŒr den Osten neue PhĂ€nomen Massenarbeitslosigkeit griff flĂ€chendeckend und betraf insbesondere auch BeschĂ€ftigte im Kultursektor. Als man in einen Erfahrungsaustausch trat, wirkten im Bereich der kommunalen Kulturpolitik die seit den siebziger Jahren bestehenden Ost-West-Kooperationen (wie es sich z.B. an den Beziehungen zwischen HdK einerseits und MKF und dem Kulturwissenschaftlichen Institut der Humboldt UniversitĂ€t andererseits darstellte) nach. In den 90er Jahren war der kulturelle Wandel ein bestĂ€ndiges Thema der Kulturinitiative'89, was sich in zahlreichen Publikationen, auf unterschiedlichen Diskussionsveranstaltungen und in einem kleinen zeitgeschichtlichen Archiv zur ostdeutschen Kultur manifestierte. Der Zwiespalt, einerseits mit den BrĂŒchen eigener Geschichte so objektiv wie nur möglich umzugehen und eine andererseits erzwungene nur teilweise Integration in den Wissenschafts- und Kulturbetrieb oder die nur zeitlich begrenzten ABM-Projekte und daraus resultierende prekĂ€re Arbeits- und Lebenssituationen bestimmten den Alltag, was dazu fĂŒhrte, dass ĂŒber weitere Publikationsmöglichkeiten nachgedacht wurde und Anstrengungen dahingehend unternommen wurden, in die Bildungs- und interkulturelle Arbeit einzusteigen sowie mögliche Ausstellungsprojekte und Medienproduktionen zu organisieren. Das Projekt "Abgewickelt" verdeutlichte die absurd-realitĂ€tsnahe Situation vieler entlassener Mitarbeiter kultureller Einrichtungen, die ihren eigenen Abstieg in die soziale Ungewissheit selbst dokumentieren sollten. Das Projekt "Kulturelle UmbrĂŒche" wiederum dokumentierte die kulturellen VerĂ€nderungen in Ostberlin in den Jahren 1989 bis 1991.

Am 19. MĂ€rz 1994 fand anlĂ€ĂŸlich der fĂŒnften Jahreshauptversammlung der Kulturinitiative '89 ein Kulturwissenschaftliches Kolloquium statt, dem noch weitere folgen sollten. Am 19. September 1995 beschloss der Vorstand der Kulturinitiative '89 die GrĂŒndung eines eigenen Medienzentrums. Im Februar 1996 wurde zu einer Feier aller Absolventen der kulturwissenschaftlichen Institute geladen und nachfolgend eine Reihe von Kulturforen und Kulturtagen organisiert. So zum Beispiel am 19.03.1994 das III. Berliner Kulturforum (BĂŒrohaus Charlottenstraße) und am 16.03.1996 das IV. Berliner Kulturforum (Kulturhaus Mitte). Bisher bekannte Kulturtage fanden an den folgenden Tagen statt: 24. Mai 1997, 1. Ostdeutscher Kulturtag der Kulturinitiative '89 (Der Vorstand beschliesst, einen zweiten Ostdeutschen Kulturtag durchzufĂŒhren). 24. Oktober 1998, 2. Ostdeutscher Kulturtag der Kulturinitiative '89

Kulturdebatten
Im neuen Jahrzehnt konzentrierte sich die Initiative neben Publikationen im eigenen Online Journal 'Kulturation' auf eine finanzierte Vortrags- und Diskussionsreihe, die zuerst im MĂ€rz 2000 im Kulturhaus ThĂ€lmannpark begonnen, dann im Kulturhaus Mitte Berlin und schließlich, mit UnterstĂŒtzung der Stiftung Denkmalschutz, im Turm Frankfurter Tor fortgesetzt wurde. Insgesamt wurden mit Stand vom Herbst 2010 120 Veranstaltungen durchgefĂŒhrt. Zu den weiteren Arbeitsschwerpunkten zĂ€hlen Untersuchungen zur Geschichte des Studiengangs Kulturwissenschaft an der Humboldt-UniversitĂ€t, dem Verbleib von Absolventen bzw. der Nachforschung ihrer Berufsbiographien zwischen 1963 und 2007 (z.B. mit der Verbleibstudie der Kulturwissenschaftlerin Isolde Dietrich, "Was aus ihnen geworden ist") sowie Veranstaltungsreihen wie z.B. "Bausteine Ostdeutscher Kulturgeschichte" oder die in Zusammenarbeit mit dem "Salon Rohnstock" durchgefĂŒhrten "Kulturdebatten im Salon", wie z.B. seit 2006 "Lust und Last der Autobiographie" oder der Vortrags- und Diskussionsreihe "Kulturdebatte Neue Medien", die im April 2008 nach sechsjĂ€hriger Pause mit neuer Besetzung fortgesetzt wurde. Am 12. und 13. Oktober 2007 fand unter dem langen Titel "Kulturwissenschaft - ein neuer Studiengang - Versuch einer Standortbestimmung nach 44 Jahren Kulturwissenschaft in Berlin" eine Tagung statt, zu der Absolventen und an ihrer Ausbildung beteiligte Wissenschaftler eingeladen waren. Diese Tagung ist im Wesentlichen im Online Journal 'Kulturation' dokumentiert, das als zentrale Publikationsplattform der Kulturinitiative '89 bis in die Gegenwart - Stand Ende 2010 - regelmĂ€ssig Zeitgeschehen und die Initiative betreffende Veranstaltungen dokumentiert.

MedienbeitrĂ€ge und -kommentare zur 'Kulturinitiative ’89'
- Neues Deutschland, 20. Dezember 1989, „Gesellschaft fĂŒr demokratische Kultur“ in der DDR gegrĂŒndet
- Berliner Zeitung, 20. Dezember 1989, Forum fĂŒr KĂŒnstler und Geistesschaffende. Gesellschaft fĂŒr demokratische Kultur gegrĂŒndet
- DER TAGESSPIEGEL, 24. Dezember 1989, Mehr Furcht als Hoffnung. „Zwischen-Rede“: Deutsch-deutsches Kulturtreffen in Ost-Berlin
- SONNTAG 9/1990, Ohne Apparat. Über die >>Gesellschaft fĂŒr demokratische Kultur, DDR<<, Interview mit Dietrich MĂŒhlberg
- Tageszeitung (TAZ), 16.01.92, Hilfe bei Jobsuche. Ein Besuch bei der Kulturinitiative 89 e.V., die sich um arbeitslose KĂŒnstler bemĂŒht
- Berliner Zeitung, 24. Mai 1997, Brief von Kiefert, Rudolf an Dr. Maier zum ersten Ostdeutschen Kulturtag der Kulturinitiative '89
- MĂ€rkischer Markt, 21./22. Mai 1997, Der Ostdeutsche als besserer Mensch? Ernste und heitere Duelle am „Ostdeutschen Kulturtag“ in Berlin
- Neues Deutschland, 25. November 1997, Das Neueste aus der Vereinsmeierei
- DER TAGESSPIEGEL, 26. Oktober 1998, Das allererste Charakteristikum des sogenannten Ossis ist die Exotik
- Die Welt, 27. Oktober 1998, Ost-Medien: Henry Maske und AmpelmÀnnchen?
- Neues Deutschland, 28.10.1998, ein RĂŒckblick auf den 3. Ostdeutschen Kulturtag. Der Ostmensch und die Medien
- Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.11.1998, Zusammenverwachsungen. Vorwiegend stimmlos: Der Ostmensch in den Medien
- Zitty 22/1998, Kulturtage. Brauchen wir Ossis?