KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
 Start  Reports  Themen  Texte  Zeitdokumente  Kritik  Veranstaltungen 
 Editorial  Impressum  Redaktion  Forum  Suche 
TextKulturation 2014
Wolfgang Herzberg
24 Stunden Berlin
Morgens

Sterne am Himmel verblassen,
Morgendämmerung steigt.
Krähen auf Hofbäumen krächzen.
Berlin träumt bizarr noch und schweigt.
Flugzeuge kreuzen die Dächer,
dröhnen flach über der Stadt.
Leute erwachen in Betten,
wälzen sich müde und matt.

Jogger beginnen zu rennen,
Parkwege, kahl und leer.
Autos starten im Regen,
Scheinwerfer, kreuz und quer.
Straßenzüge, verwirrend,
Baustellen überall...
In Mietskasernen verfängt sich,
von Müllfahrzeugen, der Schall.

Straßenbahnen rattern,
U-Bahnen brausen schwer,
S-Bahnen fahren nicht pünktlich,
Schienenersatzverkehr.
Radfahrer treten Pedalen,
Bürgersteige entlang.
Im Tiergarten friert ein Trinker,
in Zeitungspapier auf 'ner Bank.


Vormittags

Autos wälzen sich mühsam
im Straßengewirr durch die Stadt.
Ampeln blinken farbig,
Augen müde und matt.
Kuhdamm klingeln Kassen,
Shopingmeile der Stadt,
findet die größte Party,
als Einkaufsorgie statt.

Schneeregen nieselt zur Straße,
Baustellen werden zur Qual.
Stau der Autokolonnen,
wie ein verwundeter Aal.
Postämter hocken Bettler,
vor leeren Pappschachteln, still.
Obdachlose bieten Zeitungen,
die Mensch kaufen will.

Im Straßenbild, Migranten,
aus manchen Teilen der Welt.
In Kreuzberg, viele Türken,
teils mit, teils ohne Geld.
Trotz ihrer Aufbauhilfe,
das Boot sei längst schon voll.
So denken rechte Deutschen,
und es schiebt ab, der Zoll.

Blicklos hasten Leute,
alles scheint stinknormal.
Wie Schwache durchs Leben kommen,
den meisten doch scheißegal.
Dienstleistungsmetropole,
Berlin pulsiert und lebt.
Wovon weiß keiner richtig?
Der Schuldenberg, er bebt.


Mittags

Im Reichstag, unter der Kuppel,
ein Redner, vor leerem Saal.
In vielen Berliner Quartieren
herrscht immer noch Armutsqual.
Berlin ist so groß wie London,
hat halb so viel Einwohner nur.
Etliche Parks und Seen
lohnen ne Ausflugstour.

Die Stadt, an ihren Gewässern,
blinkt wie ne Glasperlenschnur.
Berliner Museumsinsel,
Highlight der Stadtkultur.
Aussichtsdampfer quirlen
durch Spree und Landwehrkanal.
Touristen fotografieren,
aus Handys, ohne Zahl.

Alex und Potsdamer Platz,
Treffpunkte in Berlin,
Tausende von Autos,
Fußgänger atmen Benzin.
Seit Mauerfall, da wurde
gebaut, viel restauriert.
Es gibt manch bunte Straßen,
wo man, trotz allem, friert.

Warum existieren Millionen
in diesem Straßengewirr
und lassen sich täglich spannen
in irgendein Jobgeschirr?
Glasfassaden funkeln,
wenn grell die Sonne glänzt.
Doch hinter den Fassaden,
Du schnell ins Leere rennst.

Die Diktatur des Geldes
ist ein Absurdistan.
Es stresst weltweit zu Tode,
ihr Profitierungswahn.
Kassiert wird von Geburt
bis hin zur Totenbahre,
und Du musst zahlen, zahlen, zahlen,
zig Rechnungsformulare.


Nachmittags

Das Häusermeer scheint endlos,
mit Autos, wie Haie darin.
In Läden raffen Kunden,
meist ohne Lebenssinn.
Da draußen, in grüner Umgebung,
scheint es wohl ruhiger zu sein.
Oder täuschen nur Wälder und Seen
mit ihrem Heiligenschein?

Wir sehnen uns nach Stille,
nach leisem Vogelgesang,
denn das Berliner Leben,
das macht schnell alt und krank.
Immer wieder schrillen
Martinshorn - Signale,
Kranke brauchen Hilfe,
täglich tausend Male.

Vielleicht nimmt Polizei
auch Demos in die Zangen?
Mit Blaulicht rasen sie
durch Autoschlangen.
Berlin ist voll deutscher Geschichte.
Durchs Brandenburger Tor
marschierten einst, fackelnd, die Nazis,
mir knallen noch die Stiefel im Ohr.

Hier stand auch die deutsche Mauer.
Die gibt es schon lange nicht mehr.
Aus Teilung entstand noch nichts Drittes.
Sie klebt in den Köpfen, wie Teer.
Doch gerade der Fall der Mauer,
riss auf erneut die Kluft,
weil sie nur Schuldige suchten
in Stasi's Aktengruft.

Das Mauern war die Folge
vom deutschen Mörder - Krieg,
mit zig Millionen Toten,
nach alliiertem Sieg.
Gespalten blieb dies Land,
aus dem das alles kroch:
die Kluft von Arm und Reich,
gibt’ s immer noch.

Doch es verlief Geschichte,
dort wo Erfahrung ruht:
was war in Ost und West,
im Alltag schlecht, was gut?
Nur wer auf Augenhöhe
Biografien vergleicht,
findet Gerechtigkeit,
die in die Tiefe reicht.

Auf beiden Seiten wurde
Befreiung zäh versucht:
die Trümmer weggeräumt,
geglückt und teils verflucht.
Der Osten mühte sich,
sozial gerecht zu sein.
Doch wirklich mitregieren,
schrieb man dort eher klein.

Dem Westen war's gegeben,
den Wohlstand hoch zu drehen.
Doch Kapital und Nazis,
die brauchten kaum zu gehen.
Der Osten war zu schwach,
alternativ zu sein.
Das Gegenstück im Westen,
blieb auch nur schöner Schein.

Wie kann die Spaltung heilen,
wenn Schuld nur Andre sind?
Wer dumm nur ostwärts zeigt,
der ist geschichtlich blind.
Anstatt zwei deutsche Wege,
als Nachkriegschance zu sehen,
da lernte man angeblich,
nur westwärts aufrecht gehen.

Der Antikommunismus
der Nazizeit sitzt tief.
Das wabert stets noch immer
als bundesdeutscher Mief.
Sie lügen, wenn sie West und Ost,
in Gut und Böse teilen.
Nur kritische Symbiosen
können alte Wunden heilen.


Abends

Berlin, ein Flickenteppich,
zerklüftet diese Stadt.
Der Krieg, der Nachkrieg sprengte,
nicht nur die Häuser platt.
Berlin, oft Grotten hässlich,
doch teils auch interessant.
Grafitis siehst Du vielfach
an jeder Häuserwand.

Der Geist, der hier einst lebte,
wacht leider selten auf.
Des Abends wird er rege,
mal im Gesprächsverlauf.
Falls wir aus vielen Ecken,
uns solidarisieren,
könnten Ideen wachsen,
die uns neu inspirieren.

Berlin, ein Abbild Deutschlands,
West- Ost, im Patchwork – Stil.
Das stolpert und mäandert,
meist ohne Weg und Ziel.
In Pankow war ich heimisch,
doch Heimat war das nicht.
Ich seh in Deutschlands Trümmern,
am Ende noch kein Licht.

Berlin sucht dumpf die Rolle,
die es in Zukunft spielt.
Es kann sich nicht entscheiden,
für wen's politisch zielt:
für die, die sowieso nicht
viel zu lachen haben,
oder, die sich nur
am süßen Leben laben?

Berlin, Dir Hauptstadt Deutschlands,
fehlt ne humane Idee.
Tagträume tauen flüchtig,
wie nasser Winterschnee.
Ein Straßengeiger spielt
im zugigen U-Bahnschacht.
Passanten hetzen vorbei.
Auf ihn gibt keiner acht.

Der Geiger geht mir nach,
wie'n Bild von Mark Chagall.
Sein Spiel verschluckt der Wind,
im tosenden U-Bahnschall.
Abends, unter nassen Laternen,
Leute eilen hastig nach Haus,
sehen beim Abendbrot fern,
wissen oft ein nicht, noch aus.

Theater, Sex und Kneipen,
die gibt es ohne Zahl.
Zerstreuung einer Weltstadt.
Wer zahlt, hat auch die Wahl.
Millionen Mieter hausen
auf Mieten, bis zum Dach.
Wer Ohren hat, zu hören,
vernimmt viel Weh und Ach.

Gefühle, kaum gebraucht
und nicht gefragt zu sein,
ein Nichts, unter Millionen,
sozialer Klotz am Bein.
Ersetzbar jederzeit
auf dem Bewerbungsmarkt,
und wenn Du stirbst, ganz schnell
ins Grab geharkt.

Wer kann schon in die Herzen
so vieler Leute schauen?
Versteh' ja kaum mein eigenes,
wo sich viel Sorgen stauen.
Angstvolle Lebensrätsel,
die ich nicht lösen kann;
so wird's auch andren gehen,
ob Kind, ob Frau ob Mann.


Nachts

Des Nachts, da jagen Banden
durch lampenlose Parks,
umzingeln ihre Beute,
wie mörderische Sharks.
Sie reißen Opfer auf
und stechen wild drauf los,
wenn die nicht willig sind
und rücken raus, ihr Moos.

Die Polizei ist machtlos,
hat viel zu viel zu tun.
Sie hätten wenig Leute,
die könnten nie ausruhen.
Tags drauf, da titelt „Bild“:
>> VOM MESSER BLUT GESPRITZT!<<
Das Blatt ist so perfide,
weil alles bleibt, wie's ist.

Gewalt ist immanent,
ob hier oder global.
Getötet wird durch Elend,
durch's Waffenarsenal.
Geldherrschaft sei „Freiheit“,
was für ein Lügenhohn!
Sie ködern mit Konsum,
das sei der „Freiheit“ Lohn.

Erst kommt das eigne Ego,
den Hintern an die Wand.
Das Ringen für's Gemeinwohl,
braucht Herz und viel Verstand.
Wo treibt das alles hin,
wenn es so weitergeht?
Das Leben, hier auf Erden,
am blutigen Abgrund steht.

Nur Wenige gewinnen
die Macht und viel Besitz.
Die Mehrheit ist Verlierer,
der Widerstand, ein Witz.
Die Mehrheit schafft die Werte,
seit ewigen Zeiten schon.
Sie macht sich täglich krumm,
für'n besseren Hungerlohn.

Ich spür hauchdünnes Eis.
Es kracht an allen Ecken.
Schon dehnen sich weltweit,
die blutigen Wasserflecken.
Wir sehen täglich News:
Skandale, Morde, Kriege.
Wer hört n o c h die Signale,
hilft Menschenrecht zum Siege?!

Verbrechen ohne Ende,
prekär so mancher Job.
Doch besser Brotarbeit,
als eiskalt, ex und hob.
Wie Kinder in diesem Klima
gedeihen und aufwachsen sollen,
ist ein verschlüsseltes Rätsel,
das Eltern gern lösen wollen.

Die Liebe bleibt im Moloch
der Stadt oft auf der Strecke.
Wie Bäume nur kümmerlich wachsen,
in versiegelter Straßendecke.
Freiheit wird erst wirksam,
wenn jeder sich entfaltet
und nicht nur lebenslang,
die eigne Not verwaltet.

In Fenstern verlöschen die Lichter,
Bildschirme flimmern noch matt,
senden zumeist TV-Schrott,
der maßlose Zerrbilder hat.
Berliner gehen nicht gern spät schlafen,
weil schnell nächster Arbeitstag steigt.
Raben auf Hofbäumen krächzen.
Berlin träumt bizarr noch und schweigt...