KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2003
Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn: Kultur
Michael Chrapa
„Zwischen AnnĂ€herung und neuer Ausgrenzung - die Ost-West-Stadt Berlin“
6 Thesen und Statistisches Material ĂŒber die Ost- und Westberliner 2001/2002
6 Thesen


1.
Die Entwicklung der Stadt Berlin steht nur partiell fĂŒr die Probleme des Ost-West-VerhĂ€ltnisses in ganz Deutschland, vermittelt aber wichtige Erfahrungen. Eine davon ist die Erkenntnis, dass das „Zusammenwachsen“ von Individuen und Gemeinschaften nur als langfristiger, hochkomplexer und widersprĂŒchlicher Prozess verstanden werden kann. Soziale VorgĂ€nge von einer solchen QualitĂ€t lassen sich weder kĂŒnstlich beschleunigen noch aus dem Blickwinkel des Momentanen heraus richtig erfassen.

2.
In Bezug auf das Ost-West-VerhĂ€ltnis im Ganzen gilt: Auch 12 Jahre nach der Herstellung der deutschen Einheit sind beachtliche mentale Unterschiede (in Einstellungen, Denkweisen etc.) vorhanden (siehe Anlage, Tabellen 1 bis 3). Im Streit um die Deutung dieser Unterschiede wurde anhand neuerer Forschungsergebnisse die Auffassung einer ĂŒberwiegend historischen PrĂ€gung von IdentitĂ€tsmustern zu Gunsten des situativ-sozialisatorischen ErklĂ€rungsansatzes verĂ€ndert (siehe z. B. GENSICKE 1998). Kollektive IdentitĂ€t entsteht demnach mehr und mehr eher durch Verarbeitung „jĂŒngster Geschichte“ als allein anhand von Erfahrungswerten, die bis in die 1980er Jahre reichen.

3.
Dementsprechend vertreten große Teile der ost- und westberliner Bevölkerung auch gegenwĂ€rtig differente Positionen zu wichtigen gesellschaftspolitischen Themenfeldern (siehe Anhang, Tabellen 4 bis 6). Im östlichen Stadtgebiet betrachtet man die Gesellschaft kritischer, betont vor allem soziale Konfliktlagen (aber ebenso solche im VerhĂ€ltnis zu „AuslĂ€ndern“) und ist - in bezug auf internationale Probleme - friedlicheren Lösungen zugeneigt. In Westberlin scheinen soziale Spaltungen (noch) nicht so stark wahrgenommen zu werden. Auch hier jedoch sehen viele der Zukunft mit gemischen GefĂŒhlen entgegen und wĂŒnschen sich gesellschaftliche VerĂ€nderungen. Politik-AnsĂ€tze eines „Weiter so!“ wĂ€ren in Berlin nicht mehrheitsfĂ€hig.

4.
Das „soziale Experiment Berlin“ zeigt in diesem Problemspektrum im Guten wie im Schlechten ein StĂŒck Zukunft: Hier treffen (zwangslĂ€ufig) Großgruppen mit beachtlicher Verschiedenartigkeit aufeinander und dies nicht in einer Phase der „Wirtschaftswunders“ mit spĂŒrbaren WohlstandszuwĂ€chsen fĂŒr (fast) alle, sondern im Kontext einer Gemengelage zugespitzter sozialer Konflikte. In gewisser Hinsicht kann dies als Modell fĂŒr weitere „Begegnungs-Situationen“ in einem Europa der nĂ€chsten Jahrzehnte gelten.

5.
ZwangslĂ€ufig entsteht aber eine wichtige perspektivische Frage: Ist die AnnĂ€herung - das Zusammenwachsen von Ost und West - tatsĂ€chlich ein mehrheitlich gewĂŒnschtes eigenstĂ€ndiges Ziel oder gilt sie als mögliches „Nebenprodukt“ angestrebter Modernisierungsprozesse? Tendiert man zum Ersteren, dann erscheint die Auseinandersetzung mit zwei problematischen Denkweisen nötig. Zum einen wĂ€re es der Versuch, kollektive IdentitĂ€t ĂŒber verschiedene Schritte von „GeschichtsbewĂ€ltigung“ anzustreben. Der Autor hĂ€lt dieses Herangehen aus mehreren GrĂŒnden fĂŒr nicht tauglich. Eine tiefergehende „Gemeinsamkeit“ der Berlinerinnen und Berliner aus den Stadtgebieten Ost und West ist im Rekurs auf Vergangenheit auch bei gutem Willen nicht herstellbar; sie existiert (genau genommen) noch nicht einmal in der Gegenwart. Das wirklich Verbindende liegt in der Zukunft, in ihren Herausforderungen und in der Art und Weise, sich im demokratischen Dialog kĂŒnftigen Risiken und Chancen zu stellen. Zum anderen erscheint es falsch und blockierend, ein StĂŒck deutsche Einheit mit den Methoden der Macht- und Parteienkonkurrenz im politischen System - zudem hĂ€ufig unter Nutzung „ideologischer SteinbrĂŒche“ - erarbeiten zu wollen. Theoretisch gesehen, geht es hier um ein wirkliches „Großproblem“ (wie z. B. auch Massenarbeitslosigkeit, nachhaltiger Umweltschutz o. Ă€.), das nur akteursĂŒbergreifend angegangen werden kann (vgl. u. a. SCHETSCHE 1996).

6.
Verschiedenartigkeit, ja selbst beachtliche Unterschiede, werden bleiben - in und zwischen den Großgemeinschaften. GĂ€be es Schritte zur Chancengleichheit aller Individuen auf der Basis wirklicher sozialer Sicherheit (woraus sowohl AktivitĂ€ts-Stimuli als auch Elemente mentaler Gelassenheit entstehen können), dann hĂ€tten solche sozialen WesenszĂŒge wie wechselseitige Lernbereitschaft und Neugier bessere Chancen. Beide Merkmale sind Markenzeichen einer zukunftsfĂ€higen Gesellschaft, eines Gemeinwesens, das keineswegs konfliktarm ist, das aber produktiv(er) mit WidersprĂŒchen umgehen kann. Im praktischen Alltag findet man dafĂŒr schon gute Beispiele, aber sie bleiben eher noch StĂŒckwerk. Es wird wohl dauern.



Anlage: AusgewÀhlte empirische Daten














Quellenverweise:

FOKUS/Socialdata 2001:
BĂŒrgermeinung 2001. Studie. Berlin/Halle.

FOKUS 2002:
Aufbruch 2002?. Studie. Halle.

Gensicke, Thomas, 1998:
Die neuen BundesbĂŒrger. Eine Transformation ohne Integration. Opladen.

Schetsche, Michael, 1996:
Die Karriere sozialer Probleme. MĂŒnchen.




Autor: Dr. Michael Chrapa
Soziologe, Jugend- und Parteienforscher, Vorsitzender des FOKUS-Institutes Halle
Leiter des Projektes der Rosa-Luxemburg-Stiftung „Analysen zur politischen Meinungsbildung“
Fon: +49-172-3548059, e-mail: chrapa@aol.com
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