KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2010
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Klaus Hölzle
Die KulturInitiative'89 – Entwurf einer lexikalischen Darstellung
Für eine lexikalische Darstellung der KulturInitiative'89 hat Klaus Hölzle Daten aus ihrer Geschichte gesammelt und in einer Skizze zusammengestellt. Wir stellen seinen Entwurf einer geschichtlichen Darstellung (hier noch ohne Fotos und Faksimiles) zur Diskussion und bitten Zeitzeugen um Ergänzungen und Korrekturen. So sie über Faktenmeldungen hinausgehen, sollen sie an dieser Stelle publiziert werden.
Die Redaktion


Die Kulturinitiative‘89 e.V, undenkbar ohne die Entwicklung der Disziplin Kulturwissenschaft, konstituierte sich in den bewegten Zeiten des Jahres 1989 in der noch existierenden Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Helmut Hanke legte am 12.11.1989 einen ersten Entwurf ‘Gründungsaufruf / erste Vorstellung von Arbeitsschritten‘ zur Gründung einer Kulturpolitischen Gesellschaft der DDR vor.

Zu Beginn dieses Entwurfes heißt es: „Die Unterzeichner rufen zur Gründung einer ‘Kulturpolitischen Gesellschaft der DDR‘ auf. Sie bekennen sich zur demokratischen Erneuerung der Gesellschaft, zu radikalen Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Kultur. Zu seiner Gesundung braucht der erkrankte soziale Organismus eine Reform an Haupt und Gliedern; auch in der Kultur muß Ballast abgeworfen, müssen Strukturen beseitigt werden, die seit Jahrzehnten die freie Entwicklung des menschlichen Geistes, der schöpferischen Fähigkeiten des Volkes, der Begabungen und Talente jedes einzelnen Menschen behindern und verhindern. Die Fortsetzung des sozialistischen Experiments auf deutschem Boden unter völlig veränderten Bedingungen und mit grundlegend neuen Zielsetzungen ist ein Gebot der Vernunft. Nur durch solidarisches Handeln aller Menschen und ein neues Verhältnis zur Natur kann die Menschheit überleben, können die verschiedenen Regionen des Planeten Heimat gleichberechtigter Völker und Nationen sein.“

Dieser Aufruf basierte auf einer Beratung ‘Über die mögliche Gründung einer kulturpolitischen Vereinigung in der DDR‘ vom 11. November 1989, an der Lothar Bisky (Rektor der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf"), Dr. Thomas Flierl (Mitarbeiter im Kulturministerium), Dr. Horst Groschopp (Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin), Prof. Helmut Hanke (Prorektor der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf") und Prof. Dietrich Mühlberg (Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin) teilnahmen. Dem ‘Initiativkomitee zur Gründung einer Gesellschaft für kulturelle Erneuerung in der DDR‘, das am 17. November 1989 zu einer Sitzung zusammentrat und noch am selben Tag den 'Aufruf zur Mitwirkung' veröffentlichte, gehörte u.a. auch Prof. Jürgen Marten (Institut für Kulturforschung) an.

Vorangegangen waren diesem Aufruf jahrelange Diskussionen über Möglichkeiten und Grundsätze einer Kulturreform, woraus MitarbeiterInnen der Sektion Kulturwissenschaft und Ästhetik der Humboldt-Universität zu Berlin im Frühjahr 1988 eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Zu einigen Perspektiven unserer Kultur und zu möglichen Aufgaben von Kulturwissenschaft in der DDR (ein Diskussionsbeitrag)" konzipierten. In Folge löste dies eine Reihe weiterer Grundsatzdebatten zu allen Aspekten kultureller Entwicklung aus. Die politischen Zuspitzungen im Sommer 1989 machten die Notwendigkeit, endlich einen Interessenverband der KulturarbeiterInnen in der DDR zu gründen, um so dringlicher.

Bis zur Gründung der Gesellschaft, die auf die Unterstützung des später im Ostteil der Stadt wohl erfahrensten und erfolgreichsten Fördervereins für dezentrale Kulturprojekte, die Kulturinitiative Förderband, zählen konnte, hatte das Komitee seinen Sitz an der Sektion Kulturwissenschaft und Ästhetik der Humboldt Universität zu Berlin. Zu den Initiatoren der ersten Stunde zählen ebenfalls Persönlichkeiten wie u.a. Christa Wolf, Fritz Cremer, Hermann Beyer, Lothar Trolle, Fritz Marquardt, Christoph Hein und Heiner Müller.

Gliederung
1. Zur Entstehungsgeschichte der Disziplin Kulturwissenschaft in der DDR
2. Der Studiengang Kulturwissenschaften in der DDR
3. Institutionalisierung der Disziplin Kulturwissenschaft in der DDR
4. Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung
5. Die Kulturinitiative ’89 - Eckdaten, Grundsatzdokumente und Veröffentlichungen
6. Kulturdebatten
7. Medienbeiträge und -kommentare zur 'Kulturinitiative ’89'


Zur Entstehungsgeschichte der Disziplin Kulturwissenschaft in der DDR
Die Geschichte der Entstehung der Disziplin Kulturwissenschaft in der DDR ist noch wenig erforscht. Als einzigartige und eigenständige Wissenschaftsdisziplin reicht sie dort bis in die sechziger Jahre des 20.Jahrhunderts zurück, fand ihre Wurzeln aber schon in der zurückliegenden Arbeiterbewegung und ihren vielfältigen Strömungen. Das Kulturthema hat die sozialistische Bewegung seit ihren Anfängen begleitet. Es wurde auf kulturelle Werteorientierungen und reichhaltige Ideenhaushalte der alten Sozialdemokratie von vor 1914 zurückgegriffen, an Erfahrungen des Kulturidealismus der deutschen Linken und der sozialistischen Abteilung der Lebensreformbewegung angeknüpft. Praktiken der bürgerlichen Volkswohl- und Volkserziehungsbewegung und der "ästhetischen Sozialreform" aus der Zeit zwischen 1890 und 1914 standen ebenso Pate wie die kultursozialistische Idee vom "neuen Menschen" der 20er Jahre.

Noch 1988 bemühte man sich am Institut (der Sektion) Kulturwissenschaft und Ästhetik der Humboldt Universität zu Berlin intensiv darum, der Wissenschaftsentwicklung und kulturwissenschaftlichen Aus- und Weiterbildung zukunftsweisend ein noch schärferes Profil zu geben und dachte an die Entwicklung und Weitergestaltung der Fachrichtung Kulturwissenschaft der kommenden Jahrzehnte. Hier entfalteten auch Glasnost und Perestroika der Sowjetunion durchaus widersprüchliche Wirkungen, was vorhandene "innere" akademische Diskurse nicht unbeeindruckt ließ. Dessen ungeachtet fanden hier insbesondere die folgenden Hauptlehrgebiete eine höhere Bewertung: 1. kulturtheoretisch-ästhetische Kommunikationsforschung, 2. international vergleichende Kulturforschung, 3. ästhetische Grundlagenforschung, 4. Forschungen zu Geschichte und Theorie der bürgerlichen Ästhetik im 20. Jahrhundert und 5. ein schneller Ausbau der empirischen Kulturforschung in der sozialistischen Gesellschaft. Den Imperativ einer interdisziplinären Zusammenarbeit hatte man schon lange erkannt, nun galt es, den sozialen Lebensprozeß unmittelbar reflektierende Disziplinen noch enger zu verknüpfen: Sozialgeschichte, Soziologie, Sozialpsychologie, Ethnographie, Volkskunde, Wirtschaftsgeschichte u.a. 1991 wurden dann infolge von strukturellen Reformen und radikalen Veränderungen die Sektionen der Humboldt Universität zu Berlin umgebildet. Aus der Sektion für Ästhetik und Kunstwissenschaften wurde der Fachbereich 8 (Kultur- und Kunstwissenschaft).

Eine historisch-kritische Analyse der mit der DDR beendeten Kulturarbeit steht noch aus, was einerseits ihrer politischen Instrumentalisierung bzw. Stigmatisierung und andererseits dem von ihren Protagonisten gewollten aber zwiespältig wahrgenommenen historisch-emanzipatorischen Charakter in der DDR geschuldet ist - das Experiment ist abgebrochen. Dieser Widerspruch wirkt bis in die Gegenwart und wird eine notwendige Forschung fürderhin bestimmen können und nur dann produktiv wirken, sollten beide letztgenannten Argumentationslinien in ihrer Ambivalenz einer gleichberechtigten Analyse unterworfen werden.

Der Studiengang Kulturwissenschaften in der DDR
Der Studiengang Kulturwissenschaften wurde 1963 - erstmalig im deutschsprachigen Raum - an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Karl-Marx-Universität Leipzig installiert und das erste reguläre Studienjahr fand im Zeiraum von 1964 - 1968/69 statt. All dies geschah auf Anweisung der Regierung der DDR an den Instituten für Philosophie (Abteilung Ästhetik) beider Universitäten. Die Idee, einen Berufsverband der Kulturwissenschaftler zu gründen gab es erstmals 1986, was jedoch erst Ende 1989 wirklich gelang. Bis 1990 sind an beiden Hochschulen insgesamt 2500 Diplom-Kulturwissenschaftler ausgebildet worden. Inhaltlich wurde als übergreifender Themenkomplex die allgemeine Kulturgeschichte der Menschheit ebenso abgehandelt wie "spezielle Probleme, die sich aus der Entwicklung der DDR ergaben. Die Lehrangebote reichten vom antiken Schönheitsideal über die Leibnizsche Monadologie bis zum Bauhaus, zu den Trinksitten der Arbeiter und zum Platz der Populären Musik im Alltag von Jugendlichen. Es ging darum, eine umfassende Bildung (namentlich in Philosophie, Kulturgeschichte, Ästhetik, Kulturtheorie, Literatur-, Kunst-, Theater- und Musikwissenschaft) sowie wissenschaftliche Arbeits- und Denkweisen zu vermitteln." (Isolde Dietrich, Kulturwissenschaftlerin)

Institutionalisierung der Disziplin Kulturwissenschaft in der DDR
Nach Stalins Tod (1953) kamen unter den Führern der "kommunistischen und Arbeiterparteien" Debatten darüber in Gang, was denn Sozialismus als Gesellschaftsform nun sein sollte. Dabei spielten die Gebiete Ideologie und Kultur und eine dem Sozialismus "treu ergebene" Intelligenz eine zentrale Rolle. Die aus den Unterschichten aufgestiegenen neuen Funktionseliten (Stichwort Arbeiter- und Bauernfakultäten - ABF) galt es zu befähigen, um auch in der DDR eine sozialistische Kulturrevolution zu organisieren. 1960 fand eine Kulturkonferenz des ZK (Zentralkomitee) der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) statt, wo die Ausarbeitung eines "Berufsbildes spezieller Bildungswege für Kulturfunktionäre, wie Fachschulbildung, Hochschulbildung und mit beiden Einrichtungen verbundenes Fernstudium" diskutiert wurde. So beschloss das zentrale Machtorgan der SED, das Sekretariat des Zentralkomitees, zwei Jahre später, am 8. August 1962 den Aufbau eines einheitlichen Qualifizierungssystems für Kulturfunktionäre.

Den Absolventen war von Beginn an ein breites Einsatzfeld sicher: Regionale und örtliche Kulturarbeit (Kulturämter, Kulturhäuser, Jugendklubs, Ferienheime), Kunst vermittelnde Einrichtungen (Verlage, Theater, Museen, Galerien, Schallplattenproduktion, Agenturen, Management der Unterhaltungskunst, Ausstellungswesen), Massenmedien (Kulturredaktionen der Zeitungen und Zeitschriften, Hörfunk, Film und Fernsehen), Umweltgestaltung (Mode, Design, Stadtplanung), Großbetriebe (betriebliche Kulturhäuser, Erwachsenenbildung, bis Mitte der 70er Jahre auch als "Kulturassistenten" in Betriebsleitungen), Parteien und gesellschaftliche Organisationen (Kulturabteilungen, kulturelle Einrichtungen), Staat (untere bis mittlere kulturpolitische Funktionen in nachgeordneten Einrichtungen des Kulturministeriums und in den Kulturabteilungen in den Bezirken, "höhere" Funktionen verlangten hier - wie bei den Parteien - einen anderen Karriereverlauf), Lehre und Forschung (Universitäten, Kunsthochschulen, Akademieinstitute).

1973/74 gab es einen Modellversuch von Künstlern der Hochschule der Künste Berlin (HdK) - Westberlin, die 1975 einen ersten Kontakte zur DDR aufnahmen, um sich nach dem hier bereits institutionalisierten Fernstudium zu erkundigen und an einer Kooperation, z.B. mit den Mitteilungen aus der Kulturwissenschaftlichen Forschung (MKF) und dem Kulturwissenschaftlichen Institut der Humboldt Universität interessiert waren. Diese Zusammenarbeit sollte bis zum Ende der DDR und darüber hinaus anhalten. Die Westberliner nutzten die Erfahrungen zum Aufbau eines eigenen Fernstudienlehrgangs. Da die MKF auch ein Rezensionsexemplar waren, erschien darin auch Literatur aus Westdeutschland und Westberlin.

Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung
Die Weimarer Beiträge - Zeitschrift für Literaturwissenschaft, Ästhetik und Kulturwissenschaften wie auch die Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung (MKF) waren in der DDR zwei der renommiertesten Literatur- und Kulturzeitschriften. Beide kulturwissenschaftlichen Publikationen konnten die rasante Umbruchsphase 1989/90 nur überstehen, da sie insbesondere im betreffenden akademischen Milieu eine feste Verankerung gefunden hatten und durch die ’Kulturinitiative 89’ vorerst weitergetragen wurden. Die “Weimarer Beiträge“ galten als das 'zentrale Diskussions- und Führungsorgan' für Ästhetik, Literatur- und Kulturwissenschaften in der DDR und wurden 1991 durch den Aufbau Verlag eingestellt. Seither werden sie vom Passagen Verlag herausgegeben.

Die Schriftenreihe Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung dagegen war unter den veränderten Bedingungen schließlich nicht mehr zu halten und wurde 2003 eingestellt. Diese Reihe verstand sich zum Schluß als ein Ost-West-Diskussionsforum (so mit den Ausgaben 31 Geschlechterverhältnisse, 32 Kultur in Deutschlands Osten, 33 Ostdeutsche Kulturgeschichte, 34 Enquete kultureller Wandel, 35 Was soll Kulturpolitik, 36 Differente Sexualitäten) und dokumentierte vor allem den kulturellen Wandel nach 1990.

Um weiterhin in den öffentlichen Diskurs einzugreifen, nutzte die ’Kulturinitiative 89’ u.a. die neuen Medien über die Online-Plattform Kulturation - Das Online-Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik, auf der eine Vielzahl von Texten, Publikationen und Veranstaltungsthemen der Initiative abrufbar bleiben. Dort heißt es im ständigen Editorial: "Mit der Begründung eines kulturwissenschaftlich/kulturpolitischen Online-Journals setzt die KulturInitiative 89 ihre Bemühungen fort, eine Art von Gesellschaftsbetrachtung und eingreifender Praxis öffentlich zu machen, wie sie vor allem für die Berliner Kultur- und Wissenschaftslandschaft seit längerer Zeit typisch ist. Das in den 1970 und 80er Jahren in Berlin Ost und West ausgebildete kulturwissenschaftliche Potential gibt es nicht mehr. Teils wurde es abgewickelt, teils verdrängt, teils ist es in neue Zusammenhänge eingebunden, und etliches hat sich gewandelt. Dieses kulturwissenschaftliche Milieu konnte in der damals auf andere Weise geteilten Stadt schon situationsbedingt nicht annähernd homogen sein. Doch zeichnete es sich systemübergreifend durch die soziale Rückbindung und ein praktisches Engagement der wissenschaftlichen Arbeit aus, war mit der Kulturarbeit verbunden, verfolgte kritische Ansätze und engagierte sich politisch im linken und linksliberalen Spektrum. Es gab so etwas wie eine kulturwissenschaftlich/kulturpolitische Szene in Berlin. Einer ihrer Kristallisationspunkte war das Kulturwissenschaftliche Institut der Humboldt-Universität mit seinen Kolloquien und den dort erscheinenden MKF. Es fühlte sich verwandt mit jenen, die zwischen Birmingham und Tübingen die Kulturen der kleinen Leute, der Außenseiter und Oppositionellen ins Licht rückten und zugleich den Kulturformen der Moderne verschrieben waren." Dieses Journal erscheint fortlaufend, wird halbjährlich zu einer Ausgabe zusammengefaßt und im Archiv nachgewiesen.

Die Kulturinitiative ’89 - Eckdaten, Grundsatzdokumente und Veröffentlichungen
Da es in der DDR kein Vereinsrecht gab, betraten die Initiatoren der 'Kulturinitiative '89' Neuland. Nachdem sich die Initiative am 17. November 1989 konstituiert hatte, informierte sie die Öffentlichkeit mit einer Pressemitteilung und startete einen Aufruf zur Mitwirkung. Am 27. November 1989 stellten die Initiatoren beim Kulturminister einen ordentlichen Antrag zur Registrierung der Initiative der positiv beantwortet wurde. Während das kleine Gründungskomitee ausnahmslos aus Kulturwissenschaftlern bestand, war die Kulturinitiative schon nach wenigen Tagen ein West-Ost-Unternehmen, das am 22. Dezember die erste große deutsch-deutsche Kulturdebatte in der Akademie der Künste organisierte. Im Februar 1990 wurden in einem Fünf-Punkte-Programm die Grundsätze der Arbeit (Entwurf) der Kulturinitiative vorgestellt. Im selben Zeitraum gestaltete sich auf kommunaler Ebene eine Zusammenarbeit zwischen den Stadtbezirken Prenzlauer Berg und Berlin-Kreuzberg und es wurden Tagungen zur Kultur- und Kommunalpolitik abgehalten. Die Resonanz darauf war allerding sehr schwach. Aus dem Verein MKF wurde den veränderten Bedingungen geschuldet plötzlich ein Freier Träger mit Kuratorium, Vorstand, Geschäftsführung und annähernd 140 Mitarbeitern sowie einem Büro in den Räumer der ehemaligen CDU-Zentrale (Ost) am Gendarmenmarkt. 1. Vorsitzender war Prof. Jürgen Marten und die Geschäftsführung übernahm Manfred Hübner.

Zu den wichtigsten eigenen Publikationsmedien der Initiative zählen die Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung und die Blätter für demokratische Kultur.

Zwei miteinander verbundene praktische Arbeitsschwerpunkte traten zu Beginn in den Mittelpunkt: kommunale Kulturpolitik und Beschäftigungsmaßnahmen für arbeitslose und von Arbeitslosigkeit bedrohte Künstler. Das für den Osten neue Phänomen Massenarbeitslosigkeit griff flächendeckend und betraf insbesondere auch Beschäftigte im Kultursektor. Als man in einen Erfahrungsaustausch trat, wirkten im Bereich der kommunalen Kulturpolitik die seit den siebziger Jahren bestehenden Ost-West-Kooperationen (wie es sich z.B. an den Beziehungen zwischen HdK einerseits und MKF und dem Kulturwissenschaftlichen Institut der Humboldt Universität andererseits darstellte) nach. In den 90er Jahren war der kulturelle Wandel ein beständiges Thema der Kulturinitiative'89, was sich in zahlreichen Publikationen, auf unterschiedlichen Diskussionsveranstaltungen und in einem kleinen zeitgeschichtlichen Archiv zur ostdeutschen Kultur manifestierte. Der Zwiespalt, einerseits mit den Brüchen eigener Geschichte so objektiv wie nur möglich umzugehen und eine andererseits erzwungene nur teilweise Integration in den Wissenschafts- und Kulturbetrieb oder die nur zeitlich begrenzten ABM-Projekte und daraus resultierende prekäre Arbeits- und Lebenssituationen bestimmten den Alltag, was dazu führte, dass über weitere Publikationsmöglichkeiten nachgedacht wurde und Anstrengungen dahingehend unternommen wurden, in die Bildungs- und interkulturelle Arbeit einzusteigen sowie mögliche Ausstellungsprojekte und Medienproduktionen zu organisieren. Das Projekt "Abgewickelt" verdeutlichte die absurd-realitätsnahe Situation vieler entlassener Mitarbeiter kultureller Einrichtungen, die ihren eigenen Abstieg in die soziale Ungewissheit selbst dokumentieren sollten. Das Projekt "Kulturelle Umbrüche" wiederum dokumentierte die kulturellen Veränderungen in Ostberlin in den Jahren 1989 bis 1991.

Am 19. März 1994 fand anläßlich der fünften Jahreshauptversammlung der Kulturinitiative '89 ein Kulturwissenschaftliches Kolloquium statt, dem noch weitere folgen sollten. Am 19. September 1995 beschloss der Vorstand der Kulturinitiative '89 die Gründung eines eigenen Medienzentrums. Im Februar 1996 wurde zu einer Feier aller Absolventen der kulturwissenschaftlichen Institute geladen und nachfolgend eine Reihe von Kulturforen und Kulturtagen organisiert. So zum Beispiel am 19.03.1994 das III. Berliner Kulturforum (Bürohaus Charlottenstraße) und am 16.03.1996 das IV. Berliner Kulturforum (Kulturhaus Mitte). Bisher bekannte Kulturtage fanden an den folgenden Tagen statt: 24. Mai 1997, 1. Ostdeutscher Kulturtag der Kulturinitiative '89 (Der Vorstand beschliesst, einen zweiten Ostdeutschen Kulturtag durchzuführen). 24. Oktober 1998, 2. Ostdeutscher Kulturtag der Kulturinitiative '89

Kulturdebatten
Im neuen Jahrzehnt konzentrierte sich die Initiative neben Publikationen im eigenen Online Journal 'Kulturation' auf eine finanzierte Vortrags- und Diskussionsreihe, die zuerst im März 2000 im Kulturhaus Thälmannpark begonnen, dann im Kulturhaus Mitte Berlin und schließlich, mit Unterstützung der Stiftung Denkmalschutz, im Turm Frankfurter Tor fortgesetzt wurde. Insgesamt wurden mit Stand vom Herbst 2010 120 Veranstaltungen durchgeführt. Zu den weiteren Arbeitsschwerpunkten zählen Untersuchungen zur Geschichte des Studiengangs Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität, dem Verbleib von Absolventen bzw. der Nachforschung ihrer Berufsbiographien zwischen 1963 und 2007 (z.B. mit der Verbleibstudie der Kulturwissenschaftlerin Isolde Dietrich, "Was aus ihnen geworden ist") sowie Veranstaltungsreihen wie z.B. "Bausteine Ostdeutscher Kulturgeschichte" oder die in Zusammenarbeit mit dem "Salon Rohnstock" durchgeführten "Kulturdebatten im Salon", wie z.B. seit 2006 "Lust und Last der Autobiographie" oder der Vortrags- und Diskussionsreihe "Kulturdebatte Neue Medien", die im April 2008 nach sechsjähriger Pause mit neuer Besetzung fortgesetzt wurde. Am 12. und 13. Oktober 2007 fand unter dem langen Titel "Kulturwissenschaft - ein neuer Studiengang - Versuch einer Standortbestimmung nach 44 Jahren Kulturwissenschaft in Berlin" eine Tagung statt, zu der Absolventen und an ihrer Ausbildung beteiligte Wissenschaftler eingeladen waren. Diese Tagung ist im Wesentlichen im Online Journal 'Kulturation' dokumentiert, das als zentrale Publikationsplattform der Kulturinitiative '89 bis in die Gegenwart - Stand Ende 2010 - regelmässig Zeitgeschehen und die Initiative betreffende Veranstaltungen dokumentiert.

Medienbeiträge und -kommentare zur 'Kulturinitiative ’89'
- Neues Deutschland, 20. Dezember 1989, „Gesellschaft für demokratische Kultur“ in der DDR gegründet
- Berliner Zeitung, 20. Dezember 1989, Forum für Künstler und Geistesschaffende. Gesellschaft für demokratische Kultur gegründet
- DER TAGESSPIEGEL, 24. Dezember 1989, Mehr Furcht als Hoffnung. „Zwischen-Rede“: Deutsch-deutsches Kulturtreffen in Ost-Berlin
- SONNTAG 9/1990, Ohne Apparat. Über die >>Gesellschaft für demokratische Kultur, DDR<<, Interview mit Dietrich Mühlberg
- Tageszeitung (TAZ), 16.01.92, Hilfe bei Jobsuche. Ein Besuch bei der Kulturinitiative 89 e.V., die sich um arbeitslose Künstler bemüht
- Berliner Zeitung, 24. Mai 1997, Brief von Kiefert, Rudolf an Dr. Maier zum ersten Ostdeutschen Kulturtag der Kulturinitiative '89
- Märkischer Markt, 21./22. Mai 1997, Der Ostdeutsche als besserer Mensch? Ernste und heitere Duelle am „Ostdeutschen Kulturtag“ in Berlin
- Neues Deutschland, 25. November 1997, Das Neueste aus der Vereinsmeierei
- DER TAGESSPIEGEL, 26. Oktober 1998, Das allererste Charakteristikum des sogenannten Ossis ist die Exotik
- Die Welt, 27. Oktober 1998, Ost-Medien: Henry Maske und Ampelmännchen?
- Neues Deutschland, 28.10.1998, ein Rückblick auf den 3. Ostdeutschen Kulturtag. Der Ostmensch und die Medien
- Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.11.1998, Zusammenverwachsungen. Vorwiegend stimmlos: Der Ostmensch in den Medien
- Zitty 22/1998, Kulturtage. Brauchen wir Ossis?