KULTURATIONOnline Journal fŁr Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
 Start  Reports  Themen  Texte  Zeitdokumente  Kritik  Veranstaltungen 
 Editorial  Impressum  Redaktion  Forum  Suche 
ThemaKulturation 1/2003
Kulturelle Differenzierungen der deutschen Gesellschaft
Gabriele P√ľtz
Die Lausitz als Logo?
Landschaften zwischen Ausbeutung, Aneignung, Ablenkung und Aufklärung
Gabriele P√ľtz hielt ihren Vortrag auf der Grundlage eines Aufsatzes, der in der Zeitschrift Berliner Debatte INITIAL (Ausgabe 4/ 2002, √úberall Landschaft) erschienen ist. Die gro√üe Resonanz, die ihr Beitrag auf der Tagung fand, veranla√üt die Redaktion, hier nicht den Vortragstext (er kann bei der Redaktion angefordert werden), sondern den Aufsatz in voller L√§nge wiederzugeben.

„see“ – wei√üe Schrift in blauem Quadrat – w√§hlte die Internationale Bauausstellung F√ľrst-P√ľckler-Land als Logo ihres Zehn-Jahres-Programmes f√ľr die Lausitz. „Sieh hin“ oder einfach „Seenlandschaft“ – mit beiden gewollten Assoziationen ringt ein entlegener Landstrich nach der industriellen Ausbeutung um neue Aufmerksamkeit. Die Suche nach zuk√ľnftigen Raumnutzungen und Gestaltungsmustern f√ľr altindustriell gepr√§gte Landschaften ist er√∂ffnet.

Die Transformationsgesellschaft im √úbergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft bem√ľht sich um einen r√§umlich-√§sthetischen Ausdruck, ihr Aussehen, ihre Lesbarkeit. Noch ist eine neue Struktur aus Arbeiten und Wohnen, Freizeit, Besch√§ftigung und Mobilit√§t nicht eindeutig zu erkennen. Doch die Experimente haben begonnen.

Konversion hei√üt das Zauberwort der Landschaftsverwandlung. Dabei wird zwischen Milit√§r- und Industriekonversion unterschieden. Beide Nutzungen haben sich in Mitteleuropa weitgehend aus der Fl√§che zur√ľckgezogen, √ľbrig bleiben ausger√§umte, als unansehnlich empfundene Landschaftsr√§ume, die nun mittels staatlicher Programme und Gro√üevents wie EXPO, Internationale Bauausstellungen, Bundes- oder Landesgartenschauen auf ihre neue Bedeutung in der Freizeit-, Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft vorbereitet werden. Erg√§nzt werden m√ľssen diese Programme in den n√§chsten Jahren um die Konversion gro√üer Fl√§chen der agrarisch-industriellen Landwirtschaft auf Grenzertragsb√∂den.

Der Begriff Konversion (lat. conversio) bedeutet „Umkehrung, Umwandlung, √úbertritt“ und deutet auf grundlegende Ver√§nderungen, auf einen grundlegenden Einstellungs- oder Meinungswechsel hin. Er ist ideologisch eng an den Gedanken einer Zivilgesellschaft gebunden und erweist sich als zentrale planerisch-politische Herausforderung und Chance der Gegenwart.

Eine √Ąnderung gesellschaftlicher Bedingungen und Ziele in einem neuen Landschaftsbild zum Ausdruck zu bringen, war schon die Aufgabe des barocken franz√∂sischen Parks wie des englischen Landschaftsgarten im 18. Und 19. Jahrhundert. Als Konversionsprodukte der Vergangenheit pr√§gten beide unseren heutigen Landschafts-Kulturbegriff.

Das Ziel gegenwärtiger Landschaftskonversionen dagegen ist erst einmal der Wandel schlechthin. Das erscheint dann als Selbstzweck, wenn die Inhalte und Ziele der grundlegenden Veränderungen nicht deutlich werden. Wandel wohin?

Scheinbar geht heute die landschaftliche Konversion der gesellschaftlichen Zielformulierung voraus.

Selbst das ist jedoch kein wirklich neues Prinzip. Auch der als Weltkulturerbe anerkannte Dessau-W√∂rlitzer Landschaftspark, das „Gartenreich“ des F√ľrsten Franz von Anhalt-Dessau aus dem √úbergang vom 18. ins 19. Jahrhundert, ging als Muster einer Reformlandschaft den gesellschaftlichen Reformen selbst voraus, bereitete quasi mittels √§sthetischer Bildung auf die im aufgekl√§rten Absolutismus als notwendig erkannten Reformen (z. B. der Agrarwirtschaft, aber auch der Bildung) vor. In der gegenw√§rtigen Diskussion jedoch wird die Reformnotwendigkeit oft aus dem Landschaftsbild selbst begr√ľndet, das nach dem Ende der industriellen Ausbeutung einer Region nicht mehr gefallen will, den B√ľrgern (und touristischen G√§sten) nicht mehr zuzumuten ist. Das beschworene Bild des Wandels wird nicht zur Begleiterscheinung, sondern zum Anlass reformerischen Denkens. Ist das gro√üe Wort von der Konversion da noch angemessen?

Das Problem einer latenten Ziellosigkeit des Wandels (nur anders aussehen soll die Industriefolgelandschaft), eines Mangels an reformerischen Konzepten der √Ėkonomie, der Gesellschaft, der Bildung etc. wirkt zur√ľck auf eine gewisse Armut der Bilder, die als anzustrebende Ergebnisse der landschaftlichen Konversion skizziert werden. Und so f√§llt der Mangel an Reformideen als vermeintliche Fantasielosigkeit den Planern von St√§dten und Landschaften wieder auf die F√ľ√üe.

Heutige Konversionslandschaften weisen sich aus durch den Versuch einer √§sthetischen Vermittlung zwischen tradierten Bildern der Kulturlandschaft (aus der Zeit der Agrargesellschaft im √úbergang zur fr√ľhen Industrialisierung), der aufgegebenen, teils mit romantischen Ankl√§ngen verkl√§rten Industrienutzung und einer offenen Zukunft.

Ein solcher Transformationsprozess bedarf einer eingehenden Analyse dessen, was Landschaft ist und wie sie entsteht. Ohne diese umfassende Arbeit an einem neuen Landschaftsverst√§ndnis wird sich kaum ein √§hnlich wirkungsm√§chtiges Landschaftsbild herstellen lassen, wie es die Agrarlandschaften (Landschaft = Produktionsmittel) und die Industrielandschaften (Landschaft = Ressource) bestimmte. Erst auf Basis eines solchen erweiterten, nicht allein visuell orientierten Verst√§ndnisses von Landschaft sind Aussagen dar√ľber m√∂glich, wie denn die so intensiv beschworenen „neuen Landschaften“ aussehen k√∂nnten. Ein aktuelles Beispiel ist die im Sommer 2001 von der IBA F√ľrst-P√ľckler-Land durchgef√ľhrte „Werkstatt f√ľr neue Landschaften“ (Vgl. see. Das Magazin der Internationalen Bauausstellung F√ľrst-P√ľckler-Land 3/2001, S. 5ff. sowie CD Dokumentation der Ergebnisse)


Landschaft als Produkt

In der Auseinandersetzung mit dem Thema Landschaft lassen sich zwei Ebenen unterscheiden:
- Landschaft als Produkt, als Resultat eines Aneignungsprozesses und
- Landschaft als Betrachtungsgegenstand, als ästhetisches Bild.

Die Auspr√§gung der konkreten Natur ist zumindest in den Industrienationen Resultat menschlicher Aneignungsprozesse. Unsere Vorstellung von Natur ist – vermittelt als Landschaftsbild – das Resultat einer Bewirtschaftung √ľber Jahrhunderte, das Resultat von Arbeit sowohl in den Agrargesellschaften als auch – und dies in besonderem Ma√üe – in der Industriegesellschaft.

Mittels technischer Innovationen und Maschineneinsatz auf der Basis von aus fossilen Brennstoffen gewonnener elektrischer Energie f√ľhrte der Industrialisierungsprozess zu einer Ver√§nderung der Landschaft in vorher nicht gekanntem Ausma√ü. Gro√üe Agglomerationsr√§ume wie z. B. das Ruhrgebiet mit Zechen, Halden, Kokereien, Industriebetrieben, fl√§chigen Wohnsiedlungen, Stra√üen, Autobahnen, Gleisanlagen, aber auch verschmutzter Luft und verschmutzten B√§chen oder Kan√§len pr√§gten das landschaftliche Erscheinungsbild ganzer Regionen. Ebenso in der Lausitz, wo die zuvor agrarisch strukturierte Landschaft im 20. Jahrhundert durch gro√üfl√§chigen Braunkohletagebau in ihrem Erscheinungsbild v√∂llig ver√§ndert wurde. Die oft mit Landschaft assoziierte Vorstellung von Nat√ľrlichkeit blieb angesichts dieser R√§ume nicht haltbar. Vielmehr ist die konkrete Auspr√§gung der Landschaft Resultat verschiedener, auch historisch unterschiedlicher Aneignungsprozesse durch den Menschen. Landschaft ist vor allem das stoffliche Produkt menschlicher Arbeit. Das wird nirgends so deutlich wie in den Industriefolgelandschaften. Zu gleich aber ist Landschaft weiterhin ein Bild, ein Produkt √§sthetischer Aneignung. Korrelieren reales und erwartetes Landschaftsbild, wird jenes in der Regel als sch√∂n empfunden. Divergieren beide, muss um das Sch√∂nheitsempfinden mittels √§sthetischer Bildung und k√ľnstlerischer Vermittlung gerungen werden.


Landschaft als Betrachtungsgegenstand

Betrachten wir Landschaft, verlassen wir die konkrete Ebene funktionaler Aneignung. Mittels des ästhetischen Urteilsvermögens, indem wir also ein Geschmacksurteil fällen, sind wir in der Lage, von konkreten Arbeitsprozessen, von funktionalen Zusammenhängen mit und in der Natur zu abstrahieren.

Mittels des distanzierten (zweckfreien, d. h. nicht unmittelbar auf Funktion und Verwertung ausgerichteten) √§sthetischen Blicks erfahren wir unsere Idee von Natur in Form von Landschaft als das Andere, das nicht klar Fassbare, das nicht Menschliche, dem Menschen Gegen√ľberstehende.

Landschaft als Angeschaute, als √§sthetisch vermitteltes Bild bietet per Geschmacksurteil Raum f√ľr neue Emotionen und Assoziationen. Das Bild schafft Freiraum f√ľr neue Interpretationen, neue Sichtweisen, neue Zusammenh√§nge von Sich, der Natur und der Welt. Im „freien Spiele der Einbildungskraft und des Verstandes“ (Kant 1974, S. 132), im √§sthetischen Urteil werden kreative Prozesse angeregt und freigesetzt. Ein „Begreifen” am konkreten Objekt der Anschauung, dem Ort, wird m√∂glich.


Landschaft als Idee

Die Aneignung (Landschaft als Produkt) und die ästhetische Wahrnehmung von Landschaft stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander.

Das, was als schöne Landschaft empfunden wird, ist keine Konstante, sondern hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder verändert. Die schöne Landschaft ist also keine absolute, vom Menschen unabhängige Kategorie, sondern das Produkt menschlicher Anschauung. Was jeweils als schöne Landschaft gesehen wird, steht im unmittelbaren Bezug zu den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen und damit auch zu den gesellschaftlich determinierten Aneignungs- (=Ausbeutungs-)bedingungen von Natur.

Wenn wir Landschaft betrachten, f√§llen wir ein √§sthetisches Urteil, und zwar dar√ľber, ob wir die Landschaft als „sch√∂n“ oder als „erhaben“ empfinden. √Ąsthetik ist in der heutigen, der aufgekl√§rten Gesellschaft ein Verstehensmedium der Wirklichkeit, ein Interpretationsprinzip. So bezeichnet beispielsweise Lyotard den Maler und den Philosophen als „Br√ľder im Experimentieren“ (Lyotard 1985, S. 102). Deleuze nimmt auf Foucault Bezug und skizziert eine „√Ąsthetik der Existenz“, „wo das √Ąsthetische ... als Grundform des Daseins verstanden wird“ (Deleuze 1987, S. 112, vgl. auch Welsch 1990, S. 43). Nietzsche forderte bereits 1886, „die Wissenschaft unter der Optik des K√ľnstlers zu sehen“ (Nietzsche 1980, S. 14).

√Ąsthetisch betrachtete Landschaft entspricht einer Idee. Und zwar der Idee von konkreter Natur als dem Menschen gegen√ľberstehendes und ihn umgebendes r√§umliches Bild und zugleich der Idee der Natur als lebendiges „Werden und Vergehen“. „Landschaft ist Natur, die im Anblick f√ľr einen f√ľhlenden und empfindenden Betrachter √§sthetisch gegenw√§rtig ist.“ (Ritter 1963, S. 150)

Diese Idee der Natur wird uns als „Landschaft“ √§sthetisch vermittelt, und zwar √ľber ein Gef√ľhl der Lust am Sch√∂nen, Lust am Erhabenen. Dies ist der Grund, warum wir stehenbleiben und den Blick in die Landschaft genie√üen. Das h√∂rt sich zun√§chst selbstverst√§ndlich an, war es jedoch nicht immer, wie der R√ľckblick in die Geschichte der Entstehung des Landschaftsbegriffs und seiner √Ąsthetisierung zeigt:

a. Das mittelhochdeutsche ‚lantscaft‘ steht im Mittelalter noch f√ľr die Einheit von Mensch (Bauer), Natur (das von den Bauern bearbeitete Land) und Herrscher (Burgherr), also f√ľr die Burg, die Bev√∂lkerung und ihr Umfeld – eine geographisch-soziologische Kategorie. (√úber allem steht im Christentum der Gott, der diese Einheit erschaffen hat.)
b. Landschaft als ästhetische Kategorie entsteht erst im 17. Jahrhundert mit der Landschaftsmalerei. Die ästhetische Betrachtung ist zunächst ausschließlich auf das Gemälde bezogen. Diese Betrachtung schulte den neuen Blick auf die reale Landschaft.
c. Die ästhetische Betrachtung von realer Landschaft ist erstmals in der Geschichte durch Petrarcas Beschreibung seiner Besteigung des Mont Ventoux 1335 belegt. Petrarca steigt auf den Berg nur mit dem Ziel, die Landschaft als schöne ohne einen weiteren Zweck anzuschauen. Und er beschreibt seine Überwältigung angesichts der Erhabenheit des Anblicks. Petrarca beschreibt sein ästhetisches Urteil als Idee der Landschaft. (Vgl. Ritter 1963, S. 141 ff.)

Historisch gesehen setzt die M√∂glichkeit, Landschaft √§sthetisch zu betrachten, die Aufhebung der (mittelalterlichen) Einheit von Mensch und Natur (Sch√∂pfung) voraus. Mit der Aufkl√§rung (als einem S√§kularisationsprozess) tritt der Mensch aus der ihn einschlie√üenden Natur heraus, nimmt sich selbstbewusst als freies Subjekt wahr, und damit die ihn umgebende Landschaft als Objekt seiner Wahrnehmung, seines Urteilens und schlie√ülich seiner Gestaltung. „So kommt Freiheit als Freiheit f√ľr den Menschen mit der Stadt und mit der Wissenschaft und Arbeit der modernen Gesellschaft zur Existenz, weil er sich mit ihr endg√ľltig aus der Macht der Natur befreit und sie als Objekt seiner Herrschaft und Nutzung unterwirft. Daher kann es ... keine R√ľckkehr in die urspr√ľngliche Einheit mit der Natur geben. Die Emanzipation aus ihr ist die Bedingung, an die Freiheit notwendig gebunden bleibt.“ (Ebd., S. 161)

Gerade die heutigen Braunkohlefolgelandschaften jedoch, die nach der Ausbeutung und vor der „Rekultivierung“ oft w√ľst und leer erscheinen, l√∂sen bei vielen Besuchern den Reiz aus, einen neuen Ansatz jenseits der objekthaft auszubeutenden Natur zu suchen. In die Rekultivierung dieser Industriefolgelandschaften wird die Sehnsucht nach einer Einheit von Mensch und Natur in kleinteiliger, differenzierter Kulturlandschaft mit Wald, Wasser, Wiese projiziert. Diese Sehnsucht allein bringt noch keine zukunftsorientierten Ziele gesellschaftlicher Reformen hervor. Erst die „Aufl√∂sung der Einheit von Mensch und Natur“ schafft die Voraussetzung, „dass der aufgekl√§rte Mensch, das Subjekt Mensch, diese Trennung als Verlust einer Einheit empfinden kann. Das Sehnen nach der Einheit Mensch – Natur setzt also die Trennung voraus. In diesem Sinne reagiert schon die Romantik auf die Aufkl√§rung.“ (P√ľtz 2001, S. 48) Auch die √úberlegungen f√ľr eine nicht allein retrospektiv zu entwickelnde Lausitz-Landschaft der Zukunft m√ľssen auf dieser Grundlage aufbauen.


Landschaft als Sinnstiftung

Wir k√∂nnen nicht zur√ľck zur Natur au√üerhalb unserer Kultur. Deshalb ist es um so wichtiger zu begreifen, dass auch unsere Ideen von Natur und Landschaft kulturelle Ideen sind, entstanden im Kontext unseres vernunftbestimmten Weltverst√§ndnisses. „Natur als Landschaft ist Frucht und Erzeugnis des theoretischen Geistes“ (Ritter 1963, S. 146).

Heute begegnet uns Natur als abstrakte Natur in Form der Naturgesetze, sowie als konkrete Natur in gesellschaftlich angeeigneter bzw. ausgebeuteter Form (ökonomisch-funktionale Perspektive). Hinzu kommt die Natur als ästhetisches Bild. Diese dritte Form der Definition von Natur als Bild einer Landschaft ist im Gegensatz zu den beiden anderen Definitionen offen, da sie auf das vage, nicht eindeutige, d. h. nicht objektive ästhetische Geschmacksurteil, das auf Schönheit und Erhabenheit bezogen ist, rekurriert.

Zugleich vermittelt die Natur als das Gegen√ľber von Mensch und Gesellschaft, als √§sthetisch angeschaute Landschaft auch ethische und moralische Werte, deren Bedeutung seit der Romantik mit einer Bedrohung der Landschaft wie dieser Werte assoziiert wird.

Aufgrund der relativen Offenheit im √§sthetischen Urteil, verbunden mit der „Nichtdefinition“ von Natur als dem Anderen, bietet sich die √§sthetisch angeschaute Natur in Form von Landschaft als „Projektionsfl√§che“ von Sinn an. Landschaft wird als Vision, als Spiegel von Ganzheit, als Ausdruck des Kosmos zur Vision von der harmonischen Einheit von Mensch und Natur. Dieses Bild ist gesellschaftlich determiniert. Wir erzeugen den Sinn, den wir im Bild der Landschaft wahrnehmen, mittels unserer Einbildungskraft selbst. (Vgl. P√ľtz 2001, S. 49ff.)

Das Bild der Landschaft, das jeweils f√ľr diesen Sinn steht, hat sich im Laufe der gesellschaftlichen Ver√§nderungen ebenfalls gewandelt. Im Absolutismus war der K√∂nig der gottgleiche Herrscher und Sinnstifter. Ein Zeichen seiner allm√§chtigen Herrschaft war die Beherrschung der Natur, wie sie in der Gartenkunst des Barock zum Ausdruck gebracht wird. Die geometrischen und ornamentalen Formen sind achsial auf ein Schloss ausgerichtet und verweisen somit auf die g√∂ttliche Macht des absolutistischen Herrschers im Zentrum der Landschaft. Das Bild der sch√∂nen (gez√§hmten) Natur ist der Barockgarten, der auf die sinngebende Instanz, den Absolutisten, verweist.

Mit der Aufkl√§rung wird die Natur selbst zum Ausdruck des Ganzen, des G√∂ttlichen. Die optimal eingerichtete Natur wird zur sinngebenden Instanz. Der Mensch versteht sich selbst als oberstes „Naturwesen“ und damit als perfektester Ausdruck der Sch√∂pfung. Um dies unter Beweis zu stellen, baut der Mensch die Natur in optimierter Form nach, um dadurch die Einheit von Mensch und Natur im Bild darzustellen. Dies kommt in der Gestaltsprache des Landschaftsparks zum Ausdruck. Der Landschaftspark erzeugt ein Bild scheinbarer Harmonie von Mensch und Natur. Der Mensch, der den Landschaftspark gestaltet, schafft, so die legitimierende Argumentation, mittels dieses harmonischen Bildes den Beweis, dass der Mensch oberstes Naturwesen ist und die Natur sinngebende Instanz.

Diese v√∂llig unterschiedlichen Bilder von sch√∂ner gestalteter Natur – Barockgarten und Landschaftspark – verweisen also jeweils auf eine sinngebende Instanz. Ihre gesellschaftliche Funktion als Verweis auf Sinn bleibt gleich, doch die Art des Verweises und damit die Art des Bildes der jeweils als sch√∂n verstandenen Parkanlage bzw. Landschaft √§ndert sich entsprechend der jeweiligen gesellschaftlichen Verh√§ltnisse. Es wird deutlich, dass die Sinnfrage, die Suche nach der verlorenen Einheit von Mensch und Natur, nicht losgel√∂st vom Menschen existiert, sondern gesellschaftlich vermittelt ist. „Eine moderne √Ąsthetik der Natur kann und darf nicht verleugnen, dass ‚Natur‘ im geschichtlichen Wandel ihrer Erscheinungen ein Produkt menschlicher Anschauung und Erkenntnis ist und dass erst eine √§sthetische Wahrnehmung der Dinge die Entdeckung einer Natur in Form von √§sthetisch angeschauter Landschaft, die das vergangene Sinnganze repr√§sentiert, erm√∂glichte.“ (P√ľtz 1995, S. 98, vgl. dazu auch Jauss 1989, S. 20ff.).

Reflektiert man nun die gesellschaftliche Konstitution der Sinnebene im Landschaftsbild nicht, entsteht die Annahme, dass man nicht nur das Bild einer Landschaft erzeugt, sondern eine konkrete Einheit von Mensch und Natur herstellen zu können glaubt.

Die Fehlannahme lautet: durch das Bauen einer romantisch orientierten Landschaft mit Wäldern, Seen und Wiesen wären auch die ökonomischen Probleme, die sich aus dem Wandel der konkreten Aneignung von Landschaft durch Arbeit ergeben, gelöst.


Landschaft als Illusion

Wir können zwar ein Bild einer schönen Landschaft im konkreten Raum umsetzen. Zunächst ändert dies jedoch nichts an der ökonomischen Situation. Wenn das gebaute Bild nicht der aktuellen ökonomischen Aneignungsform entspricht, sondern Ausdruck einer historischen Aneignungsform (z. B. der kleinbäuerlichen Agrargesellschaft) ist, lenkt das Bild vielmehr von der realen ökonomischen Situation und den damit verbundenen Problemen ab. Denn der Blick auf die gesellschaftliche Realität der landschaftlichen Aneignung wird so gerade verstellt. Es besteht die Gefahr, dass das Bild mit der Realität verwechselt wird. Doch gerade darauf basiert die diffuse Hoffnung, dass das Bild, wenn es denn gebaut ist, die Probleme schon lösen wird. Selbstverständlich ist es legitim, solche Landschaften im Sinne einer self-fulfilling prophecy zu bauen. Man sollte jedoch nicht allein aufgrund der Umsetzung des Bildes auf die Lösung der strukturellen Probleme hoffen.

Zusammenfassend kann man sagen: √Ėkonomische Probleme, Landschaftsaneignungskrisen lassen sich nicht nur √ľber sch√∂ne Bilder l√∂sen. Allerdings k√∂nnen sch√∂ne Bilder Ausl√∂ser f√ľr Visionen sein, die dann selbst zu √∂konomischen Anreizen f√ľhren. Dies gelingt aber nur dann, wenn die neuen Landschaften den Bedingungen des Marktes entsprechen. Diese Ebene der Betrachtung kann allein durch sch√∂ne Bilder nicht ersetzt werden.

In der mitteleurop√§ischen Transformationsgesellschaft ist die Phase der industriell-√∂konomisch dominierten Aneignung von Natur gerade abgeschlossen. Es beginnt, und zwar inklusive aller romantischen Gef√ľhle, die in der Geschichte typisch sind gerade f√ľr solche Transformations- bzw. Konversionsphasen, in denen ein hohes Ma√ü an gesellschaftlicher und individueller Verunsicherung besteht und man nach vertrauten, harmonischen Bildern sucht, nun die n√§chste Phase – eine neue Landschafts√∂konomie mit neuen Bildern.


Loslösung vom konkreten Raum

Im Laufe des historischen Modernisierungs- und Rationalisierungsprozesses wurde die Aneigung von Natur immer weiter optimiert. Dies hatte zur Folge, dass bereits durch Aneignungsprozesse gepr√§gte Landschaften durch eine neue, rationellere Form der Naturaneignung abgel√∂st wurden. In einer Art Schichtung wurde eine Landschaftsaneignung mit ihren spezifischen r√§umlichen Auspr√§gungen durch die n√§chste √ľberlagert. So wurde zum Beispiel die vorindustrielle Landwirtschaft mit ihren kleinteiligen Feldern, Wiesen, Weiden, Hecken, Feldwegen, D√∂rfern und W√§ldern gro√üfl√§chig von der industrialisierten Landwirtschaft mit ihren weiten Schl√§gen, √Ąckern, Monokulturen und landwirtschaftlichen Industriebetrieben verdr√§ngt. Die Landschaft der industriellen Landwirtschaft wiederum wurde – beispielsweise in der Lausitz – vielfach abgel√∂st durch die Ausbeutung der Landschaft in Form des industriellen Braunkohletagebaus. War die Lausitz um 1850 noch d√ľnn besiedelt und die Landschaft der feuchten Urstromt√§ler und wasserarmen Landr√ľcken vorwiegend landwirtschaftlich genutzt, so machte der Braunkohletagebau seit Ende des 19. und vor allem im 20. Jahrhundert die Lausitz zu einem f√ľhrenden Kohle- und Industrierevier. In der Lausitz wurde in den achtziger Jahren 2/3 der gesamten Braunkohlef√∂rderung der DDR abgebaut (vgl. Fritz 2000, S. 16).

Typisch f√ľr diese Aneignungsprozesse ist die enge Bindung an die ‚Natur‘ und damit an bestimmte Landschaftsr√§ume, da die ‚Natur‘ bisher immer das Objekt darstellte, das es zu bearbeiten bzw. auszubeuten galt (als Objekt und als Ressource).

In unserer heutigen Dienstleistungsgesellschaft hat sich demgegen√ľber die Wertsch√∂pfung sehr stark vom konkreten Ort, von der Aneignung des Bodens gel√∂st. Der fortschreitende Modernisierungs- und Rationalisierungsprozess ist in eine neue Stufe getreten. Arbeit erfolgt immer mehr als geistige Dienstleistung. Der unmittelbare Bezug zu Raum und Zeit l√∂st sich tendenziell auf. Dabei ist der Modernisierungsprozess als Ausdifferenzierungsprozess zu verstehen: Neben den weiterhin bestehenden gewerblichen, auch k√∂rperlichen Arbeitsprozessen mit unmittelbarem Bezug zu Raum und Naturressourcen steigt der gesamtgesellschaftliche Anteil an r√§umlich ungebundenen Arbeitsprozessen des Wissenstransfers kontinuierlich an und wird zur gesellschaftspr√§genden Arbeitsform.

Welche Folgen hat diese Entwicklungstendenz f√ľr unser Landschaftsverst√§ndnis, f√ľr das Produkt Landschaft?


Ansätze einer neuen Landschaftsökonomie

Die Losl√∂sung der Wertsch√∂pfung mittels Arbeit vom konkreten Raum f√ľhrt dazu, dass sich √ľber die bisherigen „Aneignungsschichten“ – nicht wie bisher √ľblich – eine neue Aneignungsschicht ausbreitet. Die industrielle Ausbeutung der Naturressourcen zieht sich (zumindest in Mitteleuropa) aus der Fl√§che zur√ľck. Vielmehr fallen weite Teile unserer Landschaft aus der Nutzung. Sie werden als Objekte von Arbeit, Aneignung und Ausbeutung nicht mehr gebraucht. So sind beispielsweise in der Lausitz seit 1990 „12 Tagebaue, 22 Brikettfabriken, 16 Kraftwerke, 2 Kokereien und ein Gaswerk geschlossen worden“ (Fritz 2000, S.17).

Zwar weist Hanno Rauterberg zurecht darauf hin, das „in Deutschland ... t√§glich 130 Hektar Boden versiegelt“ werden (Rauterberg 2002). Es gibt also weiterhin eine Inanspruchnahme von Raum. Dieser wird jedoch fast ausschlie√ülich f√ľr den Bau von Stra√üen und H√§usern verwendet. „Die Speckg√ľrtel um die St√§dte wachsen, alte Wohnquartiere ver√∂den. ... Das Nichts breitet sich immer weiter aus.” (Ebd.) Es findet ein Ausdifferenzierungsprozess im Raum statt. Einerseits steigt der Landschaftsverbrauch, die Aneignung von „Natur“ im peripheren Umfeld von Ballungsr√§umen vor allem in Folge eines stetig steigenden Wohnfl√§chenbedarfs (Wohnen im Eigenheim auf der gr√ľnen Wiese). Andererseits fallen weite Landschaften, vor allem solche der industriellen Produktion, brach. Nicht mehr „genutzt“ werden vor allem solche R√§ume, die einem hohen Ver√§nderungsgrad durch industrielle Ausbeutung ausgesetzt waren, deren Rohstoffe abgetragen oder deren Mehrwerte abgeschrieben wurden, und die nun in Form „verbrannter” Erde zur√ľckbleiben, um binnen k√ľrzester Zeit aus dem √∂konomischen Verwertungsdruck herauszufallen.


Die Wunden-Metapher

Betrachtet man diese Fl√§chen aus dem √§sthetischen Blickwinkel, so stellt man fest, dass diese Landschaften in ihrem Erscheinungsbild stark durch die Spuren der industriellen Ausbeutung gepr√§gt sind. Riesige Tagebaurestl√∂cher, Abraumhalden, Industriebrachen und zerfallene Fabrik- und Gewerbebauten, auch aufgelassene Milit√§rfl√§chen entsprechen nicht den in der allt√§glichen Erwartungswelt verankerten, tradierten Bildern einer sch√∂nen Landschaft. Im Gegenteil, oft wird das Bild der ausgebeuteten Landschaft zum Synonym f√ľr den gesamten Ausbeutungs- und Ver√§nderungsprozess. Das Tagebaurestloch steht dann beispielsweise in den K√∂pfen als Bild f√ľr √∂kologischen Raubbau, Verlust an Bedeutung, Untergang einer Wirtschaftskultur, Angst, Verlust an Arbeitspl√§tzen. Das Bild des Tagebaurestloches wird zum Kristallisationspunkt des negativen Images einer Region. So schreibt beispielsweise Gottfried Richter, Amtsdirektor des Amtes Kleine Elster in der Niederlausitz: „Die Braunkohle – ihre F√∂rderung um jeden Preis – hat diese Landschaft ver√§ndert und gepr√§gt, geblieben sind viele Wunden. ... 1992 wurde der Tagebau geschlossen, verstummte das Kreischen der Kohlebagger, endete der Raubbau an der Natur, aber es verloren auch tausende Bergleute und Energiearbeiter ihre Arbeit“. (Richter 2000, S. 21) Reagiert wird in der Lausitz auf diese Situationswahrnehmung auf dreierlei Weise.


Rekultivierung – die Lausitz als klassische Wald- und Seenlandschaft

Die klassische Form des Umgangs mit solchen Landschaftsr√§umen besteht darin, die Spuren der industriellen Ausbeutung zu verwischen, zu ‚heilen‘. Diese Strategie der Rekultivierung hat meist zum Ziel, einen (fr√ľheren) Kultivierungszustand einer Landschaft wiederherzustellen, oder zumindest eine Landschaft zu bauen, die dem Ideal einer sch√∂nen Landschaft entspricht. Argumentiert wird u. a. auf der Grundlage eines Ausgleichsgesch√§ftes mit der „Natur“. Eine ver√§nderte (=zerst√∂rte) Naturlandschaft soll wiederhergestellt werden, indem ein nat√ľrlich anmutendes Kultur-Landschaftsbild (wieder) entsteht. Dieser nachsorgende Ansatz ist in den Bergbaufolgelandschaften als Pflichtaufgabe der Betreibergesellschaften bzw. ihrer staatlichen Nachfolgegesellschaften verankert und geh√∂rt zum guten Stil einer Ingenieurskultur. Spurenloses Wirken.

„Die Sanierung der ... Tagebaue orientiert sich ... an den Auflagen der Abschlussbetriebspl√§ne. Im Vordergrund steht dabei die Gefahrenabwehr und die Wiedernutzbarmachung der beanspruchten Fl√§chen. Die B√∂schungen sind inzwischen zu 2/3 stabilisiert, 50 % aller Fl√§chen sind inzwischen rekultiviert. ... Die H√§lfte der heutigen Betriebsfl√§chen wird in Seen verwandelt, es werden 13.600 ha Sukzessionsfl√§chen und 8.000 ha Forst entstehen.“ (Fritz 2000, S. 17f.)

Das Problem besteht nun aber darin, dass es zurzeit keine √∂konomisch tragf√§hige Kultivierungsform gibt, die eine aus der Nutzung gefallene Kultivierung abl√∂st. Es existiert bisher kein Verwertungsinteresse f√ľr die ausgebeutete Landschaft des Braunkohletagebaus.

Um dem negativen Image der Landschaft zu begegnen, wird eine neues Bild der Landschaft gebaut, Landschaft so inszeniert, als unterliege sie einer √∂konomisch tragf√§higen Kultivierung. Dabei wird auf die traditionellen, im kollektiven Ged√§chtnis der Gesellschaft eingepr√§gten Bilder einer sch√∂nen Landschaft zur√ľckgegriffen. Wie beschrieben werden solche Bilder von W√§ldern, Wiesen und See mit einer (scheinbaren) Harmonie von Mensch und Natur assoziiert. Das gebaute Bild der lieblichen Wald- und Seenlandschaft entspricht dann den positiven Assoziationen im Kopf, was zu einem positiven Image der Landschaft einer Region f√ľhren soll. Sch√∂ne Seen und Waldlandschaft sollen Touristen anlocken und neue Arbeitspl√§tze schaffen, letztlich neue Bewohner in die Region locken. Entscheidend f√ľr das Verh√§ltnis von Landschaft als Produkt und Landschaft als Betrachtungsgegenstand ist, dass es sich um die Inszenierung eines gesellschaftlich positiv besetzten Landschaftsbildes handelt, dem zun√§chst die Orientierung an √∂konomischer Aneignung weitgehend fehlt. Die neue Landschaft ist das Ergebnis der Inszenierung eines Bildes, nicht das Produkt eines √∂konomisch bedingten Aneignungsprozesses.

Fraglich ist jedoch, ob die Inszenierung traditioneller, vertrauter Bilder einer Landschaft ausreicht, um Besucher und neue Anwohner in einer solchen Größenordnung anzulocken, dass das gebaute Bild eine ökonomische Tragfähigkeit erlangt. Nur dann wäre das Bild einer scheinbaren Mensch-Natur-Harmonie der romantischen Landschaft als positiver Imageträger dauerhaft aufrecht zu erhalten.


√Ąsthetisierung des Vorhandenen – Die Lausitz als (Gesamt)kunstwerk

Eine zweite Variante, mit der Situationswahrnehmung des negativen Images umzugehen, besteht darin, einen neuen Blick auf das Vorhandene zu erzeugen. Das Bild der ausgebeuteten Braunkohlefolgelandschaft der Abraumhalden und Tagebaul√∂cher wird nicht als sch√∂n empfunden. Wie beschrieben werden zahlreiche negative Gef√ľhle mit der Tagebaufolgelandschaft assoziiert, weshalb die Landschaft einem negativen Image gleichgesetzt wird. Ein distanzierter, aus diesem Zusammenhang herausgel√∂ster Blick auf die Landschaft wird zun√§chst nicht eingenommen. Ziel der √Ąsthetisierung ist es deshalb, mittels k√ľnstlerischer Inszenierungen des Vorhandenen den √§sthetischen Blick f√ľr die Tagebaufolgelandschaft zu sch√§rfen und so im Kopf mit einem Konversionsprozess zu beginnen.

Ein Beispiel daf√ľr sind die vom „Spaziergangsforscher“ Bertram Weisshaar angebotenen Spazierg√§nge durch Tagebau-Restl√∂cher. „Ein Spaziergangsforscher f√ľhrt entlang einer ausgew√§hlten Route zu den versteckten Sch√∂nheiten der Grube. Bergleute des Gel√§ndes w√ľrden diese zumeist nicht finden, da sie in ihrer technischen Betrachtung des Gel√§ndes gefangen sind. Die Techniker sehen Abraummassen, S√ľmpfungswasser und gef√§hrliche Erosion. Als Teilnehmer unserer Exkursion werden sie jedoch auf dem Spaziergang verbl√ľffende Kegelfelder, einen malerischen See und faszinierende Erdbilder zeichnende Erosionen entdecken. Spazierengehen ist also insbesondere eine Angelegenheit, wie wir unseren Blick auf unsere Umgebung richten.“ (Weisshaar 2000, S. 103f.)

Der ungewohnte √§sthetische Blick auf die Tagebaulandschaft kann mittels k√ľnstlerischer Inszenierung geschult werden. Denn die Besonderheiten von Kunstwerken und k√ľnstlerischen Inszenierungen besteht darin, eine (zeitweilige) Distanz zum Alltag, zur √∂konomischen und funktionalen Eingebundenheit des Einzelnen zu erzeugen. Die √§sthetische Distanz des K√ľnstlers wie des Rezipienten schafft Freiraum f√ľr Kreativit√§t und Fantasie. Die k√ľnstlerische Inszenierung des Vorhanden als etwas besonderes, einzigartiges schult den √§sthetischen Blick. Kunst regt an, die Landschaft aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten, das Vorhandene sch√∂n zu finden.

Zur Umsetzung dieses Ansatzes sind keine gro√ür√§umigen und aufw√§ndigen Umwandlungen (Rekultivierungen) der Landschaft n√∂tig. Das Gel√§nde bleibt weitestgehend wie es ist. Die vorgefundene Landschaft wird lediglich durch einzelne Kunstwerke, k√ľnstlerische Interventionen wie z. B. Lichtinszenierungen, Objekten der bildenden Kunst oder „Spaziergangsk√ľnstler“ √§sthetisch √ľberh√∂ht.

Auf das Verh√§ltnis von Landschaft als Produkt und Landschaft als Betrachtungsgegenstand bezogen, konzentriert sich dieser Ansatz ganz auf die Landschaft als Betrachtungsgegenstand. Von daher stellt dieser Ansatz ein wichtiger Baustein hin zu den „Neuen Landschaften“ dar. Er bezieht sich jedoch erst einmal auf eine „Zwischenlandschaft“. Diese Zwischenlandschaft gilt als authentischer Ausdruck einer Landschaft und einer „Gesellschaft, deren Verschwinden wir nun miterleben“ (Christ 2000, S. 73) Sie macht aufmerksam, sensibilisiert f√ľr das, was verloren geht.

Ohne die tradierten Bilder der romantischen Landschaft zu kopieren, rekurriert dieser Ansatz ebenfalls auf ein romantisches √Ąsthetikverst√§ndnis. Er nimmt in den Stimmungen und Sehns√ľchten, die erzeugt werden, Bezug auf die vergangene sch√∂ne und erhabene Landschaft einerseits und auf den Verlust eines bestimmten, gerade verschwindenden gesellschaftlichen Verh√§ltnisses von Mensch und Natur andererseits. Der Blick ist prim√§r auf das Vorhandene gerichtet. Visionen f√ľr „Neue Landschaften“ auf der Basis √∂konomischer Tragf√§higkeit bleiben so aus. Die √∂konomische Aneignungsebene wird bei diesem Ansatz zumeist ausgeblendet.


Festivalisierung – Die Lausitz als Produkt

Den beschriebenen Ans√§tzen ist gemeinsam, dass sie beide von der Inszenierung eines Bildes ausgehen. Auch der dritte Ansatz setzt auf Inszenierung, geht jedoch viel offensiver mit der Inszenierung um, indem diese nicht nur von der Seite des Bildes betrachtet und angegangen wird. Eine gro√üe Rolle spielen bei diesem Ansatz √∂konomische Aneignungsm√∂glichkeiten: die Landschaft als Kulisse. Inszeniert wird eine Fantasiewelt, eine Wunschwelt, eine Idylle oder eine abenteuerliche Wildnis. Ein Beispiel ist das „Eden Project“ des Architekten Nicolas Grimshaw in St. Austell im S√ľdosten Englands. Hier sch√§lt sich aus einem Tagebaugrund eine Halle, die an Fullerene erinnert. Unter einer sch√ľtzenden Haut wachsen in dem „Garten Eden“ Pflanzen der subtropischen und mediterranen Welt. J√§hrlich werden mehr als 750.000 Besucher Edens erwartet, damit sich das Projekt rechnet.

Auch f√ľr die Lausitz gibt es √úberlegungen, Projekte nach diesem Vorbild zu realisieren: „Beispielsweise w√ľrde sich ein noch zum Kohleabbau genutzter Tagebau, wie Welzow-S√ľd, gut f√ľr das Thema ‚W√ľste – Oase‘ eignen, wobei das Oasenerlebnis durch eine phantastische Grimshaw-Architektur verst√§rkt werden k√∂nnte.“ (see 3/2001, S. 8)

Bezug genommen wird auch hier auf bekannte √§sthetische Bilder, auf Idyllen, sch√∂ne, (scheinbar) konfliktfreie R√§ume wie das ‚Schlaraffenland‘ oder exotische Landschaften zum Anfassen (Tierparks, Botanische G√§rten, Biosph√§ren, Erlebniswelten a la Disney).

Diese Welten bzw. Freizeitparks repräsentieren eine schöne heile Welt, animieren zum Konsum von Atmosphären, von Stimmungen und Bildern, in die man sich hineinbegeben, sich vertiefen kann, mit dem Ziel abzuschalten, sich dem Alltag zu entziehen, zu konsumieren und sich in einen Rauschzustand zu versetzen.

Dieser Ansatz rekurriert auf ein √Ąsthetikverst√§ndnis, wie es schon Nietzsche heraufbeschwor. Die Welt als Jammertal, das Leben als sinnloses Unterfangen. Die einzige M√∂glichkeit, damit fertig zu werden, also dem Leben einen Sinn zu geben, den man mittels Vernunft und Rationalit√§t nicht mehr zu finden glaubt , ist es, sich zu entziehen, das Dasein im √§sthetischen Rausch zu ertragen oder zu genie√üen, den Lebenssinn, die Selbstverwirklichung in der √§sthetischen Selbstinszenierung zu suchen. „Echt ist demnach nur das Unechte, authentisch nur das Inszenierte.“ (Fr√ľchtel, Zimmermann 2001, S. 24)

Wie beschrieben wird bei diesem Ansatz gro√üer Wert auf die Vermarktung der Stimmungen und Atmosph√§ren gelegt. Der Ansatz der Festivalisierung nutzt den Raum als Produkt, eignet sich den Raum an, indem er ihn so gestaltet, dass bestimmte, beim Nutzer und Betrachter abrufbare Stimmungen erzeugt werden, die dann vermarktet werden k√∂nnen. Solche Ort finden heute als Surrogate, als Sinnersatz gro√üen Anklang. Dementsprechend gut sind sie vermarktbar. Sie werden allerdings nur dort realisiert, wo die Vermarktungsm√∂glichkeiten auch gegeben sind. Ein wichtiger Faktor ist in diesem Zusammenhang das Einzugsgebiet f√ľr Besucher und die infrastrukturelle Ausstattung (z. B. Autobahnanschluss). Plaziert werden Gro√üprojekte ausschlie√ülich nach √∂konomischen Gesichtspunkten. Rechnet sich ein solches Projekt nicht in der Lausitz, geht man halt irgendwo anders hin.


Brandscape - Aneignung heute

Zur Einsch√§tzung dessen, was die beschriebenen Planungs- und Gestaltungsans√§tze leisten k√∂nnen, welche gesellschaftliche Aufgabe dem Schaffen „neuer Landschaften“ in der heutigen Transformationsgesellschaft zukommt, ist zun√§chst ein Blick auf heutige Aneignungs- bzw. Ausbeutungsformen wichtig. Ausgehend von dieser Analyse kann der Versuch unternommen werden, die aktuelle gesellschaftliche Aufgabe der √§sthetisch inszenierten „neuen Landschaft“ zu beschreiben, um daraus Hinweise f√ľr die Suche nach neuen Bildern vor allem f√ľr die altindustriell gepr√§gten Orte und Regionen wie z. B. die Niederlausitz oder das Industriedreieck Bitterfeld, Dessau, Wittenberg („Industrielles Gartenreich“) abzuleiten.

Im Rahmen des gesellschaftlichen Ausdifferenzierungs- und Globalisierungsprozesses findet wie bereits erwähnt in Mitteleuropa eine starke Ablösung der Arbeitsprozesse vom konkreten Ort und von der Ausbeutung des Bodens bzw. der Rohstoffe statt.

Die Ausdifferenzierung von Landschaftsr√§umen mittels Globalisierung erfolgt in der heutigen Transformationsgesellschaft jedoch noch auf anderer Ebene: der Ausbreitung des Einflusses multinationaler Konzerne (= Marken) auf alle Lebensbereiche. Zur√ľckzuf√ľhren ist diese Entwicklung auf die in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte Idee, „dass Unternehmen in erster Linie Marken herstellen sollten, keine Produkte“ (Klein 2002, S. 25). Bis dahin „galt es bei den Unternehmen zwar als wichtig, einen Markennamen zu st√§rken, doch das wichtigste Anliegen jedes seri√∂sen Herstellers war die G√ľterproduktion. Dieses Anliegen war das Evangelium des Industriezeitalters.“ (Ebd.)

Kennzeichnend f√ľr die heutige Transformationsgesellschaft ist nun nicht mehr die Produktion von Dingen, sondern von Marken. „Die Unternehmen neuen Stils stellen nicht mehr in erster Linie Dinge her, sondern Markenimages. Ihre eigentliche Arbeit bestand nicht mehr in der Herstellung, sondern in der Vermarktung.“ (Ebd., S. 26)

Hierin liegt die N√§he zur Konversion der Kulturlandschaften nach der industriellen Ausbeutung begr√ľndet. Wenn es nicht mehr um die Produktion von G√ľtern geht, worin besteht dann heute der Aneignungs- und Ausbeutungsprozess von Landschaften? Was wird angeeignet?

F√ľr die Herstellung einer Marke ben√∂tigt man andere Werkzeuge als die Maschinen des Industriezeitalters. Die Herstellung einer Konzernmarke, eines Markenimages erfolgt als Aneignung auf drei Ebenen: es bedarf einer endlosen Reihe der Markenerweiterung, einer permanenten Erneuerung der Bildersprache f√ľr das Marketing und vor allem neuer R√§ume – „New Spaces, um das Selbstverst√§ndnis der Marke zu verbreiten“ (ebd. S. 27). Der beschriebene radikale Wandel in der Unternehmensphilosophie hat „eine kulturelle ‚Fressgier’ ausgel√∂st, mit der sie, um ihre Marken aufzubl√§hen, jede Nische noch unvermarkteter kultureller Landschaft verschlingen“ (ebd., S. 31). Die Folgen einer sich konsequent ausbreitenden aggressiven Markenidentit√§t ist die teils offene, teils verdeckte Besetzung des √∂ffentlichen und des individuellen Raumes. Die Aneignung erfolgt also heute prim√§r durch die Einverleibung von Ideen, von Kultur, von Zeitgeist, von Bildern, von Landschaft, von √∂ffentlichem, individuellem und vor allem von noch nicht vermarkteten R√§umen. Konkurriert wird um den ‚konzeptionellen Mehrwert‘ der Produkte, der de facto nur aus Marketing besteht. (Vgl. ebd., S. 34)

Ziel einer Marke ist es, eine emotionale Verbundenheit mit ihren „Kunden“ zu kn√ľpfen. „Wer bei Starbucks ansteht“, schreibt Starbucks CEO Howard Shultz, „will nicht nur einen Kaffee. ‚Es kommt ihm auf die romantische Kaffeeerfahrung an, auf das Gef√ľhl von W√§rme und Gemeinschaft, das man in den Starbucks-Gesch√§ften bekommt’.“ (Shultz 1997, zit. n. Klein 2002, S. 5)

Heute werden selbst aus Industriest√§dten Markenlandschaften (der Autostadt Wolfsburg steht tats√§chlich eine WOB AG vor), Unternehmensidentit√§ten nehmen die Formen von Parklandschaften an. „Brandscapes“ tauchten im Jahr 2000 in der Begriffs- und Gedankenwelt der √Ėkonomen, Werber, Planer und Philosophen auf. Der Begriff wird von Peter Lau im Wirtschaftsmagazin Brand eins erkl√§rt: „Die Idee des Brandscape ist in dem esoterisch angehauchten Zweig des Marketings, der sich mit Branding besch√§ftigt, also dem Stilisieren einer Marke zu einem Charakter, ein relativ neues Konzept. R√§ume sollen die Marke, ihre Werte und Eigenschaften verk√∂rpern, das Erleben des Raums wird zum Markenerlebnis.“ (Lau 2000, S. 114)

Bemerkenswert ist die Karriere des Brandscape-Gedankens. Neben der VW-Autostadt in Wolfsburg, die allgemein als Musterbeispiel einer Brandscape anerkannt wird, gibt es inzwischen nicht nur den als Brandscape geplanten Adidas-Park („action scape Adidas World of Sports“) am Stammsitz Herzogenaurach, sondern die „Brandscape“ hat die vorwiegend konservativ gef√ľhrte Debatte um den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses ebenso erreicht wie die Medienkritik an Peter Sloterdijk, dessen „Philosophisches Quartett“ in der Gl√§sernen VW-„Manufaktur“ in Dresden f√ľr das Fernsehen aufgezeichnet wird. All dies sind Brandscape-Bestandteile, und sie geben in ihrer bemerkenswert zunehmenden Bezugsvielfalt zu der These Anlass, dass wir vom Landschaftsbegriff noch einiges erwarten d√ľrfen, wenn denn „Landschaft“ erfolgreich gekoppelt mit Marken- oder anderen Identit√§ten zur Ordnung der neuen Welt beitr√§gt.

Der Ansatz, eine Landschaft herzurichten als Repr√§sentation einer Botschaft, eines Einflusses, einer Macht, ist selbstverst√§ndlich nicht neu. „Seit es Macht gibt, gibt es Inszenierungen der Macht, insbesondere r√§umliche, von Ehrfurcht gebietenden Monumentalbauten bis zu einsch√ľchternden Throns√§len“, schreibt Peter Lau. Dies wurde im Kapitel „Landschaft als Idee“ dieses Textes geschildert. „Neu ist jedoch der Gedanke der Partizipation. Anstatt die Inszenierung als Trennmittel zwischen Inszeniertem und Betrachter zu benutzen, soll der Besucher eingebunden, zum Teil der Markenwelt werden.“ (Ebd., S. 114)


Inszenierung der Landschaft als Gefahr und Chance

Unter dem Mantel der Marke, symbolisiert durch das „Logo“, werden Ideen, Bilder und Stimmungen produziert. Ziel ist es, durch die Inszenierung von Landschaften Atmosph√§ren zu erzeugen, die zu einer hohen Identifikation des Einzelnen mit dem Ort und gegebenenfalls mit einer „Marke“ f√ľhren. Die mit dem Erlebnis der Selbstinszenierung verbundene positive Stimmung soll zu einem bestimmten Konsumverhalten anzuregen.

Im Gegensatz zu klassischen Parkanlagen stehen Freizeit- und Markenparks (Brandscapes) unter einem enormen Rentabilit√§tsdruck. Die Fantasiewelt muss sich rechnen, entweder √ľber hohe Einnahmen durch eine Vielzahl an zahlenden Besuchern (Disneyworld), durch Merchandising oder durch eine hohe Identifikation mit der Marke, was in der Folge auch ein der Marke entsprechendes Konsumverhalten nach sich zieht (Autostadt Wolfsburg).

In beiden F√§llen ist der Erfolg von der gelungenen Identifikation des Einzelnen mit der inszenierten Atmosph√§re abh√§ngig. Es geht darum, sich als Teil der Erlebnisgesellschaft zu f√ľhlen. Dies geschieht √ľber eine hohe Identifikation mit einer „Landschaft“, eines Images im Dienst einer Marke.

Es handelt sich dabei um Adaptionsprozesse, die in jeder einzelnen Person vorgehen, die aber letztlich bei allen gleich ablaufen. Sie m√ľssen dies auch, denn nur dann erfolgt bei allen Besuchern die gew√ľnschte positive Stimmung und die angestrebte Identifikation mit dem Objekt bzw. der Marke. Mittels √§sthetischer Inszenierung wird ein Wir-Gef√ľhl erzeugt, √§hnlich eines Rausches oder wie auf einem Fest, was wiederum zu einer hohen Identifikation f√ľhrt, da dank der √§sthetischen Inszenierung das positive Gef√ľhl mit einer Marke gleichgesetzt bzw. mit ihr assoziativ verbunden wird. √Ąsthetische Gestaltung von Landschaft bedeutet hier prim√§r die Inszenierung vorab festgelegter und kalkulierter Stimmungen, die mittels eines r√§umlichen Erlebens dieser Landschaft abgerufen werden k√∂nnen.

Damit geht jedoch der mit dem √§sthetischen Urteil verbundene Freiraum f√ľr individuelle geistig kreative Leistungen, die nicht vorinszeniert sind, verloren. Die besondere Qualit√§t des √§sthetischen Urteils, das freie Spiel der Einbildungskraft wird durch eine Scheinfreiheit, eine inszenierte Freiheit ersetzt, indem der Einzelne f√ľr ihn inszenierte Stimmungen scheinbar zuf√§llig reproduziert, ohne zu reflektieren, dass dies, was er erf√§hrt, nicht prim√§r seinem eigenen freien Spiel der Einbildungskraft entspringt, sondern er lediglich nachempfindet, was andere f√ľr ihn vorempfunden haben. Dies geschieht nicht mit dem Ziel, das Subjekt zum freien Spiel der eigenen Einbildungskraft anzuregen und selbst auf neue Dinge und Zusammenh√§nge aufmerksam zu werden, sondern den Konsumenten durch Rausch, Spiel und Spa√ü abzulenken, indem er sich als Teil der Marke aufgehoben f√ľhlt.

Die √§sthetische Inszenierung von Raum, von Landschaft birgt vor dem Hintergrund der aktuellen Markenbildung eine Gefahr und eine Chance zugleich. „Die Karriere des Inszenierungsbegriffs ist insgesamt charakteristisch f√ľr eine vieldeutige Konstellation des √§sthetischen Diskurses, die sich gleicherma√üen von den Postulaten traditioneller √Ąsthetik wie von denen einer √Ąsthetik der Moderne des adornoschen Typus entfernt hat. Die Situation ist normativ widerspr√ľchlich. Einerseits wird die Einmaligkeit und Intensit√§t inszenierter Ereignisse hervorgehoben, andererseits aber auch der Verdacht ge√§u√üert, dass im Stadium der ‚Postmoderne‘ alle √§sthetischen Prozesse letztlich nur Inszenierungen einer als selbstbez√ľgliches System der Kommunikation sich reproduzierenden ‚Kunst der Gesellschaft‘ (vgl. Luhmann 1995) sind.“ (Fr√ľchtel, Zimmermann 2002, S. 32). Inszenierung, √Ąsthetik und Kunst scheinen sich „jener faktisch √ľberm√§chtig gewordenen Peripherie anzun√§hern, die die kulturindustriell gesteuerte √Ąsthetisierung aller Lebensbereiche innerhalb unserer ‚Erlebnisgesellschaft‘ betrifft“ (ebd., S. 32).

Vor allem in der tempor√§ren oder dauerhaften Inszenierung des √∂ffentlichen Raumes / Freiraumes sto√üen √§sthetische Funktion und Inszenierung der Macht aufeinander. Diese Inszenierung l√§√üt sich „von der Kunstpolitik der Kirchen und H√∂fe √ľber die Inszenierungen des totalit√§ren Staates im 20. Jahrhundert bis zur Ausstattung von Einkaufszonen in den st√§dtischen Zentren der Gegenwart verfolgen“ (ebd., S. 41, vgl. auch Durth 1977).


Die Lausitz als Logo?

Aufgrund der neuen, alles vereinnahmenden Dimension des Machtfaktors Marke drohen die Gesten k√ľnstlerischer Inszenierung „in der √úbermacht der Konsumzeichenwelt unterzugehen“ (Fr√ľchtel, Zimmermann 2002, S. 42). Im Rahmen des gesellschaftlichen Ausdifferenzierungsprozesses l√∂st sich nicht nur die Marke vom Produkt, sondern auch die Kunst vom Kunstwerk. Dies gilt auch f√ľr die r√§umliche und die Wahrnehmungs-Identit√§t einer Landschaft. So kann letztlich nicht nur alles zur Marke werden, sondern auch alles zur Kunst. Die Grenzen zwischen k√ľnstlerischer Inszenierung und Inszenierung der Marke als Atmosph√§re verschwimmen, werden immer unklarer. „Alles kann zum √§sthetischen Ereignis werden, wenn es in einem bestimmten Kontext dazu erkl√§rt wird, und alles l√§√üt sich auf solche Weise dem Ereignisfluss des eigenen Lebens anverwandeln.“ (Ebd.) K√ľnstler wie die CEO’s der Marken verfolgen dabei die gleiche Strategie, indem sie im fiktiven Raum leibhaftig neue Rollen entwerfen, mit dem Ziel, den Einzelnen als √§sthetisches Konstrukt vorzuf√ľhren.

Der Unterschied besteht lediglich darin, dass der K√ľnstler auf die Pluralit√§t des Subjekts aufmerksam macht, w√§hrend das Bestreben der Konzerne darin besteht, den Einzelnen unter der Marke zu subsumieren. Dabei hat der K√ľnstler, auch der Landschafts-K√ľnstler und Landschaftsgestalter im Kampf um die „Ressource Aufmerksamkeit“ (vgl. Kunstforum International 1999/2000, Bd. 148) gegen√ľber den perfekten Markeninszenierungen der Global Player kaum eine Chance. „Die Fortsetzung des vor fast einem Jahrhundert begonnenen Spiels der Selbstinszenierung ist heute f√ľr K√ľnstlerinnen und K√ľnstler, die sich noch dem Kriterium der Authentizit√§t und der Gegen-Inszenierung im Dienste eines √§sthetisch avancierten Ausdrucks verpflichtet f√ľhlen, prek√§rer denn je, legt dieses Spiel doch immer entscheidender den √úbertritt in jene beherrschende Sph√§re des starring, self-fashioning und life-styling nahe, die die √∂ffentliche Wahrnehmung immer st√§rker pr√§gt und die Grenze von Kunst und Leben nach der allt√§glichen Seite hin aufzul√∂sen beginnt.“ (Fr√ľchtel, Zimmermann 2002, S. 43)

Gerade in Zeiten eines ubiquit√§ren Gebrauchs der Begriffe √Ąsthetik, Kunst und Inszenierung ist das Bem√ľhen um Differenzierung vordringliche Aufgabe nicht nur bei der Schaffung neuer Bilder f√ľr neue Landschaften.

Es gilt der Wirkung der Markenwelten auf die ‚echten‘, nicht von VW gepr√§gten St√§dte, die nicht von Disney und Adidas vereinnahmten Landschaften und √∂ffentlichen R√§ume, der Wirkung auf die Kunst im Gegensatz zu synergetischen Kulturprodukten wie auf die freie und spontane Meinungs√§u√üerung entgegenzuwirken.

Die emotionale Kraft der Markenwelten, der Brandings wie „Autostadt Wolfsburg“ oder „Disneyworld“ liegt in ihrer F√§higkeit, eine (meist nostalgische) Sehnsucht einzufangen und dann intensiv aufzubl√§hen. Es w√§re jedoch falsch, sie als krassen Kommerz f√ľr die gedankenlosen Massen abzutun. „Es sind – im positiven oder negativen Sinn – privatisierte √∂ffentliche Utopien.“ (Klein 2002, S. 170) Doch „trotz ihrer polyethischen Bildersprache will die marktkonzentrierte Globalisierung keine Vielfalt, sondern das genaue Gegenteil. Ihre Feinde sind landestypische Gewohnheiten, lokale Marken und unverwechselbare regionale Vorlieben“ (ebd., S. 145).


Zwei Strategien f√ľr die Lausitz

Fassen wir zusammen: Die besondere Qualit√§t der √§sthetisch gestalteten Landschaft bzw. der √§sthetischen Betrachtung dieser liegt darin, dass sie aufgrund ihres Bild- bzw. Zeichencharakters in der Lage ist, auf etwas zu verweisen. Wobei das ‚etwas‘ gerade offen, unbestimmt bleibt. Im gelungenen k√ľnstlerischen Ausdruck verweist das geschaffene Bild auf neue, so noch nicht betrachtete Zusammenh√§nge, auf etwas, was gesellschaftlich virulent ist, ohne es begrifflich fassen zu k√∂nnen. Landschaft entsteht im Kopf.

F√ľr die Lausitz ist dieses Entstehen einer neuen regionalen, landschaftlichen und wirtschaftlichen Identit√§t vorerst ‚im Kopf‘ die einzige M√∂glichkeit, neue Produktionsbedingungen zu schaffen. Erst durch die Inszenierung von Zukunft voraussehenden ‚Scheinwelten‘ kommen Touristen in die Region, entstehen Arbeitspl√§tze. (Darauf basierte auch die Wirkung der Cargolifter-Idee als provinzielle Zukunftsinszenierung.) Die Produktion solcher ‚Atmosph√§ren‘ ist eine wichtige Zukunftsaufgabe. F√ľr die Lausitz k√∂nnte dieser Ansatz jedoch eine untergeordnete Rolle spielen, da die unbedingt notwendigen √∂konomischen Rahmenbedingungen wie gro√ües Einzugsgebiet, gute Erreichbarkeit, Standort bedeutender Marken bisher nicht erf√ľllt sind. Deshalb werden sich kurzfristig wahrscheinlich kaum Investoren finden, die in diesen Standort (ohne Subventionen) investieren.

Um diese Nachteil aufzufangen, ist es jedoch um so wichtiger, neue Landschaften, Atmosph√§ren zu erzeugen, die Alleinstellungsmerkmale aufweisen, die andernorts nicht m√∂glich sind, und einen ganz besonderen Reiz versprechen (und nat√ľrlich auch einl√∂sen).

Denn die Logik der virtuellen Marken-Welten folgt nicht nur einem, sondern immer zwei Prinzipien. Die aktive Entwicklung einer Marke „Lausitz“ wird durch die M√∂glichkeit der Entdeckung einer Marke, eines Trends erg√§nzt. Wer sich das Experimentieren erlaubt, und daf√ľr Zukunftsforschung und Landschaftsproduktion verbinden kann, hat die besten Chancen, kraft kultureller Ausstrahlung erst zum √§sthetischen Erlebnis und dann zur Marke selbst zu werden. Gefragt sind Experimente des Lesbarkeit neuer Kulturlandschaften. Selbst wenn nicht alle gelingen werden.


Literatur

Christ, Wolfgang 2000: Zwischenlandschaft – Raum, Blicke, Zeichen. In: IBA F√ľrst-P√ľckler-Land (Hg.) 2001: Dokumentation zur Konferenz ‚Bergbaulandschaft und Bergbauger√§t nach dem Bergbau’, Gro√ür√§schen.
Deleuze, Gilles 1987: Foucault, Frankfurt.
Durth, Werner 1977: Die Inszenierung der Alltagswelt. Zur Kritik der Stadtgestaltung, Braunschweig.
Fritz, Wolfgang 2000: Transformationen im Lausitzer Braunkohlerevier. In: IBA F√ľrst-P√ľckler-Land (Hg.) 2001: Dokumentation zur Konferenz ‚Bergbaulandschaft und Bergbauger√§t nach dem Bergbau’, Gro√ür√§schen.
Fr√ľchtel, Josef; Zimmermann, J√∂rg 2001: √Ąsthetik der Inszenierung, Frankfurt/M.
Jauss, H.R. 1989: Studien zum Epochenwandel der ästhetischen Moderne, Frankfurt/M.
Kant, Immanuel 1974: Kritik der Urteilskraft. Frankfurt/M.
Klein, Naomi 2002: No Logo!, M√ľnchen.
Kunstforum International 1999/2000: Ressource Aufmerksamkeit. √Ąsthetik in der Informationsgesellschaft, K√∂ln.
Lau, Peter 2000: Brandscapes – die Stadt als Markenlandschaft. In: Brand eins 10/2000, S. 114f..
Luhmann, Niklas 1995: Die Kunst der Gesellschaft, Frankfurt/M.
Lyotard, Jean-Francois 1985: Immaterialität und Postmoderne, Berlin.
Nietzsche, Friedrich 1980: S√§mtliche Werke, Bd. 1, M√ľnchen.
Pachnicke, Peter; Mensch, Bernhard (Hg.) 1999: Kunst setzt Zeichen. Landmarken-Kunst, Ausstellungskatalog, Oberhausen.
P√ľtz, Gabriele 1995: Sch√∂nheit – Sinn ohne Verstand. Zur Bedeutung des √Ąsthetischen in der Landschaftsarchitektur: Eine Kritik aktueller Diskussionen √ľber Freiraumgestaltung, Berlin.
P√ľtz, Gabriele 2001: Die Lausitz als Idee einer Landschaft. In Friesen, H.; F√ľhr, E. (Hg.) 2001: Neue Kulturlandschaften, Cottbus.
P√ľtz, Gabriele; Kornhardt, Diethild; Schr√∂der, Thies (Hg.) 2002: M√∂gliche R√§ume. Bericht zur Fachtagung ‚Stadt schafft Landschaft’, Hamburg. Im Erscheinen.
Rauterberg, Hanno 2002: Leben im unheimlichen Heim. In: Die Zeit 19/2002
Richter, Gottfried 2000: Besucherbergwerk F60 in Lichterfeld. In: IBA F√ľrst-P√ľckler-Land (Hg.) 2001: Dokumentation zur Konferenz ‚Bergbaulandschaft und Bergbauger√§t nach dem Bergbau’, Gro√ür√§schen.
Ritter, Joachim 1963: Landschaft. Zur Funktion des √Ąsthetischen in der modernen Gesellschaft. In: Ritter, Joachim 1974: Subjektivit√§t, Frankfurt/M.
Schröder, Thies 1997: Natur als Idee, Frankfurt/M.
Schröder, Thies 1999: Inszenierte Naturen, Berlin Basel New York.
See. Das Magazin der Internationalen Bauausstellung F√ľrst-P√ľckler-Land, 3/2001.
Shultz, Howard 1997: Put Your Heart into It, New York.
Weisshaar, Bertram 2000: Reise ins Loch. In: IBA F√ľrst-P√ľckler-Land (Hg.) 2001: Dokumentation zur Konferenz ‚Bergbaulandschaft und Bergbauger√§t nach dem Bergbau’, Gro√ür√§schen.
Welsch, Wolfgang 1990: √Ąsthetisches Denken, Stuttgart.