KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ThemaKulturation 1/2003
Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn: Kultur
Uwe Rada
Berlin - Tor zum Westen?
Zwei Bemerkungen

Ich will mit zwei Beobachtungen beginnen, einer zwei Jahre alten und einer aktuellen:

Auf dem Bahnhofsvorplatz in Poznan stand im November 2000 eine großflĂ€chige Werbetafel der polnischen Staatsbahn PKP. Darauf stand: "Do Warszawy i Berlina Pociagami EC, IC, Ex - Najszybciej" - "Nach Warschau und Berlin am schnellsten mit Eurocity, Intercity und Express". Auch vor der EinfĂŒhrung des "Berlin-Warszawa-Express" (der ohnehin nur eine neue, teurere Verpackung fĂŒr alte SchlĂ€uche war), war Berlin fĂŒr die Bahnreisenden der westpolnischen Boomtown ein Reiseziel, fĂŒr das zu werben sich lohnte.

Auch auf dem Bahnsteig des Regionalbahnhofs Berlin Alexanderplatz war vor kurzem eine Werbetafel zu sehen, eine Ă€ußerst ungewöhnliche sogar, denn sie war auf polnisch. Darauf stand: "Pewny przekaz pieniezny to nasza mocna strona" - "Sichere GeldĂŒberweisungen sind unsere starke Seite". Mit diesem seltenen Beispiel ĂŒberschritt das an polnischsprachige Reisende gerichtete Ethno-Marketing die Werbung in polnischen Printmedien. Das ist insofern bemerkenswert, als dieser Schritt in Richtung Outdoor-Werbung von der Privatwirtschaft, in diesem Fall der "Western Union" gegangen wurde, und nicht von öffentlichen Institutionen wie der BVG, der Berliner Flughafengesellschaft oder den Straßenverkehrsbehörden. Es gibt offenbar einen Markt fĂŒr Hinweise auf polnisch im öffentlichen Raum, nur hat das von den Politikern und Beamten in Berlin noch keiner gemerkt.


Tor zum Westen

Es soll also hier um Berlin gehen, um "Berlin als Tor zum Westen". Vor dem Hintergrund der neu erwachten Diskussionen ĂŒber die rĂ€umliche Lage Berlins wĂ€ren andere Begriffe – Knoten, Korridore, Zentrum oder Grenzstadt – sicher treffender. Nimmt man „Tor zum Westen“ aber als Metapher, ist der Begriff durchaus brauchbar. Schließlich bemĂŒht Berlin seit dem Fall der Mauer selbst dieses Bild, allerdings nicht als „Tor zum Westen“, sondern als „Tor zum Osten“.

In dieser GegenĂŒbersetzung liegt auch schon das ganze Dilemma der letzten Jahre. Indem sie trotzig auf dem Leitbild Tor zum Osten beharrten, ĂŒbersahen die Akteure, dass Berlin schon lĂ€ngst zum Tor des Westens geworden war. In Marzahn zum Beispiel spricht inzwischen jeder zehnte Bewohner Russisch. Insgesamt leben in Berlin ĂŒber 100.000 russischsprachige SpĂ€taussiedler beziehungsweise ihre russischen Familienangehörigen. Hinzu kommen 15.000 jĂŒdische Migranten, die als KontingentflĂŒchtlinge aufgenommen wurde, den bekanntesten von Ihnen kennen Sie alle, es ist Wladimir Kaminer.

Noch deutlicher wird die Bewegung von Ost nach West, wenn man sich die polnische Migration anschaut. Neben den 30.000 polnischen StaatsbĂŒrgern, die seit den achtziger Jahren hier leben, im wesentlichen als FlĂŒchtlinge vor dem Kriegsrecht, sind ebenfalls etwa 100.000 SpĂ€taussiedler nach Berlin gekommen. Anders als die Russischsprachigen, die hier fernab der alten Heimat leben, halten sie den Kontakt zu Polen meistens aufrecht.

Schließlich, und hier gibt es kaum verlĂ€ssliche Zahlen, kommen nach Berlin die, die hier nicht dauerhaft leben, sondern als Pendler arbeiten wollen. Wer am Montag morgen einmal mit dem Zug von KĂŒstrin nach Berlin gefahren ist, bekommt eine bildhafte Vorstellung von der Lage Berlins als erster Stadt des Westens. Manche, wie die Berliner AuslĂ€nderbeauftragte sagen, etwa 100.000 Pendler seien regelmĂ€ĂŸig in Berlin, eine Zahl die der polnische Sozialrat nicht bestĂ€tigen will. Sei’s drum, inzwischen haben auch die Pendler ihren festen Platz in dieser Stadt, man muss sich nur umhören und fragen, wie es sein GegenĂŒber mit der Putzfrauenfrage hĂ€lt.

Und dann sind ja noch die, die nicht in Berlin leben und arbeiten wollen, also die Touristen. 150 Millionen Menschen passieren mittlerweile jĂ€hrlich die deutsch-polnische Grenze, die meisten von ihnen, etwa zwei Drittel von ihnen sind Polen. Es gibt also auch hier eine Ost-West-Bewegung. Und die fĂŒhrt nicht nur zu den europĂ€ischen Baustellen und Urlaubszielen, sondern auch zum Kaufhof am Alexanderplatz, zum KurfĂŒrstendamm, zum Potsdamer Platz und auf die Museumsinsel.


Blick auf Berlin

Welches Bild von Berlin haben nun diejenigen, die sich auf diesen verschiedenen Wegen und aus den unterschiedlichsten GrĂŒnden auf den Weg machen?

Ist es das des Nachrichtenmagazins "Wprost", das unlĂ€ngst mit einer Titelgeschichte ĂŒber den deutschen „Drang nach Osten“ Aufsehen erregte und zuvor in einem Beitrag ĂŒber die "Dziura Berlinska", das Berliner Loch, vom Haushaltsnotstand in Berlin berichtete und die Frage aufwarf, wie lange sich Berlin wohl noch seine hochsubventionierte Kulturlandschaft wĂŒrde leisten können?

Haben die Reisenden, Studenten aus Breslau oder Stettin zum Beispiel, den anspruchsvollen ReisefĂŒhrer des Pascal-Verlags in die Hand genommen. Dort erfahren sie allerlei ĂŒber die Kneipenszene in Mitte und Prenzlauer Berg, ĂŒber Schwule und Lesben, aber nichts ĂŒber den in Berlin inzwischen populĂ€ren Club der polnischen Versager. Haben Sie, wenn sie in Warschau leben, vielleicht einmal die „Berlin-Tage in Warschau“ erlebt, jenes Hauptevent der StĂ€dtepartnerschaft Berlin-Warschau, in dem sich Berlin freilich weniger als Kulturmetropole prĂ€sentiert, sondern als Kompetenzzentrum fĂŒr Plattenbausanierungen.

Vielleicht haben sie auch nur den Stellenmarkt in der polnischen Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" durchgeblĂ€ttert, nach Stellenangeboten fĂŒr ReinigungskrĂ€fte, Handwerker oder MĂ€dchen fĂŒr alles. Suche Arbeit, steht dort meist nur, Deutschkenntnisse nötig, oder auch nicht.

Den vielleicht aufschlussreichsten Beitrag ĂŒber das Berlin-Bild in Polen hat allerdings vor einiger Zeit das Nachrichtenmagazin „Polityka“ veröffentlicht. Unter der Überschrift „Kierunek Berlin“ (Richtung Berlin) war auf der Titelseite ein Foto des Brandenburger Tors abgebildet. Darunter stand „Co nas czeka za brama“ – „Was erwartet uns hinter dem Tor“. Die Antwort lautete: Nichts, was uns Angst bereiten mĂŒsste. Schon gar nicht wĂŒrde Warschau, wie zuvor rhetorisch gefragt wurde, ein Vorort von Berlin werden.

Und doch, so lautete das ResĂŒmee dieser Titelgeschichte, wĂŒrde Berlin in vielem die Richtung angeben. Vor allem in den Grenzregionen wĂŒrde es als natĂŒrlicher Magnet ein neues, grenzĂŒberschreitendes Zentrum bilden. Sinnbild dafĂŒr wĂ€re der neue Lehrter Bahnhof, der grĂ¶ĂŸte in ganz Europa, der seine Rolle als Drehscheibe nur entfaltete, wenn er die Ströme der Reisenden nicht nur nach Westen, Norden und SĂŒden, sondern auch nach Osten verteilt. Oder, in „Richtung Berlin“, aufnimmt.


Gebrauchswissen

Es wird erstaunlich viel geschrieben ĂŒber Berlin in den polnischen Medien, in Tageszeitungen wie in politischen Magazinen. Dass Berlin fĂŒr die meisten Polen keine fremde Stadt mehr ist, liegt aber auch noch an einem anderen Wissen ĂŒber die Stadt, einem Wissen, das nicht aus den Medien herrĂŒhrt, sondern aus eigenen Erfahrungen oder denen von Verwandten und Bekannten.

Es ist dies ein „Gebrauchswissen“, das bis weit nach Polen hinein verbreitet ist. Der Ethnologe Norbert Cyrus hat das einmal am Beispiel der Pendlerökonomie beschrieben. Es ist ein engmaschiges Netz an Kontakten, das ganz Westpolen ĂŒberzieht und es jedem Arbeitssuchenden ermöglicht, bereits zu Hause Kontakt zu seinem neuen Arbeitsgeber aufzunehmen.

Über dieses Gebrauchswissen verfĂŒgen aber nicht nur die Pendler, sondern auch die Touristen. Auch sie benutzen Berlin inzwischen mit einer SelbstverstĂ€ndlichkeit, von der wir noch sehr wenig wissen. Die Stettiner fliegen ab Tegel in den Urlaub, die ScheibenwĂ€scher kommen von Bialystok zur ElsenbrĂŒcke, um sich dort die langersehnte Europareise zu erwirtschaften. Die junge Breslauer Szene zieht es manchmal eher nach Berlin als nach Warschau. Und die Love Parade, die in Polen Parada Milosci heißt, hat in den vergangenen Jahren Zehntausende junger Polen nach Berlin gezogen. Und inzwischen, so hat es die IHK errechnet, machen Polen und Russen 40 Prozent des Einzelhandelsumsatzes unter den auslĂ€ndischen Berlin-Besuchern aus.

Richtung Berlin, das ist eine Bewegung auf vielen Wegen. Berlin ist fĂŒr polnische Reisende und die Polen in Berlin eine SelbstverstĂ€ndlichkeit geworden, eine Stadt, die nicht mehr nur fremd ist, sondern auch vertraut. Wer von Polen nach Berlin kommt, fĂ€hrt nicht mehr in die Fremde, sondern ist angekommen. Die polnischen Hinweisschilder auf den Bahnsteigen von Poznan und Berlin-Alexanderplatz schaffen keine neue RealitĂ€t, sie bilden sie nur ab.


Fremdes Polen

Wie aber sieht es umgekehrt aus? Wie selbstverstĂ€ndlich ist Polen fĂŒr die Berliner? Was wissen wir von Polen?

Fragen Sie einmal in Ihrer Arbeitsumgebung, welche drei polnischen Wojewodschaften an der Grenze liegen. Was ihre HauptstÀdte sind. Wie weit Stettin von Berlin entfernt liegt, wie viele Einwohner es hat.

Oder schauen Sie in die Zeitungen, nicht in die Berichte der Polenkorrespondenten, sondern an die Stellen, an denen es eigentlich um ein Ă€hnliches Gebrauchswissen gehen mĂŒsste, von dem vorhin die Rede war. In den Berliner Zeitungen finden Sie davon so gut wie gar nichts, und in den grenznahen Regionalzeitungen zumeist nur Berichte ĂŒber DiebstĂ€hle oder Schlepperbanden, die FlĂŒchtlinge aus dem so genannten „Warteraum Polen“ ĂŒber Oder und Neiße bringen wollen.

Selbst ambitionierte Projekte, wie eine gemeinsame wöchentliche Seite der Lausitzer Rundschau und der Gazeta Lubuska wurden inzwischen eingestellt. Die BegrĂŒndung lautete von deutscher Seite: Es gebe schlicht kein Interesse. Und das scheint sogar zu stimmen. Wenn man sich den deutsch-polnischen Pressespiegel im Grenzgebiet anschaut, der bis vor anderthalb Jahren noch von der Transodra und dem Stettiner Zentrum fĂŒr europĂ€ische Integration herausgegeben wurde, stellt man fest, dass auch im Grenzgebiet von polnischer Seite mehr ĂŒber die deutsche geschrieben wurde als umgekehrt.

Die Transodra gibt es inzwischen auch nicht mehr. Das brandenburgische Europaministerium hat die Gelder gestrichen. Auch hier die BegrĂŒndung. Kein Interesse.


Asymmetrie

Von Alltagswissen, gar Gebrauchswissen gegenĂŒber Polen kann also von deutscher Seite keine Rede sein. Es herrscht vielmehr eine Asymmetrie der Interessen, wie es der Leiter des Collegium Polonicum in Slubice, Krzysztow Wojciechowski einmal gesagt hat.

An dieser Asymmetrie, und damit wĂ€ren wir wieder in Berlin, ist die Politik ganz wesentlich beteiligt. Sie alle wissen es, seit mehr als zehn Jahren schaut man in Berlin vornehmlich in Richtung Westen. Der Osten, selbst Polen war im Grunde nur als Absatzmarkt fĂŒr Berliner Produkte oder als BetĂ€tigungsfeld fĂŒr Berliner Firmen interessant. Nicht einmal um die polnischen Kunden hatte man sich bemĂŒht. Obwohl sich Berlin selbst als Os-West-Drehscheibe wĂ€hnte, kehrte die StĂ€dte ihrem Osten den RĂŒcken zu.

Ein Beispiel dafĂŒr ist der Umgang mit Polnisch als Fremdsprache in den Berliner Schulen. WĂ€hrend in jedem anderen Grenzgebiet Zweisprachigkeit – auch als Voraussetzung fĂŒr interkulturelle Kompetenz - als erstrebenswert gilt, kann in Berlin davon keine Rede sein.

Zwar sagte der Berliner Schulsenator in einer Rede zum Thema "Berlin - Stadt des Wissens" am 7. April 2001: "Wir haben in Berlin die besondere Chance, dass wir die Sprache unserer NachbarlÀnder, insbesondere Polnisch, stÀrken."

Und so sieht die RealitĂ€t aus. Polnisch wird in Berlin derzeit in den drei deutsch-polnischen Europaschulen angeboten. Der Robert-Jungk-Schule in Wilmdersdorf, einer Gesamtschule. Der Gabriele-von-BĂŒlow Oberschule, einem Gymnasium in Reinickendorf. Und der Goerdeler-Grundschule in Charlottenburg.

In der Robert-Jungk-Schule ist Polnisch seit 1997/98 als zweite Fremdsprache zugelassen. Seitdem entscheiden sich etwa zehn SchĂŒler pro Jahrgang dafĂŒr. Zum Vergleich. Am deutsch-polnischen Gymnasium im mecklenburg-vorpommerschen Löcknitz sind es 50 Prozent.

Noch schlechter sieht es bei der Gabriele-von-BĂŒlow-Schule aus. Die wurde erst seit Mai 2001 zu einer "europĂ€ischen Begegnungsschule mit Polen" erklĂ€rt, bietet Polnisch aber lediglich als dritte Fremdsprache. In der Goerdelerschule schließlich ist Polnisch fĂŒr zwei Vorklassen und eine Klasse 1 Begegnungssprache.

Hier zu zwei Vergleiche. Der eine ist aus Berlin selbst. Anders als Polnisch kann man Russisch in Berlin an 49 Gymnasien beziehungsweise Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe als zweite Fremdsprache belegen. Fast möchte man meinen, achtzig Kilometer von Berlin entfernt beginnt nicht die polnische, sondern die russische Grenze.

Das zweite Beispiel ist Brandenburg. Dort lernen inzwischen ĂŒber 1.200 SchĂŒler polnisch. 116 Schulen haben eine Partnerschaft mit polnischen Schulen geschlossen. Selbst die Kleinen lernen Polnisch als Begegnungssprache kennen, und zwar im Rahmen des bereits seit 1994 existierenden deutsch-polnischen Projektes "Spotkanie heißt Begegnung - Ich lerne Deine Sprache". Getragen wird das Projekt von den "Regionalen Arbeitsstellen fĂŒr AuslĂ€nderfragen, Jugendarbeit und Schule Brandenburg" (RAA). Das Projekt ist fĂŒr GrundschĂŒler der 3. und 4. Klasse konzipiert und beinhaltet pro Woche zwei Stunden Deutsch-, bzw. Polnischunterricht sowie mindestens acht Begegnungen zwischen den Partnergruppen. Mittlerweile wurden 36 Deutsch- und 38 Polnisch AG's auf beiden Seiten der Oder eingerichtet.


Zukunft

Wo stehen wir also in unserer angeblichen kulturellen Mitte zwischen Ost und West?

Meine These hierzu lautet. Es gibt zwei grundverschiedene UmgÀnge mit dem Thema. Der eine lautet weitere VerdrÀngung dessen, dass Berlin mehr ein Tor zum Westen denn ein Tor zum Osten ist.

Der andere ist der Versuch, mit der Tatsache, ein Tor zum Westen und eine Grenzstadt zu sein, pragmatisch umzugehen.

Bespiele fĂŒr eine VerdrĂ€ngung finden sich auf allen Ebenen der Verwaltung. Die Ignoranz des Schulsenators gehört ebenso dazu wie die Absicht, in Hellersdorf und Marzahn leerstehende Plattenbauten abzureißen, obwohl man weiß, dass es womöglich bald wieder eine Nachfrage nach bislang eher unvermietbaren Wohnungen geben kann. Auch der Umbau des Alexanderplatzes gehört meines Erachtens zu einer solchen Politik der Abschottung. Interessant ist hier auch das Vokabular der Akteure. So heißt es etwa in der Stadtentwicklungsverwaltung ganz unverblĂŒmt, dass der Alex nicht mehr lĂ€nger ein offener Platz sein, sondern geschlossen werden soll. Nicht mehr lĂ€nger ein Platz des Ostens, ein Tor zum Osten (oder zum Westen, je nach Perspektive), sondern ein Platz fĂŒr alle Berliner.

Was das heißt, wissen Sie. 350.000 Quadratmeter EinzelhandelsflĂ€che sind hier geplant, das ist das siebenfache des Potsdamer Platzes. FĂŒr die zahlungskrĂ€ftige polnische Kundschaft mag das ein Angebot sein, fĂŒr die anderen, die Berlin als erste Stadt des Westens betrachten, und die sind wohl in der Mehrzahl, tĂŒrmt sich dagegen am Alex eine stĂ€dtisches Gewitter auf, das das Gegenteil eines Tores ist, nĂ€mlich eine Barriere.

Es gibt aber auch Gegenbeispiele, die auch Hinweis darauf sind, dass ein umdenken stattgefunden hat. Im November 2001 etwa widmete sich das Berliner Stadtforum dem Thema Westpolen. Dort wurde immerhin auch Klartext geredet. Dass es ein nicht hinnehmbar sei, keine Direktverbindung nach Stettin zu haben, immerhin die Berlin am nĂ€chsten gelegene Großstadt.

Dass im Umkreis von 300 Kilometern, also jener Strecke, die man innerhalb eines Tages hin und zurĂŒck erreichen kann, neun Millionen Polen leben, alles potenzielle Kunden fĂŒr die Berliner Wirtschaft.

Dass es ein Skandal sei, wenn die FahrgĂ€ste im Zug von KĂŒstrin nach Berlin immer noch schikaniert wĂŒrden, weil dieser Zug immer noch als Schmugglerzug gilt.

Dass das Polnische nicht lĂ€nger eine exotische Sprache sein dĂŒrfe.

Diese Selbstkritik eines Mitarbeiters der Strieder-Verwaltung richtete sich auf etwas, das tatsĂ€chlich selbstverstĂ€ndlich sein mĂŒsste, dass nĂ€mlich Berlin seine Lage als Grenzstadt oder Tor zum Westen auch als Chance begreifen sollte. Dass es sich seinen GĂ€sten und Bewohnern aus Polen noch weiter öffnet. Nicht aus humanitĂ€ren GrĂŒnden wie noch Anfang der achtziger Jahre als Zehntausende FlĂŒchtlinge der Solidarnosc nach Berlin kamen, sondern aus purem Eigennutz. Dass Berlin begreifen muss, dass es ein Tor zum Osten nur werden kann, wenn es seine Lage als Tor zum Westen und Grenzstadt ernst nimmt.

DiesbezĂŒglich scheint sich auch in der Wirtschaftsverwaltung ein pragmatischerer Umgang abzuzeichnen. Das betrifft vor allem den Umgang mit der informellen Ökonomie. Wie Sie wissen, wird in der Hauptstadt schon jeder fĂŒnfte Euro schwarz erwirtschaftet, genauer gesagt 21,6 Prozent. Damit ist Berlin tatsĂ€chlich einmal nicht mehr Schlusslicht unter den deutschen BundeslĂ€ndern, sondern Spitzenreiter. Selbst den internationalen Vergleich braucht es nicht zu scheuen. 21,6 Prozent, das ist auch ein europĂ€ischer Spitzenwert. Wir haben also hier zwar keine sĂŒditalienischen VerhĂ€ltnisse, norditalienische aber allemal.

NatĂŒrlich tut man sich noch schwer, das anzuerkennen. Aber zu den Dingen, die in Bewegung geraten sind, zĂ€hle ich immerhin einen Auftritt des Berliner WirtschaftsstaatssekretĂ€rs Volkmar Strauch auf einer Konferenz zum Thema "BorderCity Berlin - Chancen einer Grenzstadt", die von Helle-Panke organisiert, im Oktober in der EuropĂ€ischen Akademie stattgefunden hat.

Auf dieser Konferenz erklĂ€rte Strauch, dass zum Beispiel der informelle Sektor auch Vorteile mit sich bringe: "Es gibt hier Entwicklungen, die sich auch auf andere Teile der Wirtschaft positiv auswirken." Dies betreffe vor allem die GrenznĂ€he und die in Berlin arbeitenden polnischen Pendler. Strauch beklagte weiter, dass man ĂŒber das Thema informelle Ökonomie oder Schattenwirtschaft immer nur als Problem rede oder es aber elegant umschiffe.

Dabei wĂ€re eine neue Diskussion nötig, die auch die Chancen betone. Seine Rolle sehe er darin, einige Fragen zu stellen: "Warum nicht einmal durchrechnen, was die steuerliche AbsetzungsfĂ€higkeit fĂŒr Investitionen in die eigene Wohnung bringt?" Vielleicht komme man dann zum Ergebnis, dass SteuerausfĂ€lle durch Steuereinnahmen aufgrund legaler BeschĂ€ftigung vormals illegaler Handwerker ĂŒbertroffen werde.

Auch beim Thema Osterweiterung schlug der ehemalige GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Industrie- und Handelskammer neue Töne an. "FĂŒr Berlin mit seiner GrenznĂ€he wĂ€re eine sofortige Erweiterung ohne EinschrĂ€nkung der FreizĂŒgigkeit das Beste." Strauch plĂ€dierte deshalb fĂŒr eine "Politik des AugezudrĂŒckens". Man mĂŒsse also "alle Ausnahmevorschriften und ErmessensspielrĂ€ume nutzen, und zwar in dem Sinne, als wĂ€re Polen jetzt schon Mitglied der EU und nicht erst in anderthalb Jahren".

Strauchs Fazit: "Nur so können wir gegenĂŒber anderen Regionen und StĂ€dten den Vorteil der GrenznĂ€he ausnutzen."


Fazit

Deuten diese kleinen Schritte, und damit komme ich zum Ende, aber auf einen grundlegenden Wandel im Denken hin? Sind sie sogar vielleicht Vorboten eines Blickwechsels von West nach Ost, gar eines Perspektivenwechsels, mit dem Ziel, Berlin als "Tor zum Westen" oder als Grenzstadt ernst zu nehmen?

Ich glaube, dass das, trotz aller Pragmatik, die sich abzeichnet, erst der Fall sein wird, wenn sich auch ein anderes Polenbild durchsetzt, wenn die Asymmetrie der Interessen abgebaut wird. Dazu mĂŒssen aber auch die Voraussetzungen geschaffen werden. Durch Tore muss man nicht nur gehen wollen, man muss auch durch sie gehen können.