KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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TextKulturation 2/2008
Ina Dietzsch
Zusammen sind wir super!
Die SuperIllu – ein neues Medium jenseits neuer Medien?
Zusammen sind wir super!
Die SuperIllu – ein neues Medium jenseits neuer Medien? [1]

Dieser Text untersucht die SuperIllu als ein Medium, das sich selbst als eines der wenigen versteht, die sich den Themen und Belangen der Menschen im Osten Deutschlands widmen, und er geht der Frage nach, inwieweit mit ihr ein diskursiver Raum für Kritik im Sinne einer Gegenöffentlichkeit eröffnet wird.

In der Euphorie, die sog. neuen Medien zu untersuchen, wird m. E. das Zeitungs- und Zeitschriftenlesen unterschätzt. Auch wenn viele Printmedien abnehmende Umsatzzahlen verzeichnen hat die BILD-Zeitung, so wird vom Unternehmen selbst geschätzt, täglich etwa 10 Millionen Leser [2], das Informationsblatt für Fachhändler für Zeitungen und Zeitschriften hat eine Auflage von 31.000 und gerade bin ich in Wittenberge auf einen Zeitungsladen gestoßen, der 1700 verschiedene Titel führt. Das Lesen von Zeitungen ist nach wie vor eine wichtige Alltagspraxis, über die in modernen Gesellschaften Zugehörigkeiten hergestellt werden, um die sich Sozialität und Alltagspraxen organisieren und in der sich Bilder von Gesellschaft (re-)produzieren.

Am Beginn meiner ethnografischen Forschung zum Zeitungsmarkt habe ich in einem Berliner Zeitungsladen eine Woche lang das Verkaufsgeschehen teilnehmend beobachtet. Weil Zeitungsverkauf allein sich nicht lohnt, werden hier außerdem Brötchen und Kaffee angeboten sowie Lotto, Süßigkeiten und ein breites Sortiment an Zigaretten. Damit hat der Laden die typische Mischung, in der Zeitungen und Zeitschriften üblicherweise verkauft werden – ein Kiezladen mit täglicher Stammkundschaft. Drei Beobachtungen aus dieser ersten Feldphase sind dabei besonders bemerkenswert. Erstens die Verlängerung der allmorgendlichen Routinen aus der privaten Wohnung in den Laden hinein: Hier wird gefrühstückt – in der Regel immer das Gleiche. Hier wird die morgendliche Zeitung gekauft – auch immer die gleiche. Und dies in der Regel jeden Tag etwa zur gleichen Zeit. Zweitens fällt auf, wie in dieser Art von Kiezladen die Kinder der erwachsenen Kunden bereits in den Gebrauch von Geld und nebenbei auch in den Zeitungsmarkt hinein sozialisiert werden, indem sie z.B. von ihren Eltern angehalten werden, das Geld hinzureichen oder sich eine Kinderzeitschrift aus dem riesigen Angebot auszusuchen, aus dem jedes einzelne Heft mit besonderer Aufmachung versucht, auf sich aufmerksam zu machen. Nicht nur das Lesen sondern auch das Kaufen von Zeitungen ist also offensichtlich ein alltagskulturell bedeutsamer Akt, der u. a. in die Wohnumgebung und Nachbarschaft integriert und zugleich Marktverhalten einübt. Drittens haben mich meine Beobachtungen das Zeitungsregal völlig neu verstehen lassen – als eine Wissensordnung, in der sich verschiedene Formen von Öffentlichkeit und ihre Positionierungen zueinander zeigen: Zeitungen und Zeitschriften in einem Regal sind nicht zufällig angeordnet, sondern sie folgen einem elaborierten Ordnungsprinzip. Ein sog. Belegungsschema, dass die Vertriebe den Händlern beratend zu Verfügung stellen, führt dazu, dass in einer quasi europaweiten Standardisierung Zeitungen und Zeitschriften in den Regalen nach bestimmten Kriterien geordnet werden, die den Blick kanalisieren und Impulskäufe anregen sollen. „Umsatzsteigerung durch Präsentationsoptimierung“ heißt das Grundprinzip – also die Vielfalt vor allem übersichtlich präsentieren.[3]

 Ina Dietzsch
Belegungsschema für ein mittelgroßes Angebot (alle Repros: DPOM)


Dieses Grundprinzip behandelt zunächst noch alle Waren gleich und hat vor allem die Funktion, „das üppige Angebot“ in Tableauform überschaubar zu machen.[4] Damit repräsentiert das Zeitungsregal einen typischen Ausschnitt aus der modernen Alltagswelt: Komplexität und einen Versuch ihrer Reduktion.

Gleichzeitig ist das Zeitungsregal ein machtvolles, hierarchisierendes Ordnungsmodell für Wissen, denn die Positionierung der einzelnen Zeitschriften entscheidet auch über deren Sichtbarkeit bzw. Präsenz im öffentlichen Raum gegenüber anderen. Verschiedene Faktoren sind an der Entscheidung darüber beteiligt, was überhaupt ins Regal kommt und was nicht. Um nur kurz einige zu nennen: das Remissionssystem und damit indirekt verbunden das Kaufverhalten [5] der Kundschaft und deren soziale Mischung, aber auch die Raumgröße des Ladens, die individuellen Vorstellungen des Händlers von einem guten Sortiment sowie seine finanziellen Möglichkeiten usw. Bei der Positionierung der einzelnen Produkte finden sich dann zudem z.B. die Blick- oder Greifhöhe potentieller Kunden berücksichtigt (nach dem Mechanismus Männer sind größer, Kinderzeitschriften müssen weit unten liegen, um zugänglich zu sein usw.). Außerdem folgt das Belegungsschema in seinen Kategorisierungen vertrauten Mustern, nach denen sich Wissen in modernen Gesellschaften machtvoll strukturiert und es reproduziert diese damit zugleich. Ein Subordnungsprinzip stellt dabei erwartungsgemäß die Geschlechterdifferenz dar. Jedes Zeitungsregal hat Frauenzeitschriften und eine Männerecke – in Deutschland als Erotik, Motor, Sport, Computer-Ecke unterschieden, in anderen europäischen Ländern explizit als Männersache benannt. [6] In der Betrachtung des Zeitschriftenregals als Wissensordnung lässt sich also auch etwas verstehen, über die (nicht- nur marktgesteuerten) Selektionsprozesse, die mit darüber entscheiden, was entgegen der Fiktion bürgerlicher Öffentlichkeit, nicht für jeden und zu jeder Zeit zugänglich ist und darüber, wie sich einige der Selektionsmechanismen auf besondere Weise stabilisieren.

 Ina Dietzsch
Umgesetztes Belegungsschema


Trotz solcher Modell-Vorgaben wie dem Belegungsschema und trotz des automatisierten Rücklaufsystems, das den Händlern die Bestellungen weitestgehend aus der Hand nimmt, verfügen die Einzelhändler noch über einigen Spielraum in diesem Aufmerksamkeitsmanagement: Sie können das Modell-System stützen oder unterlaufen, je nachdem, wie sie selbst über die konkrete Platzierung der einzelnen Zeitschriften entscheiden. Besonders sichtbar wird dieser Handlungsspielraum, wenn man verschiedene Zeitungs- und Zeitschriftenläden daraufhin vergleicht, ob sie rechte Tageszeitungen und indizierte bzw. pornografische Zeitschriften im Angebot haben und wo sie diese platzieren. Meine Gespräche haben gezeigt, dass dies sehr abhängig von der persönlichen Haltung der Ladeninhaber sowie ihrer Verkaufsmoral ist. Sie ziehen so auch individuell Grenzen des Sortiments, wenn sie aus moralischen Gründen die Nationalzeitung bzw. die sog. FFK-Heftchen nicht verkaufen. Händler und Vertriebe befinden sich also in permanenter Aushandlung über das Sortiment.

Die auf diese Weise von verschiedenen Akteuren produzierte und reproduzierte Wissensordnung des Regals (einschließlich ihrer Grenzen) schließt zugleich an die Alltagsroutinen der Käufer und Käuferinnen an. Sie bietet verlässliche Platzierungen und führt dazu, dass z.B. TV- und Tageszeitungen so positioniert sind, dass man sie blind greifen kann. Mit dieser körperlichen Praxis des quasi blinden Zugreifens geht die Wissensordnung damit in die Selbstverständlichkeit von Alltagroutinen ein und wird ein weiteres Mal unhinterfragt (ungesehen) reproduziert.

Die zweite Frage, die nach dem Status der SUPERIllu in dieser Wissensordnung, möchte ich mit der Diskussion darüber verbinden, welche Form von Öffentlichkeit sie repräsentiert. Bürgerliche Konzepte von der öffentlichen Sphäre denken diese oft identisch mit einem politischen Verständnis von der Gesellschaft. Doch dieses Verständnis ist nichts Fixes und Selbstverständliches, sondern darüber, was legitimerweise öffentlich ist, muss im ständigen Streit bzw. Kampf immer wieder verhandelt werden, die Grenzen dafür immer wieder neu bestimmt werden. [7]

Die Vorstellung von der Existenz hegemonialer sowie Gegenöffentlichkeiten, wie sie vor allem im geschlechterpolitischen Zusammenhang entwickelt wurde, hilft da nur bedingt weiter. Michael Warner z.B. hat ein Konzept vorgestellt, in dem er von Öffentlichkeiten und Gegenöffentlichkeiten spricht (Warner 2002). Man kann seinem Verständnis von Öffentlichkeiten insoweit folgen, dass es sich dabei um sich selbst-organisierende soziale Einheiten handelt, die in engem Zusammenhang mit der Zirkulation von Texten stehen und sich über die Aufmerksamkeit gegenüber diesen Texten konstituieren. Mit Öffentlichkeiten wird dabei in der Regel ein Verhältnis unter Fremden beschrieben, die in öffentlicher Rede persönlich oder unpersönlich als solche adressiert werden und sich selbst auch als Öffentlichkeiten verstehen.

Gegenöffentlichkeiten sind dann solche, die sich durch ihre Spannung mit der „breiten Öffentlichkeit“ definieren und die strukturiert sind durch alternative Dispositionen oder Protokolle und durch andere Auffassungen davon, was gesagt werden kann und was wortlos funktioniert (ebd.: 56) In der Regel sind sie aber auch als soziale Einheiten gedacht, deren Ziel es ist, die herrschenden Normen und Regeln gesellschaftsweit zu verändern.

Erweitert man dieses Verständnis von Gegenöffentlichkeiten auf anders politisch ausgerichtete Formen, so z.B. Migratinnenpresse (vgl. Darieva 2005), linke und rechte Presseerzeugnisse, die nicht auf den Markt kommen oder solche, die gesetzlich verboten sind, dann wird dieser Begriff der Gegenöffentlichkeiten schwierig, weil sich diese (1) durch verschiedene Grade des „Gegens“ unterscheiden – also in ihrer Spannung zu hegemonialen Formen, aber auch (2) durch ihre Ressourcen bzw. ihre Motivationen, Teil dieser zu werden bzw. überhaupt werden zu wollen. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, ob das homogen vorgestellte Objekt eines solchen „Gegens“ überhaupt noch zum Tragen kommt, wie es für die geschlechterpolitischen Gegenöffentlichkeiten in den 1960er Jahren in der Bundesrepublik mit der „spießigen, prüden bürgerlichen Öffentlichkeit“ oder für die oppositionellen Öffentlichkeiten in der DDR mit der „Ideologie der politischen Elite“ noch zu beobachten war. Wie sehen (Gegen-)Öffentlichkeiten heute aus wenn – wie es H.J. Vogel von der Arbeitsgemeinschaft „Offene Kirche“ 2004 in der linken Zeitschrift telegraph schrieb: „zwar die unterdrückten Nachrichten (...) nicht mehr ganz so verborgen sind und durch administrative Geheimhaltung unwirksam gemacht“, aber “durch Überflutung mit Informationsmüll zum Verschwinden gebracht werden?“ [8] Befinden sich Gegenöffentlichkeiten also in der Krise? [9] Die Kriterien, die Warner angelegt hat, können m. E. nur als Anregung dienen, Öffentlichkeiten innerhalb einer hierarchischen Ordnung und in Bezug aufeinander genauer beschreiben zu können. Doch sie müssen auch danach befragt werden, wie sie ihr „Gegen“ eigentlich konstruieren.
Auf der Grundlage dieses theoretischen Zugangs werde ich im Folgenden versuchen, hier sehr verkürzt - die Positionierung der SUPERIllu im Gefüge von Öffentlichkeiten zu beschreiben. Die These ist dabei, dass mit der SUPERIllu etwas Neues auf den Markt kommt, das einerseits Ähnlichkeiten mit Gegenöffentlichkeiten im bisherigen Sinne aufweist, z.B. in dem sie sich zum Anwalt der sonst nur sehr undifferenziert dargestellten „Ostdeutschen“ und ihrer Angelegenheiten macht. Aber zugleich weist sie, nicht nur in den Verkaufszahlen, deutliche Gemeinsamkeiten mit etablierten Presseerzeugnissen auf. [10] Sie repräsentiert damit eine neue, flexible Form von Öffentlichkeit, die beides und zugleich keines von beiden darstellt.


 Ina Dietzsch
Cover der SUPERillu aus der frühen Phase (1991)



Als die SUPERillu 1990 auf den Markt kam, hatte sie zwar nackte Frauenkörper auf dem Cover, aber sie war keine Sexzeitschrift, die sich ohne weiteres in die Männerecke des Regals ordnen ließe. Es lassen sich eher große Ähnlichkeiten mit den St. Pauli-Nachrichten aus Anfang der 1970er Jahre feststellen, die damals durchaus als eine geschlechterpolitische Gegenöffentlichkeit verstanden werden konnten. Andererseits ist die SUPERillu in keiner Weise vergleichbar mit den St.Pauli-Nachrichten, wenn man die Konsequenz betrachtet, mit der dort Ende der 1960er und Anfang 1970er Jahre die Dinge in Frage gestellt worden waren.

 Ina Dietzsch
"Vor der Wende mußte Meike aus Berlin die häßliche blaue FDJ-Bluse
anziehen. Heute trägt sie am liebsten Reizwäsche"



Gemeinsam haben beide zunächst, dass neben pornografischen Bildern und Kontaktanzeigen aufklärerische, politisch brisante Texte zu finden sind (Redakteure der St. Pauli-Nachrichten waren damals u. a. Stefan Aust und Günter Wallraff). Und während andere Erotikmagazine meist durchgestylte Studioaufnahmen mit Profimodellen präsentierten, bildeten die St. Pauli-Nachrichten eher die Durchschnittsfrau (oder den Durchschnittsmann) ab. „Fotografieren Sie Ihren Liebling“ (in erotischer Pose) – war beispielsweise eine Rubrik. [11] Eine ähnliche findet sich in der Superillu in den 1990ern mit der Überschrift „Sex, Spiele und Video. Die neue Freiheit im Wohnzimmer“. [12] In beiden Fällen ging es darum, Themen in die Öffentlichkeit zu bringen, die zuvor nur im Privaten verhandelt wurden.

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„Hosen runter!“



Auch die SUPERillu von 1991 diskutiert in einem stark sexualisierten Rahmen politisch brisante Themen kritisch: Mauerschützenprozesse bzw. Prozesse gegen DDR-Regierungsmitglieder („Honecker, Stell Dich!“ ist ein Artikel überschrieben) und Texte wie „Tatort Treuhand“, der über Vereinigungskriminalität berichtet.

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„Tatort Treuhand“


Doch während in den St. Pauli-Nachrichten alles was Spaß macht erlaubt war und sie sich eher aufklärerisch an individualisierte Einzelpersonen richteten, ist die SUPERillu für Frauen und Männer in Partnerschaften oder Familienzusammenhängen gemacht. Den Menschen aus der DDR in heterosexuellen Partnerschaften, die möglicherweise durch die Zumutungen nach der Wende prekär geworden sind, will sie helfen, sich in der neuen Gesellschaftsordnung zurechtzufinden und behandelt u. a. solche Fragen wie: Wie gehe ich mit neu erwachenden sexuellen Wünschen meines Partners oder meiner Partnerin um? Wo sind die heißesten Parties in Ostdeutschland? Aber auch: Wie findet man das richtige Auto? Und: Wie verhält man sich bei einem Banküberfall?

Bemerkenswert stark sind Themen vertreten, die im Osten vermeintlich besonders interessieren und die zugleich eine Differenz zwischen Ost und West betonen. [13] Seit 1991 hat der noch immer amtierende Chefredakteur Jochen Wolff dabei großen Einfluss, der damals aus den alten Bundesländern kam und Erfahrung hatte – er kam von Quick (der ersten Deutschen Illustrierten, die durch Oswald Kolle in den 1970er Jahren eine immense Auflagenstärke erfuhr) und später der Neuen Welt – einer explizit unpolitischen Familien-Illustrierten. Die Auflage der SUPERillu ging zurück und stieg wieder an, je nachdem wie die Redaktion es verstand, auf die sich verändernden Wünsche der Leserschaft einzugehen.

Das führte 1993 zu einem entscheidenden Wandel in der Aufmachung, in dessen Zuge in vielerlei Hinsicht etwa das Profil entstand, das auch heute noch erfolgreich ist: das nackte Covergirl verschwand, das Girl der Woche wurde von der Mitte des Heftes nach hinten verbannt und in einem Editorial des Chefredakteurs ist zu lesen:
„SUPER ILLU erfand im Herbst 1990 die Begriffe ‚Ossi’ und ‚Wessi’ als griffiges Kürzel für die Bürger der neuen und alten Bundesländer. Damals wollten wir auf humorvolle Weise die Unterschiede zwischen Ost und West herausarbeiten. Aber der harte Alltag der Einheit hat die ursprüngliche Bedeutung dieser Kunstworte aufgerieben. ‚Wessi’ steht heute für kaltschnäuzig, arrogant, besserwisserisch. ‚Ossi’ für leicht beschränkt, ewig jammernd, anmaßend. (...) Ich verspreche es Ihnen. SUPER ILLU-Redakteure werden ‚Ossi’ und ‚Wessi’ künftig nicht mehr in die Textcomputer schreiben.“ [14]


 Ina Dietzsch
Typisches Cover des Jahrgangs 2007



Damit hat Wolff der Zeitschrift quasi einen politischen Auftrag gegeben, dessen Spuren sich noch heute in dem Werbeslogan „Zusammen sind wir super“ finden. Eine besondere Präsenz hat Wolff als Person jedoch innerhalb der neuen Bundesländer auch dadurch gewonnen, dass er, nun in Berlin wohnend, die Zeitschrift zum Hauptsponsor der „Goldenen Henne“ machte – dem Medienpreis „Ostdeutschlands“, der jährlich in Erinnerung an Helga Hahnemann im Friedrichstadtpalast verliehen wird und beliebter und einziger öffentlicher Treffpunkt dessen ist, was man eine „Ostprominenz“ nennen könnte. Hier feiert sich die Elite der SUPERIllu – Community in Gegenwart der Zuschauer- bzw. Leserschaft.

 Ina Dietzsch

SUPERillu ist Promotor der „Goldenen Henne“



Heute präsentiert sich die Zeitschrift im Pressekatalog selbst in der Sparte „Illustrierte, politische Presse“ - als „die große deutsche Illustrierte“ mit „Aktuellem aus Wirtschaft, Politik und Zeitgeschehen, als kompetenter Ratgeber in allen Lebenslagen“ mit „umfangreichem Unterhaltungsteil“ und mit dem Zusatz: „besondere Kompetenz bei der Berichterstattung neue Bundesländer.“ Die anvisierte Leserschaft: Schwerpunkt junge Familien und beruflich aktive, interessierte Männer und Frauen“. [15] Während die St. Pauli-Nachrichten heute unter Erotik laufen und sich als „Lustblatt Nr.1- jeden Monat eine gute Nummer“ präsentieren sowie als „Informationsblatt für Hamburger Insider-Tipps, Aufregendes aus dem Milieu“.

Die SUPERillu ist in ganz Deutschland über den Pressevertrieb beziehbar, aber sie ist in den neuen Bundesländern deutlich präsenter und wird dort häufiger gekauft. Während man in westdeutschen Zeitungsläden höchstens ein oder 2 Hefte findet, sind es in einem großen Supermarkt in der ostdeutschen Provinz 20 oder mehr. Auch besitzen die Händler unterschiedliche Kenntnisse über die Zeitschrift, die sie demzufolge an verschiedenen Plätzen im Regal einsortieren. In der Regel jedoch findet sie ihren Platz in einer Reihe mit Klatsch- und Tratsch-Blättern, was nur einer Seite des vielschichtigen Konzeptes der Zeitschrift Rechnung trägt. Toralf Staudt schrieb 2000 in der „Zeit“: “Das Image der krawalligen Busenpostille, als die sie vor zehn Jahren gegründet wurde, klebt zäh an der Superillu. Das ärgert Wolff. (...) Im Missionarston spricht Wolff davon, was für ein seriöses Magazin er und seine 40 Redakteure heute machen.“ [16] Und in der Tat, hier findet man heute Interviews mit Merkel, Milbradt, Gysi, Thierse, Beckstein, Stolpe, Struck und Ringstorf sowie eine permanente Beobachtung der wirtschaftlichen Entwicklung in Ostdeutschland von verschiedenen Seiten. Für Wolff stellen politische Themen einen wichtigen Anker für die Seriosität der Zeitschrift dar, wie er mir im Interview versicherte. [17]

Jenseits von neuen Medien ist die SUPERillu dabei im wörtlichen Sinne, wie es der Titel des Textes nahe legt, nicht mehr – denn sie verfügt über eine eigene Internetversion mit entsprechenden Blogs und eine eigene Online-Redaktion. Besonders erfolgreich ist dabei die Aktion „Mein Ostdeutschland“ gewesen, in dessen Rahmen seit Sommer 2007 Tausende Fotos von LeserInnen ins Netz gestellt wurden – Fotografien des Alltags, Urlaubsbilder etc.

Grundsätzlich richtet sich die SUPERIllu an Ostdeutsche in den neuen und den alten Bundesländern. Aber sie ist auch ein kommerzielles Unternehmen, das Möglichkeiten zur Erweiterung der potentiellen Leserschaft braucht. Dieses Wachstumspotential schafft sie sich, indem die Zeitschrift potentiell an alle Deutschen adressiert ist („Zusammen sind wir super!“). Damit reagiert sie zugleich auf eine entscheidende Befindlichkeit in den neuen Bundesländern, denn hier will niemand mehr zu explizit als ostdeutsch angesprochen werden. Als Deutsche angesprochen und mit den richtigen Themen inhaltlich adressiert, bricht die SUPERillu damit potentiell die Ethnisierung der Ostdeutschen auf und verschiebt das Selbstverständnis der anvisierten Leserschaft hin zum prekarisierten, „entsicherten“ und vom Abstieg bedrohten Teil der deutschen Mittelschicht (mit ihren Berichten über das Leben mit Hartz IV, mit Erfolgsgeschichten und solchen des Scheiterns von Klein- und Mittelständischen Unternehmern). [18]

Geschlechterpolitisch lässt sich sagen, dass die Zeitschrift zwar die eindeutige Vergeschlechtlichung im Zeitungsregal unterläuft – sie kann weder als Männer- noch aus Frauenzeitschrift identifiziert werden, auch wenn Frauen den größeren Teil der Leserschaft ausmachen. [19] Zugleich aber wird mit ihr die heteronormative Brille reproduziert. Die SUPERillu ist damit ein Produkt der im telegraph konstatierten Krise der politischen Gegenöffentlichkeit. Sie schafft eine Öffentlichkeit, die sich mit der Auswahl der Themen und in der Art, wie sie behandelt werden, mal explizit mal eher implizit, immer wieder in Spannung zu Spiegel, Focus, Zeit, der FAZ etc. als dem westdeutschen Mainstream der bürgerlichen Blätter begibt. Doch sie sucht nicht den unversöhnlichen Konflikt mit ihnen.


Anmerkungen

1 Der Text ist auf der Grundlage von Materialien entstanden, die ich im Rahmen des vom britischen ESRC geförderten Projektes „Sociality and Rhetoric Culture in the Interpretation of Situations: an Anthropological Theory and its Application in East Germany” an der Durham University erhoben habe. Sein Vortragsstil ist beibehalten.

2 Diese Zahlen entstehen, in dem die Umsatzzahlen mit einem bestimmten Schlüssel multipliziert werden, der das Ergebnis von Untersuchungen zum LeserInnenverhalten ist und mit dem man dem Umstand Rechnung trägt, dass ein Exemplar von Zeitungen und Zeitschriften jeweils durch mehrere Hände geht und so von mehreren LeserInnen gelesen wird.
3 Broschüre „Erlebniswelt Presse“ des Bundesverbandes Presse-Grosso, Stand 06/02, noch aktuell in 2007.

4 Zur Rolle des Tableaus im Prozeß der Wissensproduktion und –ordung vgl. Latour, Bruno: Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft. Frankfurt/M. 2000.

5 Ein automatisiertes System berechnet das Verhältnis von Lieferung und Verkauf über eine bestimmte Zeit und errechnet dann den Umfang der neuen Lieferung.

6 So z.B. in Ungarn ferfi lápok – Männerseiten oder Männerzeitschriften.

7 Dafür exemplarisch kann z.B. die Arbeit der Bundeszentrale für jugendgefährdende Medien und deren Veränderungen seit den 1950er Jahren angesehen werden.

8 Hans-Jochen Vogel in telegraph 1 7/11/ 2004, S.7.

9 Und müssen wir nicht zudem unser Verständnis von Gegenöffentlichkeiten noch vielmehr dynamisieren, weil sie als „soziale Einheiten “ eine äußerst hohe Fluktuation haben und ihre Eigenschaften sich im Zeitverlauf verändern?

10 Ca.430.000 im Mai 2008 (http://daten.ivw.eu/index.php?menuid=2&u=&p=&detail=true, Zugriff 1.7.08).

11 Vgl. verschiedene Ausgaben der St.Pauli-Nachrichten 1971.

12 SUPERillu am 91.1.1992, S. 4/5.

13 In jedem Heft werden unter Lesern und Leserinnen die Unterschiede zwischen Ost- und Westmännern bzw. Ost- und Westfrauen diskutiert, und von der SUPERillu sogar Studien in Auftrag gegeben, die die Meinungen der Leser und Leserinnen ergänzen oder ggf. auch berichtigen sollen.

14 Jochen Wolff, Editorial in SUPERillu 10/1993

15 Presseproträts. Der Wegweiser zum erfolgreichen Presseverkauf, Frühjahr/Sommer 2007. Hg. Von Ralf Deppe und Peter Strahlendorf.

16 Toralf Staud „Die Zeit“ 4/2000.

17 Interview mit Jochen Wolff am 21.05.2008.

18 Mit nach wie vor mit einer gewissen „Ostlastigkeit“, die sich z.B. in Bezug auf die Geschlechterbilder darin äußert, dass Alleinerziehende als Normalität erscheinen, während sonst insgesamt auffällig stark an die heterosexuelle Paarwahrnehmung angeschlossen wird. Angekommen ist sie bei den LeserInnen in den alten Bundsländern noch nicht. Für diese ist die Zeitschrift nicht attraktiv, wie ich von vielen meiner GesprächspartnerInnen hörte, vor allem deshalb, weil sie die Prominenten nicht kennen. Gerade hat das automatische Remissionssystem eines Zeitungsladens in einer westdeutschen Kleinstadt, den ich beobachte, die SUPERillu aus dem Sortiment genommen. „Die geht hier nicht“ sagt die Verkäuferin und läßt sich auch nicht davon irritieren, dass ich sie eigentlich kaufen wollte.
19 Interview mit Jochen Wolff am 21.05.2008.