KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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TextKulturation 1/2008
Isolde Dietrich
Verbleibstudie Kulturwissenschaft
45 Jahre Kulturwissenschaft in Berlin - Teil 2
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Verbleibstudie der Studierenden der Fachrichtung Kulturwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität zwischen 1963 und 2007

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Im Rahmen eines Projekts zur Geschichte der Kulturwissenschaft ist eine Studie erarbeitet worden, die dem Lebensweg und dem beruflichen Werdegang ehemaliger Studierender der Fachrichtung Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin nachgeht.


Der Studiengang Kulturwissenschaft

Der Studiengang Kulturwissenschaft war eine „DDR-Erfindung“. Er wurde 1963 – erstmalig im deutschsprachigen Raum – an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Karl-Marx-Universität Leipzig eingerichtet. Bis 1990 sind an beiden Hochschulen insgesamt etwa 2500 Diplom-Kulturwissenschaftler ausgebildet worden.

Der Studiengang war inhaltlich breit angelegt. Er umfasste Themen aus der allgemeinen Kulturgeschichte der Menschheit ebenso wie spezielle Probleme, die sich aus der kulturellen Entwicklung in der DDR ergaben. Die Lehrangebote reichten vom antiken Schönheitsideal über die Leibnizsche Monadologie bis zum Bauhaus, zu den Trinksitten der Arbeiter und zum Platz der Populären Musik im Alltag von Jugendlichen. Es ging darum, eine umfassende Bildung (namentlich in Philosophie, Kulturgeschichte, Ästhetik, Kulturtheorie, Literatur-, Kunst-, Theater- und Musikwissenschaft) sowie wissenschaftliche Arbeits- und Denkweisen zu vermitteln.

Berufsbilder mit klaren Tätigkeitsprofilen waren an diesen Studiengang nicht geknüpft. Der Platz des Kulturwissenschaftlers hing mit dem Rang der Kultur in der DDR-Gesellschaft zusammen. „Sozialistische Kultur“ sollte „Kultur für alle“ sein. Sie gehörte zu den in der Verfassung verankerten Staatszielen – ein Programm, dessen Inhalt immer wieder neu auszuhandeln war. Dafür wurden Fachleute gebraucht, die zwischen unterschiedlichen Sphären und Interessen vermitteln konnten. Kulturwissenschaftler als „Spezialisten des Allgemeinen“ schienen dafür geeignet. Sie sollten die Kommunikation organisieren zwischen Politik und Kultur, eingeschlossen Kunst und Wissenschaft. In jenem Spannungsfeld, wo ständig strittige Ansprüche und divergierende Fachsprachen aufeinander trafen, hatten sie weder als „Kulturpapst“ oder Kunstrichter aufzutreten, noch sich direkt in die Politik einzumischen. Nach Auffassung der Lehrenden war es ihre Aufgabe, eine kritische Distanz zu allen Seiten zu wahren und dafür zu sorgen, dass die Exponenten heterogener Positionen im Gespräch blieben und zu einvernehmlichen Lösungen fanden.


Ziel der Untersuchung

Nach dem Ende der DDR, nach einem rigorosen „Elitenaustausch“ und nach der faktischen Liquidierung des oben beschriebenen Studiengangs bestand Anlass für einen kritischen Rückblick. Es ging darum, die spezifische Leistungsfähigkeit wie die Grenzen von drei Jahrzehnten kulturwissenschaftlicher Forschung und Lehre an der Humboldt-Universität zu erkunden.

Dabei sollten die Absolventen des Diplomstudiengangs Kulturwissenschaft einbezogen werden. Als Zeitzeugen sind sie unerlässliche „Gewährsleute“ nicht nur für die Wissenschafts- und Universitätsgeschichte, sondern auch für die Kulturgeschichte dieses Landes.

Um die Auskünfte der ehemaligen Studierenden einzuholen und als Quellen zu sichern, ist 2007 eine schriftliche Befragung unter den Beteiligten durchgeführt worden. Der Fragebogen enthielt standardisierte und offene Fragen.

Im Einzelnen bestand das Ziel darin herauszufinden, aus welchen sozialen Gruppen die Studenten kamen, in welchem Alter sie studierten und welchem Geschlecht sie angehörten, welche Studienform sie wählten (Direktstudium oder berufsbegleitendes Fernstudium), welche schulischen und beruflichen Stationen sie vor dem Studium durchlaufen hatten, wie sie das Studium finanzierten, in welcher familiären Situation sie studierten, wie sie als Studenten wohnten, welche Abschlüsse sie erreichten, wie sich der Übergang ins Berufsleben gestaltete, welche Wege da offen standen und was aus den Karrieren wurde, als die DDR aufhörte zu existieren. In diesem Zusammenhang ist auch nach Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit, vorzeitiger Berentung, ABM-Tätigkeit, Umschulung und Fortbildung gefragt worden. Schließlich wurden Informationen über das derzeitige Tätigkeitsfeld, den aktuellen Status, über berufliche Zukunftsaussichten sowie über außerberufliche Projekte und Ehrenämter erbeten. Mit einem abschließenden, eher qualitativen Fragenkomplex sollte ergründet werden, wie ehemalige Studierende in der Rückschau ihr Studium beurteilen.

Ziel der Umfrage war es, Eckdaten einer „kollektiven Biografie“ der Immatrikulationsjahrgänge 1963 bis 1993 zu gewinnen. Diese Daten geben Auskunft über einen geschichtlichen Personenkreis, der in der DDR an der Humboldt-Universität Berlin ein neu eingerichtetes gesellschaftswissenschaftliches Fach studierte und mit dem erworbenen kulturellen Kapital in zwei verschiedenen politisch-rechtlichen Ordnungen beruflich zu bestehen hatte.

Eine derart reflektierte Langzeitdokumentation, die empirisch reich gestützt ist, schließt eine Lücke und hat vor allem historischen Wert. Sie soll angesichts des bevorstehenden 200. Universitätsjubiläums dem Verschwinden eines erfolgreichen Studiengangs und der DDR insgesamt aus dem öffentlichen Bewusstsein entgegenwirken.


Träger der Studie

Träger der Studie war die Kulturinitiative ’89 – Gesellschaft für demokratische Kultur, also ein außeruniversitäres Gremium. Dieser Kulturverein unterstützt kulturpolitische Konzeptionsbildungen und fördert die Kulturforschung.

Die Studie bezieht mit ihren Sachaussagen Stellung in den aktuellen Kulturdebatten, erfüllt aber vor allem eine Chronistenpflicht. Sie dokumentiert wichtige Aspekte der Kulturgeschichte der DDR wie des deutschen Einigungsprozesses, die von anderer Seite nicht untersucht und in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen werden. Folgen für die weitere Ausgestaltung kulturwissenschaftlicher Studiengänge werden die gesammelten Studien- und Berufserfahrungen ehemaliger Studierender wahrscheinlich nicht haben.


Vorgehen und Sample

Insgesamt wurden 1284 ehemalige Studierende namentlich ermittelt. Diese Übersicht dürfte unvollständig sein, da sämtliche Namen aus dem Gedächtnis rekonstruiert bzw. privaten Notizen entnommen wurden. Auf ein universitätseigenes Studierendenverzeichnis konnte nicht zurückgegriffen werden.

Nach dieser unvollständigen Namensliste hätte die Humboldt-Universität mit den Kulturwissenschaftlern etwa 1,5 Prozent der im Kulturbereich der DDR Beschäftigten ausgebildet. In ihrer Gesamtheit hätten Studenten der Kulturwissenschaft knapp ein Prozent der zwischen 1949 und 1990 an der Humboldt-Universität ausgebildeten Studierenden ausgemacht.

Von 80 % der namentlich Ermittelten konnten über das Telefonbuch, durch Recherchen im Internet und durch Nachfragen bei ehemaligen Kommilitonen Adressen festgestellt werden.

Von März bis Juli 2007 wurden 1032 Fragebögen zusammen mit einem das Projekt erläuternden Begleitbrief per E-Mail bzw. postalisch versandt. Aus Kostengründen musste der Fragebogen auf drei Seiten mit insgesamt 22 Positionen beschränkt werden. Höhere Auslagen für Porto hätte der tragende Verein nicht aufbringen können. (Fragebogen und Anschreiben befinden sich im Anhang.) Von den verschickten Sendungen kamen 58 (5,6 %) als unzustellbar zurück. 974 erreichten offenbar die jeweiligen Adressaten, wobei es sich mitunter auch um „Doppelgänger“, also nicht um die Gesuchten gehandelt haben dürfte. 371 verwertbare Fragebögen wurden zurückgeschickt. Die Rücklaufquote betrug demnach 38,1 % aller zugestellten Fragebögen. Angesichts der Tatsache, dass der Studienabschluss bis zu 40 Jahre zurücklag und es unterdessen einen politischen Umbruch gegeben hatte, der das DDR-Studium delegitimierte, ist dies ein bemerkenswertes Ergebnis.


Tabelle 1


Tabelle 2


Anteil der einzelnen Immatrikulationsjahrgänge am Rücklauf der Fragebögen

An der Umfrage beteiligten sich ehemalige Studierende aller insgesamt 34 Immatrikulationsjahrgänge in den beiden Studienformen Direkt- und Fernstudium. Bezogen auf die namentlich Ermittelten (einschließlich der bereits Verstorbenen, der Studienabbrecher, der Fachrichtungswechsler sowie der Personen mit unbekannter Adresse) nahmen zwischen 11 und 64 Prozent eines Immatrikulationsjahrganges am Projekt teil. Eine repräsentative Auswahl der Probanden erfolgte nicht. In die Erhebung einbezogen wurde, wer erreichbar und zur Auskunft bereit war.


Tabelle 3


Zahlenmäßiges Verhältnis der Geschlechter

Insgesamt war unter den namentlich Ermittelten die Relation mit 649 (51,5%) Studentinnen zu 611 (48,5%) Studenten relativ ausgewogen –ein überraschender Befund. Erfahrungsgemäß kommen sonst in kulturwissenschaftlichen Studiengängen drei bis vier weibliche Studierende auf einen männlichen.

Allerdings verschoben sich die Proportionen, sobald Direkt- und Fernstudenten gesondert betrachtet wurden. Im Direktstudium betrug der Anteil weiblicher Studierender 65 %, im Fernstudium 42 %. Beim Rücklauf ergab sich eine ähnliche Quote. 51,8 % der zurückgeschickten Fragebögen kamen von Absolventinnen, 48,2 % von Absolventen. Dabei stellten die Frauen bei ehemaligen Studierenden des Direktstudiums einen Anteil von 63,2 %, bei denen des Fernstudiums von 38,8 %.


Grafik 1

Grafik 1: Immatrikulierte Studenten des Studienganges bis 1989 nach Geschlecht und Verteilung der Geschlechter im Sample der Verbleibstudie

Der größere Anteil männlicher Studierender im Fernstudium hing einmal mit dem höheren Lebensalter und der damit verbundenen stärkeren familiären Einbindung zusammen, die Männern und Frauen unterschiedliche Möglichkeiten einräumte. Die Fragebögen belegen, dass Männer auch mit vier bis sechs Kindern in der Familie ein Fernstudium zu bewältigen vermochten. Frauen hatten dagegen schon mit ein bis zwei Kindern Mühe, zusätzlich zur Vollzeit-Berufstätigkeit und zu den Haushalts- und Familienpflichten ein fünfjähriges Fernstudium durchzustehen. Hinzu kam, dass Männer in der Aufsteigergesellschaft DDR häufiger auch ohne ausreichende Qualifikation berufliche Positionen besetzten oder in Aussicht hatten, die zwingend ein universitäres Diplom verlangten. Hier waren Druck und Förderung seitens der delegierenden Betriebe wesentlich stärker, den erforderlichen Hochschulabschluss zu erwerben.


Soziale Herkunft

Die soziale Herkunft wurde für die Erhebung bewusst an den in der DDR gebräuchlichen (und immer auch strittigen) Kategorien festgemacht. Die heute üblichen Zuordnungen (unterschieden wird nach hoher, gehobener, mittlerer und niederer Herkunftsgruppe, wobei Kriterien wie der höchste Bildungsabschluss sowie Prestige, Entscheidungsautonomie und Einkommenshöhe des Berufs der Eltern ausschlaggebend sind) ließen sich auf die damaligen Verhältnisse nicht anwenden. Sie hätten zudem von den Absolventen die Preisgabe zahlreicher detaillierter Daten verlangt.


Tabelle 4


Während im Direktstudium Studierende aus Akademiker- und Nicht-Akademikerfamilien sich etwa die Waage hielten, kamen im Fernstudium fast drei Viertel aus Nicht-Akademikerfamilien. Die staatliche Auflage, nach der alle sozialen Gruppen entsprechend ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung der DDR in der Studentenschaft vertreten sein sollten, wurde zumindest im Direktstudium nicht erfüllt.

Nacherhebungen würden vermutlich zu differenzierteren Aussagen führen. Einerseits handelte es sich bei einem Teil der so genannten Intelligenz-Eltern um Studierte der ersten Generation, d.h. um Personen, die selbst nichtakademischer Herkunft waren, einen Beruf erlernt und erst in der DDR ein Hochschulstudium absolviert hatten. Im Direktstudium drängte ab 1965 die zweite Generation dieser neuen Funktionselite an die Universitäten, während im Fernstudium zu dieser Zeit noch die Aufsteigergeneration selbst vertreten war. Andererseits erfolgte die Zuordnung zur Gruppe der Arbeiter mitunter nach politischen, nicht nach sozialstatistischen Kriterien.

Eine Reihe von Absolventen machte zur sozialen Herkunft mehrere Angaben, um anzudeuten, dass in der Familie verschiedene soziale Milieus präsent und auch beruflich aktiv waren. Nicht in allen Fällen ließ sich eindeutig ein „Familienoberhaupt“ oder „Ernährer“ ausmachen. Auch dies dürfte ein Charakteristikum der Kulturgeschichte der DDR als einer im sozialen Umbruch befindlichen Gesellschaft sein.


Alter der Studierenden

Der älteste ermittelte Fernstudent gehörte dem Geburtsjahrgang 1917 an, die jüngste an der Umfrage beteiligte Fernstudentin dem Jahrgang 1964 und die jüngste Teilnehmerin aus dem Direktstudium dem Jahrgang 1974. Dazwischen liegen 57 Jahre, also mehrere Generationen – eine für eine Verbleibstudie ungewöhnlich große Spanne. Wenn man bedenkt, dass der Älteste noch im Kaiserreich geboren wurde und die Jüngste beim Ende der DDR 16 Jahre alt war, sind die Studierenden doch mit sehr unterschiedlichen geschichtlichen Erfahrungen an die Universität gekommen. Dieser Zeithorizont ist bei allen Befunden mitzudenken.

In der Geschichte des Ausbildungsganges lag das Durchschnittsalter der Studienanfänger im Direktstudium konstant bei gut 20 Jahren. Im Fernstudium betrug es 30 Jahre. Es sank von 32,6 Jahren im Jahre 1964 auf 27,6 Jahre im Jahr 1989. Nachdem der Bedarf an nachholender Qualifikation halbwegs gedeckt war, wurden kaum noch Fernstudenten immatrikuliert, die älter als 40 Jahre waren. Das Eintrittsalter der Fernstudenten ging auch deshalb zurück, weil immer mehr abgelehnte Bewerber des Direktstudiums versuchten, auf diesem Weg den angestrebten Hochschulabschluss zu erreichen.


Die folgenden Daten dürften mehr oder weniger für alle Studierenden in der DDR zutreffend gewesen sein. Auffällig ist die frühe soziale und emotionale Selbständigkeit der Direktstudenten.


Familiäre Situation

Dargestellt wird die familiäre Situation der Studierenden gegen Ende des Studiums, also im Alter von durchschnittlich 25 (Direktstudium) bzw. 35 (Fernstudium) Jahren.

Für über die Hälfte der Direktstudenten war die Zeit der akademischen Ausbildung zugleich die Zeit der Familiengründung. 36 % von ihnen hatten Kinder. Das unterschied diese Studentenschaft grundsätzlich von allen vorangegangenen Studentengenerationen und auch von der gegenwärtigen. Das traditionelle Dreiphasenmodell Studium – Berufseintritt/Karriere – Familiengründung war in der DDR zwischen 1965 und 1990 offenbar außer Kraft gesetzt worden. Relative finanzielle Sorgenfreiheit, gute Ausstattung mit Kinderbetreuungseinrichtungen und die Gewissheit, nach dem Studium auch mit Kind oder Kindern einen angemessenen Arbeitsplatz zu finden, bildeten dafür die Voraussetzung. Für die Universität und das Institut für Kulturwissenschaft erwuchs daraus die Verpflichtung, für elternfreundliche Studienbedingungen zu sorgen. Das schloss viele individuelle Regelungen ein, betraf aber auch generelle Entscheidungen wie etwa das Zeitregime an der Universität. So begannen zum Beispiel Lehrveranstaltungen – in Abhängigkeit von den Öffnungszeiten der Kinderkrippen und –gärten - morgens um 7.30 Uhr, damit die Abendstunden für die Familien frei blieben. Studierende Eltern waren offenbar hoch motiviert, in der Ausbildung dennoch gut voranzukommen. Legt man die eingegangenen Fragebögen zugrunde, so haben sie im Durchschnitt dieselben Abschlüsse in derselben Zeit erreicht wie ihre kinderlosen Kommilitonen. Das galt sogar für allein erziehende Mütter, von denen es im Direktstudium sieben (17 % der Mütter im Direktstudium), im Fernstudium zwölf (26 % der Mütter im Fernstudium) gab.


Grafik 2
Grafik 2: Partnerschaft/Ehe und Kinder der Studierenden gegen Ende der Studienzeit
(n= 193 Direktstudium; n = 170 Fernstudium)

Studentisches Wohnen

Gezeigt werden die Wohnverhältnisse der Studierenden gegen Ende des Studiums. Erstaunlich ist, dass trotz Wohnungsmangels und staatlicher Wohnraumvergabe vier Fünftel der Direktstudenten zu diesem Zeitpunkt in eigenen Wohnungen lebten. 8 Prozent wohnten während des gesamten Studiums bei den Eltern, weitere 8 Prozent im Wohnheim und 2 Prozent zur Untermiete. Wohngemeinschaften (WG) waren in der DDR nicht üblich. Auf Grund der niedrigen Mietpreise bestand keine Notwendigkeit dafür, und als alternative Wohnform waren sie für „kollektiverfahrene“ Menschen wenig attraktiv. Erst nach 1990 lebten fünf Studierende (knapp 3 Prozent) in einer WG. Zu Studienbeginn lag der Anteil der im Wohnheim bzw. zur Untermiete wohnenden Studenten dreimal so hoch wie gegen Ende der Studienzeit, bei den Eltern wohnten anfangs doppelt so viele Studierende wie am Schluss.


Grafik 3
Grafik 3: Wohnverhältnisse der Studierenden: eigene Wohnung gegen Ende der Studienzeit

Studienfinanzierung

Fernstudenten finanzierten ihren Lebensunterhalt während des Studiums durch eigene Erwerbstätigkeit. Zum Besuch der Lehrveranstaltungen (monatlich vier bis fünf Tage), zu Prüfungen und zur Anfertigung der Diplomarbeit wurden sie unter Fortzahlung ihrer Bezüge von der Arbeit freigestellt. Spezielle Studiengebühren wurden nicht erhoben. Betriebe und Institutionen konnten ihre studierenden Mitarbeiter zusätzlich durch Büchergeld und andere Leistungen unterstützen.

Direktstudenten waren auf andere Finanzquellen angewiesen. Zwischen 1981 und 1990 erhielten alle Ostberliner Direktstudenten ein staatliches Grundstipendium in Höhe von 215 Mark, das durch Leistungsstipendien und Kinderzuschläge aufgestockt werden konnte. Vor 1981 war die Gewährung eines Grundstipendiums abhängig vom sozialen Status sowie vom Einkommen der Eltern bzw. des Partners und von der eigenen Tätigkeit vor dem Studium. (Leistungsstipendien wurden unabhängig davon gezahlt.)

Nach Auskunft der befragten Absolventen haben vor 1981 nur in 18 Fällen ausschließlich die Eltern oder Partner das Studium finanziert. Ebenso viele ehemalige Studierende haben diese Frage nicht beantwortet. Vor 1990 erhielten also insgesamt mindestens 81 Prozent der Direktstudenten ein staatliches Stipendium. 29 % der Direktstudenten wurden zusätzlich zum Stipendium von ihren Eltern, Großeltern oder Partnern finanziell unterstützt. 1,7 % erhielten Zuwendungen von früheren Arbeitsstellen. Weitere Finanzierungsquellen waren Renten sowie Mittel aus der Sportförderung. Eigene Erwerbstätigkeit spielte bei Direktstudenten vor 1990 eine untergeordnete Rolle. Sie beschränkte sich auf gelegentliche Aushilfen, Heimarbeit, Ferienjobs und sogenannte „Muggen“. Nach 1990 erhielten 23 Direktstudenten Bafög. Von da an gehörte die eigene Erwerbstätigkeit zur normalen Studienfinanzierung.


Grafik 4
Grafik 4: Finanzielle Verhältnisse der Studierenden (Direktstudium)
(n= 193; *bis 1990; ** ab 1990)

Diplom-Abschlüsse

76 % der Teilnehmer an der Umfrage erwarben den Titel Diplom-Kulturwissenschaftler, weitere 18 % andere Abschlüsse (Magister, Staatsexamen, Hauptprüfung, Abschluss Teilstudium). Für etwa 15 Prozent der Direktstudenten bot sich die Möglichkeit, anschließend ein dreijähriges Forschungsstudium zu absolvieren, das zur Promotion führte. Der Übergang vom Diplomstudium ins Forschungsstudium war nicht einheitlich geregelt. Er konnte nach dem Diplom, nach dem Staatsexamen oder nach der Hauptprüfung erfolgen.

Ein Teilstudium wurde mitunter von jenen Fernstudenten absolviert, die bereits ein anderes Hochschulstudium abgeschlossen hatten und nur eine Zusatzqualifikation in einem Spezialgebiet suchten. Andere erwarben ein zweites Diplom. Die Regelstudienzeit von fünf bzw. vier Jahren wurde nur in seltenen Ausnahmefällen um ein bis drei Semester überschritten.


Grafik 5
Grafik 5: Abschlüsse der Studierenden

Grafik 6
Grafik 6: Aufgliederung der Abschlüsse der Direktstudenten (ohne Promotionen) n=188
*Eine Reihe von Direktstudenten absolvierte unmittelbar nach dem Staatsexamen bzw. nach der Hauptprüfung ein dreijähriges Forschungsstudium, das die Promotion zum Ziel hatte.

Grafik 7
Grafik 7: Aufgliederung der Abschlüsse der Fernstudenten (ohne Promotionen); n= 151

Promotionen/Habilitationen

18,3 % der an der Erhebung Beteiligten erreichten die Promotion (Dr. phil.), 4 % auch die Habilitation (Dr. sc. bzw. Dr. habil.). Von sieben Absolventen (1,9 %) ist bekannt, dass sie heute als Professoren im Hochschulbereich tätig sind. Eine weitere Absolventin ist als Professorin für Sprecherziehung an einer Kunsthochschule beschäftigt, ein Absolvent ist Ehrenprofessor an einer ausländischen Universität, einem Absolventen wurde die Ehrendoktorwürde (Dr. hc.) verliehen.


Grafik 8
Grafik 8: Anzahl der Promotionen (Dr. phil.) und Habilitationen (Dr. sc./Dr. habil.) nach Studienform

Abbrecherquote

Der Anteil der Studienabbrecher unter den Teilnehmern der Umfrage betrug 6,3 %. Es handelte sich dabei ausschließlich um ehemalige Fernstudenten, so dass korrekterweise von einer Abbrecherquote von 13,5 unter Absolventen des Fernstudiums und einer Abbrecherquote von 0 % unter Absolventen des Direktstudiums die Rede sein muss. Für das Fernstudium können auch Aussagen zur Abbrecherquote insgesamt gemacht werden. Von den 742 namentlich ermittelten Fernstudenten, die bis einschließlich 1989 immatrikuliert worden sind, haben 125 das Studium vorzeitig ohne Abschluss beendet. Das entspricht einer Quote von 16,8 Prozent.


Grafik 9
Grafik 9: Studienabbrüche im Fernstudium Kulturwissenschaft 1963-1992

Tabelle 6


Auffällig ist, dass in den drei Jahren 1989-1992 fast ebenso viele Fernstudenten die Ausbildung abbrachen wie in den 25 Jahren zuvor (1963-1988). Die Quote erhöhte sich von 9,7 % (vor 1989) auf über 50 % (nach 1989).

Diese Entwicklung spiegelt den politischen Umbruch von 1989/90. Zu Beginn der staatlichen Einheit Deutschlands waren an der Humboldt-Universität drei Jahrgänge im Fernstudium und zwei Jahrgänge im Direktstudium Kulturwissenschaft immatrikuliert. Direktstudenten genossen Vertrauensschutz, konnten die Ausbildung regulär fortsetzen und später auch relativ problemlos vom Diplom- zum neuen Magisterstudiengang wechseln. Für Fernstudenten änderten sich die Bedingungen in dem Maße, in dem die delegierenden Betriebe und Institutionen abgewickelt wurden bzw. keine Freistellung von der Arbeit mehr gewährten. Der Immatrikulationsjahrgang 1985 konnte noch in der herkömmlichen Weise zum Diplom geführt werden. Studierende der Immatrikulationsjahrgänge 1987 und 1989 (danach wurden keine Fernstudenten mehr immatrikuliert) mussten dagegen die Ausbildung abbrechen, zum Direktstudium übergehen oder die Lehrangebote des Fernstudiums nutzen, die nun auf die Abendstunden verlegt wurden. 1994 ist auch dieses Abendstudium eingestellt worden.


Grafik 10
Grafik 10: Studienabbrüche im Fernstudium Kulturwissenschaft nach Zeitintervallen 1963-1988 und 1989-1992 (n = 125)

Abgesehen von dieser Ausnahmesituation lagen die Ursachen für Studienabbrüche bei Fernstudenten überwiegend im Arbeitsleben begründet bzw. darin, dass sich berufliche und Studienanforderungen auf Dauer nicht vereinbaren ließen. Zu schwerwiegenden beruflichen Nachteilen führte ein Abbruch der Ausbildung nicht. Wohl konnte der weitere Aufstieg versagt bleiben, aber ein Verlust des Arbeitsplatzes war nicht zu befürchten.

Für das Direktstudium liegen keine sicheren Daten zu den Studienabbrechern vor. Unter den Teilnehmern der Umfrage befinden sich keine, doch unter den insgesamt 518 ermittelten Direktstudenten sind sechs vorzeitig Exmatrikulierte namentlich bekannt: vier ehemalige Studierende reisten vor dem Diplom aus der DDR aus, eine Studierende musste die Ausbildung wegen schwerer Krankheit ihres Kindes aufgeben und bei einem sechsten Studenten sind die näheren Umstände nicht bekannt. Diese Informationen dürften unvollständig sein. Dennoch kann bis 1994 von einer sehr niedrigen Abbrecherquote bei Direktstudenten ausgegangen werden.


Berufseinstieg

Absolventen des Fernstudiums standen bereits während der Ausbildung im Beruf und sollten idealerweise auch in ihrem jeweiligen Tätigkeitsfeld verbleiben. Zumindest wurde das von den meisten delegierenden Betrieben so erwartet. Dennoch verließen nach dem Studium 44 % ihren angestammten Arbeitsplatz und suchten andernorts einen beruflichen Neuanfang.

Bei Direktstudenten gab es bis 1989 einen nahtlosen Übergang vom Studium ins Berufsleben (es sind nur zwei Fälle bekannt, in denen besondere Umstände der sofortigen Arbeitsaufnahme entgegenstanden). Für die sogenannte Berufseinmündung war formell die Absolventenvermittlung der Universität zuständig. Bei den untersuchten Absolventen der Kulturwissenschaft spielte diese Institution aber eine untergeordnete Rolle. Nicht einmal jeder 5. Studierende (18 %) griff auf einen Vorschlag dieser Vermittlung zurück. In jedem Jahr blieben angebotene offene Stellen unbesetzt, selbst attraktive und kulturpolitisch wichtige.

60 % der Absolventen suchten ihre erste Arbeitsstelle selbst bzw. mit Hilfe von Verwandten, Freunden und ehemaligen Kollegen. 22 % verblieben zunächst befristet auf drei bis vier Jahre an der Universität – als Forschungsstudenten oder Assistenten. Dieser Wert zeigt einerseits den hohen Bedarf an qualifiziertem wissenschaftlichem Nachwuchs, wie er in jeder neu installierten Disziplin bzw. Fachrichtung zu beobachten ist. Andererseits deutet er auf eine enge Bindung dieses Personenkreises an das Gründungsinstitut und infolgedessen auf eine rege Beteiligung an der Umfrage hin.


Grafik 11
Grafik 11: Erste Arbeitsstelle nach dem Studium: wie gefunden?
n = 193 (Direktstudium)
n = 170 (Fernstudium)

Werdegang der Direktstudenten vor dem Studium

Im Fach Kulturwissenschaft wurden an der Humboldt-Universität alle zwei Jahre (alternierend mit der Karl-Marx-Universität Leipzig) etwa 35 Direktstudenten immatrikuliert. Im jeweils dazwischen liegenden Jahr wurde die gleiche Anzahl Fernstudenten zugelassen. Auf einen Studienplatz kamen – je nach Immatrikulationsjahr - drei bis sieben Bewerber. Es gab keine Aufnahmeprüfungen, aber Lehrende des Instituts führten mit allen Anwärtern Eignungsgespräche. Dabei stand die Studienmotivation im Mittelpunkt. Die Ergebnisse dieser Gespräche, die Abiturzeugnisse und die nachgewiesenen Praxiserfahrungen entschieden dann über eine Zulassung zum Studium.

41 % der Studienanfänger hatten nach dem Abitur ein ein- bis dreijähriges Volontariat absolviert bzw. waren einer ungelernten Beschäftigung im Kulturbereich nachgegangen. Das waren reguläre Arbeitsverhältnisse, keine unbezahlten Praktika und auch keine Ausbildungsverhältnisse. 21 % der Studienanfänger hatten eine Facharbeiterausbildung abgeschlossen und zum Teil auch in diesem Beruf gearbeitet.


Grafik 12
Grafik 12: Erfahrungshintergrund und Merkmale der Direktstudenten vor dem Studium (enthält Mehrfachnennungen)
(n = 193; Abiturienten*: direkt nach dem Abitur zum Studium)

Tabelle 7


30 % der Immatrikulierten waren Abiturienten, die direkt nach der Schule ein Studium aufnahmen. Diese Studienanfänger – überwiegend junge Frauen - hatten praktische Erfahrungen lediglich in ehrenamtlicher oder (laien-)künstlerischer Tätigkeit gesammelt. 55 % der männlichen Studierenden hatten ihren Wehr- oder Wehrersatzdienst geleistet.


Tabelle 8


Alle übrigen waren in unspezifischen Berufsfeldern (bei der Post, als Hausmeister, in der Verwaltung, in Industriebetrieben) tätig gewesen. Bei den in den Eignungsgesprächen erfragten praktischen Erfahrungen ging es weniger um spezielle Fähigkeiten und Kenntnisse in der Kulturarbeit. Erwünscht waren eher Lebenserfahrung und Realitätssinn, der Nachweis, überhaupt schon einmal in irgendeinem Bereich Verantwortung getragen und eigenes Geld verdient zu haben.

Nicht für alle Direktstudenten war Kulturwissenschaft das Fach ihrer ersten Wahl. Eine ganze Reihe von ihnen waren sogenannte „Umgelenkte“. Sie hatten ursprünglich Germanistik, Theater-, Kunst- oder Musikwissenschaft studieren wollen. Wenn sich dieser Studienwunsch aus Kontingents- oder anderen Gründen nicht realisieren ließ, bot sich Kulturwissenschaft als Alternative an, weil dann wenigstens im Zweitfach Raum für die eigenen Ambitionen war.

Kulturwissenschaft wurde – ausgenommen die Immatrikulationsjahrgänge 1968-1971 - immer in Kombination mit einem Zweitfach studiert. Es handelte sich vor allem um kunstwissenschaftliche Zweitfächer, aber auch Bibliothekswissenschaft, Volkskunde, Geschichtswissenschaft, klassische Archäologie, Philosophie, Soziologie und verschiedene Philologien wurden gewählt. Im Zweitfach ist allerdings – bis auf wenige Ausnahmen – kein Diplom erworben worden.


Stationen des beruflichen Werdegangs ehemaliger Direktstudenten

Dargestellt wird die Verteilung der Absolventen auf unterschiedliche Bereiche innerhalb und außerhalb der Kulturarbeit. Erfasst wurden die erste Arbeitsstelle nach dem Studium, das Berufsfeld im Jahr 1989/90 und das im Jahr 2007. (Nicht für alle an der Umfrage Beteiligten waren alle diese Fragen relevant und nicht alle haben sie beantwortet.)


Tabelle 9


Vor 1990 waren bis auf vergleichsweise wenige Freiberufler alle Absolventen des Direktstudiums ihrer arbeitsrechtlichen Stellung nach Angestellte im öffentlichen Kultur-, Bildungs-, Wissenschafts- und Sozialbereich.

Die Fragebögen weisen aus, dass Kulturwissenschaftler als Mittler zwischen Politik- und Kulturbereich in der DDR-Gesellschaft keinen leichten Stand hatten. Schon rein quantitativ – die Leipziger und die Berliner Absolventen machten zusammen lediglich zwei bis drei Prozent der im Kulturbereich Beschäftigten aus – konnten sie wohl nicht übermäßig viel bewirken. Ehemalige Studierende berichteten dann auch vom schwierigen Umgang mit „bornierten“ Politikern, „dogmatischen“ Funktionären, „bürokratischen“ Sachwaltern und naturgemäß stark „selbstbezogenen“ Kulturschaffenden bzw. Künstlern.

Kulturwissenschaftler sind mit ihrem ganzheitlichen Blick in diesem unübersichtlichen Gelände mitunter eher der Prellbock als der ausgleichende Vermittler gewesen. Dennoch konnten sie auch zum Innehalten und Nachdenken anregen oder Positionen so zuspitzen, dass Entscheidungen unumgänglich wurden.

Die Umfrage zeigte, dass Kulturwissenschaftler als Absolventen einer Universität dabei immer auf der mittleren und unteren Leitungsebene verblieben. Sie konnten sich zwar zwischen den Sphären hin und her bewegen, also etwa den Stuhl des Theaterreferenten in der Bezirksverwaltung mit dem Sessel des Chefdramaturgen am Theater vertauschen, aber nicht aufsteigen zu den „Schalthebeln der Macht“. Für wirkliche Führungspositionen kamen in der DDR generell nur sogenannte Nomenklaturkader in Betracht, die einen speziellen parteiinternen Bildungsweg hinter sich hatten.

Bei allen inhaltlichen Kontroversen, die Kulturwissenschaftler in der beruflichen Praxis auszufechten hatten, waren sie doch überwiegend mit ausbildungsadäquaten Tätigkeiten bei angemessener Bezahlung beschäftigt. In der Regel standen sie in unbefristeten Arbeitsverhältnissen und hatten Vollzeitstellen. Der Status des Beamten existierte in der DDR nicht. Doch faktisch waren Arbeitsverhältnisse von Angestellten ebenso sicher wie andernorts nur Positionen innerhalb des Berufsbeamtentums.

Das Ende der DDR bedeutete für die Mehrzahl der Absolventen das Ende dieser sozialen Sicherheit und dieser kontinuierlichen Berufsbiographien. Die einst reiche Kulturlandschaft der DDR mit ihrem dichten Netz an kulturellen Einrichtungen und öffentlichen Förderungen wurde in raschem Tempo an bundesdeutsche Standards angepasst. Damit schwanden traditionelle Arbeitsfelder und berufliche Möglichkeiten für Kulturwissenschaftler. Sie mussten sich neu orientieren und wurden dabei mit einem Arbeitsmarkt konfrontiert, für dessen Anforderungen sie nicht ausgebildet waren.

Die Tabelle zeigt an, dass die derzeitigen Berufsfelder ehemaliger Direktstudenten wesentlich breiter gestreut sind als die ersten Arbeitsstellen nach dem Studium bzw. die aus dem Jahre 1989/90. Auffällig ist, dass die betriebliche Kulturarbeit (eingeschlossen die Kulturarbeit innerhalb der Armee) bei den Einsatzgebieten der Kulturwissenschaftler überhaupt keine Rolle mehr spielt. Beträchtlich ist der Stellenrückgang bei staatlichen und kommunalen Kultureinrichtungen. Die Halbierung der Beschäftigungsverhältnisse im Wissenschaftsbereich geht auf die Abwicklung der Akademie der Wissenschaften der DDR sowie auf die weitgehende Ersetzung ostdeutscher Wissenschaftler durch westdeutsches Personal an den Hochschulen zurück. Zuwächse gab es bei Bildungseinrichtungen, bei freiberuflichen Journalisten und Kulturberatern sowie bei Künstlern und bei den direkt mit ihnen verbundenen Kunstvermittlern.

Die Übersicht weist ferner aus, dass Kulturwissenschaftler sich auch völlig neue Berufsfelder erschlossen haben. Neben Stellen im kaufmännischen Bereich und in der Büroorganisation sind das vor allem Berufe in der Sozialarbeit.

Die erhebliche Ausweitung der Beschäftigungsverhältnisse von Kulturwissenschaftlern im Sozialbereich dürfte verschiedene Ursachen haben. Einmal stehen dahinter rein formale Zuordnungen bzw. Definitionsfragen. In der DDR waren der Kultur- und der Sozialbereich nicht strikt voneinander getrennt. Bestimmte Arbeitsfelder, die in der DDR als kulturelle begriffen wurden, gelten heute eindeutig als zur Jugend- oder Sozialarbeit gehörig. Zum anderen war das Studium der Kulturwissenschaft generell auch auf die Vermittlung sozialer Kompetenzen ausgerichtet. Für so ausgerüstete Absolventen lag es nahe, diese Fähigkeiten nach 1990 auszubauen und einen beruflichen Neuanfang im Sozialbereich zu suchen.


Berufsrelevante Einschnitte, Erfahrungen und Kompetenzgewinne der befragten Absolventen des Direktstudiums nach 1990

42 % der Absolventen des Direktstudiums wurden nach dem Ende der DDR arbeitslos (mehrere Monate bis über 15 Jahre). Für die übergroße Mehrzahl der Absolventen war das eine völlig neue Erfahrung.

28,5 % der befragten Absolventen des Direktstudiums waren ab 1990 in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) einbezogen. Fast alle von ihnen äußerten sich sehr positiv über anspruchsvolle Aufgaben und ein gutes Arbeitsklima.

In den 90er Jahren haben 46 % eine Umschulung oder ein zusätzliches Studium absolviert. Die Umschulungen wurden teils vom Arbeitsamt vermittelt und gefördert, teils wurden sie selbst gesucht und auch aus eigener Tasche bzw. aus Privatkrediten bezahlt. Einige Absolventen berichteten, dass sie die Umschulung „hinter dem Rücken“ des Arbeitsamtes organisieren mussten, um ihren Anspruch auf Leistungen der Behörde nicht zu gefährden. Nur ein Teil dieser Umschulungen mündete in einen neuen Beruf bzw. in eine Anstellung.

Die Begegnungen mit dem Arbeitsamt werden von den betroffenen Absolventen widersprüchlich geschildert. Teils sei man auf sehr kompetente Mitarbeiter gestoßen, teils habe man als Kulturwissenschaftler nur große Ratlosigkeit erzeugt, habe als ein Exot gegolten, der nicht zu vermitteln sei. Dagegen sei bei Bewerbungsgesprächen von potentiellen Arbeitsgebern häufig gerade die unkonventionelle geistige Ausstattung gewürdigt worden.

Weitere 37 % der befragten Absolventen des Direktstudiums haben Fortbildungen mit einem Zertifikat abgeschlossen. Es handelte sich überwiegend um Absolventen, die in ihrem bisherigen Arbeitsfeld verblieben waren und nun im Geltungsbereich bundesdeutscher Regelungen vorgeschriebene Nachweise über Verwaltungs- und Administrationswissen beizubringen hatten. Ein anderer Teil der Fortbildungen bezog sich auf Computer- und Fremdsprachenkenntnisse.

Bei allen Veränderungen sind drei Viertel der Absolventen des Direktstudiums nach wie vor in klassischen Kulturberufen tätig. Jeder Vierte hat inzwischen ein anderes Arbeitsfeld. Dies als Ausweis für hohe Disponibilität und Lernbereitschaft zu interpretieren, verbieten die Umstände. Es handelte sich in den meisten Fällen nicht um einen freiwilligen „Wechsel der Arbeit“, sondern um Karriereabbrüche, um erzwungene Neuorientierungen. Wenn aus dem Designtheoretiker der Immobilienmakler, aus der Hochschuldozentin die Arzthelferin und aus dem Kulturattaché der Fahrlehrer wurde, sind das Indizien für die Radikalität des gesellschaftlichen Umbruchs, der bei DDR-Akademikern massenhaft zu existenziellen Nöten führte.

35 % der befragten Absolventen realisieren eigene kulturelle Projekte jenseits der Erwerbstätigkeit, etwa wenn der Autohändler zugleich Kunsthistoriker ist und selber malt, die Kosmetikerin in ihrem Schönheitssalon auch eine kleine Galerie betreibt oder der Verwaltungsangestellte an einer heimatgeschichtlichen Publikation arbeitet. Werden beim Studium erworbene Kompetenzen nicht mehr im Beruf abgefragt, so suchen Absolventen mitunter ein entsprechendes Betätigungsfeld in der Freizeit.

37 % der ehemaligen Direktstudenten üben Ehrenämter aus. Dieser Anteil liegt leicht über dem Durchschnitt der Bundesbürger (33 %), ist aber nicht vergleichbar mit dem weit höheren Wert, der bei Kulturwissenschaftlern in der DDR üblich war.


Grafik 13
Grafik 13: Berufsrelevante Einschnitte, Erfahrungen und Kompetenzgewinne nach 1990 der befragten Absolventen des Direktstudiums (enthält Mehrfachnennungen), (n = 193)

Tabelle 10


Tabelle 11


Tabelle 11 unterscheidet zwischen gegenwärtig erwerbstätigen und nicht erwerbstätigen Absolventen des Direktstudiums. Der erste Absolventenjahrgang (1964-1968/69) erreicht gerade das Rentenalter.


Status der Absolventen des Direktstudiums im Jahre 2007

Jeder zweite Absolvent befindet sich derzeit im Angestelltenverhältnis (im öffentlichen Dienst und in der Privatwirtschaft). 28 % sind Selbständige, haben sich ihren Arbeitsplatz also selbst geschaffen. Es handelt sich dabei überwiegend um „Einzelkämpfer“ in der so genannten Kultur- oder Kreativwirtschaft, aber auch um Existenzgründer aus anderen Branchen, die keine weiteren Arbeitskräfte beschäftigen. Gemessen an Qualifikation und beruflich bisher eingenommenen Positionen ist der Anteil der Beamten sehr niedrig (4,7 %). Dies dürfte vor allem auf die ostdeutsche Herkunft der Absolventen und das damit verbundene Fehlen formaler Voraussetzungen für den Beamtenstatus zurückzuführen sein. Die Arbeitslosenquote von 6 % zeigt, dass fast allen, die nach der Wende ihren Arbeitsplatz verloren hatten, ein beruflicher Neuanfang geglückt ist.

16,1 % geben an, zwei oder mehr berufliche „Standbeine“ zu haben. Dies könnte ein Indikator für prekäre Arbeitsverhältnisse oder für geistige Unterforderung in einem „Brotberuf“ sein.


Grafik 14
Grafik 14: Status der erwerbstätigen Absolventen des Direktstudiums im Oktober 2007 (enthält Mehrfachnennungen*), (n = 160)

Grafik 15
Grafik 15: Statuspositionen der Absolventen des Direktstudiums im Oktober 2007
(n=193; andere Statuspositionen* sind: Arbeitslose/Ruhestand/Hausfrauen)

Tabelle 12


Tabelle 12 macht Angaben zum gegenwärtigen Status der Absolventen des Direktstudiums im Angestelltenverhältnis.


Abschlüsse der Fernstudenten vor dem Studium

Über die Hälfte (55 %) aller Fernstudenten der Kulturwissenschaft hatte vor dem Studium bereits eine Hoch- oder Fachschule absolviert. Insofern ist die Aussage, dieser Personenkreis habe teilweise schon vor Studienbeginn kulturpolitisch wichtige Positionen ohne eine entsprechende Qualifikation besetzt, etwas zu relativieren.

Fernstudenten hatten bei Aufnahme des Studiums in der Regel mehrere schulische und berufliche Stationen durchlaufen. Besonders die 1920er bis 1940er Geburtsjahrgänge sind häufig auf einem zweiten Bildungsweg zur Hochschulreife gelangt. Viele hatten einst einen Beruf erlernt, in dem sie schon seit längerem nicht mehr tätig waren. Die Älteren unter den männlichen Studierenden waren Soldat im zweiten Weltkrieg gewesen.

58 von 170 Fernstudenten hatte eine Fachschule absolviert und mit diesem Abschluss die Hochschulreife erworben. 17 angehende Fernstudenten hatten die Fachschule für Klubleiter in Meißen-Siebeneichen besucht. Erstaunlicherweise gab es unter den Studienanfängern relativ viele Fachschulingenieure (für Landtechnik, für Wasserwirtschaft, für Gartenbau, für Forstwirtschaft, für Holztechnologie, für Schiffsmaschinen- und Anlagenbau, für allgemeinen Maschinenbau usw.). Weitere vor dem Studium Kulturwissenschaft absolvierte Fachschulen waren die für Museologie, für Archivwissenschaften, für das Hotel- und Gaststättengewerbe, für Finanzökonomie, für Ingenieurökonomie, für Buchhändler, für Bibliothekare, für Werbung und Gestaltung, für Mode sowie diverse pädagogische Fachschulen.


25 Fernstudenten hatten vor dem Studium der Kulturwissenschaft bereits ein anderes Hochschulstudium abgeschlossen, 14 davon in den Fachrichtungen Formgestaltung, Regie, Pädagogik, Musik, Theologie, Rechtswissenschaften, Germanistik, Journalistik sowie in anderen nicht näher bezeichneten Fächern. 11 Fernstudenten waren Berufsoffiziere der NVA, meist sogenannte Kulturoffiziere, die eine Offiziershochschule bzw. Militärakademie besucht hatten.

Für etliche Fernstudenten bedeutete die Aufnahme des Studiums der Kulturwissenschaft einen Fachrichtungswechsel. Sie hatten zuvor ein anderes Hochschulstudium (Germanistik, Anglistik, Chemie, Lebensmittelchemie, Agrarwissenschaften, Physik, Medizin) begonnen, aber aus verschiedenen Gründen nicht abgeschlossen.


Tabelle 13


Acht Fernstudenten waren Lehrer, die mit dem Studium der Kulturwissenschaft ihren Ausstieg aus dem Schuldienst vorbereiten wollten. Vier Sänger, zwei Bühnentänzer, drei Schauspieler, ein Bestattungsredner, ein Orchestermusiker und ein Flugzeugführer planten nach dem Ende ihrer aktiven Laufbahn im Erstberuf eine neue berufliche Perspektive als Kulturwissenschaftler. (Ironie der Geschichte: Gerade etliche Lehrer und der Flugzeugführer waren nach 1989/90 froh, in ihrem Erstberuf verbleiben zu können und dort einen sicheren Arbeitsplatz zu haben.)


Berufsverlauf der Absolventen des Fernstudiums

Das Gros der Fernstudenten arbeitete bei Studienbeginn – und meist auch während des Studiums im staatlichen bzw. kommunalen Kulturbereich (Fernsehen, Rundfunk, DEFA, Filmvertrieb, Konzert- und Gastspieldirektion, Theater, Kinos, Bibliotheken, Archive, Verlage, Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften, Kulturakademien, Kulturhäuser, Gedenkstätten, Buch- und Kunsthandel, Werbung). Demgegenüber etwas geringer war der Anteil der Fernstudenten, die in der Kulturverwaltung tätig waren (Rat des Stadtbezirks, der Stadt, des Kreises, des Bezirks, Ministerium für Kultur, Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten). 21 Fernstudenten waren in der Kulturarbeit von Parteien und Massenorganisationen beschäftigt (SED, DBD, NDPD, LDPD, CDU, FDGB, DSF, FDJ, Nationale Front, Kulturbund, Künstlerverbände). 13 Fernstudenten waren in der betrieblichen Kulturarbeit tätig (eingeschlossen die Kulturoffiziere der NVA).

Nach dem Studium arbeiteten Absolventen des Fernstudiums etwa in denselben beruflichen Feldern, in denen auch Absolventen des Direktstudiums beschäftigt waren – mit Ausnahme der Wissenschaft. Hier konnten ehemalige Fernstudenten nur selten Fuß fassen. Dafür waren sie stärker als die Absolventen des Direktstudiums in Organisationen präsent.

Zum Zeitpunkt der Erhebung war jeder zweite ehemalige Fernstudent bereits im Ruhestand. Die noch erwerbstätigen Absolventen waren vor allem in kommunalen Kultureinrichtungen, in der Kunstszene sowie im kaufmännischen und sozialen Bereich beschäftigt. Auffällig ist die große Anzahl der freiberuflichen Journalisten und Kulturberater, wobei einige von ihnen bereits im Rentenalter, aber noch erwerbstätig waren. Ansonsten stellt sich das Spektrum der Berufe ähnlich breit dar wie bei den Absolventen des Direktstudiums.


Tabelle 14


Berufsrelevante Einschnitte, Erfahrungen und Kompetenzgewinne der Absolventen des Fernstudiums nach 1990

Für jeden fünften Absolventen des Fernstudiums bedeutete das Ende der DDR zugleich das Ende des Berufslebens. 20,6 % wurden im Alter von 55 bis 60 Jahren in den Vorruhestand versetzt bzw. vorzeitig berentet. Weitere 29,4 % wurden (meist vorübergehend) arbeitslos. Das bedeutet, jeder zweite Absolvent des Fernstudiums hat 1990 oder unmittelbar danach seinen Arbeitsplatz verloren.

Ehemalige Fernstudenten konnten im Falle von Arbeitslosigkeit stärker als Direktstudenten auf Berufserfahrungen vor dem Studium zurückgreifen. Dennoch absolvierten 29,4 % eine nochmalige berufliche Umschulung oder ein zusätzliches Studium, weitere 25 % schlossen Fortbildungen mit einem Zertifikat ab. 60 % der 2007 noch erwerbstätigen Absolventen des Fernstudiums sind innerhalb des traditionellen Kulturbereichs beschäftigt, 40 % außerhalb. Außerberufliche Kulturprojekte werden von 38 % betrieben, Ehrenämter werden von 34 % ausgeübt.


Tabelle 15


Tabelle 16


Die Tabelle 16 unterscheidet nach gegenwärtig erwerbstätigen bzw. nicht erwerbstätigen Absolventen des Fernstudiums. Auf Grund des höheren Lebensalters ist nahezu jeder zweite bereits Rentner.


Status der Absolventen des Fernstudiums im Jahre 2007

Die Selbständigen machten 28,8 % aus, die Angestellten 22,9 %. 18,8 % gaben an, Rentner oder Angestellter und gleichzeitig Selbständiger zu sein. Die Arbeitslosenrate lag mit 2,4 % niedriger als bei den Absolventen des Direktstudiums, was auch mit dem hohen Anteil der Rentner zusammenhängen mag.


Grafik 16
Grafik 16: Statuspositionen der Absolventen des Fernstudium im Oktober 2007 in Bezug auf die befragten Absolventen des Fernstudiums insgesamt
(n=170; Das Segment „Andere Statuspositionen*“ erfasst primär Ruheständler)

Grafik 17
Grafik 17: Status der erwerbstätigen Absolventen des Fernstudiums im Oktober 2007
(enthält Mehrfachzuordnungen*) (n= (Erwerbstätige) = 79 mit insgesamt 105 Statuspositionen)

Die Grafik 17 zeigt die Statuspositionen der im Oktober 2007 noch erwerbstätigen Absolventen des Fernstudiums.


Tabelle 17


Die Tabelle 17 macht Angaben zum Status der Absolventen des Fernstudiums, die sich im Oktober 2007 im Angestelltenverhältnis befanden.


Frauenerwerbstätigkeit

Auffallend ist bei Absolventen des Direkt- und Fernstudiums gleichermaßen, dass für Frauen die Berufstätigkeit eine absolute Selbstverständlichkeit war und ist. Obwohl in der Umfrage hierzu keine Erkundigungen eingeholt wurden, nahm eine Reihe von Absolventinnen in den Fragebögen dazu Stellung. Gegenwärtige Diskussionen über die Vereinbarkeit vom Beruf und Familie, über die Ganztagsbetreuung von Kindern usw. wurden als „Rückfall ins Mittelalter“ angesehen. „Das hatten wir doch schon Jahrzehnte hinter uns.“ Von insgesamt 192 an der Umfrage beteiligten Absolventinnen gab nur eine als Status ausschließlich Hausfrau an. Drei weitere waren nach eigener Darstellung selbständig, arbeitslos bzw. Invalidenrentnerin und gleichzeitig Hausfrau.


Interesse an weiterem Kontakt

Knapp 10 % der Umfrageteilnehmer bekundeten kein Interesse an den Ergebnissen der Untersuchung bzw. an einem Kontakt mit ehemaligen Kommilitonen oder Lehrenden. Alle übrigen waren dem Projekt gegenüber sehr aufgeschlossen („Ich bin neugierig, wohin es die Kuwis verschlagen hat“, „So etwas hätte schon längst einmal gemacht werden müssen“, „Tolle Initiative, diese Geschichte darf nicht in Vergessenheit geraten“). Die übergroße Mehrzahl der Beteiligten ist inzwischen in einem Internetforum mit gegenwärtig insgesamt 372 Teilnehmern registriert, das den Austausch vermittelt. Zudem gab es für mehr als 250 ehemalige Studierende und Lehrende ein Wiedersehen bei einem Absolvententreffen im Oktober 2007. Die Fragebogenaktion hatte hierfür den Weg bereitet.

In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, dass den ehemaligen Studierenden kein Kontakt zu „ihrem“ Institut oder „ihrer“ Universität angeboten werden konnte. Durch politische Entscheidungen sind hier die Fäden auf allen Ebenen gekappt worden. So fand dann das Absolvententreffen auch außerhalb der Universität und ohne offizielle Vertreter der „Alma mater“ statt.


Zum Urteil über das Studium

Ein Urteil über das Studium, das repräsentativ für die Gesamtheit der Absolventen wäre, lässt sich den eingereichten Fragebögen nicht entnehmen. Das hängt mit dem Zustandekommen der Erhebung zusammen.

Aus Kostengründen war es nicht möglich, ein unabhängiges Institut mit der Umfrage zu beauftragen. So kam es dazu, dass die Initiatoren der Befragung zugleich zu denen gehörten, die den Studiengang Kulturwissenschaft zwischen 1963 und 1993 mit aufgebaut und verantwortet hatten, nach dem politischen Umbruch aber aus dem Lehrbetrieb entfernt worden waren. Diese Konstellation hatte zur Folge, dass sich überwiegend jene Absolventen an der Fragebogenaktion beteiligten, die sich noch heute in irgendeiner Weise mit dem Studium identifizieren. Bei dieser Ausgangslage verwundert es nicht, dass 87,0 % der Urteile über das Studium – bei mancher Kritik im Detail - positiv ausfielen. 9,5 % der Einsender haben diese Frage offen gelassen. 1,6 % äußerten sich negativ. 1,9 % haben widersprüchliche Erinnerungen.

Dieser hohe Grad an Zustimmung hängt mit der Struktur der Teilnehmer an der Befragung zusammen. Es beteiligten sich vor allem -
Rentner bzw. Absolventen, die kurz vor Renteneintritt stehen, -
Absolventen, die in „fachfernen“ Bereichen arbeiten und sich in den klassischen Berufsfeldern des Kulturwissenschaftlers keine Karriere mehr ausrechnen, -
Absolventen, die sich in relativ gesicherten Positionen befinden, -
Absolventen, die Arbeitskontakte zu den Initiatoren der Verbleibstudie unterhalten.

603 (61,9 %) der wahrscheinlich erreichten 974 Absolventen haben sich nicht an der Umfrage beteiligt. 76 ehemalige Studierende haben keinen Fragebogen ausgefüllt, aber am Absolvententreffen im Oktober 2007 teilgenommen. Ihr Berufsschicksal ist ebenso bekannt wie das von weiteren 247 Personen, die nicht an der Studie mitwirkten, sich jedoch mehr oder weniger umfassend im Internet präsentieren, oft mit Foto und gegenwärtiger beruflicher Position. Jeder zweite von ihnen skizziert dort auch seinen Lebenslauf, wobei nicht immer das Studium der Kulturwissenschaft erwähnt wird. Somit kann der berufliche Werdegang von insgesamt 694 Absolventen als geklärt gelten, was 71 % der erreichten 974 ehemaligen Studierenden entspricht.

Weder die Ergebnisse der Internetrecherchen, noch die der persönlichen Gespräche sind in die vorliegende Studie einbezogen worden. Sie bestätigen aber im allgemeinen die Befunde der schriftlichen Umfrage. Offen bleibt lediglich, wie das Studium in der Rückschau bewertet wird.

Insgesamt acht Absolventen haben ausdrücklich erklärt, dass sie bei der Erhebung nicht mitwirken werden. In einem Fall wurde der geistige bzw. politische Standort der Initiatoren als Hinderungsgrund genannt, die anderen gaben keine Begründung ab.

Die Verbleibstudie kann Aussagen nur über die Teilnehmer der Umfrage machen. Über die Nicht-Teilnehmer gibt es lediglich Vermutungen. Abgesehen von jenen, die generell keine persönlichen Daten preisgeben und daher auch keine Fragebögen ausfüllen und jenen, bei denen das Projekt in Vergessenheit geriet oder als belanglos eingestuft wurde, dürften das vor allem folgende Gruppen gewesen sein: -
Absolventen, die ihr Herkommen aus dem Kreis der Ostberliner Kulturwissenschaftler nicht publik machen möchten, um ihre Karriere nicht zu gefährden, -
Absolventen, die sich in schwierigen persönlichen Situationen befinden und weder mit früheren Lebensentwürfen konfrontiert, noch mit vermeintlich erfolgreicheren Kommilitonen verglichen werden wollen, -
Absolventen, die sich klar von ihrem Studium bzw. der DDR-Kulturwissenschaft distanzieren.

Zurück zu den zur Auskunft bereiten Absolventen und zu ihrem Urteil über das Studium.


Negative Urteile

Sechs ehemalige Studierende (1,6 %) verbinden überwiegend negative Erinnerungen mit dem Studium. In einem Fragebogen heißt es dazu nur, dass dies nicht in wenigen Worten zu erklären sei. In einem anderen Fall scheiterte eine 48jährige Bewerberin dreimal bei der Zulassung zum Fernstudium, durfte dann als Gasthörerin keine Prüfungen ablegen und musste die Ausbildung abbrechen.

In weiteren Fragebögen werden dem Studium angelastet: „rigide weltanschauliche Beeinflussung“, „zu viel Rotlichtbestrahlung“, „Borniertheit im Denken, ideologiebesessene Einseitigkeit, Intoleranz gegenüber Ansätzen außerhalb des Marxismus-Leninismus“, „zu viel DDR-Mief“. Kritisch angemerkt wird ferner, dass ein „Freidenker“ unter den Dozenten suspendiert worden sei.


Widersprüchliche Erinnerungen

Sieben Teilnehmer (1,9 %) beschreiben widersprüchliche Erinnerungen an das Studium. Ein Einsender glaubt, „zu wenig gelernt zu haben“. Drei Absolventen empfanden die Studieninhalte als „zu wenig berufsrelevant“ bzw. als „zu abstrakt“, als nicht hinreichend an den Realitäten des Lebens in der DDR orientiert. „Was wir lernten, wurde durch das gesellschaftliche Umfeld außer Kraft gesetzt.“ „An der Uni war die Welt noch in Ordnung, aber das Leben ist anders.“

Zwei Absolventen hatten nichts gegen das Studium selbst einzuwenden, teilten aber mit, dass sie während dieser Zeit von ehemaligen Kommilitonen bespitzelt wurden, wie sie im Nachhinein aus ihren Stasi-Akten erfahren haben.

Unter den Teilnehmern der Umfrage befanden sich zehn Absolventen, die seinerzeit aus der DDR ausgereist waren. Drei von ihnen bekundeten ausdrücklich, dass sie in den alten Bundesländern wenig oder nichts mit ihrem Studium anfangen konnten.


Positive Urteile

Die vorwiegend positiven Urteile (87 %) beziehen sich (1.) auf die Studienzeit als Lebensabschnitt, (2.) auf die Inhalte des Studiums, (3.) auf „unvergessliche“ Hochschullehrer sowie (4.) bei ehemaligen Fernstudenten auf die generelle Möglichkeit, ein „kostenloses“, d.h. von Staat und Betrieben finanziertes, berufsbegleitendes Hochschulstudium zu absolvieren.


Das Studium als Lebensabschnitt

In der Rückschau sehen viele Absolventen das Studium als „phantastische Zeit“, „unbeschwert, materiell sorgenfrei“, „nie war ich lebendiger als damals“. Das Studium „war meine Jugend“, „hat mein Leben geerdet“, „hat die Weichen gestellt“, „hat Maßstäbe gesetzt“, „hat Spaß gemacht“, „war spannend und unterhaltsam“, „war ein Genuss“, “war einfach Klasse“.

Das Studieren in kleinen Gruppen „war der absolute Luxus“, „Fürstenerziehung“. Gewürdigt werden ferner „toller Zusammenhalt“ und „offene Atmosphäre“ sowie die Tatsache, dass „Seminargruppen vom ersten bis zum letzten Studientag in gleicher Zusammensetzung beisammen blieben“. Man kannte sich nicht nur vom gemeinsamen Besuch der Lehrveranstaltungen. Praktika, Exkursionen, Ernteeinsätze, „irre Feten“, „glanzvolle Aufführungen an Theatern von Weltgeltung für 55 Pfennig Eintritt“ sowie der studentische Alltag in Bibliothek, Mensa, Kaffeehaus, Studentenklub, bei Demonstrationen und Versammlungen sorgten für ständigen Kontakt. Einige Absolventen geben an, sie hätten beim Studium „Freunde fürs Leben“ oder den Ehepartner gefunden.

Bei manchen besonders im Gedächtnis geblieben sind „querulante Kommilitonen“, deren Eigensinn und Streitlust ansteckend gewirkt hätten. Andere erinnern daran, dass gegenseitiger Beistand selbstverständlich war. Sie berichten von gemeinschaftlichen Prüfungsvorbereitungen und davon, dass Kommilitonen nach Krankheit oder Schwangerschaftsurlaub halfen, das Versäumte nachzuholen. Nicht nur in kritischen Situationen war Verlass aufeinander. Man griff sich auch sonst unter die Arme. Ganz gleich, ob Literatur zu beschaffen, Wohnungen zu renovieren, Umzüge zu bewerkstelligen oder Kinder zu hüten waren, im Bedarfsfall waren immer Helfer aus der Seminar- bzw. Studiengruppe zur Stelle.


Das Studium als Bildungserlebnis

Das Studium selbst wird überwiegend als „großartiges Bildungserlebnis“ reflektiert, als „Raum für Visionen und Ideen“, als „eine Offenbarung“, als „anspruchsvoll“, „grenzüberschreitend“, „einfach exzellent“, „gehirnerweiternd bis heute“, „marxistisch, aber weltoffen“, „sehr befreiend und bereichernd“, „stark identitätstiftend, so dass man sich auch noch nach Jahrzehnten und in einem völlig anderen Umfeld als Kuwi fühlt“. Einige Absolventen gehen so weit, Kulturwissenschaft als das „beste gesellschafts- bzw. geisteswissenschaftliche Studium in der DDR“ zu bezeichnen oder gar mitzuteilen: „Für mich lag dieses Studium weit außerhalb der DDR-Grenzen“.

Die Breite der Ausbildung habe viele Wege eröffnet. Allerdings sei die Vielfalt der Perspektiven und Themenbereiche mitunter zu Lasten gründlicher Fachkenntnisse gegangen.

Drei Absolventen würden unter den gegenwärtigen Bedingungen eher Betriebswirtschaftslehre oder Jura (kombiniert mit einer Kunstwissenschaft) studieren. Sie betrachten die erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten als großen persönlichen Gewinn, aber als derzeit „nicht zielführend für den Arbeitsmarkt“. Das Studium der Kulturwissenschaft könne man „nur noch potentiellen Erben empfehlen oder höheren Töchtern, die reich heiraten“. Viele andere bereuen ihre Studienwahl nicht, würden sich immer wieder dafür entscheiden, profitieren noch heute von ihrer Ausbildung.

Als wesentlichen Ertrag des Studiums sehen die meisten: „ich habe denken gelernt“ (kritisches Denken, konzeptionelles Denken, Denken in sozialen und politischen Kontexten, Denken in historischen Dimensionen) bzw. „ich habe lernen gelernt“. Wiederholt werden andere erworbene Fähigkeiten hervorgehoben: „Ich habe gelernt, mit Menschen umzugehen“ und „Ich kann mich in jedem sozialen und beruflichen Umfeld angemessen bewegen.“

Das Studium habe eine „solide Grundlage für die Einarbeitung in wissenschaftliche Spezialgebiete“ geschaffen, nicht nur Wissen vermittelt, sondern „vor allem Methoden trainiert“. „In Verbindung mit der zeitgeschichtlichen Erfahrung zweier Gesellschaftssysteme“ sei dies heute „ein unschätzbarer Fundus“.

Einige Absolventen weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass inzwischen in ihrem „kollegialen Umfeld ... Leute sind, die Kulturwissenschaften in den alten Bundesländern studiert haben – keiner von ihnen hat Philosophie-, Ästhetikvorlesungen gehört, geschweige denn sich mit Kulturtheorie beschäftigt“. „Verglichen mit allen Erfahrungen, die ich mit bundesdeutschen Kulturabsolventen gesammelt habe..., ist unser Studium mit deutlichem Abstand besser gewesen.“


Defizite der Ausbildung

Aus heutiger Sicht wurden jedoch auch Defizite des DDR-Studiums ausgemacht. Sie betrafen vor allem die Bereiche Kultur- und Kunstmanagement, Urheberecht und Betriebswirtschaftslehre. Völlig gefehlt habe eine Einführung in die „Kunst der Selbstvermarktung... Wir lernten nicht, uns selbst zu verkaufen“, was teilweise sofort relativiert wurde: „Wir mussten das auch nicht lernen, es war seinerzeit nicht notwendig. Ein Glück, dass wir noch erleben konnten, es geht auch anders.“

Leerstellen wurden zudem in der Philosophie, Soziologie und Kunstwissenschaft des 20. Jahrhunderts gesehen. Nötig gewesen wären auch grundlegende religionsgeschichtliche Unterweisungen, um die Ikonographie in der Kunstgeschichte besser verstehen zu können und um neben dem Marxismus-Leninismus noch andere Heilslehren kennen zu lernen. Es hätte zwar „nicht an Glaubenssätzen gemangelt“ - für einen studierten Theologen drängten sich sogar Analogien zu seinem Erststudium auf: „Das Studium der Kulturwissenschaft war die Theologie der Marxisten“. Doch zu einem umfassenden Verständnis für die religiösen Anschauungen und Praktiken der Menschheit habe das nur wenig beigetragen.

Vermisst wurden ferner eine solide Fremdsprachenausbildung und Auslandsemester. Nach Auffassung vieler Direktstudenten hätte es auch mehr Praktika geben müssen, um die „Theorielastigkeit“ des Studiums auszugleichen. Projekte wie die Beteiligung an einer UNESCO-Kulturstudie oder die kultursoziologischen Untersuchungen in Jugendklubs hätten viele Anregungen gegeben, wären aber zu selten angeboten worden.

Die Immatrikulationsjahrgänge 1968 bis 1971 bedauerten in ihren Fragebögen immer noch, dass sie infolge der Hochschulreform von 1968 neben der Kulturwissenschaft kein kunstwissenschaftliches Zweitfach bzw. überhaupt kein zweites Fach studieren konnten. Seinerzeit sollte das Studium der Kulturwissenschaft auf vier Jahre verkürzt, dabei die Ausbildung in einer speziellen Kunstwissenschaft durch eine Einführung in die Grundlagen aller Künste ersetzt werden. Diese Entscheidung bewährte sich nicht und wurde nach wenigen Jahren wieder rückgängig gemacht.

Qualitativ unbefriedigend, überflüssig bzw. „von ausgesuchter Öde“ fanden Absolventen diverse Lehrveranstaltungen im marxistisch-leninistischen Grundlagenstudium, aber auch zu „Kultur im Sozialismus“, zu „Kulturpolitik und Kulturarbeit“ sowie zu „Kunst im Imperialismus“. Manches davon sei „nicht nur systembedingt einseitig“ oder „ideologisch verengt“, sondern „einfach miserabel“ gewesen. In einem Fall hätten Fernstudenten deshalb sogar die Ablösung einer Lehrkraft durchgesetzt.

Da sich unter den Teilnehmern der Umfrage Absolventen aus 34 Immatrikulationsjahrgängen befanden, die ein jeweils anderes kulturwissenschaftliches Studienprogramm absolvierten und mit unterschiedlichen Erwartungen an die Universität gekommen waren, gingen die Meinungen in diesem Punkt weit auseinander.

Übereinstimmend wurde dagegen das starre Studienregime als „verschult“ und hinderlich empfunden. Zu Beginn der 90er Jahre immatrikulierte Studierende beklagten dann allerdings angesichts scheinbar unbegrenzter Wahlmöglichkeiten die mangelnde Verbindlichkeit in Anforderungen und Studienorganisation.

Mit dem Abstand der Jahre resümieren viele: „Die Erinnerung ist nur positiv. Das, was auf der Negativseite stehen könnte, hat sich ins Anekdotische verklärt.“


„Unvergeßliche“ Hochschullehrer

Obwohl in der Erhebung nicht danach gefragt worden war, äußerten sich viele Absolventen zu ihren Hochschullehrern, die sie überwiegend als „hervorragende Leute“, „universal gebildet“, „intellektuelle Vorbilder“, „persönlich mutig und risikofreudig“, „tolerant und verständnisvoll“, „nicht nur fachlich versiert, auch sozial kompetent“ charakterisierten. Es habe darunter zwar auch einige gegeben, „die man erdulden mußte“. Dafür waren andere „richtig schräge Typen, die selber von etwas getrieben waren und etwas bewirken wollten“. Viele verhielten sich kritisch gegenüber der sie umgebenden sozialen Realität, mischten sich ein und „segelten meinungsfreiheitsmäßig am Limit“. Solche Lehrer, die sich zugleich als „Sinngeber und Mitgestalter der Gesellschaft“ begriffen hätten, finde man heute gar nicht mehr.

Hervorgehoben wurde immer wieder der enge Kontakt zu den Hochschullehrern, die keine limitierten Sprechzeiten hatten, sondern für Studierende jederzeit ansprechbar und zu zusätzlichen Konsultationen bereit waren. Grundlage dafür war ein sehr komfortables Zahlenverhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden, wie es generell für das Hochschulwesen in der DDR charakteristisch war. So ist das wissenschaftliche Personal für den Studiengang Kulturwissenschaft innerhalb von 26 Jahren von sechs auf 28 fest angestellte Mitarbeiter (darunter 10 Hochschullehrer) aufgestockt worden, obwohl die Zahl der Studierenden nahezu unverändert blieb. Zählt man alle Jahrgänge des Direkt- und Fernstudiums zusammen, so waren nie mehr als 150 bis 180 Studierende gleichzeitig am Institut.

In dieser Hinsicht hatten Kulturwissenschaftler tatsächlich exzellente Studienbedingungen. In den Fragebögen reichen die Erinnerungen an einzelne Hochschullehrer zurück bis zu den Eignungsgesprächen. Aber auch „Sternstunden“ in den Hörsälen und Seminarräumen, die intensive Betreuung von Jahres- und Diplomarbeiten, Ratschläge in schwierigen persönlichen Situationen, individuelle Fördervereinbarungen, die öffentliche Verteidigung jeder einzelnen Diplomarbeit (die seinerzeit zum Standard gehörte) und die selbstverständliche Hilfe bei der Berufsfindung und Stellensuche sind im Gedächtnis geblieben.

Insgesamt wurden in den Fragebögen 31 Hochschullehrer aus den Bereichen Kulturtheorie, Ästhetik, Kunstwissenschaften, Philosophie und aus angrenzenden Disziplinen namentlich gewürdigt. Das verweist darauf, dass hier nicht einige wenige „Lichtgestalten“ am Werke waren, sondern eine ganze Reihe von Lehrenden mit je eigenem Profil die Hochachtung der Studierenden erworben hatten.


Das berufsbegleitende Fernstudium

Die Absolventen des Fernstudiums brachten in der Umfrage noch einen zusätzlichen Gesichtspunkt zur Sprache. Sie waren dankbar für die Möglichkeit, ein berufsbegleitendes Hochschulstudium zu günstigen Konditionen absolvieren zu können. Zwar habe es seitens der Betriebe und Dienststellen mitunter Probleme gegeben und das fünfjährige Studium sei auch eine starke persönliche Belastung gewesen, doch habe sich die Anstrengung gelohnt. Allein die Gelegenheit, alle 14 Tage Berufsroutine und Alltagssorgen hinter sich lassen zu können, in einem völlig anderen Umfeld mit Menschen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern und aus allen Landesteilen Erfahrungen auszutauschen, hätte den eigenen Horizont erweitert und sei nicht mit Gold aufzuwiegen gewesen. Die Lehrenden hätten theoretische Kenntnisse vermittelt, seien aber gegenüber den berufserfahrenen „Praktikern“ nicht als Schulmeister, sondern eher als Partner und Moderatoren aufgetreten.

Ein Absolvent des Fernstudiums riet davon ab, die Ergebnisse der Befragung zu publizieren: „Wenn die Öffentlichkeit durch die Verbleibstudie erfährt, dass sich die Studierenden an der Humboldt-Universität beträchtliche Reichtümer aneignen konnten und von diesem kulturellen Kapital auch nach Jahrzehnten noch zehren, erwachen möglicherweise Missgunst und Neid.“



Die Anlagen zum Text der Verbleibstudie (Fragebogen und Brief an die Absolventen) finden Sie in der PDF-Fassung dieses Beitrags.