KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 20 • 2017 • Jg. 40 [15] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
 Start  Reports  Themen  Texte  Zeitdokumente  Kritik  Veranstaltungen 
 Editorial  Impressum  Redaktion  Forum  Suche 
TextKulturation 2/2003
Volker Petzold
Unser ureigenes Sandmännchen
Eine deutsch-deutsche Kinderfernsehfigur in „Klassenkampf“ und Politik
Als sich im Jahre 1966 das 3. Programm des Westdeutschen Rundfunks mit seinem Chef, dem bekannten Fernsehjournalisten Werner Höfer, an den Deutschen Fernsehfunk (DFF) gewandt hatte, um 50 Folgen der in kurzer Zeit populär gewordenen „Sandmännchen-Rahmen“ unter durchaus günstigen Konditionen anzukaufen, wehrte der damalige Ost-Programmdirektor mit den markigen Worten ab, diese Sendereihe inclusive Figur sei „eine ureigene Sache des Deutschen Fernsehfunks der Deutschen Demokratischen Republik.“/1/ Es ist bezeichnend, dass Hans Höschel schon in den wenigen Jahren seit der Geburt des beliebten Schlafbringers ganz offenbar an mangelndem Geschichtsbewusstsein bzw. Erinnerungsvermögen litt oder es vielleicht auch nicht besser wusste. Denn gerade diese europäische Fabelfigur und ihre zeitgemäße mediale Erfindung waren eben nicht allein auf dem „ureigenen“ Boden der DDR gewachsen, sondern Produkt eines langjährigen Prozesses des Schlagabtausches ost- und westdeutscher Medieneinrichtungen, der sich beim genaueren Hinsehen eher als gegenseitiges, uneingestandenes Geben und Nehmen entpuppt. Ein seltener, wenn nicht sogar einmaliger Fall in der Geschichte des deutsch-deutschen Fernsehens. Gewiss, der sonntägliche Weinschoppen-Genießer war im innerdeutschen Medienkrieg für die SED-Oberen ein rotes Tuch, doch in punkto Sandmännchen zeigte Höfer sich außerordentlich DDR-freundlich: „Der Deutsche Fernsehfunk in Ostberlin hat nämlich zum ersten Mal auf deutschem Boden die Sandmännchen-Figur zu einer Attraktion für Kinder gemacht.“/2/
Mittlerweile gehört der Sandmann, der zumeist unter seiner Diminutiv-Bezeichnung über deutsche Fernsehbildschirme hopste und liebevoll Sandmännchen genannt ward, mit seinen über 40 Sendejahren zu den dienstältesten Akteuren nicht nur des Kinderfernsehens, sondern des deutschen Fernsehens überhaupt. Phänomen und Wirkung dieser wohl am häufigsten und längsten ausgestrahlten Fernsehserie sind einzigartig – Generationen von Kindern wurden mit seinen Geschichten gespeist, und Eltern reiben sich (mit den Großeltern) noch immer die Augen, wenn die wohlbekannte Melodie erklingt. Zu Beginn seiner Laufbahn hatte Sandmännchen neben der unvermeidlichen Erzieherrolle vor allem eine Funktion zu erfüllen: Die Kleinen möglichst stressfrei ins Bett zu bringen und den Platz vor der Guckröhre für die ältere Generation zu räumen. Später rückte der pädagogische Zeigefinger mehr in den Hintergrund, der Spaß an den Geschichten und heitere Unterhaltung für die Kinder vor dem Zubettgehen wurden wichtiger. Ob der Sandmann sich heute noch inmitten Dutzender Fernsehkanäle, Werbeglimmer und konkurrierender Kinderserien behaupten kann, mag umstritten sein, Tatsache ist jedoch, dass er nach wie vor lebt und seit dem 1. Januar 1997 im Kinderkanal von ARD und ZDF sogar deutschlandweit einheitlich zu empfangen ist.

Es mag indes verwunderlich erscheinen, dass sich solch ein „unschuldiges“ und traditionell an die Kinder gerichtetes Geschöpf bei seiner Entstehung vor über 40 Jahren überhaupt in das Getriebe des weiland zwischen beiden deutschen Staaten tobenden Klassenkampfes zerren ließ. Oder war es nur der Osten, der damals kräftig draufschlug im vermeintlichen Wettlauf der Systeme? Vieles deutet darauf hin, dass die Kalten Krieger in diesem Falle vor allem im DFF saßen. Denn dass der Sender am 22. November 1959 zum ersten Mal eine Puppentrick-Figur mit dem Titel „Unser Sandmännchen“ zur gefälligen Umrahmung der bereits bestehenden „Abendgrüße“ über die noch nicht so zahlreichen Bildschirme hupfen ließ, hatte bereits etwas mit der vermeintlichen Konkurrenz des „Gegners“ zu tun; schon allein Erstsendedatum und Titel waren ausschließlich durch die Aktivitäten des unsichtbaren „Klassenfeindes“ zustande gekommen. Offenbar am 4. November 1959 nämlich fiel dem damaligen Programmchef und stellv. Intendanten des DFF, dem später zu einiger Berühmtheit gelangten Polit-Dokumentarfilmer Walter Heynowski, eine Presse-Information des SFB in die Hände, wie sie mit dem nötigen Vorlauf für die Programm-Zeitschriften üblich war und ist. Heynowski, erst seit drei Jahren im Fernsehgeschäft tätig, hatte als vormaliger Chefredakteur der satirischen Wochenzeitschrift „Eulenspiegel“ zunächst versucht, die politische Karikatur – welche vornehmlich auf den anderen deutschen Staat gerichtet war – im aufblühenden elektronischen Bildmedium zu etablieren. Mit seiner Sendereihe „Zeitgezeichnet“ und dem neuen „Studio für Zeichen- und Puppensatire“ (der „Urform“ des späteren DFF-Trickfilmstudios) legte er 1956 den Grundstein für kommende Generationen von wirkungsvollem Know How an Tricktechniken, künstlerischer Bildgestaltung und visueller Effektbildung./3/

Was Heynowski nun seinerzeit an jener West-Meldung aufhorchen ließ, war weniger die Information über ein neues Kinderfernseh-Format – das war nicht sein Metier und damals auch kaum das seiner Protegés Gerhard Behrendt und Rolf Sperling –, als vielmehr die vermutlich dahinter stehende Absicht, „der Westen“ wolle mit einer allabendlichen Kindersendung ab 1. Dezember 1959 dem DFF die Zuschauer streitig machen:
„ ... daß der SFB mit seinem ‚Sandmännchen‘ unseren ‚Abendgruß’ zur gleichen Minute täglich kontern will. Es zeigt sich also, dass wir mit unserer Sendung [den Abendgrüßen] auch bei den Westberliner Kindern und deren Eltern ‚ankommen‘. Also große politische Wirkung durch Emotionen [...] Die gegnerische Absicht, uns Zuschauer abzunehmen, darf nicht unterschätzt werden.“/4/

Wachsamkeit war geboten, und darin war Heynowski als klassenbewusster Herr über streitbare Zeichenstifte Meister, und Eile ohnehin. In offensichtlicher Folge jener Furcht um jede Minute im Medienkrieg wurden die Verantwortlichen des Kinderfernsehens beauftragt, dem SFB Paroli zu bieten – und es geschah das schier Unglaubliche: Eine gute Woche vor dem Start des ersten „West-Sandmännchens“ – eben an jenem 22. November – flimmerte erstmals ein künftiger Medienstar über die ostdeutschen Bildschirme: „Es wurde übers Knie gebrochen.“/5/ Und er hiess – in Abgrenzung zu seinem Bruder aus dem westlichen Frontstadtteil – „Unser Sandmännchen“, ein Titel, der kurioserweise noch heute besteht.

Da man ganz offensichtlich nicht wusste, was der Westen so vorbereitet hatte, aber die Nase vorn haben wollte, war das Beste gerade gut genug. Mit Behrendt hatte sich Heynowski drei Jahre zuvor aus dem Dresdner Trickfilmstudio einen Mann geholt, der sich ausgezeichnet im Puppentrick auskannte und im DFF auch schon fleißig damit experimentiert hatte. Und durchaus „linientreu“ war. Behrendt schuf für das „Sandmännchen“ die ersten Puppen und die Szenerie, animierte und führte Regie, Horst Walter bediente die Trickkamera. Und ein Lied musste her – von Wolfgang Richter an einem Abend komponiert nach einem Text von Bestseller-Kinderbuchautor Walter Krumbach, ein Ohrwurm bis heute. Vielleicht aber hatte Heynowski sich die Schimäre vom bösen Klassenfeind in den Rängen des Westberliner Kinderfernsehens nur aufgebaut – um besser an Mittel für die aufwendige eigene Produktion zu kommen?!

So weit, so gut! Doch was geschah eigentlich im Westen? Was die „Ostler“ nicht wussten, war, dass die ersten Folgen von „Sandmännchen-West“ bereits im Mai 1959 geplant und im Sommer 1959 abgedreht waren./6/ Man wartete für die Ausstrahlung lediglich die günstige Vorweihnachtszeit ab, von Eile oder gar Klassenkampfallüren keine Spur. Was die vom DFF überdies nicht ahnten, war, dass SFB-Konkurrentin Ilse Obrig im eigenen Hause kaum Unterstützung für ihre Idee fand. Das Budget war knapp und an aufwendigen Trickfilm überhaupt nicht zu denken. Eine einfache Handpuppe, gestaltet von der Puppenspielerin und engen Obrig-Mitarbeiterin Johanna Schüppel, führte die Kinder über reichlich zwei Jahre an die abendlichen Geschichten in unkomplizierten Formen. Mehr noch, glaubt man den wenig überkommenen Dokumenten des SFB aus jener Zeit, so war es der Macherin Dr. Obrig quasi lediglich als „Trostpflästerchen“ von der Leitung des SFB gestattet worden, ihr „Sandmännchen“ zu produzieren. „Die Obrig“, die bereits in den 20er und 30er Jahren Kinderfunk produzierte, nach dem Krieg von den Sowjets für den in der Westberliner Masurenallee agierenden Berliner Rundfunk angeworben wurde und dort seit 1947 u. a. ein „Abendlied“ für die Kinder gestaltete, wechselte 1950 zum RIAS und baute schließlich ab 1951 das Kinderfernsehen beim NWDR und beim SFB auf. Seit Mitte der 50er Jahre gerieten jedoch ihre pädagogische Haltung und die Machart ihrer Sendungen – insbesondere im Zuge der Koordinierung der Kinderfernsehsendungen im Rahmen der ARD – immer mehr ins Kreuzfeuer der Kritik, was sich zu 1958/59 hin massiv verschärfte, wie folgende Pressekritik verdeutlicht: „Aus Berlin zum Beispiel wird eine Art von tantiger Verkitschung des kindlichen Weltbilds geliefert, die der Chronist für jugendgefährdender hält als jeden Western.“/7/

Die SFB-Leitung wollte sie unter allen Umständen weg vom Bildschirm haben und bescheinigte ihr, „dass ihre Kindersendungen inhaltlich die besten, jedoch formal die ‚unerträglichsten‘ des Deutschen Fernsehens seien“/8/, bzw. kritisierte „Ilses veraltete und überholte Kinderpsychologie und Pädagogik“/9/. Mit dem „Sandmännchen“ glaubten die Verantwortlichen, sie ruhig zu stellen: „Anschließend besprachen wir sehr ausführlich das Erscheinen von Frau Dr. Obrig vor der Kamera. [...] dass sich ihre Mitwirkung in dem festgelegten Rahmen halten müsse, [...] nachdem ihr die Produktion der ‚Sandmännchen-Grüsse‘ genehmigt worden sei.“/10/

So wurde ein Trostpflaster für die ehemalige „Zonenflüchtige“ und (West-)Berliner Kinderfunktante zum Motor für Kreativität im Ostfernsehen und damit zu einer Wurzel für eine der erfolgreichsten deutschen Fernsehsendungen überhaupt. Am Zustandekommen des Fernseh-Sandmännchens in Ostberlin hatte Ilse Obrig auf weitere Weise indirekt Anteil. Das von ihr kreierte „Abendlied“ im Berliner Rundfunk bestand bei Radio DDR bis Anfang Mai 1956 kontinuierlich weiter, bis dann daraus der Radio-„Sandmann“ wurde. Und die seit Oktober 1958 im DFF bestehenden – noch „sandmannlosen“ – Abendgrüße lassen sich direkt auf diese Hörfunksendungen zurückführen:
„Neue Reihe: ‚Abendgrüße des Kinderfernsehens‘. Diese Reihe, die jeden Tag 3-6 Minuten, 19.00 Uhr, vor Beginn des künftigen Abendprogramms laufen soll, hat folgende Absicht: 1) Anknüpfend an die Tradition des Demokratischen Rundfunks, den Kindern vor dem Schlafengehen noch eine kleine Geschichte oder ein Lied, verbunden mit einigen Hinweisen auf dem Gebiet der charakterlichen Erziehung, zu bringen.“/11/

Doch damit nicht genug. Als seinerzeit das allererste Mal das Sandmännchen über die DDR-Bildschirme sprang, war auch im gesendeten „Abendgruß“, also im „Innenteil“, Obrigscher Geist anwesend. Es lief nämlich eine Folge von „Gisela und die Fernsehfinken“, eine Reihe, die bereits seit längerer Zeit im DFF präsent war. An jenem Abend musizierte Gisela Hein – ehemalige Mitarbeiterin von Ilse Obrig beim Hörfunk – mit den Studiokindern und sang das Schnecken- und Schmetterlingslied. Ilse Obrig’s „Spezialität“ war genau dieses Singen und Musizieren gemeinsam mit den Kindergruppen im Studio vor laufendem Mikrophon, eines ihrer ersten kleinen Ensembles waren die „Rundfunkspatzen“. Die „Fernsehfinken“ hörten zwar Mitte 1960 auf, im DFF zu zwitschern, 16 Jahre später aber wurde die alte, ausgestorbene Reihe neu in den „Abendgrüßen“ belebt mit den „Liederspielplätzen“.

Die Legende vom „Klassenkampf“ bei der „Sandmännchen“- Entstehung wurde zu DDR-Zeiten nie öffentlich thematisiert. Keiner fragte je nach dem Zustandekommen des eigentlich „unrunden“ Erstsendedatums/12/, niemand nach der Herkunft des mehrtausendmal verbreiteten Titels nebst DDR-typischen Possesivpronoms „Unser Sandmännchen“ (auch der Diminutiv ist vermutlich auf das Obrigsche Vorbild zurückzuführen, denn in Radio DDR hieß die Figur bekanntlich „Der Sandmann“, und ebenso weist das berühmte DFF-Lied in der Krumbachschen Textvorlage keine Verkleinerungsform auf!). Erst 1993 meldete sich die vormalige Redakteurin und Autorin des DFF, Inge Trisch, zu Wort und gab Kunde von jener, jahrzehntelang verschwiegenen politischen Initialzündung des DDR-Schlafbringers./14/ In der Folgezeit wurde die Mär vom „Wettlauf“ immer wieder gern in diesbezüglichen Publikationen aufgegriffen, ohne jedoch zu hinterfragen, was im Westen wirklich geschah. Abgesehen davon, dass keiner der Autoren, meist ehemalige DFF-Fernsehmacher, je wirklich eine genaue Angabe über den Sendestart beim SFB geben konnten./14/

Totgeschwiegen, aber hinter vorgehaltener Hand von Insidern des DFF immer gern weitererzählt, wurde indes auch jene erwähnte Offerte des WDR, die ein halbes Jahrzehnt nach der im Kalten Krieg erfolgten Geburt des Traumsandstreuers an die ostdeutschen Fernsehchefs erging. Inzwischen waren einige ereignisreiche Jahre „übers Fernsehland“ gegangen und auch beim „West-Sandmännchen“ hatte sich einiges getan. Längst war die Obrig-Schüppelsche Kreation abgelöst von einer Figur, der ein ehemaliger Kollege von Behrendt aus dem Dresdner Trickfilmstudio, Herbert K. Schulz, im Herbst 1962 filmisches Leben eingehaucht hatte. Schulz, der 1958-60 auch in den Berliner Ateliers des DFF gearbeitet und gewiss die Sandmännchen-Produktion hautnah erlebt, wenn nicht sogar beratend unterstützt hatte, ging Anfang 1961 in den Westteil der Stadt und ergriff mit neu gegründeter eigener Firma die Chance seines künftigen Berufslebens: die von NDR, HR und SFB geforderte Neukonzipierung des „Sandmännchens“ in der ARD. Unterstützt hatte ihn dabei neben den in Dresden erworbenen Fähigkeiten zur Trickfilm-Produktion die zunächst beim HR, später beim NWF/NDR wirkende Redakteurin Helga Mauersberger, die auch aus der DDR stammte. Allerdings war der Schulzschen Sendung – zumindest was die Rahmenhandlungen anbelangte – nicht solch ein Erfolg beschieden wie der aus der ungeliebten DDR; und nichts anderes war der Grund, warum Werner Höfer im Jahre 1966 mit gutem Westgeld ein ostzonales TV-Produkt kaufen wollte. Allein, trotz permanenter DDR-Devisenknappheit wollten die Chefs des DFF „unsere“ Kreation mitnichten in den anderen Teil Deutschlands verhökern, obgleich wenige Jahre später der ostdeutsche Schlafbringer zu einem Exportschlager auch in westlichen Ländern werden sollte; den Beginn machten Zypern und Schweden. Der WDR schuf sich ein „Sandmännchen International“, das jedoch noch weniger an die erfolgreiche Karriere des Kontrahenten aus Ost-Berlin anknüpfen konnte. Dass letzterer „die Lokomotive für ideologisch-propagandistische Beigaben abgeben“ musste, wie Höfer seinerzeit in seinem Brief an BILD vermerkte, ist unbestritten und oft genug beschrieben./15/ Sowohl in den über 350 Rahmen, als auch in den „Abendgrüßen“ (etwa 10.000) wurde immer wieder Zeitkolorit transportiert – was im übrigen auch zum Erfolgsrezept gehörte –, welches nicht zuletzt auch mit deutlichen politischen Inhalten ausgefüllt war. Aber eine immer wieder – bis heute!/16/ – mit konstanter Boshaftigkeit verbreitete Legende muss jedoch als nichts anderes als hanebüchener Unsinn bezeichnet werden – die Mär von der herbeigewollten Ähnlichkeit der Figur mit einem gewissen ostdeutschen Parteichef, „bewiesen“ einzig am typischen Bartgewächs. Sie ist durch nichts belegt, wird von allen Machern (vor allem vom „Sandmann-Vater“ Gerhard Behrendt) auch nach der Wende – trotz vieler „Enthüllungsgeschichten“ – strikt geleugnet und lediglich durch eine unbedarfte, hemdsärmlig-eilfertige Journaille am Leben erhalten. Sie ist auch vom Wahrheitsgehalt her sehr unwahrscheinlich, da die Figur in ihrer Entstehungszeit 1959/60 eine nicht unbeträchtliche Wandlung durchmachte und quasi in verschiedenen Entwicklungsstadien auftrat. Das sich letztlich herausgebildete Kopfprofil mit leicht gebogener Zipfelmütze und geschwungenem Spitzbart lässt sich dem Vernehmen nach auf eine Idee von DDR-Stargrafiker Werner Klemke zurückführen und weist auf einen, mit dem abendlichen Schlafbringer durchaus verwandten Halbmond, nicht aber auf den sächselnden Politiker./17/

Noch einmal geriet Sandmännchen Ost ins Kreuzfeuer eines deutsch-deutschen Gefechtes, als sein Kollege im Westen längst abgeschafft war./18/ In der Zeit des Medienumbruches in der untergehenden DDR wurde er plötzlich wieder in das Licht der großen Öffentlichkeit gestellt. Das Schicksal des Deutschen Fernsehfunks war eigentlich besiegelt, doch würde der Sandmann weiterleben? Diese Frage beschäftigte seinerzeit Medienpolitiker, Sandmann-Macher, Eltern und vor allem die Kinder. Eigentlich war der Abendgruß zu jener Zeit noch nicht in unmittelbarer Gefahr. Das geplante ostdeutsche Programm „O 3“, das dann ab 15. Dezember 1990 als „Länderkette“ auf den Frequenzen des DFF II gesendet wurde, sah bereits in frühen konzeptionellen Phasen den Altgewohnten und Vertrauten der Kindheiten auf den bekannten Programmplätzen vor. Auch in den Regionalprogrammen der ARD in Ostdeutschland, die vom „Tag X“ an auf den Frequenzen von DFF I würden gesehen werden, sollte Sandmann präsent sein: „Das KINDERFERNSEHEN ist mit wöchentlichen Halbstundensendungen und dem ‚Sandmännchen‘ in den ostdeutschen Regionalfenstern des ARD 1 Programms vertreten. Für ‚O 3’ kommen in Frage:
[.....] Ebenfalls das tägliche ‚Sandmännchen’ (18.50 Uhr).“/19/

Nicht viel anders war es gekommen. Trotzdem brach im Herbst ‘90 ein Sturm der Besorgnis und Entrüstung um Sandmann‘s vermeintliches Schicksal los. Die ohnehin übersensibilisierte Öffentlichkeit wurde insbesondere von zwei Zeitungsartikeln aufgeschreckt. In der DDR-Programmzeitschrift/20/ berichtete das Ehepaar Sabine und Thomas Bruse aus Berlin (West) von einer medienpolitischen Veranstaltung des SFB-Rundfunkrates, auf der von Verantwortlichen des Berliner Senders vorgeschlagen wurde, den Sandmann aus Kostengründen abschaffen und an seine Stelle „eine Erzähloma mit Bildergeschichten installieren“ zu wollen. Das Paar rief zur „Aktion“ auf und gab neben der eigenen die Kontaktadresse des gleichgesinnten Ehepaars Birgit und Karsten Reile aus Berlin (Ost) an. Zur selben Zeit missverstanden viele Zuschauer die beabsichtigte Einführung der Länderkette als Abschaltung oder Auflösung des Deutschen Fernsehfunks. Und am 14. Oktober 1990, dem Tag der ostdeutschen Landtagswahlen, war der „Abendgruß“ zum vermutlich ersten Mal in seiner langen Geschichte ausgefallen. Die ehemalige FDJ-Tageszeitung richtete ihre Wut an den neuernannten Rundfunkbeauftragten Rudolf Mühlfenzl: „Wenn Sie in diesem Land an einem Mann scheitern können, so ist es der Sandmann!“/21/ Der Geschmähte aus dem „bayerischen Wald“ konterte scharf: „Gerade diese beliebte Kindersendung ist in den letzten Wochen zu einem Politikum geworden. Von einer bestimmten Presse, wie zum Beispiel dem ehemaligen FDJ-Magazin ‚Junge Welt’, wurde uns immer wieder unterstellt, wir wollten das Sandmännchen streichen. Das ist nicht so. Ich würde doch auch nicht in Bayern den Pumuckl verbieten.“/22/ Er entdeckt sein Herz für den „kleinen Wicht“ und machte „Unser Sandmännchen“ fortan zur Chefsache. Indes, die Protestlawine rollte: Unterschriftenlisten, Resolutionen, Aufrufe. Es kam gar zu Demonstrationen. Hunderte Briefe aus allen Teilen der Ex-DDR treffen bei den Kontaktadressen der „Interessengemeinschaft Sandmännchen“ ein, einige zigtausend Unterschriften. Die Sammlung wurde dem Rundfunkbeauftragten übergeben und gilt als Mahnung für künftige Programmgestalter bis heute. Denn obgleich in jenen politisch stürmischen Herbsttagen des Jahres 1990 der Fernsehsandmann nicht wirklich bedroht war, hatte der Proteststurm doch seine noch immer ungebrochene Beliebtheit überdeutlich gemacht und letztlich ganz offenkundig mit zu seinem Fortbestehen sogar im zunächst noch sperrigen NDR/Mecklenburg-Vorpommern Anfang 1993 und schließlich im heutigen ARD-Gefüge beigetragen./23/ Dass dennoch Fernsehmacher immer wieder an der beliebten Sendung rütteln wollen, zeigen die gegenwärtig geplanten und vollzogenen Veränderungen in den Vorabendprogrammen von NDR und RBB. Scheint die Abschaffung des „Sandmännchens“ im Norden bereits beschlossene Sache, so setzen sich in Berlin/Brandenburg Publikum und Presse gegen entsprechende Pläne der Nachfolgeanstalt von SFB und ORB mit Vehemenz zur Wehr. „Unser Sandmännchen“ bleibt ein Politikum bis heute ...


Literaturangaben:

1 Höschel, Hans: Entscheidung über Verkauf von Sandmännchen-Vor- und Abspänne. DFF-Hausmitteilung. Berlin, 7. Juli 1966. BArch, Bestand DFF, DR 8/52.
2 Höfer will ein qualifiziertes Sandmännchen: Werner Höfer in einem Brief an die BILD-Zeitung. Abgedruckt in ebenda am 5. August 1968.
3 Zu diesen Aktivitäten vgl.: Forster, Ralf; Thiel, Jens: „SS wählt Adenauer“, Die Bundesrepublik im politischen Trickfilm des DDR-Fernsehens bis 1961; in: Filmblatt, Herausgegeben von CineGraph Babelsberg e.V., Nr. 17/2001, S. 4 ff.
4 Hausmitteilung an das Kinderfernsehen vom 4. November 1959. BArch-SAPMO, DR 8/224.
5 So erinnert sich die damalige Abendgruß-Redakteurin Inge Trisch. Gespräch mit dem Autor am 9. Februar 1999 in Berlin.
6 Informationen von Johanna Schüppel in verschiedenen Gesprächen mit dem Autor, u. a. 5. Februar 1999 und 27. März 2003.
7 Ferber, Christian: Eine Woche vor dem Fernsehschirm. Nette, aber halbe Sachen - Nachmittags tut sich manchmal was. Die Welt. 4. August 1958.
8 Kluwe, Sven: SFB-Fernsehen an Goldberg/SFB-Sendeleitung vom 29. August 1958. DRA/SFB-Deposit Nr. 3174.
9 Kluwe, Sven: SFB-Fernsehen an Goldberg/SFB-Sendeleitung vom 2. Februar 1959. Ebenda.
10 Fambach, Dagmar: Protokoll über die Besprechung mit Herrn Programmdirektor Fischer und Herrn Goldberg, Sendeleitung, am 25. Mai 1959. DRA/SFB-Deposit Nr. 3213.
11 DFF-Kollegiumsvorlage Nr. 48/58. Deutscher Fernsehfunk – Kinderfernsehen. Berlin, 27. Juni 1958: Herbst-und Winterplan vom Oktober 1958 bis März 1959, S. 21. BArch, Bestand DFF, DR 8/11-12.
12 Im Gegensatz zum „Sandmann-Datum“ 22. November 1959 fand der Start der vorerst „sandmannlosen“ „Abendgrüße“ ein reichliches Jahr zuvor, am 8. Oktober 1958, statt. Vorgesehen war eigentlich der 7. Oktober - Republiksgeburtstag –, doch an jenem Abend waren die allseits beliebten Feierlichkeiten auch in der „Röhre“ angesagt. Das hinderte indes „Meister Nadelöhr“ und „Meister Briefmarke“ im „Abendgruß“ am 7. Oktober 1959 nicht daran, den Sendestart in einem Akt von Geschichtsfälschung retrospektiv wieder um einen Tag vorzuverlegen, um der politischen Konformität genüge zu tun: „... denn heute, genau vor einem Jahr, haben wir damit begonnen, auch im ‚Abendgruß’ ‚Gute Nacht’ zu sagen.“
13 In einem Interview mit dem Medienwissenschaftler Wolfgang Mühl-Benninghaus. Fernseh-Informationen. München, 1993, Nr. 7 (April), S. 203.
14 Neben Inge Trisch beispielsweise Hans-Jürgen Stock in: Handbuch des Kinderfernsehens. Hg. von Hans Dieter Erlinger u. a. Konstanz, 1995. S. 74; oder der ehemalige Aktuelle-Kamera-Chef Erich Selbmann in: DFF Adlershof: Wege übers Fernsehland. Berlin, 1998. S. 58; Sogar der ehemalige (West-)Sandmännchen-Redakteur beim NDR, Arno Alexander, manifestiert offenkundige Verwirrung. Vgl. Alexander, Arno: Am Anfang war das Wort ... Zeichentrick und Sandmann im deutschen Kinderfernsehen. In: Kinderfernsehen. Vom Hasen Cäsar bis zu Tinky Winky, Dipsy und Co. Hrsg. von Wolfgang Buresch. Frankfurt am Main 2003. S. 160.
15 Vgl. u. a. Hoff, Peter: Sandmann, unser Zeitgenosse. In: Sandmann auf Reisen. Ausstellungskatalog, Filmmuseum Potsdam. Berlin, 1993. S. 22 ff.
16 Zuletzt gefunden bei: Gritzmann, Eva: Der Sandmann und das geheime Deutschland. Deutschlandfunk, Studiozeit Neue Medien. Sendung v. 21. Dezember 2001. Manuskript unter: www.dradio.de/cgi-bin/es/neu-medien/88.html.
17 Nach Eberhard Neumann; als Grafiker Klemke-Schüler, später Trickfilmer und in der Nach-DFF-Zeit Geschäftsführer der Sandmann-Studio Trickfilm GmbH.
18 Auch diese Legende hält sich hartnäckig bis heute, dass nämlich in der deutsch-deutschen Medien-Wendezeit 1991/92 das Ost-Sandmännchen die gleichnamige Sendung im Westen abgelöst hätte, wie beispielsweise in der jüngsten Publikation „Kinderfernsehen. Vom Hasen Cäsar bis zu Tinky Winky, Dipsy und Co.“. A. a. O., wo in der Zeittafel auf S. 208 zu lesen ist, „ab 1992 ging es dann mit dem ehemaligen Ost-Sandmännchen weiter“. Das ist schlichtweg falsch, denn keine der dort angegebenen Anstalten sendete den West-Sandmann bis 1991. Schulz produzierte die letzten Folgen 1982/83, er verstarb 1986. Der NDR versuchte es unter der Redaktion von Arno Alexander ab 1983 mit einigen Alternativ-Figuren, bis die Reihe dort Anfang 1989 endgültig vom Bildschirm verschwand. Das SFB-Familienprogramm nahm unter der Leitung von Uwe Rosenbaum die Sendung bereits Ende 1983 vom Sender und ersetzte sie durch die noch heute bestehenden Cartoon-Figuren „Wolff und Rüffel“. Im SWF wiederum war Sandmännchen-West in Wiederholungsteilen mindestens bis Mitte 1993 zu sehen.
19 Internes Diskussionspapier der vier Chefredakteure des DFF. Berlin, 25. September 1990.
20 Sandmännchen im Schlamassel. In: F.F. dabei. Berlin, Nr. 48 vom 22. November 1990.
21 Andreas Kurtz in: Junge Welt. 4. November 1990.
22 In: Die Welt am Sonntag. 9. Dezember 1990.
23 Er ist im übrigen die einzige, von der ARD übernommene Kindersendung des DFF!