KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2003
Kulturelle Differenzierungen der deutschen Gesellschaft
Gabriele Pütz
Die Lausitz als Logo?
Landschaften zwischen Ausbeutung, Aneignung, Ablenkung und Aufklärung
Gabriele Pütz hielt ihren Vortrag auf der Grundlage eines Aufsatzes, der in der Zeitschrift Berliner Debatte INITIAL (Ausgabe 4/ 2002, Überall Landschaft) erschienen ist. Die große Resonanz, die ihr Beitrag auf der Tagung fand, veranlaßt die Redaktion, hier nicht den Vortragstext (er kann bei der Redaktion angefordert werden), sondern den Aufsatz in voller Länge wiederzugeben.

„see“ – weiße Schrift in blauem Quadrat – wählte die Internationale Bauausstellung Fürst-Pückler-Land als Logo ihres Zehn-Jahres-Programmes für die Lausitz. „Sieh hin“ oder einfach „Seenlandschaft“ – mit beiden gewollten Assoziationen ringt ein entlegener Landstrich nach der industriellen Ausbeutung um neue Aufmerksamkeit. Die Suche nach zukünftigen Raumnutzungen und Gestaltungsmustern für altindustriell geprägte Landschaften ist eröffnet.

Die Transformationsgesellschaft im Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft bemüht sich um einen räumlich-ästhetischen Ausdruck, ihr Aussehen, ihre Lesbarkeit. Noch ist eine neue Struktur aus Arbeiten und Wohnen, Freizeit, Beschäftigung und Mobilität nicht eindeutig zu erkennen. Doch die Experimente haben begonnen.

Konversion heißt das Zauberwort der Landschaftsverwandlung. Dabei wird zwischen Militär- und Industriekonversion unterschieden. Beide Nutzungen haben sich in Mitteleuropa weitgehend aus der Fläche zurückgezogen, übrig bleiben ausgeräumte, als unansehnlich empfundene Landschaftsräume, die nun mittels staatlicher Programme und Großevents wie EXPO, Internationale Bauausstellungen, Bundes- oder Landesgartenschauen auf ihre neue Bedeutung in der Freizeit-, Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft vorbereitet werden. Ergänzt werden müssen diese Programme in den nächsten Jahren um die Konversion großer Flächen der agrarisch-industriellen Landwirtschaft auf Grenzertragsböden.

Der Begriff Konversion (lat. conversio) bedeutet „Umkehrung, Umwandlung, Übertritt“ und deutet auf grundlegende Veränderungen, auf einen grundlegenden Einstellungs- oder Meinungswechsel hin. Er ist ideologisch eng an den Gedanken einer Zivilgesellschaft gebunden und erweist sich als zentrale planerisch-politische Herausforderung und Chance der Gegenwart.

Eine Änderung gesellschaftlicher Bedingungen und Ziele in einem neuen Landschaftsbild zum Ausdruck zu bringen, war schon die Aufgabe des barocken französischen Parks wie des englischen Landschaftsgarten im 18. Und 19. Jahrhundert. Als Konversionsprodukte der Vergangenheit prägten beide unseren heutigen Landschafts-Kulturbegriff.

Das Ziel gegenwärtiger Landschaftskonversionen dagegen ist erst einmal der Wandel schlechthin. Das erscheint dann als Selbstzweck, wenn die Inhalte und Ziele der grundlegenden Veränderungen nicht deutlich werden. Wandel wohin?

Scheinbar geht heute die landschaftliche Konversion der gesellschaftlichen Zielformulierung voraus.

Selbst das ist jedoch kein wirklich neues Prinzip. Auch der als Weltkulturerbe anerkannte Dessau-Wörlitzer Landschaftspark, das „Gartenreich“ des Fürsten Franz von Anhalt-Dessau aus dem Übergang vom 18. ins 19. Jahrhundert, ging als Muster einer Reformlandschaft den gesellschaftlichen Reformen selbst voraus, bereitete quasi mittels ästhetischer Bildung auf die im aufgeklärten Absolutismus als notwendig erkannten Reformen (z. B. der Agrarwirtschaft, aber auch der Bildung) vor. In der gegenwärtigen Diskussion jedoch wird die Reformnotwendigkeit oft aus dem Landschaftsbild selbst begründet, das nach dem Ende der industriellen Ausbeutung einer Region nicht mehr gefallen will, den Bürgern (und touristischen Gästen) nicht mehr zuzumuten ist. Das beschworene Bild des Wandels wird nicht zur Begleiterscheinung, sondern zum Anlass reformerischen Denkens. Ist das große Wort von der Konversion da noch angemessen?

Das Problem einer latenten Ziellosigkeit des Wandels (nur anders aussehen soll die Industriefolgelandschaft), eines Mangels an reformerischen Konzepten der Ökonomie, der Gesellschaft, der Bildung etc. wirkt zurück auf eine gewisse Armut der Bilder, die als anzustrebende Ergebnisse der landschaftlichen Konversion skizziert werden. Und so fällt der Mangel an Reformideen als vermeintliche Fantasielosigkeit den Planern von Städten und Landschaften wieder auf die Füße.

Heutige Konversionslandschaften weisen sich aus durch den Versuch einer ästhetischen Vermittlung zwischen tradierten Bildern der Kulturlandschaft (aus der Zeit der Agrargesellschaft im Übergang zur frühen Industrialisierung), der aufgegebenen, teils mit romantischen Anklängen verklärten Industrienutzung und einer offenen Zukunft.

Ein solcher Transformationsprozess bedarf einer eingehenden Analyse dessen, was Landschaft ist und wie sie entsteht. Ohne diese umfassende Arbeit an einem neuen Landschaftsverständnis wird sich kaum ein ähnlich wirkungsmächtiges Landschaftsbild herstellen lassen, wie es die Agrarlandschaften (Landschaft = Produktionsmittel) und die Industrielandschaften (Landschaft = Ressource) bestimmte. Erst auf Basis eines solchen erweiterten, nicht allein visuell orientierten Verständnisses von Landschaft sind Aussagen darüber möglich, wie denn die so intensiv beschworenen „neuen Landschaften“ aussehen könnten. Ein aktuelles Beispiel ist die im Sommer 2001 von der IBA Fürst-Pückler-Land durchgeführte „Werkstatt für neue Landschaften“ (Vgl. see. Das Magazin der Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land 3/2001, S. 5ff. sowie CD Dokumentation der Ergebnisse)


Landschaft als Produkt

In der Auseinandersetzung mit dem Thema Landschaft lassen sich zwei Ebenen unterscheiden:
- Landschaft als Produkt, als Resultat eines Aneignungsprozesses und
- Landschaft als Betrachtungsgegenstand, als ästhetisches Bild.

Die Ausprägung der konkreten Natur ist zumindest in den Industrienationen Resultat menschlicher Aneignungsprozesse. Unsere Vorstellung von Natur ist – vermittelt als Landschaftsbild – das Resultat einer Bewirtschaftung über Jahrhunderte, das Resultat von Arbeit sowohl in den Agrargesellschaften als auch – und dies in besonderem Maße – in der Industriegesellschaft.

Mittels technischer Innovationen und Maschineneinsatz auf der Basis von aus fossilen Brennstoffen gewonnener elektrischer Energie führte der Industrialisierungsprozess zu einer Veränderung der Landschaft in vorher nicht gekanntem Ausmaß. Große Agglomerationsräume wie z. B. das Ruhrgebiet mit Zechen, Halden, Kokereien, Industriebetrieben, flächigen Wohnsiedlungen, Straßen, Autobahnen, Gleisanlagen, aber auch verschmutzter Luft und verschmutzten Bächen oder Kanälen prägten das landschaftliche Erscheinungsbild ganzer Regionen. Ebenso in der Lausitz, wo die zuvor agrarisch strukturierte Landschaft im 20. Jahrhundert durch großflächigen Braunkohletagebau in ihrem Erscheinungsbild völlig verändert wurde. Die oft mit Landschaft assoziierte Vorstellung von Natürlichkeit blieb angesichts dieser Räume nicht haltbar. Vielmehr ist die konkrete Ausprägung der Landschaft Resultat verschiedener, auch historisch unterschiedlicher Aneignungsprozesse durch den Menschen. Landschaft ist vor allem das stoffliche Produkt menschlicher Arbeit. Das wird nirgends so deutlich wie in den Industriefolgelandschaften. Zu gleich aber ist Landschaft weiterhin ein Bild, ein Produkt ästhetischer Aneignung. Korrelieren reales und erwartetes Landschaftsbild, wird jenes in der Regel als schön empfunden. Divergieren beide, muss um das Schönheitsempfinden mittels ästhetischer Bildung und künstlerischer Vermittlung gerungen werden.


Landschaft als Betrachtungsgegenstand

Betrachten wir Landschaft, verlassen wir die konkrete Ebene funktionaler Aneignung. Mittels des ästhetischen Urteilsvermögens, indem wir also ein Geschmacksurteil fällen, sind wir in der Lage, von konkreten Arbeitsprozessen, von funktionalen Zusammenhängen mit und in der Natur zu abstrahieren.

Mittels des distanzierten (zweckfreien, d. h. nicht unmittelbar auf Funktion und Verwertung ausgerichteten) ästhetischen Blicks erfahren wir unsere Idee von Natur in Form von Landschaft als das Andere, das nicht klar Fassbare, das nicht Menschliche, dem Menschen Gegenüberstehende.

Landschaft als Angeschaute, als ästhetisch vermitteltes Bild bietet per Geschmacksurteil Raum für neue Emotionen und Assoziationen. Das Bild schafft Freiraum für neue Interpretationen, neue Sichtweisen, neue Zusammenhänge von Sich, der Natur und der Welt. Im „freien Spiele der Einbildungskraft und des Verstandes“ (Kant 1974, S. 132), im ästhetischen Urteil werden kreative Prozesse angeregt und freigesetzt. Ein „Begreifen” am konkreten Objekt der Anschauung, dem Ort, wird möglich.


Landschaft als Idee

Die Aneignung (Landschaft als Produkt) und die ästhetische Wahrnehmung von Landschaft stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander.

Das, was als schöne Landschaft empfunden wird, ist keine Konstante, sondern hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder verändert. Die schöne Landschaft ist also keine absolute, vom Menschen unabhängige Kategorie, sondern das Produkt menschlicher Anschauung. Was jeweils als schöne Landschaft gesehen wird, steht im unmittelbaren Bezug zu den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen und damit auch zu den gesellschaftlich determinierten Aneignungs- (=Ausbeutungs-)bedingungen von Natur.

Wenn wir Landschaft betrachten, fällen wir ein ästhetisches Urteil, und zwar darüber, ob wir die Landschaft als „schön“ oder als „erhaben“ empfinden. Ästhetik ist in der heutigen, der aufgeklärten Gesellschaft ein Verstehensmedium der Wirklichkeit, ein Interpretationsprinzip. So bezeichnet beispielsweise Lyotard den Maler und den Philosophen als „Brüder im Experimentieren“ (Lyotard 1985, S. 102). Deleuze nimmt auf Foucault Bezug und skizziert eine „Ästhetik der Existenz“, „wo das Ästhetische ... als Grundform des Daseins verstanden wird“ (Deleuze 1987, S. 112, vgl. auch Welsch 1990, S. 43). Nietzsche forderte bereits 1886, „die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers zu sehen“ (Nietzsche 1980, S. 14).

Ästhetisch betrachtete Landschaft entspricht einer Idee. Und zwar der Idee von konkreter Natur als dem Menschen gegenüberstehendes und ihn umgebendes räumliches Bild und zugleich der Idee der Natur als lebendiges „Werden und Vergehen“. „Landschaft ist Natur, die im Anblick für einen fühlenden und empfindenden Betrachter ästhetisch gegenwärtig ist.“ (Ritter 1963, S. 150)

Diese Idee der Natur wird uns als „Landschaft“ ästhetisch vermittelt, und zwar über ein Gefühl der Lust am Schönen, Lust am Erhabenen. Dies ist der Grund, warum wir stehenbleiben und den Blick in die Landschaft genießen. Das hört sich zunächst selbstverständlich an, war es jedoch nicht immer, wie der Rückblick in die Geschichte der Entstehung des Landschaftsbegriffs und seiner Ästhetisierung zeigt:

a. Das mittelhochdeutsche ‚lantscaft‘ steht im Mittelalter noch für die Einheit von Mensch (Bauer), Natur (das von den Bauern bearbeitete Land) und Herrscher (Burgherr), also für die Burg, die Bevölkerung und ihr Umfeld – eine geographisch-soziologische Kategorie. (Über allem steht im Christentum der Gott, der diese Einheit erschaffen hat.)
b. Landschaft als ästhetische Kategorie entsteht erst im 17. Jahrhundert mit der Landschaftsmalerei. Die ästhetische Betrachtung ist zunächst ausschließlich auf das Gemälde bezogen. Diese Betrachtung schulte den neuen Blick auf die reale Landschaft.
c. Die ästhetische Betrachtung von realer Landschaft ist erstmals in der Geschichte durch Petrarcas Beschreibung seiner Besteigung des Mont Ventoux 1335 belegt. Petrarca steigt auf den Berg nur mit dem Ziel, die Landschaft als schöne ohne einen weiteren Zweck anzuschauen. Und er beschreibt seine Überwältigung angesichts der Erhabenheit des Anblicks. Petrarca beschreibt sein ästhetisches Urteil als Idee der Landschaft. (Vgl. Ritter 1963, S. 141 ff.)

Historisch gesehen setzt die Möglichkeit, Landschaft ästhetisch zu betrachten, die Aufhebung der (mittelalterlichen) Einheit von Mensch und Natur (Schöpfung) voraus. Mit der Aufklärung (als einem Säkularisationsprozess) tritt der Mensch aus der ihn einschließenden Natur heraus, nimmt sich selbstbewusst als freies Subjekt wahr, und damit die ihn umgebende Landschaft als Objekt seiner Wahrnehmung, seines Urteilens und schließlich seiner Gestaltung. „So kommt Freiheit als Freiheit für den Menschen mit der Stadt und mit der Wissenschaft und Arbeit der modernen Gesellschaft zur Existenz, weil er sich mit ihr endgültig aus der Macht der Natur befreit und sie als Objekt seiner Herrschaft und Nutzung unterwirft. Daher kann es ... keine Rückkehr in die ursprüngliche Einheit mit der Natur geben. Die Emanzipation aus ihr ist die Bedingung, an die Freiheit notwendig gebunden bleibt.“ (Ebd., S. 161)

Gerade die heutigen Braunkohlefolgelandschaften jedoch, die nach der Ausbeutung und vor der „Rekultivierung“ oft wüst und leer erscheinen, lösen bei vielen Besuchern den Reiz aus, einen neuen Ansatz jenseits der objekthaft auszubeutenden Natur zu suchen. In die Rekultivierung dieser Industriefolgelandschaften wird die Sehnsucht nach einer Einheit von Mensch und Natur in kleinteiliger, differenzierter Kulturlandschaft mit Wald, Wasser, Wiese projiziert. Diese Sehnsucht allein bringt noch keine zukunftsorientierten Ziele gesellschaftlicher Reformen hervor. Erst die „Auflösung der Einheit von Mensch und Natur“ schafft die Voraussetzung, „dass der aufgeklärte Mensch, das Subjekt Mensch, diese Trennung als Verlust einer Einheit empfinden kann. Das Sehnen nach der Einheit Mensch – Natur setzt also die Trennung voraus. In diesem Sinne reagiert schon die Romantik auf die Aufklärung.“ (Pütz 2001, S. 48) Auch die Überlegungen für eine nicht allein retrospektiv zu entwickelnde Lausitz-Landschaft der Zukunft müssen auf dieser Grundlage aufbauen.


Landschaft als Sinnstiftung

Wir können nicht zurück zur Natur außerhalb unserer Kultur. Deshalb ist es um so wichtiger zu begreifen, dass auch unsere Ideen von Natur und Landschaft kulturelle Ideen sind, entstanden im Kontext unseres vernunftbestimmten Weltverständnisses. „Natur als Landschaft ist Frucht und Erzeugnis des theoretischen Geistes“ (Ritter 1963, S. 146).

Heute begegnet uns Natur als abstrakte Natur in Form der Naturgesetze, sowie als konkrete Natur in gesellschaftlich angeeigneter bzw. ausgebeuteter Form (ökonomisch-funktionale Perspektive). Hinzu kommt die Natur als ästhetisches Bild. Diese dritte Form der Definition von Natur als Bild einer Landschaft ist im Gegensatz zu den beiden anderen Definitionen offen, da sie auf das vage, nicht eindeutige, d. h. nicht objektive ästhetische Geschmacksurteil, das auf Schönheit und Erhabenheit bezogen ist, rekurriert.

Zugleich vermittelt die Natur als das Gegenüber von Mensch und Gesellschaft, als ästhetisch angeschaute Landschaft auch ethische und moralische Werte, deren Bedeutung seit der Romantik mit einer Bedrohung der Landschaft wie dieser Werte assoziiert wird.

Aufgrund der relativen Offenheit im ästhetischen Urteil, verbunden mit der „Nichtdefinition“ von Natur als dem Anderen, bietet sich die ästhetisch angeschaute Natur in Form von Landschaft als „Projektionsfläche“ von Sinn an. Landschaft wird als Vision, als Spiegel von Ganzheit, als Ausdruck des Kosmos zur Vision von der harmonischen Einheit von Mensch und Natur. Dieses Bild ist gesellschaftlich determiniert. Wir erzeugen den Sinn, den wir im Bild der Landschaft wahrnehmen, mittels unserer Einbildungskraft selbst. (Vgl. Pütz 2001, S. 49ff.)

Das Bild der Landschaft, das jeweils für diesen Sinn steht, hat sich im Laufe der gesellschaftlichen Veränderungen ebenfalls gewandelt. Im Absolutismus war der König der gottgleiche Herrscher und Sinnstifter. Ein Zeichen seiner allmächtigen Herrschaft war die Beherrschung der Natur, wie sie in der Gartenkunst des Barock zum Ausdruck gebracht wird. Die geometrischen und ornamentalen Formen sind achsial auf ein Schloss ausgerichtet und verweisen somit auf die göttliche Macht des absolutistischen Herrschers im Zentrum der Landschaft. Das Bild der schönen (gezähmten) Natur ist der Barockgarten, der auf die sinngebende Instanz, den Absolutisten, verweist.

Mit der Aufklärung wird die Natur selbst zum Ausdruck des Ganzen, des Göttlichen. Die optimal eingerichtete Natur wird zur sinngebenden Instanz. Der Mensch versteht sich selbst als oberstes „Naturwesen“ und damit als perfektester Ausdruck der Schöpfung. Um dies unter Beweis zu stellen, baut der Mensch die Natur in optimierter Form nach, um dadurch die Einheit von Mensch und Natur im Bild darzustellen. Dies kommt in der Gestaltsprache des Landschaftsparks zum Ausdruck. Der Landschaftspark erzeugt ein Bild scheinbarer Harmonie von Mensch und Natur. Der Mensch, der den Landschaftspark gestaltet, schafft, so die legitimierende Argumentation, mittels dieses harmonischen Bildes den Beweis, dass der Mensch oberstes Naturwesen ist und die Natur sinngebende Instanz.

Diese völlig unterschiedlichen Bilder von schöner gestalteter Natur – Barockgarten und Landschaftspark – verweisen also jeweils auf eine sinngebende Instanz. Ihre gesellschaftliche Funktion als Verweis auf Sinn bleibt gleich, doch die Art des Verweises und damit die Art des Bildes der jeweils als schön verstandenen Parkanlage bzw. Landschaft ändert sich entsprechend der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse. Es wird deutlich, dass die Sinnfrage, die Suche nach der verlorenen Einheit von Mensch und Natur, nicht losgelöst vom Menschen existiert, sondern gesellschaftlich vermittelt ist. „Eine moderne Ästhetik der Natur kann und darf nicht verleugnen, dass ‚Natur‘ im geschichtlichen Wandel ihrer Erscheinungen ein Produkt menschlicher Anschauung und Erkenntnis ist und dass erst eine ästhetische Wahrnehmung der Dinge die Entdeckung einer Natur in Form von ästhetisch angeschauter Landschaft, die das vergangene Sinnganze repräsentiert, ermöglichte.“ (Pütz 1995, S. 98, vgl. dazu auch Jauss 1989, S. 20ff.).

Reflektiert man nun die gesellschaftliche Konstitution der Sinnebene im Landschaftsbild nicht, entsteht die Annahme, dass man nicht nur das Bild einer Landschaft erzeugt, sondern eine konkrete Einheit von Mensch und Natur herstellen zu können glaubt.

Die Fehlannahme lautet: durch das Bauen einer romantisch orientierten Landschaft mit Wäldern, Seen und Wiesen wären auch die ökonomischen Probleme, die sich aus dem Wandel der konkreten Aneignung von Landschaft durch Arbeit ergeben, gelöst.


Landschaft als Illusion

Wir können zwar ein Bild einer schönen Landschaft im konkreten Raum umsetzen. Zunächst ändert dies jedoch nichts an der ökonomischen Situation. Wenn das gebaute Bild nicht der aktuellen ökonomischen Aneignungsform entspricht, sondern Ausdruck einer historischen Aneignungsform (z. B. der kleinbäuerlichen Agrargesellschaft) ist, lenkt das Bild vielmehr von der realen ökonomischen Situation und den damit verbundenen Problemen ab. Denn der Blick auf die gesellschaftliche Realität der landschaftlichen Aneignung wird so gerade verstellt. Es besteht die Gefahr, dass das Bild mit der Realität verwechselt wird. Doch gerade darauf basiert die diffuse Hoffnung, dass das Bild, wenn es denn gebaut ist, die Probleme schon lösen wird. Selbstverständlich ist es legitim, solche Landschaften im Sinne einer self-fulfilling prophecy zu bauen. Man sollte jedoch nicht allein aufgrund der Umsetzung des Bildes auf die Lösung der strukturellen Probleme hoffen.

Zusammenfassend kann man sagen: Ökonomische Probleme, Landschaftsaneignungskrisen lassen sich nicht nur über schöne Bilder lösen. Allerdings können schöne Bilder Auslöser für Visionen sein, die dann selbst zu ökonomischen Anreizen führen. Dies gelingt aber nur dann, wenn die neuen Landschaften den Bedingungen des Marktes entsprechen. Diese Ebene der Betrachtung kann allein durch schöne Bilder nicht ersetzt werden.

In der mitteleuropäischen Transformationsgesellschaft ist die Phase der industriell-ökonomisch dominierten Aneignung von Natur gerade abgeschlossen. Es beginnt, und zwar inklusive aller romantischen Gefühle, die in der Geschichte typisch sind gerade für solche Transformations- bzw. Konversionsphasen, in denen ein hohes Maß an gesellschaftlicher und individueller Verunsicherung besteht und man nach vertrauten, harmonischen Bildern sucht, nun die nächste Phase – eine neue Landschaftsökonomie mit neuen Bildern.


Loslösung vom konkreten Raum

Im Laufe des historischen Modernisierungs- und Rationalisierungsprozesses wurde die Aneigung von Natur immer weiter optimiert. Dies hatte zur Folge, dass bereits durch Aneignungsprozesse geprägte Landschaften durch eine neue, rationellere Form der Naturaneignung abgelöst wurden. In einer Art Schichtung wurde eine Landschaftsaneignung mit ihren spezifischen räumlichen Ausprägungen durch die nächste überlagert. So wurde zum Beispiel die vorindustrielle Landwirtschaft mit ihren kleinteiligen Feldern, Wiesen, Weiden, Hecken, Feldwegen, Dörfern und Wäldern großflächig von der industrialisierten Landwirtschaft mit ihren weiten Schlägen, Äckern, Monokulturen und landwirtschaftlichen Industriebetrieben verdrängt. Die Landschaft der industriellen Landwirtschaft wiederum wurde – beispielsweise in der Lausitz – vielfach abgelöst durch die Ausbeutung der Landschaft in Form des industriellen Braunkohletagebaus. War die Lausitz um 1850 noch dünn besiedelt und die Landschaft der feuchten Urstromtäler und wasserarmen Landrücken vorwiegend landwirtschaftlich genutzt, so machte der Braunkohletagebau seit Ende des 19. und vor allem im 20. Jahrhundert die Lausitz zu einem führenden Kohle- und Industrierevier. In der Lausitz wurde in den achtziger Jahren 2/3 der gesamten Braunkohleförderung der DDR abgebaut (vgl. Fritz 2000, S. 16).

Typisch für diese Aneignungsprozesse ist die enge Bindung an die ‚Natur‘ und damit an bestimmte Landschaftsräume, da die ‚Natur‘ bisher immer das Objekt darstellte, das es zu bearbeiten bzw. auszubeuten galt (als Objekt und als Ressource).

In unserer heutigen Dienstleistungsgesellschaft hat sich demgegenüber die Wertschöpfung sehr stark vom konkreten Ort, von der Aneignung des Bodens gelöst. Der fortschreitende Modernisierungs- und Rationalisierungsprozess ist in eine neue Stufe getreten. Arbeit erfolgt immer mehr als geistige Dienstleistung. Der unmittelbare Bezug zu Raum und Zeit löst sich tendenziell auf. Dabei ist der Modernisierungsprozess als Ausdifferenzierungsprozess zu verstehen: Neben den weiterhin bestehenden gewerblichen, auch körperlichen Arbeitsprozessen mit unmittelbarem Bezug zu Raum und Naturressourcen steigt der gesamtgesellschaftliche Anteil an räumlich ungebundenen Arbeitsprozessen des Wissenstransfers kontinuierlich an und wird zur gesellschaftsprägenden Arbeitsform.

Welche Folgen hat diese Entwicklungstendenz für unser Landschaftsverständnis, für das Produkt Landschaft?


Ansätze einer neuen Landschaftsökonomie

Die Loslösung der Wertschöpfung mittels Arbeit vom konkreten Raum führt dazu, dass sich über die bisherigen „Aneignungsschichten“ – nicht wie bisher üblich – eine neue Aneignungsschicht ausbreitet. Die industrielle Ausbeutung der Naturressourcen zieht sich (zumindest in Mitteleuropa) aus der Fläche zurück. Vielmehr fallen weite Teile unserer Landschaft aus der Nutzung. Sie werden als Objekte von Arbeit, Aneignung und Ausbeutung nicht mehr gebraucht. So sind beispielsweise in der Lausitz seit 1990 „12 Tagebaue, 22 Brikettfabriken, 16 Kraftwerke, 2 Kokereien und ein Gaswerk geschlossen worden“ (Fritz 2000, S.17).

Zwar weist Hanno Rauterberg zurecht darauf hin, das „in Deutschland ... täglich 130 Hektar Boden versiegelt“ werden (Rauterberg 2002). Es gibt also weiterhin eine Inanspruchnahme von Raum. Dieser wird jedoch fast ausschließlich für den Bau von Straßen und Häusern verwendet. „Die Speckgürtel um die Städte wachsen, alte Wohnquartiere veröden. ... Das Nichts breitet sich immer weiter aus.” (Ebd.) Es findet ein Ausdifferenzierungsprozess im Raum statt. Einerseits steigt der Landschaftsverbrauch, die Aneignung von „Natur“ im peripheren Umfeld von Ballungsräumen vor allem in Folge eines stetig steigenden Wohnflächenbedarfs (Wohnen im Eigenheim auf der grünen Wiese). Andererseits fallen weite Landschaften, vor allem solche der industriellen Produktion, brach. Nicht mehr „genutzt“ werden vor allem solche Räume, die einem hohen Veränderungsgrad durch industrielle Ausbeutung ausgesetzt waren, deren Rohstoffe abgetragen oder deren Mehrwerte abgeschrieben wurden, und die nun in Form „verbrannter” Erde zurückbleiben, um binnen kürzester Zeit aus dem ökonomischen Verwertungsdruck herauszufallen.


Die Wunden-Metapher

Betrachtet man diese Flächen aus dem ästhetischen Blickwinkel, so stellt man fest, dass diese Landschaften in ihrem Erscheinungsbild stark durch die Spuren der industriellen Ausbeutung geprägt sind. Riesige Tagebaurestlöcher, Abraumhalden, Industriebrachen und zerfallene Fabrik- und Gewerbebauten, auch aufgelassene Militärflächen entsprechen nicht den in der alltäglichen Erwartungswelt verankerten, tradierten Bildern einer schönen Landschaft. Im Gegenteil, oft wird das Bild der ausgebeuteten Landschaft zum Synonym für den gesamten Ausbeutungs- und Veränderungsprozess. Das Tagebaurestloch steht dann beispielsweise in den Köpfen als Bild für ökologischen Raubbau, Verlust an Bedeutung, Untergang einer Wirtschaftskultur, Angst, Verlust an Arbeitsplätzen. Das Bild des Tagebaurestloches wird zum Kristallisationspunkt des negativen Images einer Region. So schreibt beispielsweise Gottfried Richter, Amtsdirektor des Amtes Kleine Elster in der Niederlausitz: „Die Braunkohle – ihre Förderung um jeden Preis – hat diese Landschaft verändert und geprägt, geblieben sind viele Wunden. ... 1992 wurde der Tagebau geschlossen, verstummte das Kreischen der Kohlebagger, endete der Raubbau an der Natur, aber es verloren auch tausende Bergleute und Energiearbeiter ihre Arbeit“. (Richter 2000, S. 21) Reagiert wird in der Lausitz auf diese Situationswahrnehmung auf dreierlei Weise.


Rekultivierung – die Lausitz als klassische Wald- und Seenlandschaft

Die klassische Form des Umgangs mit solchen Landschaftsräumen besteht darin, die Spuren der industriellen Ausbeutung zu verwischen, zu ‚heilen‘. Diese Strategie der Rekultivierung hat meist zum Ziel, einen (früheren) Kultivierungszustand einer Landschaft wiederherzustellen, oder zumindest eine Landschaft zu bauen, die dem Ideal einer schönen Landschaft entspricht. Argumentiert wird u. a. auf der Grundlage eines Ausgleichsgeschäftes mit der „Natur“. Eine veränderte (=zerstörte) Naturlandschaft soll wiederhergestellt werden, indem ein natürlich anmutendes Kultur-Landschaftsbild (wieder) entsteht. Dieser nachsorgende Ansatz ist in den Bergbaufolgelandschaften als Pflichtaufgabe der Betreibergesellschaften bzw. ihrer staatlichen Nachfolgegesellschaften verankert und gehört zum guten Stil einer Ingenieurskultur. Spurenloses Wirken.

„Die Sanierung der ... Tagebaue orientiert sich ... an den Auflagen der Abschlussbetriebspläne. Im Vordergrund steht dabei die Gefahrenabwehr und die Wiedernutzbarmachung der beanspruchten Flächen. Die Böschungen sind inzwischen zu 2/3 stabilisiert, 50 % aller Flächen sind inzwischen rekultiviert. ... Die Hälfte der heutigen Betriebsflächen wird in Seen verwandelt, es werden 13.600 ha Sukzessionsflächen und 8.000 ha Forst entstehen.“ (Fritz 2000, S. 17f.)

Das Problem besteht nun aber darin, dass es zurzeit keine ökonomisch tragfähige Kultivierungsform gibt, die eine aus der Nutzung gefallene Kultivierung ablöst. Es existiert bisher kein Verwertungsinteresse für die ausgebeutete Landschaft des Braunkohletagebaus.

Um dem negativen Image der Landschaft zu begegnen, wird eine neues Bild der Landschaft gebaut, Landschaft so inszeniert, als unterliege sie einer ökonomisch tragfähigen Kultivierung. Dabei wird auf die traditionellen, im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft eingeprägten Bilder einer schönen Landschaft zurückgegriffen. Wie beschrieben werden solche Bilder von Wäldern, Wiesen und See mit einer (scheinbaren) Harmonie von Mensch und Natur assoziiert. Das gebaute Bild der lieblichen Wald- und Seenlandschaft entspricht dann den positiven Assoziationen im Kopf, was zu einem positiven Image der Landschaft einer Region führen soll. Schöne Seen und Waldlandschaft sollen Touristen anlocken und neue Arbeitsplätze schaffen, letztlich neue Bewohner in die Region locken. Entscheidend für das Verhältnis von Landschaft als Produkt und Landschaft als Betrachtungsgegenstand ist, dass es sich um die Inszenierung eines gesellschaftlich positiv besetzten Landschaftsbildes handelt, dem zunächst die Orientierung an ökonomischer Aneignung weitgehend fehlt. Die neue Landschaft ist das Ergebnis der Inszenierung eines Bildes, nicht das Produkt eines ökonomisch bedingten Aneignungsprozesses.

Fraglich ist jedoch, ob die Inszenierung traditioneller, vertrauter Bilder einer Landschaft ausreicht, um Besucher und neue Anwohner in einer solchen Größenordnung anzulocken, dass das gebaute Bild eine ökonomische Tragfähigkeit erlangt. Nur dann wäre das Bild einer scheinbaren Mensch-Natur-Harmonie der romantischen Landschaft als positiver Imageträger dauerhaft aufrecht zu erhalten.


Ästhetisierung des Vorhandenen – Die Lausitz als (Gesamt)kunstwerk

Eine zweite Variante, mit der Situationswahrnehmung des negativen Images umzugehen, besteht darin, einen neuen Blick auf das Vorhandene zu erzeugen. Das Bild der ausgebeuteten Braunkohlefolgelandschaft der Abraumhalden und Tagebaulöcher wird nicht als schön empfunden. Wie beschrieben werden zahlreiche negative Gefühle mit der Tagebaufolgelandschaft assoziiert, weshalb die Landschaft einem negativen Image gleichgesetzt wird. Ein distanzierter, aus diesem Zusammenhang herausgelöster Blick auf die Landschaft wird zunächst nicht eingenommen. Ziel der Ästhetisierung ist es deshalb, mittels künstlerischer Inszenierungen des Vorhandenen den ästhetischen Blick für die Tagebaufolgelandschaft zu schärfen und so im Kopf mit einem Konversionsprozess zu beginnen.

Ein Beispiel dafür sind die vom „Spaziergangsforscher“ Bertram Weisshaar angebotenen Spaziergänge durch Tagebau-Restlöcher. „Ein Spaziergangsforscher führt entlang einer ausgewählten Route zu den versteckten Schönheiten der Grube. Bergleute des Geländes würden diese zumeist nicht finden, da sie in ihrer technischen Betrachtung des Geländes gefangen sind. Die Techniker sehen Abraummassen, Sümpfungswasser und gefährliche Erosion. Als Teilnehmer unserer Exkursion werden sie jedoch auf dem Spaziergang verblüffende Kegelfelder, einen malerischen See und faszinierende Erdbilder zeichnende Erosionen entdecken. Spazierengehen ist also insbesondere eine Angelegenheit, wie wir unseren Blick auf unsere Umgebung richten.“ (Weisshaar 2000, S. 103f.)

Der ungewohnte ästhetische Blick auf die Tagebaulandschaft kann mittels künstlerischer Inszenierung geschult werden. Denn die Besonderheiten von Kunstwerken und künstlerischen Inszenierungen besteht darin, eine (zeitweilige) Distanz zum Alltag, zur ökonomischen und funktionalen Eingebundenheit des Einzelnen zu erzeugen. Die ästhetische Distanz des Künstlers wie des Rezipienten schafft Freiraum für Kreativität und Fantasie. Die künstlerische Inszenierung des Vorhanden als etwas besonderes, einzigartiges schult den ästhetischen Blick. Kunst regt an, die Landschaft aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten, das Vorhandene schön zu finden.

Zur Umsetzung dieses Ansatzes sind keine großräumigen und aufwändigen Umwandlungen (Rekultivierungen) der Landschaft nötig. Das Gelände bleibt weitestgehend wie es ist. Die vorgefundene Landschaft wird lediglich durch einzelne Kunstwerke, künstlerische Interventionen wie z. B. Lichtinszenierungen, Objekten der bildenden Kunst oder „Spaziergangskünstler“ ästhetisch überhöht.

Auf das Verhältnis von Landschaft als Produkt und Landschaft als Betrachtungsgegenstand bezogen, konzentriert sich dieser Ansatz ganz auf die Landschaft als Betrachtungsgegenstand. Von daher stellt dieser Ansatz ein wichtiger Baustein hin zu den „Neuen Landschaften“ dar. Er bezieht sich jedoch erst einmal auf eine „Zwischenlandschaft“. Diese Zwischenlandschaft gilt als authentischer Ausdruck einer Landschaft und einer „Gesellschaft, deren Verschwinden wir nun miterleben“ (Christ 2000, S. 73) Sie macht aufmerksam, sensibilisiert für das, was verloren geht.

Ohne die tradierten Bilder der romantischen Landschaft zu kopieren, rekurriert dieser Ansatz ebenfalls auf ein romantisches Ästhetikverständnis. Er nimmt in den Stimmungen und Sehnsüchten, die erzeugt werden, Bezug auf die vergangene schöne und erhabene Landschaft einerseits und auf den Verlust eines bestimmten, gerade verschwindenden gesellschaftlichen Verhältnisses von Mensch und Natur andererseits. Der Blick ist primär auf das Vorhandene gerichtet. Visionen für „Neue Landschaften“ auf der Basis ökonomischer Tragfähigkeit bleiben so aus. Die ökonomische Aneignungsebene wird bei diesem Ansatz zumeist ausgeblendet.


Festivalisierung – Die Lausitz als Produkt

Den beschriebenen Ansätzen ist gemeinsam, dass sie beide von der Inszenierung eines Bildes ausgehen. Auch der dritte Ansatz setzt auf Inszenierung, geht jedoch viel offensiver mit der Inszenierung um, indem diese nicht nur von der Seite des Bildes betrachtet und angegangen wird. Eine große Rolle spielen bei diesem Ansatz ökonomische Aneignungsmöglichkeiten: die Landschaft als Kulisse. Inszeniert wird eine Fantasiewelt, eine Wunschwelt, eine Idylle oder eine abenteuerliche Wildnis. Ein Beispiel ist das „Eden Project“ des Architekten Nicolas Grimshaw in St. Austell im Südosten Englands. Hier schält sich aus einem Tagebaugrund eine Halle, die an Fullerene erinnert. Unter einer schützenden Haut wachsen in dem „Garten Eden“ Pflanzen der subtropischen und mediterranen Welt. Jährlich werden mehr als 750.000 Besucher Edens erwartet, damit sich das Projekt rechnet.

Auch für die Lausitz gibt es Überlegungen, Projekte nach diesem Vorbild zu realisieren: „Beispielsweise würde sich ein noch zum Kohleabbau genutzter Tagebau, wie Welzow-Süd, gut für das Thema ‚Wüste – Oase‘ eignen, wobei das Oasenerlebnis durch eine phantastische Grimshaw-Architektur verstärkt werden könnte.“ (see 3/2001, S. 8)

Bezug genommen wird auch hier auf bekannte ästhetische Bilder, auf Idyllen, schöne, (scheinbar) konfliktfreie Räume wie das ‚Schlaraffenland‘ oder exotische Landschaften zum Anfassen (Tierparks, Botanische Gärten, Biosphären, Erlebniswelten a la Disney).

Diese Welten bzw. Freizeitparks repräsentieren eine schöne heile Welt, animieren zum Konsum von Atmosphären, von Stimmungen und Bildern, in die man sich hineinbegeben, sich vertiefen kann, mit dem Ziel abzuschalten, sich dem Alltag zu entziehen, zu konsumieren und sich in einen Rauschzustand zu versetzen.

Dieser Ansatz rekurriert auf ein Ästhetikverständnis, wie es schon Nietzsche heraufbeschwor. Die Welt als Jammertal, das Leben als sinnloses Unterfangen. Die einzige Möglichkeit, damit fertig zu werden, also dem Leben einen Sinn zu geben, den man mittels Vernunft und Rationalität nicht mehr zu finden glaubt , ist es, sich zu entziehen, das Dasein im ästhetischen Rausch zu ertragen oder zu genießen, den Lebenssinn, die Selbstverwirklichung in der ästhetischen Selbstinszenierung zu suchen. „Echt ist demnach nur das Unechte, authentisch nur das Inszenierte.“ (Früchtel, Zimmermann 2001, S. 24)

Wie beschrieben wird bei diesem Ansatz großer Wert auf die Vermarktung der Stimmungen und Atmosphären gelegt. Der Ansatz der Festivalisierung nutzt den Raum als Produkt, eignet sich den Raum an, indem er ihn so gestaltet, dass bestimmte, beim Nutzer und Betrachter abrufbare Stimmungen erzeugt werden, die dann vermarktet werden können. Solche Ort finden heute als Surrogate, als Sinnersatz großen Anklang. Dementsprechend gut sind sie vermarktbar. Sie werden allerdings nur dort realisiert, wo die Vermarktungsmöglichkeiten auch gegeben sind. Ein wichtiger Faktor ist in diesem Zusammenhang das Einzugsgebiet für Besucher und die infrastrukturelle Ausstattung (z. B. Autobahnanschluss). Plaziert werden Großprojekte ausschließlich nach ökonomischen Gesichtspunkten. Rechnet sich ein solches Projekt nicht in der Lausitz, geht man halt irgendwo anders hin.


Brandscape - Aneignung heute

Zur Einschätzung dessen, was die beschriebenen Planungs- und Gestaltungsansätze leisten können, welche gesellschaftliche Aufgabe dem Schaffen „neuer Landschaften“ in der heutigen Transformationsgesellschaft zukommt, ist zunächst ein Blick auf heutige Aneignungs- bzw. Ausbeutungsformen wichtig. Ausgehend von dieser Analyse kann der Versuch unternommen werden, die aktuelle gesellschaftliche Aufgabe der ästhetisch inszenierten „neuen Landschaft“ zu beschreiben, um daraus Hinweise für die Suche nach neuen Bildern vor allem für die altindustriell geprägten Orte und Regionen wie z. B. die Niederlausitz oder das Industriedreieck Bitterfeld, Dessau, Wittenberg („Industrielles Gartenreich“) abzuleiten.

Im Rahmen des gesellschaftlichen Ausdifferenzierungs- und Globalisierungsprozesses findet wie bereits erwähnt in Mitteleuropa eine starke Ablösung der Arbeitsprozesse vom konkreten Ort und von der Ausbeutung des Bodens bzw. der Rohstoffe statt.

Die Ausdifferenzierung von Landschaftsräumen mittels Globalisierung erfolgt in der heutigen Transformationsgesellschaft jedoch noch auf anderer Ebene: der Ausbreitung des Einflusses multinationaler Konzerne (= Marken) auf alle Lebensbereiche. Zurückzuführen ist diese Entwicklung auf die in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte Idee, „dass Unternehmen in erster Linie Marken herstellen sollten, keine Produkte“ (Klein 2002, S. 25). Bis dahin „galt es bei den Unternehmen zwar als wichtig, einen Markennamen zu stärken, doch das wichtigste Anliegen jedes seriösen Herstellers war die Güterproduktion. Dieses Anliegen war das Evangelium des Industriezeitalters.“ (Ebd.)

Kennzeichnend für die heutige Transformationsgesellschaft ist nun nicht mehr die Produktion von Dingen, sondern von Marken. „Die Unternehmen neuen Stils stellen nicht mehr in erster Linie Dinge her, sondern Markenimages. Ihre eigentliche Arbeit bestand nicht mehr in der Herstellung, sondern in der Vermarktung.“ (Ebd., S. 26)

Hierin liegt die Nähe zur Konversion der Kulturlandschaften nach der industriellen Ausbeutung begründet. Wenn es nicht mehr um die Produktion von Gütern geht, worin besteht dann heute der Aneignungs- und Ausbeutungsprozess von Landschaften? Was wird angeeignet?

Für die Herstellung einer Marke benötigt man andere Werkzeuge als die Maschinen des Industriezeitalters. Die Herstellung einer Konzernmarke, eines Markenimages erfolgt als Aneignung auf drei Ebenen: es bedarf einer endlosen Reihe der Markenerweiterung, einer permanenten Erneuerung der Bildersprache für das Marketing und vor allem neuer Räume – „New Spaces, um das Selbstverständnis der Marke zu verbreiten“ (ebd. S. 27). Der beschriebene radikale Wandel in der Unternehmensphilosophie hat „eine kulturelle ‚Fressgier’ ausgelöst, mit der sie, um ihre Marken aufzublähen, jede Nische noch unvermarkteter kultureller Landschaft verschlingen“ (ebd., S. 31). Die Folgen einer sich konsequent ausbreitenden aggressiven Markenidentität ist die teils offene, teils verdeckte Besetzung des öffentlichen und des individuellen Raumes. Die Aneignung erfolgt also heute primär durch die Einverleibung von Ideen, von Kultur, von Zeitgeist, von Bildern, von Landschaft, von öffentlichem, individuellem und vor allem von noch nicht vermarkteten Räumen. Konkurriert wird um den ‚konzeptionellen Mehrwert‘ der Produkte, der de facto nur aus Marketing besteht. (Vgl. ebd., S. 34)

Ziel einer Marke ist es, eine emotionale Verbundenheit mit ihren „Kunden“ zu knüpfen. „Wer bei Starbucks ansteht“, schreibt Starbucks CEO Howard Shultz, „will nicht nur einen Kaffee. ‚Es kommt ihm auf die romantische Kaffeeerfahrung an, auf das Gefühl von Wärme und Gemeinschaft, das man in den Starbucks-Geschäften bekommt’.“ (Shultz 1997, zit. n. Klein 2002, S. 5)

Heute werden selbst aus Industriestädten Markenlandschaften (der Autostadt Wolfsburg steht tatsächlich eine WOB AG vor), Unternehmensidentitäten nehmen die Formen von Parklandschaften an. „Brandscapes“ tauchten im Jahr 2000 in der Begriffs- und Gedankenwelt der Ökonomen, Werber, Planer und Philosophen auf. Der Begriff wird von Peter Lau im Wirtschaftsmagazin Brand eins erklärt: „Die Idee des Brandscape ist in dem esoterisch angehauchten Zweig des Marketings, der sich mit Branding beschäftigt, also dem Stilisieren einer Marke zu einem Charakter, ein relativ neues Konzept. Räume sollen die Marke, ihre Werte und Eigenschaften verkörpern, das Erleben des Raums wird zum Markenerlebnis.“ (Lau 2000, S. 114)

Bemerkenswert ist die Karriere des Brandscape-Gedankens. Neben der VW-Autostadt in Wolfsburg, die allgemein als Musterbeispiel einer Brandscape anerkannt wird, gibt es inzwischen nicht nur den als Brandscape geplanten Adidas-Park („action scape Adidas World of Sports“) am Stammsitz Herzogenaurach, sondern die „Brandscape“ hat die vorwiegend konservativ geführte Debatte um den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses ebenso erreicht wie die Medienkritik an Peter Sloterdijk, dessen „Philosophisches Quartett“ in der Gläsernen VW-„Manufaktur“ in Dresden für das Fernsehen aufgezeichnet wird. All dies sind Brandscape-Bestandteile, und sie geben in ihrer bemerkenswert zunehmenden Bezugsvielfalt zu der These Anlass, dass wir vom Landschaftsbegriff noch einiges erwarten dürfen, wenn denn „Landschaft“ erfolgreich gekoppelt mit Marken- oder anderen Identitäten zur Ordnung der neuen Welt beiträgt.

Der Ansatz, eine Landschaft herzurichten als Repräsentation einer Botschaft, eines Einflusses, einer Macht, ist selbstverständlich nicht neu. „Seit es Macht gibt, gibt es Inszenierungen der Macht, insbesondere räumliche, von Ehrfurcht gebietenden Monumentalbauten bis zu einschüchternden Thronsälen“, schreibt Peter Lau. Dies wurde im Kapitel „Landschaft als Idee“ dieses Textes geschildert. „Neu ist jedoch der Gedanke der Partizipation. Anstatt die Inszenierung als Trennmittel zwischen Inszeniertem und Betrachter zu benutzen, soll der Besucher eingebunden, zum Teil der Markenwelt werden.“ (Ebd., S. 114)


Inszenierung der Landschaft als Gefahr und Chance

Unter dem Mantel der Marke, symbolisiert durch das „Logo“, werden Ideen, Bilder und Stimmungen produziert. Ziel ist es, durch die Inszenierung von Landschaften Atmosphären zu erzeugen, die zu einer hohen Identifikation des Einzelnen mit dem Ort und gegebenenfalls mit einer „Marke“ führen. Die mit dem Erlebnis der Selbstinszenierung verbundene positive Stimmung soll zu einem bestimmten Konsumverhalten anzuregen.

Im Gegensatz zu klassischen Parkanlagen stehen Freizeit- und Markenparks (Brandscapes) unter einem enormen Rentabilitätsdruck. Die Fantasiewelt muss sich rechnen, entweder über hohe Einnahmen durch eine Vielzahl an zahlenden Besuchern (Disneyworld), durch Merchandising oder durch eine hohe Identifikation mit der Marke, was in der Folge auch ein der Marke entsprechendes Konsumverhalten nach sich zieht (Autostadt Wolfsburg).

In beiden Fällen ist der Erfolg von der gelungenen Identifikation des Einzelnen mit der inszenierten Atmosphäre abhängig. Es geht darum, sich als Teil der Erlebnisgesellschaft zu fühlen. Dies geschieht über eine hohe Identifikation mit einer „Landschaft“, eines Images im Dienst einer Marke.

Es handelt sich dabei um Adaptionsprozesse, die in jeder einzelnen Person vorgehen, die aber letztlich bei allen gleich ablaufen. Sie müssen dies auch, denn nur dann erfolgt bei allen Besuchern die gewünschte positive Stimmung und die angestrebte Identifikation mit dem Objekt bzw. der Marke. Mittels ästhetischer Inszenierung wird ein Wir-Gefühl erzeugt, ähnlich eines Rausches oder wie auf einem Fest, was wiederum zu einer hohen Identifikation führt, da dank der ästhetischen Inszenierung das positive Gefühl mit einer Marke gleichgesetzt bzw. mit ihr assoziativ verbunden wird. Ästhetische Gestaltung von Landschaft bedeutet hier primär die Inszenierung vorab festgelegter und kalkulierter Stimmungen, die mittels eines räumlichen Erlebens dieser Landschaft abgerufen werden können.

Damit geht jedoch der mit dem ästhetischen Urteil verbundene Freiraum für individuelle geistig kreative Leistungen, die nicht vorinszeniert sind, verloren. Die besondere Qualität des ästhetischen Urteils, das freie Spiel der Einbildungskraft wird durch eine Scheinfreiheit, eine inszenierte Freiheit ersetzt, indem der Einzelne für ihn inszenierte Stimmungen scheinbar zufällig reproduziert, ohne zu reflektieren, dass dies, was er erfährt, nicht primär seinem eigenen freien Spiel der Einbildungskraft entspringt, sondern er lediglich nachempfindet, was andere für ihn vorempfunden haben. Dies geschieht nicht mit dem Ziel, das Subjekt zum freien Spiel der eigenen Einbildungskraft anzuregen und selbst auf neue Dinge und Zusammenhänge aufmerksam zu werden, sondern den Konsumenten durch Rausch, Spiel und Spaß abzulenken, indem er sich als Teil der Marke aufgehoben fühlt.

Die ästhetische Inszenierung von Raum, von Landschaft birgt vor dem Hintergrund der aktuellen Markenbildung eine Gefahr und eine Chance zugleich. „Die Karriere des Inszenierungsbegriffs ist insgesamt charakteristisch für eine vieldeutige Konstellation des ästhetischen Diskurses, die sich gleichermaßen von den Postulaten traditioneller Ästhetik wie von denen einer Ästhetik der Moderne des adornoschen Typus entfernt hat. Die Situation ist normativ widersprüchlich. Einerseits wird die Einmaligkeit und Intensität inszenierter Ereignisse hervorgehoben, andererseits aber auch der Verdacht geäußert, dass im Stadium der ‚Postmoderne‘ alle ästhetischen Prozesse letztlich nur Inszenierungen einer als selbstbezügliches System der Kommunikation sich reproduzierenden ‚Kunst der Gesellschaft‘ (vgl. Luhmann 1995) sind.“ (Früchtel, Zimmermann 2002, S. 32). Inszenierung, Ästhetik und Kunst scheinen sich „jener faktisch übermächtig gewordenen Peripherie anzunähern, die die kulturindustriell gesteuerte Ästhetisierung aller Lebensbereiche innerhalb unserer ‚Erlebnisgesellschaft‘ betrifft“ (ebd., S. 32).

Vor allem in der temporären oder dauerhaften Inszenierung des öffentlichen Raumes / Freiraumes stoßen ästhetische Funktion und Inszenierung der Macht aufeinander. Diese Inszenierung läßt sich „von der Kunstpolitik der Kirchen und Höfe über die Inszenierungen des totalitären Staates im 20. Jahrhundert bis zur Ausstattung von Einkaufszonen in den städtischen Zentren der Gegenwart verfolgen“ (ebd., S. 41, vgl. auch Durth 1977).


Die Lausitz als Logo?

Aufgrund der neuen, alles vereinnahmenden Dimension des Machtfaktors Marke drohen die Gesten künstlerischer Inszenierung „in der Übermacht der Konsumzeichenwelt unterzugehen“ (Früchtel, Zimmermann 2002, S. 42). Im Rahmen des gesellschaftlichen Ausdifferenzierungsprozesses löst sich nicht nur die Marke vom Produkt, sondern auch die Kunst vom Kunstwerk. Dies gilt auch für die räumliche und die Wahrnehmungs-Identität einer Landschaft. So kann letztlich nicht nur alles zur Marke werden, sondern auch alles zur Kunst. Die Grenzen zwischen künstlerischer Inszenierung und Inszenierung der Marke als Atmosphäre verschwimmen, werden immer unklarer. „Alles kann zum ästhetischen Ereignis werden, wenn es in einem bestimmten Kontext dazu erklärt wird, und alles läßt sich auf solche Weise dem Ereignisfluss des eigenen Lebens anverwandeln.“ (Ebd.) Künstler wie die CEO’s der Marken verfolgen dabei die gleiche Strategie, indem sie im fiktiven Raum leibhaftig neue Rollen entwerfen, mit dem Ziel, den Einzelnen als ästhetisches Konstrukt vorzuführen.

Der Unterschied besteht lediglich darin, dass der Künstler auf die Pluralität des Subjekts aufmerksam macht, während das Bestreben der Konzerne darin besteht, den Einzelnen unter der Marke zu subsumieren. Dabei hat der Künstler, auch der Landschafts-Künstler und Landschaftsgestalter im Kampf um die „Ressource Aufmerksamkeit“ (vgl. Kunstforum International 1999/2000, Bd. 148) gegenüber den perfekten Markeninszenierungen der Global Player kaum eine Chance. „Die Fortsetzung des vor fast einem Jahrhundert begonnenen Spiels der Selbstinszenierung ist heute für Künstlerinnen und Künstler, die sich noch dem Kriterium der Authentizität und der Gegen-Inszenierung im Dienste eines ästhetisch avancierten Ausdrucks verpflichtet fühlen, prekärer denn je, legt dieses Spiel doch immer entscheidender den Übertritt in jene beherrschende Sphäre des starring, self-fashioning und life-styling nahe, die die öffentliche Wahrnehmung immer stärker prägt und die Grenze von Kunst und Leben nach der alltäglichen Seite hin aufzulösen beginnt.“ (Früchtel, Zimmermann 2002, S. 43)

Gerade in Zeiten eines ubiquitären Gebrauchs der Begriffe Ästhetik, Kunst und Inszenierung ist das Bemühen um Differenzierung vordringliche Aufgabe nicht nur bei der Schaffung neuer Bilder für neue Landschaften.

Es gilt der Wirkung der Markenwelten auf die ‚echten‘, nicht von VW geprägten Städte, die nicht von Disney und Adidas vereinnahmten Landschaften und öffentlichen Räume, der Wirkung auf die Kunst im Gegensatz zu synergetischen Kulturprodukten wie auf die freie und spontane Meinungsäußerung entgegenzuwirken.

Die emotionale Kraft der Markenwelten, der Brandings wie „Autostadt Wolfsburg“ oder „Disneyworld“ liegt in ihrer Fähigkeit, eine (meist nostalgische) Sehnsucht einzufangen und dann intensiv aufzublähen. Es wäre jedoch falsch, sie als krassen Kommerz für die gedankenlosen Massen abzutun. „Es sind – im positiven oder negativen Sinn – privatisierte öffentliche Utopien.“ (Klein 2002, S. 170) Doch „trotz ihrer polyethischen Bildersprache will die marktkonzentrierte Globalisierung keine Vielfalt, sondern das genaue Gegenteil. Ihre Feinde sind landestypische Gewohnheiten, lokale Marken und unverwechselbare regionale Vorlieben“ (ebd., S. 145).


Zwei Strategien für die Lausitz

Fassen wir zusammen: Die besondere Qualität der ästhetisch gestalteten Landschaft bzw. der ästhetischen Betrachtung dieser liegt darin, dass sie aufgrund ihres Bild- bzw. Zeichencharakters in der Lage ist, auf etwas zu verweisen. Wobei das ‚etwas‘ gerade offen, unbestimmt bleibt. Im gelungenen künstlerischen Ausdruck verweist das geschaffene Bild auf neue, so noch nicht betrachtete Zusammenhänge, auf etwas, was gesellschaftlich virulent ist, ohne es begrifflich fassen zu können. Landschaft entsteht im Kopf.

Für die Lausitz ist dieses Entstehen einer neuen regionalen, landschaftlichen und wirtschaftlichen Identität vorerst ‚im Kopf‘ die einzige Möglichkeit, neue Produktionsbedingungen zu schaffen. Erst durch die Inszenierung von Zukunft voraussehenden ‚Scheinwelten‘ kommen Touristen in die Region, entstehen Arbeitsplätze. (Darauf basierte auch die Wirkung der Cargolifter-Idee als provinzielle Zukunftsinszenierung.) Die Produktion solcher ‚Atmosphären‘ ist eine wichtige Zukunftsaufgabe. Für die Lausitz könnte dieser Ansatz jedoch eine untergeordnete Rolle spielen, da die unbedingt notwendigen ökonomischen Rahmenbedingungen wie großes Einzugsgebiet, gute Erreichbarkeit, Standort bedeutender Marken bisher nicht erfüllt sind. Deshalb werden sich kurzfristig wahrscheinlich kaum Investoren finden, die in diesen Standort (ohne Subventionen) investieren.

Um diese Nachteil aufzufangen, ist es jedoch um so wichtiger, neue Landschaften, Atmosphären zu erzeugen, die Alleinstellungsmerkmale aufweisen, die andernorts nicht möglich sind, und einen ganz besonderen Reiz versprechen (und natürlich auch einlösen).

Denn die Logik der virtuellen Marken-Welten folgt nicht nur einem, sondern immer zwei Prinzipien. Die aktive Entwicklung einer Marke „Lausitz“ wird durch die Möglichkeit der Entdeckung einer Marke, eines Trends ergänzt. Wer sich das Experimentieren erlaubt, und dafür Zukunftsforschung und Landschaftsproduktion verbinden kann, hat die besten Chancen, kraft kultureller Ausstrahlung erst zum ästhetischen Erlebnis und dann zur Marke selbst zu werden. Gefragt sind Experimente des Lesbarkeit neuer Kulturlandschaften. Selbst wenn nicht alle gelingen werden.


Literatur

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Durth, Werner 1977: Die Inszenierung der Alltagswelt. Zur Kritik der Stadtgestaltung, Braunschweig.
Fritz, Wolfgang 2000: Transformationen im Lausitzer Braunkohlerevier. In: IBA Fürst-Pückler-Land (Hg.) 2001: Dokumentation zur Konferenz ‚Bergbaulandschaft und Bergbaugerät nach dem Bergbau’, Großräschen.
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Luhmann, Niklas 1995: Die Kunst der Gesellschaft, Frankfurt/M.
Lyotard, Jean-Francois 1985: Immaterialität und Postmoderne, Berlin.
Nietzsche, Friedrich 1980: Sämtliche Werke, Bd. 1, München.
Pachnicke, Peter; Mensch, Bernhard (Hg.) 1999: Kunst setzt Zeichen. Landmarken-Kunst, Ausstellungskatalog, Oberhausen.
Pütz, Gabriele 1995: Schönheit – Sinn ohne Verstand. Zur Bedeutung des Ästhetischen in der Landschaftsarchitektur: Eine Kritik aktueller Diskussionen über Freiraumgestaltung, Berlin.
Pütz, Gabriele 2001: Die Lausitz als Idee einer Landschaft. In Friesen, H.; Führ, E. (Hg.) 2001: Neue Kulturlandschaften, Cottbus.
Pütz, Gabriele; Kornhardt, Diethild; Schröder, Thies (Hg.) 2002: Mögliche Räume. Bericht zur Fachtagung ‚Stadt schafft Landschaft’, Hamburg. Im Erscheinen.
Rauterberg, Hanno 2002: Leben im unheimlichen Heim. In: Die Zeit 19/2002
Richter, Gottfried 2000: Besucherbergwerk F60 in Lichterfeld. In: IBA Fürst-Pückler-Land (Hg.) 2001: Dokumentation zur Konferenz ‚Bergbaulandschaft und Bergbaugerät nach dem Bergbau’, Großräschen.
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