KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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TextKulturation 2/2007
Anne-Kathrein Petereit
Mythensturz und kommunistisches Matriarchat
2 Briefe an Renate Schuster und deren Antwort
Sehr geehrte Frau Schuster,

Ihren Text „Die Wende – ein Mythensturz“ finde ich sehr interessant. Der Kunstgriff mit dem Archäologenfreund ist witzig, der schafft Distanz zur DDR-Vergangenheit. In einem einzigen Punkt kann ich Ihnen nicht zustimmen: wenn Sie schreiben, jeder aufgeklärte Kommunist würde verneinen, dass es irgendwo Kommunismus gab. Also, entweder bin ich keine aufgeklärte Kommunistin, ich bin die Ausnahme.

Seit 2,3 Mio. Jahren gibt es Menschen auf der Erde. In diesem gewaltigen Zeitraum, mit Ausnahme der letzten 6000 Jahre, haben die Menschen kommunistisch zusammengelebt. Es war ein erfolgreiches Gesellschaftsmodell. Die Art hat sich nicht nur erhalten, sondern auch auf der ganzen Erde ausgebreitet. Ich ahne Ihren Einwand: Der „Urkommunismus“ der Urgemeinschaft war primitiv. Zumindest für die Jungsteinzeit trifft das aber nicht zu. Gewiss, die materielle Basis war mit unserer, der Stand von Wissenschaft und Technik war unserem nicht im Entferntesten zu vergleichen. Doch vom sozialen Standard dieser Gemeinwesen können wir Heutige nur träumen. Bevor ich das beschreibe, muss ich fairerweise sagen: Es handelt sich um matriarchale Gesellschaften. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das waren nichthierarchische, herrschaftsfreie Gesellschaften. Das griechische Wort arche bedeutete ursprünglich „Anfang, Ursprung“. „Am Anfang die Mütter“ könnte man übersetzen.

Das Land gehörte der ganzen Sippe (80 – 100 Menschen). Diese Gesellschaften waren geprägt von einem ständigen Geben und Nehmen, man nennt sie deshalb auch Ausgleichs-Gesellschaften. War eine Sippe zu einigem Wohlstand gelangt, dann widerfuhr ihr eine große Ehre: sie durfte die nächsten Jahreszeiten-Feste ausrichten und das ganze Dorf dazu einladen. Wenn sie das ein paar Mal gemacht hatten, waren sie nicht mehr wohlhabend, und eine andere Sippe wurde auf diese Weise geehrt. Da es keine soziale Ungerechtigkeit gab, musste sie auch nicht in Form von Kriegen nach außen transportiert werden.

Sie werden nun fragen, woher man wissen will, wie die Menschen der Jungsteinzeit ihr Zusammenleben organisiert hatten. Die Antwort heißt: durch die Ergebnisse der modernen Matriarchatsforschung. Die Richtigkeit dieser Ergebnisse wird oft angezweifelt (mitunter auch diskriminiert). Beispielsweise sagen Archäologen: „Nun ja, wir haben in Catal Hüyük eine stadtähnliche Siedlung ausgegraben, sie ist 8000 Jahre alt, aber wir können aus den Artefakten nicht ablesen, dass ihre Bewohner matriarchal organisiert waren.“ Das ist natürlich richtig. Aber die Matriarchatsforschung beruht ja nicht nur auf den Befunden der Archäologie, sondern sie ist interdisziplinäre Forschung der Gebiete Archäologie, Ethnologie, Mythenkunde, Linguistik, Kulturwissenschaft, Soziologie und anderer Wissenschaften.

Etwa um 4200 v.u.Z. gab es auf der Erde eine große Klimaveränderung. Gebiete in Afrika (Sahara), Arabien und Asien wurden zu Wüste und Steppe. Auf diesen Fakten gründet James DeMeo seine Saharasia-Hypothese. Er glaubt, dass die Menschen aus diesen Gebieten gezwungen waren, eine neue Heimat zu suchen. Da alle fruchtbaren Gebiete bereits besiedelt waren, vertrieben oder töteten sie die Einwohner und ließen sich dort nieder. Auf dieser Grundlage ist aber eine egalitäre, friedliche Gesellschaft nicht aufrecht zu erhalten. Übrigens sind die ersten Funde, die auf Kriegshandlungen auf der Erde hinweisen, 6000 Jahre alt. Der Prozess der Patriarchalisierung zieht sich über die Jahrtausende bis in unsere Gegenwart. Es gibt nämlich noch heute kleine Völker (in Afrika, Amerika, Asien), die matriarchal organisiert sind.

Soviel für heute. Mehr möchte ich den freundlichen Menschen, die das alles abtippen und ins Netz stellen (danke!), erstmal nicht zumuten. Ich bin im Begriff, meine Konsumverweigerungs-Haltung hinsichtlich eines PC aufzugeben und seine Bedienung zu erlernen.
Mit kommunistischen Grüßen
Anne-Kathrein Petereit

Zweiter Brief

Liebe Renate Schuster,

zwar weiß ich nicht, ob mein Beitrag Sie interessiert hat, dennoch setze ich meine Überlegungen über frühkommunistische, matriarchale Gesellschaften fort. Keinesfalls_ geht es darum, ein Matriarchat neu zu etablieren oder einen neuen "Mutterkult“ zu propagieren, wie manche argwöhnen. Sondern es wäre gut, erst einmal vorurteilslos zur Kenntnis zu nehmen, wie diese Menschen leben, gelebt haben. Dieses Wissen ermöglicht einen fremden, unvertrauten Blick auf das Gruselstück der spätpatriarchalen, kapitalistischen Gesellschaft. Dass diese Gesellschaft krank ist, wusste ich seit langem. Wie krank sie ist, wurde mir erst durch die Beschäftigung mit matriarchalen Gesellschaften klar. Und ich habe auch erkannt, dass die DDR-Gesellschaft, trotz Gleichberechtigung und Frauenförderung, eine patriarchale Gesellschaft war. Der nächste Schritt könnte sein, in einer allgemeinen Diskussion zu klären, welche Bestandteile matriarchaler Gesellschaften wir hinsichtlich einer künftigen kommunistischen Gesellschaft für essentiell halten. Und welche wir nicht für sinnvoll halten.
Heute will ich versuchen zu erklären, wieso diese Gesellschaften herrschaftsfrei waren und warum Frauen eine so geachtete Stellung hatten. Steht in einer Sippe eine Entscheidung an, so sagt zuerst die Sippenälteste ihre Meinung dazu, erteilt ihren Rat. Weisungsberechtigt ist sie nicht. Nun beginnt eine allgemeine Diskussion, in manchen afrikanischen Völkern "Palaver" genannt. Das kann Stunden, Tage oder Wochen dauern. Das Ergebnis ist eine Konsensentscheidung, die auch die Mitglieder mittragen können, die zuerst gegen diese Lösung waren. Der Nachteil von Konsensentscheidungen ist der größere Zeitaufwand, der Vorteil die größere Zufriedenheit der Menschen. Ich finde Konsensentscheidungen sehr wünschenswert und gebe hier aus dem Gedächtnis wieder, wie Hans-Joachim Maaz eine solche Entscheidung in einer therapeutischen Gruppe in seiner Klinik schildert.

Die Gruppe hatte über den Vorschlag zu entscheiden, am nächsten Tag in ein bestimmtes Kino zu gehen und einen bestimmten Film anzusehen. Alle waren dafür bis auf zwei. Die beiden wurden gefragt, warum sie dagegen sind. Der eine Patient sagte, dass die Gruppe auf dem Weg dorthin durch sein Wohngebiet kommen würde. Wenn er dort Nachbarn begegnen würde, sei es ihm peinlich, wenn er mit der Nervenklinik unterwegs wäre. Die Gruppe beschloss, einen anderen Weg zu nehmen. Die andere Patientin hatte Fußschmerzen, sie wollte gar nicht gehen. Da versprachen ihr die anderen, sie abwechselnd ein Stück zu tragen.

In einer matriarchalen Gesellschaft kann niemand Herrschaft ausüben, weil es keine Zwangsinstitutionen gibt: Rechtswesen, Strafvollzug, Polizei, Armee - was fehlt noch? richtig, Geheimdienste. Es gibt auch traditionell lebende Völker, die nicht matriarchal organisiert sind, deren Mitglieder aber trotzdem sorgsam darauf achten, dass der Häuptling und der Schamane weder Reichtum noch Macht anhäufen können. (Clastres: Staatsfeinde?)

Da Matriarchate schriftlose Gesellschaften sind, gibt es keine Gesetze. Verhaltensnormen und "Tabus" werden mündlich weitergegeben, sie sind mythisch fixiert. Bei Regelverstößen gibt es nur zwei Möglichkeiten der Bestrafung: eine zeitlich begrenzte Missachtung durch die Gemeinschaft und den Ausschluss, was den sicheren Tod bedeutete (bei sehr schweren Vergehen).

Ob es je eine hochkomplexe Gesellschaft wie die unsere geben wird, die völlig frei ist von Herrschaftsbeziehungen, kann niemand voraussagen. Aber Herrschaftsarmut ist jedenfalls anzustreben.

Frauen genießen hohes Ansehen, weil sie das Leben weitergeben. Der Anteil des Mannes an der Zeugung war lange unbekannt. Außerdem hatten diese Menschen einen ganz konkreten Wiedergeburtsglauben. Sie hatten die Vorstellung, daß alle Verstorbenen der Sippe eines Tages von den jungen Frauen wiedergeboren würden. Frauen nahmen wichtige soziale und kulturelle Mittelpunktsstellungen ein. Sie waren es, die vom Sammeln zum Ackerbau übergegangen waren und auch wichtige handwerkliche Erfindungen machten (Töpfern, Weben). Zusammen mit dem Ackerbau hatte sich das Matriarchat fast auf der ganzen Erde ausgebreitet (seit etwa 12 000 Jahren).

Die Menschen im historischen Matriarchat gingen von der Einheit und Heiligkeit aller Natur, einschließlich der Menschen, aus. Alles ist in einander eingebettet: die Menschen in die Gesellschaft, diese in die irdische Natur und diese wiederum in den Kosmos. Sie kannten keine transzendente Gottesvorstellung. Die Erde als die "Große Mutter" und "Urgöttin" sichert die Ernährung und Wiedergeburt allen Lebens. Alles besitzt Göttlichkeit, das kleinste Wesen und der größte Stern, jede Frau, jeder Mann und jedes Kind. Durch ihren Wiedergeburtsglauben hatten sie keine Angst vor dem eigenen Tod und dem ihrer Angehörigen. Ihre Begräbnisfeiern waren schöne, heitere Feste mit Essen, Trinken, Tanz und Liebesfesten. Tiefstes Wirkprinzip in diesen Gesellschaften ist Behüten, Beschützen, Bewahren. Bei Jahreszeitenfesten wurden diese Werte und Glaubensvorstellungen praktiziert, mit Ritualen und Darstellung der Stammesmythen.
Da für diese Menschen alles in der Natur heilig war, da sie die Erde als ihrer aller Mutter ansahen, griffen sie nicht mehr als zum Unterhalt der Gemeinschaft nötig, in die Natur ein. An dieser Stelle wird mir von Gesprächspartnern oft entgegnet: das ging damals, weil es noch nicht so viele Menschen auf der Erde gab. Ich sage dann immer: gerade, weil wir heute 6,67 Mrd. sind, wird es allerhöchste Zeit, dass wir wieder zu so einem Naturverhältnis zurückkehren.
Die jungen Leute beiderlei Geschlechts durften ganz zwanglos miteinander verkehren. Zur Verhütung (und wohl auch Abtreibung) kannten sie Pflanzensäfte. Eine Frau brachte meist 3-4 Kinder zur Welt. Verheiratet wurden die jungen Männer und Frauen von den Müttern nach bestimmten Regeln. Vereinfacht: die Söhne einer, Frau aus der einen Sippe heirateten die Töchter einer anderen Frau aus einer anderen Sippe. Das ist für uns schwer vorstellbar, aber: die romantische Liebe war noch nicht erfunden, und das Individuum hat sich erst vor 2 1,2 bis 3 Tausend Jahren herausgebildet. (Die Odyssee, 8. Jh. v.d.Z., soll das älteste literarische Zeugnis sein, in dem das Wort "ich" vorkommt: "Ich bin Odysseus.") Auf jeden Fall hatte jeder Erwachsene Partner, auch die hässliche Frau und der behinderte Mann blieben nicht allein. Vergewaltigung und Sexualkontakt mit Kindern waren unbekannt.

Die Männer gingen nur nachts zu ihren Frauen, am Morgen kehrten sie in ihre mütterliche Sippe zurück, wo sie versorgt wurden und ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellten (Besuchsehe). Keine ökonomische Abhängigkeit zwischen den Ehepartnern! Wenn ein Mann und eine Frau nicht mehr miteinander verkehrten, dann war das für die Kinder ganz ohne Belang, für sie änderte sich nichts. Die Brüder der Mütter übten eine Art soziale Vaterschaft bei ihren Nichten und Neffen aus (Avunkulat).

Wenn eine Frau krank war, ging der Mann zu ihrer Schwester. War ein Mann, vielleicht mit einer Viehherde, einige Zeit unterwegs, dann empfing die Frau seinen Bruder. Kam der Mann von seiner Wanderung zurück und sah vor dem Raum seiner Frau ein Paar Männerschuhe stehen, dann zog er sich diskret zurück. Lernten sich, vielleicht beim Viehhüten, eine Frau und ein Mann aus verschieden Dörfern kennen und fanden Gefallen aneinander, dann hatte niemand etwas gegen eine Episode der beiden einzuwenden. Fast unsere ganze Opernliteratur wäre hinfällig, wenn wir unsere Liebes- und Ehebeziehungen so klug regeln, würden. Am Schluss ihrer ersten Vorlesung an der HUB sagte Heide Göttner-Abendroth: "Und wir glauben, dass wir Völkern, die heute noch so leben, Entwicklungshilfe bringen müssten."

Das war im Sommersemester 1991, seitdem beschäftigt mich das Thema. Margrit Kennedy schreibt in "Geld ohne Zinsen und Inflation", dass Geld, Privateigentum und Patriarchat "uno actu", also gleichzeitig entstanden sind und wohl auch nur so wieder abgeschafft werden können. In ihrer Aufzählung fehlt die monogame Ehe. Wilhelm Reich, Psychoanalytiker und Kommunist, schrieb schon vor 70 Jahren gegen die Monogamie an. Angesichts der Horrormeldungen, die uns ständig erreichen über das Leben in Kleinfamilien bzw. nach der Trennung, denke ich viel über ein neues Ehe- und Familienmodell nach. Im Februar 2004 hatte Göttner-Abendroth ein solches Modell im Internet zur Diskussion gestellt, ich weiß nicht, ob das noch abrufbar ist. Wir brauchen dringend eine öffentliche Diskussion darüber, wie es in diesem Bereich weitergehen könnte. Natürlich will niemand die Einehe verbieten. Es soll ja Menschen geben, die sich gut dabei befinden. Unerträglich finde ich aber den gesellschaftlichen Zwang zu dieser Lebensweise. Er besteht in Form von Gesetzen (Bigamie erfüllt noch immer einen Straftatbestand), von Steuergesetzen (Ehegattensplitting) und der geltenden öffentlichen Moral. Wie brüchig diese bereits ist, ist vielen Menschen noch nicht bewusst. Das wurde deutlich durch folgende Untersuchung. Einer großen Anzahl von Männern und Frauen wurden zwei Fragen gestellt.

1. Haben Sie oder hatten Sie mal eine Mehrfachbeziehung? Zwei Drittel der Befragten antworteten mit "ja". 2. Welche Eheform halten Sie für die ideale? Wiederum zwei Drittel antworteten: "Monogamie".

Robby Petereit (Essentieller Regelungsbedarf inszenierter Gemeinschaften, Diplomarbeit) hat mich zu der Vermutung angeregt, dass sich gemeinschaftlicher Besitz und Monogamie auf Dauer nicht vertragen. Ich betrachte zunächst die Klöster, die Menschen, die in der Gesellschaft gescheitert waren, und Besitzlosen das Überleben sicherten sowie feudaler Ausbeutung zumindest Grenzen setzten. Es waren meist wirtschaftlich blühende Gemeinwesen. Möglicherweise hatte die Einführung des Zölibats nicht nur ideologische Gründe, sondern das Klostervermögen sollte durch Eheschließungen und Familiengründungen nicht gefährdet werden. Auch die Katharer lebten ehelos. In anderen religiös-sozialen Bewegungen war Gruppenehe erlaubt. Die katholische Kirche heute zahlt große Summen als Alimente für Priesterkinder und Abfindungen für missbrauchte Kinder, sie hat außerdem mit Priestermangel zu kämpfen, aber sie hält zäh am Zölibat fest. Die wirtschaftlichen Folgen bei Aufhebung des Zölibats werden möglicherweise noch höher eingeschätzt.

Von 1848-1881 gab es in Nordamerika die Oneida-Kommune, die gut funktioniert hat. Als Hauptgrund für ihr schließliches Scheitern wird angegeben, dass auf den Druck der Öffentlichkeit hin die Gruppenehe verboten wurde. Wenige Jahre danach wurde das gemeinsame Eigentum in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, und die Kommune zerfiel. Daß in der DDR viel Volkseigentum gestohlen wurde für den Bedarf der Kleinfamilien, wissen wir.

Zwei Ausnahmen sind mir bekannt, wo sich gemeinsames Eigentum und Monogamie offenbar vertragen: die Kommune Niederkaufungen (besteht seit 1986) und die Kibbuzim Israel (seit etwa 100 Jahren). Die Gründe, warum es hier trotzdem funktioniert, müsste mal jemand untersuchen.
Ob Privat- oder Gemeinschaftsbesitz, ich plädiere für Gruppenehe. Regula Heinzelmann führt an Hand von Fallbeispielen deren Vorzüge an (Die neuen Paare. Anleitung zur Polygamie). Außerdem habe ich die Vermutung, dass Gruppenehen es in einer Gemeinschaft erleichtern, den Konsens immer wieder herzustellen.

Am weitesten fortgeschritten auf dem Weg, neue Lebensweisen zu erforschen und auszuprobieren, scheint mir das Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung zu sein (www.zegg.de). Hier werden auch ständig Konflikte bearbeitet, noch bestehende Eifersucht abgebaut. Sie nennen das Forum und sagen, dass es ihre Gemeinschaft ohne diese Einrichtung nicht mehr geben würde.


Literatur

Heide Göttner-Abendroth, Das Matriarchat, bisher 3 Bände
dieselbe, Die tanzende Göttin. Prinzipien einer matriarchalen Ästhetik. Die Ausgabe von 1991 enthält ein bemerkenswertes Nachwort.
dieselbe (Hrsgn.), Gesellschaft in Balance. Dokumentation des 1. Weltkongresses für Matriarchatsforschung 2003 in Luxemburg.
Veronika Bennholdt-Thomsen (Hrsgn.), Juchitan - Stadt der Frauen



Antwort vor Renate Schuster

Liebe Frau Petereit,

für Ihre freundliche Reaktion auf meine – allerdings schon etwas in die Jahre gekommene – „Wendesatire“ in Gestalt einer Mythendebatte möchte ich mich nun doch endlich wenigstens bedanken.

Als Veranlasser(in) und Adressat(in) Ihrer durchaus bedenkenswerten Ausführungen zu matriarchalisch, naturnah, herrschaftsfrei, polygamisch organisierten Paradiesen der Vorzeit fühle ich mich allerdings missverstanden und überfordert.

Von Kommunismus redete ich in meinem Text nur im Sinne einer nachkapitalistischen Gesellschaft, zu deren Minimalvoraussetzungen in meinem bisherigen Verständnis stets die zivilisatorischen und emanzipatorischen Leistungen entfalteter arbeitsteiliger Warenproduktion, von Urbanität, rationaler Weltdeutung und fortschreitender Möglichkeiten von Individualitätsentwicklung für jeden und „in aller Welt“ gehörten, gewalt- und herrschaftsfreie Geschlechterbeziehungen selbstverständlich eingeschlossen.

Das mag Ihnen möglicherweise nicht behagen, aus begreiflichen und ja auch von ihnen benannten Gründen, aber nur so vermochte ich bisher Alternativen zum gegenwärtigen Zustand zu denken.

Wer nun – wie die selbsternannten „Sieger der Geschichte“ – glaubte, über den gescheiterten Versuch einer Neuordnung des Zusammenlebens nicht nur triumphieren zu können, sondern, indem die ersten Schritte (nicht nur sprachlich) mit dem Ziel identifiziert wurden, das Ziel selbst (eine kommunistisch verfasste Gesellschaft) endgültig denunzieren zu dürfen, dem hätte ich gern gesagt: entweder habt ihr ein begriffliches Problem oder aus guten (oder schlechten) Gründen für (überwundene) Realität genommen, was noch Zukunftsmusik, gewissermaßen eine Vision war. Warum? Vielleicht, weil euch eine solche Vision per se ein Horror, ein Gespenst ist, vor dem man nur warnen kann, das man unbedingt aus dem Gedächtnis vertreiben sollte etc. etc. So ungefähr war meine Intention.

Rückgriffe jedoch auf jene von Ihnen geschilderten urkommunistischen Zustände ( mit denen ich mich ohnehin nicht so auskenne wie Sie und die mir, so wie Sie sie schildern, auch gar nicht so attraktiv und wünschenswert erscheinen) lagen also gar nicht in meinem Blickfeld und werden mir wohl auch künftig nur am Rande unterlaufen, etwa, wenn ich dereinst wieder Zeit finde, d. h. nach meinem absehbaren Eintritt ins Rentnerdasein, mich dem Weiterleben des antiken(!) Mythos in der bildenden Kunst genießend, neugierig spielend zu nähern und dabei notgedrungen hier und da den Entstehungsbedingungen mythischer Erzählungen nachzulauschen.

In meinem Text aber war von Mythen (Mythenstürzen) nur im metaphorischen Sinne die Rede.

Kurzum, liebe Frau Petereit, Sie haben eine missverstandene kontextgebundene Verwendung eines Begriffs (Kommunismus) zu Anlass genommen, Ihre Überlegungen zu einem ganz anderen Gegenstand an mich zu adressieren. Das ist völlig legitim und anregend, aber für mich insofern irritierend und für Sie sicher enttäuschend, als ich nicht beabsichtige, nun wiederum meine Vorlieben zu korrigieren, und die liegen eben – wie angedeutet - auf einem völlig anderen, nicht weniger „weiten Feld“.

Seien Sie freundlich gegrüßt
von Renate Schuster