KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2007
Kulturelle Differenzierungen der deutschen Gesellschaft
Dietrich MĂŒhlberg
"Wann war 68 im Osten?"
Weil nun gleich wieder das 68er JubilĂ€um ansteht, publizieren wir die ĂŒberarbeitete Fassung eines Vortrag, den MĂŒhlberg vor knapp zehn Jahren auf dem Kolloquium „68 in Europa“, am Institut fĂŒr EuropĂ€ische Ethnologie der Humboldt-UniversitĂ€t gehalten hat (9. Juni, Sommersemester 1998)

Wie sinnvoll ist ein solcher West-Ost-Vergleich?

"Wann war 68 im Osten?" - unter diesem Titel wurde mein Diskussionsbeitrag zum Kolloquium "68 in Europa" angekĂŒndigt. "Im Osten" ist missverstĂ€ndlich, weil ich nicht ĂŒber Osteuropa, sondern nur ĂŒber die DDR sprechen kann. Weiter wĂ€re fĂŒr einen Vergleich zunĂ€chst eingrenzend zu bestimmen, was die symbolisch aufgeladenen KĂŒrzel "68" und "die 68er" bedeuten sollen. Auch im laufenden Gedenkjahr ist davon kein einheitliches Bild gezeichnet worden. Im Folgenden wird vorausgesetzt, dass von der 68er Bewegung der krĂ€ftigste Antrieb fĂŒr einen Wandel ausging, der die westdeutsche Gesellschaft nachhaltig modernisiert hat. Konnte zuvor - nach dem Desaster von 1945 - in kurzer Zeit die ĂŒberkommene Gesellschaftsstruktur stabilisiert und eine leistungsfĂ€hige Industriegesellschaft aufgebaut werden, so folgten dem enormen wirtschaftlichen und technologischen Aufschwung und der Minderung sozialer Spannungen dann in den 60er Jahren die inzwischen ĂŒberfĂ€llige kulturelle und politische "Modernisierung", deren herausragende Ereignisse in den Jahren 1967/68 stattfanden.

Die speziellere Frage nach "68ern im Osten" verlangt fĂŒr den angeforderten Vergleich auch, dass die dafĂŒr maßstabsetzende Gruppe sozialer Akteure eingegrenzt wird. Das kann hier kaum differenziert genug geschehen. In der Literatur ist die Rede von einer „sozialen Bewegung“, deren Kern die der politisierten Studenten gewesen sei. Das legt den Akzent auf das Politische, andererseits waren die 68er offenbar nachdrĂ€ngende junge Leute der Mittelschichten, die sich von der Lebensweise ihrer Eltern und von der der Aufbaugeneration lösten und - unter US-amerikanischem Einfluss - gegen den Muff der Wirtschaftswunderzeit einen neuen Lebensstil der gebildeten Schichten inszenierten und (mit sich selbst) dann auch zu etablieren vermochten. Dies war eher ein kultureller Generationskonflikt.

FĂŒr einen Vergleich mit der ostdeutschen Situation wĂ€ren also folgende Fragen aufzuwerfen:
1. Wann hat es im Osten eine Situation mit Ă€hnlichem Reformdruck gegeben, der eine vergleichbare Bewegung auslöste und zu einem nachhaltigen Wandel gefĂŒhrt hat?
2. Hat es im Osten eine den opponierenden Studenten und Jungakademikern (nebst Umfeld) vergleichbare soziale Gruppe gegeben, deren Interessenlage Àhnlich erfolgreiche Aktionen zur Folge hatte?
3. Ist im Osten ein vergleichbarer Generationenkonflikt aufzufinden, der von der bestimmenden Altersgruppe als ein prĂ€gendes Kollektivereignis wahrgenommen wurde und zum Wechsel der kulturell tonangebenden Generation gefĂŒhrt hat?
4. LĂ€sst sich im Osten Vergleichbares zu der 68er "Wende" finden, die das SelbstverstĂ€ndnis der westdeutschen Gesellschaft verĂ€nderte, die Vorherrschaft der konservativ-autoritĂ€ren Auffassungen von Gesellschaft, Kultur und Politik beendete und den nachwachsenden Intellektuellen die „kritische Identifikation mit der zweiten Republik“ (Kleßmann 178) ermöglichte?

Auf den ersten Blick lĂ€sst sich keine der vier Fragen positiv beantworten, weil es im Osten nichts direkt Vergleichbares gegeben hat. Im Osten war alles anders, es gibt aber eine Reihe von parallelen PhĂ€nomenen, die einen Vergleich dennoch lohnend erscheinen lassen. Allerdings ist das Spektrum der damit berĂŒhrten Themen so breit wie die deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte, ĂŒbersteigt also die AussagefĂ€higkeit des Verfassers um ein Vielfaches. Der nachfolgende Vergleich kann darum nicht mehr als ein Diskussionsbeitrag sein.


Die 68er Bewegung als Reaktion auf einen spezifischen Reformdruck in der Bundesrepublik

FĂŒr einen Vergleich sei stichpunktartig an die westdeutsche Situation am Ende der "Wirtschaftswunderzeit" erinnert. Die 60er Jahre sind „die Inkubation fĂŒr die zweite formative Phase der [west]deutschen Politik“ genannt worden: „Vorbereitung des ostpolitischen Kurswechsels, Ausbau der Planungsinstrumente, Intensivierung der Daseinsvorsorge“ (Weidenfeld 22.). Die Jahre 1967/68 brachten den politischen Ausbruch und den Höhepunkt der schon lĂ€nger anhaltenden Reformdebatten. Seit Beginn 60er hatten sich kritische Stimmen gemehrt, dass die "soziale Marktwirtschaft" ganze Gruppen von den Segnungen des Wirtschaftswunders ausschließe und große gesellschaftliche Bereiche vernachlĂ€ssige. Starke Kritik kam auch aus der Wirtschaft. »Alles das ist bei uns unterentwickelt geblieben, was sich nicht auf der Grundlage der privaten Einkommen und der von ihnen ausgehenden konsumtiven Nachfrage entwickeln ließ. Dazu gehören nicht nur unser FĂŒrsorgewesen (Altersheime, Obdachlosenasyle, Auffanglager usw.) und unser Gesundheitswesen (KrankenhĂ€user, Vorbeugungsmaßnahmen und Gesundheitserziehung). Dazu gehören mehr noch unsere Schul- und Hochschulwesen, unsere wissenschaftliche Forschung, unser Wohnungswesen (aufgrund falscher Proportionen in der Bauwirtschaft), unser Straßenbau, unsere Wasserwirtschaft und viele andere öffentliche Angelegenheiten mehr... « So wurde der Hamburger Wirtschaftswissenschaftler H. D. Ortlieb bereits im Jahre 1962 in einer "Bestandsaufnahme" zitiert (Peters 287).

Ähnlich war schon kurz nach dem Ende der Gratiszuwanderung gut ausgebildeter junger Leute aus Ostdeutschland von einer „Bildungskatastrophe“ die Rede (vgl Picht). Ralf Dahrendorf fragte 1965 in der ZEIT nach „Arbeiterkinder(n) an unseren UniversitĂ€ten“ und erklĂ€rte Bildung zum BĂŒrgerrecht (vgl. Dahrendorf). Die Bildungsmisere kann als Hintergrund politischen Protestbewegung (APO) gelten (SchĂŒlerbewegung ab 1965, dann die Studierenden an den nun schnell ĂŒberfĂŒllten großen UniversitĂ€ten, die noch immer autoritĂ€r gefĂŒhrt wurden). Ihr Auslöser waren die Diskussion um die "Notstandsgesetze" und die Bildung der "großen Koalition". Dies vor dem Hintergrund einer Wirtschaftskrise im Innern und international des immer anrĂŒchigeren Vietnamkrieges der USA.

Offensichtlich war nichts davon im gleichzeitigen Osten Ă€hnlich. Bei nĂ€herer Betrachtung hatte die ostdeutsche Gesellschaft aber ein Ă€hnliches Modernisierungsproblem: nach dem Aufbau einer sozialistischen Industriegesellschaft stand auch hier der Übergang in eine "Dienstleistungsgesellschaft" an. Auch hier war sichtbar geworden, dass die Steigerung der industriellen Produktion nicht mehr als oberstes Kriterium fĂŒr gesellschaftliche Dynamik gelten konnte; die LeistungsfĂ€higkeit hing zunehmend von anderen Faktoren ab, voran vom wissenschaftlich-technischen Fortschritt.

Die einschlĂ€gigen Reformdebatten begannen im Osten systembedingt etwas frĂŒher. Sie waren begleitet von politischen UmbrĂŒchen und kulturellen VerĂ€nderungen. In den osteuropĂ€ischen sozialistischen LĂ€ndern leitete 1956 der XX. Parteitag der KPdSU die erste Phase der Entstalinisierung ein. Innerhalb der ParteifĂŒhrungen wurde seitdem ĂŒber den weiteren politischen Kurs beim sozialistischen Aufbau gestritten. Das betraf sowohl die "politische Kultur" als auch die Organisation der Wirtschaft - in beiden Hinsichten behinderte zentralistische Leitung die dynamische Entwicklung.

In der SED setzten sich dabei Walter Ulbricht und seine Leute gegen drei oppositionelle Strömungen durch. Einmal in der FĂŒhrungsspitze selbst gegen Schirdewan, Wollweber, Ziller, Oelßner, Selbmann und andere (die eine stĂ€rkere Entstalinisierung der SED anstrebten und darum Ulbricht entthronen wollten). Zum anderen gegen kommunistische Intellektuelle, die gleichfalls fĂŒr eine konsequentere Abkehr vom Stalinismus eintraten, dies aber mit dem Ideal eines „menschlichen Sozialismus“ verbanden, wie Havemann oder Harich und die Gruppe um Janka, Loest und Just. Das waren mehrheitlich Kommunisten Ă€lterer JahrgĂ€nge (der sogenannten „Weimarer Generation“) mit einiger Resonanz bei jĂŒngeren Leuten ihres Einflussbereichs . Anders sah es nur bei der dritten „oppositionellen Strömung“ aus, bei Gruppen von Studierenden; sie forderten 1956 Diskussionsfreiheit, die RĂŒcknahme der Pflicht zum marxistisch-leninistischen Grundstudium, die freie Entwicklung der Fachwissenschaften usw. Die Engagierten unter ihnen gingen meist „in den Westen“, die große Mehrzahl blieb, hatte jedoch die Erfahrung eigener AufmĂŒpfigkeit gegenĂŒber der Obrigkeit.

Ulbrichts engere FĂŒhrung konnte sich stabilisieren, auch durch Auswechseln vieler hauptamtlicher FunktionĂ€re (bei den Parteiwahlen 1958 wurden mehr als ein Drittel von ihnen rausgedrĂŒckt). Sie festigte ihre autoritĂ€re Herrschaft und Ulbricht setzte sich dann selbst an die Spitze der dringend notwendigen ReformaktivitĂ€ten (vgl. Kaiser).

Die Leitbegriffe waren nun NÖSPL (Neues ökonomisches System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft) und WTR (wissenschaftlich-technische Revolution). Im Kern wollten die Reformer in der Zentrale VerĂ€nderungen am Wirtschaftsmechanismus bewirken. In diesem Ansatz unterschied sich Ulbricht nicht nur von sowjetischen Vorstellungen, sondern deutlich auch von anderen osteuropĂ€ischen Parteien, etwa von Antonin Novotny, der in Prag seinen alten „Weg zum Kommunismus“ stur bis zum Januar 1968 fortsetzte, dann aber durch die 68er in der ParteifĂŒhrung beiseite geschoben wurde. Im Unterschied auch zu den Reformkommunisten im eigenen Lande, sah Ulbricht die wirtschaftliche StĂ€rke und eine darauf fußende politische StabilitĂ€t als notwendige Voraussetzungen jeder „Demokratisierung“ an (verstanden als VergrĂ¶ĂŸerung von HandlungsspielrĂ€umen und als EinschrĂ€nkung des Machtmonopols der SED-FĂŒhrung).

Die ostdeutsche Distanz zum 1949-1955 ĂŒbernommenen sowjetischen Modell wurde bald sichtbar. Politisch war das zwar eine halbherzige Reform von oben, die aber phasenweise drĂ€ngenden Jungen HandlungsspielrĂ€ume fĂŒr selbstbestimmte AktivitĂ€ten bot, die regelmĂ€ĂŸig zu Konflikten mit den autoritĂ€ren Obrigkeiten fĂŒhrten. Politisch spielte sich das alles innerhalb der herrschenden Partei ab.

Auch wirtschaftlich war die ostdeutsche Lage anders als die der BRD um 1968. Zwar hatten die 1956 und 1957 erzielten Steigerungsraten - zusammen mit einer Fehlinterpretation der Krisensituation im Westen - den V. Parteitag 1958 zu der phantastischen Vorstellung gefĂŒhrt, der Westen könne in Produktion und Konsumtion pro Kopf ĂŒbertroffen werden („einholen und ĂŒberholen“), was die DDR in die Wirtschaftskrise der Jahre 1960/61 manövrierte, doch begann 1962 eine Phase der relativen Stabilisierung („Wirtschaftswunder Ost“), in der der Lebensstandard spĂŒrbar anstieg und sich – nach dem Bau der Mauer – Mehrheiten auf ein Leben in der DDR einzustellen begannen (was die Arbeitsmotivation offenbar erhöhte).

Auch die Bildungssituation war anders. Im Osten hatte die soziale Bildungsreform bereits zwischen 1946 und Mitte der 50er stattgefunden und massenhaft neue Leute an die Hochschulen und auch in das „akademische Leben“ gebracht (und in den Westen: Dutschke und Rabehl etwa). Ende der 50er begann bereits die zweite Phase der Reform, ihre stĂ€rkere Anpassung an die BedĂŒrfnisse der Wirtschaft unter den Bedingungen einer wissenschaftlich-technischen Revolution.

Nach den revolutionĂ€ren UmwĂ€lzungen aller Gesellschaftsbereiche zwischen 1948 und 1960 folgte auf den Mauerbau eine etwas ruhigere Zeit "innerer Besinnung". Gerade die frĂŒhen 60er Jahre wurden zu einer wirklichen Reformphase. Freilich wurde hier eine „Reform von“ oben versucht, und sie geriet zum Dauerstreit zwischen den Reformern um Ulbricht und der von Honecker angefĂŒhrten "praktisch denkenden", also skeptischen ParteibĂŒrokratie (hier finden wir eine Variante von Schelskys „skeptischer Generation“, die durch Serien immer neuer Kampagnen in Trab gehalten wurde ). Das fĂŒhrte zu einem Zickzack-Kurs in allen Politikfeldern und ließ viele der ReformansĂ€tze versanden. Ulbricht selbst scheiterte um 1968 und wurde schließlich von Moskau aus durch den konzeptionslosen Parteisoldaten Honecker ersetzt.

Vielleicht lĂ€sst sich resĂŒmieren: bedingt durch die revolutionĂ€ren VerĂ€nderungen zwischen 1948 und 1960, befand sich die ostdeutsche Gesellschaft nach 1961 eher in einer Stabilisierungsphase. Zugleich unterlag sie einem doppelten Reformdruck. Sie musste sich einmal vom eben ĂŒbernommenen sowjetischen Modell lösen und - das war die inhaltliche Seite - die Gesellschaft auf die Anforderungen des neuen "Modernisierungsschubs" ausrichten. Damit war auch die politische Situation im Osten deutlich anders als die im Westen. Die innere Opposition der Reformer fand sich nur in der FĂŒhrungspartei selbst, die Fundamental-Opposition gegen den Sozialismus hatte als Folge von Repression in den 50ern geendet und verlor 1961 durch den Mauerbau ihr Hinterland völlig. Eine neue innere Opposition, die dann aber den Sozialismus eher als Lebensweise reformieren wollte, kam erst in den 70ern auf, nachdem Honecker in einer wirtschaftlichen und kulturellen Krise die von ihm selbst 1971 begonnene Liberalisierung beendet hatte und zu neuen repressiven Methoden ĂŒbergegangen war.


Welche sozialen Gruppen können verglichen werden?

Die zweite aufgeworfene Frage war die nach vergleichbaren sozialen Gruppen im Osten. Die 68er Bewegung des Westens wurde von der lernenden und studierenden Jugend der bĂŒrgerlichen Mittelschichten getragen zu der - die Bildungsreform machte es möglich - dann auch vermehrt Jugendliche aus unterbĂŒrgerlichen Milieus kamen. Nun kam auch erstmals eine grĂ¶ĂŸere Zahl von Frauen an die Hochschulen. Es bildete sich eine betrĂ€chtliche Gruppe "lohnabhĂ€ngiger" Akademiker, denen der Zugang zur traditionellen akademischen Hierarchie hĂ€ufig versperrt war.

Hatte es auch im Westen nach dem Kriege eine gewisse AufstiegsmobilitĂ€t gegeben, weil "das MissverhĂ€ltnis zwischen dem mit der schnellen Rekonstruktion alter VerhĂ€ltnisse ebenso schnell wieder vorhandenem Bedarf an qualifizierten KrĂ€ften und dem gelichteten Angebot an qualifizierter Elite" recht groß war. "Die Folge war die unvermeidliche Mischung der deutschen FĂŒhrungsgruppen aus ĂŒbriggebliebenem Mittelmaß und aus ehemaligen Nazis, die nun als FachkrĂ€fte dringend gebraucht wurden. Das damit entstandene Klima war sowohl der kritischen Überlegung ĂŒber die Vergangenheit als auch der Entwicklung kĂŒhner Zukunftskonzeptionen abtrĂ€glich. Das »Elitenvakuum«, in dem jeder Gewitzte einen guten Platz finden konnte, erbrachte außerdem innenpolitische Ruhe. Ehrgeizige und Qualifizierte brauchten nicht um Posten zu konkurrieren, die Stellen waren da. Dieses relativ bequeme Klima in der Bundesrepublik Deutschland kĂŒhlte sich mit der erneut vortretenden KrisenanfĂ€lligkeit der westlichen Systeme zunehmend ab und zog damit vermehrte Kritik auf sich. Gleichzeitig wuchs das MissverhĂ€ltnis zwischen den fest besetzten Positionen in allen Bereichen und dem Druck von qualifiziertem Nachwuchs. Neue Unruhe entstand." (Claessens 214)

Situationsbedingt musste dieser "qualifizierte Nachwuchs" fĂŒr seine speziellen Interessen einen allgemeinen Ausdruck finden und verfolgte schließlich zwei Ziele. Einmal forderte er vermehrtes Mitspracherecht fĂŒr alle LohnabhĂ€ngigen (das konnte nur eine APO jenseits des parlamentarischen GeschĂ€fts der politischen Elite ausdrĂŒcken). Zum anderen erklĂ€rte er Wissenschaft und rationales Denken zur obersten Instanz aller Entscheidungen und legitimierte sich damit vor der Gesellschaft selbst.

Diese Sonderinteressen des neuen „akademischen Proletariats“ wurden kulturell so provokant in Szene gesetzt, dass es heftige Reaktionen der politischen Klasse, der akademischen Hierarchen, der StaatsanwĂ€lte und Polizisten, der Medienmogule, der Eltern, der Busfahrer und GewerkschaftsfunktionĂ€re herausfordern musste. Auf jeden Fall wurde in den Folgejahren erreicht, dass die Wissenschaftler eine bis dahin unbekannt breite Erwerbsbasis fĂŒr sich erstritten haben (viele UniversitĂ€ten und Fachhochschulen mit gewaltigen Studentenzahlen, eine bis dahin unbekannte Zahl von Professuren, wissenschaftliche Stellen im öffentlichen Dienst, Dutzende freier Institute usw.).
Das Buch „Campus“ (wie der Film) und sein akademisch "arbeitsunfĂ€higer" Autor Dietrich Schwanitz können als Denkmal fĂŒr diesen durchschlagenden Erfolg gelten.

Wichtiger noch: die Wissenschaft wurde nicht nur in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung begriffen (und nun entsprechend gefördert), sondern schließlich auch als selbstĂ€ndige kritische Instanz in der Gesellschaft anerkannt. Eher harmlose Menschen wollten nun Politologen oder Soziologen werden, und auch die trauliche Volkskunde wurde nachtrĂ€glich rabiat entnazifiziert und in eine „empirische Kulturwissenschaft“ mit eingreifendem Impetus gewandelt. Wie stark die Politik im Westen auch heute noch mit „der Wissenschaft“ rechnen muss, war jĂŒngst beim Dialogversuch Habermas/Schröder zu bewundern.

Das war im Osten schon insofern anders, als die SED - als Organisation und ReprĂ€sentant des Establishments - ja von Anfang an die Wissenschaft geradezu gepachtet hatte: sie verfĂŒgte ĂŒber eine wissenschaftliche Weltanschauung, vertrat den wissenschaftlichen Sozialismus und begrĂŒndete alles stets „wissenschaftlich“. DarĂŒber hinaus war ihr klar, dass der planmĂ€ĂŸige Gesellschaftsaufbau gebildete FachkrĂ€fte brauchte und sie sah schließlich gerade zu Beginn der 60er Jahre in der einsetzenden wissenschaftlich-technischen Revolution (vor allem der Produktion) die große Chance der sozialistischen Gesellschaft. Ab 1958 wurde in diesem Sinne das Hochschulwesen reformiert, ab 1959 das Bildungswesen.

Auch weil der Verlust der bĂŒrgerlichen Bildungsschichten ausgeglichen werden musste, stieg die Zahl der Studierenden schnell an und erreichte 1959/60 eine Viertelmillion (100 000 Hochschulstudenten, 128 000 Fachschulstudenten). 22 % der JahrgĂ€nge erhielten eine höhere Ausbildung. Unter den Mitgliedern der SED waren Hoch- und FachschĂŒler ĂŒberreprĂ€sentiert (20%), in ihren Leitungen fanden sich (je nach Ebene) zwischen 31 und 95 % Hochschulgebildete.

Ulbricht holte (nach damaligem VerstĂ€ndnis) junge KrĂ€fte mit wissenschaftlicher Ausbildung in die FĂŒhrungsspitze, 1963 Apel (46) und mit Halbritter (36) und Kleiber (32) erstmals zwei Angehörige der Flakhelfergeneration. In der ganzen Partei standen nun hĂ€ufiger Fachwissen und (eher dogmatisches) politisches Erfahrungswissen gegenĂŒber. „In der Industriegesellschaft der DDR rĂ€umte die SED-FĂŒhrung der Wissenschaft ĂŒberragenden Einfluss ein, sie versuchte darĂŒber hinaus in der Partei selbst wissenschaftliche FĂŒhrungsmethoden durchzusetzen. ... Der neue FĂŒhrungsstil der SED wurde von den SachzwĂ€ngen der modernen Gesellschaft geprĂ€gt, er brachte aber neue Schwierigkeiten." (Weber 105)

In der Partei ersetzten jĂŒngere Fachleute langsam die gestandenen FunktionĂ€re. Immer hĂ€ufiger kollidieren der politische Allmachtsanspruch und die wissenschaftliche Kritik der VerhĂ€ltnisse, nicht selten mit negativen Folgen fĂŒr Wissenschaftler. Doch die SED verstand sich selbst als „wissenschaftliche Partei“. Ein SelbstverstĂ€ndnis, das auch deshalb gepflegt wurde, weil es der Distanzierung von der KPdSU diente. Ulbricht betonte immer wieder, dass die DDR das einzige industriell hochentwickelte sozialistische Land wĂ€re und darum ein neues, ein eigenes, eben ein wissenschaftlich entwickeltes Modell vom Sozialismus (als einer selbstĂ€ndigen Gesellschaftsformation) verwirkliche. Immer wieder wurde der Vorrang der Wissenschaft proklamiert.

Es kam also auch im Osten zur Ausbildung eines zahlreichen „akademischen Proletariats“. Das setzte sogar ein Jahrzehnt frĂŒher als in der BRD ein. Doch mussten diese Vielen nicht um ihren Platz in der bĂŒrgerlichen Mittelschicht streiten. Sie waren mehrheitlich Aufsteiger aus unterbĂŒrgerlichen Schichten, wurden mit ihrer Qualifikation dringend gebraucht und nahmen nach dem Studium gĂŒnstige Positionen in den Funktionseliten ein. Diese Bildungs- und Aufstiegschancen werden als Ursache dafĂŒr angesehen, dass sich der grĂ¶ĂŸere Teil der Jugendlichen mit höherer Bildung mit dem Sozialismus arrangiert hat.

Aufschlußreich dafĂŒr ist das Buch eines zeitgenössischen Beobachters aus der Zeit des Kalten Krieges. Darin wird ĂŒber gut 400 000 Absolventen der DiplomjahrgĂ€nge 1952 bis 1963 festgestellt, dass höchstens 3,8 Prozent in den Westen abgewandert sind. 15 Prozent wurden als Gegner des Systems vermutet, 10 Prozent als opportunistische Karrieristen eingeordnet. Blieben 280 000 mit dem Sozialismus "Arrangierte" (70 Prozent) und als Aktivisten des Systems wurden etwa fĂŒnf Prozent der Absolventen ausgemacht. (Richert 247)

Wenn wir ein ResĂŒmee versuchen, so bliebe festzuhalten, dass die nachwachsenden hochschulgebildeten JahrgĂ€nge keine MĂŒhe hatten, angemessene ArbeitsplĂ€tze zu besetzen und die FĂŒhrungsschicht der FunktionĂ€re in ihnen die dringend benötigten KrĂ€fte der neuen Funktionseliten sah. (Vgl. Huinink und Mayer sowie Niethammer u.a.) Konflikte ergaben sich eher aus der Diskrepanz zwischen der offiziell gelehrten (und von einem grĂ¶ĂŸeren Teil auch angenommenen) marxistischen Bildung einerseits und der von ihnen erlebten realsozialistischen Praxis andererseits. Was sie mit den (etwas spĂ€teren) oppositionellen 68ern im Westen gemein hatten, war die Überzeugung, dass die UmstĂ€nde verĂ€nderbar sind und rational begrĂŒndeten Idealen anzupassen wĂ€ren. In diesem Punkte hatten auch sie bescheidene Erfolgserlebnisse (wie westdeutsche Beobachter feststellten, blieben sie bis in die Gegenwart dem Ideal der FĂŒrstenerziehung verbunden).


Gab es im Osten vergleichbare Generationenkonflikte?

Zur dritten Frage, ob es im Osten einen mit der 68er Wende vergleichbaren Konflikt gegeben habe, der fĂŒr die Jungen ebenso erfolgreich ausgetragen wurde und zum Wechsel der tonangebenden Generation gefĂŒhrt hat. Angesichts der bis zum Ende bestimmenden ostdeutschen Gerontokraten fĂ€llt auch hier die Antwort zunĂ€chst negativ aus. Martin Kohli meinte sogar, dass "eine zunehmende Schließung des Generationenprozesses" in der DDR die fĂŒr den Westen so heilsame 68er Revolution unterdrĂŒckt habe, "bis sie nach zwei Jahrzehnten - unter geĂ€nderten Bedingungen - mit diesmal vernichtender Sprengkraft ausbrach" (Kohli 54). Auch eine mögliche Antwort auf die hier gestellte Frage, wann 68 im Osten war.

Vielleicht lĂ€sst sich andeuten, dass auch hier das weitere Nachfragen lohnen könnte. Folgen wir dem klassischen Ansatz von Karl Mannheim, so ist es nicht die zeitliche Lagerung, sondern ein spezifischer Erfahrungszusammenhang, der Generationen entstehen lĂ€sst. Klassisch wĂ€re es ein durchschlagendes Ereignis, das einer Gruppe von nachwachsenden JahrgĂ€ngen unter die Haut geht und sie zu einer Erlebnisgemeinschaft werden lĂ€sst. Es bedarf weiter einer Inkubations- und Verarbeitungszeit, in der die PrĂ€gung durch das gemeinsam erlebte Ereignis langsam zum „Programm“ wird, das nun verkĂŒndet, wirkungsvoll inszeniert werden muss.

In der Literatur (Niethammer u. a.) werden bei den Deutschen vier „politisch prĂ€gnante“ Generationen unterschieden. Erstens die jugendbewegte, die ihre PrĂ€gung vor dem Ersten Weltkrieg erhielt, zweitens die Kriegsfolgegeneration (um den Jahrgang 1902 gruppiert), das ist die Weimarer Generation der politischen KlassenkĂ€mpfer, drittens die Flakhelfer-Generation (nach Schelsky die skeptische), Niethammer gruppiert sie um die den Jahrgang 1930 (das wĂ€re zu prĂŒfen, wenn deren zentrale jugendliche Erlebnisse Krieg und Niederlage sein sollen, dann betrĂ€fe das die JahrgĂ€nge 1922 bis 1931, den „Kern“ bilden dann eher die JahrgĂ€nge 26 bis 29 – eigene biographische Untersuchungen der JahrgĂ€nge 1920 bis 1933 stĂŒtzen das). Viertens folgen die 68er, gruppiert um die mitvierziger JahrgĂ€nge. Ihr Stiftungsereignis sind die turbulenten Jahre 67/68, in denen sie ihr Profil zum Programm ausformen.

In der zeitgeschichtlichen Literatur setzen mit den „Flakhelfern“ die (sparsamen und meist impliziten) deutsch-deutschen Vergleiche ein; ihre generationsspezifische PrĂ€gung fĂŒhrte in Ost und West zu recht unterschiedlichen Lebenswegen die (trotz starker Besonderheiten aufgrund der sozialen Lagerung) erstaunliche Parallelen zeigen (Aufbaugeneration). Dann aber wurde es in Ost und West deutlich anders. Albrecht Göschel hat fĂŒr die Bundesrepublik den Wandel des Kulturbegriffs ĂŒber vier Generationen (einsetzend mit der Flakhelfergeneration als Hintergrund) verfolgt und versucht, ihn aus der GenerationsprĂ€gung zu erklĂ€ren. Insgesamt sei es jeder neu einsetzenden Generation (vor allem der gebildeten Mittelschicht) gelungen, ihre Interessen auf spezifische Weise kulturell darzustellen und dann auch durchzusetzen. So habe sich in der BRD immer wieder mental die Gewißheit erfolgreichen selbstĂ€ndigen Handelns befestigt. Göschels Modell sei (stark vereinfacht) hier wiedergegeben.

Auf die Flakhelfergeneration West als Hauptakteur des „Wirtschaftswunders“ (mit dem Ideal des verantwortungsvollen Jungunternehmers, der die Politik den konservativen Alten ĂŒberlĂ€sst) folgten die 68er, die die Interessen der neu auftretenden „Massen“ lohnabhĂ€ngiger Wissenschaftler als Epochenwandel kulturell darzustellen vermochten. Danach gelang der nĂ€chsten Generation, den (nun gleichfalls „massenhaft“ auftretenden) „Humandienstleistern“ die romantische Gegenrevolution; dem Menschen zugewandt, brachten sie das Konzept der Soziokultur und die mitmenschlichen sozialen Bewegungen (zentral die der Frauen) hervor. Danach haben die 80er Jahre mit permanenter Überproduktion und stĂ€ndig neuem OberflĂ€chendesign die „Symboldienstleister“ an die Spitze gebracht, fĂŒr die Ă€sthetische Distinktionsformen entscheidend sind: „das Leben als infinitive Distinktionsreihe, die fortwĂ€hrende Abgrenzung von den vielen anderen“ (Vgl Göschel 94).

Ob das im Westen nach 1968 tatsĂ€chlich so fortging, soll hier nicht diskutiert werden. Bei Harry Nutt in der taz-Beilage war zu lesen, dass nach 68 nichts mehr gekommen sei. ,,Alle Altersgruppen danach - ob nun die Null-Bock, die Sponti- oder die Schlaffi-Generation - begrĂŒndeten keinen Generationszusammenhang - sie waren vornehmlich damit beschĂ€ftigt, sich von den Achtundsechzigern abzuheben. ... Der Generationskonflikt unserer Tage ist keiner mehr zwischen Alt und Jung. Er besteht vielleicht allein darin, nach 1968 kein prĂ€gendes Kollektivereignis gefunden zu haben." (Nutt)

Trotz dieser Negativbilanz möchte ich die von Albrecht Göschel rekonstruierte westdeutsche Erfolgsgeschichte zum Vergleich heranziehen. Sie wird vielleicht auch nur vor dem Hintergrund der DDR so plastisch. Auf der westlichen Seite die Durchsetzung eigener AnsprĂŒche, bei der PersonalitĂ€t gegen Repression standhielt und sich moralisch behaupten konnte. Auf der anderen Seite, bei den ostdeutschen Altersgenossen oder Parallel-Generationen, trifft man (ausgenommen vielleicht die erste) auf keine vergleichbare Erfolgsgeschichte; keiner Vergleichsgeneration gelang hier ein merklicher Umbruch.

Es ist wegen der KonfliktunterdrĂŒckung im Osten von einer Gesellschaft „stillgestellter“ Konflikte (Niethammer) und der „reduzierten Expression von Generationen“ (Göschel 97/ 13) die Rede und gefragt worden, ob das Generationsmodell auf die DDR ĂŒberhaupt anwendbar wĂ€re, ob es hier nach der Flakhelfer/Aufbaugeneration ĂŒberhaupt noch eine Generation im Mannheimschen Sinne gegeben habe.

Der Austausch darĂŒber hĂ€lt noch an. Festzuhalten wĂ€re schon, dass Generationen dann wirksame VerbĂ€nde werden, wenn die kulturellen Konkurrenzen zwischen sozialen Bewegungen und Strömungen bedeutungsvoller, die Klassenkonkurrenzen dagegen schwĂ€cher werden. Danach wĂ€re fĂŒr die DDR mit stĂ€rker ausgeprĂ€gten Generationskonflikten zu rechen. Weiter wurde ĂŒbereinstimmend festgestellt, angemerkt, dass die Generationslagerungen im Osten eher bei Intellektuellen und KĂŒnstlern ausgeprĂ€gt waren, die Bevölkerungsbreite aber nicht erreichten. Dieses PhĂ€nomen wird freilich auch an westlichen Gesellschaften beobachtet. Es wĂ€re also zu prĂ€zisieren, welche Sozialgruppen oder Sozialmilieus tatsĂ€chlich parallel betrachtet und verglichen werden können. Da stoßen wir freilich auf die Schwierigkeit, dass fĂŒr „den Westen“ fast nur die gesellschaftsprĂ€genden Schichten - sprich der gebildete Mittelstand - generationsdifferenzierend untersucht worden sind.

Versuchen wir dennoch einen - freilich oberflĂ€chlichen - Vergleich. FĂŒr den Osten werden die GeburtsjahrgĂ€nge etwa 1922 bis etwa 1931 in der Literatur die „Aufbaugeneration“ genannt. Ganz korrekt ist das nicht, denn ihre prĂ€gende gemeinschaftliche Erfahrung sind die NS-Zeit und der Krieg. Angemessener ist es schon, auch hier Heinz Bude und anderen zu folgen und von der Hitlerjungen- oder Flakhelfer-Generation zu sprechen. Die ist im Osten mit der untersuchten Generation West nach Erlebnishorizont und prĂ€genden EindrĂŒcken völlig identisch, nur erlebten sie das Gleiche mehrheitlich aus der Perspektive anderer Sozialmilieus. Im Osten stiegen sie aus unterbĂŒrgerlich-proletarischen Schichten auf und organisierten den Aufbau Ost. Ihr Aufbauerlebnis hatten sie im Osten nicht als umtriebige Unternehmer, sondern als „RĂ€dchen und SchrĂ€ubchen“ einer Großorganisation. Sie waren auch nicht auf gleiche Weise „skeptisch“ und ideologiedistanziert (wie das Schelsky fĂŒr die Westler bemerkte), sondern wurden fĂŒr ihren tĂŒchtigen Einsatz politisch-ideologisch motiviert. Sie konnten sich zudem nicht - wie es fĂŒr westdeutsche Mittelschichten charakteristisch war - auf die traditionellen kulturellen Werte ihrer Herkunft-Milieus zurĂŒckziehen. Die ostdeutschen Aufsteiger gerieten auch kulturell unter Druck. Ihre Werte galten wenig, sie sollten sich an einer gewendeten bĂŒrgerlichen Kultur emporbilden. Aufgrund ihrer milieuspezifischen Alltagskultur und ihrer NS-Sozialisisation zu Gemeinschaftsdienst und Disziplin, wollten sie schließlich lebende Idealbilder fĂŒr Arbeit, Dienst, PflichterfĂŒllung und Ordnung sein – wie biographische Interviews mit ihnen das auch ausweisen.

Von ihnen haben viele noch in den 40ern die Vorstudienanstalten und ABF besucht und danach studiert. Sie begannen bereits ab Mitte der 50er die neue Hochschullehrergeneration zu bilden. Mit ihnen rechnete der Reformer Ulbricht wie es der Parteichef Ulbricht vermochte, sie weiter zu disziplinieren. Aus ihnen rekrutierte sich bald der Parteiapparat der SED vornehmlich. Nur wenige von ihnen eroberten sich selbstÀndige Positionen in der Wissenschaft, fast alle wurden sie zuverlÀssige Unteroffiziere aber keine 68er.

Ähnlich also in Ost und West die HJ- und Flakhelfer als Aufbaugeneration; auf gegensĂ€tzliche Weise hatten die von ihnen akzeptierten Alten in der Politik das Sagen. Doch wĂ€hrend im Westen die „jungen Unternehmer“ unpolitisch und familienorientiert waren, kommandierten die politischen Alten im Osten die Aufbaugeneration direkt: sie wurden politisch ausgerichtet und antifaschistisch motiviert. Hier war der Aufbau ein Aufstieg aus Unterschichten durch Staatsdienst, weil Staat und Partei die universellen Arbeitgeber waren. Der Westen dagegen rekonstruierte die bĂŒrgerlichen Eliten.

Zwar schon mit ihnen, vor allem aber aus den JahrgĂ€ngen danach, entstand im Osten eine neue wissenschaftliche und kĂŒnstlerische Intelligenz, gleichfalls in einer bis dahin unbekannten Dimension. Es sind vor allem die GeburtsjahrgĂ€nge von etwa 1932 bis 1940, eine Art „Zwischen - Generation“ („Kriegskinder“). Bei Göschel und anderen kommen diese JahrgĂ€nge nicht selbstĂ€ndig vor, er schlĂ€gt die 30er JahrgĂ€nge den „Flakhelfern“ zu. Das ist wohl nicht zu halten. Vielleicht muss ĂŒberdies bedacht werden, dass die Generationenfolge bei den unterbĂŒrgerlichen Schichten (und wohl auch im Osten) anders ausfallen könnte, weil die Struktur des Lebenslaufs vom bĂŒrgerlichen Modell abweicht: MĂŒndigkeit, Berufseintritt, FamiliengrĂŒndung und Elternschaft liegen hier um drei bis zehn Jahre frĂŒher als im bĂŒrgerlichen Milieu. Die Phasen und ÜbergĂ€nge des Lebenslauf konstituieren zwar keinen Generationszusammenhang, haben aber Einfluss darauf, zwischen welchen GeburtsjahrgĂ€ngen des jeweiligen Milieus er sich bilden kann.

Die JahrgĂ€nge (etwa ab 1932) waren nicht durch die HJ zu Disziplin und Ordnung sozialisiert und nicht vom enttĂ€uschten Glauben an den FĂŒhrer zu einer neuen politischen Weltanschauung ĂŒbergewechselt. Ihre entscheidenden Kindheitserlebnisse waren Krieg und Kriegsende: Danach wuchsen sie hinein in die „Nachkriegsvielfalt“. Als sie die Schule beendeten, war der höhere Bildungsweg fĂŒr sie schon eine selbstverstĂ€ndliche Möglichkeit. Sie wurden auch besser ausgebildet als die VorgĂ€nger und verbanden mit der sozialistischen Utopie sowohl ihre wissenschaftlichen, kĂŒnstlerischen, pĂ€dagogischen usw. Zielvorstellungen als auch den Anspruch auf Selbstverwirklichung.

Vielleicht war ihr prĂ€gendes Erlebnis die Spaltung der Welt. Sie sahen, wie neben ihrer Lebenswelt „der Westen“ entstand. Ihre politische PrĂ€gung erfuhren sie durch die UmwĂ€lzungen anfangs der 50er Jahre, durch den 17. Juni, durch die Krise nach den Stalin-EnthĂŒllungen und durch das Aufbauprojekt der frĂŒhen 60er, in das sie bereits voll eingebunden waren. Sie hatten eine individuelle Ost-West-Alternative (in dieser Gruppe ist die Westwanderung am stĂ€rksten gewesen, 50% der FlĂŒchtlinge waren jĂŒnger als 25 Jahre). Die offene Grenze und der westdeutsche Sog waren fĂŒr sie Dauerofferten zum Gehen. Auch mussten sie nicht mehr wegen der Aufstiegschancen im Osten bleiben; wenn sie blieben, war das bei vielen eine Entscheidung. Vielleicht ist es auch wichtig geworden, dass ihre Jugendphase bereits von der amerikanischen Popularkultur beeinflusst war. Das hob sie mental von der militĂ€risch geformten ersten Aufbaugeneration ab. Ihre politischen Konflikte trugen sie gerade mit diesen „Unteroffizieren“ der HJ-Generation aus, die nicht zur Generation ihrer Eltern gehörten (die waren mehrheitlich Ă€lter und gehörten zur „Weimarer“ Generation).

Die Aussagen ĂŒber diese Generation sind noch nicht sehr prĂ€zis (und durch eigene Erfahrung beeinflusst), aber vielleicht kann man dennoch gerade in diesen JahrgĂ€ngen eine den 68ern im Westen vergleichbare Gruppierung sehen. Sie wĂ€re als "nachstalinistische Aufbaugeneration" zu fassen, deren jugendliche Orientierungsphase mit einem enormen Modernisierungsschub zusammenfiel. Seine sozialistische „BewĂ€ltigung“ sahen sie als ihre Aufgabe an. Eine solche Möglichkeit zur Identifikation bot die ostdeutsche Gesellschaft in den folgenden Jahrzehnten nicht mehr.

Allerdings: eine Revolte haben sie nicht veranstaltet (ihre Ideale waren die wissenschaftlich-technische Revolution und das NÖSP). Der politische Revolutionsbegriff war bereits besetzt und die „reformerische Wende“ ging eher vom XX. Parteitag der KPdSU in Moskau aus. Und so ist es sicher richtig, wenn festgestellt wurde, dass die neue Generation teilweise in den schon bestehenden Generationenverbund hineinadoptiert worden ist. Man mag auch festhalten, dass sie keinen Anspruch auf eine Sonderstellung aufgrund ihrer wissenschaftlichen Kompetenz durchsetzte. Das lag einerseits daran, dass die herrschende Partei keine kritische Instanz Wissenschaft neben sich dulden mochte. Andererseits lag hier eine Anfangs-Situation vor, die dieser Generation eine einzigartige Möglichkeit bot, kulturell prĂ€gend zu wirken. Wie weit konnte sie diese Gelegenheit nutzen? Damit bin ich bei der vierten Frage, der nach einer vergleichbaren Wende im geistigen Format der Gesellschaft.


Gab es im Osten eine mit 68 vergleichbare kulturelle Wende?

Die kulturelle Problemlage könnte anschaulich werden, wenn wir uns an die kulturelle Verfassung der ostdeutschen Gesellschaft gegen Ende der 50er erinnern. Die akademisch gebildeten Eliten waren bereits kurz nach dem Kriege wegen ihrer Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten geflohen, waren entlassen oder vertrieben worden. SpĂ€ter wurden auch andere Wissenschaftler, KĂŒnstler, Publizisten wegen ihrer "bĂŒrgerlichen Gesinnung" verdrĂ€ngt. Wie in allen anderen Bereichen auch (Ausnahmen bildeten die Mediziner und die Pastoren) , waren die Aufsteiger aus den Unterschichten auch in der Wissenschaft beinahe unter sich. Der kulturelle Horizont war auch objektiv stark eingeengt: sowjetischer Kultureinfluss und die klassisch orientierten Bildungsvorstellungen der Arbeiterbewegung richteten sich in den 50er Jahren gleichermaßen gegen die Traditionen der Arbeiterkultur wie gegen die bĂŒrgerliche Moderne, gegen die linke Avantgarde wie gegen alle Formen der Massenkultur.

Diese kulturelle Situation ist mit der westdeutschen ĂŒberhaupt nicht zu vergleichen. War die 68er Generationsperspektive durch die Frage geprĂ€gt, wie eine erstarrte Kultur aufgebrochen werden kann, fragten die Ostdeutschen, wie eine Gesellschaft ohne eigene Kultur gestaltet werden könne. Die "nachstalinistische Aufbaugeneration" konnte gar keine TraditionsbestĂ€nde einreißen. Das war lĂ€ngst mit großer RadikalitĂ€t geschehen. Bekanntlich galten Kommunisten als konsequente Vernichter aller heiligen GĂŒter bĂŒrgerlichen Lebens, voran der Familie. Jetzt ging es im Gegenteil darum, Strukturen einer neuen Kultur zu flechten, eine gewissen NormalitĂ€t aller Bereiche des geistigen Lebens zu erreichen. In dieser Situation begann die Generation der jungen Hochschulabsolventen ein eigenes „wissenschaftlich-kĂŒnstlerisches Milieu“ zu bilden. Misst man an den parteioffiziellen Verlautbarungen, gewann sie aktuell die „kulturelle Definitionsmacht“ nicht. TatsĂ€chlich begann sie mit den 60er ĂŒber die eigenen Kommunikationskreise hinaus die Denkweise und den Lebensstil der neuen Intelligenz zu bestimmen. Die nachgewachsene Bildungsschicht war differenziert und es lassen sich deutlich Bezugs- und Deutungsgruppen ausmachen, die das LebensgefĂŒhl dieser Generation „reprĂ€sentieren“. Sie hatten bald - von den KĂŒnsten ĂŒber die Mode und das Alltagsdesign bis in den Film und die journalistischen Formen - betrĂ€chtlichen kulturellen Einfluss.

Es bildeten sich kulturelle Szenen, von denen nachhaltige Anregungen fĂŒr die Kultur der ostdeutschen Gesellschaft ausgingen. Axel Bertram schrieb (ĂŒber sich selbst und andere) junge Designer, Modemacher, Fotografen, KĂŒnstler, dass sie Zeitschriften, Ausstellungen, Filme, jede mögliche Öffentlichkeit als „eine Art ProbebĂŒhne“ ansahen, auf der sie „voller Überzeugung ihre unerprobten Lebensformen“ ausbreiteten. Was sie antrieb, war ihr eigenes BedĂŒrfnis nach Vergewisserung. Die eigene Gesellschaft und ihr weiteres Umfeld boten dafĂŒr keine Vorbilder, unbefangen machten sie sich selbst zum Maßstab, und „sie suchten ihre Mission auf GrĂŒnde zu stellen und diese GrĂŒnde zu systematisieren“ (Bertram 74). Sie inszenierten den Streit um neue Lebensformen und fĂŒhrten ihn mit Grundsatzartikeln, philosophischen Debatten, mit Gedichten, Romanen und Filmen, vor allem aber mit praktischen EntwĂŒrfen fĂŒr alle Seiten des Alltagslebens - vom StĂ€dtebau bis zu den partnerschaftlichen Umgangsformen. Vielleicht sind diese unspektakulĂ€ren EntwĂŒrfe doch verwandt mit den kulturellen Wandlungen, deren Beginn die GrĂŒndung der "Kommune 1" am Neujahrstag 1967 markierte?

Diese Altersgruppe erlebte nach dem Mauerbau eine „Ankunft im Alltag“, wie es der Titel einer ErzĂ€hlung von Brigitte Reimann aus dem Jahre 1961 vorgab. TatsĂ€chlich wurde der Alltag des eigenen Lebens „entdeckt“ - und in den Diskussionen der jungen Intelligenz dieser Zeit reflektiert. Nach den zurĂŒckliegenden Jahrzehnten mit ihren immer neuen VerĂ€nderungen und Unsicherheiten war das eine verstĂ€ndliche Reaktion, fĂŒr die es im Westen so keine Parallele gibt.

Wahrscheinlich hat das Albrecht Göschel ĂŒbersehen als er schrieb: „Auch in der DDR entstehen damit Bedingungen, die zu einem neuen Milieu fĂŒhren mĂŒssten: zu dem des Wissenschaftlers, der kulturell oder in seiner kulturellen Definitionsmacht das dominierende Milieu der 50 Jahre, in der DDR die Arbeiterschaft, in der BRD das private Unternehmertum, ablöst. Die dafĂŒr notwendige ‚subjektive Modernisierung‘, die durch Autonomie von Lebensstilen zu erreichen ist, wird jedoch unter der zentralistischen ‚Erziehungsdiktatur‘ der DDR verhindert.“ (Göschel 97/45) Bevor daran gegangen wird die möglichen Wirkungen eines rigiden Erziehungsapparates abzuschĂ€tzen, wĂ€re zu bedenken, dass "Autonomie der Lebensstile" nicht voraussetzungslos ist. Sie bedarf auch fester kultureller Konturen - generell wie in den vom einzelnen akzeptierten Milieus. Ihnen gegenĂŒber gewinnt der einzelne seine IndividualitĂ€t. Überdies wĂ€re das Maß "subjektiver Modernisierung" nur an der "NormalitĂ€t" der Herkunftsmilieus wie an den Möglichkeiten der neuen Situation zu finden.

Doch Göschel trifft seine Feststellung gar nicht fĂŒr die hier dargestellte „nachstalinistische Aufbaugeneration“ der 30er GeburtsjahrgĂ€nge, sondern sieht die den 68ern des Westens parallele Ost-Generation erst mit den 40er JahrgĂ€ngen sich formieren. TatsĂ€chlich entsprĂ€che das dem Alter der 68 eher. Doch wahrscheinlich kommen sie fĂŒr einen Vergleich weniger in Frage, weil sie durch ganz andere Erlebnisse geprĂ€gt sind und weder politisch noch kulturell vergleichbare Gestaltungsmöglichkeiten hatten.

Die in den 40er Jahren Geborenen waren fast alle Jungpioniere, sie legten das Abitur zwischen 1958 und 1968 ab, waren Studierende zwischen 1963 und 1973. Sie bemerkten noch das Ende Ulbrichtscher Reformpolitik mit dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED 1965. Doch den „Kahlschlag“ erlebten sie mehr als Beobachter, nicht als betroffene KĂŒnstler, JugendfunktionĂ€re, Medienleute usw. Ihre Aufbruchs- und Erfolgsphase war der politische Übergang von Ulbricht zu Honecker und die relative Liberalisierung 1971-1976 (Zulassung der Rockmusik, Weltfestspiele 1973). Der dann einsetzende Umschwung in die Langeweile trieb ihnen das große gesellschaftliche Engagement aus, sie wurden Ă€hnlich den westdeutschen "Romantikern" auf die mitmenschlichen Beziehungen gelenkt. Und tatsĂ€chlich finden sich bei ihnen adĂ€quate Momente zu dem, was Göschel und andere fĂŒr den Westen die „romantischen Kritik der Humandienstleister“ genannt haben - auch im Osten gab es ab 1972 den Boom der Soziokultur usw.

Hartmut Zwahr sieht in ihnen die „eigentlichen Kinder der Republik“ (Zwahr 451), Göschel den „idealistischen homo faber“ (und trifft damit mehr die nachstalinistische Zwischengeneration). Vielleicht spielen die vierziger JahrgĂ€nge Ost bereits in jene Charakteristik hinĂŒber, die er in seiner Studie zum Kulturbegriff Ost erst bei den JahrgĂ€ngen des nĂ€chsten Jahrzehnts (die Kinder der 50er) ausmachte. Er entdeckte bei ihnen drei (durch RĂŒckgriff wiederbelebte) Formen kultureller Milieubildung: Boheme, urchristliche Gemeinde ohne Propheten und die konspirative Avantgarde in der SED. Das freilich deutet nicht darauf hin, in ihnen die Parallelgestalt zu den 68ern im Westen zu vermuten.

Vielleicht kann der Unterschied der vierziger GeburtsjahrgĂ€nge zur Ă€lteren „zweiten ostdeutschen Aufbaugeneration“ deutlich werden, wenn ich zum Abschluß eine Reihe von Namen nenne, von KĂŒnstlern und Politikern, die einen gewissen Bekanntheitsgrad haben und die jeweils fĂŒr die beiden Generationen stehen können (1930-39 je einen, 1940-48 je einen). Es wĂ€re zu prĂŒfen, in welcher Altersgruppe sich mehr Ähnlichkeiten mit den 68ern des Westens finden.

FĂŒr die JahrgĂ€nge 1930 – 39 stehen Adolf Endler, Erik Neutsch, Alexander Schalck-Golodkowski, Brigitte Reimann, Maxi Wander, Ulrich Plenzdorf, Rudolf Bahro, Wolf Biermann, Jurek Becker, Manfred Krug, Helga Königsdorf, Jens Reich, Volker Braun. In Gesinnung, Anspruch und sozialem Engagement ließen sich einige verwandte ZĂŒge finden. Das dĂŒrfte bei typischen Vertretern der JahrgĂ€nge 1940 – 48 nicht ganz so sein. Denn dafĂŒr stehen Namen wie Joachim Gauck, Monika Maron, Konrad Weiß, Rainer Eppelmann, Wolfgang Thierse, Ibrahim Böhme, BĂ€rbel Bohley, Sabine Bergmann-Pohl und Gregor Gysi.

Was an den beiden AufzĂ€hlungen auffĂ€llt, ist die ungleiche HĂ€ufigkeit von KĂŒnstlern und Politikern. Sie ist nicht der Auswahl geschuldet, sondern entspricht den realen Handlungsbereichen: die "nachstalinistische Aufbaugeneration" ist in der Politik wenig vertreten, die „Romantiker“ der ersten DDR-Generation scheinen - nach langer Abstinenz - darin inzwischen stark zu sein. FĂŒr mich ist auch dieser Unterschied ein Hinweis auf die RealitĂ€t der hier angenommenen GenerationszusammenhĂ€nge und vor allem darauf, dass es lohnen könnte, solche Vergleiche weiterzutreiben.


Nachwirkungen

Ohne Zweifel haben Fragen wie "Wann war 68 im Osten"? (oder "wer war der Ulbricht des Westens?") einen heuristischen Wert und lassen uns die getrennte Vergangenheit der Deutschen besser als eine Geschichte begreifen. Vielleicht konnte auch der hier angedeutete West-Ost-Vergleich – bei allen EinschrĂ€nkungen –sichtbar machen, dass objektive "Modernisierungsprozesse" in beiden deutschen Gesellschaften stattfanden, aber recht verschieden abliefen, von anderen kollektiven Subjekten getragen oder vorangetrieben wurden und auch subjektiv unterschiedlich verarbeitet worden sind. WĂ€hrend sich im Osten die nachrĂŒckenden Generationen nicht so deutlich mit eigenen AnsprĂŒchen profilierten, mit ihnen kein weitgreifender und kein so deutlicher Neuansatz verbunden war und sie sich auch kulturell recht verschieden durchsetzen konnten, war das im Westen zumindest bei den 68ern anders. Nach Meinung vieler Autoren konnten sie Generationskonflikte erfolgreich fĂŒr sich austragen und so die Gesellschaft der Bundesrepublik nachhaltig stabilisieren. Vergleichbares ist den Funktionseliten des Ostens - das Ende der DDR bezeugt es - nicht gelungen. Freilich haben wir dabei vor allem die Politik im Blick.

Ob die Impulse, die dabei von den 68er ausgegangen sind - zentral ihre Utopie vernĂŒnftiger Gestaltbarkeit moderner Gesellschaften – noch immer wirken, ob die Idee einer zivilen Gesellschaft mit engagierten autonomen BĂŒrgern noch Realisierungschancen hat, ist ein anderes Thema. Da aber keine deutsch-deutsche Debatte Demokratie versus Diktatur abgeht, ohne dass von westlicher Seite die 68er Traditionen angerufen und vorgehalten werden, sei eine kleine Nachbemerkung gestattet.

Als Heiner Meulemann in seiner jĂŒngst erschienenen Studie „Werte und Wertewandel“ die verfĂŒgbaren empirischen Daten zum politischen Engagement der Deutschen in Ost und West vergleichend interpretierte, kam er zu einem naheliegenden, aber doch auch verblĂŒffenden Schluss. „Politisches Interesse, Informationssuche und Diskussionsbereitschaft sowie die Identifikation mit der Demokratie sind in beiden Landesteilen gleich.“ Aber warum? Im Westen, weil es dort 68 gegeben hat, im Osten, weil es 68 hier nicht gegeben hat. (Meulemann 367). Das sollte zu denken geben.


Zitierte Literatur

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Göschel, Albrecht, Die Ungleichzeitigkeit in der Kultur. Wandel des Kulturbegriffs in vier Generationen, Essen 1994.

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