KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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TextKulturation 1/2008
Hildegard Maria Nickel
Pfadabhängigkeit und feministische Intervention
Oder: „Am Anfang war die andere Tat“ Beatriz de Dia (Irmtraud Morgner)
Unter der Überschrift „Geschlechter Wissen Mehr!“ fand am 8. Februar 2008 an der Universität Potsdam ein Kolloquium zu Ehren von Irene Dölling statt, die mit dem Wintersemester ihre dreizehnjährige Arbeit als Professorin für Frauenforschung/ Soziologie der Geschlechterverhältnisse beendete. Einen der rückblickenden Festvorträge für I. D. hielt Prof. Hildegard Maria Nickel (Leiterin des Bereichs Soziologie der Arbeit und der Geschlechterverhältnisse an der Humboldt-Universität zu Berlin).


Dieses Motto Irmtraud Morgners, das sie ihrer Trobadora Beatriz in den Mund legt, charakterisiert eine Seite von Irene Dölling, auf die ich zum Abschluss dieses Ehrenkolloquiums zu sprechen kommen möchte. Ich werde – obwohl das eine mit dem anderen im Sinne einer Pfadabhängigkeit eng zusammenhängt und die theoretischen Perspektiven, von denen das Werk von I. D. getragen und durchwoben ist, sich auch in der „anderen Tat“ Geltung verschaffen – nicht nochmals die Theoretikerin I. D. würdigen. Das ist heute bereits auf vielfältige und beeindruckende Weise geschehen. Ich werde mich auf die frauenbewegte feministische Akteurin im Feld der Wissenschaft konzentrieren und dabei vor allem auf ihren Beitrag zur Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechterforschung vor und nach der „Wende“ eingehen. I. D. hat diesen Institutionalisierungs-, ja auch Professionalisierungsprozess der Frauen- und Geschlechterforschung nicht schlechthin vorangetrieben – das darf man von einer Lehrstuhlleiterin dieses Faches schlicht erwarten -, sondern ihn – zunächst in der DDR – wesentlich initiiert und mit Eigensinn durch die Widersprüche und Herausforderungen der bundesdeutschen Transformation gesteuert. I. D. darf in diesem Sinne als Pionierin gelten.

Dabei hat(te) sie klare Kriterien für das, was sich Frauenforschung nennen darf oder durfte und diese Kriterien auch zur Grundlage der eigenen Positionierung gemacht: „Solche Kriterien sind für mich zum einen der theoretische Erklärungsansatz von Geschlechterverhältnissen und zum anderen ein klar formuliertes subjektives Forschungsinteresse, dem erstens die Annahme einer strukturellen Benachteiligung des weiblichen Geschlechts zugrunde liegt, und das zweitens darauf abzielt, Frauen in den Stand zu setzen, ihre eigenen Interessen aktiv wahrzunehmen.“ (Dölling 1993: 398) In diesem Sinne konzipierte, organisierte und leitete I. D. ab 1980 einen „halboffiziellen“ Arbeitskreis, der sich „kulturhistorische und kulturtheoretische Aspekte der Geschlechterverhältnisse“ nannte, „halboffizell“, weil er zwar formell an der Sektion Kulturwissenschaften der HU Berlin angebunden, d. h. offiziell angemeldet war, aber informell und im nichtöffentlichen Raum von Privatwohnungen, zumeist in der von I. D. tagte.

Wollte die Trobadora Beatriz mit ihrer „andren Tat“ aus dem Land, in dem Frauen für gleiche Arbeit gleichen Lohn erhielten, einen „Ort des Wunderbaren“ machen, plädierte I. D. zunächst für seine nüchterne Analyse. Dabei interessierte I. D. nicht in erster Linie die empirisch beschreibende Analyse der Geschlechterverhältnisse in der DDR, sondern zunächst das Verhältnis von Naturwesen – Individuum – Persönlichkeit (1979), hier insbesondere die „Sexualität als sozial produziertes biologisches Maßverhältnis“. Mangelt es – so I. D. – „an der konsequenten sozial-ökonomischen Ursachenanalyse der historischen Differenziertheit praktischen Sexualverhaltens wie sozialer Sexualnormen und –tabus, wird auch nicht die Frage nach den ökonomischen Grundlagen für eine neue soziale Bewertung der Sexualität im Sozialismus und daraus resultierenden Folgen für die individuellen Verhaltensstrukturen … gestellt.“ (Dölling 1979: 57) Es war also selbstverständlich, dass der Arbeitskreis sich zunächst mit entsprechenden sexualwissenschaftlichen Texten befasste. Einigen Kolleginnen ist wegen des schillernden, zunehmend anrüchig feministischen Status, den unser Arbeitskreis hatte, die Teilnahme daran von ihren Arbeitgebern offiziell untersagt worden. Auslöser für seine Gründung war der Artikel „Zur kulturtheoretischen Analyse von Geschlechterverhältnissen“ von I. D. in den Weimarer Beiträgen 1980, der in der (männlichen) Kulturtheorie auf Unverständnis und Unbehagen stieß. Es spricht für die damalige Kulturtheorie – und wäre in wenigen anderen Fächern so denkbar gewesen – dass sich die Herren des Problems zwar entledigten, indem sie es aus dem Öffentlichen und Offiziellen verbannten und durch Delegation und Marginalisierung an die Peripherie kulturtheoretischer Reflexion des Sozialismus drängten, zugleich aber auch unter der Devise: „Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründen Frauen einen Arbeitskreis“ zuließen, dass es weiter behandelt wurde.

Jedenfalls trafen sich alle vier Wochen über einen Zeitraum von fast 10 Jahren 10 – 12 Kolleginnen, zumeist Absolventinnen der Fachrichtung Kulturwissenschaft, um wissenschaftliche, zunehmend feministische Texte zu diskutieren, später auch eigene Forschung und Qualifizierungsvorhaben zu präsentieren. Noch heute finde ich das in jeder Hinsicht bemerkenswert! Die meisten dieser Frauen waren ja nicht nur erwerbstätig, und zwar in einem Feld, das diese Forschungsperspektive nur mäßig interessierte und honorierte, sondern sie waren auch Mütter, sie waren mit ihren Planaufgaben und Rechenschaftsberichten, der Familie, den Kindern, den Männern, dem Parteilehrjahr, dem Elternaktiv etc. beschäftigt. Und dennoch: Der Abend-Termin bei I. D. war – zumindest für den harten Kern - Pflicht. Nicht alle hatten immer die nicht leicht zu konsumierenden Texte gelesen; diejenigen, die sie gelesen hatten, waren unsicher – jedenfalls überkam mich persönlich häufig dieses Gefühl – weil sie sie nicht so differenziert diskutieren konnten, wie es unsere „Vorsitzende“ und „Übermutter“ I. D. erwartete … Mit anderen Worten: Es war kein Kaffeekränzchen, zu dem wir uns 10 Jahre lang trafen, sondern harte Professionalisierungsarbeit, die wir an uns und die vor allem I. D. an uns geleistet hat. 1990 hat sich dieses Investment, dieses Empowerment dann in einer gemeinsamen Publikation zum Thema „Frauenforschung in der BRD“ niedergeschlagen. Im Editorial dieses Bandes 28 der „Mitteilungen aus der Kulturwissenschaftlichen Forschung“, geschrieben im September 1989, heißt es – und das erklärt z. T., warum unsere einzige gemeinsame Publikation die Frauenforschung in der BRD, nicht die Frauenforschung in der DDR zum Gegenstand hatte: „Erforderlich ist die Erweiterung unseres theoretisch-begrifflichen Instrumentariums. Im marxistischen Denken ist es weder Tradition, Geschlechterverhältnissen in der Gesellschaftstheorie explizit einen Platz zu geben, d. h. sie als strukturelles Element eines formationstypischen gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses zu bestimmen. Noch ist es selbstverständlich, die Eigentümlichkeit von Geschlechterverhältnissen gegenüber anderen Verhältnissen aufzuzeigen. Die Erforschung von Geschlechterverhältnissen ist daher zugleich Arbeit an einem anderen Verständnis von Wissenschaft, die heute generell – und speziell in Bezug auf unsere Problematik – nur interdisziplinär erfolgreich geleistet werden kann. Und dazu gehört selbstverständlich auch, Diskussionen und Ergebnisse zur Kenntnis zu nehmen, die international … vorgelegt werden.“ (MKF 28: 6) Neben Diskussionen in den USA und Großbritannien waren für uns insbesondere auch Forschungen in der BRD interessant, zumal dort Forschungsergebnisse zu Themen und Fragen vorgelegt worden sind, auf die auch wir Antwort suchten: „Zum Verhältnis Klasse und Geschlecht, zum Platz der Hausarbeit in einer gesellschaftlichen Theorie der Reproduktion, zu Spuren von Frauen in der Geschichte und in der Literatur (bzw. Kunst), zur Soziologie und Sozialpsychologie der Geschlechterverhältnisse usw.“ (ebenda) Dieser gemeinsame Band ist insofern ein zeitgeschichtliches Dokument, als er zeigt, wie selbstverständlich wir uns damals am „West-Feminismus“ abgearbeitet und orientiert haben. Die Publikation zog nicht nur einen Schlussstrich unter der Form des „Halboffiziellen und „Nichtöffentlichen“, sondern zeigt, dass wir uns – nicht zuletzt auch durch die wissenschaftlichen Kontakte, die der Arbeitskreis mittlerweile zu „West-Kolleginnen“ wie Regina Becker-Schmidt, Gudrun Axeli Knapp; Marianne Friese, Dorothea Wierling und anderen hatte – auf den „state of the art“ gebracht hatten. Das hat – zumindest trifft das für mich persönlich zu - sicherlich auch einigen Kolleginnen aus dem Arbeitskreis geholfen, sich in der Wende- und Nachwendezeit im akademischen Feld zu behaupten.

Der Arbeitskreis löste sich also in der Vorwendezeit auf und die Kolleginnen agierten zunehmend öffentlich, zum Teil bewegungspolitisch, zum Teil wissenschaftspolitisch. I. D. agierte wissenschaftspolitisch und ging mit einigen Kolleginnen aus dem Arbeitskreis einen nächsten folgenreichen Institutionalisierungsschritt, von dem die Frauen- und Geschlechterforschung der HU bis heute profitiert: I. D. setzte sich mit der ihr eigenen Zähigkeit und Gründlichkeit für die Gründung eines interdisziplinären Zentrums für Frauenforschung an der HU ein. Anfang November 1989 hatte eine Initiativgruppe von Humboldtianerinnen verschiedener Disziplinen einen „Aufruf zur Gründung eines Zentrums interdisziplinäre Frauenforschung an der Humboldt-Universität“ verfasst, in der Universität verbreitet und zur Gründungsversammlung am 8.12.1989 eingeladen. In dem Aufruf wird darauf verwiesen, dass trotz formaler Gleichberechtigung Frauen in der sozialistischen Gesellschaft/DDR vielfach benachteiligt sind, in den Wissenschaften diese Benachteiligungen bzw. die Ursachen für die sozialen Unterschiede zwischen den Geschlechtern kaum Gegenstand sind und die wenigen vorhandenen Ansätze zur Frauenforschung abgewertet oder als unwichtig abgetan werden. Um dies zu ändern, sollte das ZiF gegründet werden, dessen Aufgaben und Ziele in diesem Aufruf folgendermaßen beschrieben sind: „Wir wollen die vereinzelten Forschungspotentiale zusammenführen, gemeinsam über theoretische Grundlagen der Frauenforschung und über konkrete Ergebnisse diskutieren, sowie diese einer interessierten Universitätsöffentlichkeit vorstellen. Wir wollen Forschungsvorhaben koordinieren und Formen interdisziplinärer Forschungskooperation erproben. Nicht zuletzt verbinden wir damit die Hoffnung, dass unsere Analysen und Arbeitsergebnisse Eingang finden in Entscheidungen zur Wissenschafts-, Kader- und Berufungspolitik an unserer Universität wie zur Frauenpolitik generell.“ (Dölling 1999: 14) Die Gründungsversammlung im Hörsaal der damaligen Frauenklinik der Charité – vorausgegangen waren schon im Mai/Juni 1989 Gespräche mit dem damaligen Prorektor für Gesellschaftswissenschaften an der HU Dieter Klein – war ein (kleines) Medienereignis, ca. 100 Frauen und 5 Männer – so das Protokoll der Gründungsversammlung – waren zugegen, nicht zuletzt weil I. D. eine Woche vor dieser Gründungsversammlung anlässlich der denkwürdigen Veranstaltung zur Gründung des Unabhängigen Frauenverbandes in der Berliner Volksbühne Gelegenheit hatte, auf diese Gründungsversammlung an der HU hinzuweisen.

Dieser Institutionalisierungsschritt, die Gründung des Zentrums für interdisziplinäre Frauenforschung an der HU, dessen Leiterin I. D. bis 1992 war, ist in mehrfacher Hinsicht bedeutungsvoll: Erstens ist es der Präsenz der Frauenforschung an der HU in dieser institutionalisierten Form zu verdanken gewesen, dass die Ab- und Aufwicklung der HU nach westdeutschem Vorbild nicht gänzlich zu Lasten von Frauen und Frauen- und Geschlechterforschung ging. Zwar ist I. D. selbst dabei trotz aller Massenproteste, Interventionen, Führsprachen und Bitten an der HU nicht zum Zuge gekommen – was bis heute unverständlich ist –, aber es sind Kolleginnen in verschiedenste Fachdisziplinen berufen worden, die – mit oder ohne Denomination – Frauen- und Geschlechterforschung machen und denen das Zentrum, das seit 2003 Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien heißt, als Ort der Vernetzung, Kooperation und fächerübergreifenden Zusammenarbeit dient.

Zweitens das von I. D. initiierte Zentrum war eine wesentliche strukturelle Voraussetzung dafür, dass die HU 1997 als erste Universität in Deutschland überhaupt einen interdisziplinären Magister Studiengang Geschlechterstudien/Gender Studies als Haupt- und Nebenfach einrichten konnte. Im Zuge des Bologna-Prozesses haben auch wir seit WS 2005 auf einen BA-Studiengang Gender Studies als Zweit- und Beifach umgestellt und zum WS 08/09 startet ein Masterstudiengang.

Das alles wäre, so behaupte ich, ohne den institutionellen Knotenpunkt des Zentrums so nicht möglich gewesen. I. D. hat gemeinsam mit Kolleginnen, insbesondere Helga Voth, eine institutionelle Grundlage geschaffen, die bei späteren strukturellen Umbauprozessen der Universität – und die gab es reichlich – nicht mehr so einfach zu kappen war.

Drittens, die Gründung des ZiF war zunächst von Diskussionen darüber begeleitet, was das DDR-Erbe, das „DDR-Sozialisationsgepäck“ für die Etablierung einer ostdeutschen Frauenforschung bedeutet und welche Zielstellungen bzw. Arbeitsschwerpunkte sich daraus für das ZiF ableiten. 1992 organisierte das ZiF unter der Leitung von I. D. und in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis wissenschaftlich und künstlerisch tätiger Frauen e.V. Berlin wie auch der Sektion Frauenforschung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie eine Tagung zur Situation von Frauen in der Wissenschaft in Ost und West, die in dem Buch „Ausgegrenzt und mittendrin. Frauen in der Wissenschaft“ dokumentiert wurde und in dem u. a. erste Ergebnisse des am ZiF angebundenen ABM-Projektes zur Situation von WissenschaftlerInnen im Transformationsprozess vorgestellt wurden. 1992 trafen sich auch – organisiert über den UFV – Ostberliner Frauenforscherinnen zu einem Erfahrungsaustausch (OSTFEM I), wo die Idee geboren wurde, regelmäßig und vom ZiF organisiert, wissenschaftliche Arbeitstreffen von ostdeutschen Frauenforscherinnen durchzuführen. Ostdeutsche Frauenforscherinnen sollten einen Ort haben, wo sie – ohne den kritischen, manchmal auch abwertenden Blick ihrer westdeutschen Kolleginnen – über ihr Woher und Wohin diskutieren konnten. Ein nächstes Treffen (OSTFEM II) fand 1993 zum Thema „Frauenbiografien vor dem Hintergrund ostdeutscher Sozialisationserfahrungen“ statt, auch der regelmäßig am ZiF tagende wissenschaftliche Arbeitskreis bot (und bietet bis heute) ostdeutschen Akademikerinnen einen Raum für den Erfahrungsaustausch. Dieser Weg der Fokussierung auf eine ostdeutsche Frauenforschung ist spätestens Mitte der 1990er Jahre – mittlerweile war ich Leiterin der ZiF – zugunsten einer integrativen Frauen- und Geschlechterforschung aufgegeben worden. Damit ist auch der Tatsache Rechnung getragen worden, dass im Zuge der „Abwicklung“ und des Auslaufens der befristeten Verträge in den Jahren 1995/96 nur noch wenige Ostfrauen an der HU verblieben waren, die Frauenforschung betrieben. I. D. hatte allerdings Anfang der 1990er Jahre ein Forschungsprogramm für eine ostdeutsche Frauenforschung entworfen, das – obwohl es dann z. T. in den Forschungen in Potsdam weiterverfolgt worden ist – längst nicht als abgearbeitet gelten kann. Es umfasst(e) drei sehr komplexe Punkte:


A Entwicklung eines ostdeutschen Selbstverständnisses als Analysepotential:

„Aus der kränkenden Erfahrung, dass auch Frauen in der Lage sind, Frauen zu zu machen (wobei das im deutsch-deutschen Verhältnis eine doppelte Kränkung ist), kann für die ostdeutsche Frauenforschung ein starker Impuls dahingehend entstehen, aus dem Anderssein heraus ein Selbstverständnis zu entwickeln, das auf einer fundierten Analyse und einer begrifflich-theoretischen Verarbeitung der Geschichte der real-sozialistischen DDR beruht … Ostdeutsche Frauenforschung könnte … in der konkreten Hinterfragung und Begründung ihres Selbstverständnisses konkret dazu beitragen, dass die Geschichte der DDR weder einfach noch in Phantasien vom verklärt und damit als unbewältigt weitergeschleppt wird.“ (Dölling 1993: 405)


B Entwicklung einer spezifischen ostdeutschen Selbstreflexivität:

Zur „Aufarbeitung der Geschichte mit dem Ziel, ein (neues) Selbstverständnis zu gewinnen, gehört auch die Auseinandersetzung mit uns selbst. Eine kritische Analyse unserer enttäuschten Wunschvorstellungen von deutsch-deutscher Schwesterlichkeit oder auch unseren Allmachtsphantasien von einer gesellschaftsverändernden Frauenbewegung (wie sie etwa vor den Wahlen vom März 1990 so reichlich produziert wurden) könnte unseren Blick für Verschiedenes schärfen:
- für unsere persönlichen Beweggründe uns vor und/oder nach der „Wende“ in der Frauenbewegung bzw. Frauenforschung zu engagieren,
- für den soziokulturellen Hintergrund unserer Biografien, der den Nährboden abgab für unser Engagement für die allgemeine , mit dem wir doch auch zugleich unsere individuellen Ansprüche auf bestimmte Positionen im sozialen Raum anmeldeten,
- und für den uns ebenso innewohnenden Glauben, im Namen anderer Frauen sprechen zu dürfen.“ (Dölling 1993: 405)


C Entwicklung einer an Verteilungskämpfen orientierten kritischen Frauenforschung:

Eine „empirisch orientierte, differenzierte und differenzierend arbeitende Frauenforschung“ ist notwendig, weil die „gegenwärtigen Transformationsprozesse in Ostdeutschland und in Osteuropa … zu einer Veränderung von Machtverhältnissen, zu einer Neuformierung von politischen und intellektuellen Eliten, zu einer Neueinteilung von Menschen in „Gewinner und Verlierer“, in Privilegierte und Benachteiligte, in Reiche und Arme (führen) … Diese Macht- und Verteilungskämpfe haben sicher praktische Auswirkungen auf die Geschlechterverhältnisse, auf das, was Frauen wird und was diese als selbstverständliche Ansprüche einklagen.“ (Dölling 1993: 406)

Mittlerweile haben viele von uns erfahren müssen, dass es für derlei „Ost-Forschung“ in der Regel keine Mittel gibt. Dennoch will ich abschließend mit einem Augenzwinkern zeigen, wie wichtig eine solche Forschung wäre und dabei auf die „verstehende“ Analyse von Vergeschlechtlichungsprozessen, für die I. D. sich vor allem mit ihrem letzten Forschungsprojekt stark macht, verweisen. Was das „Geschlechter-Wissen“ (Dölling 2007) im Ost-West-Diskurs ist, macht die folgende kleine Unterhaltung über die Frage, Papa, was ist ein Ossi? deutlich. Nachzulesen im Dreh- und Wendebuch des Eulenspielgelverlages, 2002 (S. 10-12):

„Papa, hast du nicht immer gesagt, das ganze Übel fängt schon bei der Erziehung der Ossis an?
Na, das ist auch so. Stell dir vor, während deine liebe Mutti immer für dich da ist und dein lieber Papi rund um die Uhr die Kohle ranschafft, wurde das Ossi-Kind, kaum dass es geboren war, in die staatliche Kinderkrippe abtransportiert. Da hatten sie keine Spielsachen, höchstens Panzer und Plastiksoldaten, und haben den ganzen Tag nur im Sand rumgewühlt, sich mit Eierpampe beworfen, sich geprügelt und geplärrt.
Die Mütter kümmerten sich einen feuchten Dreck um ihre Kinder und haben sich in ihren Nylonkitteln als Verkäuferinnen in den tristen Kaufhallen rumgetrieben, sind in Gummistiefeln über die Äcker ihrer sogenannten Genossenschaften getrabt, standen in ihren vergifteten Chemiebuden rum oder haben sich sonst wo ein schönes Leben gemacht. Und wenn’s ginge, würden sie es heute noch tun. Aber sich mal um ihre Kinder kümmern, nee! Das haben sie dem Staat überlassen.
Dafür mussten die Kleinen dann kollektiv pinkeln, kollektiv essen, kollektiv spazieren gehen, kollektiv Geburtstag feiern – nee, nicht Kindergeburtstag, Geburtstag von Ernst Thälmann … Wer das ist? Ach, son Hamburger Prolet … Na, jedenfalls war das alles anders als bei uns, wo deine Mama dir die ersten Schritte und die ersten Worte beibrachte, weswegen du auch nicht solche schlimme Ausdrücke kennst wie Ossi-Kinder…“

Liebe Irene, ich danke Dir, dass ich viele Jahre – um genau zu sein, es sind im September 40 Jahre – mit Dir – freilich hattest du immer einen gewissen Vorsprung – am gleichen Strang ziehen durfte; ich danke Dir für viele Jahre kooperativer Zusammenarbeit, geistigen Austauschs und solidarischer Unterstützung, wann immer sie notwendig war. Ich setze darauf, dass das mit Deiner Pensionierung nicht abbricht, zumal ich Dir auch dahin folgen werde.

Literaturverzeichnis

Dölling, Irene (1979): Naturwesen – Individuum – Persönlichkeit. Die Menschen und ihre biologische Konstitution in der marxistisch-leninistischen Kulturtheorie. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin.

Dölling, Irene (1980): Zur kulturtheoretischen Analyse von Geschlechterbeziehungen. In: Weimarer Beiträge 1/1980, S. 59-88.

Dölling, Irene (1993): Aufschwung nach der Wende – Frauenforschung in der DDR und in den neuen Bundesländern. In: Helwig/Nickel (Hrsg.): Frauen in Deutschland 1945-1992. Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn, S. 397-407.

Dölling, Irene (1999): 10 Jahre Zentrum interdisziplinäre Frauenforschung an der HU – eine persönliche Rückerinnerung an die Anfänge. In: ZiF Bulletin 19, S. 13-27.

Dölling, Irene (2007): ‚Geschlechter-Wissen’ - ein nützlicher Begriff für die ‚verstehende’ Analyse von Vergeschlechtlichungsprozessen? In: Gildemeister/Wetterer (Hrsg.): Erosion oder Reproduktion geschlechtlicher Differenzierung? Widersprüchliche Entwicklungen in professionalisierten Berufsfeldern und Organisationen. Münster, Westfälisches Dampfboot, S. 19-31.

Frauenforschung in der BRD (1990). In: Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung 28. Sektion Kulturwissenschaften und Ästhetik der Humboldt-Universität zu Berlin.

Morgner, Irmtraud (1974): Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura. Aufbau-Verlag.

Wieczorek, Thomas (2002): Papa, Was ist ein Ossi? Ein Dreh- und Wendebuch. Berlin, Eulenspiegel Verlag, S. 7-62.