KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2007
Kulturelle Differenzierungen der deutschen Gesellschaft
Dietrich Mühlberg
"Wann war 68 im Osten?"
Weil nun gleich wieder das 68er Jubiläum ansteht, publizieren wir die überarbeitete Fassung eines Vortrag, den Mühlberg vor knapp zehn Jahren auf dem Kolloquium „68 in Europa“, am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität gehalten hat (9. Juni, Sommersemester 1998)

Wie sinnvoll ist ein solcher West-Ost-Vergleich?

"Wann war 68 im Osten?" - unter diesem Titel wurde mein Diskussionsbeitrag zum Kolloquium "68 in Europa" angekündigt. "Im Osten" ist missverständlich, weil ich nicht über Osteuropa, sondern nur über die DDR sprechen kann. Weiter wäre für einen Vergleich zunächst eingrenzend zu bestimmen, was die symbolisch aufgeladenen Kürzel "68" und "die 68er" bedeuten sollen. Auch im laufenden Gedenkjahr ist davon kein einheitliches Bild gezeichnet worden. Im Folgenden wird vorausgesetzt, dass von der 68er Bewegung der kräftigste Antrieb für einen Wandel ausging, der die westdeutsche Gesellschaft nachhaltig modernisiert hat. Konnte zuvor - nach dem Desaster von 1945 - in kurzer Zeit die überkommene Gesellschaftsstruktur stabilisiert und eine leistungsfähige Industriegesellschaft aufgebaut werden, so folgten dem enormen wirtschaftlichen und technologischen Aufschwung und der Minderung sozialer Spannungen dann in den 60er Jahren die inzwischen überfällige kulturelle und politische "Modernisierung", deren herausragende Ereignisse in den Jahren 1967/68 stattfanden.

Die speziellere Frage nach "68ern im Osten" verlangt für den angeforderten Vergleich auch, dass die dafür maßstabsetzende Gruppe sozialer Akteure eingegrenzt wird. Das kann hier kaum differenziert genug geschehen. In der Literatur ist die Rede von einer „sozialen Bewegung“, deren Kern die der politisierten Studenten gewesen sei. Das legt den Akzent auf das Politische, andererseits waren die 68er offenbar nachdrängende junge Leute der Mittelschichten, die sich von der Lebensweise ihrer Eltern und von der der Aufbaugeneration lösten und - unter US-amerikanischem Einfluss - gegen den Muff der Wirtschaftswunderzeit einen neuen Lebensstil der gebildeten Schichten inszenierten und (mit sich selbst) dann auch zu etablieren vermochten. Dies war eher ein kultureller Generationskonflikt.

Für einen Vergleich mit der ostdeutschen Situation wären also folgende Fragen aufzuwerfen:
1. Wann hat es im Osten eine Situation mit ähnlichem Reformdruck gegeben, der eine vergleichbare Bewegung auslöste und zu einem nachhaltigen Wandel geführt hat?
2. Hat es im Osten eine den opponierenden Studenten und Jungakademikern (nebst Umfeld) vergleichbare soziale Gruppe gegeben, deren Interessenlage ähnlich erfolgreiche Aktionen zur Folge hatte?
3. Ist im Osten ein vergleichbarer Generationenkonflikt aufzufinden, der von der bestimmenden Altersgruppe als ein prägendes Kollektivereignis wahrgenommen wurde und zum Wechsel der kulturell tonangebenden Generation geführt hat?
4. Lässt sich im Osten Vergleichbares zu der 68er "Wende" finden, die das Selbstverständnis der westdeutschen Gesellschaft veränderte, die Vorherrschaft der konservativ-autoritären Auffassungen von Gesellschaft, Kultur und Politik beendete und den nachwachsenden Intellektuellen die „kritische Identifikation mit der zweiten Republik“ (Kleßmann 178) ermöglichte?

Auf den ersten Blick lässt sich keine der vier Fragen positiv beantworten, weil es im Osten nichts direkt Vergleichbares gegeben hat. Im Osten war alles anders, es gibt aber eine Reihe von parallelen Phänomenen, die einen Vergleich dennoch lohnend erscheinen lassen. Allerdings ist das Spektrum der damit berührten Themen so breit wie die deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte, übersteigt also die Aussagefähigkeit des Verfassers um ein Vielfaches. Der nachfolgende Vergleich kann darum nicht mehr als ein Diskussionsbeitrag sein.


Die 68er Bewegung als Reaktion auf einen spezifischen Reformdruck in der Bundesrepublik

Für einen Vergleich sei stichpunktartig an die westdeutsche Situation am Ende der "Wirtschaftswunderzeit" erinnert. Die 60er Jahre sind „die Inkubation für die zweite formative Phase der [west]deutschen Politik“ genannt worden: „Vorbereitung des ostpolitischen Kurswechsels, Ausbau der Planungsinstrumente, Intensivierung der Daseinsvorsorge“ (Weidenfeld 22.). Die Jahre 1967/68 brachten den politischen Ausbruch und den Höhepunkt der schon länger anhaltenden Reformdebatten. Seit Beginn 60er hatten sich kritische Stimmen gemehrt, dass die "soziale Marktwirtschaft" ganze Gruppen von den Segnungen des Wirtschaftswunders ausschließe und große gesellschaftliche Bereiche vernachlässige. Starke Kritik kam auch aus der Wirtschaft. »Alles das ist bei uns unterentwickelt geblieben, was sich nicht auf der Grundlage der privaten Einkommen und der von ihnen ausgehenden konsumtiven Nachfrage entwickeln ließ. Dazu gehören nicht nur unser Fürsorgewesen (Altersheime, Obdachlosenasyle, Auffanglager usw.) und unser Gesundheitswesen (Krankenhäuser, Vorbeugungsmaßnahmen und Gesundheitserziehung). Dazu gehören mehr noch unsere Schul- und Hochschulwesen, unsere wissenschaftliche Forschung, unser Wohnungswesen (aufgrund falscher Proportionen in der Bauwirtschaft), unser Straßenbau, unsere Wasserwirtschaft und viele andere öffentliche Angelegenheiten mehr... « So wurde der Hamburger Wirtschaftswissenschaftler H. D. Ortlieb bereits im Jahre 1962 in einer "Bestandsaufnahme" zitiert (Peters 287).

Ähnlich war schon kurz nach dem Ende der Gratiszuwanderung gut ausgebildeter junger Leute aus Ostdeutschland von einer „Bildungskatastrophe“ die Rede (vgl Picht). Ralf Dahrendorf fragte 1965 in der ZEIT nach „Arbeiterkinder(n) an unseren Universitäten“ und erklärte Bildung zum Bürgerrecht (vgl. Dahrendorf). Die Bildungsmisere kann als Hintergrund politischen Protestbewegung (APO) gelten (Schülerbewegung ab 1965, dann die Studierenden an den nun schnell überfüllten großen Universitäten, die noch immer autoritär geführt wurden). Ihr Auslöser waren die Diskussion um die "Notstandsgesetze" und die Bildung der "großen Koalition". Dies vor dem Hintergrund einer Wirtschaftskrise im Innern und international des immer anrüchigeren Vietnamkrieges der USA.

Offensichtlich war nichts davon im gleichzeitigen Osten ähnlich. Bei näherer Betrachtung hatte die ostdeutsche Gesellschaft aber ein ähnliches Modernisierungsproblem: nach dem Aufbau einer sozialistischen Industriegesellschaft stand auch hier der Übergang in eine "Dienstleistungsgesellschaft" an. Auch hier war sichtbar geworden, dass die Steigerung der industriellen Produktion nicht mehr als oberstes Kriterium für gesellschaftliche Dynamik gelten konnte; die Leistungsfähigkeit hing zunehmend von anderen Faktoren ab, voran vom wissenschaftlich-technischen Fortschritt.

Die einschlägigen Reformdebatten begannen im Osten systembedingt etwas früher. Sie waren begleitet von politischen Umbrüchen und kulturellen Veränderungen. In den osteuropäischen sozialistischen Ländern leitete 1956 der XX. Parteitag der KPdSU die erste Phase der Entstalinisierung ein. Innerhalb der Parteiführungen wurde seitdem über den weiteren politischen Kurs beim sozialistischen Aufbau gestritten. Das betraf sowohl die "politische Kultur" als auch die Organisation der Wirtschaft - in beiden Hinsichten behinderte zentralistische Leitung die dynamische Entwicklung.

In der SED setzten sich dabei Walter Ulbricht und seine Leute gegen drei oppositionelle Strömungen durch. Einmal in der Führungsspitze selbst gegen Schirdewan, Wollweber, Ziller, Oelßner, Selbmann und andere (die eine stärkere Entstalinisierung der SED anstrebten und darum Ulbricht entthronen wollten). Zum anderen gegen kommunistische Intellektuelle, die gleichfalls für eine konsequentere Abkehr vom Stalinismus eintraten, dies aber mit dem Ideal eines „menschlichen Sozialismus“ verbanden, wie Havemann oder Harich und die Gruppe um Janka, Loest und Just. Das waren mehrheitlich Kommunisten älterer Jahrgänge (der sogenannten „Weimarer Generation“) mit einiger Resonanz bei jüngeren Leuten ihres Einflussbereichs . Anders sah es nur bei der dritten „oppositionellen Strömung“ aus, bei Gruppen von Studierenden; sie forderten 1956 Diskussionsfreiheit, die Rücknahme der Pflicht zum marxistisch-leninistischen Grundstudium, die freie Entwicklung der Fachwissenschaften usw. Die Engagierten unter ihnen gingen meist „in den Westen“, die große Mehrzahl blieb, hatte jedoch die Erfahrung eigener Aufmüpfigkeit gegenüber der Obrigkeit.

Ulbrichts engere Führung konnte sich stabilisieren, auch durch Auswechseln vieler hauptamtlicher Funktionäre (bei den Parteiwahlen 1958 wurden mehr als ein Drittel von ihnen rausgedrückt). Sie festigte ihre autoritäre Herrschaft und Ulbricht setzte sich dann selbst an die Spitze der dringend notwendigen Reformaktivitäten (vgl. Kaiser).

Die Leitbegriffe waren nun NÖSPL (Neues ökonomisches System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft) und WTR (wissenschaftlich-technische Revolution). Im Kern wollten die Reformer in der Zentrale Veränderungen am Wirtschaftsmechanismus bewirken. In diesem Ansatz unterschied sich Ulbricht nicht nur von sowjetischen Vorstellungen, sondern deutlich auch von anderen osteuropäischen Parteien, etwa von Antonin Novotny, der in Prag seinen alten „Weg zum Kommunismus“ stur bis zum Januar 1968 fortsetzte, dann aber durch die 68er in der Parteiführung beiseite geschoben wurde. Im Unterschied auch zu den Reformkommunisten im eigenen Lande, sah Ulbricht die wirtschaftliche Stärke und eine darauf fußende politische Stabilität als notwendige Voraussetzungen jeder „Demokratisierung“ an (verstanden als Vergrößerung von Handlungsspielräumen und als Einschränkung des Machtmonopols der SED-Führung).

Die ostdeutsche Distanz zum 1949-1955 übernommenen sowjetischen Modell wurde bald sichtbar. Politisch war das zwar eine halbherzige Reform von oben, die aber phasenweise drängenden Jungen Handlungsspielräume für selbstbestimmte Aktivitäten bot, die regelmäßig zu Konflikten mit den autoritären Obrigkeiten führten. Politisch spielte sich das alles innerhalb der herrschenden Partei ab.

Auch wirtschaftlich war die ostdeutsche Lage anders als die der BRD um 1968. Zwar hatten die 1956 und 1957 erzielten Steigerungsraten - zusammen mit einer Fehlinterpretation der Krisensituation im Westen - den V. Parteitag 1958 zu der phantastischen Vorstellung geführt, der Westen könne in Produktion und Konsumtion pro Kopf übertroffen werden („einholen und überholen“), was die DDR in die Wirtschaftskrise der Jahre 1960/61 manövrierte, doch begann 1962 eine Phase der relativen Stabilisierung („Wirtschaftswunder Ost“), in der der Lebensstandard spürbar anstieg und sich – nach dem Bau der Mauer – Mehrheiten auf ein Leben in der DDR einzustellen begannen (was die Arbeitsmotivation offenbar erhöhte).

Auch die Bildungssituation war anders. Im Osten hatte die soziale Bildungsreform bereits zwischen 1946 und Mitte der 50er stattgefunden und massenhaft neue Leute an die Hochschulen und auch in das „akademische Leben“ gebracht (und in den Westen: Dutschke und Rabehl etwa). Ende der 50er begann bereits die zweite Phase der Reform, ihre stärkere Anpassung an die Bedürfnisse der Wirtschaft unter den Bedingungen einer wissenschaftlich-technischen Revolution.

Nach den revolutionären Umwälzungen aller Gesellschaftsbereiche zwischen 1948 und 1960 folgte auf den Mauerbau eine etwas ruhigere Zeit "innerer Besinnung". Gerade die frühen 60er Jahre wurden zu einer wirklichen Reformphase. Freilich wurde hier eine „Reform von“ oben versucht, und sie geriet zum Dauerstreit zwischen den Reformern um Ulbricht und der von Honecker angeführten "praktisch denkenden", also skeptischen Parteibürokratie (hier finden wir eine Variante von Schelskys „skeptischer Generation“, die durch Serien immer neuer Kampagnen in Trab gehalten wurde ). Das führte zu einem Zickzack-Kurs in allen Politikfeldern und ließ viele der Reformansätze versanden. Ulbricht selbst scheiterte um 1968 und wurde schließlich von Moskau aus durch den konzeptionslosen Parteisoldaten Honecker ersetzt.

Vielleicht lässt sich resümieren: bedingt durch die revolutionären Veränderungen zwischen 1948 und 1960, befand sich die ostdeutsche Gesellschaft nach 1961 eher in einer Stabilisierungsphase. Zugleich unterlag sie einem doppelten Reformdruck. Sie musste sich einmal vom eben übernommenen sowjetischen Modell lösen und - das war die inhaltliche Seite - die Gesellschaft auf die Anforderungen des neuen "Modernisierungsschubs" ausrichten. Damit war auch die politische Situation im Osten deutlich anders als die im Westen. Die innere Opposition der Reformer fand sich nur in der Führungspartei selbst, die Fundamental-Opposition gegen den Sozialismus hatte als Folge von Repression in den 50ern geendet und verlor 1961 durch den Mauerbau ihr Hinterland völlig. Eine neue innere Opposition, die dann aber den Sozialismus eher als Lebensweise reformieren wollte, kam erst in den 70ern auf, nachdem Honecker in einer wirtschaftlichen und kulturellen Krise die von ihm selbst 1971 begonnene Liberalisierung beendet hatte und zu neuen repressiven Methoden übergegangen war.


Welche sozialen Gruppen können verglichen werden?

Die zweite aufgeworfene Frage war die nach vergleichbaren sozialen Gruppen im Osten. Die 68er Bewegung des Westens wurde von der lernenden und studierenden Jugend der bürgerlichen Mittelschichten getragen zu der - die Bildungsreform machte es möglich - dann auch vermehrt Jugendliche aus unterbürgerlichen Milieus kamen. Nun kam auch erstmals eine größere Zahl von Frauen an die Hochschulen. Es bildete sich eine beträchtliche Gruppe "lohnabhängiger" Akademiker, denen der Zugang zur traditionellen akademischen Hierarchie häufig versperrt war.

Hatte es auch im Westen nach dem Kriege eine gewisse Aufstiegsmobilität gegeben, weil "das Missverhältnis zwischen dem mit der schnellen Rekonstruktion alter Verhältnisse ebenso schnell wieder vorhandenem Bedarf an qualifizierten Kräften und dem gelichteten Angebot an qualifizierter Elite" recht groß war. "Die Folge war die unvermeidliche Mischung der deutschen Führungsgruppen aus übriggebliebenem Mittelmaß und aus ehemaligen Nazis, die nun als Fachkräfte dringend gebraucht wurden. Das damit entstandene Klima war sowohl der kritischen Überlegung über die Vergangenheit als auch der Entwicklung kühner Zukunftskonzeptionen abträglich. Das »Elitenvakuum«, in dem jeder Gewitzte einen guten Platz finden konnte, erbrachte außerdem innenpolitische Ruhe. Ehrgeizige und Qualifizierte brauchten nicht um Posten zu konkurrieren, die Stellen waren da. Dieses relativ bequeme Klima in der Bundesrepublik Deutschland kühlte sich mit der erneut vortretenden Krisenanfälligkeit der westlichen Systeme zunehmend ab und zog damit vermehrte Kritik auf sich. Gleichzeitig wuchs das Missverhältnis zwischen den fest besetzten Positionen in allen Bereichen und dem Druck von qualifiziertem Nachwuchs. Neue Unruhe entstand." (Claessens 214)

Situationsbedingt musste dieser "qualifizierte Nachwuchs" für seine speziellen Interessen einen allgemeinen Ausdruck finden und verfolgte schließlich zwei Ziele. Einmal forderte er vermehrtes Mitspracherecht für alle Lohnabhängigen (das konnte nur eine APO jenseits des parlamentarischen Geschäfts der politischen Elite ausdrücken). Zum anderen erklärte er Wissenschaft und rationales Denken zur obersten Instanz aller Entscheidungen und legitimierte sich damit vor der Gesellschaft selbst.

Diese Sonderinteressen des neuen „akademischen Proletariats“ wurden kulturell so provokant in Szene gesetzt, dass es heftige Reaktionen der politischen Klasse, der akademischen Hierarchen, der Staatsanwälte und Polizisten, der Medienmogule, der Eltern, der Busfahrer und Gewerkschaftsfunktionäre herausfordern musste. Auf jeden Fall wurde in den Folgejahren erreicht, dass die Wissenschaftler eine bis dahin unbekannt breite Erwerbsbasis für sich erstritten haben (viele Universitäten und Fachhochschulen mit gewaltigen Studentenzahlen, eine bis dahin unbekannte Zahl von Professuren, wissenschaftliche Stellen im öffentlichen Dienst, Dutzende freier Institute usw.).
Das Buch „Campus“ (wie der Film) und sein akademisch "arbeitsunfähiger" Autor Dietrich Schwanitz können als Denkmal für diesen durchschlagenden Erfolg gelten.

Wichtiger noch: die Wissenschaft wurde nicht nur in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung begriffen (und nun entsprechend gefördert), sondern schließlich auch als selbständige kritische Instanz in der Gesellschaft anerkannt. Eher harmlose Menschen wollten nun Politologen oder Soziologen werden, und auch die trauliche Volkskunde wurde nachträglich rabiat entnazifiziert und in eine „empirische Kulturwissenschaft“ mit eingreifendem Impetus gewandelt. Wie stark die Politik im Westen auch heute noch mit „der Wissenschaft“ rechnen muss, war jüngst beim Dialogversuch Habermas/Schröder zu bewundern.

Das war im Osten schon insofern anders, als die SED - als Organisation und Repräsentant des Establishments - ja von Anfang an die Wissenschaft geradezu gepachtet hatte: sie verfügte über eine wissenschaftliche Weltanschauung, vertrat den wissenschaftlichen Sozialismus und begründete alles stets „wissenschaftlich“. Darüber hinaus war ihr klar, dass der planmäßige Gesellschaftsaufbau gebildete Fachkräfte brauchte und sie sah schließlich gerade zu Beginn der 60er Jahre in der einsetzenden wissenschaftlich-technischen Revolution (vor allem der Produktion) die große Chance der sozialistischen Gesellschaft. Ab 1958 wurde in diesem Sinne das Hochschulwesen reformiert, ab 1959 das Bildungswesen.

Auch weil der Verlust der bürgerlichen Bildungsschichten ausgeglichen werden musste, stieg die Zahl der Studierenden schnell an und erreichte 1959/60 eine Viertelmillion (100 000 Hochschulstudenten, 128 000 Fachschulstudenten). 22 % der Jahrgänge erhielten eine höhere Ausbildung. Unter den Mitgliedern der SED waren Hoch- und Fachschüler überrepräsentiert (20%), in ihren Leitungen fanden sich (je nach Ebene) zwischen 31 und 95 % Hochschulgebildete.

Ulbricht holte (nach damaligem Verständnis) junge Kräfte mit wissenschaftlicher Ausbildung in die Führungsspitze, 1963 Apel (46) und mit Halbritter (36) und Kleiber (32) erstmals zwei Angehörige der Flakhelfergeneration. In der ganzen Partei standen nun häufiger Fachwissen und (eher dogmatisches) politisches Erfahrungswissen gegenüber. „In der Industriegesellschaft der DDR räumte die SED-Führung der Wissenschaft überragenden Einfluss ein, sie versuchte darüber hinaus in der Partei selbst wissenschaftliche Führungsmethoden durchzusetzen. ... Der neue Führungsstil der SED wurde von den Sachzwängen der modernen Gesellschaft geprägt, er brachte aber neue Schwierigkeiten." (Weber 105)

In der Partei ersetzten jüngere Fachleute langsam die gestandenen Funktionäre. Immer häufiger kollidieren der politische Allmachtsanspruch und die wissenschaftliche Kritik der Verhältnisse, nicht selten mit negativen Folgen für Wissenschaftler. Doch die SED verstand sich selbst als „wissenschaftliche Partei“. Ein Selbstverständnis, das auch deshalb gepflegt wurde, weil es der Distanzierung von der KPdSU diente. Ulbricht betonte immer wieder, dass die DDR das einzige industriell hochentwickelte sozialistische Land wäre und darum ein neues, ein eigenes, eben ein wissenschaftlich entwickeltes Modell vom Sozialismus (als einer selbständigen Gesellschaftsformation) verwirkliche. Immer wieder wurde der Vorrang der Wissenschaft proklamiert.

Es kam also auch im Osten zur Ausbildung eines zahlreichen „akademischen Proletariats“. Das setzte sogar ein Jahrzehnt früher als in der BRD ein. Doch mussten diese Vielen nicht um ihren Platz in der bürgerlichen Mittelschicht streiten. Sie waren mehrheitlich Aufsteiger aus unterbürgerlichen Schichten, wurden mit ihrer Qualifikation dringend gebraucht und nahmen nach dem Studium günstige Positionen in den Funktionseliten ein. Diese Bildungs- und Aufstiegschancen werden als Ursache dafür angesehen, dass sich der größere Teil der Jugendlichen mit höherer Bildung mit dem Sozialismus arrangiert hat.

Aufschlußreich dafür ist das Buch eines zeitgenössischen Beobachters aus der Zeit des Kalten Krieges. Darin wird über gut 400 000 Absolventen der Diplomjahrgänge 1952 bis 1963 festgestellt, dass höchstens 3,8 Prozent in den Westen abgewandert sind. 15 Prozent wurden als Gegner des Systems vermutet, 10 Prozent als opportunistische Karrieristen eingeordnet. Blieben 280 000 mit dem Sozialismus "Arrangierte" (70 Prozent) und als Aktivisten des Systems wurden etwa fünf Prozent der Absolventen ausgemacht. (Richert 247)

Wenn wir ein Resümee versuchen, so bliebe festzuhalten, dass die nachwachsenden hochschulgebildeten Jahrgänge keine Mühe hatten, angemessene Arbeitsplätze zu besetzen und die Führungsschicht der Funktionäre in ihnen die dringend benötigten Kräfte der neuen Funktionseliten sah. (Vgl. Huinink und Mayer sowie Niethammer u.a.) Konflikte ergaben sich eher aus der Diskrepanz zwischen der offiziell gelehrten (und von einem größeren Teil auch angenommenen) marxistischen Bildung einerseits und der von ihnen erlebten realsozialistischen Praxis andererseits. Was sie mit den (etwas späteren) oppositionellen 68ern im Westen gemein hatten, war die Überzeugung, dass die Umstände veränderbar sind und rational begründeten Idealen anzupassen wären. In diesem Punkte hatten auch sie bescheidene Erfolgserlebnisse (wie westdeutsche Beobachter feststellten, blieben sie bis in die Gegenwart dem Ideal der Fürstenerziehung verbunden).


Gab es im Osten vergleichbare Generationenkonflikte?

Zur dritten Frage, ob es im Osten einen mit der 68er Wende vergleichbaren Konflikt gegeben habe, der für die Jungen ebenso erfolgreich ausgetragen wurde und zum Wechsel der tonangebenden Generation geführt hat. Angesichts der bis zum Ende bestimmenden ostdeutschen Gerontokraten fällt auch hier die Antwort zunächst negativ aus. Martin Kohli meinte sogar, dass "eine zunehmende Schließung des Generationenprozesses" in der DDR die für den Westen so heilsame 68er Revolution unterdrückt habe, "bis sie nach zwei Jahrzehnten - unter geänderten Bedingungen - mit diesmal vernichtender Sprengkraft ausbrach" (Kohli 54). Auch eine mögliche Antwort auf die hier gestellte Frage, wann 68 im Osten war.

Vielleicht lässt sich andeuten, dass auch hier das weitere Nachfragen lohnen könnte. Folgen wir dem klassischen Ansatz von Karl Mannheim, so ist es nicht die zeitliche Lagerung, sondern ein spezifischer Erfahrungszusammenhang, der Generationen entstehen lässt. Klassisch wäre es ein durchschlagendes Ereignis, das einer Gruppe von nachwachsenden Jahrgängen unter die Haut geht und sie zu einer Erlebnisgemeinschaft werden lässt. Es bedarf weiter einer Inkubations- und Verarbeitungszeit, in der die Prägung durch das gemeinsam erlebte Ereignis langsam zum „Programm“ wird, das nun verkündet, wirkungsvoll inszeniert werden muss.

In der Literatur (Niethammer u. a.) werden bei den Deutschen vier „politisch prägnante“ Generationen unterschieden. Erstens die jugendbewegte, die ihre Prägung vor dem Ersten Weltkrieg erhielt, zweitens die Kriegsfolgegeneration (um den Jahrgang 1902 gruppiert), das ist die Weimarer Generation der politischen Klassenkämpfer, drittens die Flakhelfer-Generation (nach Schelsky die skeptische), Niethammer gruppiert sie um die den Jahrgang 1930 (das wäre zu prüfen, wenn deren zentrale jugendliche Erlebnisse Krieg und Niederlage sein sollen, dann beträfe das die Jahrgänge 1922 bis 1931, den „Kern“ bilden dann eher die Jahrgänge 26 bis 29 – eigene biographische Untersuchungen der Jahrgänge 1920 bis 1933 stützen das). Viertens folgen die 68er, gruppiert um die mitvierziger Jahrgänge. Ihr Stiftungsereignis sind die turbulenten Jahre 67/68, in denen sie ihr Profil zum Programm ausformen.

In der zeitgeschichtlichen Literatur setzen mit den „Flakhelfern“ die (sparsamen und meist impliziten) deutsch-deutschen Vergleiche ein; ihre generationsspezifische Prägung führte in Ost und West zu recht unterschiedlichen Lebenswegen die (trotz starker Besonderheiten aufgrund der sozialen Lagerung) erstaunliche Parallelen zeigen (Aufbaugeneration). Dann aber wurde es in Ost und West deutlich anders. Albrecht Göschel hat für die Bundesrepublik den Wandel des Kulturbegriffs über vier Generationen (einsetzend mit der Flakhelfergeneration als Hintergrund) verfolgt und versucht, ihn aus der Generationsprägung zu erklären. Insgesamt sei es jeder neu einsetzenden Generation (vor allem der gebildeten Mittelschicht) gelungen, ihre Interessen auf spezifische Weise kulturell darzustellen und dann auch durchzusetzen. So habe sich in der BRD immer wieder mental die Gewißheit erfolgreichen selbständigen Handelns befestigt. Göschels Modell sei (stark vereinfacht) hier wiedergegeben.

Auf die Flakhelfergeneration West als Hauptakteur des „Wirtschaftswunders“ (mit dem Ideal des verantwortungsvollen Jungunternehmers, der die Politik den konservativen Alten überlässt) folgten die 68er, die die Interessen der neu auftretenden „Massen“ lohnabhängiger Wissenschaftler als Epochenwandel kulturell darzustellen vermochten. Danach gelang der nächsten Generation, den (nun gleichfalls „massenhaft“ auftretenden) „Humandienstleistern“ die romantische Gegenrevolution; dem Menschen zugewandt, brachten sie das Konzept der Soziokultur und die mitmenschlichen sozialen Bewegungen (zentral die der Frauen) hervor. Danach haben die 80er Jahre mit permanenter Überproduktion und ständig neuem Oberflächendesign die „Symboldienstleister“ an die Spitze gebracht, für die ästhetische Distinktionsformen entscheidend sind: „das Leben als infinitive Distinktionsreihe, die fortwährende Abgrenzung von den vielen anderen“ (Vgl Göschel 94).

Ob das im Westen nach 1968 tatsächlich so fortging, soll hier nicht diskutiert werden. Bei Harry Nutt in der taz-Beilage war zu lesen, dass nach 68 nichts mehr gekommen sei. ,,Alle Altersgruppen danach - ob nun die Null-Bock, die Sponti- oder die Schlaffi-Generation - begründeten keinen Generationszusammenhang - sie waren vornehmlich damit beschäftigt, sich von den Achtundsechzigern abzuheben. ... Der Generationskonflikt unserer Tage ist keiner mehr zwischen Alt und Jung. Er besteht vielleicht allein darin, nach 1968 kein prägendes Kollektivereignis gefunden zu haben." (Nutt)

Trotz dieser Negativbilanz möchte ich die von Albrecht Göschel rekonstruierte westdeutsche Erfolgsgeschichte zum Vergleich heranziehen. Sie wird vielleicht auch nur vor dem Hintergrund der DDR so plastisch. Auf der westlichen Seite die Durchsetzung eigener Ansprüche, bei der Personalität gegen Repression standhielt und sich moralisch behaupten konnte. Auf der anderen Seite, bei den ostdeutschen Altersgenossen oder Parallel-Generationen, trifft man (ausgenommen vielleicht die erste) auf keine vergleichbare Erfolgsgeschichte; keiner Vergleichsgeneration gelang hier ein merklicher Umbruch.

Es ist wegen der Konfliktunterdrückung im Osten von einer Gesellschaft „stillgestellter“ Konflikte (Niethammer) und der „reduzierten Expression von Generationen“ (Göschel 97/ 13) die Rede und gefragt worden, ob das Generationsmodell auf die DDR überhaupt anwendbar wäre, ob es hier nach der Flakhelfer/Aufbaugeneration überhaupt noch eine Generation im Mannheimschen Sinne gegeben habe.

Der Austausch darüber hält noch an. Festzuhalten wäre schon, dass Generationen dann wirksame Verbände werden, wenn die kulturellen Konkurrenzen zwischen sozialen Bewegungen und Strömungen bedeutungsvoller, die Klassenkonkurrenzen dagegen schwächer werden. Danach wäre für die DDR mit stärker ausgeprägten Generationskonflikten zu rechen. Weiter wurde übereinstimmend festgestellt, angemerkt, dass die Generationslagerungen im Osten eher bei Intellektuellen und Künstlern ausgeprägt waren, die Bevölkerungsbreite aber nicht erreichten. Dieses Phänomen wird freilich auch an westlichen Gesellschaften beobachtet. Es wäre also zu präzisieren, welche Sozialgruppen oder Sozialmilieus tatsächlich parallel betrachtet und verglichen werden können. Da stoßen wir freilich auf die Schwierigkeit, dass für „den Westen“ fast nur die gesellschaftsprägenden Schichten - sprich der gebildete Mittelstand - generationsdifferenzierend untersucht worden sind.

Versuchen wir dennoch einen - freilich oberflächlichen - Vergleich. Für den Osten werden die Geburtsjahrgänge etwa 1922 bis etwa 1931 in der Literatur die „Aufbaugeneration“ genannt. Ganz korrekt ist das nicht, denn ihre prägende gemeinschaftliche Erfahrung sind die NS-Zeit und der Krieg. Angemessener ist es schon, auch hier Heinz Bude und anderen zu folgen und von der Hitlerjungen- oder Flakhelfer-Generation zu sprechen. Die ist im Osten mit der untersuchten Generation West nach Erlebnishorizont und prägenden Eindrücken völlig identisch, nur erlebten sie das Gleiche mehrheitlich aus der Perspektive anderer Sozialmilieus. Im Osten stiegen sie aus unterbürgerlich-proletarischen Schichten auf und organisierten den Aufbau Ost. Ihr Aufbauerlebnis hatten sie im Osten nicht als umtriebige Unternehmer, sondern als „Rädchen und Schräubchen“ einer Großorganisation. Sie waren auch nicht auf gleiche Weise „skeptisch“ und ideologiedistanziert (wie das Schelsky für die Westler bemerkte), sondern wurden für ihren tüchtigen Einsatz politisch-ideologisch motiviert. Sie konnten sich zudem nicht - wie es für westdeutsche Mittelschichten charakteristisch war - auf die traditionellen kulturellen Werte ihrer Herkunft-Milieus zurückziehen. Die ostdeutschen Aufsteiger gerieten auch kulturell unter Druck. Ihre Werte galten wenig, sie sollten sich an einer gewendeten bürgerlichen Kultur emporbilden. Aufgrund ihrer milieuspezifischen Alltagskultur und ihrer NS-Sozialisisation zu Gemeinschaftsdienst und Disziplin, wollten sie schließlich lebende Idealbilder für Arbeit, Dienst, Pflichterfüllung und Ordnung sein – wie biographische Interviews mit ihnen das auch ausweisen.

Von ihnen haben viele noch in den 40ern die Vorstudienanstalten und ABF besucht und danach studiert. Sie begannen bereits ab Mitte der 50er die neue Hochschullehrergeneration zu bilden. Mit ihnen rechnete der Reformer Ulbricht wie es der Parteichef Ulbricht vermochte, sie weiter zu disziplinieren. Aus ihnen rekrutierte sich bald der Parteiapparat der SED vornehmlich. Nur wenige von ihnen eroberten sich selbständige Positionen in der Wissenschaft, fast alle wurden sie zuverlässige Unteroffiziere aber keine 68er.

Ähnlich also in Ost und West die HJ- und Flakhelfer als Aufbaugeneration; auf gegensätzliche Weise hatten die von ihnen akzeptierten Alten in der Politik das Sagen. Doch während im Westen die „jungen Unternehmer“ unpolitisch und familienorientiert waren, kommandierten die politischen Alten im Osten die Aufbaugeneration direkt: sie wurden politisch ausgerichtet und antifaschistisch motiviert. Hier war der Aufbau ein Aufstieg aus Unterschichten durch Staatsdienst, weil Staat und Partei die universellen Arbeitgeber waren. Der Westen dagegen rekonstruierte die bürgerlichen Eliten.

Zwar schon mit ihnen, vor allem aber aus den Jahrgängen danach, entstand im Osten eine neue wissenschaftliche und künstlerische Intelligenz, gleichfalls in einer bis dahin unbekannten Dimension. Es sind vor allem die Geburtsjahrgänge von etwa 1932 bis 1940, eine Art „Zwischen - Generation“ („Kriegskinder“). Bei Göschel und anderen kommen diese Jahrgänge nicht selbständig vor, er schlägt die 30er Jahrgänge den „Flakhelfern“ zu. Das ist wohl nicht zu halten. Vielleicht muss überdies bedacht werden, dass die Generationenfolge bei den unterbürgerlichen Schichten (und wohl auch im Osten) anders ausfallen könnte, weil die Struktur des Lebenslaufs vom bürgerlichen Modell abweicht: Mündigkeit, Berufseintritt, Familiengründung und Elternschaft liegen hier um drei bis zehn Jahre früher als im bürgerlichen Milieu. Die Phasen und Übergänge des Lebenslauf konstituieren zwar keinen Generationszusammenhang, haben aber Einfluss darauf, zwischen welchen Geburtsjahrgängen des jeweiligen Milieus er sich bilden kann.

Die Jahrgänge (etwa ab 1932) waren nicht durch die HJ zu Disziplin und Ordnung sozialisiert und nicht vom enttäuschten Glauben an den Führer zu einer neuen politischen Weltanschauung übergewechselt. Ihre entscheidenden Kindheitserlebnisse waren Krieg und Kriegsende: Danach wuchsen sie hinein in die „Nachkriegsvielfalt“. Als sie die Schule beendeten, war der höhere Bildungsweg für sie schon eine selbstverständliche Möglichkeit. Sie wurden auch besser ausgebildet als die Vorgänger und verbanden mit der sozialistischen Utopie sowohl ihre wissenschaftlichen, künstlerischen, pädagogischen usw. Zielvorstellungen als auch den Anspruch auf Selbstverwirklichung.

Vielleicht war ihr prägendes Erlebnis die Spaltung der Welt. Sie sahen, wie neben ihrer Lebenswelt „der Westen“ entstand. Ihre politische Prägung erfuhren sie durch die Umwälzungen anfangs der 50er Jahre, durch den 17. Juni, durch die Krise nach den Stalin-Enthüllungen und durch das Aufbauprojekt der frühen 60er, in das sie bereits voll eingebunden waren. Sie hatten eine individuelle Ost-West-Alternative (in dieser Gruppe ist die Westwanderung am stärksten gewesen, 50% der Flüchtlinge waren jünger als 25 Jahre). Die offene Grenze und der westdeutsche Sog waren für sie Dauerofferten zum Gehen. Auch mussten sie nicht mehr wegen der Aufstiegschancen im Osten bleiben; wenn sie blieben, war das bei vielen eine Entscheidung. Vielleicht ist es auch wichtig geworden, dass ihre Jugendphase bereits von der amerikanischen Popularkultur beeinflusst war. Das hob sie mental von der militärisch geformten ersten Aufbaugeneration ab. Ihre politischen Konflikte trugen sie gerade mit diesen „Unteroffizieren“ der HJ-Generation aus, die nicht zur Generation ihrer Eltern gehörten (die waren mehrheitlich älter und gehörten zur „Weimarer“ Generation).

Die Aussagen über diese Generation sind noch nicht sehr präzis (und durch eigene Erfahrung beeinflusst), aber vielleicht kann man dennoch gerade in diesen Jahrgängen eine den 68ern im Westen vergleichbare Gruppierung sehen. Sie wäre als "nachstalinistische Aufbaugeneration" zu fassen, deren jugendliche Orientierungsphase mit einem enormen Modernisierungsschub zusammenfiel. Seine sozialistische „Bewältigung“ sahen sie als ihre Aufgabe an. Eine solche Möglichkeit zur Identifikation bot die ostdeutsche Gesellschaft in den folgenden Jahrzehnten nicht mehr.

Allerdings: eine Revolte haben sie nicht veranstaltet (ihre Ideale waren die wissenschaftlich-technische Revolution und das NÖSP). Der politische Revolutionsbegriff war bereits besetzt und die „reformerische Wende“ ging eher vom XX. Parteitag der KPdSU in Moskau aus. Und so ist es sicher richtig, wenn festgestellt wurde, dass die neue Generation teilweise in den schon bestehenden Generationenverbund hineinadoptiert worden ist. Man mag auch festhalten, dass sie keinen Anspruch auf eine Sonderstellung aufgrund ihrer wissenschaftlichen Kompetenz durchsetzte. Das lag einerseits daran, dass die herrschende Partei keine kritische Instanz Wissenschaft neben sich dulden mochte. Andererseits lag hier eine Anfangs-Situation vor, die dieser Generation eine einzigartige Möglichkeit bot, kulturell prägend zu wirken. Wie weit konnte sie diese Gelegenheit nutzen? Damit bin ich bei der vierten Frage, der nach einer vergleichbaren Wende im geistigen Format der Gesellschaft.


Gab es im Osten eine mit 68 vergleichbare kulturelle Wende?

Die kulturelle Problemlage könnte anschaulich werden, wenn wir uns an die kulturelle Verfassung der ostdeutschen Gesellschaft gegen Ende der 50er erinnern. Die akademisch gebildeten Eliten waren bereits kurz nach dem Kriege wegen ihrer Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten geflohen, waren entlassen oder vertrieben worden. Später wurden auch andere Wissenschaftler, Künstler, Publizisten wegen ihrer "bürgerlichen Gesinnung" verdrängt. Wie in allen anderen Bereichen auch (Ausnahmen bildeten die Mediziner und die Pastoren) , waren die Aufsteiger aus den Unterschichten auch in der Wissenschaft beinahe unter sich. Der kulturelle Horizont war auch objektiv stark eingeengt: sowjetischer Kultureinfluss und die klassisch orientierten Bildungsvorstellungen der Arbeiterbewegung richteten sich in den 50er Jahren gleichermaßen gegen die Traditionen der Arbeiterkultur wie gegen die bürgerliche Moderne, gegen die linke Avantgarde wie gegen alle Formen der Massenkultur.

Diese kulturelle Situation ist mit der westdeutschen überhaupt nicht zu vergleichen. War die 68er Generationsperspektive durch die Frage geprägt, wie eine erstarrte Kultur aufgebrochen werden kann, fragten die Ostdeutschen, wie eine Gesellschaft ohne eigene Kultur gestaltet werden könne. Die "nachstalinistische Aufbaugeneration" konnte gar keine Traditionsbestände einreißen. Das war längst mit großer Radikalität geschehen. Bekanntlich galten Kommunisten als konsequente Vernichter aller heiligen Güter bürgerlichen Lebens, voran der Familie. Jetzt ging es im Gegenteil darum, Strukturen einer neuen Kultur zu flechten, eine gewissen Normalität aller Bereiche des geistigen Lebens zu erreichen. In dieser Situation begann die Generation der jungen Hochschulabsolventen ein eigenes „wissenschaftlich-künstlerisches Milieu“ zu bilden. Misst man an den parteioffiziellen Verlautbarungen, gewann sie aktuell die „kulturelle Definitionsmacht“ nicht. Tatsächlich begann sie mit den 60er über die eigenen Kommunikationskreise hinaus die Denkweise und den Lebensstil der neuen Intelligenz zu bestimmen. Die nachgewachsene Bildungsschicht war differenziert und es lassen sich deutlich Bezugs- und Deutungsgruppen ausmachen, die das Lebensgefühl dieser Generation „repräsentieren“. Sie hatten bald - von den Künsten über die Mode und das Alltagsdesign bis in den Film und die journalistischen Formen - beträchtlichen kulturellen Einfluss.

Es bildeten sich kulturelle Szenen, von denen nachhaltige Anregungen für die Kultur der ostdeutschen Gesellschaft ausgingen. Axel Bertram schrieb (über sich selbst und andere) junge Designer, Modemacher, Fotografen, Künstler, dass sie Zeitschriften, Ausstellungen, Filme, jede mögliche Öffentlichkeit als „eine Art Probebühne“ ansahen, auf der sie „voller Überzeugung ihre unerprobten Lebensformen“ ausbreiteten. Was sie antrieb, war ihr eigenes Bedürfnis nach Vergewisserung. Die eigene Gesellschaft und ihr weiteres Umfeld boten dafür keine Vorbilder, unbefangen machten sie sich selbst zum Maßstab, und „sie suchten ihre Mission auf Gründe zu stellen und diese Gründe zu systematisieren“ (Bertram 74). Sie inszenierten den Streit um neue Lebensformen und führten ihn mit Grundsatzartikeln, philosophischen Debatten, mit Gedichten, Romanen und Filmen, vor allem aber mit praktischen Entwürfen für alle Seiten des Alltagslebens - vom Städtebau bis zu den partnerschaftlichen Umgangsformen. Vielleicht sind diese unspektakulären Entwürfe doch verwandt mit den kulturellen Wandlungen, deren Beginn die Gründung der "Kommune 1" am Neujahrstag 1967 markierte?

Diese Altersgruppe erlebte nach dem Mauerbau eine „Ankunft im Alltag“, wie es der Titel einer Erzählung von Brigitte Reimann aus dem Jahre 1961 vorgab. Tatsächlich wurde der Alltag des eigenen Lebens „entdeckt“ - und in den Diskussionen der jungen Intelligenz dieser Zeit reflektiert. Nach den zurückliegenden Jahrzehnten mit ihren immer neuen Veränderungen und Unsicherheiten war das eine verständliche Reaktion, für die es im Westen so keine Parallele gibt.

Wahrscheinlich hat das Albrecht Göschel übersehen als er schrieb: „Auch in der DDR entstehen damit Bedingungen, die zu einem neuen Milieu führen müssten: zu dem des Wissenschaftlers, der kulturell oder in seiner kulturellen Definitionsmacht das dominierende Milieu der 50 Jahre, in der DDR die Arbeiterschaft, in der BRD das private Unternehmertum, ablöst. Die dafür notwendige ‚subjektive Modernisierung‘, die durch Autonomie von Lebensstilen zu erreichen ist, wird jedoch unter der zentralistischen ‚Erziehungsdiktatur‘ der DDR verhindert.“ (Göschel 97/45) Bevor daran gegangen wird die möglichen Wirkungen eines rigiden Erziehungsapparates abzuschätzen, wäre zu bedenken, dass "Autonomie der Lebensstile" nicht voraussetzungslos ist. Sie bedarf auch fester kultureller Konturen - generell wie in den vom einzelnen akzeptierten Milieus. Ihnen gegenüber gewinnt der einzelne seine Individualität. Überdies wäre das Maß "subjektiver Modernisierung" nur an der "Normalität" der Herkunftsmilieus wie an den Möglichkeiten der neuen Situation zu finden.

Doch Göschel trifft seine Feststellung gar nicht für die hier dargestellte „nachstalinistische Aufbaugeneration“ der 30er Geburtsjahrgänge, sondern sieht die den 68ern des Westens parallele Ost-Generation erst mit den 40er Jahrgängen sich formieren. Tatsächlich entspräche das dem Alter der 68 eher. Doch wahrscheinlich kommen sie für einen Vergleich weniger in Frage, weil sie durch ganz andere Erlebnisse geprägt sind und weder politisch noch kulturell vergleichbare Gestaltungsmöglichkeiten hatten.

Die in den 40er Jahren Geborenen waren fast alle Jungpioniere, sie legten das Abitur zwischen 1958 und 1968 ab, waren Studierende zwischen 1963 und 1973. Sie bemerkten noch das Ende Ulbrichtscher Reformpolitik mit dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED 1965. Doch den „Kahlschlag“ erlebten sie mehr als Beobachter, nicht als betroffene Künstler, Jugendfunktionäre, Medienleute usw. Ihre Aufbruchs- und Erfolgsphase war der politische Übergang von Ulbricht zu Honecker und die relative Liberalisierung 1971-1976 (Zulassung der Rockmusik, Weltfestspiele 1973). Der dann einsetzende Umschwung in die Langeweile trieb ihnen das große gesellschaftliche Engagement aus, sie wurden ähnlich den westdeutschen "Romantikern" auf die mitmenschlichen Beziehungen gelenkt. Und tatsächlich finden sich bei ihnen adäquate Momente zu dem, was Göschel und andere für den Westen die „romantischen Kritik der Humandienstleister“ genannt haben - auch im Osten gab es ab 1972 den Boom der Soziokultur usw.

Hartmut Zwahr sieht in ihnen die „eigentlichen Kinder der Republik“ (Zwahr 451), Göschel den „idealistischen homo faber“ (und trifft damit mehr die nachstalinistische Zwischengeneration). Vielleicht spielen die vierziger Jahrgänge Ost bereits in jene Charakteristik hinüber, die er in seiner Studie zum Kulturbegriff Ost erst bei den Jahrgängen des nächsten Jahrzehnts (die Kinder der 50er) ausmachte. Er entdeckte bei ihnen drei (durch Rückgriff wiederbelebte) Formen kultureller Milieubildung: Boheme, urchristliche Gemeinde ohne Propheten und die konspirative Avantgarde in der SED. Das freilich deutet nicht darauf hin, in ihnen die Parallelgestalt zu den 68ern im Westen zu vermuten.

Vielleicht kann der Unterschied der vierziger Geburtsjahrgänge zur älteren „zweiten ostdeutschen Aufbaugeneration“ deutlich werden, wenn ich zum Abschluß eine Reihe von Namen nenne, von Künstlern und Politikern, die einen gewissen Bekanntheitsgrad haben und die jeweils für die beiden Generationen stehen können (1930-39 je einen, 1940-48 je einen). Es wäre zu prüfen, in welcher Altersgruppe sich mehr Ähnlichkeiten mit den 68ern des Westens finden.

Für die Jahrgänge 1930 – 39 stehen Adolf Endler, Erik Neutsch, Alexander Schalck-Golodkowski, Brigitte Reimann, Maxi Wander, Ulrich Plenzdorf, Rudolf Bahro, Wolf Biermann, Jurek Becker, Manfred Krug, Helga Königsdorf, Jens Reich, Volker Braun. In Gesinnung, Anspruch und sozialem Engagement ließen sich einige verwandte Züge finden. Das dürfte bei typischen Vertretern der Jahrgänge 1940 – 48 nicht ganz so sein. Denn dafür stehen Namen wie Joachim Gauck, Monika Maron, Konrad Weiß, Rainer Eppelmann, Wolfgang Thierse, Ibrahim Böhme, Bärbel Bohley, Sabine Bergmann-Pohl und Gregor Gysi.

Was an den beiden Aufzählungen auffällt, ist die ungleiche Häufigkeit von Künstlern und Politikern. Sie ist nicht der Auswahl geschuldet, sondern entspricht den realen Handlungsbereichen: die "nachstalinistische Aufbaugeneration" ist in der Politik wenig vertreten, die „Romantiker“ der ersten DDR-Generation scheinen - nach langer Abstinenz - darin inzwischen stark zu sein. Für mich ist auch dieser Unterschied ein Hinweis auf die Realität der hier angenommenen Generationszusammenhänge und vor allem darauf, dass es lohnen könnte, solche Vergleiche weiterzutreiben.


Nachwirkungen

Ohne Zweifel haben Fragen wie "Wann war 68 im Osten"? (oder "wer war der Ulbricht des Westens?") einen heuristischen Wert und lassen uns die getrennte Vergangenheit der Deutschen besser als eine Geschichte begreifen. Vielleicht konnte auch der hier angedeutete West-Ost-Vergleich – bei allen Einschränkungen –sichtbar machen, dass objektive "Modernisierungsprozesse" in beiden deutschen Gesellschaften stattfanden, aber recht verschieden abliefen, von anderen kollektiven Subjekten getragen oder vorangetrieben wurden und auch subjektiv unterschiedlich verarbeitet worden sind. Während sich im Osten die nachrückenden Generationen nicht so deutlich mit eigenen Ansprüchen profilierten, mit ihnen kein weitgreifender und kein so deutlicher Neuansatz verbunden war und sie sich auch kulturell recht verschieden durchsetzen konnten, war das im Westen zumindest bei den 68ern anders. Nach Meinung vieler Autoren konnten sie Generationskonflikte erfolgreich für sich austragen und so die Gesellschaft der Bundesrepublik nachhaltig stabilisieren. Vergleichbares ist den Funktionseliten des Ostens - das Ende der DDR bezeugt es - nicht gelungen. Freilich haben wir dabei vor allem die Politik im Blick.

Ob die Impulse, die dabei von den 68er ausgegangen sind - zentral ihre Utopie vernünftiger Gestaltbarkeit moderner Gesellschaften – noch immer wirken, ob die Idee einer zivilen Gesellschaft mit engagierten autonomen Bürgern noch Realisierungschancen hat, ist ein anderes Thema. Da aber keine deutsch-deutsche Debatte Demokratie versus Diktatur abgeht, ohne dass von westlicher Seite die 68er Traditionen angerufen und vorgehalten werden, sei eine kleine Nachbemerkung gestattet.

Als Heiner Meulemann in seiner jüngst erschienenen Studie „Werte und Wertewandel“ die verfügbaren empirischen Daten zum politischen Engagement der Deutschen in Ost und West vergleichend interpretierte, kam er zu einem naheliegenden, aber doch auch verblüffenden Schluss. „Politisches Interesse, Informationssuche und Diskussionsbereitschaft sowie die Identifikation mit der Demokratie sind in beiden Landesteilen gleich.“ Aber warum? Im Westen, weil es dort 68 gegeben hat, im Osten, weil es 68 hier nicht gegeben hat. (Meulemann 367). Das sollte zu denken geben.


Zitierte Literatur

Bertram, Axel,dyllen, Ideale, Illusionen. Einige Gestaltungsvorstellungen in den sechziger Jahren, in: Dorothea Melis (Hrsg.), Sibylle. Modefotografie aus drei Jahrzehnten DDR, Berlin 1998.

Claessens, Dieter und Karin, Kapitalismus als Kultur, Frankfurt/M. 1979.

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Göschel, Albrecht, Die Ungleichzeitigkeit in der Kultur. Wandel des Kulturbegriffs in vier Generationen, Essen 1994.

Ders., Kultureller Wandel in der DDR und den neuen Bundesländern. Ein Generationenmodell, Deutsches Institut für Urbanistik, Berlin 1997.

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Niethammer, Lutz, Alexander von Plato und Dorothee Wierling, Die volkseigene Erfahrung. Berlin 1991.

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Picht, Georg, Die deutsche Bildungskatastrophe. Analyse und Dokumentation, Freiburg 1964.

Richert, Ernst, Sozialistische Universität. Berlin 1967.

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Weidenfeld, Werner, Deutschland 1989: Konturen im Rückblick auf vierzig Jahre, in: Weidenfeld/Zimmermannn(Hrsg.), Deutschland-Handbuch, Bonn 1989.

Zwahr, Hartmut, Umbruch durch Aufbruch: Die DDR auf dem Höhepunkt der Staatskrise 1989. In: Hartmut Kaelble, Jürgen Kocka u. Hartmut Zwahr (Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994.