KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 2/2009
Geschichte der ostdeutschen Kulturwissenschaft
Frank Thomas Koch
Zukunftspotentiale Ost für Gesamtdeutschland – Positionen und Diskurse
(Beitrag zur Tagung der KulturInitiative'89 „Was lebt fort in der Kultur?“ am 17. Oktober 2009 in Berlin)

0. Programm
Mein Statement bezieht sich auf das Generalthema unserer Tagung „Wenn es die DDR gegeben hat – was wirkt fort in der Kultur?“ in spezifischer Weise: ich frage nämlich nicht so sehr nach dem was fortwirkt, sondern danach, was als Zukunftspotential für Gesamtdeutschland aus der Sicht verschiedener Akteure zu Buche schlägt oder doch zu Buche schlagen könnte.
Zwei Leitfragen sind es, die im Mittelpunkt stehen:
Was sind Zukunftspotentiale Ost
a) in Bezug worauf (Bewertungs- bzw. Zukunftshorizont)?
b) für wen (Akteurdimension)?
Und dies ist mein Programm:

1. Mein Hintergrund/meine Quellen
2. Wovon die Rede ist: Prämissen und Definitionen
3. Positive Bestimmungen von Zukunftspotentialen Ost in einer pluralistischen Gesellschaft
4. Zur Frage der Trägerschaft und Reproduktion von Zukunftspotentialen Ost mit DDR-Bezug im Osten in der Abfolge der Generationen

1. Mein Statement stützt sich auf drei Quellen
Zunächst auf die Beteiligung an zwei Projekten in diesem Jahr, in denen das Thema Zukunftspotentiale Ost relevant war.

Das erste Projekt stand unter dem Thema »Wahrnehmung und Bewertung der deutschen Einheit« und erfolgte im Auftrag des Tiefenseeministeriums (BMVBS). Generalauftragnehmer war der Innovationsverbund Ostdeutschlandforschung.

Im Rahmen dieses Projekts habe ich die Jahresberichte der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit sowie die Leitbilder der Parteien CDU, SPD und Die Linke für Ostdeutschland als Ganzes aus den Jahren 2008/2009 analysiert. Sowohl die Jahresberichte als auch die Leitbilder der Parteien identifizieren jeweils Zukunftspotentiale Ost.

Zugleich war ich an einem zweiten Projekt beteiligt. Bei diesem Projekt, »Ostdeutschland 2020 ein Leitbild«, ging es darum, im Auftrag der Fraktionsvorsitzendenkonferenz der Partei Die Linke in den Landtagen und im Deutschen Bundestag ein Leitbild zu kreieren. Auftragnehmer waren das Thünen-Institut und BISS.

Meine dritte Quelle sind Befunde der Umfrage und Meinungsforschung: Leben in den neuen Bundsländern 2008. Ausgewählte Aspekte (SFZ), Sept., 2008 sowie Emnid (2009).


2. Zu einigen Prämissen, Definitionen und analytischen Unterscheidungen, von denen ich mich leiten lasse

Was ist im Folgenden mit Zukunftspotentialen gemeint, was soll das sein?


Übersicht 1: Zukunftspotentiale

Zukunftspotentiale sind objektive und/oder subjektive Gegebenheiten, die (aus der Sicht von bestimmten Akteuren) geeignet sind, an eine wie auch immer definierte Zukunft heranzuführen;
Zukunftspotentiale sind zudem objektive und/oder subjektive Gegebenheiten, die im Lichte aktueller und künftiger Herausforderungen zukunftsfähig sind. Inhaltlich kann alles Mögliche als Zukunftspotential von individuellen oder kollektiven Akteuren in den Blick gerückt werden (Übersicht 2).


Übersicht 2: Zukunftspotentiale können sein

* Geographische Lagen
* Biodiversität
* Materiell-gegenständliche Realien wie Infrastrukturen, Anlagen, Wirtschaftszweige
* Sozialstrukturen; Eigenschaften individueller und kollektiver Akteure; Akteurkonstellationen; Sozial- und Lebensformen; lebendige Traditionen; Kompetenzen; internationale Verbindungen
* Institutionen
* Problemlagen, die Suchbewegungen auslösen

Wer von Zukunftspotentialen Ost redet, kann zunächst einmal weder im Bundesgebiet West noch Ost damit rechnen, dass die Adressaten ohne weiteres Osten und Zukunft in einem Zusammenhang sehen.
Gleichwohl werden in den Berichten der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit Zukunftspotentiale Ost identifiziert und auch die drei großen Parteien im Osten (SPD, CDU, Die Linke) haben Leitbilder für Ostdeutschland vorgelegt, in denen jeweils auch solche Potentiale benannt werden.

Positive Bestimmungen von Zukunftspotentialen, soviel vorab, zeigen zweierlei:

Was Zukunftspotentiale Ost sind und was nicht, steht nicht ein für allemal fest. Sie werden vielmehr von Akteuren bestimmt, die sich von unterscheidbaren Bewertungshorizonten und Bezugssystemen (Zukunftspotentiale in Bezug worauf?) leiten lassen. Was aus einer bestimmten Akteur-Perspektive als Zukunftspotential Ost erscheint, ist aus anderer Perspektive kein Potential oder gar ein höchst problematisches Phänomen (ich verweise auf Diskurse zur Rolle von Angela Merkel als Kanzlerin oder über die praktisch-politische Relevanz des „Gleichstellungsvorsprungs der Frauen Ost“ oder zur Rolle der Linkspartei…). Daher ist die Frage nach den Bewertungshorizonten und Bezugssystemen positiver Bestimmungen von Zukunftspotentialen im Osten von zentraler Bedeutung. Dies zum einen.

Zum anderen lassen positive Bestimmungen verschiedener Akteure von Zukunftspotentialen Ost – bei gleichem Raumbezug – verschiedene Zeitbezüge erkennen.


Übersicht 3: Leitdifferenz: wo werden Zukunftspotentiale Ost zeitlich verortet?

* Eher in der Geschichte bis 1945?
Und/oder
* Eher in der Zeit der SBZ und der DDR?
Und/oder
* Eher ab 1990?

Platzeck legt in seinem Buch „Zukunft braucht Herkunft: Deutsche Fragen, ostdeutsche Antworten“ z.B. den Akzent stärker auf die Zeit nach 1990. Im Leitbild der CDU liegt der Akzent in der Geschichte vor 1945 und im Zeitraum seit 1990. Um die DDR-Periode kommt dennoch niemand herum, auch die CDU nicht.

An der DDR scheiden sich freilich die Geister.

 Tagungsbericht
Quelle: Emnid im Auftrag des BMVBS 2009

Bei der Bewertung der DDR bestehen eklatante Unterschiede zwischen West und Ost. Doch auch die Differenzen in der Ost-Ost- Dimension sind beachtlich.


3. Positive Bestimmungen von Zukunftspotentialen Ost für Gesamtdeutschland in einer pluralistischen Gesellschaft

Wenn wir nach den Zukunftspotentialen Ost für Gesamtdeutschland fragen, so lassen sich verschiedene Bewertungshorizonte unterscheiden, die aneinander an- wie auch einander ausschließen. In der nachfolgenden Übersicht 4 werden einige übergreifende Herausforderungen, die auch oder primär-funktional vor der Bundesrepublik stehen, aufgeführt. Im Anschluss an dieses Tableau werden Positionen skizziert, die nach dem spezifischen Beitrag des Ostens fragen, die geeignet sind, die jeweilige Herausforderung zu bewältigen.


Übersicht 4: Konkurrierende Bewertungshorizonte/Herausforderungen für die Identifikation von Zukunftspotentialen Ost (Auswahl)

Definierte Herausforderungen als Suchraster
I. Die Sicherung von Deutschlands Zukunft als Industrie- und Sozialstaat in demokratischer Verfassung
II. Sicherung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands: Modernisierung des Rheinischen Kapitalismus
III. Das Gewinnen der sozialen Einheit Deutschlands: für ein modernes und soziales Deutschland
IV. Herausforderungen moderner Gesellschaften: Schrumpfen; Balance von Gleichheit und Freiheit finden…
V. Klimawandel; Energiewende; Krise des Fordismus: sozial-ökologischer Umbau der Industriegesellschaft
VI. Auf Bereiche/Politikfelder bezogen wie politisches System, Bildung…

Die Übersicht 4 präsentiert 5 unterscheidbare Herausforderungen. Das in der Übersicht unter VI. Aufgeführte ist auf einer etwas anderen Ebene angesiedelt. Hier geht es um „Bereicherungen“, „Besetzung von Leerstellen“, „produktive Lösungsansätze“ im Hinblick auf politikfeldspezifische Herausforderungen.


3.1. Kein Beitrag des Ostens zur „Sicherung von Deutschlands Zukunft als Industrie- und Sozialstaat in demokratischer Verfassung“

Exemplarisch für den unter 3.1. skizzierten Zusammenhang von Osten und Zukunft sind Autoren wie Arnulf Baring oder Maxim Biller. Die Lage wird von Arnulf Baring so gesehen, dass die Zukunft Deutschlands gefährdet sei, das Land über seine Verhältnisse lebe und die Gefahr des Abstiegs drohe (Baring: Deutschland was nun? 1991; Baring: Scheitert Deutschland? 1997). Der Beginn der befürchteten Abwärtsspirale wird von Baring (anders als von Biller) in Weichenstellungen der Alt-Bundesrepublik gesehen.

Um die Situation zu wenden, trage der 1990 beigetretene Osten nicht nur nichts bei; er sei vielmehr eher Ballast und teils finanzielle, teils psychologische Belastung.

Biller führt indes tatsächliche oder vermeintliche Fehlentwicklungen des Landes großenteils auf den Osten und seine Bewohner zurück. Beschworen wird die drohende Gefahr der „Verostung“ und „Ossifizierung“ der Bundesrepublik (Maxim Biller: Die Ossifizierung des Westens. Deutsche Deprimierende Republik, FAZ vom 22.03.2009).
Wie in den 1930er Jahren sei, so Baring, bei einer drastischen Reduzierung sozialer Leistungen erneut eine radikale Bewegung zu befürchten, diesmal von Links.
Für die Bewältigung der skizzierten Herausforderung lässt sich aus der Sicht der zitierten Autoren kein Zukunftspotential Ost erkennen.


3.2. Ostdeutschlands Beitrag zur „Sicherung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik“

Leitende Annahme der verschiedenen Träger (exemplarisch Kurt Biedenkopf; Lothar Späth; Norbert Walther; Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft; Leitbild Ost der CDU) dieses Bewertungshorizontes ist die Position, dass ohne eine Modernisierung des Rheinischen Kapitalismus die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik verloren gehe. Die angestrebte Modernisierung stoße indes auf massive Widerstände, Besitzstände und organisierte Interessen.

Der Osten kommt im Rahmen dieses Zukunftshorizonts in zwei deutlich unterscheidbaren Hinsichten ins Spiel. Er ist zum einen bloßes Terrain von dem die Modernisierung des Rheinischen Kapitalismus ausgeht und vorangetrieben wird; der Osten selbst trägt zur intendierten internationalen Wettbewerbsfähigkeit nichts, jedenfalls nichts allzu Wesentliches, Substantielles bei. Lothar Späths berühmt-berüchtigtes Diktum vom Osten als Minenhund des Westens bei der Erprobung neuer Wirtschafts- und Sozialformen beschreibt die zugedachte Rolle Ostdeutschlands plastisch und treffend.
Zum anderen wird dem Osten bei der Sicherung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Landes selbst ein Beitrag zuerkannt.


Übersicht 5: Zukunftspotentiale Ost zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit des Landes
* Umstellungs- und Anpassungsbereitschaft der Menschen
* Geringer Widerstand gegen Reformen
* Weit vorangetriebene Flexibilisierung der Arbeitsmarktes
* (zeitweilig ein Vorteil) Niedriglohngebiet
* modernste Infrastrukturen Europas
* für den nunmehr angesagten Innovationskurs sei die (aus der DDR-Zeit) überkommene und beibehaltene stärkere Pflege der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer ein Trumpf und ein positives Erbes, dass der „mitteldeutsche Raum“ bis in die Vorkriegszeit „Heimat der Erfinder“ war
* vorbildliche Infrastruktur der frühkindlichen Bildung und Erziehung im Osten
* Resultate des Aufbau Ost wie international wettbewerbsfähige Produktions- und Forschungsstätten

Fazit: Zukunftspotentiale Ost liegen aus dieser Perspektive teils darin, dass vom Osten der Rheinische Kapitalismus ausgehebelt werden kann, teils in substantiellen Beiträgen des Ostens zur Sicherung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.


3.3. Zukunftspotentiale Ost auf dem Weg zu einem „modernen und sozialen Deutschland“

Das Leitbild der SPD für Ostdeutschland bietet einen exemplarischen Beleg für diesen Bewertungshorizont. Leitend ist die Diagnose, dass sie soziale Einheit noch nicht vollzogen wurde und ausstehe.

Übersicht 6: Zukunftspotentiale Ost auf dem Wege zu einem modernen und sozialen Deutschland
* Exponierte Problemlagen im Osten, die sich auch im Westen finden (Arbeitslosigkeit, Armutsquoten, Niedriglohnbereiche…) als Triebkräfte oder Auslöser von Suchbewegungen
* Ideengeber zum Umgang mit dem demographischen Wandel
* Höhere Erwerbsbeteiligung und Gleichstellungsvorsprung der Frauen
* Infrastruktur der frühkindlichen Bildung und Erziehung
* Bestimmte Lösungen und Ansätze im Bildungsbereich
* Resultate beim Aufbau Ost


3.4. Die „Ostdeutschen als (unfreiwillige) Avantgarde“ bei der Bewältigung von Herausforderungen des Umbruchs modernen westlicher Gesellschaften

Der vierte Zukunftshorizont wird exemplarisch von Wolfgang Engler, aber in speziellen Spielarten auch von Kil, Volke aufgespannt. Die westlichen Gesellschaften stehen in dieser Perspektive vor einer Fülle von Herausforderungen. Dazu gehören Prozesse des Umbruchs, darunter des Schrumpfens (der Bevölkerung wie der Arbeitsgelegenheiten), die Erosion des Glaubens an eine immer währende Prosperität und damit in neuer Weise die Erfahrung sozialen Scheiterns statt des sozialen Aufstiegs, die Neujustierung des Verhältnisses der Geschlechter und Generationen…

Bei der Bewältigung dieser und anderer Umbrüche erscheinen die Ostdeutschen als unfreiwillige Avantgarde der deutschen Gesellschaft. Sie sind zur Suche neuer Sozial- und Lebensformen wie auch institutionalisierter Lösungen jenseits des westdeutschen Vorbildes geradezu durch ihre Lage, ihren Habitus und ihr kulturelles Gedächtnis verdammt und so prädestiniert, neuartige Rekombinationen von bundesdeutschen und DDR-Traditionen, von Transformations- und Vereinigungserfahrungen zu erproben.

Übersicht 7: Engler über den „geschichtlichen Auftrag“ der Ostdeutschen, Freiheit und Gleichheit miteinander zu versöhnen
„Freiheit und Gleichheit sind gleichursprüngliche Forderungen der Moderne und gleichgewichtige, und wenn es wahr ist, dass sich die soziale Gleichheit unter dem Kommunismus auf Kosten der bürgerlichen und politischen Freiheiten ausdehnte, so folgt daraus doch keineswegs, dass sie sich dafür schämen und nun umgekehrt der Freiheit unterwerfen müsste.
Sofern es einen geschichtlichen Auftrag gibt, den die Ostdeutschen durch ihr Herkommen und ihre jetzige Stellung in der Welt als ihren ureigenen begreifen können, dann den, Gleichheit und Freiheit miteinander zu versöhnen“ (Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen als Avantgarde, Berlin 2002, S. 33).


3.5. Ostdeutschland als Vorreiter beim Einstieg in den sozialökologischen Umbau der deutschen Gesellschaft und im Herangehen an globale Umbrüche

Diese Perspektive wird exemplarisch von Rainer Land (Die globale Energiewende…, in: Berliner Debatte Initial 20(2009)2, S. 62-67), dem Innovationsverbund Ostdeutschlandforschung sowie im Leitbild Ost der Partei Die Linke „Ostdeutschland 2020“[1] vertreten.

Der unter 3.5 aufgeführte Bewertungs- oder Zukunftshorizont geht davon aus, dass ein zu gestaltender Umbruchsprozess bevorsteht, der nicht allein Ostsdeutschland oder die Bundesrepublik tangiert, sondern als globaler Prozess zu verstehen ist. Gemeint ist der Umbruch zu einer Gesellschafts- und Wirtschaftsweise, die den blockierten, auslaufenden sozialökonomischen Entwicklungsmodus des „Fordismus“ ersetzt. Der Fordismus geriet in den 1970er/80er Jahre in die Krise, an der die sozialistischen Länder zerbrachen. Der Westen konnte Anpassungen finden, aber noch nicht den Übergang zu einem neuen Entwicklungsmodus bahnen.

Die Suche nach einem neuen und zukunftsfähigen Entwicklungsmodell hat man sich als offenen Selektions- und Gestaltungsprozess vorzustellen, der im Kern um zwei Pole kreist – um Ressourcen und Energieeffizienz sowie um eine neue Form der sozialen Teilhabe. Im Leitbild der Linken für Ostdeutschland wird das sozialökologischer Umbau genannt und für verschiedene Bereiche durchbuchstabiert. Demzufolge sind alle Ansätze, Ideen, Potenziale etc., die sich auf Energieeffizienz plus neue Form der sozialen Teilhabe ausrichten, als progressiv, nachhaltig und zukunftsfähig zu werten.

Das betrifft die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereiche und Sektoren (von Wirtschaft bis zu Konsum oder Lebensweise), Institutionen, Regeln und Verfahren, Akteure, Mentalitäten und Dispositionen.

Warum aber könnte Ostdeutschland Vorreiter beim E i n s t i e g in den sozialökologischen Umbau sein, der Aufbruch, was Deutschland betrifft, von hier ausgehen?
o Weil die zwischen Oder und Werra vorfindlichen Problemkonstellationen einen Pfadwechsel eher nahe legen ­ um Perspektiven zu gewinnen - als im Westen
o Weil es im Osten reale Ansatzpunkte für den sozialökologischen Umbau und für innovative Umsteuerungen gibt
o Weil es im Osten eine strukturelle Mehrheit linker Akteure und Positionen gibt, darunter (aber nicht nur) eine starke Position der Linkspartei.

Zukunftspotentiale Ost sind z.B. aus dieser Perspektive:
- die Weltmarktpotenziale der Wind- und Solarindustrie wie auch dörfliche Selbstversorgung mit regenerativer Energie oder der Lebensweisepionier in der Uckermark. Der Fokus schließt auch kleine Lösungen/Ansätze ein wie den Lebensweisepionier. Doch müssen sie der Leitperspektive verpflichtet sein – neues Entwicklungsmodell der Teilhabe und Ressourceneffizienz als Kriterium –, ansonsten ist der Stellenwert der einzelnen Entwicklung nicht zu erkennen.
- Gleichfalls in den Blick zu nehmen sind zukunftsfähige Ansätze, die vielfach deshalb als Zukunftspotenziale zu sehen sind, weil sie sich als Voraussetzungen für einen neuen Pfad verstehen lassen und an diesen anschlussfähig sind. Beispiele sind etwa die Dominanz von KMU und Clusterbildungen im Osten.
- Die Betonung der enormen Defizite in der privatwirtschaftlichen Industrieforschung ist richtig, blendet aber die Potenziale öffentlich organisierter Industrieforschung und die von regional orientierten Hoch- und Fachhochschulen aus.

Im Osten werden zukünftige Sozial-, Kultur- und Lebensformen erprobt (es ist durchaus etwas dran: arm, aber sexy!). Ostdeutschland präsentiert sich als Seismograph von Herausforderungen moderner Gesellschaften: Hier werden Gestaltungskonzepte für Stadtumbau, dörfliche Entwicklung in Angriff genommen und hier erfolgt erzwungenermaßen die Auseinandersetzung mit Schrumpfungsprozessen.

Die Zukunft liegt offenbar in einer neuartigen Rekombination von unterschiedlichen Vergangenheiten und Erfahrungsbeständen: Der Osten hat institutionelle und Sozial-Formen sowie Traditionen und Präferenzen aufzuweisen, die eher international anschlussfähig sind als an Praktiken einer (in der Hinsicht vielfach verkrusteten) westdeutschen Gesellschaft. International anschlussfähig sind beispielsweise Traditionen und Präferenzen des Ostens für längeres gemeinsames Lernen (Skandinavien); die Bevorzugung zentralstaatlicher Verantwortung für das Bildungswesen gegenüber der in Deutschland zementierten Kleinstaaterei (Frankreich); der Auf- und Ausbau und Erhalt des aus der DDR überkommenen Systems der frühkindlichen Bildung und Erziehung (Frankreich)…


3.6. Zukunftspotentiale Ost in Bezug auf einzelne Gesellschaftsbereiche wie etwa das politische System der Bundesrepublik

In dieser Hinsicht werden mindestens drei vom Osten ausgehende Bereicherungen des politischen Systems der Bundesrepublik reflektiert
° die Besetzung einer funktionalen Leerstelle: der Osten mit der PDS als Katalysator einer bundesweiten Linkspartei
„In einer sozial gespaltenen Gesellschaft brauchen Sie eine politische Vertretung der unteren Schichten“ (die anderen Parteien erwähnen zwar das Problem der unteren Schichten, aber lassen es eigentlich links liegen). Die Linkspartei hat dieses Angebot entwickelt, gestützt auf den Organisationskern PDS und die ideologische Erbschaft der PDS (Joachim Raschke 2009)
° mit einer „interessanten Kanzlerin“ aus dem Osten, deren „unideologische Haltung“ dafür sorgt, dass sich die CDU von allzu konservativen Positionen verabschiedet und zur Mitte hin öffnet (Joachim Raschke 2009). Man kann ja zu der Kanzlerin stehen, wie man will. Doch dass sie an der Öffnung einer großen deutschen Partei arbeitet, wird man konzedieren müssen
° die vom Osten ausgehende teils direkte, teils indirekte Thematisierung der „historisch-politischen Schieflage der Berliner Republik“ , die sich bislang primär und einseitig auf die Erbschaft und Tradition der alten Bundesrepublik bezieht. Das führt zu einem „Legitimationsdefizit, auf das die Politik der Berliner Republik bis jetzt keine Antwort gefunden hat“ (Michael Weigl; Lars C. Colschen 2001)

Auf Dauer wird der Osten mehr Gleichberechtigung in den historisch-kulturellen und politischen Bezügen des vereinten Deutschlands einfordern und auch durchsetzen.


4. Zur Frage der Trägerschaft und Reproduktion von »Zukunftspotentialen Ost mit DDR-Bezug« im Osten in der Abfolge der Generationen

Wenn der Osten gewisse zukunftsfähige Erfahrungen und Lösungsansätze zu bieten hat, darunter solche, die aus der DDR kommen oder hier erstmals in breiter Front praktiziert wurden, dann stellt sich die Frage, wie steht eigentlich die ostdeutsche Bevölkerung heute dazu? Ist das Wissen um solche Ansätze an bestimmte Altersgruppen gebunden und verlischt mit ihnen oder wird es auf kommende Generationen übertragen?
Die Übersicht 8 präsentiert einige Antworten


Übersicht 8: DDR-Lösungen, die bei der Reform des Sozialstaates aufgegriffen werden sollten (NBL 2008 in Prozent; nur Antworten: „unbedingt aufgreifen“)
(Präferenz für Lösung in Prozent der Befragten)
Verpflichtende Reihenuntersuchungen für Kinder: 96%
Verpflichtende Reihenuntersuchungen für Erwachsene: 66%
Impfpflicht: 93%
Polikliniken: 83%
Einheitliche Krankenversicherung: 80% 10-klassige Oberschule: 73%
Einsatz von Gemeindeschwestern: 58%
(Quelle: SFZ: Leben in den neuen Bundesländern 2008, Ausgew. Aspekte, S.31-33.)

Auf den ersten Blick scheint es so, dass Ostdeutsche bestimmte Strukturformen, Organisationslösungen, die in der DDR praktiziert wurden, mehrheitlich schätzen und für anschlussfähig an zeitgenössische Reformbestrebungen auf dem Felde des Bildungswesens (Gemeinschaftsschule), bei der Organisation (!) des Gesundheitswesens und bei der Reform der sozialen Sicherungssysteme (solidarische Bürgerversicherung) halten. Davon weicht höchstens der Einsatz von Gemeindeschwestern ab. Im ländlichen Raum wird aber der Einsatz von Gemeindeschwestern von 2/3 befürwortet. Mit Blick auf die Frage dieser Tagung „…was wirkt fort?“ lässt sich sagen:
Im Großen und Ganzen funktioniert der Transfer von Präferenzen in dieser Hinsicht in der Abfolge der Generationen. Das ist umso bemerkenswerter als im Mainstream-Diskurs zur DDR andere Akzente gesetzt und die in den neuen Bundesländern vorfindbaren, praktizierten Lösungen mehr oder weniger denen der Alt-Bundesrepublik gleichen. Es sind unter den Bedingungen der unter 3.6 skizzierten historisch-politischen Schieflage der Berliner Republik und ihrer offiziellen Erinnerungskultur primär die Familien, die die Erinnerung an positiv bewertete DDR-Lösungsansätze weitertragen.[2]

Es gibt indes eine folgenreiche Ausnahme. Sie betrifft die von verschiedenen politischen und sozialen Kräften gewollte Einführung der Gemeinschaftsschule: Jüngere messen der beabsichtigten, von mehreren politischen und sozialen Akteuren politisch gewollten Einführung der Gemeinschaftsschule eine geringere Bedeutung bei als Ältere. Das zeigen altersspezifische Aussagen zur Einführung der Gemeinschaftsschule im Rahmen der Reformen des Sozialstaates.

 Tagungsbericht

Alter und Haltung zur indizierten Einführung der Gemeinschaftsschule (NBL, 2008, in Prozent)
(Quelle: SFZ: Leben in den neuen Bundesländern 2008, Ausgew. Aspekte.)


„Was die DDR war, wissen wir. Was sie sein wird, wissen wir nicht“ (Gert Mattenklott).
Der zitierte Satz lädt zu Interpretationen ein. Natürlich könnte man sofort einwenden, dass es einen informierte und informierende Gesellschaftsgeschichte der DDR nicht gibt. In diesem Sinne lässt sich bestreiten, dass wir wissen, was die DDR war.

Der voran stehende Abschnitt 4 bezieht sich indes auf das Alltagsbewusstsein, im weiteren Sinne das kollektive Gedächtnis der hier und heute lebenden Bürger der Bundesrepublik. Und hier kann man mit Fug und Recht sagen, dass im Grunde jeder Bundesbürger zur DDR eine entschiedene Meinung hat und jeweils zu wissen glaubt, was die DDR war. Wir können ferner darauf bauen, dass sich mit den Interessen, Sehnsüchten, Hoffnungen und Ängsten künftiger Generationen auch das Bild der DDR wandelt. Was sie kommenden Generationen sein wird, wissen wir indes nicht.


Anmerkungen

[1] „Ostdeutschland 2020“. Studie im Auftrag der Fraktionsvorsitzendenkonferenz der Partei Die Linke in den Landtagen und im deutschen Bundestag, Berlin 2009 oder unter http://dokumente.linksfraktion.net/pdfdownloads/7788797028.pdf

[2] Wie das Beispiel ethnischer und konfessioneller Minderheiten zeigt, können über die Familie über mehrere Jahrhunderte hinweg alternative Erfahrungen, Geschichtsbilder tradiert werden. Von ethnischen und/oder konfessionellen Minderheiten wurden indes auch die Grenzen dieses, primär an die Familie gebundenen Reproduktions- und Tradierungsmechanismus diskutiert und benannt (vgl. Jan Šolta: Abriss der sorbischen Geschichte, Bautzen 1976; vgl. Michael A. Meyer (Hrsg.): Deutsch-Jüdische Geschichte in der Neuzeit Bd. III und IV, München 1997).