KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2003
Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn: Kultur
Michael Chrapa
„Zwischen Annäherung und neuer Ausgrenzung - die Ost-West-Stadt Berlin“
6 Thesen und Statistisches Material über die Ost- und Westberliner 2001/2002
6 Thesen


1.
Die Entwicklung der Stadt Berlin steht nur partiell für die Probleme des Ost-West-Verhältnisses in ganz Deutschland, vermittelt aber wichtige Erfahrungen. Eine davon ist die Erkenntnis, dass das „Zusammenwachsen“ von Individuen und Gemeinschaften nur als langfristiger, hochkomplexer und widersprüchlicher Prozess verstanden werden kann. Soziale Vorgänge von einer solchen Qualität lassen sich weder künstlich beschleunigen noch aus dem Blickwinkel des Momentanen heraus richtig erfassen.

2.
In Bezug auf das Ost-West-Verhältnis im Ganzen gilt: Auch 12 Jahre nach der Herstellung der deutschen Einheit sind beachtliche mentale Unterschiede (in Einstellungen, Denkweisen etc.) vorhanden (siehe Anlage, Tabellen 1 bis 3). Im Streit um die Deutung dieser Unterschiede wurde anhand neuerer Forschungsergebnisse die Auffassung einer überwiegend historischen Prägung von Identitätsmustern zu Gunsten des situativ-sozialisatorischen Erklärungsansatzes verändert (siehe z. B. GENSICKE 1998). Kollektive Identität entsteht demnach mehr und mehr eher durch Verarbeitung „jüngster Geschichte“ als allein anhand von Erfahrungswerten, die bis in die 1980er Jahre reichen.

3.
Dementsprechend vertreten große Teile der ost- und westberliner Bevölkerung auch gegenwärtig differente Positionen zu wichtigen gesellschaftspolitischen Themenfeldern (siehe Anhang, Tabellen 4 bis 6). Im östlichen Stadtgebiet betrachtet man die Gesellschaft kritischer, betont vor allem soziale Konfliktlagen (aber ebenso solche im Verhältnis zu „Ausländern“) und ist - in bezug auf internationale Probleme - friedlicheren Lösungen zugeneigt. In Westberlin scheinen soziale Spaltungen (noch) nicht so stark wahrgenommen zu werden. Auch hier jedoch sehen viele der Zukunft mit gemischen Gefühlen entgegen und wünschen sich gesellschaftliche Veränderungen. Politik-Ansätze eines „Weiter so!“ wären in Berlin nicht mehrheitsfähig.

4.
Das „soziale Experiment Berlin“ zeigt in diesem Problemspektrum im Guten wie im Schlechten ein Stück Zukunft: Hier treffen (zwangsläufig) Großgruppen mit beachtlicher Verschiedenartigkeit aufeinander und dies nicht in einer Phase der „Wirtschaftswunders“ mit spürbaren Wohlstandszuwächsen für (fast) alle, sondern im Kontext einer Gemengelage zugespitzter sozialer Konflikte. In gewisser Hinsicht kann dies als Modell für weitere „Begegnungs-Situationen“ in einem Europa der nächsten Jahrzehnte gelten.

5.
Zwangsläufig entsteht aber eine wichtige perspektivische Frage: Ist die Annäherung - das Zusammenwachsen von Ost und West - tatsächlich ein mehrheitlich gewünschtes eigenständiges Ziel oder gilt sie als mögliches „Nebenprodukt“ angestrebter Modernisierungsprozesse? Tendiert man zum Ersteren, dann erscheint die Auseinandersetzung mit zwei problematischen Denkweisen nötig. Zum einen wäre es der Versuch, kollektive Identität über verschiedene Schritte von „Geschichtsbewältigung“ anzustreben. Der Autor hält dieses Herangehen aus mehreren Gründen für nicht tauglich. Eine tiefergehende „Gemeinsamkeit“ der Berlinerinnen und Berliner aus den Stadtgebieten Ost und West ist im Rekurs auf Vergangenheit auch bei gutem Willen nicht herstellbar; sie existiert (genau genommen) noch nicht einmal in der Gegenwart. Das wirklich Verbindende liegt in der Zukunft, in ihren Herausforderungen und in der Art und Weise, sich im demokratischen Dialog künftigen Risiken und Chancen zu stellen. Zum anderen erscheint es falsch und blockierend, ein Stück deutsche Einheit mit den Methoden der Macht- und Parteienkonkurrenz im politischen System - zudem häufig unter Nutzung „ideologischer Steinbrüche“ - erarbeiten zu wollen. Theoretisch gesehen, geht es hier um ein wirkliches „Großproblem“ (wie z. B. auch Massenarbeitslosigkeit, nachhaltiger Umweltschutz o. ä.), das nur akteursübergreifend angegangen werden kann (vgl. u. a. SCHETSCHE 1996).

6.
Verschiedenartigkeit, ja selbst beachtliche Unterschiede, werden bleiben - in und zwischen den Großgemeinschaften. Gäbe es Schritte zur Chancengleichheit aller Individuen auf der Basis wirklicher sozialer Sicherheit (woraus sowohl Aktivitäts-Stimuli als auch Elemente mentaler Gelassenheit entstehen können), dann hätten solche sozialen Wesenszüge wie wechselseitige Lernbereitschaft und Neugier bessere Chancen. Beide Merkmale sind Markenzeichen einer zukunftsfähigen Gesellschaft, eines Gemeinwesens, das keineswegs konfliktarm ist, das aber produktiv(er) mit Widersprüchen umgehen kann. Im praktischen Alltag findet man dafür schon gute Beispiele, aber sie bleiben eher noch Stückwerk. Es wird wohl dauern.



Anlage: Ausgewählte empirische Daten














Quellenverweise:

FOKUS/Socialdata 2001:
Bürgermeinung 2001. Studie. Berlin/Halle.

FOKUS 2002:
Aufbruch 2002?. Studie. Halle.

Gensicke, Thomas, 1998:
Die neuen Bundesbürger. Eine Transformation ohne Integration. Opladen.

Schetsche, Michael, 1996:
Die Karriere sozialer Probleme. München.




Autor: Dr. Michael Chrapa
Soziologe, Jugend- und Parteienforscher, Vorsitzender des FOKUS-Institutes Halle
Leiter des Projektes der Rosa-Luxemburg-Stiftung „Analysen zur politischen Meinungsbildung“
Fon: +49-172-3548059, e-mail: chrapa@aol.com
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