KULTURATIONOnline Journal fŘr Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2010
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Wolfgang Brauer
Hochgeehrt und kaltgestellt.
Otto Nagels Biesdorfer Jahre
Von 1951 bis zu seinem Tode im Jahre 1967 lebte der Maler Otto Nagel in der "Villa Conrad" in der Biesdorfer K├Ânigstra├če 5-6. Das Haus wurde nach dem Tod des Malers bis 1983 von seiner Witwe Walentina ("Wally") Nagel bewohnt. Nach deren Ableben verkaufte es die Tochter Sybille Schallenberg-Nagel, um die anfallende Erbschaftssteuer bezahlen zu k├Ânnen.[1] In den 1980er-Jahren im Eigentum des Kulturfonds der DDR, wurde das Haus in der seit dem 30. Mai 1968 so benannten Otto-Nagel-Stra├če 6 unter anderem von Schriftstellern als zeitweiliger Arbeitsort genutzt. Nach 1990 gelangte die Immobilie wieder in Privatbesitz und wird von den jetzigen Besitzern liebevoll gepflegt. Eine Gedenktafel neben dem Eingang erinnert daran, dass in Biesdorf einmal einer der wichtigsten deutschen K├╝nstler des 20. Jahrhunderts lebte.


Nagelhaus

Wohnhaus von Otto Nagel in Biesdorf ┬ę W. Brauer


Das hier entstandene k├╝nstlerische Werk Otto Nagels ist leider vergleichsweise schmal. Im 1974 ver├Âffentlichten Verzeichnis der Gem├Ąlde und Pastelle[2] des K├╝nstlers sind insgesamt 651 Titel aufgef├╝hrt, von denen nach 1945 nur 65 Arbeiten entstanden. F├╝r die Biesdorfer Jahre sind lediglich 32 gr├Â├čere Arbeiten nachweisbar, darunter vier ├ľlbilder. Dabei muss Otto Nagel sich auf das Arbeiten im neuen Haus gefreut haben: So lie├č er ein noch heute bestehendes Atelier mit gro├čartigem Lichteinfall anbauen. Die Verfasser des Werkverzeichnisses erkl├Ąren den abrupten Produktivit├Ątsabfall mit "kulturpolitischen Funktionen, publizistischer T├Ątigkeit und hinzukommenden Krankheiten."[3] Das stimmt alles, aber so einfach war das nicht.

Nachdem die Niederlage des deutschen Faschismus und der beginnende Wiederaufbau auch von einem Wiederaufbl├╝hen der K├╝nste in den verschiedensten Stilrichtungen begleitet waren, war das produktive Miteinander der Stile und Haltungen zun├Ąchst in der Sowjetischen Besatzungszone ab Mitte 1948 zu Ende. ├ähnliches passierte zeitversetzt in der Bundesrepublik, nur traf es hier alle "Nicht-Abstrakten". Bornierte SED-Kulturpolitiker waren in der SBZ und sp├Ąteren DDR sicher der entscheidende Faktor, aber nur einer: Auch das breite Publikum war nicht unbedingt auf Seiten der K├╝nstler. Eine Publikumsumfrage zur Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung 1947 in Dresden bot ein verheerendes Bild: 76 Prozent der befragten Arbeiter und 58 Prozent der Studenten lehnten diese Ausstellung ab.[4] Da hatte es Walter Ulbricht leicht, der eine "Wendung" auf dem Gebiet der Kunst forderte. Der Schriftsteller Bodo Uhse durfte auf dem Zweiten Deutschen Schriftsteller-Kongre├č im Juli 1950 als einer der ersten die neue Linie verk├╝nden: Inhalt der Kunst sollten fortan der sozialistische Aufbau, "Stolz auf die erreichte Leistung, der grenzenlose Wille die Einheit Deutschlands zu verteidigen, die grenzenlose Ergebenheit f├╝r die Sache des Friedens und die Verbundenheit mit dem Landes des Sozialismus, der Sowjetunion" sein.[5]

In dieser Situation verst├Ąrkte Nagel sein kulturpolitisches Engagement. Am 24. M├Ąrz 1950 wurde im Berliner Admiralspalast die Deutsche Akademie der K├╝nste, die sp├Ątere Akademie der K├╝nste der DDR, er├Âffnet. Zusammen mit 21 anderen K├╝nstlerinnen und K├╝nstlern, zum Teil von Weltruf, erhielt Otto Nagel seine Berufungsurkunde aus der Hand von Wilhelm Pieck, dem Pr├Ąsidenten der DDR. Die DDR wusste, was sie an diesem Maler hatte. Nagel genoss seit den 1920er-Jahren ├╝ber alle Richtungsgrenzen hinweg k├╝nstlerisch einen ausgezeichneten Ruf. Wer um die Heftigkeit wei├č, mit der K├╝nstler um ├Ąsthetische Fragen streiten, wei├č auch, was das bedeutet. Der Kommunist Nagel vermochte ob seiner pers├Ânlichen Lauterkeit und seines lebenslangen sozialen Engagements Parteiengrenzen vergessen zu machen.

Am 15. Oktober 1950 er├Âffnete der Direktor der Nationalgalerie Ludwig Justi eine gro├če Nagel-Ausstellung in der Akademie "Werke aus drei Jahrzehnten" mit einer Bewertung des Nagelschen Werkes: "Otto Nagel stellt in seinem Schaffen ein bedeutsames St├╝ck der Weltgeschichte anschaulich dar, nicht des staatlichen oder kriegerischen Geschehens, sondern des gesellschaftlichen, sozialen; aus eigenem Erleben."[6] Damit war der Maler festgelegt - als "Klassiker vom Wedding". So ├╝berschrieb 1974 Erhard Frommhold ein Kapitel seines ansonsten ausgezeichneten Buches ├╝ber Nagel.[7] 1959 widmete die Akademie ihrem Pr├Ąsidenten Otto Nagel eine Festschrift zum 65. Geburtstag. Heinz L├╝decke reflektierte in seinem Jubil├Ąumsaufsatz die Weiterf├╝hrung der "echten progressiven Tradition der zwanziger Jahre" in einem "Proze├č, der uns aus dem Vergangenen in die Zukunft f├╝hrt" - und Nagel sei selbstverst├Ąndlich dabei: "weniger jetzt als Maler denn als Kulturpolitiker, Lehrer, Ratgeber, Anreger und H├╝ter des guten Erbes."[8] Die Geburtstagsblumen waren ein Grabstrau├č f├╝r einen noch lebenden K├╝nstler, der leider die Realit├Ąt widerspiegelte. Ein Grund mehr, den Kulturpolitiker Nagel genauer zu betrachten.

In der Nacht vom 24. zum 25. Februar 1951 wurde im Bahnhof Friedrichstra├če Horst Strempels Wandbild "Tr├╝mmer weg - baut auf!" unter bis heute nicht v├Âllig gekl├Ąrten Umst├Ąnden entfernt. Strempel war mit seinem Bild in das Visier der "Formalismus-Kritiker" geraten. Auch Nagel hatte ihm eine Woche zuvor in der "T├Ąglichen Rundschau" empfohlen, das Bild selbst abzuwaschen und den Beweis anzutreten, dass er "jetzt zu anderen Leistungen f├Ąhig" sei.[9]

Scheinbar ins Bild passt da, dass Otto Nagel auf dem "Formalismus-Plenum" des Zentralkomitees der SED (15. bis 17. M├Ąrz 1951) reuige (Selbst-)Kritik ├╝bte und "einige k├╝nstlerische Verirrungen in Deutschland seit 1918" gei├čelte.[10] Es lohnt sich allerdings Nagels Beitrag genauer zu lesen. W├Ąhrend Otto Winzer, nach dem in unserem Bezirk auch einmal eine Stra├če benannt war, "Volkslied, Volkskunst und Volkstanz" gegen die "anglo-amerikanische Boogie-Woogie-Kultur"[11] beschwor, und Kurt Liebknecht die letzten Reste "kosmopolitischer Tendenzen"[12] an der Weimarer Architekturhochschule zerschmettern wollte (das richtete sich gegen das Bauhaus und den Architekten Hermann Henselmann), reduzierten sich die "k├╝nstlerischen Verirrungen", die Nagel gei├čelte, im Kern auf Wortf├╝hrer des sp├Ąten Dadaismus, wie Kurt Schwitters und Franz Arp. Das waren alte Rechnungen, diese Richtung blieb ihm zeitlebens verschlossen (umgekehrt war das nicht anders). Fast im gleichen Atemzuge verwies Nagel darauf, dass "die Naturalisten" vom Verein Berliner K├╝nstler seinerzeit "ihre Nazibilder malten". Walter Ulbricht begann bei diesen Ausf├╝hrungen offenbar zu kochen und lie├č sich in dem Moment, als Nagel feststellte, dass sich "alle anderen" in den Ausstellungen "Entartete Kunst" wiederfanden, zu dem Ausbruch hinrei├čen: "Es gab schon vor Hitler Entartete!"[13] Nagel konterte mit Heinrich Zilles Feststellung, dass es in der Kunst auf das K├Ânnen ank├Ąme, und der K├Ânner selbst ein Komma zeichnen k├Ânne und alle w├╝rden es als Ohr akzeptieren ... In dieser Atmosph├Ąre versuchte Otto Nagel Kulturpolitik zu betreiben.

Sein Feld sollte die Akademie der K├╝nste werden. Er initiierte gro├če Einzelausstellungen von Otto Dix, Frans Masereel, Heinrich Zille, Georg Hendrik Breitner und Otto Pankok. Auch diese Maler passten nicht in die Bildvorstellungen der SED-Kunststrategen. Anl├Ąsslich der III. Deutschen Kunstausstellung 1953 in Dresden kam es zum n├Ąchsten Eklat. Die Jury sonderte alle "formalistischen Arbeiten" aus. Das betraf vor allem westdeutsche K├╝nstler, die sich, derart br├╝skiert, k├╝nftig nicht mehr an den Dresdner Ausstellungen beteiligten. Nagel versuchte, solchen "Verstimmungen" in den Folgejahren immer wieder die Spitze zu nehmen und den k├╝nstlerischen (und menschlichen) Austausch ├╝ber die deutsch-deutsche Grenze nicht abrei├čen zu lassen. So wurde am 10. M├Ąrz 1956 die viel beachtete Akademie-Ausstellung "Der grafische Zyklus. Von Max Klinger bis zur Gegenwart" er├Âffnet. Otto Nagel sorgte daf├╝r, dass diese Ausstellung nicht wie beabsichtigt Wilhelm Pieck "zu Ehren" veranstaltet wurde. Er wollte die westdeutschen K├╝nstler nicht an einer Beteiligung hindern. Besonders bem├╝hte er sich um den nach dem 1953er Eklat v├Âllig ver├Ąrgerten Franz Radziwill. Radziwill beteiligte sich auch aufgrund der Bem├╝hungen Otto Nagels wieder an den (gesamtdeutschen!) Akademie-Ausstellungen der 1950er-Jahre, ebenso wie Fritz Griebel, Karl Hubbuch, Gerhard Marcks, Ludwig Meidner und Karl Schmidt-Rottluff. "Was aber konstatiert werden mu├č ...ist das Fehlen einer k├╝nstlerischen Auseinandersetzung mit den Inhalten unseres heutigen Lebens", beckmesserte die "Berliner Zeitung" ├╝ber die Akademie-Ausstellung des Jahres 1955.[14]

Dennoch wurde Otto Nagel am 12. April 1956 zum Pr├Ąsidenten der Akademie der K├╝nste gew├Ąhlt. Nat├╝rlich ging dem ein Politb├╝robeschluss voraus. Mit den bisherigen Pr├Ąsidentschaften hatte man keine guten Erfahrungen gemacht: Der als Gr├╝ndungspr├Ąsident vorgesehene Heinrich Mann verstarb in den USA w├Ąhrend der Vorbereitungen zur ├ťbersiedlung in die DDR. Arnold Zweig wurde 1952 auf Verlangen des SED-Zentralkomitees abgesetzt. Ihm folgte der ├╝berlastete Johannes R. Becher, der die Akademie-Arbeit weitestgehend deren Direktor Rudolf Engel ├╝berlie├č. Zudem war Becher seit dem 7. Januar 1954 Kulturminister. Also setzte man jetzt auf die Linientreue des "Genossen Professor Otto Nagel". Aber auch Nagel wurde in seiner zweiten Amtszeit vorzeitig abgel├Âst. Seine Pr├Ąsidentschaft wird in der Folge vielfach als wenig gl├╝cklich betrachtet.

Das Gegenteil war der Fall. Unbeirrt hatte Nagel in den sp├Ąten 1950er-Jahren Fundamente gelegt, auf denen die gute Reputation der Akademie der K├╝nste der DDR auch in Zeiten schlimmster kulturpolitischer Eiszeiten beruhen sollte. Nachdr├╝cklich f├Ârderte er die Aufnahme ausl├Ąndischer K├╝nstler als "korrespondierende Mitglieder" (anderes lie├č das Statut nicht zu). In seiner Pr├Ąsidentenzeit wurden 47 neue Mitglieder aufgenommen, dazu kamen 26 "korrespondierende". Unter den Neuaufgenommenen waren 1956 Otto Pankok und Diego Rivera, 1957 Otto Dix (auf Vermittlung Josef Hegenbarths, der selbst offenbar mit Billigung Nagels Mitglied der Westberliner "Konkurrenzakademie" wurde), 1958 Frans Masereel, 1960 Paul Robeson und Igor Oistrach. ├ťberhaupt sorgte der neue Pr├Ąsident f├╝r eine Verbesserung der Qualit├Ąt der internationalen Kontakte: Zu ├ägypten und Indien gab es gute Arbeitsbeziehungen. Intensiv bem├╝hte sich Nagel um seine "Meistersch├╝ler". Harald Metzkes, Ronald Paris und Rolf Schubert wurden von ihm betreut. Ganz reibungslos lief dies angesichts des ├Ąu├čerst unterschiedlichen Erfahrungshorizontes von Sch├╝lern und Lehrer offenbar nicht ab. Der attestierte z. B. Ronald Paris "... ohne Zweifel eine Begabung ... Er hat eine Vorliebe, junge M├Ądchen zu zeichnen, wobei die Gefahr besteht, da├č er seine Begabung verschenkt. ... wenig, aber daf├╝r ausgef├╝hrte Arbeiten w├Ąren mehr als die unz├Ąhligen inhaltslosen ├ľlstudien, die er in der letzten Zeit geschaffen hat."[15] Paris spricht noch heute voller Hochachtung von seinem Lehrer.


Nagel

Otto Nagel und seine Frau vor dem Biesdorfer Haus
Foto privat, aus: Lesebuch Marzahn-Hellersdorf. Geschichte und Geschichten aus 10 000 Jahren, Berlin 2009.


Ein besonderes Thema sind Nagels Bem├╝hungen um einen engen Kontakt zur 1954 gegr├╝ndeten Westberliner Akademie der K├╝nste, deren Pr├Ąsident ab 1955 der Architekt Hans Scharoun war. 1956 stand man in Kontakt, um gemeinsam die Restaurierung der Quadriga Gottfried Schadows f├╝r das Brandenburger Tor in die Wege zu leiten. Nagel bef├Ârderte die einzige gemeinsame Ver├Âffentlichung beider Akademien, die Schrift Cornelia Schr├Âders "Carl Friedrich Zelter und die Akademie" (1959). Auf Bitten Max Tauts, der Mitglied der Westberliner Akademie war, wandte sich Nagel im M├Ąrz 1960, bekannterma├čen erfolglos, an den Ministerpr├Ąsidenten Otto Grotewohl und den Kulturminister Alexander Abusch, um den Abriss der erst 1956 f├╝r drei Millionen DM wiederhergestellten Bauakademie Schinkels in Berlin-Mitte zu verhindern. Nagel k├Ąmpfte auch f├╝r den Erhalt des Potsdamer Stadtschlosses. Sein Verweis in einem Brief an Alfred Kurella, der damals die Kulturkommission des ZK der SED leitete, dass "um 1950" der Abriss dieses bedeutenden Barockbaus schon einmal durch das Eingreifen "der Sowjets" unter seiner, Nagels, Mitwirkung verhindert worden sei, fruchtete auch nichts.

Aufschlussreich f├╝r die Haltung des DDR-Akademiepr├Ąsidenten ist dessen Brief an seinen "lieben und hochgesch├Ątzten Kollegen Scharoun" vom 16. Juni 1960.[16] Nagel antwortete auf die Einladung Scharouns zur Er├Âffnung des neuen Akademie-Geb├Ąudes am Hanseatenweg im Tiergarten: "Wir alle freuen uns ehrlich und aufrichtig, da├č die westberliner Akademie nunmehr ein w├╝rdiges Geb├Ąude hat und wir alle glauben auch daran, da├č dadurch in der Zukunft noch g├╝nstigere Voraussetzungen f├╝r eine enge Zusammenarbeit zwischen uns gegeben sind." Eine Teilnahme der DDR-Akademiemitglieder lehnte Nagel aber ab. Auf der Er├Âffnungsfeier sollten Politikeransprachen gehalten werden. Hier f├╝rchtete er Probleme. Auf der 10-Jahresfeier "seiner" Akademie h├Ątten aus eben diesem Grunde nur Arnold Zweig, Walter Felsenstein und er selbst gesprochen. "Wenn wir also an Ihrer Feier nicht teilnehmen, so ganz einfach deshalb, weil wir die weitere Zusammenarbeit nicht verbauen m├Âchten, damit unser gutes Verh├Ąltnis nicht ein Opfer des Kalten Krieges wird." In der Folge war Nagel h├Ąufiger und gern gesehener Gast am Hanseatenweg. Am 24. M├Ąrz 1966 wurde in der Westberliner "Laden-Galerie" in Anwesenheit des Malers die erste und einzige Ausstellung Otto Nagels zur Zeit der Spaltung der Stadt im Westteil Berlins er├Âffnet. Unter den G├Ąsten waren Hans Scharoun und der ehemalige Generalsekret├Ąr der Akademie-West, Herbert Freiherr von Buttlar. Da war Nagel aber nicht mehr Akademie-Pr├Ąsident. Die "Laden-Galerie"-Fotos zeigen einen kranken und gebrochenen alten Mann.


Nagelhaus

Nach 1990 angebrachte Gedenktafel am Haus Otto-Nagel-Stra├če 5-6. ┬ę W. Brauer

Der kulturpolitische Kurs Otto Nagels - ├Ąhnliche Gr├╝nde f├╝hrten fast zeitgleich zum Rauswurf des "Sinn-und-Form"-Chefredakteurs Peter Huchel - d├╝rfte den Hardlinern Alfred Kurella und Alexander Abusch schon l├Ąnger ein Dorn im Auge gewesen sein. Das Fass zum ├ťberlaufen gebracht hatte die 1961er Akademie-Ausstellung "Junge K├╝nstler". Wie damals ├╝blich wurde von den Kulturfunktion├Ąren die Dekadenz-Keule geschwungen. Nagel musste schriftlich Stellung nehmen. Die "Selbstkritik" fiel offenbar zu weich aus. Abusch vermisste "eine Analyse der Ursachen f├╝r ihre [der Ausstellung - W. Br.] Wirkung gegen unsere sozialistische Kunstpolitik." Am 8. Februar 1962 wurde Otto Nagel von Abusch zum "Vieraugengespr├Ąch" vorgeladen. Abusch erstattete Kurella ├╝ber den Verlauf in einem Brief vom 22. Februar 1962 Rapport.[17] Nach allgemeinem Palaver kam Abusch offenbar z├╝gig "zur Sache". Er legte Nagel "die ideolog. Gr├╝nde daf├╝r dar, da├č ein neuer Pr├Ąsident der Akademie gew├Ąhlt werden mu├č." Offenbar wurden ihm der Rauswurf und damit verbundenes Berufsverbot angedroht: "Ich habe ihm gesagt, da├č er in Ehren ausscheiden soll, damit er seine T├Ątigkeit als K├╝nstler ... fortsetzen kann. Im Verlaufe des Gespr├Ąches ├╝berzeugte sich Genosse Nagel, da├č dieser Weg der richtige ist und er sein Amt diszipliniert bis zur Neuwahl weiterf├╝hren soll." Otto Nagel gehorchte, zum Widerstand sah er sich nicht mehr in der Lage. Als Nachfolger im Pr├Ąsidentenamt wurde auf Vorschlag des ZK am 30. Mai 1962 der langj├Ąhrige Parteisekret├Ąr der Akademie, der biedere Schriftsteller Willi Bredel, gew├Ąhlt. Nagel wurde Vizepr├Ąsident, "in Ehren" sozusagen. Er muss dies als tiefe Dem├╝tigung empfunden haben. Am Ende des zitierten Gespr├Ąches mit Alexander Abusch erkl├Ąrte Otto Nagel, dass er jetzt "unbedingt einige neue Arbeiten in seinem Atelier schaffen" m├╝sse, "anstatt eine zweifelhafte Rolle in der Akademie zu spielen." Kulturpolitisch war Nagel mit der 1962er Entscheidung kaltgestellt. Physisch und psychisch war er gebrochen. F├╝r die "neuen Arbeiten" fehlte diesem hochbegabten und flei├čigen K├╝nstler nunmehr weitgehend die Kraft.

1963 malte Nagel in Biesdorf aber noch einmal ein gro├čes Selbstbildnis, "Der alte Maler", das heute den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden geh├Ârt. Das Selbstbildnis zeigt einen m├╝den, in seiner Schaffenskraft fast erloschenen Mann. Voller Trauer beschreibt es sehr genau die psychische Verfassung des K├╝nstlers. Zwei Jahre sp├Ąter entstand im Biesdorfer Atelier noch ein Portr├Ąt der inzwischen erwachsenen Tochter Sybille. Sybille Nagel war es, die ihrem Vater bei einem letzten k├╝nstlerischen Aufb├Ąumen Hilfestellung leistete. Wally Nagel berichtete dar├╝ber im Vorwort des Buches "Berliner Bilder": "Kurz bevor Otto Nagel uns f├╝r immer verlassen hat, bat er unsere Tochter Sybille, ihn nach Alt-Berlin zu bringen, wo er schon lange nicht mehr gewesen war. Sie packte - so wie ich es fr├╝her getan hatte - seine Pastellstifte, ein Malst├╝hlchen und Pappen ein und brachte ihn dorthin. Lange ging er, um etwas zu finden, was noch festgehalten zu werden lohnte. Er ahnte ganz sicher, da├č er diesmal f├╝r immer Abschied nahm von Alt-Berlin. Dann aber, heiter wie fr├╝her und nicht ein bi├čchen m├╝de, schaffte er in sechs Tagen f├╝nf Pastelle - ÔÇÜAbschied vom Fischerkietz'. Noch nie waren seine Pastelle so stark, so farbig, so lebendig sch├Ân! ... Er war froh, da├č er sie noch gemalt hatte, die alte Stadt am Ende ..."[18]

Otto Nagel geh├Ârt mit Hans Baluschek, Heinrich Zille und K├Ąthe Kollwitz - f├╝r die beiden Letzteren verfasste er am Biesdorfer Schreibtisch lesenswerte Biografien - in die Reihe der gro├čen Berliner K├╝nstler des 20. Jahrhunderts. Dieser wahre Mensch und gro├čartige Maler darf nicht dem Vergessen anheimfallen.


Anmerkungen

[1] Kein Anspruch auf die Nagel-Bilder, in: Berliner Kurier, 3.12.1996; vgl. auch Peter Kirschey, Verschwunden, zur├╝ckgeholt und immer da. Juristischer Streit um Bilder von Otto Nagel vor dem Brandenburger Oberlandesgericht, in: Neues Deutschland, 16.2.2005.
[2] Sibylle Schallenberg-Nagel/G├Âtz Schallenberg, Otto Nagel. Die Gem├Ąlde und Pastelle, Berlin 1974.
[3] Ebenda, S. 13.
[4] Karl Trinks, Die Spannung zwischen Volk und Kunst. Ein p├Ądagogischer Epilog zu den j├╝ngsten Kunstausstellungen, in: Aufbau, 1947, H. 7, S. 8f.
[5] Bodo Uhse, Das neue Leben verlangt nach Gestaltung, in: Aufbau, 1950, H. 8, S. 681. Uhse spricht zwar noch verklausuliert vom "neuen gesellschaftlichen Aufbau", gebraucht die Begriffe "sozialistischer" und "sowjetischer Realismus" synonym, aber die vorgegebene Marschrichtung ist eindeutig.
[6] Zit. nach: Gerhard Pommeranz-Liedtke, Otto Nagel und Berlin, Dresden 1964, S. 89.
[7] Erhard Frommhold, Otto Nagel. Zeit. Leben. Werk, Berlin 1974, S. 105ff.
[8] Heinz L├╝decke: Maler des proletarischen Humanismus, in: Festschrift Otto Nagel. Dem Pr├Ąsidenten der Deutschen Akademie der K├╝nste zu Berlin zum 65. Geburtstag, Berlin 1959, unpag.
[9] Otto Nagel, Die Kunst - eine Waffe des Volkes. Ein Beitrag zur freien Diskussion ├╝ber bildende Kunst, in: T├Ągliche Rundschau, 15.2.1951. Die Auseinandersetzungen um das Strempel-Wandbild sind ausf├╝hrlich dargestellt in: Gabriele Saure, "Nacht ├╝ber Deutschland". Horst Strempel - Leben und Werk, Hamburg 1992.
[10] Otto Nagel, Die K├╝nstler m├╝ssen ihre fachlichen F├Ąhigkeiten schnellstens vervollst├Ąndigen - ├ťber einige k├╝nstlerische Verirrungen in Deutschland seit 1918, in: Hans Lauter, Der Kampf gegen den Formalismus in Kunst und Literatur, f├╝r eine fortschrittliche deutsche Kultur. Referat von Hans Lauter, Diskussion und Entschlie├čung von der 5. Tagung des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands vom 15.-17. M├Ąrz 1951, Berlin 1951, S. 80-84.
[11] Siehe in: Lauter, Kampf, S. 104-108.
[12] Siehe in: ebenda, S. 96; Liebknechts Beitrag ist ein klassisches Zeugnis "reuiger Selbstkritik" nach erfolgter Ma├čregelung durch die Partei, geradezu ersch├╝tternd sind die in diesem Zusammenhang erfolgenden Denunziationen Ludwig Renns (der das Bauhaus und sein Erbe hartn├Ąckig verteidigte) durch den Pr├Ąsidenten der Bauakademie Kurt Liebknecht.
[13] Ebenda, S. 82 - die Herausgeber fanden offenbar die "revolution├Ąre Wachsamkeit" Ulbrichts f├╝r so bemerkenswert, dass sie sich der Peinlichkeit dieses Vorganges mitnichten bewusst wurden.
[14] Berliner Zeitung, 1.6.1955.
[15] Otto Nagel, Beurteilung Ronald Paris vom 24.6.1963, Akademie der K├╝nste Berlin, Otto-Nagel-Archiv.
[16] Akademie der K├╝nste Berlin, Otto-Nagel-Archiv.
[17] Bundesarchiv, IfGA IV 2/2026/29 BA - alle hier zitierten ├äu├čerungen Abuschs und Nagels entstammen diesem "Ged├Ąchtnisprotokoll" Alexander Abuschs, sind also hinsichtlich des behaupteten ├äu├čerungen Nagels mit entsprechender Vorsicht zu behandeln.
[18] Otto Nagel, Berliner Bilder. Mit einem Vorwort von Walli Nagel, Berlin 4. Aufl. 1979, S. 16.