KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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TextKulturation 2/2005
Dietrich Mühlberg
Deutschland nach 1989: politisch geeint - kulturell getrennt?
Vortrag anlässlich der 11. Helmstedter Universitätstage am 23. September 2005 (vollständige, ungekürzte Fassung)
Vortrag anlässlich der 11. Helmstedter Universitätstage am 23. September 2005
(hier in der vollständigen, ungekürzten Fassung)


Text Dietrich Mühlberg als pdf


Was ist mit „innerer Einheit“ der Deutschen gemeint?

An Veranstaltungen zu glücklichen Jahrestagen sind die Versammelten festlich gestimmt und erwarten, dass auch die Vortragenden sich angemessen verhalten, dass ihre Botschaft positiv und heiter sei und die Art des Vortrags sie zu leichter Nachdenklichkeit anrege. Wie kann man bei solch einer Erwartung auf die vom Veranstalter gestellte heikle Frage antworten, ob die Deutschen, die seit fünfzehn Jahren in einem Staat friedlich politisch vereint sind, dennoch und auf andere Weise vielleicht noch uneins sind? Am besten zitiert man zunächst Gewährspersonen. „Stimmt es, dass der raschen und problemlosen Angleichung der politischen Institutionen eine ‚innere Einheit’ noch nicht gefolgt ist?“ fragten etwa Martin und Sylvia Greiffenhagen und diskutierten die Frage, ob hier nicht gar „zwei politische Kulturen“ neben- oder gegeneinander stehen [1].

Zu den Jahrestagen wird weniger grundsätzlich darüber gesprochen. Gewöhnlich kommen die Redner zu dem Befund, die „innere Einheit“ sei noch nicht ganz erreicht oder vollzogen und man müsse noch einiges gegen die sog. „Mauer in den Köpfen“ tun. Festtage legen nahe, das Positive zu betonen, also das kulturell Verbindende hervorzuheben und Trennendes als einen bedauerlichen Restbestand darzustellen.

Allerdings kann kaum übersehen werden, dass sich in letzter Zeit die Stimmen mehren, die da meinen, das „Projekt Einheit“ sei überhaupt gescheitert. 2003 wurde durch Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchener ifo-Instituts ein (noch immer verbreitetes) offizielles Tabu gebrochen, als er feststellte, „dass man die wirtschaftliche Vereinigung der beiden deutschen Landesteile als gescheitert ansehen kann“. Sie war „in wirtschaftlicher Hinsicht ein Fehlschlag“, das „ostdeutsche BIP je Person im erwerbsfähigen Alter lag 1996 bei 61% des westdeutschen Niveaus; nun sind es 59%.“ [2] Dem folgten im April 2004 das dramatisch-kritische Papier der Beratergruppe um Klaus v. Dohnanyi und andere Memoranden. Die großen Parteien hielten sich nicht nur im Wahlkampf mit diesem Thema zurück, doch die Debatte hält an. Am 3. Oktober wird Altkanzler Helmut Schmidt mit Hans-Werner Sinn darüber diskutieren, „wie die Einheit doch gelingen könnte“. Heute anscheinend eine offene Situation.

Im publizistischen Bereich wurde frühere Zurückhaltung gleichfalls aufgegeben und das „Ende der Illusion“ proklamiert - damit machte der SPIEGEL in einem thematischen Heft über das „Jammertal Ost“ den Anfang: „Der Aufbau Ost ist abgeschlossen, wo jetzt nichts blüht, da wird auch nichts mehr wachsen - diese Erkenntnis macht sich in der Bundesregierung breit. Von den 1250 Milliarden Euro Westhilfe ist zu viel in den Konsum geflossen oder verschleudert worden, zu wenig wurde sinnvoll investiert.“ Die subjektiven Folgen auf beiden Seiten wurden aufgelistet: „Nach 15 Jahren ist ein großer Teil der Ostdeutschen noch nicht in der Bundesrepublik angekommen. Viele hängen der Bequemlichkeit der DDR nach und haben sich an das Prinzip der Eigeninitiative nicht gewöhnt. Die extremen Parteien von links und rechts haben Zulauf wie nie.“ Auf westlicher Seite wächst die Empörung darüber: „Den Landsleuten im Westen ist die Euphorie der Stunde Null schon lange abhanden gekommen: Die ‚Wessis’ haben das Jammern der Ostdeutschen satt. 1250 Milliarden Euro Bruttotransferleistungen sind seit 1991 in die neuen Bundesländer geflossen - von Wachstum und blühenden Landschaften kann allerdings kaum die Rede sein.“ [3]

Seit dem vorigen Herbst wurden die Stimmen lauter, die irgendwie sagen wollen „Wir sind kein Volk“. So nannte jedenfalls im vorigen Jahr Wolfgang Herles sein provozierendes Buch [4]. Er meint, dass die hart erkämpfte deutsche Einheit 1990 das Land der Deutschen nur noch tiefer gespalten habe, in Ost und West, in Arm und Reich, in Profiteure und Zahler. Die blühenden Landschaften in Ostdeutschland wären ferner denn je, die gesamtdeutsche Wirtschaft werde durch die falsch konzipierte Vereinigung gelähmt: Statt der versprochenen Zuwachsraten gäbe es Stillstand, ja sogar Rückschritt. Und schon jetzt sei absehbar, dass die ‚Wiedervereinigung’ Deutschland länger belasten werde, als die DDR existiert hat. Ostdeutschland lebe in wohlgepolsterter Hoffnungslosigkeit, hier blühten außer Nostalgie, Langeweile und Trostlosigkeit nur Protestparteien.

Ähnlich grundsätzlich ist auch Uwe Müllers Buch „Supergau Deutsche Einheit“ (2005) [5]. Wenn der Westen jetzt nicht gegensteuert, wird er "dem Osten in den Abgrund folgen". Schaut man sich die Reaktionen auf solche Publikationen an, dann wird an den Generalbefunden nicht wirklich gezweifelt, strittig ist eher, ob denn auch alle Ursachen für die dramatische Lage im Osten gesehen werden und ob man etwaige Lösungsangebote für praktikabel hält. Denn wenn etwa Müller meint, „wenn sich nichts ändert, ist Deutschland am Ende“ und dann die Lösung darin sieht, "dass sich der Osten aus der Umklammerung des Westens löst und für seine besonderen Probleme eigene Lösungen findet", dann fehlen dafür augenblicklich so gut wie alle Voraussetzungen.

In den letzten beiden Jahren ist also eine „Debatte darüber entbrannt, ob nicht die deutsche Vereinigung die Hauptschuld an den gegenwärtigen Problemen des Landes trage. Unmittelbar damit verknüpft sind gegenseitige Schuldzuweisungen. Die einen sehen die Ursachen in der Mentalität der nostalgischen, obrigkeitsfixierten Ostler, die zu eigenem Handeln nicht fähig seien, die anderen verweisen auf eine kolonialistische Übernahme durch den Westen, was zur Zerstörung der Lebensgrundlage des Ostens geführt habe.“[6]

Bevor man angesichts solch negativ-zuspitzender Befunde betrübt oder gar verzweifelt ist, sollte man sich doch fragen, ob so etwas wie die „innere Einheit“ überhaupt ein erstrebenswertes Ziel wäre. Schon weil dies mit der Frage beginnt, wie denn das einheitliche Ganze aussehen solle, von dem aus Erfolg oder Misserfolg gemessen werden könnte. Und dann geraten dabei auch verschiedene Aspekte von Vereinheitlichung und Differenzierung in den Blick. Und dazu möchte ich etwas sagen.

Einmal blickt man damit auf das Spannungsverhältnis, das da zwischen dem 1990 in Ostdeutschland eingeführten kompletten System westdeutscher Institutionen einerseits und der darauf nicht vorbereiteten ostdeutschen Mentalität andererseits besteht. Das übergestülpte Neue war höchst problematisch, denn davon hatten sie im Osten ja keine Ahnung. Doch nach diversen Fehlversuchen und Irritationen können die Ostdeutschen heute mit den Institutionen der westlichen Demokratie wie mit denen der Marktwirtschaft ganz gut umgehen - freilich auf ihre Weise. Und da Westdeutsche ihren Umgang mit ihren eigenen, bei ihnen historisch gewachsenen Institutionen selbstverständlich für normal halten, sind sie mitunter irritiert - zumal sie Zehntausende von Fachleuten in den Osten entsandt hatten, die den Menschen dort doch mehrfach alles genau erklärt haben. Vielleicht halten gerade sie die „innere Einheit“ erst dann für erreicht, wenn die Ostdeutschen genau so handeln und bewerten, wie sie es tun. Es gibt aber gute Gründe für die Annahme, dass Unterschiede in der Bewertung und Benutzung des gemeinsamen Gefüges gesellschaftlicher Institutionen der Bundesrepublik bleiben werden. Die Spielregeln lassen das zu und auch die Tatsache, dass die Ostdeutschen wie die Westdeutschen die parlamentarische Demokratie als Staatsform mit absoluter Mehrheit befürworten. Ein Novum in der deutschen Geschichte. Immerhin sind 41 Prozent der Westdeutschen und 27 Prozent der Ostdeutschen sogar „mit dem politischen System, so wie es funktioniert“ zufrieden. Offenbar sehen vor allem Ostdeutsche die Praxis der demokratischen Institutionen, der Parteien und der politischen Eliten immer kritischer. 2003 waren nur 6 Prozent von ihnen mit ihrem eigenen politischen Einfluss „zufrieden“ (und „sehr zufrieden“), und nur 9 Prozent der Ostdeutschen mit der demokratischen Entwicklung. „Volles“ oder „viel Vertrauen“ in den Bundestag setzten 5 Prozent (die Bundesregierung kam auf 6, die Kommunalverwaltung auf 18 und die Polizei auf 39 Prozent). [7]. Dies lässt vermuten, dass wir es in Deutschland tatsächlich mit zwei verschiedenen politischen Kulturen zu tun haben.

Etwas anders sieht es aus, wenn unter der Überschrift „innere Einheit“ die Unterschiede in den Lebensbedingungen thematisiert werden, also die Kluft in Arbeitszeit und Löhnen, von Einkommen und Besitzständen in den Blick gerät. Wie wir wissen, begann da die anfänglich schnelle Annäherung des Ostens an den Westen schon vor zehn Jahren zu stagnieren und inzwischen werden die Abstände in allen Daten dieser Art von Jahr zu Jahr wieder größer. Wer in die Analysen der Wirtschaftsspezialisten geschaut hat, der weiß, dass es keine begründete Hoffnung darauf gibt, dass dieser Trend in absehbarer Zeit gewendet werden könnte, sondern die Wirtschaftsleistung des Ostens im nächsten Jahrzehnt weiter absinken wird. Die Schere in den Lebensverhältnissen öffnet sich also weiter, eine als Angleichung verstandene innere Einheit kommt vorläufig nicht zustande. Das ist nicht mein Thema, sei aber als Hintergrund für die Betrachtung der kulturellen Situation wenigstens erwähnt.

Der dritte Aspekt der Diskurse über die „innere Einheit“ der Deutschen betrifft ihre Fähigkeit, nicht nur miteinander auszukommen - also die Eigenheiten des anderen zu ertragen und zu respektieren - sondern darüber hinaus auch das Vermögen, ein Wir-Gefühl zu entwickeln. Das ist ein Kulturproblem im weiteren Sinne und „die Kultur“ wird sogar als das Medium angesehen, das eine solche Einheit zu vermitteln und zu garantieren geeignet ist. Sie erinnern sich sicher noch gut daran, dass in der Zeit staatlicher Trennung die gemeinsame Kultur als das einigende Band der Deutschen angesehen worden ist. Und das konnte so falsch nicht gewesen sein, denn was sollte sonst die Begründung dafür abgeben, dass der Restbestand von Bismarcks kleindeutscher Lösung sich 1990 durch die Aufnahme ehemals preußisch-protestantischer Provinzen als neue Bundesrepublik konstituierte? „Nun wächst zusammen, was zusammen gehört“ hieß es, doch schon bald konnte man auf der einen Seiten reden hören: „was nicht zusammen gehört, wächst auch nicht zusammen“ und auf der anderen hieß es: „was nicht zusammenwächst, gehört auch nicht zusammen“.

Für Kulturwissenschaftler sind diese innerdeutschen „Kommunikationsstörungen“ ein überaus interessantes Phänomen, und so habe ich ohne Zögern zugesagt, als ich gefragt wurde, ob ich hier bei den Universitätstagen wieder mitwirken wolle. Ich fühlte mich geschmeichelt und war etwas leichtsinnig. Denn erst viel später habe ich durch das Programm erfahren, dass hier diskutiert werden soll, ob 1989 eine Epochenzäsur markiere und es sich bei den makropolitischen Vorgängen der letzten fünfzehn Jahre um eine Zeitenwende handele. Als Kulturhistoriker kann ich kaum zu diesem Thema beitragen, und das Epochenproblem ist von anderer Dimension als die kulturellen Nuancierungen bei den Deutschen. Ich denke aber – und das will ich auch zu zeigen versuchen - dass hinter kulturellen Differenzen ein unreflektiertes Empfinden für eine Art Zeitenwende durchaus vermutet werden kann.


Sind die Deutschen ein innerlich gespaltenes „Wir“?

Ist nun unsere Gesellschaft ein innerlich gespaltenes „Wir“, dessen Teile nicht so recht zusammengehören? Nun ist „Zusammengehörigkeit“ vermutlich keine „belastbare“ Kategorie. Gemeint sind damit wohl Bindungskräfte jenseits von Interessengegensätzen und von politischem Machtkalkül, bewusste wie unbewusste, die durchaus mit dem Wort „Kultur“ beschreibbar sind. Denn tatsächlich ist mit dem Geltungsbereich einer Kultur immer auch ein Sozialkörper verbunden, der sich über diese Kultur als ein „Wir“ versteht. Einigende Kraft hat „Kultur“ aber nur nach innen, denn sie ist ja zugleich das Medium, über das wir uns abgrenzen, mit dem wir „das Andere“, das „Fremde denken“ und fühlen.

Als Helmstedt vor fünf Jahren mit den Universitätstagen auf ein Jahrzehnt deutsche Einheit bilanzierend zurückblickte, hatte ich an dieser Stelle die Gelegenheit, schon etwas darüber zu sagen. Ich versuchte zu erläutern, warum und auf welche Weise „die Ostdeutschen“ dabei wären, so etwas wie eine eigene kulturelle Identität auszubilden. Denn ihrem Wollen, richtige Deutsche zu sein stünden - trotz aller drängenden Notwendigkeit zur Assimilation - einige „objektive“ Hindernisse entgegen, die bei ihnen zu einer „doppelten deutschen Identität“ führten und führen. Sie sind zunächst selbstverständlich „richtige“ Deutsche. Aber trotz aller kulturellen Gemeinsamkeiten mit den anderen richtigen Deutschen sind sie zugleich die Minderheit der Ostdeutschen mit allerlei Eigenheiten. Eine solche Identitätsspaltung kennen die Angehörigen der westdeutschen Mehrheit nicht. Westdeutsche sind einfach Deutsche und haben selten einen Anlass sich zu fragen, was denn das bedeute. Diesen Anlass bieten nun - neben den eingebürgerten Migranten aus fernen Ländern - vor allem die Ostdeutschen. Und auch darum müssen die Eigenarten der Ostdeutschen für sie häufig unverständlich und wenig tolerabel sein - denn denen fehlt einfach einiges von dem, was richtige Deutsche ausmacht. Akzeptiert werden solche Abweichungen von den „Mehrheitsdeutschen“ - wie wir mit einem leichten Bedauern feststellen müssen - nach inzwischen fünfzehn Jahren Einheit immer weniger.

1989 lag man sich jubelnd in den Armen und weinte tatsächlich Freudentränen über das unverhoffte Glück der deutschen Einheit. Die damalige Hochstimmung vieler Ostdeutscher ist ja recht plausibel, aber was machte die Mehrheit der Westdeutschen so froh, als wäre mit der Eingemeindung der DDR ein sehnlicher Wunsch in Erfüllung gegangen? Mir ist das bis heute ein Rätsel. Hätte man gesagt: „Nun gut, der Russe will sie nicht mehr haben, nun wollen wir sie nicht vor der Tür stehen lassen …“ - aber innere Befriedigung und öffentlicher Jubel? Vielleicht war ja einiges davon auch politische Inszenierung und Medienrummel.

Ob angeheizt oder nicht - das überschwängliche Verhältnis kühlte sich phasenweise ab. Schließlich begannen sogar wechselseitige Schuldzuweisungen. Die berühmten Meinungsforscher fragten bald nach, ob es nicht besser wäre, wenn die Mauer noch stünde. Immerhin zwölf Prozent der Ostdeutschen meinen das heute, im Westen sind es 24 Prozent, meldet der Stern nach einer Forsa-Umfrage [8] (nach anderer Befragung sollen sogar vierzig Prozent so denken). Andere ermittelten, dass anfangs die Ostdeutschen vor allem Deutsche sein wollten (jedenfalls sahen sich fast 80 Prozent zuerst als Bundesbürger) und inzwischen bei 73 Prozent von ihnen die Bindung an Ostdeutschland an erster Stelle steht. Offenbar hat sich auf beiden Seiten das Bekenntnis zu einem großen „Wir“ abgeschwächt. 2003 fühlten sich 20 Prozent der Ostdeutschen als „richtige Bundesbürger“ (bei den jungen Leuten unter 25 waren es 43 %, bei den Beamten 38 %), die DDR wünschten sich 11 % von ihnen zurück (von den jungen Leuten 19 %, von den Arbeitslosen 22 %). [9].


Bleibt der Osten eine Kleine-Leute-Gesellschaft?

Für den Osten ist keine wirtschaftliche Trendwende in Sicht, breite Kreise erleben Arbeitslosigkeit und Sozialabbau als existenzielle Dauerkrise und es zeichnet sich ab, dass sie auf Jahrzehnte in einer alimentierten Sonderregion leben werden. Bei dieser Lage sind selbst einige Kulturwissenschaftler der Meinung, dass es falsch wäre, nach kulturellen Unterschieden zwischen West- und Ostdeutschen zu suchen, wenn es doch vor allem um soziale Unterschiede und Interessendifferenzen gehe. Sie betonen andere Verschiedenheiten, voran die andere Struktur der ostdeutschen Teilgesellschaft: sie ist eben keine Zweidrittel- oder Mittelstandsgesellschaft. Als Folge der egalitären Gesellschaftsorganisation der DDR und durch den nach 1990 einsetzenden sozialen Abstieg breiter Schichten ist sie heute - trotz der Zuwanderung von etlichen zehntausend Beamten und Akademikern, von Rechtsanwälten, Medienleuten, Firmengründern und neuen Agrariern - eher eine Unterschichtengesellschaft.

Sie kennen wahrscheinlich die Daten: Während sich in Westdeutschland 72 Prozent der Beschäftigten der Mittelschicht (oder höher) zugehörig sehen und stolz auf ihre Mittelschichtgesellschaft sind, in der Wohlstand und Integration für zwei Drittel der Bevölkerung erreicht wurden, ordnen sich im Osten fast zwei Drittel der Unter- und Arbeiterschicht zu [10]. Der Kulturwissenschaftler Michael Hofmann schrieb dazu: „Die Ostdeutschen kennen die historisch gewachsene selbstverständliche Zuordnung zu einer Mittelschichtgesellschaft nicht. … sie fühlen sich [ihr] mehrheitlich nicht zugehörig. Und es ist auch nicht zu erwarten, dass sich die Mehrheit der Ostdeutschen bei der derzeitigen wirtschaftlichen Lage einem Mittelschichtselbstbewusstsein annähern wird. … Bleibt im Westen das Selbstbild einer Mittelschichtgesellschaft dominant, werden die unterschichteten Ostdeutschen insgesamt auch weiterhin als nicht standesgemäß empfunden werden. Und bildet sich in Ostdeutschland, dafür gibt es einige Anzeichen, ein dem arbeiterlichen Selbstbewusstsein folgendes dominierendes Selbstbild der ehrlichen, fleißigen Kleine-Leute-Gesellschaft heraus“ - dann werden „die Abgrenzungen zwischen Ost und West wohl noch einige Jahrzehnte die alten kulturellen deutschen Nord-Süd-Mentalitätsdifferenzen überlagern.“ [11] Für eine solche Prognose spricht auch, dass sich die allgemeinen Ost-West-Unterschiede in den Lebensverhältnissen (Arbeitslosigkeit, Arbeitszeit, Lohn, Rente usw.) eher dauerhaft verfestigen werden. Ungern werden bislang die politischen und kulturellen Folgen diskutiert, die diese „beitrittsbedingte“ Vergrößerung der Unterschichten der bundesdeutschen Gesellschaft hat und was das erwartete weitere Anwachsen der Unterklasse bringen könnte. Ist zu befürchten, dass das soziale Mitleid der „Mitte“ in Furcht vor Destruktion und Gewalt von unten umschlägt? Obwohl die staatspolitischen „Reformer“ schon etwas vorsichtiger geworden sind, zeigt sich die neoliberale Selbstsicherheit noch unbeeindruckt von solchen Szenarien.


Geschichtliche und andere Hintergründe ostdeutscher Eigenheiten

Ich möchte auf einige andere Hintergründe aktueller kultureller Differenzen hinweisen, zunächst aber etwas zur Blickrichtung sagen. Wer nach Trennendem oder Unterschieden fragt, der gilt da, wo über die Einheit geredet wird, schnell als Schwarzmaler oder als politisch unkorrekt. Dabei ist unbestritten, dass die deutsche Gesellschaft in sich heterogen ist. Gleich anderen modernen Gesellschaften ist sie nicht monokulturell verfasst. Eine große Zahl ihrer „kulturellen Selbstverständlichkeiten“ hat ihren Ursprung außerhalb der Landesgrenzen, und im Innern haben wir eine Art transnationaler Mischkultur. Jeder von uns lebt in kulturellen Mehrfachbindungen, gehört verschiedenen Kulturen an. Diese Vielfalt, Differenzierung und Pluralität wird von allen klugen Leuten als vorteilhafte Eigenart unserer Zeit hervorgehoben. Auch diejenigen, die den Begriff „Leitkultur“ favorisieren gehen - genau wie ihre Kritiker - von einer realen kulturellen Vielfalt aus, möchten die aber durch eine verbindliche „Deutschkultur“ dominiert sehen - eine allerdings recht waghalsige Absicht.

Was die Ursachen und Hintergründe solcher Kulturunterschiede nun speziell zwischen Ost- und Westdeutschen angeht, gibt es eine ganze Reihe theoretischer Ansätze. Viele Wissenschaftler machen dafür die jüngste Zeit, also die aktuelle Situation nach 1990 verantwortlich, weil die radikale Transformation die Ostdeutschen psychisch überfordert habe, die nun enttäuscht mit Apathie oder Protest auf die Einheit reagierten. Andere verweisen auf die frühere sozialistische Sozialisation. Hier hätten Familie, Schule und Hochschule, die Arbeitswelt und das Organisationssystem einen spezifischen DDR-Charakter hervorgebracht, der nicht in die westlich strukturierte Umwelt passe. Nun ist gar nicht daran zu zweifeln, dass mentale Unterschiede zwischen Ost und West auf die Sozialisation unter den beiden sehr verschiedenen Systembedingungen zurückgehen. Kulturelle Eigenarten sind aber über Generationen langlebig, sodass noch weit ältere regionale Prägungen vermutet werden müssen. In einer so geschichtsbewußten Stadt wie Helmstedt können solche „Fernwirkungen“ nicht überraschen.

Gehen wir in die Geschichte, so zeigt schon der erste Blick: „Deutschland war immer ein Flickenteppich der Kulturen. Von den katholischen Bauernkulturen des Südens bis zum hanseatischen Liberalismus, von der rheinischen Merkantilität bis in die vom Junkertum geprägten Ebenen des Ostens“[12] Die föderale Struktur unseres Staates ist auch politischer Ausdruck der aktuellen kulturellen Unterschiede - anders als im zentralistischen Frankreich, wo das Wort „Provinz“ eine kulturell negative Bedeutung hat. Aber wie ist es da mit dem Osten und seinem Platz in der deutschen Kultur?

In der Literatur finden sich viele Verweise auf historische Wurzeln heutiger ostdeutscher Besonderheiten. Voran selbstverständlich der Hinweis, dass es sich bei den neuen Bundesländern um die Restbestände des ostelbischen Kolonisationsgebietes handelt - einst eine Region weitgehend selbstverwalteter Dörfer, später unter die Junker und in eine zweite Leibeigenschaft geraten. Und dann natürlich ein protestantisches Gebiet mit dem besonders trockenen preußischen Pietismus und seiner rigorosen Pflichtethik, der seine Zentren in Halle und Berlin hatte. Auf ihn geht unser System der Volksschulen zurück, das sich als streng vormundschaftliche Fürsorge und nicht als Philanthropinum verstand. Der Alltag war durch pietistische Bescheidenheit und preußische Genügsamkeit geprägt. Berlin war Residenz mit Kommandoton, weil immer zugleich ein großes Militärlager. Vielleicht also kein Wunder, dass die DDR das militärische Preußen mit seiner Betonung der Sekundärtugenden fortsetzte, die der Rheinländer - obwohl auch er ein Preuße - so gar nicht mag. Die allgemeine Neigung zu Arbeitsfleiß und Disziplin könnte man auch vermuten, weil Sachsen und Berlin die Kerngebiete der deutschen Arbeiterbewegung mit ihrem Zentralismus und ihrer ausgeprägten Organisationskultur waren. Sie erst ermöglichte den Druck von unten und bewirkte, dass unter Regie des Preußenkaisers in Berlin der moderne Sozialstaat seinen Anfang nahm, der alle Formen paternalistischer Vorsorge bei „Vater Staat“ institutionalisierte. Erwähnenswert ist dies aus zwei Gründen. Einmal weil nach 1945 beide deutsche Teilstaaten in dieser Tradition standen und umfassende Konzepte der Daseinsfürsorge verwirklichten. Und dann auch, weil etliche Außenbeobachter den umverteilenden Sozialstaat für den Kern deutscher Identität halten.

Preußen blieb aber irgendwie Preußen, und dieses „Östliche“ war dem übrigen Deutschland, war dem deutschen Westen schon früher suspekt. „Gute Abendländer und Römer“, schrieb (der „Nationalbolschewist“) Ernst Niekisch 1949, ließen es sich nie ausreden, dass der deutsche Protestantismus und der preußische Staat Ausstrahlungen des geistigen Klimas Russland-Asiens gewesen seien. Als protestantischer Preuße galt man unter guten Europäern allerorts schon als halber Sarmate“. [13]

Nach 1945 geriet Ostdeutschland anscheinend völlig in das „geistige Klima Russland-Asiens“. Und wenn Konrad Adenauer mahnend die Stimme erhob: „Der Russe stehe vor der Tür“, zitterte die ganze Bundesrepublik und glaubte schon die Panzer rollen zu hören. Während hier die Westwendung den „deutschen Sonderweg“ beendete, gab es in Ostdeutschland keine Amerikanisierung, sondern, wie einige Experten meinen, eine Sowjetisierung.

Das war ein Erklärungsansatz, mit dem in den letzten Jahren versucht worden ist, deutsch-deutsche Unterschiede aufzuhellen: die eine Seite wurde amerikanisiert, die andere sowjetisiert. Ein eher westdeutscher Erklärungsversuch, galt doch im Westen die Amerikanisierung als der entscheidende Wandel in der politischen Kultur, als jene Westwendung, mit der verhängnisvolle deutsche Traditionen überwunden worden waren. Ostdeutschen dagegen sei das verwehrt geblieben, sie wurden nach 1945 wahrscheinlich „sowjetisiert“. Nun ist ja der prägende Einfluss der Sowjetunion auf die ostdeutsche Gesellschaft nicht zu übersehen. Nur bliebe zu bedenken, dass heutige wie frühere russische Kritiker des sowjetischen Kommunismus ihn für eine deutsche Erfindung halten, die ihnen 1917 mit aktiver Unterstützung der deutschen militärischen Führung von sog. „Westlern“ (wie Lenin einer war) übergeholfen worden ist. Man mag verstehen, dass Russen so denken, doch wird es Deutschland nicht ganz gerecht. Zwar galt die deutsche Sozialdemokratie zu Beginn des vorigen Jahrhunderts in Nord-, Ost- und Südeuropa als eine Art Lehrmeister, doch die sozialistischen Ideen der Neuzeit haben ihren Ursprung bekanntlich in England und Frankreich. Entscheidende Impulse erhielt die deutsche Arbeiterbewegung bekanntlich aus Paris, Lyon, Brüssel, Genf und London.

Der Zeithorizont dieser Veranstaltung erlaubt es nicht, auch noch auf die sozialisationswirksamen Eigenheiten des ostdeutschen Systems näher einzugehen. Einige stichwortartige Andeutungen müssen genügen. Generell war die DDR wohl eine Industriegesellschaft mit verhinderter Modernisierung (hin zur „Dienstleistungsgesellschaft“), sie war absichtlich egalitär strukturiert, war eine „Fürsorgediktatur“ mit sozialer Sicherheit als oberstem Wert. Es war ein „Staatssozialismus“: so gut wie alles war durch den Staat garantiert und geregelt, auch die Interessenkonflikte, die meist nicht offen, nicht auf demokratische Weise ausgehandelt wurden. Es war eine Arbeitsgesellschaft, in der die eigene Arbeit für alle die Existenzgrundlage bildete, weil so gut wie alle ohne Privateigentum waren (Produktivvermögen und Immobilien). In einigen Bereichen war Geschlechtersymmetrie erreicht, in allen angestrebt - mit großer Selbständigkeit der Frauen durch Bildung, Berufstätigkeit und soziale Absicherung. Es war eine Gesellschaft ohne Marktdominanz, fast alles war geplant, Geld hatte keine Kapitalfunktion, es war nur ein Mittel, Konsumgüter zu erlangen (darum zweitrangig). Und es war von unten bis oben eine Gesellschaft der kleinen Leute, ohne wirklich beispielsetzende Eliten; die Lebensweise war durch Arbeitertraditionen geprägt. Diese Gesellschaft wurde von der politischen Klasse als Gemeinschaft verstanden (übergreifende Kollektivität), die ein gemeinsames Ziel anstrebt (Zielkultur). Zweifellos haben diese Umstände alle Menschen im Osten geprägt, gleichgültig wie sie sie erlebt haben und wie sie dazu gestanden haben.


Über ostdeutsche Eigenheiten und ihr mögliches kulturelles Fortleben

Was nun die aktuellen und damit empirisch zugänglichen Unterschiede zwischen beiden Teilgesellschaften angeht, sind die Hinweise auf sichtbare Phänomene wie auf Hintergrunddaten überquellend und es gibt keinen Lebens- und Verhaltensbereich, für den nicht größere oder kleinere Differenzen ausgewiesen wurden und werden. Hier liegen Alltagsbeobachtung und statistische „Empirie“ dicht beieinander. Alle großen Medien kommentieren sie gern, von Kindstötung bis Badeunfall werden die Ost-West-Vergleichsstatistiken herangezogen: Wohnungsgröße, Ausgaben für Kosmetika, Anzahl der Sachbeschädigungen wie der Vergewaltigungen, Kilogramm Müll pro Kopf, tägliche Fernsehminuten, Neugeborene usw. usw. so gut wie alles ist untersucht und statistisch ausgewiesen, manches inzwischen über Jahre konstant. Solche Alltagsdaten sind nicht nur für die Boulevardmedien interessante Aufhänger, auch die Kulturforschung kann mit ihnen etwas anfangen und prüfen, ob solche quantitativen Differenzen auch Unterschiede in den kulturellen Verhaltensmustern signalisieren und wie die aussehen könnten. Doch das strittig - auch bei gewichtigeren Daten, wie den unterschiedlichen Arbeitszeiten, Nettolöhnen, Renten, etc.

Etwas aussagekräftiger sind Befunde derer, die nach unterschiedlichen Wertorientierungen forschen oder sich intensiver mit einzelnen Lebensbereichen der beiden deutschen Populationen befassen. So kann als sicher gelten (weil ähnliche Untersuchungen zu ähnlichen Resultaten gelangten), was Thomas Gensicke [14] ermittelte, als er danach forschte, worauf Deutsche in Ost und West stolz sind. Sind Westdeutsche stolz auf ihre persönliche Freiheit, auf das politische System und den Sozialstaat, so heben Ostdeutsche als ihre Werte Fleiß und Arbeitsfreude, Montagsdemos und die deutsche Einheit hervor. Dies deutet auf recht verschiedene Werthorizonte hin. Doch dieser Unterschied wird relativiert, wenn man sich anschaut, worauf wir Deutschen denn alle gemeinsam stolz sind: auf Wiederaufbau, Wirtschaft, Wissenschaft, Technik, Industrie, auf deutsche Autos, auf Goethe, Schiller, Beethoven und Bach, auf die Städte und Dome, auf deutsche Landschaften und deutsche Sportler. Allerdings wurde auch an dieser umfassenden Gemeinsamkeit „deutschen Stolzes“ eine gravierende Differenz ausgemacht. Während „die“ Westdeutschen mehr die wirtschaftlichen Werte achten, liegen den Ostdeutschen die kulturellen Werte mehr am Herzen. Auf diesen Unterschied machen auch Studien der Markt- wie der Medienforschung aufmerksam. Im Grunde weisen alle Forschungen zu den Wertorientierungen der Deutschen neben starken Gemeinsamkeiten beachtliche kulturelle West-Ost-Differenzen aus. So auch der Sozialreport 2004, der zum Osten feststellt, „Der gesellschaftliche Wertehaushalt in Ostdeutschland ist ein ‚sozial-demokratischer’ im klassischen Sinne und nicht parteipolitisch geprägt. Arbeit, Wirtschaftswachstum, Technikoptimismus, Gerechtigkeit, Gleichheit, staatliche Wohlfahrtspolitik, friedliche Konfliktregulierungen genießen eine hohe Wertschätzung. Ganz anders hingegen Liberalisierung, Individualisierung, Marktradikalismus und einseitiges Gewinnstreben.“ [15]

Untersuchungen, die sich näher mit den Lebenswelten im Osten beschäftigten, haben in ihren Forschungsberichten und Kommentaren als unübersehbare ostdeutsche Eigenheiten einige vielleicht gewichtigere mentale Dispositionen hervorgehoben, als es der Stolz auf deutsche Autos und Landschaften ist: eine andere politische Kultur und Politikerwartung, ein intensiveres Verhältnis zur Arbeit und zum Arbeitsmilieu, eine stärkere Familienbindung, die schwächere Betonung der Geschlechterdifferenz, egalitäre Vorstellungen von Gerechtigkeit und eine stärker sozial definierte Auffassung von Freiheit. Unübersehbar auch die große Distanz zu Kirche und Religion. Von der Forschung eher unerwartet, sind gerade einige dieser mentalen Eigenheiten bei jungen Leuten inzwischen stärker ausgeprägt als bei den Älteren.

Welche Folgen könnte es haben, wenn sich solche Differenzen dauerhaft als spezifische kulturelle Tönung einer Teilpopulation befestigen? Schon eine solche Frage scheint sich zu verbieten, denn niemand vermag zu sagen, was solche Dispositionen für den Lebenslauf und die Karriere des einzelnen in der bundesdeutschen Realität bedeuten. Es ist auch nicht abzusehen, welchen Einfluss das Fortbestehen gerade dieser mentalen Grundströmungen auf die Zukunft der deutschen Gesellschaft hat. Deshalb wäre es wohl unsinnig, darin eine Gefährdung der „inneren Einheit“ zu sehen. Übrigens schon, weil die Ostdeutschen nur eine mehrheitsabhängige Minderheit sind.

Neben diesen mehr oder weniger starken inhaltlichen Differenzen wäre aber ein ganz grundsätzlicher Unterschied zu bedenken. Ost- und Westdeutsche haben seit 1945 verschiedene Lebenserfahrungen gemacht und daran hat dann auch die politische Einheit nach 1990 nichts geändert, denn auch sie brachte Ost und West in ganz unterschiedliche Problemlagen. Nur auf ostdeutscher Seite musste - und das galt für sämtliche sozialen Milieus und Altersgruppen - alles neu gelernt werden. So kann es nicht verwundern, dass die Sachsen wie die Brandenburger ihren Alltag und sein großes Umfeld auch heute (noch) ganz anders sehen als die Bayern und Westfalen. Selbstverständlich sagt das nichts über die wahrlich großen kulturellen Differenzen zwischen Sachsen und Preußen. Aber mit diesen beiden deutschen Spezies hatten und haben ja alle anderen deutschen Stämme auch ihre Probleme.

Solche Anpassungs- und Assimilationsphasen von Minderheiten haben ihre Eigenheiten. Generell sind das überaus produktive Phasen und auch die deutsche Kulturgeschichte zeigt, dass sich gerade in den zur Angleichung gezwungenen Minderheiten ein hohes kreatives Potenzial entwickeln kann. Sie müssen einfach offen für das Fremde sein und sehen dabei - das ist ihr Vorsprung - die Mehrheitsgesellschaft mit anderen Augen. Selbstverständlich scheitern sie immer wieder, wenn sie altvertraute Strategien und Techniken einsetzen. Doch gerade in diesem Lernprozess liegen ihre Chancen. Überdies ist nun - für die Ostdeutschen völlig unerwartet - die aufnehmende deutsche Groß-Gesellschaft in eine Umbruchphase anderer Art eingetreten und es wird sich daran erweisen, ob dieser kreative Vorsprung tatsächlich besteht und sich zukünftig auszahlt.


Altersbedingte Unterschiede kultureller Assimilation

Zudem ist der abrupte Übergang in ein anderes Gesellschaftssystem vor fünfzehn Jahren von den einzelnen Altersgruppen verschieden verarbeitet worden. Dabei geriet eine ganze Generation in eine prekäre Lage. Besonders schwer hat es heute gerade die Altersgruppe, die in der „Wende“ von 1989 am aktivsten und am lautesten war. Von denen, die damals um die vierzig Jahre alt waren, haben mehr als zwei Drittel ihren Job verloren und trotz aller Anstrengungen, trotz hoher beruflicher, sozialer und territorialer Mobilität mehrheitlich keine neue berufliche Karriere beginnen können. In der Altersgruppe der heute 50 bis 60jährigen stehen nur noch 41 Prozent in einem Arbeitsverhältnis und davon fallen auch noch 21 Prozent unter die geringfügigen und Teilzeitbeschäftigungen. [16] Da Ostdeutsche in der Regel keine andere Ressource als ihre Arbeitseinkünfte haben, wächst in dieser Gruppe die Angst vor der wohl unvermeidlichen Altersarmut. Ihre kulturelle Anpassung an den Westen brachte wenig ein, sie sind die großen Verlierer, ihnen Frustration und Undankbarkeit vorzuwerfen, halte ich für hochmütig.

Dagegen scheint - auf den ersten Blick jedenfalls - bei den jungen Leuten alles gut zu laufen. Schaut man genauer hin, dürfte aber nur die Zukunft der Jugend einer recht schmalen ostdeutschen Mittelschicht wirklich unproblematisch zu sein. Nur deren Eltern können und wollen mit den im Westen üblichen familiären Aufwendungen für die Ausbildung ihrer Kinder mithalten. Nur für sie ist die schichtentypische Chancengleichheit gegeben, und sie werden sich bald in den verschiedenen kulturellen Milieus der westdeutschen Mittelschicht wiederfinden. In den durch die vergleichsweise hohen Familienzuwendungen begründeten Bindungen könnte auch ein Motiv dafür bestehen, der ostdeutschen Heimat die Treue zu halten. Das wäre ein großer kultureller Erfolg, denn für einen beträchtlichen Teil der jungen Ostdeutschen ist es ganz normal, sich eine Ausbildung oder einen Arbeitsplatz „im Westen“ zu suchen und dann dort zu bleiben. Der dadurch bedingte Abwanderungsverlust ist beträchtlich. Hält er bei den jetzt in die Ausbildungsphase eintretenden schwachen Geburtenjahrgängen an, dürfte das zur stärksten Entwicklungsbremse für die ostdeutschen Länder werden. Nach den Berechnungen der Deutschen Bank sinkt die Wirtschaftskraft des Ostens bis 2020 allein wegen des ungünstigen Bevölkerungstrends wieder ab. „Der Lebensstandard wird zwar weiterhin zunehmen, aber der Abstand zum Westen dürfte anwachsen. Bis 2050 dürfte er sogar eher wieder auf das Niveau von Mitte der 90er Jahre (rund 60 Prozent des westdeutschen Pro-Kopf-Einkommens) zurückfallen.“ [17]

Wirklich prekär ist die Situation bei den jungen Leuten in den verödenden ländlich-kleinstädtischen Regionen, wie auch allgemein für die Kinder der inzwischen recht breiten sozialen Unterschicht, in die durch die Folgen der Einheit auch große Gruppen der Facharbeiter, der Bildungsschicht wie der ehemals Selbständigen aus Kleingewerbe und Handwerk abgestiegen sind. In beiden Fällen sehen sich viele Jugendliche in derselben Minderheitensituation wie junge Türken: als Benachteiligte in einem Land, dessen Sprache sie zwar sprechen, dem sie aber ähnlich fremd bis feindlich gegenüberstehen. Doch während den türkischen Altersgenossen der stabilisierende Rückzug in ihre ethnische Gemeinschaft, in Familie, Religion und eigene Minderheitenkultur möglich ist, hatten und haben junge Ostdeutsche nur zwei andere, eher abstrakte kulturelle Identifikationsmöglichkeiten. Vor allem ist es „das Deutsche“, die deutsche Nation und ihre vermeintlich heroische jüngere Vergangenheit. Dies ist der Grund, warum sich in den 90er Jahren ein ausgeprägter rechter Nationalismus als dominante Jugendkultur ausbreitete, der auch „in viele andere Jugendkulturen, wie etwa Grufties oder Heavy Metal oder auch mittlerweile in die Rockszene reingekommen“ ist . Dem standen jene Jugendlichen gegenüber, die sich stärker auf die - inzwischen ähnlich abstrakte, aber deutlich nähere - DDR-Geschichte rückbezogen haben und „sehr stark linke oder linksautonome Kulturen“ ausbildeten. Diese „beiden Gruppierungen haben sich über weite Strecken, fast die ganze Neunziger Jahre hindurch diametral entgegengestanden … die Geschichte der Jugendkulturen in den Neunzigern oder bis fast in die Gegenwart [ist] auch eine Geschichte von Auseinandersetzungen, von Kämpfen bis hin zu Straßenschlachten“.[18] Der Jugendforscher Dieter Rink sieht in dieser Politisierung eine Besonderheit gegenüber westdeutschen Jugendkulturen, die nach 1989 eher betont unpolitisch waren.

Zugleich aber - und darin liegt ihre oft verkannte kulturell assimilierende Wirkung - sind so gut wie alle jugendkulturellen Strömungen eng mit Kommerz und modernen Medien verbunden. Darum bilden diese auch in den politisierten ostdeutschen Jugendkulturen das Hauptmedium, über das die opponierenden Jugendlichen recht problemlos in die westliche Konsumkultur integriert werden.

Überdies bleibt hoffnungsvoll anzumerken, dass die nun schon sichtbar werdende enorme Verknappung nachwachsender junger Leute deren Chancen deutlich steigern wird - aber sehr wahrscheinlich auch deren Abwanderung aus vielen ostdeutschen Regionen.

Nachzutragen ist gleichfalls, dass sie auch fürderhin als Ostdeutsche stigmatisiert werden, wenn sie - aus unerklärlichen Gründen - etwas weniger Bafög, Sold, Arbeitslosengeld und Sozialhilfe als ihre westgebürtigen Altersgenossen erhalten.


Das Bild vom Ostdeutschen in der westdeutschen Kultur

Die deutschen Medien zeichnen die Ostdeutschen selten als mögliche Partner in der Diskussion innerer Schwierigkeiten der deutschen Gesellschaft, sondern wesentlich als einen Klotz am Bein, wenn nicht gar als Verursacher der Misere. Und vielleicht hatte Arnulf Baring ja so unrecht nicht, als er 1991 im Gespräch mit Jobst Siedler sagte: „Die Größenordnung hat uns getäuscht. Man sah immer nur auf die sechzehn Millionen und sagte sich: Wir sind sechzig und die sind sechzehn, schlimm kann es eigentlich nicht werden, ein Fünftel der Passagiere kann ja nicht das ganze Schiff zum Kentern bringen! Kann es vielleicht doch. Erst recht drohen uns gewaltige Schwierigkeiten, sobald hinter den sechzehn Millionen noch die übrigen (!) Osteuropäer auftauchen.“ [20]

Und es gebührt Arnulf Baring das Verdienst, als einer der ersten und, was ich anrechne, auch ohne Umschweife klar gesagt zu haben, was von den Neubürgern zu halten ist: „Das Regime hat fast ein halbes Jahrhundert die Menschen verzwergt, ihre Erziehung, ihre Ausbildung verhunzt“. Und Stichwortgeber Jobst Siedler fügte damals hinzu: „In der DDR herrschte im Grunde, wie man es früher formuliert hätte, polnische Wirtschaft. Als Variation davon hat mir neulich jemand, die Provokation auf die Spitze treibend, gesagt: ‚und aus den Menschen dort sind weithin deutsch sprechende Polen geworden.’“[21]

Der Ton hat sich inzwischen etwas geändert, doch von Anfang an hat die von den großen Medien beherrschte Öffentlichkeit die ostdeutsche Region und ihre Population als eine Sonderzone mit besonderen Bewohnern behandelt – egal, ob von den gefährlichen Osteuropäern, vom „Subventionsgrab Ost“, von der „Plattenbaumentalität“ oder den Frustrierten die Rede war. Das gilt ebenso für die „freundlich-positive“ Darstellung der Ostdeutschen. Denn gelingt es Künstlern, Wissenschaftlern, Publizisten oder Politikern ostdeutscher Herkunft, sich öffentlich zu behaupten, wird ihnen zwangsläufig meist das Ost-Etikett angeheftet. Von ehemaligen „DDR-Staatskünstlern“ ist die Rede, ostdeutsche Schriftsteller werden als „DDR-Autoren“ oder als „Autoren aus den neuen Ländern“ vorgestellt und gehandelt. Niemand käme auf den Gedanken, Günter Grass einen „Schriftsteller aus den alten Bundesländern“ zu nennen. Kommen Leute aus dem Osten zu Worte, dann genießen sie den „Ostbonus“ und haben die „Ostsicht“ einzubringen. Als „ehemaliger Bürgerrechtler“ hat sich in den Medien ein besonderer Typus des Ostdeutschen verfestigt, der mit seinen „lebendigen Erinnerungen“ diese Ausgrenzung immer wieder zu bestätigen sucht. Als ostdeutsche Leistungen werden immer wieder „die Spreewaldgurke“, Rotkäppchensekt, eine Suppe „Soljanka“, ein Hochwasser und vor allem schöne Beispiele für die gelungene Anpassung an den Westen hervorgehoben. Auf diese Weise regen die großen Medien der Bundesrepublik alle Ostdeutschen – egal, wo sie inzwischen siedeln – dazu an, sich immer wieder ihrer Zugehörigkeit zu einer Sonderpopulation zu versichern (oder sich heftig davon zu distanzieren). Es kann also vermutet werden, dass sich „die Ostdeutschen“ noch über einen längeren Zeitraum als kulturelle Minderheit verstehen werden. Wobei sie - nach Alter, sozialer Lage und regionaler Herkunft verschieden - sicher zugleich anderen kulturellen Milieus angehören.

Für die Kulturwissenschaft ist eine distanzierte bis abwertende Darstellung durch die Medien der „öffentlichen Meinung“ normal und gehört in allen Gesellschaften zur inneren Selbstbestätigung von dominanten Mehrheiten. Heute verlangt das schon die Quotenabhängigkeit. Mehrheiten grenzen immer aus oder drängen auf schnelle Anpassung der anderen. Identitätsgewinn durch Alterität ist ein immerwährendes Kulturmuster und so finden wir auch bei der deutschen Mehrheitsgesellschaft die Neigung, sich selbst durch die Abgrenzung von den Minderheiten positiv zu definieren. Heute sind für eine solche innere Mobilisierung der Mehrheit drei Gruppen von „anderen“ verfügbar. Da sich offener Antisemitismus für alle meinungsführenden Kreise verbietet (in unseren Nachbarländern sieht das bekanntlich etwas anders aus) bleiben Türken (Moslems) und Ostdeutsche. Im jüngsten Wahlkampf konnten wir erleben, wer davon wie Gebrauch macht und wie darauf reagiert wird.

Bei inneren Schwierigkeiten dienten und dienen Minderheiten für die etablierte Mehrheitsgesellschaft immer auch als Projektionsfläche eigener Ängste. Eine Langzeitstudie der Universität Bielefeld hat ausgewiesen: in dem Maße, wie die eigene Zukunft unsicherer empfunden wird (von 2002 auf 2004 wuchs in Deutschland die Angst vor wirtschaftlichem Abstieg wie die vor Arbeitslosigkeit von gut zwanzig auf über vierzig Prozent an), stiegen Fremdenfeindlichkeit, die Ablehnung anderer und die Betonung der Etabliertenvorrechte an. Und dies besonders bei Personen, „die sich selbst der politischen Mitte zuordnen. In der Mitte der Gesellschaft verschieben sich die Normalitäten“ [22], schreibt Wilhelm Heitmeyer, Direktor des forschenden Instituts. Und er nennt nach zehnjähriger Beobachtung der deutschen Gesellschaft drei Spaltungslinien, die sich vertiefen: sozial wird die Kluft zwischen oben und unten größer, politisch-geographisch die zwischen Ost- und Westdeutschen und ethnisch-kulturell die zwischen Mehrheit und muslimischer Minderheit.

Wie wir aus der deutschen Geschichte wissen, hatten innere Schwierigkeiten der Mehrheitsgesellschaft immer starken Einfluss auf die Art und Weise der Abgrenzung von Minderheiten, bis hin zu ihrer völligen Ausgrenzung. Aufmerksamkeit und Vorsicht sind darum wohl geboten, ein Grund, warum Minderheiten hellhörig bis überempfindlich sind. Schnell entsteht da ein Klima der Gereiztheit. Ein ehemaliger General kann mit drei einfältigen Sätzen den ganzen Osten gegen sich aufbringen und einen sehr angesehenen Schriftsteller sogar dazu verleiten, die offenbar werdende Ost-Phobie in eine geschichtliche Reihe mit überwundenem Franzosenhass und tabuisiertem Antisemitismus zu stellen: „Um mich als richtigen Deutschen empfinden zu können, brauche ich den verwahrlosten, minderwertigen Deutschen.“ [23]

Solch eine grundsätzliche Stellungnahme mag zunächst überraschen, doch im Großen und Ganzen sehen die meisten Ostdeutschen schon recht klar, dass das Bild, das in den Medien, in der Politik und an den Stammtischen von „den Ostdeutschen“ gezeichnet wird, eher wenig über die Bewohner der neuen Bundesländer aussagt, sehr viel aber über Selbstverständnis und Stimmungslage der tonangebenden Mitte der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft.

Weil das Konstrukt des Ostdeutschen diese bestätigende Funktion für Westdeutsche hat, kann ein zweiter, allerdings so nicht erwarteter, „Kulturbildungsprozess“ eigentlich nicht erstaunen. Verblüfft war ich aber zunächst doch, als sich in der abgrenzenden Beurteilung der Ostdeutschen plötzlich alle politischen Lager einig waren, herausragend dabei die ganz Konservativen und die ganz Linken. „Nichts hat die Westdeutschen so geeint“, schreibt Thomas Ahbe, „wie der Beitritt der Ostdeutschen. Möglicherweise ist dieser in den Begriffen und Metaphern uniforme und auch affektiv gleichgestimmte Diskurs über die Ostdeutschen ein noch unbekanntes Dokument westdeutscher Wir-Identität.“ [24]

Das mag so klingen, als wären „die Ostdeutschen“ nichts als eine nützliche Erfindung der Westdeutschen. Sie sind sicher nicht nur das, denn die ostdeutschen Länder bilden ja eine ganz reale Teilgesellschaft mit spezifischen Problemen, zentral dabei die Einschränkung ihrer Handlungsmöglichkeiten. Denn nicht nur im ideellen Bereich, auch im realen liegt die Definitionsmacht über den eigenen Zustand nicht bei ihnen, ihre Ressourcen sind schwach und sie müssen einem Pfad folgen, der für sie durch die Entscheidungen von 1990/91 vorgegeben worden ist.


Tendenzen zu einer ostdeutschen Teilkultur?

In diesem Anpassungsdruck liegt eine Chance. Denn außer der schnellen Anverwandlung an das Geforderte, fördert er immer auch die Neigung zur Abgrenzung, zu Isolation, zu internen Regulationen und zur Pflege einer eigenen Kultur. Könnte diese Art von Eigensinn irgendwie gefährlich werden? Wohl kaum. Denn abgesehen davon, dass für jede Art von Minderheit eine spezifische Form eigener Kultur nicht nur dem Selbstbewusstsein durch Abgrenzung von den anderen dient, sondern sie ist zugleich das entscheidende Medium des Austauschs und der kulturellen Assimilation.

Aber das, was man als eine ostdeutsche Teil- oder Subkultur unterhalb der übergreifenden, vielleicht „national“ zu nennenden Kultur der Deutschen, verstehen könnte, ist nur rudimentär ausgebildet. Augenblicklich lässt die Medien- und Deutungshoheit der westdeutschen Eliten eine Selbstverständigung der Ostdeutschen über ihre eigenen Angelegenheiten noch kaum zu. Trotz beispielhafter Ansätze (Forum Ostdeutschland, Labor Ost) bleibt sie bislang auf regionale Kommunikationskreise und auf Fachzirkel beschränkt. Es charakterisiert die prekäre Lage, wenn das einzige übergreifende Medium für Ostdeutschland das Boulevardblatt „Super-Illu“ ist.

Ich habe keine Vorliebe für die meist weisen Worte von Bundespräsidenten (und das noch weniger, wenn der ein neoliberaler Gesinnungstäter ist), dennoch sei er nach der aktuellen Presse zitiert, weil er hier zwar nicht explizit von Kultur spricht, aber auf die Schlüsselrolle eines eigenen kulturellen Inventars der Ostdeutschen hinweist: „Die objektiven Probleme Ostdeutschlands und die Herausforderungen des kommenden Jahrzehnts können nur gelöst werden, wenn die subjektive Seite, das Vertrauen der Menschen in die Zukunft der Region, in ihren Eigenwert und in ihre Eigenverantwortung durch die Politik gestärkt werden.“

Das ist zwar auch der verpönte Blick von oben und außen - und dann soll ausgerechnet die von den Ostlern misstrauisch betrachtete Politik ihnen das Selbstvertrauen stärken - doch richtig verstanden, ist solche Ermahnung der politischen Klasse schon nötig und klingt auch als versöhnlicher Schluss ganz gut.

Doch solch Abschluss ließe wenig von der Brisanz der Situation erkennen, an die ich denn doch noch einmal resümierend erinnern möchte. Ostdeutsche haben 1990 ihr vertrautes aber ungeliebtes Gesellschaftssystem verloren, ihnen wurde ein erwünschtes aber unbekanntes System übergestülpt, dass sich bei ihnen als nicht recht tauglich erwies und von dem sie jetzt hören müssen, dass es antiquiert sei und ohne gründliche Reformen gar nicht überleben könne. Aus dem Gewirr der Reformvorschläge hören sie nur heraus: Schluss mit dem Wohlleben, ihr müsst mehr für euch selbst sorgen. Sind sie zur falschen Zeit beigetreten? Wollten sie nicht von dem einen deutschen Sozialstaat in den attraktiveren anderen wechseln? Ist das nur eine verfahrene Situation oder erleben sie eine Zeitenwende?

Westdeutsche können über die 1990 unvermutet erlangte Einheit ähnlich kritisch denken, denn offenbar hat gerade sie die damals überfälligen gründlichen Reformen verhindert und macht sie nun wegen ihrer enormen Folgekosten vollends unmöglich. Denn brachte der Beitritt des Ostens anfangs einen kurzen wirtschaftlichen Aufschwung im Westen („Aufbau Ost“ als Konjunkturprogramm West), könnte er sich nun als Ursache für eine nachhaltige Stagnation erweisen. Geht nun auch ihr Sozialstaat an den Lasten der Einheit zugrunde? Welche gründlichen Reformen könnten das ändern? Wenn die Bundestagswahlen etwas deutlich machten, dann die Ratlosigkeit der politischen Kontrahenten wie die der Wähler in Ost und West. Alle spüren, es müsste etwas geschehen, aber in welche Richtung soll es gehen?

Ahnen wir etwas von einer Zeitenwende und kommen sich bei solch übergreifender Irritation Ost- und Westdeutsche wieder kulturell näher - auch angesichts des Autoritätsverlusts der westdeutschen Hegemonialkultur? Oder bedeuten Epochenzäsur und Zeitenwende, dass bei wachsenden inneren Unterschieden und Gegensätzen auch die kulturellen Differenzen wieder stärker werden und sich nicht nur die Milieus, Gruppen und Teilgesellschaften deutlicher gegeneinander abzuschotten beginnen, sondern auch die Mehrheit versucht, Statuserhalt und Stabilisierungsgewinn durch stärkere Ausgrenzung zu gewinnen? Auf Ansätze dazu habe ich hingewiesen. Für diesen Fall wäre für die muslimische wie für die ostdeutsche Minderheit zu erwarten, dass bei ihnen die inneren Bindungen stärker werden und sie sich kulturell intensiver abzugrenzen versuchen werden - wenn da selbstverständlich auch recht unterschiedliche Formen zu erwarten sind. Separatismus und erneuter Mauerbau können ausgeschlossen werden. Aber die Ostdeutschen dürften auf etwas verfallen, was Staatsbürgern türkischer Herkunft einstweilen verwehrt ist und sich als die „besseren“ und moderneren Deutschen stilisieren. Die Traditionen protestantischer Ehrpusseligkeit und Sozialverantwortung wie die Nachwehen sozialistischer Kollektivmoral lassen das vermuten.

Da sich die immer noch westdeutsch geführten Parteien gerade in der Mitte drängeln und sich zu blockieren scheinen, ist in der politischen Kultur Deutschlands nicht nur rechts wie links davon viel Raum für Alternativen, sondern auch für den politisch vernachlässigten östlichen Appendix.

Wenn sich auch - wie alle Forscher bestätigen - die kulturellen Differenzen und die sozialen Unterschiede zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen seit Jahren vertiefen, ist es dennoch eher unwahrscheinlich, dass in Deutschland - wie es in der Fachdiskussion angesichts einiger europäischer Beispiele aber geprüft wird - dass hier „die Gefahr der Desintegration besteht und Deutschland eingereiht werden muss in die Reihe der ‚zerrissenen Länder’, die kulturell geteilt sind und nie zur Ruhe kommen."[25] Und das ist ja dann auch eine positive Botschaft zum bevorstehenden fünfzehnten „Tag der Einheit“.


Anmerkungen

[1] Martin und Sylvia Greiffenhagen, Zwei politische Kulturen? Wissenschaftliche und politische Unsicherheiten im Umgang mit der deutschen Vereinigung. In: Der Bürger im Staat, Heft 4/2000, S. 179.

[2] Hans-Werner Sinn, Gut für die Welt. In: Die Welt, Nr. 179, 3. August 2005, S. 9. (Vgl. Hans-Werner Sinn, Ist Deutschland noch zu retten? München 2003.)

[3] Jammertal Ost. DER SPIEGEL 39/2004, 20. September 2004.

[4] Wolfgang Herles, Wir sind kein Volk. Eine Polemik gegen die Deutschen, München 2004.

[5] Uwe Müller, Supergau Deutsche Einheit, Berlin 2005.

[6] Hannes Bahrmann und Christoph Links, Am Ziel vorbei. Die deutsche Einheit - eine Zwischenbilanz, Berlin 2005, S. 9.

[7] Gunnar Winkler (Hrsg.), Sozialreport 2004. Daten und Fakten zu sozialen Lage in den neuen Bundesländern, Berlin 2004, S. 309 f.

[8] „Jeder Fünfte will die Mauer zurück“ , Stern vom 09. September 2004

[9] Gunnar Winkler (Hrsg.), Sozialreport 2004. Daten und Fakten zu sozialen Lage in den neuen Bundesländern, Berlin 2004, S. 73 f.

[10] Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands. Die gesellschaftliche Entwicklung vor und nach der Vereinigung, Wiesbaden 2002 (S. 343). Die erste Erhebung dazu in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Datenreport 1992, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1992, S. 538 f

[11] Michael Hofmann, Antworten. In: Zweite Enquête unter Kulturwissenschaftlern und Kulturpolitikern zum kulturellen Wandel in Deutschland als Folge des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik. KULTURATION 2005/2, www.kulturation.de, zit. November 2005.

[12] Matthias Horx, Im Land der Miesmacher. In: Der Tagesspiegel v. 31. 08. 2005, Nr.18910, S. 25.

[13] Ernst Niekisch, Ost-West. Unsystematische Betrachtungen", Berlin 1947.

[14] Thomas Gensicke, Die neuen Bundesbürger. Eine Transformation ohne Integration, Opladen 1998.

[15] Rolf Reißig, Ostdeutsche Transformation und deutsche Vereinigung - ein gelungenes, ein gescheitertes oder ein unvollendetes Projekt?

[16] Hanna Haupt und Reinhard Liebscher, Sozialreport 50+ 2005. Daten und Fakten zur sozialen Lage 50- bis unter 65-Jähriger in den neuen Bundesländern. Erarbeitet im Auftrag der Volkssolidarität - Bundesverband e.V. durch Sozialwissenschaftliches Forschungszentrum Berlin-Brandenburg e.V.-

[17] Deutsche Bank Research, Perspektiven Ostdeutschlands – 15 Jahre danach. Nr. 306 v. 10. November 2004 (www.dbresearch.de).

[18] Dieter Rink, Antworten. In: Zweite Enquête unter Kulturwissenschaftlern und Kulturpolitikern zum kulturellen Wandel in Deutschland als Folge des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik. KULTURATION 2005/2, www.kulturation.de, zit. November 2005.

[19] Ebenda.

[20] Arnulf Baring, Deutschland, was nun? Berlin 1991, S. 50.

[21] Ebenda S. 59 und 63

[22] Wilhelm Heitmeyer, Die gespaltene Gesellschaft. In: DIE ZEIT v. 2. 12. 2004, Nr. 50, S. 12.

[23] Christoph Hein, Vom unglücklichen Bewusstsein. In: Freitag v. 19. 8. 2005, Nr. 33, S. 3.

[24] Thomas Ahbe, Die Konstruktion der Ostdeutschen. Diskursive Spannungen, Stereotype und Identitäten seit 1989, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 41– 42/ 2004, S. 21.

[25] Stefan Liebig/Bernd Wegener, Protest und Verweigerung - Die Folgen sozialer Ungerechtigkeit in Deutschland, in: Manfred Schmitt/Leo Montada (Hrsg.), Gerechtigkeitserleben im vereinigten Deutschland, Opladen 1999, S. 263 f.