KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2009
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Rainer Knapp
Freikörperkultur im DDR-Sportverein
Zu den Eigenheiten der ostdeutschen Gesellschaft gehörte eine Vorliebe für nacktes Baden an öffentlichen Orten und für ein geselliges Leben ohne lästige Bekleidung - „Freikörperkultur“. Unser Autor Raimund Knapp (geboren 1931 in Stuttgart) gehörte zu den organisierten Naturisten und hat aus aktuellem Anlass auf die einstigen Motive für seinen Anschluss an die FKK-Bewegung zurückgeblickt. Dabei hat er auch sein Fotoarchiv durchgesehen und ist sogar auf Fotos aus der Geschichte seines Vereins vor 1933 gestoßen. Von diesen bislang unveröffentlichten gut achtzig Jahre alten Fotos geben wir einige im Anhang wieder. (Alle Fotos R. Knapp und Archiv R. Knapp)

Neulich fragte mich ein Fünfzehnjähriger aus dem Bekanntenkreis, was es im Osten mit FKK auf sich hatte. Er hatte erfahren, dass das Nacktbaden ausgerechnet in der DDR weit verbreitet war. Nun wollte er von mir wissen, wie dies zu erklären sei.

Ich muss zugeben, dass ich ihm spontan zwar bestätigen konnte, dass sich FKK in der DDR zu einer unorganisierten Massenbewegung entwickelte und ich mich mit meiner Familie da gerne mitbewegen ließ. Doch ich hatte den Eindruck, dass mir eine richtig überzeugende Antwort nicht gelang. Vielleicht ist es heute für einen fast 80jährigen auch gar nicht so einfach, einem jungen Mann von heute zu erklären, was ihm FKK in der DDR bedeutet hat.

 Knapp FKK
Hönow 1931 (Verein für gesunde Lebensweise)
und Hönow 1982 (Sportgemeinschaft Naturfreunde Berlin-Lichtenberg)

Es liegt auf der Hand, dass damit die Angelegenheit für mich nicht erledigt war. Ich wollte die Frage auch für mich selbst beantworten. 26 Jahre meines Lebens hatte die DDR geprägt und die Freikörperkultur war da beileibe nicht unwesentlich. Doch diese Seite meines DDR-Daseins habe ich letztendlich als eine Normalität wahrgenommen, die kaum Anlass zum Nachdenken bot. Also hole ich dies jetzt nach und will ergründen, ob sich aus meinen Erfahrungen eventuell etwas verallgemeinern lässt. Auf die zahlreichen Argumente der FKK-Befürworter und der FKK-Gegner, wie sie zu lesen und zu hören sind, will ich nicht eingehen. Mein eigenes Erleben soll zunächst einmal ausreichen.

1963 übersiedelte ich aus Westdeutschland in die DDR. 1966 genoss ich mit meiner Familie im Ostseebad Wustrow in einem schönen Erholungsheim meinen ersten und einzigen FDGB-Urlaub (in der Folgezeit sind wir in die Sektion der Zelturlauber gewechselt). Von einer unfreiwilligen Erstbegegnung mit Nacktbadern blieben wir verschont. Die kalten Oktobertage und die 13° Wassertemperatur sorgten dafür. Vielleicht gut so, denn zu dieser Zeit waren wir auf so etwas nicht vorbereitet. Wie auch! Unsere Vergangenheit in Baden-Württemberg und in Bayern hat uns – wenn dort FKK überhaupt ein Thema war – genügend Vorurteile mitgegeben.

Wustrow aber hatte zumindest signalisiert: Achtung bei eventuell weiteren Ostseereisen, Nackedeis lauern dort überall.

Zwei Jahre später machten wir Urlaub auf dem Zeltplatz Altenkirchen auf der Insel Rügen. Angesagt war eine Wanderung 6 km entlang der bewaldeten Düne namens Schaabe bis nach Glowe. Auf halber Strecke forderten unsere Kinder (9 und 5 Jahre alt) eine Badepause ein und drängten uns durch die Düne zum Strand. Dabei landeten wir, ohne dass uns ein Warnschild abgehalten hätte, auf einem der weitläufigsten Nacktbadereviere der ganzen Ostsee. Wir hatten gar keine Chance zur Umkehr, denn unsere Kinder passten sich in Sekundenschnelle der Situation an und tobten nackt ins Wasser. Was sollten wir nun tun? Wir entkleideten uns zögerlich und setzten uns mangels fehlender Decke noch etwas verschämt auf unsere Kleider. Dies war auch mehr oder weniger zwingend, denn wir befanden uns noch in einem Jahr, wo Angekleidete an diesen Orten vorschnell als Spanner angesehen und ermahnt wurden.

Wie zu erwarten, beendeten wir unseren ungeplanten Aufenthalt am FKK-Strand zunächst einmal mit der Erkenntnis, dass das Baden und Schwimmen ohne Badebekleidung ein herrliches Körpergefühl erzeugt; und dass das anschließende Trocknen, ohne in den nassen Klamotten eingezwängt zu sein, ungleich angenehmer ist als mit. Und da Hunderte um uns herum wohl der gleichen Ansicht waren: Vor wem hätten wir uns denn da schämen sollen?

Ach ja, was uns noch auffiel, ohne es zu ergründen: Auf dem FKK-Gelände standen im Gegensatz zum Textilstrand keine Strandkörbe; es waren auch fast keine Strandburgen zu sehen. Gab es da eine unausgesprochene Verständigung oder lag es am Desinteresse, sich von der Allgemeinheit abzuschotten? Hatten wir es da gar mit einer neuen menschlichen Spezies zu tun?

Es kam wie es kommen musste: In den folgenden Tagen gehörten wir auch dazu, ohne uns groß über den Sinn unseres veränderten Verhaltens Gedanken zu machen. So schnell kann ein Aha-Erlebnis zu neuen Einsichten führen! Ich kann mich aber daran erinnern, dass ich zunächst noch für kurze Zeit die missliche Vorstellung hatte, dass mich so nackt mein Chef oder eine Mitarbeiterin sehen könnte. Ein blöder weil unlogischer Gedanke, denn sie wären ja dann auch nackt gewesen.

Irgendeinen Missionstrieb, unsere Mitmenschen zu überzeugen, verspürten wir nicht. Es reichte allenfalls zu einem etwas überheblichen Mitleid mit den Textilbadern, die nach wie vor aus Gewohnheit oder aus einem inneren Bedürfnis heraus, aus ästhetischen Gründen (ein alter Körper auch noch nackt – nicht zum Ansehen!), aus moralischen Rücksichten oder auch nur aus Scheu, um das Wort Verklemmtheit nicht zu gebrauchen, auf ihre Badebekleidung nicht verzichten wollten.

So schnell also kann man Meinungen und Verhaltensweisen austauschen! Und doch entwickelte sich bei uns erst so nach und nach ein Bedürfnis nach Dauerhaftigkeit. Kurzum, die folgenden Urlaubsorte suchten wir schon nach FKK-Möglichkeiten aus. Doch Ostsee-Zeltplätze wurden in den Ferienmonaten auf Antrag zugeteilt, und eine Genehmigung für die begehrtesten unter ihnen – an erster Stelle das FKK-Areal zwischen Prerow und Darßer Ort – war nur in größeren Jahresabständen zu bekommen. Und da das Binnenland mit der rasanten FKK-Entwicklung nicht Schritt hielt, war man schon glücklich, wenn dort der eine oder andere See-Zeltplatz eine FKK-Ecke ausgewiesen hatte. Je südlicher man kam, desto schwerer machten es sich wohl die zuständigen örtlichen Verwaltungen, dafür entsprechende Strandabschnitte freizugeben.

Doch: Einmal nackt baden – immer nackt baden! Und „echte“ FKKler sind zuweilen zäh. Sie eroberten sich nach und nach, oftmals Gebote und Verbote ignorierend, immer mehr Strandgebiete. Kein stillgelegter Baggersee war vor ihnen sicher. Zwar galt formal immer noch eine ministerielle Anordnung aus dem Jahre 1956 (siehe Anhang), doch sie wurde nur noch halbherzig umgesetzt und verlor in den siebziger und erst recht in den achtziger Jahren dann trotz ihrer andauernden Gültigkeit fast gänzlich an Bedeutung.

Man muss konstatieren, dass sich die Mehrzahl der Urlauber an der Ostsee, die die Möglichkeit des Nacktbadens gerne für sich in Anspruch nahm, damit begnügte und geduldig auf den nächsten Urlaub wartete. Doch was passierte mit denen, die sich unheilbar infizierten und sich mit dieser kurzen Zeitspanne nicht zufrieden geben wollten? Die erkannt hatten, dass es ja nicht allein um das Baden ging, sondern dass Nacktheit weitergehende gesundheitsfördernde Vorzüge bot? Auch brauchten wir nur an die Chancen unserer Kinder zu denken, Nacktheit als etwas Natürliches zu begreifen.

Kurz, auch wir wollten nicht nur unsere zwei Urlaubswochen unter FKK-Bedingungen verbringen, sondern die warme Jahreszeit möglichst oft und lange zum Nacktsein im Wasser oder an der Luft nutzen. Wir waren Berliner, wohnten in der Innenstadt, hatten weder Kleingarten noch Datsche. Unsere gewachsenen Vorstellungen von gesundheitsbewusster Nacktkultur konnten sich aber nur in der freien Natur realisieren. Der Überlegung, dass es in einer Großstadt doch Gleichgesinnte geben muss, folgte die Suche nach einer FKK-Möglichkeit in Berlin.

Sicher, wir hätten sie in dieser Zeit in der Berliner Umgebung schon finden können, Am Müggelsee, am Autobahnsee bei Velten, am Motzener See. Doch uns bei schönem Wochenendwetter morgens mit den Kindern und vollen Badetaschen dorthin auf den Weg und abends auf den Rückweg zu machen, schien uns zu aufwendig und irgendwie unzulänglich. Wir wollten ja mehr.

Wie alles andere, war in der DDR auch das Vereinswesen schön durchorganisiert: Rechtlich akzeptierte und öffentlich förderwürdige Gemeinschaften konnten nur als Gruppierungen von Großorganisationen gebildet werden. Sich zum Vergnügen oder aus Gesinnung nackt zu gesellen, das war als Organisationsgrund nicht akzeptiert, eine Vereinsbildung der Naturisten, um diesen Begriff einmal zu gebrauchen, war schlichtweg unmöglich. Während den meisten Nackedeis die zufällige Gemeinschaft der offenen Strände und Zeltplätze genügte, bildeten die konsequenteren Naturisten meist Sektionen bei betrieblichen und örtlichen Sportvereinen oder unter einem unverfänglichen Namen. Und so haben auch wir schließlich einen solchen Verein gefunden. Durch einen Zufall sind wir auf die „Sportgemeinschaft Naturfreunde Berlin-Lichtenberg“ aufmerksam geworden, die ein Vereinsgelände am Berliner Stadtrand bei Hönow unterhielt. Auch dieser Verein war nur deshalb für die FKK-Bewegung zugelassen, weil sich seine Mitglieder „volkssportlich“ betätigten und er unter dieser Prämisse an den Deutschen Turn- und Sportbund - DTSB - angeschlossen werden konnte. Außerdem hatten die Gründer 1965 gute Karten, weil sie auf den proletarisch orientierten „Verein für gesunde Lebensweise“ hinweisen konnten, der von 1927 bis zu seinem Verbot 1933 bereits auf diesem Gelände wirkte und Freikörperkultur betrieb. Auch damals wurde schon fotografiert, einige Bildbeispiele sind im Anhang zu finden.

Dieser Sportgemeinschaft, gerade mal acht Kilometer von unserer Stadtwohnung entfernt, konnten wir also beitreten und waren damit nicht nur Natur- und FKK-Freunde, sondern auch Sportfreunde geworden.

 Knapp FKK

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Und so sahen die Vereinsdaten aus: Schwankend 100 bis 200 Mitglieder und Gäste, zwei Sektionen, nämlich Volleyball und Tischtennis, eine Gruppe Freizeitgymnastik, ein gut funktionierender Vorstand sowie eine Satzung und eine Ordnung.

 Knapp FKK

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Das genutzte Vereinsgelände befand sich in einem von der Strasse aus nicht einsehbaren Waldstück zwischen Hönow und Seeberg, das zu DDR-Zeiten der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) Hönow gehörte, die aber mit dem Waldstück nichts Richtiges anzufangen wusste und es deshalb verpachtete. Jahrespacht: Alle einsatzfähigen Vereinsmitglieder verpflichteten sich, an einem vorgegebenen Frühlingswochenende am „Rübenhacken“ teilzunehmen.

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Das Gelände verfügte über keinen Strom, doch über ein Plumpsklo, immerhin getrennt nach Geschlechtern und eines für die Kinder, sowie über eine Wasserpumpe, die aus drei Meter Tiefe sauberes Schichtenwasser zog. Der am Rand liegende kleine See versackte zwar zunehmend, taugte aber noch einige Jahre für das morgendliche Bad und für die Kinder als großes Planschbecken.

 Knapp FKK

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Sogar ein Boot zur allgemeinen Nutzung konnte eingelassen werden. Alles in allem romantisch und für Naturfreaks ohne gehobene Ansprüche ideal.

 Knapp FKK

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Wer waren diese Naturfreunde? Soweit etwas zur sozialen Zusammensetzung auszumachen war, war nicht zu übersehen, dass wir mit unseren Vorgängern in den 20er Jahre noch insofern vergleichbar waren, als wir die Begeisterung für die Natürlichkeit und die unverkrampfte Bewegung in der freien Natur mit ihnen teilten. Wie sie, waren auch wir fast ausschließlich Berliner und verspürten den gleichen Drang, die Stadt, wann immer es ging, hinter uns zu lassen. Ob sie gesundheitsbewusster lebten als wie wir, möglicherweise sogar Vegetarier oder Abstinenzler waren, ist schwer auszumachen. Hierin hätten wir uns wohl schon etwas voneinander unterschieden.

Viele fühlten sich von unserer Freude an dieser Art der Lebensweise angezogen, unabhängig von ihrer sozialen Stellung, ihrem Bildungs- und Berufsstand. Alle empfanden gleichermaßen die Vereinszugehörigkeit als angenehm. „Standesunterschiede“, soweit sie vorhanden waren, machten sich nicht bemerkbar. Dass da eine stabile Gemeinschaft entstanden war, zeigte sich schon an der jährlichen Winterwanderung, an der die meisten Mitglieder, natürlich bekleidet, gerne teilnahmen.

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Flucht vor dem Alltag? Es mag beim einen oder anderen eine Rolle gespielt haben. Für fast alle aber war es ein Ausgleich zu den Tagesmühen, und den haben alle gleichermaßen genossen. Was war ihnen am wichtigsten? FKK, Naturerlebnis, sportliche Betätigung oder das unkomplizierte, offene Miteinander in der Gemeinschaft? Darüber hat sich wohl keiner den Kopf zerbrochen; es passte einfach alles gut zusammen.

 Knapp FKK

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Nun, um das Wichtigste an den Schluss zu setzen: Der Verein durfte Plätze für maximal 25 Dauerzelte bereitstellen, die auch ständig genutzt wurden (das Bedürfnis, einen eventuell freiwerdenden Platz zu ergattern, war unter den Tagesgästen vorhanden, doch mehr Plätze waren aus hygienischen Gründen nicht gestattet – siehe Plumpsklo ). Damit waren die Voraussetzungen geschaffen, dass die meisten das Freizeitvergnügen und die gesunde Familienerholung saisonbedingt auf das ganze Wochenende oder sogar darüber hinaus ausdehnen konnten. Auch war es leichter, etwas gemeinsam auf Gelände zu planen und zu veranstalten - Kinder-, Sommer- und Sportfeste, romantische Lagerfeuer u. a. Und um dies noch gleich anzufügen: Um den DTSB zu überzeugen, dass wir nicht nur nackt, sondern auch sportlich sind, legten jährlich die befähigten Mitglieder mehr oder weniger enthusiastisch das DTSB-Sportabzeichen in Bronze ab. Diese niedrige Stufe des Leistungsabzeichens sah nur Disziplinen vor, die wir auf unserem Gelände gerade noch in eigener Regie ausrichten konnten.

 Knapp FKK

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Eingezäunt waren wir nicht, dennoch wurden wir von besonders Neugierigen nicht ausgemacht und belästigt. Verirrte Fußwanderer wurden meist belehrt, dass sie sich auf Vereinsgelände befinden; und es war nicht selten, dass wir den einen oder anderen später als neues Mitglied wiedersahen.

Doch das freie Leben ohne Zaun verlief nicht immer ohne Komplikationen. Eine Begebenheit mit makabrer Komik ging in das Vereinsgedächtnis ein. An einem Wochentag um die Mittagszeit parkte versteckt auf dem Waldstück ein PKW. Die Insassen konnten nicht ahnen, dass da eine nackte Gefahr lauerte. Da ihnen das Gelände unbewohnt schien, fühlte sich das Liebespaar im Wagen unbeobachtet und entkleidete sich, ohne erkennbar FKKler zu sein. Ja, da hatten sie aber nicht mit unserem Sportsfreund und Rentner Willi gerechnet, der es nun als seine Pflicht ansah, aufklärend einzuschreiten. Nackt wie er war, stand er plötzlich gestikulierend neben dem Wagen. Man stelle sich die erschreckten Gesichter der beiden vor, in dieser für sie peinlichen Situation plötzlich ausgerechnet einen Nackten vor sich zu haben. Das Pärchen ergriff, ohne Willi anzuhören und entkleidet wie es war, die Flucht im Auto. Ob es gar psychischen Schaden davongetragen hat, ist nicht bekannt. Willi hat sich natürlich wegen seines Übereifers eine Rüge eingehandelt.

1983 mussten wir dann auf Druck der staatlichen Versicherung doch noch einen Zaun bauen, wollten wir unsere Zeltversicherungen nicht aufs Spiel setzen.

Ach, das nackte, unbeschwerte Vereinsleben hätte so weitergehen können. Ging es aber nicht. Mit der DDR brach auch ihre FKK-Welt zusammen. Die Sportgemeinschaft Naturfreunde quälte sich noch als eingetragener Verein durch die Jahre, konnte aber ihrem Ableben nicht mehr entgehen – sie ruhe in Frieden!

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Nach diesem, mir durch Nachfrage auferlegten Rückblick, vermute ich, dass sich die FKK-Bewegung zu einem Massenphänomen entfalten konnte, weil in der DDR die bürgerlichen Vorstellungen von Sittlichkeit und Moral allmählich verblassten. Aber darüber hinaus, denke ich, war der lockere, offene und ungezwungene Umgang im Miteinander, wie er sich hier entwickeln konnte, letztlich auch der Freikörperkultur förderlich.


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Das könnte erklären, warum in der DDR-Öffentlichkeit die Freikörperkultur mehr und mehr akzeptiert worden ist und die Entscheidung des Einzelnen dafür oder dagegen ohne Rechtfertigung oder Diskriminierung auskam. Autoren, die das FKK-Leben in der DDR mit verschiedenen politischen Motiven erklären wollen, laufen da meines Erachtens allesamt ins Leere.

Mal sehen, ob mir der junge Mann diese Behauptungen abnimmt.



Anhang

1. Aus der Anordnung des Ministeriums des Innern vom 18.Mai 1956
(Gesetzblatt des Inneren, Teil I Nr.50 vom 6.Juni 1956):

„Das Baden ohne Badebekleidung (Wasser-, Luft- und Sonnenbaden) an Orten, zu denen jedermann Zutritt hat, ist ... nur dann gestattet, wenn diese Orte ausdrücklich von den zuständigen örtlichen Räten freigegeben und entsprechend gekennzeichnet sind oder das Baden ohne Badebekleidung von unbeteiligten Personen unter den gegebenen Umständen nicht gesehen werden kann.“


2. Empfohlene Literatur

Kupfermann, Thomas: „Sommer, Sonne, Nackedeis. FKK in der DDR“
Eulenspiegel Verlag 2008

Thormann, Lutz: "Schont die Augen der Nation!" Zum Verhältnis von Nacktheit und Öffentlichkeit in der DDR. Magisterarbeit an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, 2007

Friedrich, Hagen: Baden ohne. FKK zwischen Mövenort und Talsperre Pöhl, VEB Tourist Verlag Berlin-Leipzig, 1982


3. Fotografien aus der Geschichte des „Vereins für gesunde Lebensweise“

Die historischen Fotos werden an dieser Stelle ohne längere analytische Kommentare wiedergegeben. Sie stehen hier nur als Verweis auf linke, lebensreformerische und auch arbeiterliche Traditionen der FKK-Bewegung in der DDR.

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Viele der überlieferten Fotos sind Aufnahmen von Versammlungen und Debatten des Vereins



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Schillerkragen, Windjacke und Debatten über Vegetarismus: sozialistische Lebensreformer



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Unübersehbar die große Zahl von Kindern, immer wieder auch familiäre Situationen.



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Die Fotos bieten eine breite soziale Typologie der Mitglieder eines sozialistisch orientierten Freizeitvereins. Die festgehaltenen Alltagssituationen sind da besonders aufschlussreich.



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Obligatorisch war die Kulturarbeit: dokumentiert sind Schachspiel, Chorgesang, das „Vereinsorchester“, vor allem aber viele Bemühungen um Körperästhetik



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Akrobatische Übungen waren offenbar bei allen sehr beliebt. Dies sicher auch, weil sie ohne aufwendiges Gerät auskommen.



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Szenen aus dem gemeinsamen Alltag am Wochenende