KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2006
Deutsche Kulturgeschichte nach 1945 / Zeitgeschichte
Dietrich MĂŒhlberg
Notizen zur Entstehung und Entwicklung der Disziplin Kulturwissenschaft in der DDR
Diskussionsbeitrag am 17. MĂ€rz 2006
Text als PDF hier: Text Dietrich MĂŒhlberg als pdf

Die Grundaussagen der nachfolgenden Notizen gehen auf einen Text von 1993 zurĂŒck (aus Anlass von Nachfragen ĂŒber die mögliche Perspektive von Kulturwissenschaft), die sich auf ein noch Ă€lteres Papier stĂŒtzten, das ich im Jahre 1988 im Institut fĂŒr Kulturwissenschaft zur Diskussion gestellt hatte. Das liegt nun bald zwei Jahrzehnte (und eine ganze Epoche) zurĂŒck. Es ist aus der Sicht eines Beteiligten geschrieben, der vor 43 Jahren in das Philosophische Institut der Humboldt-UniversitĂ€t, Abteilung Ästhetik eintrat und darĂŒber nachzudenken begann, wie eine Kulturauffassung wissenschaftlich zu grĂŒnden sei. Das war zusammen mit den sofort einsetzenden Lehrverpflichtungen zu leisten. Das nur schwach relativierte Großthema der 1963 begonnenen Dissertationsschrift lautete „Der dialektische Determinismus im historischen Kulturprozess. Versuch zu den philosophischen Grundlagen der Kulturauffassung der sozialistischen Gesellschaft“. Die Themen der damaligen Kolleginnen und Kollegen waren nicht minder ausgreifend. Die erste eigene Publikation zum Gegenstande (1964 in der Deutschen Zeitschrift fĂŒr Philosophie erschienen) hieß schlicht „Zur marxistischen Auffassung der Kulturgeschichte“. Der RĂŒckblick zeigt, dass Vieles davon (freilich in anderer Diktion) auch heute so geschrieben werden mĂŒsste. Damit soll nicht die eigene Weitsicht gepriesen werden, solche AktualitĂ€t ist den retardierenden ZeitlĂ€ufen geschuldet. Und sie ist nicht minder ein Beleg dafĂŒr, dass es trotz aller dogmatischen KuriositĂ€ten und Gebote der frĂŒhen 60er Jahre lohnend war, sich an den Grunderkenntnissen von Karl Marx abzuarbeiten.

Eine historisch-kritische Sicht auf die Kulturwissenschaft der DDR steht aus. Wahrscheinlich ist es auch schwierig, den Verflechtungen von großer Gesellschaftspolitik und KulturverstĂ€ndnis, von Realien eines universitĂ€ren Studienbetriebs und disziplinĂ€ren Verflechtungen der Institute, von wissenschaftlichem SelbstverstĂ€ndnis und realer Verortung im internationalen WissenschaftsgefĂŒge, von Anspruch und personaler LeistungsfĂ€higkeit gerecht zu werden. Ganz zu schweigen von den „Wirkungen“ und Folgen, die die kulturwissenschaftliche Forschungs-, Publikations-, Beratungs- und LehrtĂ€tigkeit möglicherweise hatte. Diesem Anspruch wollen und können diese Notizen nicht gerecht werden. Vielleicht aber können sie begrĂŒnden, warum eine rĂŒckblickende Betrachtung sinnvoll und lohnend sein könnte.

Einleitend soll auf die Entstehung und Entwicklung des universitĂ€ren Studiengangs "Kulturwissenschaft" eingegangen werden. Dabei bleibt zunĂ€chst der Anteil der mindestens gleichrangigen Partnerdisziplin Ästhetik ausgespart - ebenso wie die stark auf die KĂŒnste orientierenden „NebenfĂ€cher“, die ja zur „Pflicht“ der Studierenden gehörten. Danach wird kurz auf die wechselnden kulturpolitischen Faktoren eingegangen und vor diesem Hintergrund dann versucht, Etappen der Wissenschaftsentwicklung zu unterscheiden. Abschließend wird auf die heutige wissenschaftliche Situation geblickt und gefragt, was die ostdeutsche kulturwissenschaftliche Tradition wohl hĂ€tte einbringen können.


1. Der universitÀre Studiengang "Kulturwissenschaft"

Bekanntlich ist der Begriff "Kulturwissenschaften" seit gut hundert Jahren in der Diskussion[1], doch erst vor gut vierzig Jahren wurde an zwei deutschen UniversitĂ€ten ein Studiengang mit dem anspruchsvoll-weitgreifenden Namen "Kulturwissenschaft" eingerichtet. Allerdings: ohne dass es damals eine "Kulturwissenschaft" als ausgewiesene Disziplin gegeben hĂ€tte. Und er existierte in dieser Form nur ĂŒber drei Jahrzehnte, 1993/94 verließen die letzten immatrikulierten Studenten dieses Studiengangs die UniversitĂ€t.

Eine der Ursachen fĂŒr die GrĂŒndung einer solchen Studienrichtung bestand in der wachsenden Bedeutung, die kulturelle Prozesse und VorgĂ€nge in allen Industriegesellschaften zu dieser Zeit bekamen (umfangreichere Freizeit, "Humanisierung der Arbeitswelt", neue Bildungsanforderungen, Demokratisierung der KĂŒnste, Sinnfragen usw.). In fast allen europĂ€ischen LĂ€ndern entstanden neue Berufe im Bereich der Humandienstleistungen. In der DDR benötigten der Staat und die Kommunen, gesellschaftliche Organisationen, Massenmedien und traditionelle Kultureinrichtungen, aber auch industrielle und agrarische Großbetriebe sehr frĂŒh schon FachkrĂ€fte, die in der Lage waren, die inzwischen entstandenen kulturellen Einrichtungen recht verschiedener Art kompetent zu leiten. Es wurden SachverstĂ€ndige gebraucht, deren Kenntnisse ĂŒber eine traditionelle disziplinĂ€re "kulturelle" Ausbildung (Germanistik, Kunstgeschichte, PĂ€dagogik usw.) hinausging. Eine "interdisziplinĂ€re" Ausbildung sollte sie vor allem dazu befĂ€higen, (kultur)historische HintergrĂŒnde und soziale Voraussetzungen ihres speziellen kulturellen Arbeitsfeldes zu erkennen und zu berĂŒcksichtigen. DafĂŒr sollte der (nun so genannte) kulturwissenschaftliche Studiengang ausbilden, der immer in der Kombination mit einer literatur- oder kunstwissenschaftlichen Disziplin, spĂ€ter auch mit anderen FĂ€chern[2] studiert wurde.

Ohne Zweifel war die GrĂŒndung einer solchen "Kulturwissenschaft" auch dadurch mitgeprĂ€gt, dass zu dieser Zeit an den UniversitĂ€ten der DDR so wichtige Wissenschaften wie die Soziologie (aus ideologischen GrĂŒnden abgelehnt) oder die SozialpĂ€dagogik noch keine eigenstĂ€ndigen Disziplinen waren oder völlig fehlten[3]; die Sozialpsychologie steckte in den AnfĂ€ngen, Erwachsenenbildung beschrĂ€nkte sich auf Berufsausbildung, FreizeitpĂ€dagogik war (und blieb) unbekannt, die Volkskunde zeigte noch keine große Neigung, sich der 'Volkskultur in der technischen Welt"[4] zuzuwenden und die Literatur- wie Kunstwissenschaften waren in ihren Disziplinen noch weit davon entfernt, etwa Rezeptions- und WirkungszusammenhĂ€ngen nachzugehen. Einzelne Wissenschaftler aber hatten bereits ganz andere Wege eingeschlagen und wirkten als Anreger der frĂŒhen Kulturwissenschaft[5].

Unter diesen Bedingungen war den Absolventen von Anfang an ein breites Einsatzfeld sicher. HauptsĂ€chliche Bereiche waren: regionale und örtliche Kulturarbeit (KulturĂ€mter, KulturhĂ€user, Jugendklubs, Ferienheime), Kunst vermittelnde Einrichtungen (Verlage, Theater, Museen, Galerien, Schallplattenproduktion, Agenturen, Management der Unterhaltungskunst, Ausstellungswesen), Massenmedien (Kulturredaktionen der Zeitungen und Zeitschriften, Hörfunk, Film und Fernsehen), Umweltgestaltung (Mode, Design, Stadtplanung) Großbetriebe (betriebliche KulturhĂ€user, Erwachsenenbildung, bis Mitte der 70er Jahre auch als "Kulturassistenten" in Betriebsleitungen), Parteien und gesellschaftliche Organisationen (Kulturabteilungen, kulturelle Einrichtungen), Staat (untere bis mittlere kulturpolitische Funktionen in nachgeordneten Einrichtungen des Kulturministeriums und in den Kulturabteilungen in den Bezirken, "höhere" Funktionen verlangten hier - wie bei den Parteien - einen anderen Karriereverlauf), Lehre und Forschung (UniversitĂ€ten, Kunsthochschulen, Akademieinstitute).


2. Kulturpolitische Faktoren

Das alles setzte sich unter den Bedingungen einer nach Plan errichteten Gesellschaft ĂŒber ein spezifisches politisches Handeln durch, das ideologisch motiviert und angeleitet war. Auf den ersten Blick standen politische und ideologische Motive bei der Installierung von Kulturwissenschaft sogar im Vordergrund. Kennern ist es gelĂ€ufig, dass das Kulturthema die sozialistische Bewegung seit ihren AnfĂ€ngen begleitet. In gesellschaftlicher Verantwortung waren es Leo Trotzki und dann auch W. I. Lenin, die sich als erste grundsĂ€tzlich dazu Ă€ußerten. FĂŒr unseren Zusammenhang begann es mit den auf Stalins Tod folgenden Debatten, was denn Sozialismus als Gesellschaftsform nun sein solle. Die FĂŒhrer der „kommunistischen und Arbeiterparteien“ Europas einigten sich 1957 auf einige grundsĂ€tzliche Merkmale. Darunter findet sich auch eine Revolution auf dem Gebiete der Ideologie und Kultur und die Schaffung einer dem Sozialismus treu ergebenen Intelligenz. 1958 hat das dann die SED fĂŒr ihren politischen Verantwortungsbereich ausgefĂŒhrt. Thematisch ging es um drei Aufgaben:
- um die kulturelle Hebung der werktÀtigen Massen (kulturelle Massenarbeit),
- um die Behebung kultureller Defizite der neuen Eliten und ihres Nachwuchses (Höhen der Kultur stĂŒrmen),
- um die Überwindung der bĂŒrgerlichen Ideologie und die Inaugurierung eines neuen Wertesystems (neues Menschenbild).
Dies alles sowohl als theoretische wie auch als praktische Aufgabe.

In diesem Sinne beschloss die Sozialistische Einheitspartei als zentrale politische Kraft 1958, dass auch in der DDR eine sozialistische Kulturrevolution notwendig sei. Dies mit der hauptsĂ€chlichen BegrĂŒndung, der "subjektive Faktor" - gemeint war die BefĂ€higung der großenteils aus den Unterschichten aufgestiegenen neuen Funktionselite) sei gegenĂŒber neuen Anforderungen an ihr kulturelle Niveau zurĂŒckgeblieben. Dies auch praktisch zu Ă€ndern war die Aufgabe, die den unmittelbaren Anlass dafĂŒr bot, dass 1960 eine Kulturkonferenz des ZK der SED beschloss, dass „Zur Ausbildung leitender KulturfunktionĂ€re ... die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen [sind]. Dazu gehören die Ausarbeitung eines Berufsbildes spezieller Bildungswege fĂŒr KulturfunktionĂ€re, wie Fachschulbildung, Hochschulbildung und mit beiden Einrichtungen verbundenes Fernstudium“. Daraufhin geschah zunĂ€chst nichts. Doch zwei Jahre spĂ€ter, am 8. August 1962 hat dann das Sekretariat des ZK (als zentrales Machtorgan der SED) den Aufbau eines einheitlichen Qualifizierungssystems fĂŒr KulturfunktionĂ€re beschlossen.

Auf Anweisung der Regierung hatten dann die UniversitĂ€tsinstitute fĂŒr Philosophie (Berlin und Leipzig) die neue Fachrichtung zu installieren. Die gaben das dann - Kultur hatte ja offenbar was mit den KĂŒnsten zu tun - an ihre Abteilungen fĂŒr Ästhetik weiter. An denen hatte bereits Anfang der 50er Jahre ein Philosophiestudium mit der Spezialisierung auf Ästhetik (und mit literatur- und kunstwissenschaftlichen ZweitfĂ€chern) begonnen. Darauf aufbauend begann mit dem Wintersemester 1963 an der Humboldt-UniversitĂ€t die Ausbildung in der Fachrichtung "Kulturwissenschaft".

Keiner der damals an der Lehre beteiligten Wissenschaftler wusste zu diesem Zeitpunkt sehr genau, was wohl der Gegenstand dieser "Kulturwissenschaft" sein könnte. Was mit dem Worte "Kultur" zu dieser Zeit verbunden wurde, das waren allgemeine humanistische Überzeugungen und die Erwartung, dass die tiefgreifenden VerĂ€nderungen der Lebensbedingungen, wie sie eine sozialistische Revolution mit sich brachte, auch alle daran Beteiligten verĂ€ndern wĂŒrden, sie zu neuen, zu wertvolleren Menschen erheben mĂŒsste.

Um das unter den deutschen Bedingungen anzugehen, konnten nicht einfach die vorhandenen sowjetischen Modelle ĂŒbertragen werden. Es wurden Ideen wieder aufgegriffen, die in den kulturellen Wertorientierungen der alten Sozialdemokratie vor 1914, im Kulturidealismus der deutschen Linken und in der sozialistischen Abteilung der Lebensreformbewegung lebendig gewesen waren. Wiederbelebt wurden kultursozialistische Ideen vom "neuen Menschen", wie sie in den 1920er Jahren intellektuelle Kreise der deutschen, österreichischen und skandinavischen Arbeiterbewegung gepflegt hatten. In der Arbeitsweise allerdings lebten die Praktiken der bĂŒrgerlichen Volkswohl- und Volkserziehungsbewegung (Carl Victor Böhmert, Friedrich Naumann usw.) und der "Ă€sthetischen Sozialreform" (Lichtwark, „Kunstwart“, „DĂŒrerbund“ usw.) aus der Zeit zwischen 1890 und 1914 wieder auf.

In diesen Traditionen stehende Politiker, "Kulturarbeiter" und Theoretiker dieser Zeit haben das Kultur-Problem ("die Kultur") auf drei "Ebenen" gesehen, in drei Richtungen gedacht und auszudrĂŒcken versucht.

Einmal wurden unter „Kultur“ die so genannten höheren Werte der menschlichen Gesellschaft verstanden, basierend letztlich auf der Arbeit der Vielen. Von Kultur reden hieß dann auch, den Menschen als Menschen zu begreifen, das Befinden des einzelnen fĂŒr bedeutsam zu halten - also seine sozial geprĂ€gte IndividualitĂ€t anzuerkennen, bzw. seine IndividualitĂ€t sozial zu prĂ€gen. Und Schließlich wurde unter Kultur schöpferisches Gestalten verstanden. Voran alle Formen produktiver Arbeit, deren Entfremdung zu ĂŒberwinden sei, damit sie dem freien kĂŒnstlerischen Schaffen gleich werde. VorzĂŒglich durch das Hineintragen der KĂŒnste in die (industrielle) ArbeitssphĂ€re könne das "menschliche Wesen" des Produzierens wieder angeeignet werden. Als Korrektiv rationaler Erkenntnis wurde Kultur auch als die differenzierte Ausbildung der Sinne verstanden.

In den 1950er und 1960er Jahren haben die "kulturell Engagierten" in der DDR - je nach ihrem politischen Standort, nach ihrer Stellung in der Gesellschaft, nach ihrer philosophischen Bildung oder ihrem Beruf - "die Kultur" jeweils als eine andere Kombination dieser drei Aspekte verstanden. Kulturpolitiker und KĂŒnstler waren sich damals darin einig, dass Kultur wesentlich in der Ă€sthetischen Bildung und kĂŒnstlerischen ProduktivitĂ€t des Volkes bestehe.


3. Zur Wissenschaftsentwicklung

An den UniversitĂ€ten Berlin und Leipzig begann "Kulturwissenschaft" bei dieser Lage als eine philosophisch geprĂ€gte Theorieproduktion (im Westen hieß das ein Jahrzehnt spĂ€ter "Ableitungsmarxismus" und war - jedenfalls in der hohen Zeit der Marxexegese - wesentlich systematischer und vor allem breiter institutionalisiert). Aus Grundlehren des historischen Materialismus wurden allgemeine kulturelle SchlĂŒsse gezogen, mit politischen Erfahrungen verbunden und oft kurzschlĂŒssig mit ideologischen Axiomen angereichert (etwa der Art: "In der sozialistischen Gesellschaft der DDR wird alles Wertvolle der Menschheitskultur bewahrt und gepflegt!"). So kritisch die Ergebnisse dieser Anfangsphase auch zu bewerten sind, wissenschaftliche ErtrĂ€ge sind nicht zu ĂŒbersehen. Darunter vor allem:

Erstens die Aufarbeitung des zivilisationsgeschichtlichen Konzepts von Marx und Engels, von Philosophen und Kulturhistorikern des 18. und 19. Jahrhunderts (Von Vico, Ferguson und Condorcet, ĂŒber Herder, Hegel und Fourier zu Burckhardt, Gothein und Lamprecht) - mit Folgen in einer entsprechenden PrĂ€gung. Das war zugleich eine intensive BeschĂ€ftigung mit "bĂŒrgerlich humanistischen Entwicklungslehren".

Zweitens wurde das sozialhistorische Schicksal des menschlichen Individuums zum Zentralproblem der Kulturwissenschaft gemacht. Kultur wurde in den sozial organisierten Reproduktionsprozessen der Individuen aufgesucht und als Gesamtheit der Möglichkeiten fĂŒr selbstbestimmte SubjektivitĂ€t begriffen. DafĂŒr hat es viele annĂ€hernde Formulierungen gegeben - bis zu der, dass Kultur alles das sei, was "primĂ€rfunktional der sozialistischen Persönlichkeitsentwicklung"[6] diene.

Dritten brachte diese frĂŒhe Zeit die ersten Sondierungen fĂŒr eine Kulturgeschichte der deutschen Arbeiter und ihrer Bewegung (eingeleitet als Sammlung und Archivierung der mit der Arbeiterbewegung verbundenen KunstĂ€ußerungen).

Viertens wurde von den so ausgerichteten Kultur-Wissenschaftlern eine gewisse SensibilitĂ€t fĂŒr die "menschliche Seite" aller sozialen Entwicklungsprozesse ausgebildet. Gerade diese Empfindlichkeit hat auch einige von ihnen (gemessen an der sehr geringen Zahl waren es allerdings zu viele) in schwere innere und Ă€ußere Konflikte gebracht. Doch gab ihnen das auch die Möglichkeit, an der gegen Ende der sechziger Jahre einsetzenden Diskussion ĂŒber die Perspektiven der sozialistischen Gesellschaft mit kulturellen Absichten aktiv teilzunehmen.

Diese wissenschaftliche Entfaltung bildete die Voraussetzung fĂŒr eine LehrtĂ€tigkeit, die die kĂŒnftigen "Kulturarbeiter" mit einer (historisch aus der europĂ€ischen Kulturgeschichte hergeleiteten) humanistischen Grundeinstellung geistig auszustatten sich bemĂŒhte, die die individuelle SubjektivitĂ€t betonte, die die Achtung vor den kulturellen AnsprĂŒchen arbeitender Menschen hervorhob und dazu aufforderte, die proklamierten sozialistischen Kulturideale ernst zu nehmen. Die Vermittlung berufsfeldbezogener Kompetenzen blieb dem gegenĂŒber deutlich zurĂŒck; es wurde versucht, Voraussetzungen spĂ€terer kulturpolitischer HandlungsfĂ€higkeit zu vermitteln, doch beschrĂ€nkte sich das (aufgrund des Mangels an entsprechenden Praxisfeldern der Forschung) auf die ErlĂ€uterung von kulturellen Programmatiken.

In dieser ersten Phase der Kulturwissenschaft war die Spanne zwischen den hohen kulturtheoretischen Abstraktionen und der AlltagsrealitĂ€t enorm; heroische Illusionen konnten die Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit ĂŒberdecken. Doch wurde schon damals die Funktionalisierung der kulturtheoretischen Axiome durch eine borniert-schulmeisterliche Politik bemerkt und kritisiert ("Zehn Gebote der sozialistischen Lebensweise und Moral" usw.), die - weltfremd und doktrinĂ€r zugleich - an den (kulturellen) Interessen der Bevölkerung vorbeiging.

Als Anfang der 1970er Jahre Zeichen einer Wende hin zu demokratischerer und sozial angemessenerer Gesamtpolitik aufleuchteten und von politischen KrĂ€ften in der DDR versucht wurde, eine sozialistische Gesellschaftskonzeption von den (inzwischen qualitativ gewandelten) BedĂŒrfnissen der arbeitenden Menschen her zu entwickeln, da hatten Kulturwissenschaftler bereits ein entsprechendes Konzept umfassender kultureller Entwicklung vorgelegt. Sieht man vom DDR-spezifischen Parteichinesisch einiger Formulierungen ab, so kann man darin GrundzĂŒge eines zeitgemĂ€ĂŸen Kulturkonzepts fĂŒr eine entwickelte industrielle Gesellschaft sehen. Da sich Reformen in der Wirtschaft, eine Demokratisierung des politischen Systems und eine Liberalisierung des geistigen Lebens andeuteten, erzeugte das die Hoffnung (wie sich bald herausstellen sollte, war sie illusionĂ€r), dass sich nun alles wenden werde. Darin lag auch ein Antrieb fĂŒr die kulturwissenschaftliche Forschung und Lehre; er verlor seine enthusiastischen ZĂŒge, als die SED ihre anfĂ€ngliche Absicht zu konzeptioneller Neubestimmung der sozialistischen Gesellschaft aufgab. Zugleich aber hat das die Forschung auf die Frage gelenkt, wie sich die sozialen Bedingungen individueller Entfaltung in den modernen industriellen Gesellschaften geschichtlich entwickelt haben.

Offensichtlich begann mit den siebziger Jahren eine zweite "Entwicklungsetappe" von Kulturwissenschaft in der DDR. Die Arbeitsgruppen an den UniversitĂ€ten Berlin und Leipzig konnten sich verjĂŒngen und stabilisieren; An einer Reihe anderer UniversitĂ€ten und Hochschulen wurden kleine Abteilungen fĂŒr "Kulturtheorie und Ästhetik" eingerichtet (nur einer verschwindend geringen Zahl ihrer Mitarbeiter gelang es allerdings, zu wissenschaftlichen Fragestellungen vorzudringen), die Institute der Parteien und gesellschaftlichen Organisationen bauten ihre Kulturabteilungen aus. Das Institut der Humboldt-UniversitĂ€t versuchte es, die universitĂ€re Kommunikationen zu entwickeln, Wissenschaftler anderer Institute in eigene Projekte einzubeziehen (Zeitschrift MKF, kulturtheoretische Kolloquien, bald mit internationaler Beteiligung, Austausch mit westdeutschen Wissenschaftlern und Instituten). Eine rĂŒckblickende AufzĂ€hlung der damals eröffneten wissenschaftlichen Arbeitsfelder kann andeuten, dass damals Voraussetzungen fĂŒr eine mögliche Weiterentwicklung unter verĂ€nderten Bedingungen erbracht worden sind. Nun setzten (u. a.) ein:

- Forschungen zur aktuellen (wie historischen) Lebensweise sozialer Gruppen, zu den BedĂŒrfnissen, Verhaltensformen und Wertorientierungen vor allem der arbeitenden Menschen; "Freizeitforschung" wurde ein kulturwissenschaftliches Spezialgebiet.

- "Arbeitskultur" wurde zu einem Forschungsfeld verschiedener Disziplinen. Betrachtet wurden Wirkungen der Arbeitssituation auf die Lebensweise, Probleme der technischen KreativitÀt, Wechselbeziehungen zwischen Technik und Kultur.

- Kulturwissenschaftler und Ästhetiker wandten sich der rĂ€umlich-gegenstĂ€ndlichen Umwelt, der Siedlungs- und Wohnweise und der kulturellen Infrastruktur zu.

- Einige Studien zur lokalen, regionalen, gruppen- und schichtenspezifischen kulturellen Differenzierungen wurden vorgelegt (Gruppen der Arbeiterklasse, Jugendliche, Dörfler, technische Intelligenz).

- Ausbau der IndividualitÀts- und Persönlichkeitstheorie zu einem Konzept der "individuellen Reproduktion".

- Es wurde ein aufgeklĂ€rteres TraditionsverhĂ€ltnis ausgebildet und zu einem umfassenderen "Erbe-Konzept" beigetragen, das die frĂŒhere Enge etwas aufbrach und das dem wissenschaftlichen KulturverstĂ€ndnis stĂ€rker entsprach[7].

- Es zeigten sich erste AnsĂ€tze zur Erforschung internationaler Kulturprozesse und damit fĂŒr international-vergleichende kulturwissenschaftliche Studien.

- Die Umrisse einer Kulturgeschichte der deutschen Arbeiterklasse wurden skizziert (mit starker Betonung der enormen kulturellen Folgen von kapitalistischer Lohnarbeit, marktvermittelter Lebensweise, industrialisierter Siedlung, Kommunikation und Zeitordnung usw.) [8].


4. Weiterentwicklung und mögliche Zukunftschancen

Nach 1970 gelang es mehreren Kulturwissenschaftlern, die Grenzen philosophisch-theoretischer Reflexionen zu ĂŒberschreiten und auch die (durch die Ausbildungsverpflichtungen verursachte) Neigung zu einem ungesicherten Universalismus zu unterdrĂŒcken. Sie nahmen Arbeitsbeziehungen zu Projekten anderer (sozial- und geisteswissenschaftlichen) Disziplinen auf, "stellten" sich anderen Fachsprachen wie Methoden und fanden in einigen Bereichen Anschluss an die internationale Wissenschaftsentwicklung. Das gilt fĂŒr Spezialbereiche der Geschichtswissenschaft, der Ethnographie, der Volkskunde, der Soziologie, Psychologie und Wirtschaftswissenschaft. Aber was sich dabei in zwei Jahrzehnten bilden konnte, war mehr eine Verheißung auf KĂŒnftiges. Generell erreichten die sozialwissenschaftlichen Bereiche nur punktuell und nicht in ganzer Breite das "internationalen Niveau". Entsprechende RĂŒckstĂ€nde der Kulturwissenschaftler sind nicht so aufgefallen, weil sie mit ihren Arbeiten durchaus verblĂŒfften und Wirkungen in der Öffentlichkeit erzielen konnten. Aber die beruhten mehr darauf, dass sie sich einigen brennenden sozialen Problemen gestellt haben, weniger noch lag das an verlĂ€sslicher oder zwingender wissenschaftlicher BeweisfĂŒhrung. Diese Hinwendung zu den RealitĂ€ten hatte selbstverstĂ€ndlich Folgen fĂŒr die Ausbildung. Viele Studierende wurden nachdrĂŒcklich fĂŒr die sozialen WidersprĂŒche und Konflikte, fĂŒr die Wandlungen und Stagnationen sensibilisiert.

Verbunden mit der gleichzeitigen AnnĂ€herung an "Einzelwissenschaften" hatte das eine gewisse VernachlĂ€ssigung theoretischer und methodologischer Probleme zur Folge. Dies auch, weil jede theoretische Wendung nach wie vor den weitgehend unfruchtbaren Nachweis ihrer Übereinstimmung mit "marxistischen Grundpositionen" verlangte. So wurden neuere Entwicklungen etwa in der Handlungs-, Kommunikations- und Zeichentheorie zwar wahrgenommen, aber nicht hinreichend verarbeitet und auch geisteswissenschaftliche Differenzierungen der letzten Jahrzehnte konnten bei der stark sozialwissenschaftlichen Orientierung keine große Rolle spielen. Zugleich differenzierten sich die Arbeitsweisen aber dadurch, dass Anregungen der Biographie- und Lebenslaufforschung, von ethnohistorischen, symbol- und systemtheoretischen Forschungen aufgenommen worden sind. Von einem "einheitlichen" kulturtheoretischen Konzept konnte seitdem nicht mehr die Rede sein. Über die mögliche TragfĂ€higkeit der vertretenen kulturwissenschaftlichen ForschungsansĂ€tze wĂ€re im Kontext konkreter Projekte zu entscheiden - die aber sind vorlĂ€ufig nicht in Sicht.

Ein Gesamturteil fĂ€llt schwer und dĂŒrfte auch nicht objektiv ausfallen. Der universalistische Anspruch ergab sich aus der Aufgabenstellung. Er war verbunden mit der Übernahme vieler „passender“ Ideen, ohne dass das auf die ferneren Konsequenzen durchgearbeitet werden konnte. Dazu war die Anzahl der Kulturwissenschaftler in der DDR zu gering, und es gab bei den Freunden im Osten keine Partner. Auch im eigenen Lande fehlten bei den meisten der relevanten Disziplinen verwandte durchgearbeitete Konzepte. So hatte diese Disziplin - von ihren praktischen Verwicklungen ganz abgesehen - einen unbekĂŒmmert-eklektischen Grundzug. Sie war nicht auf Abgrenzung aus, sondern offen fĂŒr alles Brauchbare. Weder von der LeistungsfĂ€higkeit des Personals noch von den Ergebnissen her soll die ostberliner Kulturwissenschaft ĂŒberbewertet werden. Nimmt man aber die ausgebildete wissenschaftliche Haltung zu den sozialen und kulturellen RealitĂ€ten und die WirklichkeitsnĂ€he der ausgebildeten Studenten so gehört sie wohl zu den Erfolgsgeschichten der DDR.

Konnte die hier skizzierte ostdeutsche Kulturwissenschaft unter den verĂ€nderten Bedingungen eine Zukunft haben? Schon die Frage mĂŒĂŸig. Denn es gelang den Kulturwissenschaftlern der Humboldt-UniversitĂ€t zwar noch, einen breiten internationalen Protest zu organisieren, der die sofortige (und schon beschlossene) Abwicklung der Fachrichtung wie die der beiden Institute stoppte (bekanntlich in einer Art "Kampfabstimmung" der Landesregierung gegen die zustĂ€ndige Wissenschaftssenatorin), doch die dann tĂ€tige SBK hielt von dem hier skizzierten Zuschnitt von Kulturwissenschaft ĂŒberhaupt nichts und hat durch ihre Entscheidungen die FortfĂŒhrung der dreißigjĂ€hrigen Entwicklung und auch jedes AnknĂŒpfen daran unmöglich gemacht. Die einstige StĂ€rke der DDR-Kulturwissenschaft wurde ihr - und darin lag eine gewisse Konsequenz - sogar als „Soziologismus“ angelastet. Die westlichen VerdrĂ€ngungswissenschaftler, die das Institut daraufhin ĂŒbernahmen, können ohne jede HĂ€me als mittleres Personal des geistesgeschichtlichen Mainstreams qualifiziert werden. Dies ist ĂŒbrigens das einzige, was man ihnen bei der SelbstverstĂ€ndlichkeit zugute halten kann, mit der sie sich das Ă€lteste deutsche kulturwissenschaftliche Institut[9] aneigneten und in die Bedeutungslosigkeit fĂŒhrten.

Womöglich kommt eine ĂŒbergreifende Betrachtung der heutigen kulturwissenschaftlichen Situation zu einem Ă€hnlich negativen Befund - sieht man von den verwandten Ethnologen, Soziologen und Kommunikationswissenschaftlern ab. Es dĂŒrfte keine Übertreibung sein, wenn man mit dem Blick auf die kulturellen UmbrĂŒche und Konflikte der Gegenwart die deutsche Kulturwissenschaft als eine komplette Leerstelle bezeichnet. Dies nicht nur wegen der weitgehenden Distanz, die die wenigen Kulturwissenschaftler zu den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und alltagswirklichen Verwicklungen der Kulturen haben. Das Gerede ĂŒber den sogenannten Cultural Turn in den Wissenschaften - auf Deutsch: nun soll alles irgendwie Kultur sein - tĂ€uscht auch noch darĂŒber hinweg, dass die seriöse Kulturwissenschaft hierzulande auch quantitativ strĂ€flich unterentwickelt ist.

Vielleicht liegt in dem Unbehagen an dieser Malaise das Motiv fĂŒr einen RĂŒckblick. Und so sollte trotz (oder gerade wegen?) des unrĂŒhmlichen Endes der ostdeutschen Kulturwissenschaft die Frage aufgeworfen werden, was deren Tradition hĂ€tte einbringen können. Hier ein Vorschlag in fĂŒnf Punkten, der - das ist ja unschwer zu erkennen - sich auch an den ĂŒberdeutlichen MĂ€ngeln des geistesgeschichtlichen Unterhaltungsbetriebs reibt, der heute als Kulturwissenschaft firmiert. Zu den eigenstĂ€ndigen Merkmalen ostdeutscher Kulturwissenschaft zĂ€hle ich (und dies scheint mir die Kollegen der Leipziger UniversitĂ€t wie die der Gewi-Akademie einzuschließen):

1. eine bestimmte marxistische Traditionslinie, innerhalb derer immer wieder aufs Neue nach den sozialen und kulturellen Vermittlungen zwischen sozialen Markrostrukturen und individuellem Dasein gesucht wurde.

2. einen bestimmten Sinn fĂŒr die Nöte und fĂŒr die Chancen der Menschen in der modernen Welt - Voraussetzung fĂŒr jedes wissenschaftliche und praktische Interesse an Kultur.

3. eine bestimmte gesellschaftskritische Haltung, ohne die Kulturwissenschaft sinnlos ist. Aus dieser Geisteshaltung folgen ihre Utopien, ihre Änderungsabsichten und ihre wissenschaftliche SensibilitĂ€t. Sie waren untrennbar verbunden mit Hoffnungen, die an eine reformierte DDR geknĂŒpft waren. Es muss nicht betont werden, dass sie durch den Beitritt zur Bundesrepublik nicht erfĂŒllt worden sind.

4. eine thematische Orientierung, die zwar die heutige Problemlage nicht annĂ€hernd erschöpft, sich aber keineswegs auf die spezifischen Verwicklungen des "Staatssozialismus" beschrĂ€nkte: Wandlungen der Lebensweisen und Lebensstile, Spannungen zwischen Individualisierung und Massenkultur, ökologische Wende in der abendlĂ€ndischen Kulturauffassung, kulturelle Situation der Frauen, Voraussetzungen fĂŒr einen kulturellen Pluralismus (Gruppenkulturen, Minderheiten, Föderalismus), kulturelles Leben der StĂ€dte und Gemeinden (Soziokultur, Vereinswesen), Formen der Kulturförderung, Spanne zwischen Alternativkultur und kommerziellem Kulturbetrieb usw. Und schließlich auch die Frage danach, was denn europĂ€ische Kultur sei und wie darin deren (staats)sozialistische Elemente platziert sind.

5. Einige Kenntnis der ostdeutschen Kultur und ihrer Geschichte.

Wenn das so ist, könnten sich die „Absolventen“ dieses Studienganges in den aktuellen Kulturdebatten als ein nĂŒtzliches Potenzial erweisen oder erwiesen haben. Dem nachzugehen und auch zu fragen, worin ihre spezifische Reaktionsweise auf die Kulturprobleme der heutigen Gesellschaften besteht, dĂŒrfte Aufschluss ĂŒber die RealitĂ€tsnĂ€he des vertretenen kulturtheoretischen Ansatzes geben.


Nachsatz zu einem idealen Aufbau des Studiengangs Kulturwissenschaft

Obwohl gerade die "Logik" der Kulturwissenschaft(en) durch die allgemeine theoretische Zerstreuung in den letzten Jahrzehnten strittiger denn je geworden ist, mag dennoch eine Art Strukturvorschlag das hier vertretene kulturwissenschaftliche Konzept etwas anschaulicher machen. Es ist ein (unter den gegebenen Bedingungen gewiss nicht realisierbarer) Vorschlag fĂŒr eine ideale Struktur universitĂ€rer Kulturwissenschaft. Er ist einseitig, versucht aber Tendenzen der internationalen Wissenschaftsentwicklung ebenso zu berĂŒcksichtigen wie die Leistungen der frĂŒhen deutschen Kulturgeschichtsschreibung, die deutschen Traditionen historischer Kultursoziologie und Ethnographie. Es ist dies auch eine (gewiss nur ideale) Gliederung der im Studiengang Kulturwissenschaft zu prĂ€sentierenden FĂ€cher.

Das Modell unterscheidet drei Ebenen: Theorien, Teildisziplinen und angewandte Bereiche:

1. Allgemeine Kulturtheorie; sie umfasst etwa folgende Teilgebiete
* Theorien der Kulturgeschichte
* Theorien der kulturellen Systeme und der Kommunikation
* Theorien "individueller Reproduktion", der Biographie
* Theorien kultureller Wertung
* Kultursemiotik
* Wissenschaftsgeschichte u. Methodologie der Kulturwissenschaft

2. Kulturwissenschaftliche 'Teildisziplinen" (etwa)
* Kulturgeschichte / historische Anthropologie
* International vergleichende. Kulturforschung
* Ethnologie (Völkerkunde u. europÀische Volkskunde)
* Kultursoziologie
* Kulturelle Kommunikations- und Medienwissenschaft
* Theorie und Geschichte von Kulturpolitik und Kulturarbeit
* Kulturökonomie

3. Angewandte Kulturwissenschaft (etwa)
* KulturpÀdagogik
* FreizeitpÀdagogik
* Interkulturelle Erziehung
* Organisation und Verwaltung kultureller Prozesse
* Ökonomie kultureller Einrichtungen
* Kulturrecht


Anmerkungen

1 ] Vgl. dazu: Dietrich MĂŒhlberg, Kulturwissenschaften. In: EuropĂ€ische EnzyklopĂ€die zu Philosophie und Wissenschaften, Bd. 2, Hamburg 1990, S. 912 - 919.

2 ] dazu gehörten vor allem Bibliothekswissenschaft bzw. Information und Dokumentation, einzelne Studierende entschieden sich fĂŒr Soziologie, Geschichte, Ethnographie, Philosophie, Hungarologie oder Theologie.

3 ] Das Ànderte sich erst in den 70er Jahren wirklich, als sich die Soziologie - Àhnlich wie die Kulturwissenschaft - aus der Einbindung in die Philosophie löste.

4 ] Herrmann Bausinger, Volkskultur in der technischen Welt Stuttgart 1961

5 ] Bereits 1962 war Robert Weimann „New Criticism“ erschienen, 1967 folgte „Shakespeare und das Volkstheater“. Eine Gruppe des 1969 gegrĂŒndeten Zentralinstituts fĂŒr Literaturgeschichte (ZIL) hat schon bald ihr sozial gegrĂŒndetes kommunikationstheoretisches Literaturkonzept in einer Serie von Publikationen expliziert. Diese Gruppe hatte sich vorher als Abteilung „Literaturtheorie und allgemeine Literaturwissenschaft“ am kulturwissenschaftlichen Institut gebildet. Ihr gehörten Robert Weimann, Wilhelm Girnus, Nyota Thun und Manfred Naumann an (der hier ein kunstsoziologisches Gemeinschaftsprojekt begann).

6 ] wie Lothar Parade meinte.

7 ] Vgl. dazu: Georg Iggers, Social History in the GDR. New Orientations in Recent East European Historiography (Introduction), Oxford 1991.

8 ] Vgl. dazu: Dietrich MĂŒhlberg, Zum Stand kulturgeschichtlicher Proletariatsforschung in der DDR. In: Friedhelm Boll (Hg.), Arbeiterkulturen zwischen Alltag und Politik, Wien-MĂŒnchen-ZĂŒrich 1986, S. 71-48. Siehe dazu auch: Volker Gransow, Zwischen Bier und Bildung. Kulturwissenschaftliche Revisionen in der DDR. In: Deutschland Archiv, 22. Jahrgang, Juni 1989, S. 667-671.

9 ] An der Leipziger UniversitĂ€t wurde das adĂ€quate Institut erst kurze Zeit spĂ€ter selbstĂ€ndig - wenn solche Zeitrechnung auch in der Sache keine Rolle spielt. Aber man kann anfĂŒhren, dass der langjĂ€hrige Chef des Leipziger Instituts - Erhard John - an der ersten kulturwissenschaftlichen Dissertation „neuen Typs“ bereits 1956 zu arbeiten begann - allerdings als Doktorand am philosophischen „Mutterinstitut“ der Kulturwissenschaftler in Berlin.