KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 18 • 2015 • Jg. 38 [13] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2010
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Wolfgang Brauer
Hochgeehrt und kaltgestellt.
Otto Nagels Biesdorfer Jahre
Von 1951 bis zu seinem Tode im Jahre 1967 lebte der Maler Otto Nagel in der "Villa Conrad" in der Biesdorfer Königstraße 5-6. Das Haus wurde nach dem Tod des Malers bis 1983 von seiner Witwe Walentina ("Wally") Nagel bewohnt. Nach deren Ableben verkaufte es die Tochter Sybille Schallenberg-Nagel, um die anfallende Erbschaftssteuer bezahlen zu können.[1] In den 1980er-Jahren im Eigentum des Kulturfonds der DDR, wurde das Haus in der seit dem 30. Mai 1968 so benannten Otto-Nagel-Straße 6 unter anderem von Schriftstellern als zeitweiliger Arbeitsort genutzt. Nach 1990 gelangte die Immobilie wieder in Privatbesitz und wird von den jetzigen Besitzern liebevoll gepflegt. Eine Gedenktafel neben dem Eingang erinnert daran, dass in Biesdorf einmal einer der wichtigsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts lebte.


Nagelhaus

Wohnhaus von Otto Nagel in Biesdorf © W. Brauer


Das hier entstandene künstlerische Werk Otto Nagels ist leider vergleichsweise schmal. Im 1974 veröffentlichten Verzeichnis der Gemälde und Pastelle[2] des Künstlers sind insgesamt 651 Titel aufgeführt, von denen nach 1945 nur 65 Arbeiten entstanden. Für die Biesdorfer Jahre sind lediglich 32 größere Arbeiten nachweisbar, darunter vier Ölbilder. Dabei muss Otto Nagel sich auf das Arbeiten im neuen Haus gefreut haben: So ließ er ein noch heute bestehendes Atelier mit großartigem Lichteinfall anbauen. Die Verfasser des Werkverzeichnisses erklären den abrupten Produktivitätsabfall mit "kulturpolitischen Funktionen, publizistischer Tätigkeit und hinzukommenden Krankheiten."[3] Das stimmt alles, aber so einfach war das nicht.

Nachdem die Niederlage des deutschen Faschismus und der beginnende Wiederaufbau auch von einem Wiederaufblühen der Künste in den verschiedensten Stilrichtungen begleitet waren, war das produktive Miteinander der Stile und Haltungen zunächst in der Sowjetischen Besatzungszone ab Mitte 1948 zu Ende. Ähnliches passierte zeitversetzt in der Bundesrepublik, nur traf es hier alle "Nicht-Abstrakten". Bornierte SED-Kulturpolitiker waren in der SBZ und späteren DDR sicher der entscheidende Faktor, aber nur einer: Auch das breite Publikum war nicht unbedingt auf Seiten der Künstler. Eine Publikumsumfrage zur Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung 1947 in Dresden bot ein verheerendes Bild: 76 Prozent der befragten Arbeiter und 58 Prozent der Studenten lehnten diese Ausstellung ab.[4] Da hatte es Walter Ulbricht leicht, der eine "Wendung" auf dem Gebiet der Kunst forderte. Der Schriftsteller Bodo Uhse durfte auf dem Zweiten Deutschen Schriftsteller-Kongreß im Juli 1950 als einer der ersten die neue Linie verkünden: Inhalt der Kunst sollten fortan der sozialistische Aufbau, "Stolz auf die erreichte Leistung, der grenzenlose Wille die Einheit Deutschlands zu verteidigen, die grenzenlose Ergebenheit für die Sache des Friedens und die Verbundenheit mit dem Landes des Sozialismus, der Sowjetunion" sein.[5]

In dieser Situation verstärkte Nagel sein kulturpolitisches Engagement. Am 24. März 1950 wurde im Berliner Admiralspalast die Deutsche Akademie der Künste, die spätere Akademie der Künste der DDR, eröffnet. Zusammen mit 21 anderen Künstlerinnen und Künstlern, zum Teil von Weltruf, erhielt Otto Nagel seine Berufungsurkunde aus der Hand von Wilhelm Pieck, dem Präsidenten der DDR. Die DDR wusste, was sie an diesem Maler hatte. Nagel genoss seit den 1920er-Jahren über alle Richtungsgrenzen hinweg künstlerisch einen ausgezeichneten Ruf. Wer um die Heftigkeit weiß, mit der Künstler um ästhetische Fragen streiten, weiß auch, was das bedeutet. Der Kommunist Nagel vermochte ob seiner persönlichen Lauterkeit und seines lebenslangen sozialen Engagements Parteiengrenzen vergessen zu machen.

Am 15. Oktober 1950 eröffnete der Direktor der Nationalgalerie Ludwig Justi eine große Nagel-Ausstellung in der Akademie "Werke aus drei Jahrzehnten" mit einer Bewertung des Nagelschen Werkes: "Otto Nagel stellt in seinem Schaffen ein bedeutsames Stück der Weltgeschichte anschaulich dar, nicht des staatlichen oder kriegerischen Geschehens, sondern des gesellschaftlichen, sozialen; aus eigenem Erleben."[6] Damit war der Maler festgelegt - als "Klassiker vom Wedding". So überschrieb 1974 Erhard Frommhold ein Kapitel seines ansonsten ausgezeichneten Buches über Nagel.[7] 1959 widmete die Akademie ihrem Präsidenten Otto Nagel eine Festschrift zum 65. Geburtstag. Heinz Lüdecke reflektierte in seinem Jubiläumsaufsatz die Weiterführung der "echten progressiven Tradition der zwanziger Jahre" in einem "Prozeß, der uns aus dem Vergangenen in die Zukunft führt" - und Nagel sei selbstverständlich dabei: "weniger jetzt als Maler denn als Kulturpolitiker, Lehrer, Ratgeber, Anreger und Hüter des guten Erbes."[8] Die Geburtstagsblumen waren ein Grabstrauß für einen noch lebenden Künstler, der leider die Realität widerspiegelte. Ein Grund mehr, den Kulturpolitiker Nagel genauer zu betrachten.

In der Nacht vom 24. zum 25. Februar 1951 wurde im Bahnhof Friedrichstraße Horst Strempels Wandbild "Trümmer weg - baut auf!" unter bis heute nicht völlig geklärten Umständen entfernt. Strempel war mit seinem Bild in das Visier der "Formalismus-Kritiker" geraten. Auch Nagel hatte ihm eine Woche zuvor in der "Täglichen Rundschau" empfohlen, das Bild selbst abzuwaschen und den Beweis anzutreten, dass er "jetzt zu anderen Leistungen fähig" sei.[9]

Scheinbar ins Bild passt da, dass Otto Nagel auf dem "Formalismus-Plenum" des Zentralkomitees der SED (15. bis 17. März 1951) reuige (Selbst-)Kritik übte und "einige künstlerische Verirrungen in Deutschland seit 1918" geißelte.[10] Es lohnt sich allerdings Nagels Beitrag genauer zu lesen. Während Otto Winzer, nach dem in unserem Bezirk auch einmal eine Straße benannt war, "Volkslied, Volkskunst und Volkstanz" gegen die "anglo-amerikanische Boogie-Woogie-Kultur"[11] beschwor, und Kurt Liebknecht die letzten Reste "kosmopolitischer Tendenzen"[12] an der Weimarer Architekturhochschule zerschmettern wollte (das richtete sich gegen das Bauhaus und den Architekten Hermann Henselmann), reduzierten sich die "künstlerischen Verirrungen", die Nagel geißelte, im Kern auf Wortführer des späten Dadaismus, wie Kurt Schwitters und Franz Arp. Das waren alte Rechnungen, diese Richtung blieb ihm zeitlebens verschlossen (umgekehrt war das nicht anders). Fast im gleichen Atemzuge verwies Nagel darauf, dass "die Naturalisten" vom Verein Berliner Künstler seinerzeit "ihre Nazibilder malten". Walter Ulbricht begann bei diesen Ausführungen offenbar zu kochen und ließ sich in dem Moment, als Nagel feststellte, dass sich "alle anderen" in den Ausstellungen "Entartete Kunst" wiederfanden, zu dem Ausbruch hinreißen: "Es gab schon vor Hitler Entartete!"[13] Nagel konterte mit Heinrich Zilles Feststellung, dass es in der Kunst auf das Können ankäme, und der Könner selbst ein Komma zeichnen könne und alle würden es als Ohr akzeptieren ... In dieser Atmosphäre versuchte Otto Nagel Kulturpolitik zu betreiben.

Sein Feld sollte die Akademie der Künste werden. Er initiierte große Einzelausstellungen von Otto Dix, Frans Masereel, Heinrich Zille, Georg Hendrik Breitner und Otto Pankok. Auch diese Maler passten nicht in die Bildvorstellungen der SED-Kunststrategen. Anlässlich der III. Deutschen Kunstausstellung 1953 in Dresden kam es zum nächsten Eklat. Die Jury sonderte alle "formalistischen Arbeiten" aus. Das betraf vor allem westdeutsche Künstler, die sich, derart brüskiert, künftig nicht mehr an den Dresdner Ausstellungen beteiligten. Nagel versuchte, solchen "Verstimmungen" in den Folgejahren immer wieder die Spitze zu nehmen und den künstlerischen (und menschlichen) Austausch über die deutsch-deutsche Grenze nicht abreißen zu lassen. So wurde am 10. März 1956 die viel beachtete Akademie-Ausstellung "Der grafische Zyklus. Von Max Klinger bis zur Gegenwart" eröffnet. Otto Nagel sorgte dafür, dass diese Ausstellung nicht wie beabsichtigt Wilhelm Pieck "zu Ehren" veranstaltet wurde. Er wollte die westdeutschen Künstler nicht an einer Beteiligung hindern. Besonders bemühte er sich um den nach dem 1953er Eklat völlig verärgerten Franz Radziwill. Radziwill beteiligte sich auch aufgrund der Bemühungen Otto Nagels wieder an den (gesamtdeutschen!) Akademie-Ausstellungen der 1950er-Jahre, ebenso wie Fritz Griebel, Karl Hubbuch, Gerhard Marcks, Ludwig Meidner und Karl Schmidt-Rottluff. "Was aber konstatiert werden muß ...ist das Fehlen einer künstlerischen Auseinandersetzung mit den Inhalten unseres heutigen Lebens", beckmesserte die "Berliner Zeitung" über die Akademie-Ausstellung des Jahres 1955.[14]

Dennoch wurde Otto Nagel am 12. April 1956 zum Präsidenten der Akademie der Künste gewählt. Natürlich ging dem ein Politbürobeschluss voraus. Mit den bisherigen Präsidentschaften hatte man keine guten Erfahrungen gemacht: Der als Gründungspräsident vorgesehene Heinrich Mann verstarb in den USA während der Vorbereitungen zur Übersiedlung in die DDR. Arnold Zweig wurde 1952 auf Verlangen des SED-Zentralkomitees abgesetzt. Ihm folgte der überlastete Johannes R. Becher, der die Akademie-Arbeit weitestgehend deren Direktor Rudolf Engel überließ. Zudem war Becher seit dem 7. Januar 1954 Kulturminister. Also setzte man jetzt auf die Linientreue des "Genossen Professor Otto Nagel". Aber auch Nagel wurde in seiner zweiten Amtszeit vorzeitig abgelöst. Seine Präsidentschaft wird in der Folge vielfach als wenig glücklich betrachtet.

Das Gegenteil war der Fall. Unbeirrt hatte Nagel in den späten 1950er-Jahren Fundamente gelegt, auf denen die gute Reputation der Akademie der Künste der DDR auch in Zeiten schlimmster kulturpolitischer Eiszeiten beruhen sollte. Nachdrücklich förderte er die Aufnahme ausländischer Künstler als "korrespondierende Mitglieder" (anderes ließ das Statut nicht zu). In seiner Präsidentenzeit wurden 47 neue Mitglieder aufgenommen, dazu kamen 26 "korrespondierende". Unter den Neuaufgenommenen waren 1956 Otto Pankok und Diego Rivera, 1957 Otto Dix (auf Vermittlung Josef Hegenbarths, der selbst offenbar mit Billigung Nagels Mitglied der Westberliner "Konkurrenzakademie" wurde), 1958 Frans Masereel, 1960 Paul Robeson und Igor Oistrach. Überhaupt sorgte der neue Präsident für eine Verbesserung der Qualität der internationalen Kontakte: Zu Ägypten und Indien gab es gute Arbeitsbeziehungen. Intensiv bemühte sich Nagel um seine "Meisterschüler". Harald Metzkes, Ronald Paris und Rolf Schubert wurden von ihm betreut. Ganz reibungslos lief dies angesichts des äußerst unterschiedlichen Erfahrungshorizontes von Schülern und Lehrer offenbar nicht ab. Der attestierte z. B. Ronald Paris "... ohne Zweifel eine Begabung ... Er hat eine Vorliebe, junge Mädchen zu zeichnen, wobei die Gefahr besteht, daß er seine Begabung verschenkt. ... wenig, aber dafür ausgeführte Arbeiten wären mehr als die unzähligen inhaltslosen Ölstudien, die er in der letzten Zeit geschaffen hat."[15] Paris spricht noch heute voller Hochachtung von seinem Lehrer.


Nagel

Otto Nagel und seine Frau vor dem Biesdorfer Haus
Foto privat, aus: Lesebuch Marzahn-Hellersdorf. Geschichte und Geschichten aus 10 000 Jahren, Berlin 2009.


Ein besonderes Thema sind Nagels Bemühungen um einen engen Kontakt zur 1954 gegründeten Westberliner Akademie der Künste, deren Präsident ab 1955 der Architekt Hans Scharoun war. 1956 stand man in Kontakt, um gemeinsam die Restaurierung der Quadriga Gottfried Schadows für das Brandenburger Tor in die Wege zu leiten. Nagel beförderte die einzige gemeinsame Veröffentlichung beider Akademien, die Schrift Cornelia Schröders "Carl Friedrich Zelter und die Akademie" (1959). Auf Bitten Max Tauts, der Mitglied der Westberliner Akademie war, wandte sich Nagel im März 1960, bekanntermaßen erfolglos, an den Ministerpräsidenten Otto Grotewohl und den Kulturminister Alexander Abusch, um den Abriss der erst 1956 für drei Millionen DM wiederhergestellten Bauakademie Schinkels in Berlin-Mitte zu verhindern. Nagel kämpfte auch für den Erhalt des Potsdamer Stadtschlosses. Sein Verweis in einem Brief an Alfred Kurella, der damals die Kulturkommission des ZK der SED leitete, dass "um 1950" der Abriss dieses bedeutenden Barockbaus schon einmal durch das Eingreifen "der Sowjets" unter seiner, Nagels, Mitwirkung verhindert worden sei, fruchtete auch nichts.

Aufschlussreich für die Haltung des DDR-Akademiepräsidenten ist dessen Brief an seinen "lieben und hochgeschätzten Kollegen Scharoun" vom 16. Juni 1960.[16] Nagel antwortete auf die Einladung Scharouns zur Eröffnung des neuen Akademie-Gebäudes am Hanseatenweg im Tiergarten: "Wir alle freuen uns ehrlich und aufrichtig, daß die westberliner Akademie nunmehr ein würdiges Gebäude hat und wir alle glauben auch daran, daß dadurch in der Zukunft noch günstigere Voraussetzungen für eine enge Zusammenarbeit zwischen uns gegeben sind." Eine Teilnahme der DDR-Akademiemitglieder lehnte Nagel aber ab. Auf der Eröffnungsfeier sollten Politikeransprachen gehalten werden. Hier fürchtete er Probleme. Auf der 10-Jahresfeier "seiner" Akademie hätten aus eben diesem Grunde nur Arnold Zweig, Walter Felsenstein und er selbst gesprochen. "Wenn wir also an Ihrer Feier nicht teilnehmen, so ganz einfach deshalb, weil wir die weitere Zusammenarbeit nicht verbauen möchten, damit unser gutes Verhältnis nicht ein Opfer des Kalten Krieges wird." In der Folge war Nagel häufiger und gern gesehener Gast am Hanseatenweg. Am 24. März 1966 wurde in der Westberliner "Laden-Galerie" in Anwesenheit des Malers die erste und einzige Ausstellung Otto Nagels zur Zeit der Spaltung der Stadt im Westteil Berlins eröffnet. Unter den Gästen waren Hans Scharoun und der ehemalige Generalsekretär der Akademie-West, Herbert Freiherr von Buttlar. Da war Nagel aber nicht mehr Akademie-Präsident. Die "Laden-Galerie"-Fotos zeigen einen kranken und gebrochenen alten Mann.


Nagelhaus

Nach 1990 angebrachte Gedenktafel am Haus Otto-Nagel-Straße 5-6. © W. Brauer

Der kulturpolitische Kurs Otto Nagels - ähnliche Gründe führten fast zeitgleich zum Rauswurf des "Sinn-und-Form"-Chefredakteurs Peter Huchel - dürfte den Hardlinern Alfred Kurella und Alexander Abusch schon länger ein Dorn im Auge gewesen sein. Das Fass zum Überlaufen gebracht hatte die 1961er Akademie-Ausstellung "Junge Künstler". Wie damals üblich wurde von den Kulturfunktionären die Dekadenz-Keule geschwungen. Nagel musste schriftlich Stellung nehmen. Die "Selbstkritik" fiel offenbar zu weich aus. Abusch vermisste "eine Analyse der Ursachen für ihre [der Ausstellung - W. Br.] Wirkung gegen unsere sozialistische Kunstpolitik." Am 8. Februar 1962 wurde Otto Nagel von Abusch zum "Vieraugengespräch" vorgeladen. Abusch erstattete Kurella über den Verlauf in einem Brief vom 22. Februar 1962 Rapport.[17] Nach allgemeinem Palaver kam Abusch offenbar zügig "zur Sache". Er legte Nagel "die ideolog. Gründe dafür dar, daß ein neuer Präsident der Akademie gewählt werden muß." Offenbar wurden ihm der Rauswurf und damit verbundenes Berufsverbot angedroht: "Ich habe ihm gesagt, daß er in Ehren ausscheiden soll, damit er seine Tätigkeit als Künstler ... fortsetzen kann. Im Verlaufe des Gespräches überzeugte sich Genosse Nagel, daß dieser Weg der richtige ist und er sein Amt diszipliniert bis zur Neuwahl weiterführen soll." Otto Nagel gehorchte, zum Widerstand sah er sich nicht mehr in der Lage. Als Nachfolger im Präsidentenamt wurde auf Vorschlag des ZK am 30. Mai 1962 der langjährige Parteisekretär der Akademie, der biedere Schriftsteller Willi Bredel, gewählt. Nagel wurde Vizepräsident, "in Ehren" sozusagen. Er muss dies als tiefe Demütigung empfunden haben. Am Ende des zitierten Gespräches mit Alexander Abusch erklärte Otto Nagel, dass er jetzt "unbedingt einige neue Arbeiten in seinem Atelier schaffen" müsse, "anstatt eine zweifelhafte Rolle in der Akademie zu spielen." Kulturpolitisch war Nagel mit der 1962er Entscheidung kaltgestellt. Physisch und psychisch war er gebrochen. Für die "neuen Arbeiten" fehlte diesem hochbegabten und fleißigen Künstler nunmehr weitgehend die Kraft.

1963 malte Nagel in Biesdorf aber noch einmal ein großes Selbstbildnis, "Der alte Maler", das heute den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden gehört. Das Selbstbildnis zeigt einen müden, in seiner Schaffenskraft fast erloschenen Mann. Voller Trauer beschreibt es sehr genau die psychische Verfassung des Künstlers. Zwei Jahre später entstand im Biesdorfer Atelier noch ein Porträt der inzwischen erwachsenen Tochter Sybille. Sybille Nagel war es, die ihrem Vater bei einem letzten künstlerischen Aufbäumen Hilfestellung leistete. Wally Nagel berichtete darüber im Vorwort des Buches "Berliner Bilder": "Kurz bevor Otto Nagel uns für immer verlassen hat, bat er unsere Tochter Sybille, ihn nach Alt-Berlin zu bringen, wo er schon lange nicht mehr gewesen war. Sie packte - so wie ich es früher getan hatte - seine Pastellstifte, ein Malstühlchen und Pappen ein und brachte ihn dorthin. Lange ging er, um etwas zu finden, was noch festgehalten zu werden lohnte. Er ahnte ganz sicher, daß er diesmal für immer Abschied nahm von Alt-Berlin. Dann aber, heiter wie früher und nicht ein bißchen müde, schaffte er in sechs Tagen fünf Pastelle - ‚Abschied vom Fischerkietz'. Noch nie waren seine Pastelle so stark, so farbig, so lebendig schön! ... Er war froh, daß er sie noch gemalt hatte, die alte Stadt am Ende ..."[18]

Otto Nagel gehört mit Hans Baluschek, Heinrich Zille und Käthe Kollwitz - für die beiden Letzteren verfasste er am Biesdorfer Schreibtisch lesenswerte Biografien - in die Reihe der großen Berliner Künstler des 20. Jahrhunderts. Dieser wahre Mensch und großartige Maler darf nicht dem Vergessen anheimfallen.


Anmerkungen

[1] Kein Anspruch auf die Nagel-Bilder, in: Berliner Kurier, 3.12.1996; vgl. auch Peter Kirschey, Verschwunden, zurückgeholt und immer da. Juristischer Streit um Bilder von Otto Nagel vor dem Brandenburger Oberlandesgericht, in: Neues Deutschland, 16.2.2005.
[2] Sibylle Schallenberg-Nagel/Götz Schallenberg, Otto Nagel. Die Gemälde und Pastelle, Berlin 1974.
[3] Ebenda, S. 13.
[4] Karl Trinks, Die Spannung zwischen Volk und Kunst. Ein pädagogischer Epilog zu den jüngsten Kunstausstellungen, in: Aufbau, 1947, H. 7, S. 8f.
[5] Bodo Uhse, Das neue Leben verlangt nach Gestaltung, in: Aufbau, 1950, H. 8, S. 681. Uhse spricht zwar noch verklausuliert vom "neuen gesellschaftlichen Aufbau", gebraucht die Begriffe "sozialistischer" und "sowjetischer Realismus" synonym, aber die vorgegebene Marschrichtung ist eindeutig.
[6] Zit. nach: Gerhard Pommeranz-Liedtke, Otto Nagel und Berlin, Dresden 1964, S. 89.
[7] Erhard Frommhold, Otto Nagel. Zeit. Leben. Werk, Berlin 1974, S. 105ff.
[8] Heinz Lüdecke: Maler des proletarischen Humanismus, in: Festschrift Otto Nagel. Dem Präsidenten der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin zum 65. Geburtstag, Berlin 1959, unpag.
[9] Otto Nagel, Die Kunst - eine Waffe des Volkes. Ein Beitrag zur freien Diskussion über bildende Kunst, in: Tägliche Rundschau, 15.2.1951. Die Auseinandersetzungen um das Strempel-Wandbild sind ausführlich dargestellt in: Gabriele Saure, "Nacht über Deutschland". Horst Strempel - Leben und Werk, Hamburg 1992.
[10] Otto Nagel, Die Künstler müssen ihre fachlichen Fähigkeiten schnellstens vervollständigen - Über einige künstlerische Verirrungen in Deutschland seit 1918, in: Hans Lauter, Der Kampf gegen den Formalismus in Kunst und Literatur, für eine fortschrittliche deutsche Kultur. Referat von Hans Lauter, Diskussion und Entschließung von der 5. Tagung des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands vom 15.-17. März 1951, Berlin 1951, S. 80-84.
[11] Siehe in: Lauter, Kampf, S. 104-108.
[12] Siehe in: ebenda, S. 96; Liebknechts Beitrag ist ein klassisches Zeugnis "reuiger Selbstkritik" nach erfolgter Maßregelung durch die Partei, geradezu erschütternd sind die in diesem Zusammenhang erfolgenden Denunziationen Ludwig Renns (der das Bauhaus und sein Erbe hartnäckig verteidigte) durch den Präsidenten der Bauakademie Kurt Liebknecht.
[13] Ebenda, S. 82 - die Herausgeber fanden offenbar die "revolutionäre Wachsamkeit" Ulbrichts für so bemerkenswert, dass sie sich der Peinlichkeit dieses Vorganges mitnichten bewusst wurden.
[14] Berliner Zeitung, 1.6.1955.
[15] Otto Nagel, Beurteilung Ronald Paris vom 24.6.1963, Akademie der Künste Berlin, Otto-Nagel-Archiv.
[16] Akademie der Künste Berlin, Otto-Nagel-Archiv.
[17] Bundesarchiv, IfGA IV 2/2026/29 BA - alle hier zitierten Äußerungen Abuschs und Nagels entstammen diesem "Gedächtnisprotokoll" Alexander Abuschs, sind also hinsichtlich des behaupteten Äußerungen Nagels mit entsprechender Vorsicht zu behandeln.
[18] Otto Nagel, Berliner Bilder. Mit einem Vorwort von Walli Nagel, Berlin 4. Aufl. 1979, S. 16.