KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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TextKulturation 2020
Dietrich MĂŒhlberg
Bitterfeld – ein „ostdeutscher Sonderweg“?
Eine Skizze aus dem Jahr 2007
Vorspruch
Erster Anlass fĂŒr diese Skizze aus dem Jahre 2007 war eine Reihe von kulturgeschichtlichen JubilĂ€en, die mit der kleinen Industriestadt Bitterfeld nördlich von Leipzig verbunden sind. 2004 lag ein stadtgeschichtliches Ereignis genau ein halbes Jahrhundert zurĂŒck. Im Oktober 1954 war dort feierlich der „Kulturpalast Bitterfeld“ eröffnet worden, fĂŒnf Jahre spĂ€ter wurde in diesem Palast mit der „Bitterfelder Konferenz“ der sogenannte „Bitterfelder Weg“ beschritten, den eine zweite Konferenz 1964 zu bekrĂ€ftigen suchte. Und schließlich gab es damals noch den zehnten Jahrestag einer „Dritten Bitterfelder Konferenz“ zu begehen, die 1994 gefragt hatte: „Kunst. Was soll das?“ FĂŒr Bitterfeld gab es 2004 also hinreichend viele kulturgeschichtliche AnlĂ€sse, um Tagungen und Ausstellungen zum Gegenstande zu veranstalten und in AufsĂ€tzen die Ereignisse kritisch zu beleuchten. Als Nachklang und eine Art ResĂŒmee dieses vielfĂ€ltigen Jahrestages und seiner Folgen haben Simone Barck und Stefanie Wahl 2007 den Band „Bitterfeder Nachlese. Ein Kulturpalast, seine Konferenzen und Wirkungen“ herausgegeben. (Siehe dazu meine Rezension "Ein genuin sozialistisches Experiment" hier in Kulturation 1/2009, Kritik Nr. 38, http://www.kulturation.de/ki_1_rezi.php?id=77) Und schließlich hat Siegfried Lokatis im April 2009 mit seinen Studierenden ein viel beachtetes kulturhistorisches Symposium zum 50. Jahrestag der ersten Bitterfelder Konferenz veranstaltet. Die nachfolgenden rĂŒckblickenden Überlegungen sind 2007 notiert worden und gehören in den Kontext dieser Veranstaltungen. Sie waren fĂŒr den internen Austausch gedacht und verzichteten darum weitgehend auf die Nachweise.

„Bitterfelder Weg“ nachtrĂ€glich entsorgt

Einsetzen soll diese RĂŒckschau an dem kulturpolitisch dekretierten Ende des Bitterfelder Weges. Es war einem politischen Wechsel geschuldet. Als nĂ€mlich Leonid Breshnew (GeneralsekretĂ€r der KPdSU), im Jahre 1971 den immer eigenwilligeren Walter Ulbricht, (1. SekretĂ€r des ZK der SED) durch den fĂŒgsameren Erich Honecker ersetzt hatte, um die DDR wieder eindeutiger auf den sowjetischen Kurs zu bringen (darum wurde Honecker dann bald darauf auch ein „GeneralsekretĂ€r“), wurde dieses Projekt der sogenannten "Ulbricht-Zeit" ohne großes Aufsehen, aber doch ganz offiziell beerdigt, das einst auf den eigenartigen Namen "Bitterfelder Weg" getauft worden war. Es hatte zwar schon mehrere Jahre als „kulturpolitische Leitlinie“ ausgedient und wurde jetzt nachtrĂ€glich entsorgt. Zur BegrĂŒndung hieß es damals aus der Kulturabteilung des Zentralkomitees, in keinem der befreundeten sozialistischen LĂ€nder könne man sich unter dieser Bezeichnung etwas vorstellen, deshalb solle sie auch nicht mehr verwendet werden. Heute verstehen nur noch literatur- und kunstwissenschaftliche Spezialisten, was sich hinter diesem „Weg“ verbarg und auch sie denken mehrheitlich, es hĂ€tte sich dabei um eine kulturpolitische Schikane gehandelt: KĂŒnstler wĂ€ren damals von der SED gezwungen worden, in industrielle Großbetriebe (in das schreckliche Bitterfeld) zu gehen, um dort sozialistische Agitationskunst zu erzeugen. Gern wird dabei das einstige Bonmot vom "bitteren Feldweg" zitiert. Barck/Wahl setzten einen Reim von Kurt Bartsch ĂŒber ihr Buch: „Es seufzt der positive Held, weil ihm der Weg so bitter fĂ€llt“ (1959)

Solche Vorstellungen werden der historischen RealitĂ€t zwar nicht gerecht, enthalten aber ein Körnchen Wahrheit. TatsĂ€chlich waren damals politische FunktionĂ€re, Wissenschaftler und Kritiker - aber auch viele KĂŒnstler - der Auffassung, dass Kunstwerke fĂŒr das Volk, fĂŒr die arbeitenden Menschen, nur von denen geschaffen werden können, die deren Leben auch kennen. Die wirkliche Arbeit der Vielen wurde nicht nur als die wichtigste Lebensleistung der neuen Adressaten neuer Kunst angesehen, die ArbeitssphĂ€re wurde zugleich als wohl gĂŒnstigste Gelegenheit wahrgenommen, mit ihnen gleichberechtigt in Kontakt zu kommen. Vorausgesetzt wurde dabei, dass die arbeitenden Menschen jenseits der Bildungsschichten nicht nur einen Anspruch auf Kunst, sondern auch eine noch nicht artikulierte Sehnsucht nach ihr hĂ€tten. So formulierte die Kulturpolitik einen missionarischen, Auftrag: KĂŒnstler gehen als Lehrende wie auch als Lernende zu den Arbeitern. Einmal sollte auf diese Weise die aus der antagonistischen Klassengesellschaft ĂŒberkommen Kluft zwischen den abgehobenen SphĂ€ren der KĂŒnste und dem Alltagsleben der Arbeitenden geschlossen werden. Zum anderen sollten dadurch enge Bindungen der KĂŒnstler an die arbeitenden Klassen bewirkt und zugleich das kĂŒnstlerische Interesse auf die gesellschaftlichen Probleme des sozialistischen Aufbaus gelenkt werden. Ein rundum volkspĂ€dagogisches Projekt, das besonders jenen Intellektuellen gefallen musste, die sich selbst politisch links verortet hatten. Bei genauerem Hinschauen wird man erkennen, welch bestimmende Rolle gerade sie bei Kartierung des „Bitterfelder Weges“ gespielt haben. Vielleicht ist es gerade diese entschlossene Kunstprogrammatik, die auch international die Zahl derer anwachsen lĂ€sst, die interessiert nachforschen, was denn dieser „Bitterfelder Weg“ gewesen ist.

Warum kann dieses kulturgeschichtliche Ereignis interessieren?

Nun wĂ€re allein ein schon solch einmaliges Großexperiment der kulturhistorischen Betrachtung wert, mit dem versucht worden ist, die Bildungsideale der alten deutschen Sozialdemokratie praktisch umzusetzen. Dies aber auch deshalb, weil in der Nachkriegszeit in "westlichen" LĂ€ndern, in denen die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften einflussreich waren, verwandte Anstrengungen gemacht worden sind. Das geschah zwar mit bescheideneren Mitteln und AnsprĂŒchen, doch hatten diese Projekte einen nachhaltigen Einfluss auf die Kulturpolitik dieser LĂ€nder. Möglich waren sie geworden, weil die drei Nachkriegsjahrzehnte die hohe Zeit der Industriearbeiter waren. Sie bildeten die MajoritĂ€t der ErwerbstĂ€tigen, machten die Gewerkschaften reich und stark und stĂŒtzten sozialdemokratische Politik. Genau in dieser Zeit hatte die Reform des Bildungswesens nicht nur zu den 1968er Rebellionen an den UniversitĂ€ten gefĂŒhrt sondern schließlich auch zu einem Überschuss an pĂ€dagogischer LehrkapazitĂ€t und von Absolventen, die die Offerten des nun expandierenden Humandienstleistungssektors nicht nur dankbar begrĂŒĂŸten sondern an der Ausarbeitung der „Neuen Kulturpolitik“ krĂ€ftig mitwirkten. Es besteht hier also die nicht so hĂ€ufige Gelegenheit, ein kulturelles Ereignis in den zwei Varianten/AusprĂ€gungen anzuschauen, die es in unterschiedlich verfassten Gesellschaften gleicher kultureller PrĂ€gung angenommen hat.

Es ist also von Interesse, auf die gesellschaftspolitischen Kontexte zu schauen, aus denen heraus sich einerseits das Projekt "Bitterfelder Weg" als ein Kulturprogramm fĂŒr Arbeiter und alle ĂŒbrigen „WerktĂ€tigen“ entwickelte und in denen andererseits die in dieser Zeit gegrĂŒndete „Kulturpolitische Gesellschaft“ nun „Kultur fĂŒr alle“ und „Kultur von allen“ forderte.

Die gravierende Besonderheit Ostdeutschlands bestand darin, dass hier eine Fraktion der deutschen Arbeiterbewegung mit sowjetischer UnterstĂŒtzung in die politische Vormachtstellung geraten war, die es als die historische Mission der Arbeiterklasse ansah, ein nichtkapitalistisches Gesellschaftssystem zu errichten und eine egalitĂ€re Gesellschaft nach den BedĂŒrfnissen arbeitender Menschen einzurichten. Im Kontext eines solchen Programms hatte das kulturelle Bildungsprogramm fĂŒr Arbeiter eine ganz andere Bedeutung als unter der kulturellen Hegemonie der besitzenden Klassen. Es musste hier auch zu einer Probe darauf werden, ob "die Arbeiter" die ihnen zugeschriebene historische VerĂ€nderungsmacht tatsĂ€chlich besaßen oder entwickeln konnten.

Der Kulturwissenschaftler Hans Koch hat das, was da grundsĂ€tzlich in Frage stand, bereits 1959 als inzwischen bewiesen angesehen und kĂŒhn behauptet: „Die Arbeiterklasse hingegen ist und bleibt - zur Macht gekommen - eine produktive Klasse. Zugleich aber vollbringt sie, was keine herrschende Klasse vor ihr zu tun in der Lage war, so groß und leuchtend deren beste Gestalten auch in der Geschichte stehen: Produktiv zu arbeiten, den Staat zu lenken und, ihre Kultur ausbildend, alles große Vermögen gesitteter Menschheit fĂŒr sich zu erobern.“ (Hans Koch, Kultur in den KĂ€mpfen unserer Tage. Berlin 1959, S. 35/36). Zu solch pathetischer Überhöhung ließ sich Hans Koch wohl nur hinreißen, weil die behauptete historische FĂ€higkeit von unterschiedlichen Seiten angezweifelt wurde. Im RĂŒckblick hat GĂŒnter Benser auf die große LĂŒcke zwischen diesem Anspruch und der tatsĂ€chlichen programmatischen Arbeit der SED-FĂŒhrung hingewiesen. Ihr "Sozialismusbild erweist sich bei genauerem Hinsehen als durch und durch machtbezogen" (GĂŒnter Benser, Mit welchen Sozialismusvorstellungen war die SED angetreten? hefte zur ddr-geschichte 60, Berlin 1999, S. 33), "ungeklĂ€rt blieb indes, wie sich eine reale Vergesellschaftung und Teilhabe der Produzenten verwirklichen lĂ€sst und welche neuen TreibkrĂ€fte den Konkurrenzkampf wirksam und dauerhaft ersetzen können." (ebenda S. 36) Unter diesen Bedingungen musste das kulturelle Bildungsprogramm kompensatorischen Charakter bekommen, dabei dann aber auch zum Feld ersatzweise gefĂŒhrter Debatten ĂŒber die sozialistische Programmatik werden.

Zu einem "historischen Beweismittel" konnte der "Bitterfelder Weg" wohl nur avancieren, weil Lenins Thesen von der revolutionĂ€ren Rolle des Proletariats auch durch seine deutschen AnhĂ€nger nie wirklich und niemals grundsĂ€tzlich ĂŒberprĂŒft worden sind. Sie haben die faktische politische MachtausĂŒbung der SED als Beleg fĂŒr die HerrschaftsfĂ€higkeit der Arbeiterklasse genommen. Dabei gab es bekanntlich etliche kritische Situationen, in denen diese GrundĂŒberzeugungen sich als fragwĂŒrdig erwiesen. So etwa als sich 1956 die FĂŒhrung der sowjetischen kommunistischen Partei von Stalin distanzierte und programmatische Neubestimmungen unerlĂ€sslich geworden waren. Damals hat auch die FĂŒhrung der SED auf den Reformdruck in den eigenen Reihen reagiert. Einerseits wurden die Verfechter demokratischer Erneuerung abgestraft, aber es kam auch zu einem sozialistischen Aufbauprogramm, das eine „sozialistische Kulturrevolution“ als grundlegende UmwĂ€lzung vorsah. In diesem Kontext wurde dann auch explizit danach gefragt, ob und wie weit sich die Arbeiter ĂŒber die politische Herrschaft "ihrer" Partei hinaus als kultureller Hegemon der neuen Gesellschaft erweisen könnten.

Indirekt wurde damit die Frage gestellt, ob es denn ĂŒberhaupt eine Chance dafĂŒr gab, die Ziele des "Arbeiterbewegungssozialismus" erfolgreich durchzusetzen und den „Zukunftsstaat“ zu schaffen, bevor die angenommenen TrĂ€ger dieser Bewegung selbst zu historischen Gestalten geworden sind. Denn tatsĂ€chlich hat die „große Industrie“ dann in der zweiten HĂ€lfte der DDR-Geschichte an Bedeutung verloren und auch die Zahl der industriellen Lohnarbeiter ging langsam aber stetig zurĂŒck. Das ist von Sozialtheoretikern als Verschwinden der Arbeiterklasse wie auch als deren Wandel interpretiert worden. Gleichwie – rĂŒckblickend bleibt zu fragen, ob damit das Ende des auf die Arbeiterklasse fixierten sozialistischen Experiments im Osten ebenso zusammenhĂ€ngt wie das inzwischen viel beschworene "Ende des sozialdemokratischen Zeitalters" im Westen. Vielleicht kann eine nĂ€here Betrachtung des Projekts „Bitterfelder Weg“ auch etwas dazu beitragen, die einmal gegebenen historischen Chancen eines Arbeiterbewegungssozialismus realistischer abzuschĂ€tzen.

Offenbar keine Aussicht, vergleichend nach den Chancen deutscher Geschichte zu fragen

Voraussetzung fĂŒr einen solchen RĂŒckblick wĂ€re eine Art Perspektivenwechsel. Denn in der offiziösen Geschichts- und Sozialwissenschaft der Bundesrepublik ist es bei Betrachtung der ostdeutschen Teilgeschichte ĂŒblich, das eigene Gesellschaftssystem (und seine je fĂŒr wichtig gehaltenen VorzĂŒge) zum Maßstab der Methodik wie der historischen Bewertung zu machen. Solcherart Befangenheit sollte nicht verwundern, sie ist der kulturelle Normalfall, der "fremde Blick" taugt nicht fĂŒr das AlltagsgeschĂ€ft bĂŒrgerlicher Wissenschaft, und so blieben die vielen inzwischen vorliegenden Untersuchungen zur DDR-Geschichte alle im Rahmen der lange bewĂ€hrten Analysemodelle.

Überdies lag den Wissenschaftlern ja der politische Auftrag zur Delegitimierung des SED-Regimes vor. Formuliert von einer politischen Klasse, die sich selbst als Verteidiger zivilisatorischer Grundwerte begreift. So wird das Ende der DDR als endliche und erstaunlich schwierige RĂŒckkehr zur NormalitĂ€t begriffen und dieser Vorgang möglichst neutral benannt: Von „Transformation“ wird gesprochen, obwohl es um die Wiedereinsetzung einer alten Logik, um eine Restauration "auf höherem Niveau" geht. Mit diesem Bild vom Gang der Welt kann eine andersartige Gesellschaft gar nicht vorgestellt werden und so musste wissenschaftlich bislang offen bleiben, welcher Art denn das ostdeutsche Gesellschaftssystem war. Jedenfalls - aber auch das wird selten expliziert - wird es als unvereinbar mit der eigenen Systemlogik wahrgenommen. Kapitalistische Marktwirtschaft, Vertretungsdemokratie und bĂŒrgerliches Rechtssystem gelten als der Normalfall, alles andere als Abweichung. Und zu erklĂ€ren ist die Abirrung nur aus den MachtgelĂŒsten radikaler politischer Außenseiter. Ganz folgerichtig ist die Fokussierung auf die diktatorische Herrschaftsform der ostdeutschen Gesellschaft, die jede nĂ€here Betrachtung ihrer sozialistischen Verfasstheit weitgehend verbaut. Es könnte aufschlussreich und vor allem angemessener sein, gerade auf die alternativen ZĂŒge der ostdeutschen Gesellschaftsverfassung nĂ€her einzugehen.

Allerdings verlangte dies, die antikapitalistischen Ziele der Arbeiterbewegungen etwas ernster zu nehmen und aufzuhören, das Bild von linksextremen machtbesessenen Bösewichten zu zeichnen, obwohl sie das – von der bĂŒrgerlichen Mitte her gesehen – wohl auch waren und sind. Solch vordergrĂŒndige Distanzierung lĂ€sst es dann gar nicht mehr zu, den aus der deutschen Arbeiterbewegung hervorgegangenen "Arbeiter- und Bauernstaat" (wie auch die SED-FĂŒhrung) an dieser historischen Programmatik zu messen.

Das scheint aber perspektivisch wie historisch geboten. Es ist ja der Zusammenbruch dieser Alternativkonstruktion gewesen, der die aktuelle Ratlosigkeit ĂŒber die mögliche Zukunft des obsiegenden Gesellschaftssystems verursacht hat. Und der RĂŒckblick zeigt, dass diese Arbeiterorganisationen zusammen eine der großen geschichtsprĂ€genden und wertsetzenden KrĂ€fte des 19. und 20. Jahrhunderts waren. Bemerkenswert auch, weil sie kulturgeschichtlich die ersten großen Bewegungen von nichtbesitzenden arbeitenden Menschen waren, die fĂŒr sich die gleichen Rechte und Entwicklungsmöglichkeiten einforderten, wie sie Besitzende hatten und haben.

Arbeiterkultur und hegemoniale Nationalkultur bei den Deutschen

Auf dieser Betrachtungsebene bliebe zunĂ€chst festzuhalten, dass die hier in Rede stehende Arbeiterkultur wie die daraus hervorgehenden Arbeiterbewegungskulturen im 19. und 20. Jahrhundert die entscheidenden Sub- und Gegenkulturen in den klassengespaltenen europĂ€ischen Nationen waren. Sie waren (und sind) dies aber als Teil einer generellen kulturellen Großstruktur moderner Industriegesellschaften, die ĂŒbergreifende, alle einbeziehende Verkehrsformen hervorgebracht haben. Die milieugestĂŒtzten oder klasseneigenen "Sonderkulturen" waren und sind zugleich immer auch AusprĂ€gungen einer ĂŒbergreifenden Kultur.

Diese verbindende Kultur, wie sie mit dem Nationalstaat entstand, war auch in Deutschland mindestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bĂŒrgerlich geprĂ€gt. Doch bald entstanden mit dem Anwachsen der stĂ€dtischen Arbeiterschaft proletarische Kulturformen von gesamtgesellschaftlicher Geltung. Die national operierenden InteressenverbĂ€nde und die politischen Parteien dieser gesellschaftlichen Großgruppe waren ihr deutlichster Ausdruck. Auf der anderen Seite erhielten die arbeiterlichen Kulturformen ihren stĂ€rksten Antrieb wohl durch die kommerzielle Verwertung der BedĂŒrfnisse dieser sozialen Klasse auf der Grundlage industrieller Massenproduktionen aller Art. Eine durchaus ambivalente Situation mit entsprechenden kulturellen Folgen. Einerseits lösten sich - und das begann schon vor dem 1. Weltkrieg - milieutypische Arbeiterkulturen unter dem Einfluss des Marktes und der expandierenden massenkulturellen Formen langsam auf. Das schwĂ€chte die Arbeiterkulturbewegung, die nach 1945 in keiner der deutschen Teilgesellschaften richtig wiederbelebt werden konnte und bewirkte einen RĂŒckgang der möglichen EinflĂŒsse von Arbeiterbewegungskultur auf Arbeiter. Die deutschen Arbeiterparteien reagierten auf den Wandel ihrer Herkunftsmilieus zwiespĂ€ltig. Verbal blieben sie ihnen zwar verbunden, doch schon 1958 erklĂ€rte sich die SED zur Interessenvertreterin einer „sozialistischen Menschengemeinschaft“. Ein Jahr spĂ€ter folgte die SPD in Westdeutschland und wandelte sich mit dem Godesberger Programm zu einer "Volkspartei", links, aber "unideologisch".

Andererseits (und kulturell nicht weniger bedeutsam) fĂŒhrte das stĂ€ndige Anwachsen der an ArbeiterbedĂŒrfnissen profilierten massenkulturellen Formen zu einem immer stĂ€rkeren Einfluss proletarischer Lebensformen auf die Gesamtkultur und auf die Teilkulturen fast aller anderen Milieus. FĂŒr die DDR war das wegen der egalisierenden sozialstrukturellen VerĂ€nderungen ein durchgreifender kultureller Wandel, der zu einer „arbeiterlichen“ Gesellschaft fĂŒhrte, die aus bĂŒrgerlicher Perspektive als schĂ€bige Kleine-Leute-Gesellschaft erscheint. In anderer Verarbeitungsform war das in Westdeutschland (und anderswo) zu beobachten und wurde doppelt interpretiert: als VerbĂŒrgerlichung der Arbeiter (die sich nun selbst mehrheitlich als der Mittelschicht zugehörig betrachteten) und als eine Proletarisierung der Gesellschaft - die die Besitz-, Macht- und Bildungseliten einschloss. Letzteres wurde vielfĂ€ltig mit kulturkritischem Impetus als Hegemonie der Konsum- und Massenkultur beklagt.

Vor diesem Groß-Szenarium spielte sich die kurze Kulturgeschichte der ostdeutschen Sezessionisten ab. Soll ein RĂŒckblick darauf Sinn machen, wĂ€re zuerst zu prĂŒfen, welche Chancen es hatte, unter den gegebenen sog. "objektiven Bedingungen", ein sozialistisches Projekt in Teildeutschland erfolgreich zu gestalten. Schnell wird man darauf stoßen, dass Beginn, Verlauf und Ende des ostdeutschen Sozialismus gar nicht von seinen Protagonisten und Kontrahenten in der SBZ/DDR entschieden worden sind. Das ist zwar unbestritten, doch der immer wieder aufbrausende Festjubel ĂŒber den Sieg einer friedlichen Revolution lĂ€sst es vergessen. Sachlich liegt der Schluss nahe, dass es sich hier nur bedingt um ein historisches Experiment handelte, weil die Akteure des gesellschaftlichen Umbaus mehrere der entscheidende Bedingungen dauerhaft nicht beeinflussen konnten und ihr Scheitern darum einen zwangslĂ€ufigen Charakter haben musste. „Hinter ihrem RĂŒcken“ hatten die Alliierten der Anthitlerkoalition ihre Einflussgebiete in Deutschland abgesteckt und hinter ihrem RĂŒcken ist ausgehandelt worden, wie die DDR zu enden habe. Denn tatsĂ€chlich war die SBZ/DDR im Weltkonflikt des 20. Jahrhunderts nur ein kleiner Akteur, dessen Überleben letztlich davon abhing, wie es der Moskauer FĂŒhrung gelang, ihr sowjetisches Großreich erfolgreich zu dynamisieren und so zu erhalten.

Doch diese Annahme völliger Chancenlosigkeit ließe die eigentlich zu untersuchende Leistung außer Acht: das bewusste Gegensteuern, das Abarbeiten an diesen unĂŒberwindlichen Hindernissen bei dem Versuch, eine lebensfĂ€hige Gesellschaft ohne soziale GegensĂ€tze und ohne starkes soziales GefĂ€lle zu schaffen. Und gerade diese Anstrengungen könnten sich als das kulturell Innovative, das Erfinderische und als das vielleicht tiefer und lĂ€nger Wirksame erweisen. Sicher ist jede Niederlage ein Gleichnis, doch die Nachgeborenen dĂŒrften sich dafĂŒr nur interessieren, wenn sich der Einsatz trotz aller Vergeblichkeit auch irgendwie gelohnt hatte und das Ziel der Anstrengung nicht von Anfang an illusionĂ€r war. Die Antwort ist offen. Dass es lohnte, gerade dies aufzuklĂ€ren, scheinen jene Umfragen zu bestĂ€tigen, nach denen (beinahe konstant ĂŒber die Jahre) drei Viertel der Ostdeutschen (und ein Viertel der Westdeutschen) den Sozialismus bis heute fĂŒr eine gute Idee halten.

Wie wĂ€ren die Chancen einer sozialistischen Gesellschaftsalternative zu prĂŒfen?

Die Frage nach den Chancen, die das gescheiterte ostdeutsche "Gesellschaftsexperiment" hatte, dĂŒrfte in den kĂŒnftigen Debatten um Reformziele und tragfĂ€hige Systemalternativen vor allem in der politischen SphĂ€re kontrovers diskutiert werden. Doch die kulturelle Perspektive sollte darĂŒber nicht vernachlĂ€ssigt werden und kulturgeschichtlich könnte solches Nachforschen in drei Richtungen gehen.

Einmal wĂ€re zu prĂŒfen, ob eine politische Bewegung, die sich dauerhaft auf die sozialkulturellen Milieus der Arbeiter zu stĂŒtzen beabsichtigte, daraus ĂŒberhaupt die nötigen Antriebe und KrĂ€fte ziehen und entwickeln konnte, die fĂŒr einen gesellschaftlichen Umbau der anvisierten Dimension nötig waren. FĂŒr die Kulturgeschichte hieße das, den Zusammenhang von "Arbeiterkultur" und Arbeiterbewegung nĂ€her zu beleuchten.

Dann wĂ€re spezieller zu fragen, auf welche Weise und wie weit die politischen Akteure - also jene organisierten KrĂ€fte, die tatsĂ€chlich am Werke waren - die Dimension ihrer selbst gestellten Aufgabe begriffen hatten und ihr auch subjektiv gewachsen waren. Zu prĂŒfen wĂ€re also, ob sie die kulturelle Kompetenz fĂŒr eine solche Unternehmung besaßen oder mit der Zeit erworben haben. GĂŒnter Benser kam zu dem Ergebnis, dass es nicht nur an den "in vielem ungĂŒnstigen, widrigen Rahmenbedingungen" und der "in vielem gegenlĂ€ufigen Praxis" gelegen habe, dass das sozialistische Experiment DDR scheiterte. "Auch die gedanklichen Vorleistungen reichten nicht aus." (Benser, a.a.O. S. 37) Die nĂ€here Untersuchung der "Arbeiterbewegungskultur" könnte die Lernprozesse der Akteure transparent machen und jene VorgĂ€nge ins Licht rĂŒcken, bei denen Erfahrungen gemacht worden sind, die fĂŒr die Debatten ĂŒber sozialistische Zukunftsprojektionen interessant sein dĂŒrften.

Und schließlich wĂ€re nach der tatsĂ€chlichen Wirksamkeit von Elementen der Arbeiterkultur in der DDR-Gesellschaft zu fragen und dabei auch festzustellen, welchen Einfluss sie auf Zuschnitt und Struktur wie auf StabilitĂ€t und Dynamik des Gesellschaftssystems hatten. Ist es zusammengebrochen, weil eine arbeiterlich geprĂ€gte Gesellschaft nicht lebensfĂ€hig sein kann? Kulturgeschichtlich ist das die Frage nach den Potenzen der Arbeiter- wie der "Arbeiterklassenkulturen". Alles das ist bei dem gegenwĂ€rtigen Stand der Forschung nicht zu entscheiden, doch lĂ€sst er einige problematisierende Überlegungen zu.

Arbeiterinteressen einerseits und politische Arbeiterbewegung andrerseits

Bekanntlich wurde die AbhĂ€ngigkeit der politischen Arbeiterbewegung von der tatsĂ€chlichen AusprĂ€gung der Arbeiterkultur unter den politischen KrĂ€ften, die sich 1917/18 in Russland durchgesetzt hatten, nach Lenins "Aprilthesen" nicht mehr diskutiert. Mit diesen Thesen war er 1917 der prophetischen Warnung seines Lehrers Georgi Plechanows entgegengetreten, Russland brauche vor einer sozialistischen Revolution noch hundert Jahre Kapitalismus – dies auch, meinte Plechanow, damit sich eine wirkliche Arbeiterklasse in Russland erst bilden könne. Aber wĂ€hrend Lenin noch meinte, das bolschewistische Wagnis könne in Russland (nur) gelingen, weil auch die Arbeiter im kapitalistisch fortgeschrittene Westen revolutionĂ€r siegreich sind, musste der revolutionĂ€re FlĂŒgel der deutschen Arbeiterbewegung nun die Blickrichtung Ă€ndern: von da an galt die Oktoberrevolution den deutschen Kommunisten als der Beweis fĂŒr das Dogma von der "siegreichen Partei der Arbeiterklasse".

TatsĂ€chlich entstand dann nach Stalins Konzept vom möglichen Aufbau des Sozialismus in einem (unterentwickelten) Lande ein recht spezifischer Typ von sozialistischer Gesellschaftsorganisation, der aber dann fĂŒr das in der Kriegsfolge nach 1945 entstandene "sozialistische Lager" verbindlich gemacht worden ist. In Ostdeutschland wurden alle Verfechter eines eigenen deutschen Weges zum Sozialismus ausgeschaltet. Anton Ackermann war da der erste Prominente bis es schließlich auch Walter Ulbricht traf, den Breshnew nicht mehr fĂŒr folgsam genug hielt. Wegen dieser konzeptionellen wie realen Bindung ist auch der DDR-Sozialismus folgerichtig mit dem Zusammenbruch des Sowjetsystems untergegangen. Als die FĂŒhrung der KPdSU ihre GeschĂ€ftsfĂ€higkeit beendete, hat sie schnell noch ihr ostdeutsches Protektorat unvorteilhaft abgestoßen. Und ostdeutsche Arbeiter haben kaum den Versuch gemacht, dieses Ende zu verhindern. Es gab auch keine wirkliche politische Kraft, die dies hĂ€tte durchzusetzen können.

Konnte das ĂŒberraschen? In der politischen Ideologie der SED (wie ihrer „Bruderparteien“) hatte die These von der "historischen Mission" der Klasse die kleinliche Frage, was denn die „realen“ Arbeiter mit der politischen Bewegung verbindet und welche KrĂ€fte ihr aus deren sozial-kulturellen Milieus zufließen können, gar nicht mehr zugelassen. Zwar gab es immer mal wieder einen FunktionĂ€rsstreit ĂŒber die zu mobilisierende Basis. Generell aber wurde "von oben" her gedacht und im Realverhalten der Arbeiter voluntaristisch ein Problem der politischen Bewusstheit und des erreichten Organisationsgrades gesehen – ganz charakteristisch in dieser Hinsicht war die Verarbeitung der Arbeiterunruhen um den 17. Juni 1953 durch die SED-FĂŒhrung.

Im Grunde waren die realen Arbeiter zwar immer irgendwie ein empirisches Problem, doch grundsĂ€tzlich entschied in der politischen SphĂ€re die so genannte theoretische Erkenntnis. Es schien einfach evident zu sein, dass die Abschaffung der kapitalistischen Lohnarbeit im „objektiven Klasseninteresse“ der Arbeiter liege. Daran zu zweifeln wĂ€re HĂ€resie gewesen, folgerichtig gab und gibt es auch keine grĂ¶ĂŸere Untersuchung und grundsĂ€tzliche Darstellung der ZusammenhĂ€nge von Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung in Deutschland, und dies auch nicht fĂŒr die Geschichte der DDR-Gesellschaft.

Wie konnte das VerhÀltnis von Berufs- und Laienkunst zu einem politischen Problem werden?

Vor diesem Hintergrund gesehen hat die in den frĂŒhen sechziger Jahren gefĂŒhrte und heute recht seltsam anmutende Diskussion ĂŒber das VerhĂ€ltnis von Berufs- und LaienkĂŒnstlern eine Bedeutung, die nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. Am Beispiel der kĂŒnstlerischen Produktion wurde hier nĂ€mlich indirekt aber ganz grundsĂ€tzlich nach den gesellschaftspolitischen Potenzen der Arbeiter gefragt. Diese Diskussion nahm eine Debatte wieder auf, die am Ende der Zwanziger Jahre im Bund proletarisch-revolutionĂ€rer Schriftsteller gefĂŒhrt worden ist. Damals war es um die Frage gegangen, ob „die sozialistische Literatur“ von den Arbeitern selbst geschrieben werde - also vornehmlich von den Arbeiterkorrespondenten der linken Presse und von den Arbeiterautobiographen. Oder aber – und das war die Gegenposition – ob sie von jenen ehemals bĂŒrgerlichen Literaturspezialisten geschrieben wird, die sich der revolutionĂ€ren Bewegung angeschlossen haben. Am Beispiel literarischer Textproduktion waren damals kontrĂ€re Vorstellungen darĂŒber entwickelt worden, wie sozialistische Kultur sich bilde und wer als ihr Schöpfer anzusehen wĂ€ren.

Als im Zusammenhang mit dem „Bitterfelder Weg“ der Streit um die Rolle der Arbeiterkorrespondenten und um die LeistungsfĂ€higkeit der Laienkunst wieder aufgenommenen wurde, ging es primĂ€r nicht um Kunstfragen. Denn zur Debatte stand damit zugleich, welche Rolle der „wirkliche Arbeiter“, der nicht in die Politik oder die Funktionseliten aufgestiegen war, im Herrschaftssystem spielt und worin seine Beteiligung an der "Planung und Leitung" (nicht nur der Produktion) bestehen könnte.

Zeitgleich wurde bekanntlich erwogen, ob die Leitung der sozialistischen Betriebe nicht besser in die HĂ€nde der kooperierender Arbeiterbrigaden, also einer Versammlung der Brigadiere, zu legen wĂ€re. Weil solche Art der Verbindung von Selbstverwaltung und Planung so ganz und gar nicht in das in GrundzĂŒgen ĂŒbernommene sowjetische Modell zentralistischer Planwirtschaft passte, hat Ulbricht nach kurzer Irritation solche Gedanken schnell als syndikalistische Verirrung verworfen. Auch an solcher Unsicherheit wird das widersprĂŒchliche VerhĂ€ltnis zwischen Partei und Arbeitern sichtbar. Hier manövrierte sich die politische Elite immer wieder in eine schwierige Lage und war nicht in der Lage, die systemimmanenten Möglichkeiten einer „Arbeiterdemokratie“, einer Demokratie der WerktĂ€tigen in der Planwirtschaft zu realisieren.

Das da etwas vertan wurde, scheinen viele zu spĂŒren. Denn wenn die Mehrheit der Ostdeutschen heute meint, dass die gute sozialistische Idee in der DDR nur schlecht umgesetzt worden sei, dann steht dahinter die Überzeugung, dass bei den politischen Akteuren die subjektiven Voraussetzungen nicht ausgereicht haben, die geschichtlich völlig neue Herausforderung zu bewĂ€ltigen, eine ganze Gesellschaft umzubauen und zu dirigieren. Man mag zugutehalten, dass es fĂŒr ein solches revolutionĂ€res Unterfangen keine wirklich brauchbaren Vorbilder gegeben hatte, und einmal begonnen, war entschlossenes Handeln sicher entschieden wichtiger als Selbstzweifel. Dennoch ist festzuhalten, dass nach den eigenen Voraussetzungen fĂŒr dieses Projekt von den FunktionĂ€ren dieser Fraktion der Arbeiterbewegung mehrmals zwar andeutungsweise, aber nie grundsĂ€tzlich gefragt worden ist.

Es soll und kann hier nicht entschieden werden, ob der grundsĂ€tzliche Gesellschaftsumbau ĂŒberhaupt eine sinnvolle Zielsetzung sein kann. Es ist aber zu vermuten, dass die eigene Konditionierung fĂŒr das Vorhaben nicht ausreichte. Hier könnte man sich dem Urteil der Spezialisten fĂŒr ostdeutschen Parteiengeschichte ĂŒber die im Osten hegemoniale Fraktion der Arbeiterbewegung anschließen. Auch wissen wir aus eigener Erfahrung, dass die FĂŒhrung der SED wenig davon hielt, ihre eigene BefĂ€higung zum Gegenstand wissenschaftlicher Analysen (heute: einer Supervision) machen zu lassen. Die Wissenschaften wurden von ihr nicht als autonome Institutionen verstanden. Sie sollten als Erkenntnisinstrumente fĂŒr die Strategie der Partei dienen; Manöverkritik und PrĂŒfung von Alternativen waren kaum erlaubt.

Nachhaltig prĂ€gend fĂŒr dieses SpannungsverhĂ€ltnis waren die frĂŒhen 50er Jahre. Als es 1952 ĂŒberraschend hieß, die Arbeiterklasse wĂ€re nun fĂ€hig und bereit, den Aufbau der Grundlagen des Sozialismus zu beginnen, war das nicht nur eine Floskel ohne Absicherung, es war - bei allen Illusionen - auch eine bewusste Unwahrheit. Und nicht nur deshalb, weil gar keine analytische Arbeit geleistet worden war, sondern weil ĂŒber "die Arbeiter" auch von dieser politischen FĂŒhrung anders gedacht worden ist. Mit dem 17. Juni 1953 erhielt sie darauf prompt die Antwort.

Genau betrachtet ist das VerhĂ€ltnis der deutschen Arbeiterbewegungen zu "den Arbeitern" von Anfang an recht kompliziert. Und dies mindestens seit Ferdinand Lassalle („Was wir am meisten hassen ist der Unverstand der Massen“). In Deutschland hatten wohl alle Abteilungen und Richtungen der politischen Arbeiterbewegung ein recht negatives Bild vom kulturellen Zustand der Arbeiter. Neben der immerwĂ€hrenden Distanz der (wenigen) Organisierten zu den (vielen) Nichtorganisierten waren es vor allem die GrundsĂ€tze ihrer politischen Ideologie, die sie vom Alltagsverhalten der Arbeiter trennten. Zu diesen GrundsĂ€tzen gehörte die Überzeugung, dass Arbeiter hart an der Armutsgrenze leben, ihr Dasein durch zunehmende Verelendung geprĂ€gt ist, sie als Arbeiter keinen Gestaltungsspielraumhaben und sie ihrer eigenen Arbeit entfremdet sind. Sie bilden nur lokale Arbeiterkulturen, sie denken aus eigener Anstrengung bestenfalls gewerkschaftlich und ihr politisches Handeln bleibt spontan. Meinten die einen, der Arbeiter werde durch Höherbildung zum mĂŒndigen BĂŒrger, setzten die anderen dagegen, dass Arbeiter zur Erkenntnis ihrer Klasseninteressen aus eigener Kraft nicht gelangen können, Arbeiter sind also allein vermittelt durch ihre politische Klassenorganisation zum Handeln in eigenem Interesse fĂ€hig.

Es soll hier nicht der RealitĂ€tsgehalt dieser politischen Ideologien abgewogen werden. Es kann aber jenseits aller Debatten darĂŒber aber als sicher angenommen werden, dass politischer Einfluss und gesellschaftliche DurchsetzungsfĂ€higkeit nichtbesitzender Gruppen und Schichten tatsĂ€chlich von ihrer Vernetzung und Organisiertheit abhĂ€ngen. Dies sollte bedacht werden, wenn hier darauf hingewiesen wird, dass das „Eigene“ der Arbeiter von den Ideologen der Arbeiterorganisationen nicht gerade hoch veranschlagt worden ist und sie dies dazu verfĂŒhrt hat, die politische Arbeiterbewegung als eine Avantgarde zu ĂŒberhöhen und zu ĂŒberschĂ€tzen. Diese Gefahr war in Ostdeutschland besonders groß. Nach der Demoralisierung durch die nationalsozialistische Herrschaft und den Krieg musste sich die relativ kleine Gruppe der antifaschistischen Aktivisten von KPD und SPD als eine fortschrittliche Elite im großen Heer der Depravierten, VerfĂŒhrten und Indifferenten fĂŒhlen und schon daraus Entscheidungsberechtigungen im Interesse aller Arbeiter ableiten.

Aber auch die Kultur der politisch Organisierten wurde damals nicht hoch veranschlagt. Sie kam eher negativ zur Sprache, als Walter Ulbricht 1958 auf dem V. Parteitag der SED resĂŒmierte und dabei zunĂ€chst hervorhob, dass einige hunderttausend Arbeiter ohne entsprechende Vorbildung in FĂŒhrungsfunktionen von Staat und Wirtschaft aufgestiegen sind, die oftmals nur ĂŒber so viel Kultur verfĂŒgten, wie ihnen die Arbeiterbewegung hatte geben können. Damit redete Ulbricht zumindest indirekt von der deutschen Arbeiterbewegungskultur. Nun sollten die Arbeiter allgemein - und die in Leitungsfunktionen aufgestiegenen ganz besonders - "auch die Höhen der Kultur stĂŒrmen und von ihnen Besitz ergreifen" (Walter Ulbricht, Der Kampf fĂŒr den Frieden, fĂŒr den Sieg des Sozialismus und fĂŒr die nationale Wiedergeburt Deutschlands als friedliebender, demokratischer Staat. Referat auf dem V. Parteitag der SED, Berlin 1958, S. 120). Mangelnde BefĂ€higung zur politischen und wirtschaftlichen FĂŒhrung wurde - mit Blick auf die mittleren und unteren FunktionĂ€re - als ein kulturelles Problem gesehen. Walter Ulbricht sprach vom „ZurĂŒckbleiben des subjektiven Faktors" (gegenĂŒber objektiven Anforderungen).

TatsĂ€chlich waren zu dieser Zeit (auch als eine Folge der Entnazifizierung) bereits in allen gesellschaftlichen Bereichen viele der FĂŒhrungspositionen mit Menschen aus bildungsfernen sozialen Schichten besetzt worden. Es hatte einen massenhafter Aufstieg gegeben, der in dieser Form durchaus einmalig war und bei dem man wohl von einer kulturellen Revolution sprechen könnte. Die neu entstehende Bildungsschicht wie die Funktionseliten setzten sich nun mehrheitlich aus ehemaligen Arbeitern, Bauern und kleinen Angestellten zusammen, die bis dahin nicht nur sozial benachteiligt gewesen waren, sondern ihre PrĂ€gung auch in Milieus erfahren hatten, die ĂŒber keine Gruppen-Kulturen verfĂŒgten, die der Hegemonialkultur der entmachteten herrschenden Eliten ebenbĂŒrtig gewesen wĂ€ren.

VolkspÀdagogik als "Kulturrevolution"

Das positive Programm zur Überwindung der schwierigen kulturellen Situation, in der sich der "Staat der kleinen Leute" befand, wurde dann in Anlehnung an ein sowjetisches Modell die „sozialistische Kulturrevolution“ genannt. Es war keine Kopie, denn in Russland ist etwas anderes unter Kulturrevolution verstanden worden. FĂŒr Leo Trotzki, den BegrĂŒnder des Konzepts, war das VolksaufklĂ€rung mit Hilfe der modernen Medien (VerdrĂ€ngung der Kirche durch das Kino). Bogdanows Organisation "Proletarische Kultur" wollte neu rekrutierten Arbeitern modernes Produktionsdenken vermitteln und Lenin drĂ€ngte auf Alphabetisierung der bĂ€uerlichen Bevölkerungsmehrheit. In Ostdeutschland stand keine vergleichbare Aufgabe an.

Neben dieser Differenz zur sowjetischen Situation gab es weitere GrĂŒnde fĂŒr ein anderes VerstĂ€ndnis der „eigenen Kulturrevolution“. Es war vor allem das BildungsverstĂ€ndnis der alten Sozialdemokratie der Grund dafĂŒr, dass nun die eigene Kulturhöhe ausgerechnet am Kernbereich deutscher bĂŒrgerlicher Kultur des 19. Jahrhunderts gemessen worden ist: an ihrem Ă€sthetischen Empfindungs- und Ausdrucksvermögen. Genau dies meinte Walter Ulbricht, als er auf der ersten Bitterfelder Konferenz ganz im Geiste der Bildungsideen der alten Sozialdemokratie vor den versammelten Schriftstellern erklĂ€rte: „Wir wollen der Arbeiterklasse, der herrschenden Klasse, die im BĂŒndnis mit den werktĂ€tigen Bauern und anderen werktĂ€tigen Schichten die politische Macht ausĂŒbt, helfen, die Höhen der Kultur zu erstĂŒrmen. Wir wollen mit Hilfe der Schriftsteller und KĂŒnstler und der Talente aus dem arbeitenden Volk die Kultur des neuen Deutschland gestalten, jene Kultur, die ihrer Form nach national und ihrem Inhalt nach eine sozialistische Kultur ist.“ (Walter Ulbricht, Fragen der Entwicklung der sozialistischen Literatur und Kultur. In: Sonntag Nr. 20 v. 17. Mai 1959, S. 9.)

War es bei den sowjetrussischen Konzepten von Kulturrevolution um elementare Aufgaben „nachholender Modernisierung“ gegangen - im Kern um die Alphabetisierung der bĂ€uerlichen Massen - sollte es bei den ostdeutschen Arbeitern und ArbeiterfunktionĂ€ren um die Hebung des Kunstverstandes gehen. An dieser Fixierung auf die KĂŒnste hat sicher die bis 1933 stĂ€ndig expandierende Arbeiterkulturbewegung ihren Anteil. Sicher war es auch der fĂŒr viele autodidaktische Aufsteiger charakteristischen Bildungsehrfurcht geschuldet, dass kein ArbeiterfunktionĂ€r an den veredelnden Wirkungen der Kunst zu zweifeln wagte. Es muss dennoch erstaunen, dass eine ganze politische FĂŒhrung sich nun immer wieder in Kunstdebatten verstrickte. Die sogenannte Formalismus-Debatte anfangs der 50er Jahre war nur einer der vielen Höhepunkte dieser bemerkenswerten Neigung. Offenbar wurde ernsthaft angenommen, dass ausgerechnet jene KĂŒnste, die ihre BlĂŒte als Diskursmedien des BildungsbĂŒrgertums erlebt hatten, nun gleichermaßen als Medien fĂŒr das geistige Leben des modernen Industrieproletariats tauglich sein könnten. Ein Irrtum mit negativen kulturpolitischen Folgen. Dennoch bleibt festzuhalten, dass diese Politiker die KĂŒnste tatsĂ€chlich als eine gesellschaftliche Macht gesehen haben, und damit als Chance und Gefahr zugleich.

ArbeiterfunktionĂ€ren mag man einschichtige Kunstvorstellungen zubilligen, wenn sich aber ein einflussreicher Kulturpolitiker und Kulturwissenschaftler wie der bereits zitierte Hans Koch 1959 geradezu hymnisch ĂŒber die veredelnde Wirkung von Kunst auf Arbeiter Ă€ußert, dann kann eine solche Annahme wohl nur auf der völligen Ahnungslosigkeit darĂŒber beruhen, wie in Arbeitermilieus gelebt und gedacht wird. In grĂŒndlicher Verkennung der Arbeiterkultur - vom modernen Produktionsdenken ĂŒber massenkulturellen Umgang bis zur urbanen Lebensweise - fragte er nĂ€mlich, was sich wohl ereigne, wenn ein Arbeiter den Faust lese, eine Brigade in die Oper gehe, in der Arbeitersiedlung ein HĂ€ndel-Konzert geboten werde, junge WerktĂ€tige eine Agitpropgruppe bildeten, wenn ein Arbeiter sein erstes Gedicht schriebe. Und antwortet selbst: in Einzelschicksalen „prĂ€gt sich das Antlitz der neuen herrschenden Klasse, die aus dem einstmals unterdrĂŒckten und ausgebeuteten, von der Kultur ausgeschlossenen Proletariat hervorging, vollstĂ€ndig aus. Damit erst wird die Arbeiterklasse vollstĂ€ndig zum Herren der gesellschaftlichen Entwicklung, vollzieht sie vollstĂ€ndig ihre historische Mission: als die historisch letzte Klasse alles Gute und Edle, alles Große und Schöne der ganzen Menschheitsgeschichte in sich aufzunehmen, an ihm sich selbst zu bereichern und es, bereichert um ihre eigenen Erfahrungen und Leistungen, der klassenlosen Gesellschaft entgegenzutragen.“ (Hans Koch, ebenda, S. 34)

Soziale Sicherheit und bescheidene kulturelle Differenzierung

Die große Distanz zwischen diesem Hymnus und der gesellschaftlichen RealitĂ€t wird offenbar, wenn man die damalige Lage der ostdeutschen Arbeitermilieus denkt. Sie waren nach schweren KriegsschĂ€den durch radikale Reparationsleistungen und anhaltende Kriegsgefangenschaft im Kern beschĂ€digt. Die historisch entstandene Arbeiterkultur war geschwĂ€cht, verzerrt oder ganz beseitigt worden. Neben den depravierenden Wirkungen von Faschismus und Krieg war das die nun folgende Einbindung ihrer einst tragenden KrĂ€fte in den Gesellschaftsaufbau. Was da von der großen Arbeiterbewegung noch ĂŒbrig war, bildete sich nun zum Staat um. Die enorme Rekrutierungs- und AufstiegsmobilitĂ€t hatte den Arbeitermilieus bald so gut wie alle ihrer organisierten KrĂ€fte entzogen.

Die TrĂ€ger der Arbeiterbewegungskultur wurden dringend in leitenden Funktionen benötigt und gerieten dabei in andere kommunikative Strukturen. Diese Aufgestiegenen bildeten relativ schnell eigene sozial-kulturelle Milieus mit eigenen kommunikativen Netzen, eigenen Sprachen und Wertvorstellungen. Sie blieben allerdings in vielen Äußerlichkeiten, in der Denkweise und in ihren Ansichten noch stark mit den Herkunftsmilieus verbunden. Vor allem, weil sie sich als Aufsteiger nicht an ein bereits kulturell ausgeformtes Milieu anpassen mussten, sondern dort mehrheitlich ihresgleichen vorfanden. Auch dies war ein mögliches Motiv, sich am zweifelsfrei Wertvollen, an den propagierten bĂŒrgerlichen Kulturwerten zu orientieren. Allerdings bleibt auch zu bedenken, dass die Interessenlage bei diesen professionellen Vertretern der Arbeiterinteressen nun deutlich anders war als in ihrem Herkunftsmilieu. Und dieses Milieu der gehobenen FunktionĂ€rsschicht stabilisierte sich mit den Jahren auch kulturell. GĂŒnter Benser hat als ihr Kenner viele Hinweise dazu gegeben, aber eine Analyse der Wertvorstellungen, Denkweisen, Vorurteile usw. dieser hegemonialen "Teilkultur" steht noch aus.

Allerdings: sie blieben dabei doch weitgehend „arbeiterlich“, die ausgebildete Distanz zum Alltag der â€žĂŒbrigen WerktĂ€tigen“ war weit geringer als der Abstand der Besitz- und BildungsbĂŒrger zu den handarbeitenden Gruppen. Doch entscheidender fĂŒr den "arbeiterlichen" Charakter der ostdeutschen Gesellschaft war die Besser- und Sicherstellung der Arbeiter durch weitgehende Beseitigung aller Formen des Privatbesitzes, aus denen EinkĂŒnfte jenseits eigener HĂ€nde Arbeit zufließen. Damit war die Beseitigung der großen sozialen GegensĂ€tze und eine VergĂŒtungspolitik verbunden, in deren Praxis die Unterschiede zwischen den "WerktĂ€tigen" möglichst klein gehalten wurden. Mit dieser grundsĂ€tzlichen VerĂ€nderung wurden zweifellos arbeiterliche Vorstellungen von Gerechtigkeit durchgesetzt und Anliegen des "Arbeiterbewegungssozialismus" verwirklicht.

Das hatte lĂ€nger anhaltende Wirkung. Nachweislich sind sich die Ostdeutschen ĂŒber die Jahre in vielen Positionen recht Ă€hnlich geworden. In Arbeitsbewertung, Zeitrhythmus, Versorgung, Wohnweise, Familientyp, Gesellungsformen, Kunstauffassung, Sprache und Habitus haben sich bei ihnen arbeiterliche Tendenzen durchgesetzt. In sozialistischer Perspektive kann der erreichte Grad an EgalitĂ€t nur positiv bewertet werden. Auch angesichts der heute weiter wachsenden Unterschiede zwischen Reichen und Armen liegt das sehr nahe. Und dies nicht nur vordergrĂŒndig. Denn wenn nach Alternativen zur Konkurrenzgesellschaft gesucht wird, dĂŒrfte solche EgalitĂ€t, ausgerichtet am Anspruchsniveau arbeitender Menschen, wieder ein Thema sein.

Es mĂŒsste selbstverstĂ€ndlich gleichfalls bedacht werden, ob in der damit verbundenen Tendenz zu kultureller Homogenisierung nicht eine Ursache fĂŒr das Verschwinden dieses Gesellschaftstyps liegt, der allen Menschen gleiche Chancen geben sollte. Denn in dieser sozialkulturellen Absicht vor allem hat er seine Mittel eingesetzt und dabei ĂŒber die VerhĂ€ltnisse gelebt. Schon zehn Milliarden Dollar Schulden im Westen brachten ihn ins Wanken. Wohl ungenĂŒgend wurde mit diesem sozialen Egalisierungskonzept der auch in der ostdeutschen Gesellschaft anhaltenden Tendenz zu kultureller Differenzierung entsprochen. Die Pflege kultureller Eigenheiten der sozialen Gruppen und Milieus wie der einzelnen Menschen wurde mit den Jahren zwar immer weniger behindert, sie wurde aber auch nicht stimuliert und kaum als Entwicklungsfaktor verstanden. Dass diese MĂ€ngel zu den inneren Ursachen seiner SchwĂ€che gehören, ist zu vermuten.

Allerdings ist es im Osten nicht sehr populĂ€r, das Scheitern der DDR auf kulturelle Defizite zurĂŒckzufĂŒhren, allzu gern werden gerade die Pflege und die Demokratisierung bĂŒrgerlichen Kulturguts wie die WertschĂ€tzung der KĂŒnste als ihre eigentliche StĂ€rke angefĂŒhrt. Das hat einen realen Hintergrund. Die mit dem „Bitterfelder Weg“ versuchte Verbindung der Arbeiter mit den traditionellen KĂŒnsten erwies sich zwar als wenig gangbar. Doch die damit zugleich eingeleitete Hinwendung zu den kulturellen BedĂŒrfnissen der arbeitenden Menschen aller Schichten war moderne Kulturpolitik. Die reale Folge war ein System kultureller Versorgung, das alle sozialen Gruppen und Schichten ebenso erreichte, wie es ĂŒberkommene Unterschiede zwischen Stadt und Dorf, zwischen industriellen und lĂ€ndlichen Regionen abbaute. Das ist inzwischen Geschichte, auf die vor allem Angehörige der Ă€lteren Generationen der ostdeutschen Bildungsschicht wehmutsvoll zurĂŒckblicken, sahen viele doch gerade darin ihre Lebensleistung.

So scheint denn das kulturelle Großprojekt "Bitterfelder Weg" wohl doch Erfolg versprechend an der richtigen Stelle angesetzt zu haben: im Arbeitsalltag der wirklichen Arbeiterinnen und Arbeiter. Dieser Versuch, Arbeit und Kunst zu versöhnen, spricht - bei aller Verkennung des real Möglichen und bei allen Missgriffen im Umgang mit den KĂŒnsten – mindestens fĂŒr den hohen kulturellen Anspruch des gescheiterten sozialistischen Projekts. Nachwirkungen werden noch heute von der Meinungsforschung und in Studien zur MentalitĂ€t der Deutschen ausgewiesen: bei Übereinstimmung in vielen Werten legen Westdeutsche einen stĂ€rkeren Akzent auf wirtschaftliche Aspekte, fĂŒr Ostdeutsche dagegen hat das Kulturelle eine höhere Geltung.

Vier vorlĂ€ufig abschließende SĂ€tze

Offenbar hat es eine geschichtliche Phase gegeben, in der die industrielle stĂ€dtische Arbeiterklasse der fortgeschrittenen kapitalistischen LĂ€nder die Chance hatte, die Staatsmacht (vielleicht sogar demokratisch) zu majorisieren und die Gesellschaften dieser LĂ€nder in einem sozialistischen Sinne umzugestalten. Die historischen Konstellationen fĂŒhrten nur im sowjetischen Machtbereich dazu. Darum ist auch nur hier und zu diesem Zeitpunkt - so meine Vermutung - belegt worden, dass weder der kulturelle Horizont der Arbeitermilieus noch die Kulturvorstellungen der daraus hervorgegangenen Arbeiterbewegungen ausgereicht haben, die kulturelle Ausdifferenzierung der modernen industriellen Gesellschaften zu begreifen und angemessen zu handeln. Das minderte ihre Potenzen betrĂ€chtlich und wurde vollends zum VerhĂ€ngnis, als kulturelle Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit weltweit als produktive KrĂ€fte immer gewichtiger geworden waren.