KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2003
Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn: Kultur
Uwe Rada
Berlin - Tor zum Westen?
Zwei Bemerkungen

Ich will mit zwei Beobachtungen beginnen, einer zwei Jahre alten und einer aktuellen:

Auf dem Bahnhofsvorplatz in Poznan stand im November 2000 eine großflächige Werbetafel der polnischen Staatsbahn PKP. Darauf stand: "Do Warszawy i Berlina Pociagami EC, IC, Ex - Najszybciej" - "Nach Warschau und Berlin am schnellsten mit Eurocity, Intercity und Express". Auch vor der Einführung des "Berlin-Warszawa-Express" (der ohnehin nur eine neue, teurere Verpackung für alte Schläuche war), war Berlin für die Bahnreisenden der westpolnischen Boomtown ein Reiseziel, für das zu werben sich lohnte.

Auch auf dem Bahnsteig des Regionalbahnhofs Berlin Alexanderplatz war vor kurzem eine Werbetafel zu sehen, eine äußerst ungewöhnliche sogar, denn sie war auf polnisch. Darauf stand: "Pewny przekaz pieniezny to nasza mocna strona" - "Sichere Geldüberweisungen sind unsere starke Seite". Mit diesem seltenen Beispiel überschritt das an polnischsprachige Reisende gerichtete Ethno-Marketing die Werbung in polnischen Printmedien. Das ist insofern bemerkenswert, als dieser Schritt in Richtung Outdoor-Werbung von der Privatwirtschaft, in diesem Fall der "Western Union" gegangen wurde, und nicht von öffentlichen Institutionen wie der BVG, der Berliner Flughafengesellschaft oder den Straßenverkehrsbehörden. Es gibt offenbar einen Markt für Hinweise auf polnisch im öffentlichen Raum, nur hat das von den Politikern und Beamten in Berlin noch keiner gemerkt.


Tor zum Westen

Es soll also hier um Berlin gehen, um "Berlin als Tor zum Westen". Vor dem Hintergrund der neu erwachten Diskussionen über die räumliche Lage Berlins wären andere Begriffe – Knoten, Korridore, Zentrum oder Grenzstadt – sicher treffender. Nimmt man „Tor zum Westen“ aber als Metapher, ist der Begriff durchaus brauchbar. Schließlich bemüht Berlin seit dem Fall der Mauer selbst dieses Bild, allerdings nicht als „Tor zum Westen“, sondern als „Tor zum Osten“.

In dieser Gegenübersetzung liegt auch schon das ganze Dilemma der letzten Jahre. Indem sie trotzig auf dem Leitbild Tor zum Osten beharrten, übersahen die Akteure, dass Berlin schon längst zum Tor des Westens geworden war. In Marzahn zum Beispiel spricht inzwischen jeder zehnte Bewohner Russisch. Insgesamt leben in Berlin über 100.000 russischsprachige Spätaussiedler beziehungsweise ihre russischen Familienangehörigen. Hinzu kommen 15.000 jüdische Migranten, die als Kontingentflüchtlinge aufgenommen wurde, den bekanntesten von Ihnen kennen Sie alle, es ist Wladimir Kaminer.

Noch deutlicher wird die Bewegung von Ost nach West, wenn man sich die polnische Migration anschaut. Neben den 30.000 polnischen Staatsbürgern, die seit den achtziger Jahren hier leben, im wesentlichen als Flüchtlinge vor dem Kriegsrecht, sind ebenfalls etwa 100.000 Spätaussiedler nach Berlin gekommen. Anders als die Russischsprachigen, die hier fernab der alten Heimat leben, halten sie den Kontakt zu Polen meistens aufrecht.

Schließlich, und hier gibt es kaum verlässliche Zahlen, kommen nach Berlin die, die hier nicht dauerhaft leben, sondern als Pendler arbeiten wollen. Wer am Montag morgen einmal mit dem Zug von Küstrin nach Berlin gefahren ist, bekommt eine bildhafte Vorstellung von der Lage Berlins als erster Stadt des Westens. Manche, wie die Berliner Ausländerbeauftragte sagen, etwa 100.000 Pendler seien regelmäßig in Berlin, eine Zahl die der polnische Sozialrat nicht bestätigen will. Sei’s drum, inzwischen haben auch die Pendler ihren festen Platz in dieser Stadt, man muss sich nur umhören und fragen, wie es sein Gegenüber mit der Putzfrauenfrage hält.

Und dann sind ja noch die, die nicht in Berlin leben und arbeiten wollen, also die Touristen. 150 Millionen Menschen passieren mittlerweile jährlich die deutsch-polnische Grenze, die meisten von ihnen, etwa zwei Drittel von ihnen sind Polen. Es gibt also auch hier eine Ost-West-Bewegung. Und die führt nicht nur zu den europäischen Baustellen und Urlaubszielen, sondern auch zum Kaufhof am Alexanderplatz, zum Kurfürstendamm, zum Potsdamer Platz und auf die Museumsinsel.


Blick auf Berlin

Welches Bild von Berlin haben nun diejenigen, die sich auf diesen verschiedenen Wegen und aus den unterschiedlichsten Gründen auf den Weg machen?

Ist es das des Nachrichtenmagazins "Wprost", das unlängst mit einer Titelgeschichte über den deutschen „Drang nach Osten“ Aufsehen erregte und zuvor in einem Beitrag über die "Dziura Berlinska", das Berliner Loch, vom Haushaltsnotstand in Berlin berichtete und die Frage aufwarf, wie lange sich Berlin wohl noch seine hochsubventionierte Kulturlandschaft würde leisten können?

Haben die Reisenden, Studenten aus Breslau oder Stettin zum Beispiel, den anspruchsvollen Reiseführer des Pascal-Verlags in die Hand genommen. Dort erfahren sie allerlei über die Kneipenszene in Mitte und Prenzlauer Berg, über Schwule und Lesben, aber nichts über den in Berlin inzwischen populären Club der polnischen Versager. Haben Sie, wenn sie in Warschau leben, vielleicht einmal die „Berlin-Tage in Warschau“ erlebt, jenes Hauptevent der Städtepartnerschaft Berlin-Warschau, in dem sich Berlin freilich weniger als Kulturmetropole präsentiert, sondern als Kompetenzzentrum für Plattenbausanierungen.

Vielleicht haben sie auch nur den Stellenmarkt in der polnischen Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" durchgeblättert, nach Stellenangeboten für Reinigungskräfte, Handwerker oder Mädchen für alles. Suche Arbeit, steht dort meist nur, Deutschkenntnisse nötig, oder auch nicht.

Den vielleicht aufschlussreichsten Beitrag über das Berlin-Bild in Polen hat allerdings vor einiger Zeit das Nachrichtenmagazin „Polityka“ veröffentlicht. Unter der Überschrift „Kierunek Berlin“ (Richtung Berlin) war auf der Titelseite ein Foto des Brandenburger Tors abgebildet. Darunter stand „Co nas czeka za brama“ – „Was erwartet uns hinter dem Tor“. Die Antwort lautete: Nichts, was uns Angst bereiten müsste. Schon gar nicht würde Warschau, wie zuvor rhetorisch gefragt wurde, ein Vorort von Berlin werden.

Und doch, so lautete das Resümee dieser Titelgeschichte, würde Berlin in vielem die Richtung angeben. Vor allem in den Grenzregionen würde es als natürlicher Magnet ein neues, grenzüberschreitendes Zentrum bilden. Sinnbild dafür wäre der neue Lehrter Bahnhof, der größte in ganz Europa, der seine Rolle als Drehscheibe nur entfaltete, wenn er die Ströme der Reisenden nicht nur nach Westen, Norden und Süden, sondern auch nach Osten verteilt. Oder, in „Richtung Berlin“, aufnimmt.


Gebrauchswissen

Es wird erstaunlich viel geschrieben über Berlin in den polnischen Medien, in Tageszeitungen wie in politischen Magazinen. Dass Berlin für die meisten Polen keine fremde Stadt mehr ist, liegt aber auch noch an einem anderen Wissen über die Stadt, einem Wissen, das nicht aus den Medien herrührt, sondern aus eigenen Erfahrungen oder denen von Verwandten und Bekannten.

Es ist dies ein „Gebrauchswissen“, das bis weit nach Polen hinein verbreitet ist. Der Ethnologe Norbert Cyrus hat das einmal am Beispiel der Pendlerökonomie beschrieben. Es ist ein engmaschiges Netz an Kontakten, das ganz Westpolen überzieht und es jedem Arbeitssuchenden ermöglicht, bereits zu Hause Kontakt zu seinem neuen Arbeitsgeber aufzunehmen.

Über dieses Gebrauchswissen verfügen aber nicht nur die Pendler, sondern auch die Touristen. Auch sie benutzen Berlin inzwischen mit einer Selbstverständlichkeit, von der wir noch sehr wenig wissen. Die Stettiner fliegen ab Tegel in den Urlaub, die Scheibenwäscher kommen von Bialystok zur Elsenbrücke, um sich dort die langersehnte Europareise zu erwirtschaften. Die junge Breslauer Szene zieht es manchmal eher nach Berlin als nach Warschau. Und die Love Parade, die in Polen Parada Milosci heißt, hat in den vergangenen Jahren Zehntausende junger Polen nach Berlin gezogen. Und inzwischen, so hat es die IHK errechnet, machen Polen und Russen 40 Prozent des Einzelhandelsumsatzes unter den ausländischen Berlin-Besuchern aus.

Richtung Berlin, das ist eine Bewegung auf vielen Wegen. Berlin ist für polnische Reisende und die Polen in Berlin eine Selbstverständlichkeit geworden, eine Stadt, die nicht mehr nur fremd ist, sondern auch vertraut. Wer von Polen nach Berlin kommt, fährt nicht mehr in die Fremde, sondern ist angekommen. Die polnischen Hinweisschilder auf den Bahnsteigen von Poznan und Berlin-Alexanderplatz schaffen keine neue Realität, sie bilden sie nur ab.


Fremdes Polen

Wie aber sieht es umgekehrt aus? Wie selbstverständlich ist Polen für die Berliner? Was wissen wir von Polen?

Fragen Sie einmal in Ihrer Arbeitsumgebung, welche drei polnischen Wojewodschaften an der Grenze liegen. Was ihre Hauptstädte sind. Wie weit Stettin von Berlin entfernt liegt, wie viele Einwohner es hat.

Oder schauen Sie in die Zeitungen, nicht in die Berichte der Polenkorrespondenten, sondern an die Stellen, an denen es eigentlich um ein ähnliches Gebrauchswissen gehen müsste, von dem vorhin die Rede war. In den Berliner Zeitungen finden Sie davon so gut wie gar nichts, und in den grenznahen Regionalzeitungen zumeist nur Berichte über Diebstähle oder Schlepperbanden, die Flüchtlinge aus dem so genannten „Warteraum Polen“ über Oder und Neiße bringen wollen.

Selbst ambitionierte Projekte, wie eine gemeinsame wöchentliche Seite der Lausitzer Rundschau und der Gazeta Lubuska wurden inzwischen eingestellt. Die Begründung lautete von deutscher Seite: Es gebe schlicht kein Interesse. Und das scheint sogar zu stimmen. Wenn man sich den deutsch-polnischen Pressespiegel im Grenzgebiet anschaut, der bis vor anderthalb Jahren noch von der Transodra und dem Stettiner Zentrum für europäische Integration herausgegeben wurde, stellt man fest, dass auch im Grenzgebiet von polnischer Seite mehr über die deutsche geschrieben wurde als umgekehrt.

Die Transodra gibt es inzwischen auch nicht mehr. Das brandenburgische Europaministerium hat die Gelder gestrichen. Auch hier die Begründung. Kein Interesse.


Asymmetrie

Von Alltagswissen, gar Gebrauchswissen gegenüber Polen kann also von deutscher Seite keine Rede sein. Es herrscht vielmehr eine Asymmetrie der Interessen, wie es der Leiter des Collegium Polonicum in Slubice, Krzysztow Wojciechowski einmal gesagt hat.

An dieser Asymmetrie, und damit wären wir wieder in Berlin, ist die Politik ganz wesentlich beteiligt. Sie alle wissen es, seit mehr als zehn Jahren schaut man in Berlin vornehmlich in Richtung Westen. Der Osten, selbst Polen war im Grunde nur als Absatzmarkt für Berliner Produkte oder als Betätigungsfeld für Berliner Firmen interessant. Nicht einmal um die polnischen Kunden hatte man sich bemüht. Obwohl sich Berlin selbst als Os-West-Drehscheibe wähnte, kehrte die Städte ihrem Osten den Rücken zu.

Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit Polnisch als Fremdsprache in den Berliner Schulen. Während in jedem anderen Grenzgebiet Zweisprachigkeit – auch als Voraussetzung für interkulturelle Kompetenz - als erstrebenswert gilt, kann in Berlin davon keine Rede sein.

Zwar sagte der Berliner Schulsenator in einer Rede zum Thema "Berlin - Stadt des Wissens" am 7. April 2001: "Wir haben in Berlin die besondere Chance, dass wir die Sprache unserer Nachbarländer, insbesondere Polnisch, stärken."

Und so sieht die Realität aus. Polnisch wird in Berlin derzeit in den drei deutsch-polnischen Europaschulen angeboten. Der Robert-Jungk-Schule in Wilmdersdorf, einer Gesamtschule. Der Gabriele-von-Bülow Oberschule, einem Gymnasium in Reinickendorf. Und der Goerdeler-Grundschule in Charlottenburg.

In der Robert-Jungk-Schule ist Polnisch seit 1997/98 als zweite Fremdsprache zugelassen. Seitdem entscheiden sich etwa zehn Schüler pro Jahrgang dafür. Zum Vergleich. Am deutsch-polnischen Gymnasium im mecklenburg-vorpommerschen Löcknitz sind es 50 Prozent.

Noch schlechter sieht es bei der Gabriele-von-Bülow-Schule aus. Die wurde erst seit Mai 2001 zu einer "europäischen Begegnungsschule mit Polen" erklärt, bietet Polnisch aber lediglich als dritte Fremdsprache. In der Goerdelerschule schließlich ist Polnisch für zwei Vorklassen und eine Klasse 1 Begegnungssprache.

Hier zu zwei Vergleiche. Der eine ist aus Berlin selbst. Anders als Polnisch kann man Russisch in Berlin an 49 Gymnasien beziehungsweise Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe als zweite Fremdsprache belegen. Fast möchte man meinen, achtzig Kilometer von Berlin entfernt beginnt nicht die polnische, sondern die russische Grenze.

Das zweite Beispiel ist Brandenburg. Dort lernen inzwischen über 1.200 Schüler polnisch. 116 Schulen haben eine Partnerschaft mit polnischen Schulen geschlossen. Selbst die Kleinen lernen Polnisch als Begegnungssprache kennen, und zwar im Rahmen des bereits seit 1994 existierenden deutsch-polnischen Projektes "Spotkanie heißt Begegnung - Ich lerne Deine Sprache". Getragen wird das Projekt von den "Regionalen Arbeitsstellen für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule Brandenburg" (RAA). Das Projekt ist für Grundschüler der 3. und 4. Klasse konzipiert und beinhaltet pro Woche zwei Stunden Deutsch-, bzw. Polnischunterricht sowie mindestens acht Begegnungen zwischen den Partnergruppen. Mittlerweile wurden 36 Deutsch- und 38 Polnisch AG's auf beiden Seiten der Oder eingerichtet.


Zukunft

Wo stehen wir also in unserer angeblichen kulturellen Mitte zwischen Ost und West?

Meine These hierzu lautet. Es gibt zwei grundverschiedene Umgänge mit dem Thema. Der eine lautet weitere Verdrängung dessen, dass Berlin mehr ein Tor zum Westen denn ein Tor zum Osten ist.

Der andere ist der Versuch, mit der Tatsache, ein Tor zum Westen und eine Grenzstadt zu sein, pragmatisch umzugehen.

Bespiele für eine Verdrängung finden sich auf allen Ebenen der Verwaltung. Die Ignoranz des Schulsenators gehört ebenso dazu wie die Absicht, in Hellersdorf und Marzahn leerstehende Plattenbauten abzureißen, obwohl man weiß, dass es womöglich bald wieder eine Nachfrage nach bislang eher unvermietbaren Wohnungen geben kann. Auch der Umbau des Alexanderplatzes gehört meines Erachtens zu einer solchen Politik der Abschottung. Interessant ist hier auch das Vokabular der Akteure. So heißt es etwa in der Stadtentwicklungsverwaltung ganz unverblümt, dass der Alex nicht mehr länger ein offener Platz sein, sondern geschlossen werden soll. Nicht mehr länger ein Platz des Ostens, ein Tor zum Osten (oder zum Westen, je nach Perspektive), sondern ein Platz für alle Berliner.

Was das heißt, wissen Sie. 350.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche sind hier geplant, das ist das siebenfache des Potsdamer Platzes. Für die zahlungskräftige polnische Kundschaft mag das ein Angebot sein, für die anderen, die Berlin als erste Stadt des Westens betrachten, und die sind wohl in der Mehrzahl, türmt sich dagegen am Alex eine städtisches Gewitter auf, das das Gegenteil eines Tores ist, nämlich eine Barriere.

Es gibt aber auch Gegenbeispiele, die auch Hinweis darauf sind, dass ein umdenken stattgefunden hat. Im November 2001 etwa widmete sich das Berliner Stadtforum dem Thema Westpolen. Dort wurde immerhin auch Klartext geredet. Dass es ein nicht hinnehmbar sei, keine Direktverbindung nach Stettin zu haben, immerhin die Berlin am nächsten gelegene Großstadt.

Dass im Umkreis von 300 Kilometern, also jener Strecke, die man innerhalb eines Tages hin und zurück erreichen kann, neun Millionen Polen leben, alles potenzielle Kunden für die Berliner Wirtschaft.

Dass es ein Skandal sei, wenn die Fahrgäste im Zug von Küstrin nach Berlin immer noch schikaniert würden, weil dieser Zug immer noch als Schmugglerzug gilt.

Dass das Polnische nicht länger eine exotische Sprache sein dürfe.

Diese Selbstkritik eines Mitarbeiters der Strieder-Verwaltung richtete sich auf etwas, das tatsächlich selbstverständlich sein müsste, dass nämlich Berlin seine Lage als Grenzstadt oder Tor zum Westen auch als Chance begreifen sollte. Dass es sich seinen Gästen und Bewohnern aus Polen noch weiter öffnet. Nicht aus humanitären Gründen wie noch Anfang der achtziger Jahre als Zehntausende Flüchtlinge der Solidarnosc nach Berlin kamen, sondern aus purem Eigennutz. Dass Berlin begreifen muss, dass es ein Tor zum Osten nur werden kann, wenn es seine Lage als Tor zum Westen und Grenzstadt ernst nimmt.

Diesbezüglich scheint sich auch in der Wirtschaftsverwaltung ein pragmatischerer Umgang abzuzeichnen. Das betrifft vor allem den Umgang mit der informellen Ökonomie. Wie Sie wissen, wird in der Hauptstadt schon jeder fünfte Euro schwarz erwirtschaftet, genauer gesagt 21,6 Prozent. Damit ist Berlin tatsächlich einmal nicht mehr Schlusslicht unter den deutschen Bundesländern, sondern Spitzenreiter. Selbst den internationalen Vergleich braucht es nicht zu scheuen. 21,6 Prozent, das ist auch ein europäischer Spitzenwert. Wir haben also hier zwar keine süditalienischen Verhältnisse, norditalienische aber allemal.

Natürlich tut man sich noch schwer, das anzuerkennen. Aber zu den Dingen, die in Bewegung geraten sind, zähle ich immerhin einen Auftritt des Berliner Wirtschaftsstaatssekretärs Volkmar Strauch auf einer Konferenz zum Thema "BorderCity Berlin - Chancen einer Grenzstadt", die von Helle-Panke organisiert, im Oktober in der Europäischen Akademie stattgefunden hat.

Auf dieser Konferenz erklärte Strauch, dass zum Beispiel der informelle Sektor auch Vorteile mit sich bringe: "Es gibt hier Entwicklungen, die sich auch auf andere Teile der Wirtschaft positiv auswirken." Dies betreffe vor allem die Grenznähe und die in Berlin arbeitenden polnischen Pendler. Strauch beklagte weiter, dass man über das Thema informelle Ökonomie oder Schattenwirtschaft immer nur als Problem rede oder es aber elegant umschiffe.

Dabei wäre eine neue Diskussion nötig, die auch die Chancen betone. Seine Rolle sehe er darin, einige Fragen zu stellen: "Warum nicht einmal durchrechnen, was die steuerliche Absetzungsfähigkeit für Investitionen in die eigene Wohnung bringt?" Vielleicht komme man dann zum Ergebnis, dass Steuerausfälle durch Steuereinnahmen aufgrund legaler Beschäftigung vormals illegaler Handwerker übertroffen werde.

Auch beim Thema Osterweiterung schlug der ehemalige Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer neue Töne an. "Für Berlin mit seiner Grenznähe wäre eine sofortige Erweiterung ohne Einschränkung der Freizügigkeit das Beste." Strauch plädierte deshalb für eine "Politik des Augezudrückens". Man müsse also "alle Ausnahmevorschriften und Ermessensspielräume nutzen, und zwar in dem Sinne, als wäre Polen jetzt schon Mitglied der EU und nicht erst in anderthalb Jahren".

Strauchs Fazit: "Nur so können wir gegenüber anderen Regionen und Städten den Vorteil der Grenznähe ausnutzen."


Fazit

Deuten diese kleinen Schritte, und damit komme ich zum Ende, aber auf einen grundlegenden Wandel im Denken hin? Sind sie sogar vielleicht Vorboten eines Blickwechsels von West nach Ost, gar eines Perspektivenwechsels, mit dem Ziel, Berlin als "Tor zum Westen" oder als Grenzstadt ernst zu nehmen?

Ich glaube, dass das, trotz aller Pragmatik, die sich abzeichnet, erst der Fall sein wird, wenn sich auch ein anderes Polenbild durchsetzt, wenn die Asymmetrie der Interessen abgebaut wird. Dazu müssen aber auch die Voraussetzungen geschaffen werden. Durch Tore muss man nicht nur gehen wollen, man muss auch durch sie gehen können.