KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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TextKulturation 2/2009
Volker Gransow
Müssen Deutsche das Töten lernen?
Kulturelle Aspekte menschlicher Sicherheit
10/2009
“Die Deutschen müssen das Töten lernen”. So äußerten sich Vertreter der Regierung George W. Bush gegenüber Karsten D. Voigt, dem Regierungsbeauftragten für deutsch-amerikanische Beziehungen, zur Lage in Afghanistan. (“Der Spiegel”, Nr.47 vom 20.11.2006). Als ob die Deutschen im 20. Jahrhundert nicht hinreichend ihre Fähigkeiten zum Töten bewiesen hätten. Es geht wohl darum, dass Deutsche neben dem Töten das Sterben im bewaffneten Kampf wieder erlernen. Gehört zur “Lizenz zum Töten” nicht ebenfalls die “Lizenz zum Sterben”?

“Es wird der Eindruck erweckt, die Kriege der jüngsten Zeit seien nach wie vor am Modell der klassischen zwischenstaatlichen Kriege zu beurteilen. Das ist aber nicht mehr der Fall...”. Mit diesen Worten wies der Berliner Politologe Herfried Münkler den Vorwurf zurück, dass Israel im Krieg gegen die libanesische Hisbollah das Völkerrecht verletzt habe. (“Frankfurter Rundschau” vom 23.11.2006). Die Politikwissenschaft des 21. Jahrhunderts scheint da gar nicht so neu. Vielmehr eher befangen in einem Freund-Feind-Denken mit dehnbarem Völkerrecht. Denkt man da nicht an die Schriften des unseligen Carl Schmitt (1888 - 1985)? Ist das nicht ein Autor, den Münkler kennen könnte?

“Seven months after Israel started a fierce three-week military campaign here to stop rockets from being fored on its southern communities, Hamas has suspended its use of rockets and shifted focus to winning support at home and abroad through cultural initiatives and public relations”. Das notierte unter der Überschrift “In Hamas’s Arsenal, Rockets and Culture” Ethan Bronner in der “New York Times” (“The New York Times”, SZ-Edition, 3. August 2009). Kultur - nicht als Accessoire, sondern integral verstanden - gehört anscheinend zum Krieg, auch beim unter Obama zur “Overseas Contingency Operation” verniedlichten “War on Terrorism”. Noch mehr zu einer alternativen Sicherheitspolitik der Prävention, des Gesprächs und der gegenseitigen Hilfe?

Bleibt zu fragen, ob es bei der Frage nach Kultur als integralem Teil etablierter wie alternativer Sicherheitspolitik nicht um Augenwischerei geht. “Und das größte Wunder der Erde ist der Wunderglaube ihrer Bewohner, besonders der Linken ... Selbst wenn wir jeden bärtigen Krieger, dessen wir habhaft werden können, in ein Ent-Talibanisierungslager schicken und ihm Röpke und Eucken erklären, Habermas und Dahrendorf vorlesen “ spottete Bestseller-Verfasser Richard Precht, “ - selbst dann wären die Erfolgsaussichten gering (“Feigheit vor dem Volk”, in “Der Spiegel” Nr.32/2009). Dem Philosophie-Volkspädagogen würde hier vielleicht etwas Dialektik helfen. Denn die von ihm belächelten “Lehrer und Kindergärtner, Polit-Profis, Poeten und Professoren” könnten mit kulturellen Kenntnissen und Dialog-Angeboten nicht nur für “bärtige Krieger” vielleicht verhindern, dass Unsummen an Steuergeldern für Tornados verschleudert werden. Und dass deutsche Soldatinnen und Soldaten für Opiumexport und eine potenzielle Pipeline sterben.

Ja, sterben. Oder “fallen”? Klaus Harpprecht bemerkte dazu: “Offiziell führt Deutschland am Hindukusch keinen Krieg”. Aber doch beklage die Bundeswehr ihre ersten Toten in einem Krieg, der nicht so genannt werden soll. “Fallen” dürfen sie seit 2009 dort immerhin. “Deutsche Soldaten sterben nicht. Sie kommen auch nicht um. Sie werden nicht getötet. Sie finden - eine merkwürdige Wendung - vielleicht den Tod, den sie nicht gesucht haben. Sie fallen” (“Gefallen”, in “Die Zeit” vom 6. August 2009).

Die hier gegebene Auswahl von Pressemeldungen und Kommentaren aus den Jahren 2006 bis 2009 deutet auf eine zumindest in Nuancen andere Dimension internationaler Politik nach den Schrecken des 20. Jahrhunderts, der Implosion des Realsozialismus und dem Angriff auf das World Trade Center am 11.September 2001. Bedrohungen resultieren nicht mehr allein aus zwischenstaatlichen Konflikten und einer Block-Konfrontation, sondern aus Armut und Massenelend, ethnisch oder religiös motivierter Gewalt, dem internationalen Terrorismus, der Proliferation von Massenvernichtungswaffen oder weltweiten Umweltgefahren. Es sei als weiteres Stichwort nur die wirtschaftliche und kulturelle Dimension der kapitalistischen Globalisierung genannt. In diesem Zusammenhang wird ein erweiterter Sicherheitsbegriff diskutiert: “Human Security” oder “menschliche Sicherheit”. Was ist das? Eine Arbeitsdefinition wäre (Human Security Network, “A Perspective on Human Security”, Lyksoe 1999):

“A humane world where people can live in security and free from poverty or despair, is till a dream for many and should be enjoyed by all. In such a world, every individual would be guaranteed freedom from fear and freedom from want, with an equal opportunity to fully develop their human potential”.

Die kulturelle Dimension eines erweiterten Sicherheitsbegriffs wird oft übersehen. Zur Klärung sollen im folgenden Antworten auf drei Fragen gesucht werden: Eine erste Frage ist die, wie fasst man die Beziehung von Kultur und Politik heute begrifflich? Zweitens geht es um menschliche Sicherheit im kulturellen Kontext. Drittens soll über mögliche Implikationen für Deutschland und Europäische Union nachgedacht werden. Schließlich soll zusammenfassend nach sicherheitspolitischen Alternativen zum Töten und Sterben gesucht werden.


Kultur und Politik

In der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts prägen drei Phänomene internationale Politik:
a) der Kapitalismus ist global geworden;
b) eine demografische Spaltung zwischen armen Ländern mit wachsender Bevölkerung und reichen Ländern mit schrumpfender Bevölkerung;
c) technischer Wandel, besonders das Internet , verstärkt die beiden vorgenannten Entwicklungen.

Um die Beziehung von Kultur und Politik in diesem Kontext zu analysieren, muss man Begriffe finden, die jenseits von einem Kulturverständnis sind, das Kultur als spezifisch für einen Nationalstaat oder eine nationale Gesellschaft sieht. Die “klassische” Definition von politischer Kultur in der westlichen Politikwissenschaft des 20. Jahrhunderts war ein politisches Kulturverständnis als “the specifically political orientations-attitudes towards the political system and its various parts” (Almond/Verba, p.12). Mir scheint dies heute ungenügend zu sein, weil es sich auf nationale Gesellschaften beschränkt und weil es die materiellen Aspekte von Kultur vernachlässigt, besonders “Kulturgüter”. Wenn wir diese Definition als zu eng zurückweisen, dann brauchen wir einen weiten Kulturbegriff. Ein weiter Kulturbegriff benötigt jedoch immer eine oder mehrere spezifische Differenzen, wie die Unterscheidung von Basis und Überbau oder zwischen materieller und geistiger Kultur in verschiedenen marxistischen Denkrichtungen. Diese Unterscheidung wäre freilich von Marx selbst nicht akzeptiert worden. In seinem bekannten Vergleich zwischen Biene und Architekt im ersten Band des “Kapital” sagte Marx selber (Marx, S. 193):

“Wir unterstellen die Arbeit in einer Form , worin sie dem Menschen ausschließlich angehört. Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut.”

Mit Marx könnte man nach dialektischeren Kulturkonzepten suchen. Dietrich Mühlberg hat hierzu einen sehr nützlichen Vorschlag gemacht. Für Mühlberg differenziert sich Kultur in eine objektive und eine subjektive Existenzweise. Die objektive Kultur ist sowohl das materielle wie auch das geistige kulturelle Erbe, das subjektiv durch die heutige Generation angeeignet wird. So wird Kultur als kontinuierlicher Wandlungsprozess betrachtet Und: “Kulturgüter” werden wichtig genommen, Kultur ist nicht auf geistige Kultur reduziert (vgl. u.v.a. Mühlberg, Dölling, Vereek). Vielleicht ist “Hybridkultur” eine theoretische und praktische Hilfe (vgl. Tschernokoshewa/Kramer, Tschernokoshewa/Gransow)?

Aber wo ist Politik? Bei Almond/Verba war ein enges Politikverständnis mit einem engen Kulturbegriff verbunden worden. Bei Mühlberg finden wir eine ausgezeichnete dialektische Definition von Kultur, aber Politik kommt nur implizit vor. Deshalb schlage ich vor, Raymond Williams’ Kulturbegriff einzubeziehen.

Für Raymond Williams ist Politik zentral für Kultur. Williams sieht Kultur sowohl als “ganze Lebensweise” als auch als “ein kennzeichnendes Netz von Symbolen”, wie etwa Kunst. Sie ist gleichzeitig Komplexität von Hegemonie. Hegemonie setzt die Existenz von etwas voraus, was nicht nur zweitrangig oder ein Überbau ist. Sie konstituiert Substanz und Grenzen des Alltagsverständnisses einer Mehrheit. Das bedeutet, dass Kunst und Kultur per definitionem politisch sind. Kultur ist außerdem nicht nur politisch, sondern auch historisch. Sie ist historisch insofern, als Williams in einer gegebenen Kultur zwischen dominanter, alternativer und oppositioneller Kultur differenziert. Sozialer und hegemonialer Wandel und Interaktion, Repression und Inkorporation zwischen diesen Teilen der Kultur führen zu neuen Konfigurationen. Was gestern noch alternativ war, kann morgen schon dominant sein.

Nach Williams, "in any society, in any particular period, there is a central system of practices, meanings and values, which we can properly call dominant, ... which are not merely abstract, but which are organized and lived" (Williams 1980 , p.38). Die Grenzen von alternativen und oppositionellen Kulturen zur dominanten Kultur sind schwer zu ziehen: “There is a simple theoretical distinction between alternative and oppositional, that is to say between someone who simply finds a different way to live and wishes to be left alone with it, and someone who finds a different way to live and wants to change the society in its light... But it is often a very narrow line, in reality " (ibidem pp.41-42). Williams - wie auch der ihm ebenbürtige französische Kultursoziologe Pierre Bourdieu (vgl. Bourdieu ) - entwickelte sein Konzept von Kultur und Politik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundersts. Ist es noch gültig am Beginn des neuen Jahrtausends?

Meiner Meinung nach lautet die Antwort: “grundsätzlich ja”. Aber der Unterschied ist, dass wir heute nicht mehr den Nationalstaat als Rahmen poltischen Handelns akzeptieren können. Wir müssen die Begriffe modifizieren, um die Realität von heute begreifen zu können.

Wenn wir heute Williams’ dialektisches Konzept von Kultur und Politik anwenden wollen, müssen wir bedenken, dass wir es mit einer universellen dominanten Kultur des globalen Kapitalismus zu tun haben. Zitat von Stephen Clarkson : ”If the consequent dedication to competition, glorification of consumption, commodification of culture, denigration of community, and blurring of national identities are given freer reign in the new North America than on other continents as the transnational corporation becomes the lead force defining public values, the North American model will distinguish itself as giving the greatest leeway for the market to produce social norms and discipline governments” (Clarkson 2000, p.19). Für mich ist das eine genaue Beschreibung der dominanten Kultur des globalen Kapitalismus.

Diese dominante Kultur ist in einer hegemonialen Auseinandersetzung konfrontiert mit den oppositionellen Kulturen des Jihad oder Islamischen Fundamentalismus und den alternativen Kulturen von Attac und den Weltsozialforen. Mir scheint wichtig, dass die politische und kulturelle Interaktion zwischen diesen drei Kulturen durch Produktion, Integration und Repression nicht reduziert wird zu binären Modellen wie dem “Kampf der Kulturen” (Huntington) oder sogar “Jihad vs. Mc.World” (Benjamin Barber, vgl. Goytisolo). Wenn wir nach einem Instrument für einen globalen kulturellen “Trialog” suchen, dann müssen wir uns einem kulturellen Verständnis menschlicher Sicherheit zuwenden. Dabei ist die Mühlbergsche Heraushebung objektiver Kultur als kultureller Errungenschaft früherer Generationen zentral.


Menschliche Sicherheit

Der kanadische Politikwissenschaftler Alex Macleod fasste 2005 seine Analyse menschlicher Sicherheit wie folgt zusammen: “The most successful way of coming to grips with human security questions is through prevention, particularly through aid and development programmes, carried out by national governments, NGOs and the UN and its specialised agencies” (Macleod, p.8). Da kann man voll zustimmen, fragt aber nach der speziellen kulturellen Komponente und der Rolle der EU, weil die EU für die neuen Herausforderungen strukturell besser geeignet sein könnte. Sie ist mehr als eine internationale Organisation von Nationalstaaten (wie die im Kontext menschlicher Sicherheit wertvolle UNO; vgl. Homer-Dixon), aber weniger als ein echter Bundesstaat. Daran ändert auch das vielbeklagte Demokratiedefizit nichts.

In Bezug auf kulturelle Komponenten möchte ich die Diskussion menschlicher Sicherheit mit der Diskussion “öffentlicher Güter” verbinden. Hier folge ich Elmar Altvater und der UNO-“Commission on Human Security” (vgl. Altvater, Commission 2003) Altvater argumentiert, dass Menschenrechte universell und nicht reduzierbar sind. Menschliche Sicherheit kann jedoch ausschließlich unter bestimmten historischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen hergestellt werden. Nur bei Unterstützung durch menschliche Sicherheit können Menschenrechte realisiert werden. Dies geschieht durch die Bereitstellung öffentlicher Güter, nicht durch militärischen Kampf gegen den Terror, der selber eine Gefahr für menschliche Sicherheit und Menschenrechte ist. Abu Ghraib und Guantanamo sind hierfür makabere Symbole (vgl. Altvater, S.2). Öffentliche Güter sind Güter, die für jene Teile menschlichen Lebens notwendig sind, wo Individuen oder Gruppen unfähig sind, Ressourcen für Bildung, Gesundheit, Alter, Ernährung, Unterbringung und Wasserversorgung bereitzustellen. Mit anderen Worten: öffentliche Güter schließen Kulturgüter ein, eine Politik menschlicher Sicherheit schließt kulturelles und künstlerisches Handeln ein.

Aus meiner Sicht ist diese Verbindung von Menschenrechten, menschlicher Sicherheit und öffentlichen Gütern notwendig für einen globalen politischen “Trialog” zwischen dominanten, alternativen und oppositionellen Kulturen. Dazu gehören weite Begriffe von Kultur, Politik und menschlicher Sicherheit ohne die grundlegenden Voraussetzungen menschlichen Lebens zu vergessen. Diese Politik menschlicher Sicherheit ist sehr wahrscheinlich vielversprechender als ein rein militärischer Kampf gegen den Terror.


Mögliche Konsequenzen für die Bundesrepublik und die EU

Kann es dabei eine besondere Rolle für die menschliche Sicherheitspolitik der Bundesrepublik und der EU geben? Deutschland und die EU haben sich bisher in Sachen menschlicher Sicherheit eher zurückgehalten. Die EU hat sich in der internationalen Diskussion gemeinsam mit Kanada besonders in der Landminenfrage und im Handel mit kleinen und leichteren Waffen engagiert.

Auf internationaler Ebene gibt es das “Human Security Network”, dem u. a. Kanada, Mali, Österreich und die Slowakei angehören. Weder die USA noch die Bundesrepublik noch die EU sind bisher Mitglieder. Auch unter Obama ist die Bush-Doktrin der “Homeland Security“ nicht durch eine der “Human Security” ersetzt worden.

Seit 2004 liegen der EU (z. T. von ihr selbst angeforderte) diesbezüglich Vorschläge und Politik-Empfehlungen verschiedener Wissenschaftler-Teams (den Autor dieser Zeilen eingeschlossen) vor. Man fordert erstens eine “Human Security Doktrin”, zweitens die Schaffung einer “Human Security Response Force” von 15.000 Frauen und Männern durch die EU, wovon mindestens ein Drittel zivil wäre, und drittens die Schaffung eines neuen rechtlichen Rahmens. Die Bundesrepublik Deutschland in Gestalt des Auswärtigen Amtes (AA) und die Kommissariate der für internationale Beziehungen zuständigen EU-Kommissare Xavier Solana und Benita Ferrero-Waldner haben bisher reagiert. Neben Deutschland und der EU ist in den verschiedenen Politik-Empfehlungen auch das traditionell an Menschlicher Sicherheit besonders interessierte Kanada angesprochen worden (vgl. Bredow).

Resümierend scheinen mir weder der Ansatz der politischen Kulturforschung besonders im Nordamerika des 20. Jahrhunderts noch das traditionelle marxistische Kulturkonzept den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu entsprechen. Der “kulturelle Materialismus” von Dietrich Mühlberg und Raymond Williams hingegen kann nutzbar gemacht werden für eine Analyse der internationalen Beziehung von Kultur und Politik, weil Kultur nicht als Objekt von Politik gesehen wird, sondern Politik als Teil von Kultur.

Im “Trialog” zwischen dominanten, alternativen und oppositionellen Kulturen auf globaler Ebene ist menschliche Sicherheit ein Kernpunkt. Dies besonders dann, wenn die Diskussion über öffentliche Güter (einschließlich Kulturgüter) einbezogen wird.

Bundesrepublik und EU könnten sich in praktischer Politik im Rahmen des Human Security Network und der Bildung von “Human Security”-Einsatzgruppen weit stärker engagieren, als dies bisher der Fall ist und damit auch verbreiteten “mafiösen” Methoden in besonders hilfsbedürftigen Ländern entgegenwirken (vgl. Stölting).

Im Ausblick scheinen mir Handlungsmöglichkeiten besonders gegeben bei der Sicherung kultureller Örtlichkeiten im Konfliktfall. Hier ist das Militär sehr oft schlicht überfordert. Man denke nur an die Kosovo-Erfahrungen der Bundeswehr. Vielleicht sollte sich die weitgehend AA-finanzierte Stiftung “Wissenschaft und Politik” am Berliner Ludwigkirchplatz bei ihrem Untermieter “internationale Friedensdienste” nach Einzelheiten über mißglückte Sicherungen von Kulturgütern erkundigen.

Menschliche individuelle, auch ganz praktisch körperliche individuelle Identität sollte ebenfalls Gegenstand menschlicher Sicherheitspolitik sein. Das schließt geschlechtliche Identität ein. Die Soldatinnen und Soldaten der Bundesrepublik Deutschland und der ISAF schützen z. Z. in Afghanistan (vielleicht später auch in Pakistan) nicht nur Opiumbarone, Warlords und die kleptokratische Kasai-Clique, sondern auch z. B. die regelmäßige Vergewaltigung junger Männer durch wohlhabende männliche Afghanen, die den auf dem Heiratsmarkt erhältlichen Jungfrauen die intakte Jungfräulichkeit erhalten wollen. In einer Reportage von Christoph Reuter aus Afghanistan im Sommer 2009 heißt es: “Von Kundus im Norden im Norden bis Kandahar im Süden halten sich Reiche, vor allem Milizführer, ihre privaten Knaben, die Milch und Hühnerfleisch bekommen und neben den Frauengemächern wohnen. Die vor Freunden tanzen, für Unsummen gehandelt werden und bei denen niemand fragt, ob sie Jungfrauen sind. Im Gegenteil: Den Lieblingsknaben eines großen Commanders von hinten zu nehmen, ist eine Trophäe ... Schwul sei hier niemand” (“Stern” Nr.33/2009). Und zum Schutz solcher Strukturen müssen die Deutschen also das Töten lernen? Vielleicht könnte man auch bei Genderpolitik Altenativen mit entwickeln helfen?

Selbstverständlich sollten Kulturgüter wie Kirchen und Kunstwerke weit über das UNESCO-Kulturerbe hinaus durch menschliche Sicherheitspolitik vor Vandalismus und anderen Angriffen bewahrt werden. Analoges gilt für die extrem gefährdete Umwelt (vgl. Homer-Dixon). Bei alledem geht es für Deutsche und andere freiwillig Involvierte nicht darum, wegen narzisstischer Rache an AlQuaida oder zum Schutz einer noch gar nicht gebauten Pipeline an einer Spirale des Tötens mitzuwirken. Vielmehr ist eine durchdachte und koordinierte “menschliche” (also nicht unbedingt nationale) Sicherheitspolitik auch im Interesse von Nationen, die ihre herkömmliche Kultur durch Migranten oder Asylanten bedroht sehen. Oft genug hat herkömmliche Sicherheitspolitik deren Wanderungen erst erzwungen.


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