KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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TextKulturation 1/2003
Dietrich Mühlberg
Vom langsamen Wandel der Erinnerung an die DDR
I. Über allgemeine Bedingungen ostdeutschen Erinnerns

Vorbemerkung

Anlaß für diese Skizze war die Anfrage, ob sich auf einer Tagung über das Verhältnis von Gedächtnis und Zeitgeschichte bereits etwas über mögliche Wandlungen der Erinnerung an die DDR aussagen lasse. Und dies vor dem Hintergrund der Tatsache, daß Erkenntnisse historischer Forschung immer wieder in konflikthafte Beziehung zu jenen Geschichten vom Vergangenen geraten, die im Alltagsleben der Leute umlaufen und ihrer Vergewisserung in aktuellen Zeitläufen dienen. Gerade diese Berührungen und Konflikte zwischen der "außerwissenschaftlichen" Erinnerung der Vielen einerseits und der professionell betriebenen Zeitgeschichte und ihrer politischen Verwertung auf der anderen Seite, sind in den ostdeutschen Ländern, sind bei der Population der ostdeutsch Sozialisierten, von eigener Art. Dies vor allem, weil der "Erinnerungsbedarf" einer großen Mehrheit der Ostdeutschen von den offiziellen Verlautbarungen kaum berücksichtigt wird. Sie werden sogar angehalten, den größeren Teil ihrer Erfahrungen aus der Erinnerung zu löschen und sich an das "kommunikative und kulturelle Gedächtnis"[1] der anderen deutschen Teil-Gesellschaft zu halten. In eigener Sache verbleiben sie darum auf der Stufe oraler Traditionsbildung. Durch viele kleine Geschichten, durch Bewahrungshandlungen und durch Erinnerungsstücke bilden sie eine zerstreute Erinnerungsgemeinschaft. Die wird noch kaum durch eigene Verarbeitungen zusammengehalten, sondern vor allem durch den anhaltenden Vorwurf von Politikern, Wissenschaftlern, Militärs, Publizisten, Chefs usw., daß sie immer noch so anders sind und von unstrittigen kulturellen Normen abweichen. Das irritierte sie und sie fragten mit den Jahren vermehrt danach, wer sie selbst sind, woher sie kommen und worauf sie sich stützen könnten. Aktuelle Konfliktsituationen und der völlige Verlust der Traditionssicherheit forderten sie immer wieder heraus, sich anders als offiziell erwartet zu erinnern. Dafür zwei alltägliche Beispiele unterschiedlicher Art. "Es ist mein Vaterland und meine Muttersprache, ich habe nie woanders gelebt, aber die Leute auf den Briefmarken kenne ich nicht."[2] Mit diesem Satz leitet Daniela Dahn ihr Plädoyer "Für eine ehrliche Geschichtsschreibung auf beiden Seiten" ein. Es mag zunächst als Lappalie gelten, daß Ostdeutschen und ihnen vertrauten Personen der Platz auf der Briefmarke ausdrücklich verwehrt bleibt. Doch diese postalische Ausgrenzung ist nur ein Symptom. Von anderem Gewicht war es, als der Bundespräsident auf der großen Berliner Anti-Terror-Demonstration eine kluge ausgewogene Rede hielt und es dabei wohl gar nicht bemerkte, daß eine einzige bekräftigende Nebenbemerkung das große Auditorium sofort in zwei Lager spaltete. Besonders hätten die USA, so meinte er, Anspruch auf die Solidarität der Berliner - nach allem, was Amerika gerade für sie getan habe! Eine ostdeutsche Publizistin antwortete ihm. "Wenn Ostdeutsche kühler erscheinen in ihrer Reaktion auf das Drama von New York, ist das nicht Antiamerikanismus, sondern Distanz. Im Osten glaubt man weniger an Gut und Böse als an die Verstrickungen von Macht bei der Durchsetzung ökonomischer Interessen. Es ist eine andere Gefühlslage. Die Ostdeutschen sind nicht dankbar, sie haben keine Care-Pakete mit überseeischem Milchpulver empfangen. Sie sind mit Amerika nicht verwandt."[3]

Solcherart geschichtliche Ausgrenzung der Ostdeutschen ist alltäglich, weil Westdeutsche es gar nicht für möglich halten können, daß es noch eine andere historisch Erfahrung und ein anderes gültiges Verhältnis zur Vergangenheit geben könnte. In solcher "Blindheit" sollte keine naive Selbstgerechtigkeit gesehen werden, haben doch Jahrzehnte des Kalten Krieges und das politisch verbindliche Delegitimierungsgebot dafür gesorgt, daß es für Westdeutsche außer einem Arbeiteraufstand (immerhin !) und den Demonstrationen von Bürgerrechtlern nichts Positives an der Vergangenheit der Ostdeutschen gibt.

Das Nachdenken über den Wandel der Erinnerung bleibt kaum unbeeinflußt von dieser allgemeinen ideologischen Ost-West-Kontroverse, die an Brisanz in den letzten Jahren eher zugenommen hat. Spezieller stehen sich, wenn es um die Geschichte der DDR geht, im Großen und Ganzen die Erinnerungen der Ostdeutschen und die professionelle Geschichtsdeutung von Westdeutschen wenig vermittelt gegenüber.

Das beeinfluß auch die Materiallage für diesen leichtsinnigen Versuch, einen sachlichen Bericht darüber zu geben, wie sich in der ostdeutschen Teilgesellschaft das Erinnern an die untergegangene DDR gewandelt haben könnte. Zumal es außer der irritierenden Tendenzlastigkeit der einschlägigen Befunde auch an gesichertem empirischen Material zu diesem speziellen Thema mangelt. Überdies ist "Erinnerung" ein weites, unübersichtliches Feld und schließlich dürfte auch die recht kurze Spanne von zehn Jahren es noch gar nicht zulassen, eine "Geschichte des Erinnerns" zu entwerfen. Um dies zu leisten wäre das "Erinnern" als kollektiver Vorgang in der Zeit auf seine Motive, Anlässe und Medien zu untersuchen. Auch wären die politischen Steuerungen, die Einflüsse der Massenmedien wie die der professionell-akademischen Erinnerungsarbeit näher anzusehen. Zudem wäre die Beziehung auf den historisch-kulturellen Erinnerungs- und Aufarbeitungsbetrieb der Bundesrepublik zu betrachten, die Automatik der Jahrestage ebenso wie die Installation von alltäglichen Verweisungen auf die politische Geschichte, also von Denkmälern und öffentlichen Bauten, von Inschriften, Straßennamen, Briefmarken, politischen Symbolen und Fahnen, von Gelöbnissen, Festen, Umzügen usw. Zu berücksichtigen wäre, was in den Schulen geschieht, was durch die politische Bildungsarbeit verbreitet wird usw. - also das ganze institutionelle Feld der bundesdeutschen Geschichtskultur wäre darauf abzuleuchten, in welcher Beziehung es zur Erinnerung der Ostdeutschen steht, zu der ja auch die zeithistorischen Studien der abgedrängten ostdeutschen Wissenschaftler gehören. Bislang ist das nur punktuell und recht kontrovers geschehen. Gleichwohl ist die Situation nicht hoffnungslos, denn Hinweise auf erinnerndes Verhalten finden sich in diversen Umfrageergebnissen (Forsa, Allensbach, Emnid u.a.), findet sich bei der Marktforschung (sinus, Burda, Mediaperspektiven u.a.), in soziologischen und sozialpsychologischen Studien (Universitäten Trier und Leipzig, WZB, BISS, SFZ, Gewis u. a.), in Reportagen und publizistischen Äußerungen, in ostpolitischen Debatten (Landtage, Forum Ostdeutschland der SPD u.a.), vor allem auch in den Ostdeutschland betreffenden Kunst- und Literaturdebatten, in Ausstellungen und in ihrer Resonanz (Besucherbücher, Presse), in autobiographischen Bekenntnissen und weiterem (insgesamt heterogen) Material.

Im folgenden werden zunächst allgemeine Bedingungen ostdeutschen Erinnerns skizziert. Danach wird auf Phasen der erinnernden Beziehung zur DDR hingewiesen und schließlich versucht, Tendenzen der ostdeutschen Erinnerung an die DDR-Gesellschaft zu benennen.

Es fehlt ein übergreifendes Verständnis von Tradition

Zu den allgemeinen Umständen ostdeutscher Vergangenheitsbeziehung gehört, daß mit dem Zusammenbruch des Sozialismus und dem Beitritt der politisch reformierten DDR zur Bundesrepublik die Beziehung zur Vergangenheit neu definiert und alles Erinnern in eine neue Motivlage gekommen war. Der deutsche Nationalstaat war wiedererstanden und in beiden Teilgesellschaften hatte sich damit die Perspektive auf die je eigene Herkunftsgeschichte geändert: es waren nun aufeinander bezogene Teilgeschichten einer zeitweilig gespaltenen Nation.

Mit dieser unerwarteten Wendung kam erneut die Frage auf, die im 19. Jh. die nationalstaatliche Identitätsbildung begleitet und vorangetrieben hatte: woher kommen wir und wohin gehen wir? Hier war nun plötzlich die vier Jahrzehnte währende Sezession der Ostdeutschen und ihre unerwartete Entscheidung für die nationale Einheit zu verarbeiten. Die großen Fraktionen westdeutscher Politik waren sich in der Beurteilung der zusammengebrochenen DDR schnell einig. Argumentativ ausgestattet durch die analogen Fraktionen in der Historiographie, betrieben sie eine Erinnerungspolitik, mit der sie auszulöschen, zu bewahren und hervorzuheben suchten. Hinsichtlich des ostdeutschen "Realsozialismus" war sie ausschließlich abgrenzend ("zweite deutsche Diktatur"), hinsichtlich der Nation doppelt unentschlossen. Einerseits galt das nationale Kapitel bereits als abgeschlossen. Und wenn man sich widerwillig - weil ja nun das Zusammenwachsen zu innerer Einheit angesagt war - auf das Nationale einließ, war nicht zu erkennen, worin denn außer der Schlüsselübergabe ein positiver ostdeutscher Beitrag zur deutschen Nation bestanden habe.

Die dadurch entstandene Lage sollte sich als problematisch erweisen. Zwar konnte es zunächst beruhigen, daß der Überschwang des medial inszenierten Einheitstaumels von 1990 für das "Nationalbewußtsein" zunächst folgenlos war. Doch die ideelle Seite der Integration der Ostdeutschen beschränkte sich auf die Segnungen der D-Mark und bestätigte so die "Wirtschaftswunderidentität" der Westdeutschen nachdrücklich, die Überflußgesellschaft hatte über die Mangelgesellschaft gesiegt. Zugleich aber stützte die einsetzende Dauerdebatte über Totalitarismus und über die Diktatur des SED-Regimes den Geschichtsrevisionismus und führte folgerichtig nach Noltes Vorstoß in den 80er Jahren zu einem zweiten Schub der Relativierung des NS-Regimes. Doch waren die Debatten um Botho Strauß, Hans Jürgen Syberberg, um Leitkultur und die neuen Pflichten der Deutschen westdeutsche Themen. Im Osten wurde wahrgenommen, daß sie nicht nur alle Lösungen entwertete, die in Ostdeutschland für die Problemlagen moderner Gesellschaften gefunden worden sind, sondern auch die Ideen und Praxen demokratischer Gegenbewegungen wertlos machte - sie hatten sich am falschen Gegner abgearbeitet und waren darum zwar für den Diktatur-Diskurs brauchbar, aber für die neue Bundesrepublik praktisch wertlos. So übten die Westdeutschen zwar einen starken kulturellen Assimilationsdruck aus, doch unterblieben Angebote, die aus der deutschen Tradition Ausgegrenzten in eine höhere fiktionale Gemeinschaft wieder aufzunehmen. Das sollte mit ihrer Bekehrung zu Verfassungspatriotismus, mit Reden über Freiheit und Demokratie abgedeckt werden. Als solche Missionen nicht recht erfolgreich waren, wurden sie mit dem unpassenden Hinweis verteidigt, daß ja auch die autoritär geformten frühen Bundesbürger erst durch den Wirtschaftswunderwohlstand von den Vorzügen westlicher Demokratie endgültig überzeugt worden sind. Man müsse also auch bei den Ostdeutschen abwarten können, aus ihnen würden schon noch rechte Demokraten werden.

Solcherart Nachsicht mußte von Ostdeutschen als Selbstgerechtigkeit empfunden werden, wurde ihnen ja nicht - wie den unwilligen Westdeutschen nach 1945 - das westliche Demokratiemodell aufgedrückt. Sie selbst waren die Akteure der demokratischen Wende von 1989/90, die aus einer inneren Entwicklung der DDR hervorgegangen ist. Aber gerade das aus dieser Eigenbewegung hervorgegangene Selbstbewußtsein fand keinen Platz im offiziellen Selbstverständnis der neuen Bundesrepublik. Folge der Geschichtspolitik war es, "... daß für den jüngsten, originellsten Erinnerungsbestand der Ostdeutschen in der bundesdeutschen Tradition wirklich kein Platz ist: Für die Erfahrung der Ostdeutschen, erfolgreich zivilen Ungehorsam geübt, erfolgreich plebejische und demokratische Forderungen gegen die politische Macht gewendet zu haben. Ebenso wenig für die Erfahrung der Ostdeutschen, wie sie mit mehr oder weniger Risiko eine demokratische, friedliche Revolution zuwege brachten. Auch nicht für die Erfahrung, daß sie dabei - Demonstrant und Polizist wie Kampfgruppenkämpfer - zu Verantwortung und Verständigung, Phantasie und Utopie fähig waren."[4]

So kommt es zu der kuriosen Situation, daß der Mainstream der offiziellen Geschichtsdarstellung seine Schwachstelle - in den Augen der Ostdeutschen - ausgerechnet in seinem Demokratieverständnis hat. Abgesehen davon, daß die SED selbst unter der "sozialistischer Demokratie" eine diktatorische Herrschaftsform verstanden hatte, mußte mit dem erneuten Diktatur-Ansatz das kritische Anliegen der oppositionellen Bürgerbewegung verfehlt werden. Sie hatte ausdrücklich "mehr Demokratie" gefordert und darunter etwas deutlich anderes verstanden, als es die Demokratieformen der Bundesrepublik zu leisten vermochten. Zwar teilte die Mehrheit der Ostdeutschen die Vorstellungen der Bürgerrechtler nicht. Doch übereinstimmend war und ist der Gedanke, Demokratie müsse es jedem ermöglichen, in allen ihn betreffenden Angelegenheiten mitreden zu können.

Heimatlos in eine prekäre Zukunft versetzt

Die DDR war für so gut wie alle Ostdeutschen ein beinahe hermetischer Erinnerungsraum. Die langsamen Wandlungen ihrer deutschen Teil-Gesellschaft bildeten den mehr oder weniger bewußt gewordenen Erlebnis- und Erfahrungshintergrund, auf den auch die beobachtete Geschichte der Nachbarländer - voran die der Bundesrepublik - bezogen wurde. Für die entsprechenden Generationen dürften Nachkrieg und Aufbauphase die mit dem eigenen Lebenslauf am intensivsten verbundenen Phasen gewesen sein. Sie hoben sich auch im offiziellen Geschichtsbild deutlich ab, das die DDR-Geschichte ansonsten als ein Kontinuum ohne ernsthafte Brüche schilderte.

Als die Ostdeutschen diese Kontinuität beendeten, fanden sie sich plötzlich und unvorbereitet in einer Gesellschaft, deren Geschichte sie nicht angehörten und deren geistige Eliten alles daran setzten, ihnen das auch klar zu machen. Nun soll die Wirksamkeit dieser gehobenen Art von Fremdenfeindlichkeit nicht überschätzt werden, weil der Kontinuitätsbruch beim Übergang in das andere Gesellschaftssystem von ganz elementarer Art war und die offiziell gewollte Geschichtslosigkeit ihn nur noch verstärken konnte. Allerdings war die westdeutsche kulturelle Elite außerordentlich gereizt und verdrossen - offenbar arbeitete sie nun einen Teil der eigenen Vergangenheit am Osten ab. Es wurde eine große Abrechnung inszeniert, mit der den ostdeutschen Traditionsträgern das moralische Recht entzogen werden sollte, an der Erinnerungsarbeit der neuen Bundesrepublik teilzunehmen. Es geschah dies erst jetzt, weil - so Karasek 1990 - man vorher "die DDR um des lieben Friedens und um der utopischen Hoffnung willen nicht reizen wollte"[5].

Aus der Distanz nur weniger Jahre erstaunt es, mit welchem Haß und Hohn hier die absolute Deutungshoheit mißbraucht worden ist, um konkurrierende Intellektuelle zu schmähen. Kaum eine der intellektuellen Leitfiguren innerer Systemkritik wurde ausgelassen, keine ostdeutsche Wortmeldung übersehen. Man erinnere sich nur, auf welches Unverständnis das Gedicht "Eigentum" von Volker Braun 1990 stieß: "Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen"[6]. In der Summe wurde er zum vernagelten Anhänger der SED-Diktatur gestempelt. Keiner seiner Kritiker mochte auch nur ahnen, wie intensiv sich hier auf wenigen Zeilen bereits das zukünftige ostdeutsche Verhältnis zur eigenen Geschichte ausdrücken sollte.

Von der Mehrheit der Ostdeutschen wurde die geistige Demontage ihrer traditionstragenden Personage kaum bemerkt, sie waren mit ganz anderen Problemen beschäftigt. Erst langsam wurden sie sich ihrer Auswanderung aus der eigenen Geschichte, ihrer plötzlichen geistigen Heimatlosigkeit bewußt und es begann das Erinnern an die verlassene Gesellschaft. Es war durchaus vergleichbar mit dem Rückblick der in der Neuen Welt gelandeten Auswanderer auf die zurückgelassene Herkunftsregion und Heimat, deren Unwirtlichkeit sie vertrieben hatte.

Die westdeutschen DDR-Spezialisten formierten sich neu

Auch auf westdeutscher Seite gab es Veränderungen. Dort hatten auf den Gegenstand des Erinnerns zunächst die langjährigen DDR-Forscher mehrerer Disziplinen ein Monopol. Sie begannen sich 1990 um die rechtmäßige Interpretation zu streiten, eine Veranstaltung an der sich kaum noch ostdeutsche Wissenschaftler beteiligten, ihr Gros war durch westdeutschen Personen- und Institutionentransfer bereits davon ausgeschlossen. Der Begründungsvorwurf der Staatsnähe und Systemrechtfertigung traf dabei auch fast alle diejenigen, die schon vordem für ein historisch-kritisches Bild von der realsozialistischen Gesellschaft plädiert hatten.

Weit abgeschwächter versetzte es auch diejenigen Westdeutschen in eine Verteidigungsposition, die mit einer größeren Dauerhaftigkeit des realsozialistischen Ostblocks gerechnet hatten und sich im Dienste friedenserhaltender Koexistenz auf eine vergleichende Betrachtung der Systeme eingestellt hatten. Inzwischen hatte sich die Formel "Wandel durch Annäherung" erledigt und nun war nicht mehr zu fragen, welche unterschiedlichen Problemlösungskompetenzen oder welche verwandtschaftlichen Züge die beiden konkurrierenden Systeme besaßen. Solche Fragen schienen sich durch den Sieg "des Westens" erledigt zu haben. Jetzt war nur noch zu klären, wie es kommen konnte, daß die SED-Diktatur sich so erstaunlich lange hatte halten können. Das Täter-Opfer-Schema wurde dominant. Während westliche Politiker aufgebrachten Bürgerrechtlern gegenüber beteuern mußten, mit den gestürzten Diktatoren nur zum Scheine verhandelt und wahrhaftig nur auf ihren schnellen Sturz erpicht gewesen zu sein, war dies bei den Wissenschaftlern, die schnell im Geruche standen, Mit-Täter gewesen zu sein, etwas schwieriger. Auch sie sortierten ihr Erinnerungsmaterial neu und gingen - im Verein mit jener Gruppe von Bürgerrechtlern, die sich nun auch als langjährige heftige Gegner des Realsozialismus zu verstehen begannen - daran, mit den geistigen und politischen Folgen der SED-Diktatur aufzuräumen. Zugleich bestand in der Öffnung aller ostdeutschen Archive eine große Versuchung für Historiker, sich an der Ausweidung der ostdeutschen Vergangenheit zu beteiligen und die Geschichte ihrer Brüder und Schwestern aus den Papieren der Macht zu schreiben. Dies gab notwendigen Neuinterpretation des realsozialistischen Geschehens eine ganz eigene Note.

Ostdeutsche sind von der Neuinterpretation ausgeschlossen, aber unter bestimmten Bedingungen zugelassen

Ostdeutsche waren nunmehr nur noch am Rande an der Bearbeitung der DDR-Vergangenheit beteiligt. Ihre Historiker und Sozialwissenschaftler waren dazu weitgehend ungeeignet, denn entweder wurden sie als notorische Ideologen des untergegangenen Regimes oder als inkonsequente Reformer (und damit als die wirksameren Stützen der Diktatur) entlarvt und ausgeschieden. Die Dämonisierung der ostdeutschen Sicherheitsdienste ermöglichte es danach, beinahe jede störende Person ins Abseits zu stellen.

Abgesehen von der kleinen Zahl ostdeutscher Wissenschaftler, die in zeithistorische Forschungsprojekte eingebunden wurden, haben die Ausgesonderten in vielen Einzelprojekten (die jenseits der Wissenschaftsförderung möglich waren, meist über örtliche Trägervereine, bei Museen und Kulturämtern, finanziert als ABM) begonnen, DDR-Geschichte neu zu schreiben. Es ist noch nicht auszumachen, was hier - in recht verschiedener Perspektive auf die DDR - zur Ergründung ihrer Geschichte geleistet worden ist (Sicherung biographischer Erinnerungen, lokale Forschungen, Erhalt ausgesonderter Sammlungen und Archive, Alltagskultur, Umwelt- und Kunstprojekte u. a.). Peer Pasternack hat im Rahmen einer Studie zu den geistes- und sozialwissenschaftlichen Zeitschriften in Ostdeutschland einen ernüchternden Überblick über das verbliebene Wissenschaftspotential gegeben[7]

Die von diesen Gruppierungen und Einzelforschern geleistete historiographische Arbeit wird vom akademischen Betrieb kaum wahrgenommen und von den Medien ignoriert. Sie sollte aber nicht unterschätzt werden, finden ihre Publikationen doch - vornehmlich über ostdeutsche Kleinverlage - im Osten einen Markt. Dagegen werden die meist dickleibigen Sammelbände und Monographien der zum Zwecke der Aufarbeitung der ostdeutschen Vergangenheit geförderten Institute und Projekte wenig wahrgenommen und fast ausschließlich "im Westen" abgesetzt - dies schon, weil die inzwischen privatisierenden ostdeutschen Wissenschaftler sie sich häufig gar nicht leisten können.

Die westdeutsche Deutung war siegreich, hatte aber unbeabsichtigte Folgen

Es war für die ostdeutsche Geschichtskultur prägend, daß sich recht schnell ein Konsens bildete, der Politik, Medien, Geschichtswissenschaft und die eher rechtskonservativen Fraktionen der Bürgerrechtler einte und das Deutungsangebot an die beigetretene ostdeutsche Bevölkerung festlegen sollte. Nur scheinbar an das Demokratiebegehren der Bürgerrechtsbewegung anknüpfend, wurde die geistige Delegitimierung der fehlgeschlagenen sozialistischen Alternative durch ihre Entlarvung als Diktatur zur (auch wissenschaftspolitisch) konsequent durchgesetzten Generalstrategie. Die DDR war als "ein rechtskräftig beendetes Kapitel Feindgeschichte"[8] zu behandeln. Eine entsprechende Denk- und Sprachregelung wurde in der Öffentlichkeit durchgesetzt. Dies auch über den Bereich der Spezialisten hinaus, weil das "SED-Regime" hinreichend belastendes Material von sinnlich-anschaulicher Wirksamkeit hinterlassen hat, das zur Stützung der Thesen gut geeignet war. Die Zentrierung auf das Politische machte diese Kampagne zugleich schwächlich und abgehoben; sie hatte auch manche Züge, die den Anstrengungen der Abteilung Agitation im ZK der SED recht ähnlich sahen, vor allem die Sicherheit und Einschichtigkeit im Urteil.

Das gilt nicht gleichermaßen für das im Osten aufgebaute System der politischen Bildungsarbeit, das differenzierter operierte. Doch es leidet an drei Mängeln. Es propagiert die bundesdeutsche Variante westlicher Demokratie, der Ostdeutsche von allen Seiten des neuen Systems am skeptischsten gegenüberstehen. Zweitens konzentriert es sich - wenn es um Geschichte geht - auf die politische, betreibt also diversifizierte Kritik an der SED-Diktatur. Und da es in volkspädagogischer Absicht vom Westen her kommt, heißt dies drittens - wie Erhard Crome und Muszynski[9] in ihrem Bericht über die politische Bildung und ihre Bedingungen in Ostdeutschland vorsichtig formulieren - daß ihr die selbsttragende Entwicklung fehlt. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von Desinteresse und politischer Apathie, sind aber nicht ohne Hoffnung.

Weit trauriger sieht es da an den ostdeutschen Schulen aus, die in diesem Punkte nichts als eine schlechte Kopie der westdeutschen Schulsituation sind. Schon ein Blick in die hier verwendeten Schulbücher zeigt, daß sie als Orte historischer Vergewisserung weitgehend ausfallen. Hier lehren verunsicherte Ostdeutsche nach westdeutschen Lehrbüchern. Als Themen kommen vor: der 17. Juni, der Mauerbau, die Leipziger Montagsdemos. Allerdings scheint dies nicht allgemein zu gelten, denn in der Presse erscheinen immer wieder Hinweise darauf, daß Lehrer ihre Freiräume zu differenzierter Darstellung nutzen. Das gilt besonders für Berlin, wo dies auch direkt als Ost-West-Konflikt ausgetragen wird, wenn sich etwa Westberliner Bildungsbeamte in einem Arbeitskreis zusammenschlossen, "um die folgenden Generationen vor Infiltrationen durch das 'Wertesystem der DDR' zu bewahren"[10]. Da die einschlägigen Medienberichte nicht ohne denunziatorische Züge sind, dürfte ein sachliches Urteil über den Geschichtsunterricht in Ostdeutschland schwierig sein. Als sicher kann angenommen werden, daß ostdeutsche Lehrer ihre Schwierigkeiten mit dem offiziellen Deutungsangebot haben. Nach Analyse der in den Hauptschulen der Bundesrepublik verwendeten Schulbücher sagte der Historiker Wolfgang Jacobmeyer über deren allgemeines Darstellungsmuster, daß "es eher ein politisches System tadelt, als einen historischen Vorgang abbildet"[11] - ein vorsichtig vernichtendes Urteil. Auch die Automatik der offiziellen Jahres- und Gedenktage kennt vom Osten das, was die westdeutschen Schulbücher über den Osten wissen: den 17. Juni, den 13. August 1961 und den Mauerfall. Ansonsten wird die westdeutsche Erfolgsgeschichte abgefeiert.

Dem westdeutschen Umerziehungskonzept lag überdies die selbstgewisse - aber wohl - irrige Vorstellung zugrunde, daß eine konsequente Delegitimierung des Realsozialismus auf die Stimmungslage der Ostdeutschen träfe und damit zugleich die Akzeptanz der freiheitlich-demokratischen Grundordnung steigere. Das verkannte die Gemütslagen, die Lage und Lebensperspektive der Ostdeutschen zwar nicht völlig, ging dabei aber falsch mit der Tatsache um, daß sich nur eine verschwindend kleine Gruppe sich die DDR zurück wünschte. Gerade sie wurde durch die Aufarbeitungskampagnen in ihrer Nibelungentreue bestärkt, während die Mehrheit sich eher einer andauernden Belehrung ausgesetzt fühlte und in eine Rechtfertigungsposition gedrängt sah, auf die spontan mit dem bekannten Spruch reagiert wurde: "es war ja nicht alles schlecht, was wir hatten". Das war mehr ein Abwimmeln von Zumutungen, da ja fast alle inzwischen damit beschäftigt waren, sich in der neuen Gesellschaft einzurichten. Bekehrung zu wirklicher Freiheit mußten sie für überflüssig halten, weil sie ja gerade versuchten, die neuen Freiräume auszuloten, also sich ganz in der Zukunft befanden und dabei bemerkten, wie wenig das eigene Vergangene und nun Erinnerte dafür benötigt wurde.

In dieser Situation war es relativ leicht, ein abschließendes Urteil über die DDR zu fällen. "Der regierungsamtliche Festdiskurs über die Vereinigung hat eine neue Gründungsgeschichte für die erweiterte Bundesrepublik geschaffen, in der sich die ostdeutschen Bürger selbst befreiten, um Demokratie, soziale Marktwirtschaft und nationale Einheit zu wählen." [12] Dieser Generalinterpretation der Vorgänge von 1989/90 mochte die Mehrheit der Ostdeutschen zunächst ohne größere Einwände zustimmen. Doch schon bald sollte deutlich werden, daß diese Doktrin, nach der ein Volk in Ketten sich endlich erhob und die lang ersehnte Freiheit erlangte, nicht geeignet ist, die vierzig Jahre DDR und das Handeln der ostdeutschen Sezessionisten in die nun wieder als Einheit zu denkende Gesellschafts- und Nationalgeschichte der Deutschen einzuordnen. Aber nicht nur wegen dieses Defizits, sondern auch aufgrund ihrer Abgehobenheit blieben die offiziellen Deutungsangebote an die ostdeutsche Bevölkerung relativ einflußschwach.

Ostdeutsche basteln sich ihre Geschichte selber

Trotz langjähriger aufmerksamer Nachbarschaft mußten sich die Ostdeutschen in einer Gesellschaft zurechtfinden, die sie nicht kannten. Alle westlichen Strukturen und Institutionen sind unvermittelt auf den Osten übertragen worden, Markt, Wirtschaft, Technik, Recht, Politik, Massenmedien, Verwaltung, soziale Sicherungen - nichts davon ist östlich geblieben. Sie wurden "zu Fremden im eigenen Land, die noch einmal ganz von vorn anzufangen hatten"[13]. Mühsam stellten sie ihre alten Strategien und Techniken auf die neuen Umstände ein[14]. In kurzer Zeit sollten sie so werden, wie Westdeutsche ganz selbstverständlich sind. Im Großen kann das als Assimilations- und Anpassungsprozeß interpretiert werden, der nicht nur für Kulturwissenschaftler ein aufschlußreicher Vorgang ist, weil er bislang weder in dieser Dimension noch in seiner exogen geprägten Form in hochentwickelten Gesellschaften zu beobachten war.

Was Ostdeutschland in fünfundvierzig Jahren hervorgebracht hatte, war mit einem Schlag entwertet, nutzlos geworden. Das ging bis in die Details der Dingwelt, alles wurde neu und anders: die Zahnpasta und der Frühstückskaffee, die Fenster, Türen, Wasserhähne, die Möbel, Fernseher, Autos, Läden, die Brotsorten wie das Bier und die Bücher, die Straßennamen, die Zeitungen und Radioprogramme usw. usw. Teils fröhlich, teils wehmütig, wurde fast alles weggeworfen, was die Leute oft ein Leben lang begleitet hatte und ihre Erinnerungen trug.

An der neu über sie gekommenen Dingwelt hafteten keine lebensweltlichen Zeichen, die neuen Institutionen und Vorschriften hatten nichts Vertrautes für sie, mit ihnen verband sich keine gute oder schlechte Erinnerung. Alles was neu in den Osten kam, war in einer anderen Welt entstanden. Unsichtbar für die Ostdeutschen, ist es mit dem "Erlebnisstoff" anderer Generationen beladen, die in einem anderen Land gelebt haben. Was es den Westdeutschen signalisiert und für sie bedeutet, kann keiner im Osten verstehen oder nachempfinden. Zugehörigkeitsgefühl kann nachträglich nicht gelernt werden.

Es mag zu Zeiten des medial verbreiteten Rufs "Wir sind ein Volk" tatsächlich bei der Mehrheit der Ostdeutschen eine Gemütslage gegeben haben, die der späteren Kohlschen Gründungsgeschichte entsprach. Doch dauerhaftes Konfliktpotential mußte schon aus der trivialen Tatsache folgen, daß nun mal jeder Gewinn mit Verlusten erkauft wird. Die wurden für gewisse Lebensbereiche bald deutlich, doch ein reflektiertes Verhältnis dazu entstand erst mit der Zeit. Der ostdeutsche Theaterautor Thomas Oberender hat es in seinem Essay "Nachholen der Vergangenheit" für sich entfaltet. "Für einen, der 'aus dem Osten kommt', so innerlich emigriert man dort in ihrer Spätzeit auch lebte, heißt das, wenn er nun versucht, wirklich in seiner Zeit zu leben: alles "neu", eine konstante Herausforderung, die eigene Wahrnehmung zu synchronisieren, rückwirkend, nachholend, keine Möglichkeit von Anschluß, nur allmähliche Ent-deckung der eigenen Gegenwart in ihren Schichtungen. Irgendwie ist es schon frustrierend zu bemerken, daß tatsächlich alles, und ich meine wirklich alles, was jenes Interim von 40 Jahren in Ostdeutschland hervorgebracht hat, im Augenblick entwertet ist. ... Alle Moden, Trends, Stichworte und emotionalen Bindungen nähren sich aus einem Zeitspeicher, einem Echoraum der Erinnerung an Kämpfe, Ideen, Gesten, den ich nicht teile. Was läßt sich von dieser eigenen Lebenszeit vor dem Fall der Mauer im Osten heute noch als ein bereichernder Impuls weiterreichen? Ich weiß es wirklich nicht." [15]

Im Alltagsbewußtsein der Mehrheit stellte sich solche Verlusterfahrung weit weniger scharf reflektiert dar. Während der ostdeutsche Theatermacher Thomas Oberender und andere Intellektuelle daran arbeiteten, die eigene Wahrnehmung rückwirkend mit der Vergangenheit des Westens zu synchronisieren, konnte das für Mehrheiten kein Anliegen sein. Der jetzige Chefdramaturg von Bochum sagt es von seinen Landsleuten: "Der Heimathafen der neuen Bundesländer ist jene nachchristliche Universalkultur, die Amerika geprägt hat."[16]

Zweifellos eine richtige Beobachtung, die jedoch die geistige Situation der Mehrheit nur unzureichend erfaßt. Die Affinität der Ostdeutschen zu dieser Kultur der zeitlosen Mythen der Moderne beruht nicht nur darauf, daß sie für eine nachträgliche Einfühlung in die Geschichte der Westdeutschen kein Motiv haben. Sie müssen sich so behelfen, weil der Identifikation mit dem neuen Deutschland einiges entgegensteht. Detlef Pollack nennt als wichtigstes Hindernis die Erfahrung und Einsicht, zum Aufschwung nach 1990 wenig beigetragen zu haben. Anders als ihre östlichen Nachbarn wüßten sie, daß sie ihren heutigen Wohlstand "zum größten Teil nicht selbst erarbeitet, sondern geschenkt bekommen haben. Sicher haben die Ostdeutschen in den letzten Jahren viel geleistet. Aber es hat nicht gereicht, um an das westliche Niveau aufzuschließen. ... Dort aber, wo man zur Herstellung des Ganzen schlichtweg nicht gebraucht wird, kann das Ganze nicht zum eigenen werden."[17]

Wie die Ostdeutschen bei aller Neigung zur universalen Popularkultur sich in dieser defizitären Situation behelfen, hat der Diktaturforscher Stefan Wolle recht gut beschrieben: "Der alte Osten ist zum Eldorado der Geschichtenerzähler geworden. Jenseits der Geschichtswissenschaft hat sich eine lebendige Poesie der Erinnerung entwickelt, die oft als Ostalgie mißverstanden wird. Sie will festhalten, was da gewesen ist, die Bilder, Gerüche, Gesten, Gefühle, Worte. Sie macht sich am Konkreten fest, nicht an abstrakten Kategorien wie Unrechtsstaat oder totalitäre Diktatur."[18] Der arglose Ton dieser Aussage kann den Ernst der Lage leicht übersehen lassen. Darum sei noch eine schärfer akzentuierende Gewährsperson zitiert. Diese orale Erinnerungskultur - über deren Dimensionen noch etwas zu sagen wäre - "siedelt auf der diskursiven Brache, die ambitionierte Erzählungen vom 'Terror in der DDR' und der 'Deformierung' des Ostens lassen. Ostalgie entsteht, weil eine professionelle, medial wirksame Aufarbeitung der DDR, die nicht stigmatisierend ist, die zu differenzieren, abzuwägen und an den Alltagserfahrungen der Leute anzuknüpfen vermag, nicht stattfindet."[19] Das mag - auch angesichts der Forschungen und Publikationen dieses Hauses - etwas stark verallgemeinert erscheinen, doch es stimmt sicherlich, daß ausgewogenere historiographische Darstellungen medial kaum beachtet werden und die ostdeutsche Öffentlichkeit gar nicht erreichen. Übrigens schon, weil es keine solche Öffentlichkeit kaum gibt.

II. Zum Versuch, drei Stadien unterschiedlicher Erinnerung an die DDR zu bestimmen

Gibt es Anhaltspunkte dafür, daß sich bei "den Ostdeutschen" das Erinnern der eigenen Vergangenheit mit der Zeit verändert hat? Sollte es da so etwas wie einen erkennbaren Mainstream geben? Schon ein Blick auf die beteiligten Generationen läßt daran zweifeln. Christoph Dieckmann hat die Unterschiede plastisch benannt: "Die Erinnerer der SED-Diktatur sind in der Defensive. Die alten Ossis illuminieren ihr Jugendland mit Abendlicht, der Mittelbau hat aktuelle Sorgen, und die Handy&E-Mail-Jugend datiert unsere schönen Heldensagen von verbotenen Liedermachern und illegalen Wachsmatritzen ins Pleistozän."[20] Im Bewußtsein solcher Unterschiede und weiterer sozialer und kultureller Differenzierungen sei dennoch der Versuch gewagt, die zurückliegenden elf, zwölf Jahre in drei Phasen zu gliedern.

Zuerst das Aufleuchten einer noch ungewissen Zukunft (1990-92)

Konrad Jarausch und Matthias Middell haben 1993 auf Irritationen der Historikerzunft hingewiesen. "Der überraschende Einbruch der Geschichte in eine stabile Nachkriegsordnung hat die betroffenen Historiker in unterschiedlichem Maße verunsichert"[21]. Ähnlich wie den professionellen Beobachter der Weltläufe dürfte es den unmittelbar davon Betroffenen ergangen sein. Denn alle Generationen der DDR haben das Grunderlebnis der Dauerhaftigkeit geteilt, hatten die Erfahrung großer Beständigkeit gegebener Strukturen gemacht. Für alle kam die Öffnung der Grenze am 9. November 1989 plötzlich und unerwartet. Von diesem Moment an war die ganze Aufmerksamkeit der Ostdeutschen auf die Neue Situation konzentriert und mancherorts führte der Überschwang zu einer hochgradig leichtsinnigen Trennung von all dem, was nun "historischer Ballast" geworden war. Bibliotheken flogen ebenso in die Container wie Archive von Kultureinrichtungen und Betrieben, Straßen und Plätze wurden umbenannt, Denkmäler abgebaut, in den Straßen staute sich der Sperrmüll und "Super-Illu", die neue Illustrierte für die Ostdeutschen, setzte auf den Titel: "Vor der Wende mußte Meike aus Berlin die hässliche blaue FDJ-Bluse anziehen. Heute trägt sie am liebsten Reizwäsche. Doch der Wandel ist nicht nur äußerlich. Die neue Freiheit ist wie ein Ventil für die Seele."[22] Man mag den Stil der Schmutzpresse distanziert sehen, doch zweifellos drückte er einen Zeitgeist aus, den der Historiker nüchtern beschrieb: "Es ist dies eine Situation, die distanziertes und differenzierendes Geschichtsdenken kaum aufkommen läßt. DDR-Nostalgie und Totalverdammung stehen abrupt und ziemlich hilflos gegeneinander."[23] Diese rastlose und chaotische Umbruchphase dauerte etwa zwei Jahre, sie diente der ersten Orientierung und der schnellen Einübung in die neue Gesellschaft. Lutz Niethammer formulierte feinsinnig: "Der neue Kontext westlicher 'Normalität' erscheint wie eine Befreiung zur Realität, aber in der DDR ist er ein phantastisches Gebilde aus schnell wechselnden Vorstellungen, die sich noch nicht an den eigenen Fähigkeiten und der Organisierung eines Alltags bewährt haben."[24]

In dieser Zeit wurde vor allem intensiv Westdeutsches gelernt. Es war die Zeit optimistischer Kopflosigkeit und Neugier: fast alle wollten für sich an die neuen Möglichkeiten glauben. Das neue Deutschsein schien auch unproblematisch zu funktionieren, es war zwar etwas anstrengend, machte aber Spaß. Die Zustimmung zur sozialen Marktwirtschaft war in allen Schichten ebenso hoch, wie zur westdeutschen Parteien-Demokratie und erreichte Werte von nahezu 80%. Unter zwölf Kriterien für die Leistungen beider Systeme wurde die DDR nur noch in einer Position besser bewertet. Nur bei der Frage, ob der Sozialismus zumindest eine gute Idee und ein löblicher Vorsatz sein könnte, blieben die Ostdeutschen über die Zeit recht einig; konstant waren sie zu knapp 80% dieser Meinung[25]. Dennoch dürfte die Distanz zur DDR-Vergangenheit nie größer als zu dieser Zeit gewesen sein. Wozu erinnern? Die DDR-Verlage (viele kleine Neugründungen darunter), die gerade begonnen hatten, "Aufarbeitungsliteratur" in ihre Programme aufzunehmen, blieben mit dem 1. Juli 1990 darauf sitzen und konnten sie - zusammen mit ihren übrigen Beständen - zum Altpapier geben.

Ernüchterung: worauf die individuelle Perspektive gründen? (1993 bis 1996)

Als sich fast alle in der neuen Situation zurecht gefunden hatten, begann eine zweite Phase. Die Ostdeutschen fingen an, tragfähige individuelle Perspektiven zu entwerfen. Sie begriffen langsam, was da in ihrer Umgebung ablief, wer hier die neuen Eigentümer waren, wer das Sagen hatte. Ihre tatsächlichen Möglichkeiten zeichneten sich klarer ab und wurden ausprobiert. Als die Irritationen des Kulturschocks[26] sortiert waren, wurden nun auch die ehedem vertrauten Lebensregeln und Alltagspraxen auf ihre Brauchbarkeit geprüft und allmählich geahnt, zu welcher sozialen Gruppe, zu welchem Milieu der neuen Gesellschaft man gehörte. Das war allerdings schwierig und auch die Milieuforscher korrigierten damals noch alle paar Monate ihr Bild von den Sozialmilieus der Ostdeutschen (inzwischen findet sich bei ihnen ein wohlgeordnetes Nebeneinander der Sozialmilieus West und Ost, Ähnlichkeiten und Unterschiede sind recht genau vermessen).

In dieser zweiten Phase stieg das Votum für die "gute Idee Sozialismus" sogar auf über achtzig Prozent (die entsprechende Frage lautete konstant, ob der Sozialismus im Grunde eine gute Idee war, die nur schlecht ausgeführt wurde). Detlef Pollack warnte davor, dieses Votum für die sozialistische Idee zu überschätzen, denn darin drücke "sich auch die Verteidigung der in Mißkredit geratenen eigenen Vergangenheit aus"[27]. Eine treffende Interpretation. Das Festhalten an dieser Idee ist aber offenbar auch ein Indiz dafür, daß die neue Heimat Bundesrepublik zwar als Augenblicksgesellschaft akzeptiert wurde, sie aber noch keine für sie überzeugenden Zukunftsgarantien oder Perspektiven erkennen ließ. Doch die wären ihnen auch sonst verschlossen geblieben, weil für die Zukunftsgewißheit wohl gleichfalls gilt, was der schon zitierte Theatermann Thomas Oberender für andere Unwägbarkeiten feststellte: "Alle Moden, Trends, Stichworte und emotionalen Bindungen nähren sich aus einem Zeitspeicher, einem Echoraum der Erinnerung an Kämpfe, Ideen, Gesten". Der aber war und ist bei den Ostdeutschen mit anderen Erinnerungen angefüllt. Es ist noch nicht näher nachgefragt worden, welche Hinweise ihnen die eigene Geschichte auf eine mögliche Zukunft der neuen Bundesrepublik gibt.

Es könnte in dieser Irritation auch die Erklärung für ein Paradoxon zu finden sein, das die Meinungsforscher offenbar machten. Sie stellten übereinstimmend fest, daß in dem selben Maße, wie bei den Ostdeutschen die Zufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation anstieg, hat über die Jahre gleichermaßen die Unzufriedenheit mit dem Zustand der Gesellschaft zugenommen. Die allgemeine Zukunft wird eher düster gesehen. Vielleicht ist dieser Befund auch auf die Frageweise der westdeutschen Forscher zurückzuführen, die Skepsis vordergründig als Unzufriedenheit erleben und deuten. An unterschiedliche "Geschichtskulturen" dürften sie kaum denken und darum auch nicht ins Kalkül ziehen, daß alle Ostdeutschen sich so oder so der Frage hatten stellen müssen, ob eine sozialistische Gesellschaft tatsächlich die geschichtliche Alternative zur kapitalistischen Verkehrsform ist oder sein könnte. Ganz gleichgültig, welche Antwort sie für sich gefunden haben, sie sind - im Unterschied zur Mehrheit der Westdeutschen - daran gewöhnt, auf diese Weise die Gesellschaft in historischer Zeit zu denken, vor allem betrifft das die deutsche Geschichte.

Modernisierungstheoretisches Abwägen, wie groß denn der Bedarf an "nachholender Modernisierung" im Osten sei, ist geläufig. Ebenso kann man immer wieder (und immer wieder mit einiger Verblüffung) von Ostdeutschen hören - etwa wenn es um soziale Sicherheiten oder Frauenemanzipation geht - westdeutschen Kritikern entgegenhalten: "Wir waren da schon weiter!" Den vielfältigen Bedeutungen und Mißverständnisse, die in dieser Vorhaltung, die in diesem "wir" und in diesem "schon weiter" stecken, können nicht diskutiert werden. Aber es scheint sicher zu sein, daß in solchem entwicklungsgeschichtlich motivierten Festhalten an der Idee des Sozialismus ein Schlüssel für das Geschichtsverständnis der Ostdeutschen zu suchen und vielleicht zu finden ist. Übrigens auch, weil sie gegenwärtig erneut als Gesamtheit in der Situation sind, aufholen zu müssen. Und wieder heißt die einzig erfolgversprechende Strategie: die Westler überholen ohne sie einzuholen.

Doch zurück zu dem Versuch, die Zeit nach 1990 zu gliedern. In dieser zweiten Phase hatten alle bald begriffen, daß - abgesehen von Ausnahmen wie Arbeitnehmern zwischen vierzig und sechzig, wie alleinerziehenden Müttern und ehemaligen hohen Funktionären - die neue soziale Lage des Ostdeutschen häufig besser als die des früheren DDR-Bürgers war. Schon 1995 waren 50% mit ihrem neuen Leben zufriedener als zu dem in DDR-Zeiten. Aber: dieser neue Status war zugleich in vielerlei Hinsicht deutlich niedriger als der des vergleichbaren westdeutschen Bundesbürgers. Dieses Gefälle störte zunächst noch wenig und wirkte eher als Leistungsansporn, auch weil die "innere Einheit" ja zügig vorankommen sollte. Um 1992/93 setzte für die ostdeutsche Mehrheit also eine Phase privater Konsolidierung ein, die trotz heftiger sozialer Probleme größerer Gruppen und Regionen bis heute anhält. Die wirtschaftliche Lage der Familien verbesserte sich weiter, obwohl der gesamtwirtschaftliche Aufholprozeß schon Mitte der 90er endete.

Um diese Zeit finden sich erste Signale eines neuen Selbstbewußtseins. Es begann die Phase der für Westdeutsche meist unverständlichen "Ostalgie", der positiven Rückerinnerung an das Leben in der DDR. Bereits 1992 ließ sich der ostdeutsche Kabarettist Uwe Steimle beim Patentamt München das Wort "Ostalgie" eintragen; das kostete ihn 1700 DM Gebühren. Das gestiegene Bedürfnis nach positivem Erinnern arbeitete sich zunächst - und das einigermaßen unerwartet - an der eben noch geschmähten Ding- und Bilderwelt der DDR ab. Der inzwischen "fremde Blick" auf Überreste der eigenen Lebenswelt war häufig nicht viel mehr als ein Abrufen unreflektierter Erfahrungen, ein naives Spielen mit den Artefakten des "früheren Lebens". Der kultige Umgang mit Fahnen, Uniformen, Mopeds, Trabant-Autos, politischen Festformen, mit Schlagern, ostdeutschen Speisen, mit skurrilen Alltagsgegenständen, Grußformeln usw. entsprach einerseits der allgemeinen Eventkultur mit ihren bizarren Stoffen und Praktiken und wurde kommerziell ausgebeutet. Zugleich war er die einzige unverfängliche Form, die eine positive Beziehung zur eigenen Vergangenheit - eingeschlossen die blaue Bluse der FDJ - ermöglichte[28].

Erfolgreich konnten die "ostalgischen" Videos, Spiele, Bilderbücher, CDs, Poster und die karnevalesken Events nur sein, weil sie geschickt den lebensweltlichen Erinnerungsbestand aktivierten. Ähnlich ausgerichtete Internetseiten nahmen zu und an vielen Orten wurden alltagsgeschichtliche Ausstellungen eröffnet. Die regionalen Fernsehprogramme Ost zeigten wieder Filme aus der DEFA-Produktion und wiederholten Sendungen des DDR-Fernsehens. Und es wurden sogenannte "Ostprodukte" zu Reliquien. Weil die Leute auf der Suche nach dem "Geschmack von einst" waren, machten Bäcker Reklame mit "echten Ostschrippen". Auffällig war, daß es vor allem die sogenannten Genußmittel waren, von denen die Erinnerung an den alten Osten erwartet wurde: Zigarettensorten, Spirituosen, ostdeutsch gerösteter Kaffee, eigenartige Schokoladen. Eine junge Künstlerin nannte das Motiv: "Wenn Du wissen willst, wie Westkindheit war, dann gehst du und kaufst dir 'ne Kinderschokolade. Aber meine Kindheitsbonbons gibt's nicht mehr."[29]

Es folgte ein wahrer Boom an Ausstellungen, die einzelnen Momenten des früheren Alltagslebens gewidmet waren. Die Museen, Sammlungen und Ausstellungen wurden zu attraktiven Hauptorten ostdeutscher Erinnerungskultur. Ursprünglich oft von westdeutschen Stellungslosen und Glückssuchern eingerichtet, wurden Sammlungen mit allerlei DDR-Nachlässen inzwischen zu Attraktionen, zu tatsächlichen "Verehrungsdeponien" (Odo Marquardt). Hier sind in Vitrinen "bleiche Lebensmittel-Leichname aus DDR-Zeiten" (Gert Selle) ebenso zu besichtigen wie die Gebrauchskunst von einst. Die Alltagskulturellen Sammlungen zeigen "Dinge, die noch in Gebrauch sind. Die Eingeborenen der Kultur des realen Sozialismus begegnen den Sachen, die sie zu Hause haben, im Museum - dem Stuhl, dem Kochtopf und anderem. Sobald sie dieses Museum betreten, werden sie zu seinem lebenden Inventar. Denn der Anblick der dislozierten eigenen Dinge sagt ihnen, daß sie dahin gehören."[30] Es dürfte die Konfliktsituation solcher Selbst-Musealisierung verkennen, wenn der Zulauf zu derartigen Ausstellungen auf ostalgische Anwandlungen der Ostdeutschen zurückgeführt wird. Besucherbücher bekunden, daß nach derlei Gelegenheiten gesucht wird, selbst darüber nachdenken zu können, was mit einem eigentlich geschehen ist, worin der Bruch im eigenen Leben besteht. Im Kontext solcher Erwartungen ist auch die starke Empörung ostdeutscher Besucher über die schäbige DDR-Abteilung der großen historischen Ausstellung zum 50. Jahrestag der Bundesrepublik zu verstehen ("Einigkeit und Recht und Freiheit"). Ganz anders ist die Stimmungslage bei den beliebten historischen Umzügen der zahlreich gefeierten Dorf- und Kleinstadtjubiläen. Während man für den "historischen Teil" der Fundus des nächsten Theater und das Heimatmuseum benötigt, können für "unsere Zeit" alte Traktoren, der LPG-Bus, Rübenhacken, blaue Arbeitsanzüge, Kittelschürzen, diverse Fahnen und das Schild vom Dorfkonsum - alles aus eigenen Beständen - die Erkennungsmarken oder Symbole sein.

In der Alltagskommunikation und nur wenig darüber bildete sich auf diese Weise eine "Erfahrungs- und Erzählgemeinschaft, in der sich überlieferte Elemente, Spolien der untergegangenen DDR erhalten und umbilden"[31]. Um die Mitte der 90er Jahre begann sich "der Westen" gegen solche ostalgischen Anwandlungen der seltsamen Brüder und Schwestern zu rüsten. Die ostdeutsche Zeitschrift "Telegraph" veröffentlichte eine Analyse von sechs Jahrgängen des SPIEGEL, die offen legt, wie als Reaktion auf dieses unerwartete Selbstbewußtsein der "miese Ostdeutsche" als ein westdeutsches Medienkonstrukt entstanden ist[32].

1996 teilte der SPIEGEL sachlich mit (doch ein kritischer Unterton und der Vorwurf der Undankbarkeit sind dabei nicht zu überhören): "Werden Ostdeutsche nach ihren Empfindungen bei der Wiedervereinigung befragt, so erinnern sich lediglich sieben Prozent an das schöne Gefühl 'Freiheit', gut dreimal so viele aber an ihre Ängste vor beruflichem und sozialem Abstieg, vor der Zukunft und einer Verschlechterung der persönlichen Lebensverhältnissen." (4. 11. 1996) In dieser Zeit begann das Reden vom "neutrotzigen Osten" dem nun offenbar nachhaltiger klar gemacht werden müsse, daß es kein moralisches Äquivalent zwischen einer Diktatur und einer demokratisch verfaßten Gesellschaft geben könne.

Dies waren neue Züge im Verhalten gegenüber der ostdeutschen Mehrheit, offenbar war die Geduld mit ihnen aufgebraucht. Hatte der Grüne Otto Schily 1990 den Ausgang der Volkskammerwahl noch wortlos dadurch kommentiert, daß er grinsend eine Banane hervorzog und in die Kamera hielt, war jetzt offenbar das Ende der Schonzeit für die abartigen Ostdeutschen erreicht. Nun wurden sie (das "Volk" von 1989) als ganze Population in die harten Auseinandersetzungen einbezogen, die etwas oberhalb des Alltags der Vielen schon 1990 begonnen hatten.

Auf diesen Einstieg sei kurz hingewiesen. In den Welten der Deutungseliten war es bereits kurz nach der "Wende" um das Recht zur Geschichtsinterpretation gegangen. Von prägender Wirkung für den nachfolgenden Umgang mit der Vergangenheit der Ostdeutschen sollte der sogenannte deutsch-deutsche Literaturstreit werden. Vordergründig ging es dabei um Literatur, weil die vormals im Westen bewunderten Vertreter der kritisch-linksutopischen Literaturtradition des Ostens nun in einer einmaligen Medienaktion zu moralisierenden Gesinnungsästhetikern runtergestuft wurden, die auf verbrecherische Weise die Illusion genährt hätten, daß der Realsozialismus zu bessern gewesen wäre. Karl-Heinz Bohrer verlangte, die DDR nicht länger als "Kulturschutzgebiet"[33] zu betrachten. Mit umfassender Ablehnung wurde auf Christa Wolfs Erzählung "Was bleibt" reagiert, mit der sie eine Bilanz ihrer eigenen DDR-Geschichte versucht hatte.

Selbstgerechte Verunglimpfungen dieser Künstlerin erwiesen sich bald als ein Moment einer großen Aktion, in der es - wie bei der Auflösung der demokratisch reformierten ostdeutschen Medien klar ausgesprochen wurde - gleichfalls "um die Zerschlagung des intellektuellen Potentials Ost"[34] ging. In dieser Abwicklungsaktion standen die linken DDR-Utopisten für den möglicherweise weiterwirkenden Gehalt ihrer sozialistischen Maximen. Ulrich Greiner hat das gleich zu Beginn der Angriffe - die Christa Wolf schließlich in die USA ausweichen ließen - deutlich ausgesprochen: "Die Deutung der literarischen Vergangenheit, die Durchsetzung einer Lesart, ist keine akademische Frage. Wer bestimmt, was gewesen ist, der bestimmt auch, was sein wird. Der Streit um die Vergangenheit ist ein Streit um die Zukunft."[35]

Von 1990 bis zum Ende der hier vermuteten "zweiten Phase" ging es hart polemisch zu. Die DDR-Autoren (von Wolf und Braun bis zur Prenzlauer-Berg-Szene) waren nicht zum Schweigen zu bringen. Zwar sah der Literaturhistoriker hier "eine literarische Tendenz weitergehen ... die gänzlich unwestlich" sei und nach und nach aufhöre, doch prophezeite ihr eine längere Dauer: "Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur existiert in einer Vielzahl zueinander offener Szenen. Eine davon wird noch für längere Zeit die sich verändernde regionale ostdeutsche Szene auf den Spuren der einstigen DDR sein." [36] Tatsächlich meldeten sich so gut wie alle "großen Alten" der DDR-Literatur mit stark geschichtslastigen Werken zu Wort. Das war zu erwarten und soll hier nicht betrachtet werden. Denn es überwog in dieser Phase die publizistische und dokumentarische Literatur zum Zusammenbruch der DDR. Man wird sich an die ersten Jahre der Nachwendezeit als eine "Blütezeit der Essayistik" erinnern, meinte, leicht euphemistisch, der Züricher Kritiker Andreas Isenschmidt[37]. Hinzuzufügen wäre, daß nur wenig davon die "nationale Ebene" erreichte, daß ostdeutsche Reaktionen meist auf regionale und lokale Öffentlichkeiten beschränkt blieben. So war es darum auch eine Blütezeit des Kabaretts (in der moralisch-didaktischen DDR-Tradition), der Cartoonisten und der Witzerfinder. Alle drei spitzten zu und spielten mit den Erinnerungen und Vorurteilen ihres Publikums. Damit waren sie selbstverständlich kaum geeignet, historisches Wissen in das kollektive Gedächtnis zu übertragen. Aber Kabaretts (und selbstverständlich Theater, Galerien und Kneipen) bildeten - wie zu Zeiten der DDR - wieder wichtige Elemente lokaler Öffentlichkeiten, in denen Ostdeutsche den Ton angaben und das auch deutlich herauskehrten. Über die damalige Stimmungslage schrieb der Medizinpsychologe Elmar Brähler: "Als ich im Jahr 1991 von Gießen nach Leipzig kam, sagte mir der Taxifahrer am Hauptbahnhof, alle Westdeutschen gehörten umgebracht. Damals habe ich noch gedacht, was muß der Mann erlitten haben. Heute bin ich es leid, mich ständig nur einzufühlen. Ich gehe auch nicht mehr ins Kabarett, ich kann keine Wessi-Witze mehr hören. Manchmal komme ich mir vor wie ein Besatzer in einem fremden Land."[38]

Die literarischen und publizistischen Texte der nun folgenden zweiten Phase reagierten auf die publizistischen Attacken und verhandelten darum weniger die DDR-Geschichte selbst, sondern den Umgang mit dieser Vergangenheit. Und sie haben Ähnlichkeit mit jener punktuellen Rückerinnerung, die sich am Überschaubaren, an Alltagsobjekten und Bildern fest macht. Denn bevorzugt wurden die kleinen literarischen Formen: "Geschichte wird durch Geschichten erzählt und zwar vorzugsweise in Form der Anekdote, des Witzes, der Kalendergeschichte oder des Exempels. Das garantiert nicht nur die Aufbewahrung individueller und kollektiver Erfahrungen, sondern auch deren Reproduktion." Die hier zitierte Literaturwissenschaftlerin fügt die Vermutung an, "ein allgemeines Mißtrauen gegenüber 'wissenschaftlicher' Geschichtsbetrachtung mag ein Grund für diese Erzählstrategie sein"[39].

Selbstverständlich begannen die Germanistinnen in den USA und Deutschland schon früh die Literatenszene darauf zu befragen, wo denn der große Wenderoman bliebe und mußten erfahren, daß prominente Autoren sich die Chronistenrolle nicht aufdrängen lassen wollten. Dennoch gab es 1995/96 den ersten zu kommentierenden Boom an sog. Wenderomanen. Allerdings sollte keine der da gegebenen Interpretationen des Untergangs der DDR so recht befriedigen. Volker Hage bemängelte den nur "kläglichen Erfolg"[40] der Autoren, Karl-Rudolf Korte meinte, "den Epochenroman zwischen Wende und Einheit kann es wohl noch nicht geben" (und fügte hinzu: "und wenn, dann mindestens zwei: Nämlich einen aus West- und einen aus Ostsicht.")[41] und Susanne Ledanff diskutierte dann am literarischen Material selbst den "Sinn oder Unsinn solcher Erwartungen"[42], die sie für überraschend konservativ hielt[43].

Schon weil die erzählten Geschichten vom Leben in der DDR und über die Wandlungszeit der Ostdeutschen berichten, mußte das ein weitgehend ostdeutscher Diskurs sein. Stark vereinfacht gesagt ging es dabei direkt oder indirekt um die Frage, ob die Wende 1989 das ersehnte Ende der Diktatur gebracht hat oder als Beginn der Kolonialisierung des Ostens anzusehen ist. Wortführer waren hier die Bürgerrechtler in verschiedenen Fraktionen. Als prototypisch für die damalige Polarisierung könnten Daniela Dahn[44] und Freya Klier[45] gelten. Zwischen den Positionen der beiden Autorinnen liegt ein weites Feld abwägender Betrachtungen über den Zusammenhang der aktuellen Zustände und der DDR-Geschichte.

Auffällig ist, daß die in dieser Zeit hervortretenden ostdeutschen Autorinnen und Autoren großenteils einer Altersgruppe angehören, die Hans Misselwitz als "Trägergeneration des politischen Umbruchs"[46] identifiziert hat. Im Alter zwischen vierzig und fünfzig Jahren, begannen sie Mitte des Jahrzehnts die Enttäuschungen der Nachwende-Zeit zu verarbeiten. Oppositionelle wie Reformer waren inzwischen beiseite geschoben worden und hatten sich großenteils resigniert zurückgezogen. Während die gleichaltrigen Westdeutschen zur Wendezeit längst etabliert und in eigenen Institutionen fest verankert waren, standen sie nun daneben - zu spät Gekommene. Entsprechend grundsätzlich fielen die Bilanzen aus. Schon Titel aus der Mitte der 90er Jahre drücken eine Tendenz aus: "Westwärts und nicht vergessen. Vom Unbehagen in der Einheit" (Daniela Dahn, Jg. 49), "Nicht länger mit dem Gesicht nach Westen. Das neue Selbstbewußtsein der Ostdeutschen" (Hans-J. Misselwitz, Jg. 1950), "Penetrante Verwandte" (Freya Klier, Jg. 1950), "Unbekannter Verlust" (Marion Titze, Jg. 53), "Ostgezeter. Beiträge zur Schimpfkultur" (Thomas Rosenlöcher, Jg. 1947), "Die deutsche Trennung. Grenzen der Einheit" (Christoph Dieckmann, Jg. 56). Bei Dieckmann findet sich auch das leicht ironische Bekenntnis zur andauernden Spaltung der Deutschen, das sich in verschiedener Weise bei fast allen jüngeren Ostdeutschen findet, die sich literarisch-publizistisch zu Wort melden konnten: "Ohne Vorteil ist die deutsche Teilung nicht. Sie fördert vielerlei Gedächtnis und mehrstimmige Geschichte. Sie hindert, was Deutschlands Nachbarn unter Ängste summieren. Sie erlaubt den fremden Blick im eigenen Land, die räumliche Symbiose. Wir gewinnen, was 1990 die Dichter des Dritten Weges erträumten: zwei Deutschländer in kritischer Korrespondenz, aber ohne Grenzen untereinander." [47]

Mit solcherart Einsicht in die andauernde kulturelle Verschiedenheit war auch die eigene Geschichte wieder legitimiert, konnte es unter den Deutschen nur "vielerlei Gedächtnis und mehrstimmige Geschichte" geben. Von diesem Moment an konnte die offizielle geschichtspolitische Kampagne zur Delegitimierung des Realsozialismus zwar uneingeschränkt den medialen Umgang mit der Vergangenheit der Ostdeutschen bestimmen, wurde in den reflektierenden Milieus aber zunehmend als Diffamierung der eigenen Vergangenheit angesehen.

In fast allen Texten dieser Jahre "spielen Rückblicke auf die Zeit in der DDR eine wichtige Rolle. Der Blick auf das bisherige Leben und damit die Infragestellung getroffener Entscheidungen sind nicht zuletzt ein Ausdruck dafür, daß die Autoren ein Bedürfnis haben, sich des eigenen Lebens zu vergewissern, sich für getroffene Entscheidungen zu rechtfertigen und diese auch im Nachhinein als richtig zu bewerten."[48] In diesem Kontext kam es zu einer Art Schlüssel-Erfahrung dieser "mittleren Generation". Sie bestätigten sich, daß ihre idealen Vorstellungen von sozialer Gleichheit und von einer gerechten Welt für alle, die sie in den 80er Jahren zu "Regimekritikern" hatten werden lassen und die sie nun in wachsende Distanz zum neuen Gesellschaftszustand brachten, aus der Geschichte der DDR selbst stammten. Das veränderte deutlich die Perspektive auf die eigene Vergangenheit, sie wurde nun stärker als Heimat und Herkunft der eigenen Lebens- und Gesellschaftsauffassung gesehen. Da die Begeisterung über errungene Freiheiten sich insgesamt bald in Grenzen hielt, ging auch die Publikumsresonanz der radikalen Sozialismuskritiker zurück. Und dies, obwohl die westdeutschen Medien, Politiker, Wissenschaftler und Förderinstanzen aus einleuchtenden Gründen recht eindeutig auf Seiten derjenigen Bürgerrechtler standen und stehen, die persönlich gute Gründe haben, die Vergangenheit als SED-Diktatur scharf zu verurteilen. Das ist eine vergleichsweise kleine Gruppe. Für die Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung dürfte ein unvermitteltes Nebeneinander charakteristisch sein: viele Thesen der offiziellen Kritik am SED-Regime werden übernommen und kollidieren im einzelnen kaum mit der Überzeugung, selbst unter ganz anderen Umständen gelebt zu haben.

Reaktionen auf eine anhaltende Stagnation (1996-2001)

"Vom Aufschwung Ost ist keine Rede mehr. Statt dessen geht das Wort vom Absturz Ost um."[49] Schon 1996 zeichnete sich für Hans Misselwitz und andere ostdeutsche Beobachter ab, daß der wirtschaftliche Aufholprozeß des Ostens beendet war. Nun sollte sich Jahr für Jahr der Abstand zum Westen wieder vergrößern. Eine selbsttragende Entwicklung war und ist nicht in Aussicht, dafür die Perspektive dauerhafter Alimentierung der ganzen Region. Mehrheiten wurde bewußt, daß die eigene Ostvergangenheit noch über Jahrzehnte ein persönlicher Nachteil sein würde. Damit entstand ein stärkerer Druck, sich dieser Vergangenheit zu stellen, sie anzunehmen und sich auch zu ihr bekennen.

Zwar ist das Verhältnis der ostdeutschen Population zur eigenen Geschichte für die großen Befragungsinstitute kein wichtiges Thema, doch läßt sich diversen ihrer Veröffentlichungen dazu etwas entnehmen. Ein Indikator für den Vergangenheitsbezug könnte etwa das Wohlbefinden im neuen Gesellschaftssystem sein. Im Jahre 1999 sahen 27% keinen Unterschied zu früher, 31% fühlten sich heute wohler, 42% haben sich "alles in allem" in der DDR wohler gefühlt. Solche und ähnliche Daten sind für manche Interpretation offen, doch sie lassen vielleicht den Schluß zu, daß ein großer Teil der Ostdeutschen inzwischen eine emotional positive Beziehung zur DDR-Vergangenheit hat.

Solche Stimmungslagen dürften aber nur ein Nebenaspekt sein, denn unmittelbar gab es auf Stagnation und Niedergang deutlichere Reaktionen. Einerseits stieg die bis 1996 rückläufige Zahl der mehrheitlich jungen Auswanderer wieder an - das war und ist nicht nur die Abkehr von einer trostlosen Gegenwart, sondern immer auch die Flucht vor der belastenden Vergangenheit. Und bei denen, die sich zum Ausharren in der Heimat entschlossen haben, nahm die "Kapitalismuskritik" wieder zu. Zwangsläufig bekam damit das alltägliche Erinnern an die Zeit in der DDR positivere Züge.

Sicher spiegelt sich etwas davon auch in den künstlerischen Äußerungen dieser dritten Phase der Nachwendezeit, die für die ostdeutsche Literatur recht produktiv war. Dazu gehörte auch, daß sich der Umgang mit der DDR-Geschichte zu differenzieren begann und recht unterschiedliche Deutungsangebote für die ostdeutsche Vergangenheit in Umlauf kamen. Auffällig war, daß jetzt jüngere ostdeutsche Autoren auf die Bestsellerlisten kamen und sich dort auch behaupten konnten. Nun begannen die in den 60er Jahren geborenen Autoren langsam den Ton anzugeben: Thomas Brussig, Falko Hennig, Kerstin Hensel, Johannes Jansen, Kerstin Jentzsch, Ingo Schramm, Ingo Schulze, Ulrich Zieger u. a.

Als Steffen Mensching bereits 1991 in einem Kriminal-, Abenteuer- und Schelmenroman einen Helden, der sich bisher standhaft gegen die "Geheimnisse der Ämter" aufgelehnt hatte, nun selbst in die Fänge des Informationssystems geraten ließ[50], löste diese kolportagehaft angelegte Satire noch keine Proteste aus. Das war anders, als Thomas Brussig 1995 seinen thematisch verwandten Roman "Helden wie wir" herausbrachte. Er provozierte damit einen außerwissenschaftlichen Streit über den zulässigen Umgang mit der DDR-Geschichte. "Die Machtstrukturen in der DDR werden verlacht und parodiert... Ist das Verlachen ein Ersatz für das Aufarbeiten der Vergangenheit?[51]" Für die analysierende Germanistin eine rhetorische Frage, doch der Streit darüber hielt an und lebte immer wieder auf, vor allem als der nach einem Brussig-Text von Leander Haussmann gedrehte Film "Sonnenalle" zeigte, wie den jugendlichen Protagonisten ein eher heiterer Abschied von der DDR gelingt. Offenbar ein geeigneter Stoff, denn 2001 wurde er erfolgreich als ein Musical auf die Bühne gebracht, dem es sogar (durch eine dramaturgische Konstruktion) gelingt, den Unterschied zwischen vergangener Wirklichkeit und den Bildern zu zeigen, die "den Verdrängungs-, den Vereinfachungs-, vor allem auch den Verklärungsfilter des Erinnerungsapparates passiert" haben[52]. Übereinstimmend stellt die Literaturkritik vor allem an jungen ostdeutschen Autoren pikareske Züge fest und interpretiert sie als Widerständigkeit gegen alle offiziellen Geschichts-Deutungen. In gleicher Bewertung wird an ihnen ein Hang zu feiner bis bitterer Ironie hervorgehoben. Ein Ost-West-Vergleich innerhalb dieser Generation ist kaum möglich, weil die gleichaltrigen Westdeutschen zwar auch - und dies vor allem in Berlin - die krassen gesellschaftlichen Brüche bemerken, doch sie eher wie "Touristen" beobachten und andere literarische Konzepte verfolgen. Sie haben für Auseinandersetzungen mit der eigenen Herkunft kein Motiv. Für die jungen Ost-Dichter gehören diese Literaturstars (von Tim Staffel bis Alexa von Hennig) zu den typisch westlichen Berlin-Inszenierungen, über die sie sich lustig machen, die sie mit satirischen Seitenhieben bedenken[53].

Die ostdeutsche Literaturszene ist inzwischen so differenziert und widersprüchlich, daß es schwer fällt, in diesem Felde der Erinnerungskultur auffällige Gemeinsamkeiten begründet hervorzuheben. Es gibt solche Versuche. Üblich - und vielleicht für die Historiographie anregend - ist der Vergleich mit der ostdeutschen Literaturszene nach 1945. Sie war auf mehr als ein Jahrzehnt beinahe vollständig mit ihren jüngsten geschichtlichen Erfahrungen beschäftigt. Damit aber dürfte die heutige ostdeutsche Literaturproduktion nur bedingt ähnlich sein. "Jedes einzelne Buch, jede einzelne Perspektive" schreibt Susanne Ledanff, "stellt Verlust, Umbruch, Folgen, Fragen nach der Vergangenheit anders dar. Gibt es eine Tendenz, wenn auch keine auch nur ansatzweise gemeinsame Ästhetik wie in der Nach-Fünfundvierziger-Situation, dann höchstens eine neuerliche Bereitschaft, für die Brussigs Roman ein Indiz ist: die Selbstbespiegelung einer sich immer mehr zusammengehörig fühlenden Ex-DDR-Lebensgemeinschaft."[54]

Neben dieser Bindung attestiert die (westdeutsche) Literaturkritik den Ostdeutschen einen entschieden realistischeren Blick auch auf die westdeutsche Gesellschaft und ihre Geschichte, der „auf einer doppelten, von westdeutschen Autoren so nicht zu imaginierenden Bruch-Erfahrung beruht(.) ... potenziert durch das Wegbrechen ihrer Ursprungsgesellschaft, lassen [sie] unvermeidlich die Risse auch in der neuen Welt aufscheinen, ganz so, als blicke einer auf die Oberfläche eines vielfach gesplitterten Spiegels“[55].

Dies gilt auch für die diversen Szenen ostdeutscher Poeten, die ihr Zentrum zweifellos unter den Jungen in Ostberlin haben. "In dieser halbproletarisch-spätbürgerlichen Subkultur dominiert eine postideologische Ost-Generation der 30-Jährigen, die bei der Wende gerade das Gymnasium hinter sich hatte", schrieben Henryk M. Broder und Reinhard Mohr nach ihrer Besichtigungstour zu den Orten einer neuartigen Öffentlichkeit unterhalb der allgemeinen Verlagskultur und des Literatursponsorings. "Die jungen Wilden aus dem literarischen Untergrund Berlins haben den Systemvergleich im harten Alltagstest gelernt: erst Ost, dann West. Sie beobachten alles. Und sie erinnern sich an alles. Sie spotten im unnachahmlichen Ost-Berliner Idiom über das westliche Weltniveau noch beim Vollkorn-Bäcker an der Ecke und über die östliche Armseligkeit auch dort, wo sie im Sonnenallee-Glanz der eigenen Jugend erstrahlt: Das Leben als Herausforderung des Alltags zwischen Schulaufsatz und moderner Großstadtprosa im neuen Berlin."[56]

Diese kulturelle Ost-West-Differenz steht für alle Beobachter der Literaturszenen außer Frage. Gerade in jüngster Zeit nehmen die Hinweise darauf zu, daß ostdeutsche Künstler und Autoren eine spezifische Sicht auf die Gesellschaft und allemal auch auf ihre Geschichte einzubringen haben. Neben den spezifisch ästhetischen Qualitäten ist es dieser sozial geprägte historische Anspruch, der etwa Heinz-Ludwig Arnold veranlaßte, von der "DDR-Literatur der neunziger Jahre" zu reden (so der Titel des Sonderbandes 2000 der Zeitschrift "Text und Kritik") und Iris Radisch macht die - auch historiographisch interessante - Zuspitzung: daß die "Geschichte der DDR-Literatur erst jetzt beginne".

Die möglichen Wirkungen von Werken der schönen Literatur auf die Geschichtskultur der ostdeutschen Teilgesellschaft sollten nicht zu hoch veranschlagt werden; vermittelt über andere Medien erreichen sie wahrscheinlich einen breiteren Kreis. Aber auf die Belletristik wird hier vor allem verwiesen, weil an ihr geistige Tendenzen der sich neu formierenden regionalen kulturellen Elite abzulesen sind. Ihre stärkeren sozialen Bindungen wie ihre größere Distanz zu den Selbstverständlichkeiten der "westlichen Welt" dürften auch ihren Umgangsweisen mit der Vergangenheit eigene Züge verleihen.

Vergleichbare kulturelle Eigenheiten sind auch in anderen künstlerischen Feldern zu finden, die nur bedingt zu den "narrativen Vermittlungsformen"[57] des kulturellen Gedächtnisses zu rechnen sind, weil sie eher zur rituellen oder ikonischen Formen seiner Prägung gehören. Am kräftigsten sind solche kulturellen Besonderheiten in den lokalen Kunstformen ausgeprägt, die nur in der unmittelbaren Beziehung zum ostdeutschen Zuschauer funktionieren, vor allem also in den darstellenden Künsten. Selbstverständlich steht jedes Bühnengeschehen auch in übergreifenden Kommunikationen, doch es muß sich an den Erwartungen und Vorurteilen der lokalen Szenen abarbeiten. Der Erfolg setzt immer das Einverständnis mit dem jeweiligen Publikum voraus. Insofern müßte eine Untersuchung ostdeutscher Vergangenheitsbezüge das "Theaterleben" in allen seinen Formen einbeziehen. Ähnliches gilt für die bildenden Künste. Auf sie sei zum Schluß noch kurz hingewiesen, weil eine Eigenart dieser Kunstformen zwangsläufig zu einer Auseinandersetzung auf nationaler Ebene führen mußte. Schon weil der Einigungsvertrag die Bewahrung der kulturellen Substanz des Ostens vorsah. Doch was durfte als "substantiell" gelten?

Ähnlich dem kalten Bruderkrieg der Schriftsteller und Dichter kam es hier zu einem deutsch-deutschen "Bilderstreit" um die Maßstäbe, nach denen die bildende, bauende und angewandte Kunst der DDR beurteilt werden soll. Doch im Unterschied zur "Substanz" Literatur handelt es sich hier um einen zu bewahrenden (oder zu vernichtenden) dinglichen Vorrat an symbolischen Darstellungen, der von graphischen Blättern, Gemälden und Plastiken bis zu Denkmälern, Parkanlagen, Gebäuden und städtebaulichen Ensembles reicht. Das Verhältnis zur Vergangenheit ist hier vor allem praktisch.

Der Streit über den Umgang mit diesem historisch überkommenen kulturellen Bestand hat verschiedene Ebenen. Zunächst brach er immer wieder dort auf, wo Ausstellungen mit Werken ostdeutscher Künstler in politisch aufklärender Absicht veranstaltet wurden oder sich einfach das Kunstverständnis westdeutscher Kenner bei Auswahl und Hängung durchgesetzt hatte. Ostdeutsche Besucher reagierten meist empört, denn sie waren ja gekommen, um Bilder zu sehen, die für sie mit ästhetischen Erfahrungen und "Bedeutungen" aufgeladen sind und deren Ikonographie ihnen seit der Kindheit vertraut war. Gerade weil Museen und Galerien für sie ästhetische Erinnerungsräume sind, verstört sie jede notwendig "lieblose" Art didaktisch-analytischer Präsentation. Jenseits aller Fachdebatten über den künstlerischen Wert der Exponate und ohne rechtes Interesse für ihre Entstehungszusammenhänge, suchten und suchen sie nach Kunstwerken, die ihnen wohlbekannt sind oder scheinen. Die wollen sie "in Ehren gehalten" sehen, schon deren Benutzung als historisches Dokument verstehen sie darum schnell als Denunziation des eigenen Geschmacks und der eigenen Erinnerung. Solche Reaktionsweisen ließen die Verantwortlichen aufmerken und sie warfen ernsthaft die Frage auf, ob die Werke der DDR-Auftragskunst den ostdeutschen Eingeborenen noch zugänglich sein sollten.

Mit dem Hinweis auf die gestaltpsychologische Erkenntnis ("Prägnanzbildung"), daß unser Gedächtnis die Neigung zur Typisierung habe, wurde auf eine Eigenheit ostdeutscher Auftragskunstwerke aufmerksam gemacht. Sie heroisierten, übersteigerten und typisierten die (freilich nur vermeintlich) von ihnen abgebildete Realität. Das mache sie besonders eingängig, weil sie "dem Erinnern keinen Widerstand leisten, sondern ihm sogar entgegenkommen". Während es früher gegen mögliche verderbliche Wirkungen dieser Bilder noch die schlimme Wirklichkeit als Korrektiv gab, sind ihnen ostdeutsche Bildbetrachter jetzt ausgeliefert, denn "übriggeblieben sind nun diese BILDER. Kritisches Denken erfordert es, darauf achtzugeben, daß sich nun nicht unversehens die Bilder an die Stelle der verschwundenen Realität setzen, daß sie nicht nachträglich wirklich zu der Brille werden, durch die hindurch sich eine Erinnerung an die DDR ausbildet." Robuste aber kurzsichtige Politiker werden davor gewarnt, "solche Bilder einfach verschwinden zu lassen"[58], weil sich ihre Wirkung dann im Untergrunde nur um so intensiver entfalte. Ein anderer Experte sah solche politischen Gefahren überhaupt nicht, sondern wollte umgekehrt die fraglichen Kunstwerke bewahren, "damit immer wieder gezeigt und bezeugt werden kann, mit welch gutem Gewissen und wie skrupellos privilegierte Klassen, herrschende Schichten - und dazu gehören zum großen Teil auch die Künstler mit ihren Auftraggebern - solche Luft- und Lügengebilde produzieren und ihrem Volk als bestehende Realität verkaufen.[59]

Mit diesen wenigen Sätzen (aus der Sturm- und Drangphase anfangs der 90er Jahre) ist die Spannweite der politischen Bewertung ostdeutscher Kunstwerke ungefähr angedeutet. Selbstverständlich wird auch kunstimmanent gestritten, doch bislang schlägt das Politische immer wider durch, wenn Kunsthistoriker, Kritiker, Museumsdirektoren, Galeristen, Architekten und Stadthistoriker darüber streiten, wie diese spezifische Seite überkommener ostdeutscher Geschichte behandelt werden soll. Trotz einer Reihe von Konferenzen und hitziger Debatten anläßlich von Ausstellungskonzepten, von Aufnahme und Wiederausschluß ostdeutscher Werke, ist es noch zu keiner erkennbaren Einigung gekommen. Dies übrigens auch, weil von politischer Seite immer wieder versucht wurde, die Versachlichung der Debatte zu torpedieren[60]. Dennoch ist dieser Bilderstreit gegenwärtig wohl die einzige deutsch-deutsche Debatte über die Bewertung der getrennt/gemeinsamen Vergangenheit. Dies auch, weil Ostdeutsche hier in nennenswerter Zahl teilnehmen dürfen. Trotz eindeutiger Tendenzen, ist der Ausgang noch ungewiß. Während ostdeutsche Künstler an der Ausstattung des Reichstagsgebäudes beteiligt wurden, hat die Direktion der Nationalgalerie anders entschieden. Dort wurden die Werke der Ostdeutschen längst abgehängt und in das Depot gebracht. Hier hat sich offenbar eine einseitige Vorstellung von künstlerischer Moderne endgültig durchgesetzt.

Dabei könnte gerade aus der Fortführung dieser kunst-historischen Debatten manche Anregung für den Umgang mit dem vierzigjährigen Nebeneinander der Deutschen kommen. Wurde anfangs dafür votiert, dem Osten eine "andere Moderne", eine "gebremste" oder "verhinderte" Moderne zuzugestehen (deren Hauptmerkmal eine stärkere historische Bindung sei), wird inzwischen überzeugender davon gesprochen, daß es in Ost wie West wohl jeweils zweierlei Moderne nebeneinander gegeben habe und gibt (wie an Walter Gropius, dem Ahnherren des sozialistischen Plattenbaus, erläutert werden könnte). In diesem Diskurs über die Chancen heutiger Kunstströmungen wurde auch erkennbar, daß - bei allem Wandel - viele ostdeutsche Künstler ihre stärkere Bindung an die Traditionen der klassischen Moderne nicht aufgegeben haben und ihre Ansichten von Sinn und Funktion ihrer Kunst auch die Möglichkeit einschließen, geschichtliche Erfahrungen gesellschaftlich kommunizierbar zu machen.


III. Wohin tendiert die ostdeutsche Erinnerung an die DDR-Gesellschaft?

Nach Lage der Dinge dürfte jede Aussage über mögliche Tendenzen ostdeutschen Erinnerns recht subjektiv ausfallen. Mit dieser Einschränkung sollen sechs Beobachtungen als abschließende Zusammenfassung mitgeteilt werden.

Erstens: Ostdeutsche sind in einer widersprüchlichen Situation. Einerseits leben sie ganz im Neuen, kennen keine über Jahrzehnte gewachsenen lieben Gewohnheiten und Umstände mehr, sind Augenblicks- und Zukunftsmenschen. Zugleich hat sie der weitgehende Verlust des Gewohnten für den Wert des Überkommenen sensibilisiert. Zumindest ahnen sie, in welchem Maße ihr Selbst-Bewußtsein vom Konstruieren einer annehmbaren Eigengeschichte abhängt. Und so geht der große Trend wohl dahin, den "DDR-Teil" der deutschen Vergangenheit selbstverständlicher als die eigene Geschichte und mit den Jahren differenzierter und im ganzen positiver zu erinnern.

Zweitens: Solche Identifikation mit der vergangenen Gesellschaft als der eigenen, als dem versunkenen Herkunftsland, ist selektiv. Mehrheitlich wird eine gute Zeit erinnert, die verschwundene Gesellschaft in der Erinnerung auch neu "erfunden". Nicht von ungefähr heißen Romane "Unbekannter Verlust" (Marion Titze) und kultursoziologische Essays über die Ostdeutschen "Kunde von einem verlorenen Land" (Wolfgang Engler).

Drittens: Die offiziell angebotenen Interpretationen der Vergangenheit (Diktatur, Stasi, Täter oder Opfer, notwendiger Zusammenbruch usw.) bieten der eigenen Erinnerung nur sehr partiell Anknüpfungspunkte. Das ist von Belang, weil sich über solche offiziellen Topoi nur sehr ausnahmsweise eine Verbindung zwischen der eigenen Erinnerung und der anderen Lebenssituation in der neuen Gesellschaft herstellen läßt (denn wer denkt schon in den Kategorien: "früher war ich unterdrückt, heute bin ich frei"?) Vergangenheit und Gegenwart zu vermitteln gelingt gegenwärtig offenbar nur in der Anschauung von Personen, Objekten, Riten usw., deren Fortleben in der neuen Gesellschaft symbolisch für einen erfolgreichen oder einen mißlungenen Übergang stehen kann. Zaghafte historiographische Versuche, die 45 Jahre getrennter Vergangenheit als gemeinsame Geschichte zu sehen, blieben bislang ohne Wirkung. Auch, weil es geschichtspolitisches Programm war und ist, eine solche "Gleichsetzung" ausdrücklich und dauerhaft zu verhindern.

Viertens: Wegen der stark sinnlichen Anlässe des Erinnerns, und weil dabei sogar ästhetische Formen überwiegen, bekommt die erfundene DDR eine ganz poetische Patina. Sie ist damit immer auch das Gegenbild zur perfekten Glätte und Farbigkeit der aktuellen Welt - die selbstverständlich von einer Mehrheit gleichfalls goutiert wird.

Fünftens: Mit der Erfahrung des Scheiterns ist die Überlegenheit gegenüber jedem naiven und selbstgefälligen Optimismus gegeben: die Ironie derer, die es schon besser wissen. Zugleich ist noch gar nicht geklärt, was da scheiterte und worin der Verlust denn besteht. Es gilt dies als eine Art exklusives Geheimnis, das "die Wessis" schon deshalb nicht ergründen können, weil sie es gar nicht vermuten. Dieses unbestimmte Verlustempfinden ist vielfältig wirksam. Es regt dazu an, allerlei Verlorenes herauszusortieren und zu bewahren. Vor allen nährt es eine unbestimmte Trauer, eine melancholische Anhänglichkeit an die symbolischen Artefakte früheren Lebens. Ironie und Melancholie gelten als Merkmale ostdeutscher Literatur, die damit einen vom Publikum erwarteten Ton trifft.

Sechstens: An dieser Re-Produktion einer verlorenen Heimat ist die Tendenz zur Mythenbildung nicht zu übersehen. Es verfestigen sich dabei einige Überzeugungen, auch durch die anhaltende "westliche" Kritik, die sie auslösen: die DDR war demokratischer und gerechter, wir waren damals einander näher, es ging bei uns gemütlicher zu, gemessen an den egoistischen Westdeutschen sind wir solidarischer, wir orientieren uns an Gemeinschaftswerten wir sind die "besseren Menschen" usw. Es handelt sich dabei keineswegs um die nostalgische Anwandlungen älterer "Wendeverlierer". Wie Untersuchungen zu "Lebensentwürfen und Gesellschaftsbildern ostdeutscher Jugendlicher" ausweisen, ist diese mythische Gegenwelt zu den "schwierigen Bedingungen der Gegenwart" selbst "für solche Jugendliche attraktiv, die mit vielen ihrer Orientierungen Trägerinnen und Träger der gesellschaftlichen Moderne sind"[61].
Die "Funktion" des neu entstehenden DDR-Modells ist es offenbar, damit in der anderen sozialen Welt die eigene Position markieren zu können und so eine Unterlage für ein neues "Selbst-Bewußtsein" zu gewinnen. Dieses Erinnern ist nicht larmoyant, im Gegenteil ist es eher eine mühevolle, auch skeptische Suche nach Fundamenten, auf denen neue Identität sich erst entwickeln kann. Der Soziologe Heinz Bude hat schon vor einem Jahrzehnt die DDR als "tragische Gesellschaft" gesehen, weil deren große Idee allemal auch das Scheitern enthielt. Doch das neue Selbstbewußtsein kommt keineswegs allein aus dem Bewußtsein solcher Tragik. Der ostdeutsche Autor und Kabarettist Uwe Steimle hielt dem trocken entgegen: "Natürlich ist die DDR gescheitert, aber einen Versuch war's allemal wert."[62]

Siebentens: Bei der aktuellen Identitätssuche übernimmt das Erinnern abstützende wie kritische Funktionen. Ethnologisch könnte dieser Vorgang als die Verarbeitung kultureller Fremderfahrung gedeutet werden. In einer fremden Welt soll Identität durch Neuerfindung der eigenen Tradition und Kultur bekräftigt werden. Sicher ist das ein weiterer Beleg dafür, daß es keine "authentischen" Bilder von der Vergangenheit gibt.

Wenn dabei immer wieder anklingt, "wir haben das Bessere wenigstens versucht", dann geht das über simple Selbstbeschwichtigung und über die Ebene der Alltagserfahrung hinaus. Damit wird auch versucht, die ostdeutsche Vergangenheit ganz selbstverständlich in die deutsche Nationalgeschichte einzuordnen. Das sollte besorgte Politiker eher hoffnungsvoll stimmen und vielleicht auch die Aufmerksamkeit des zeithistorischen akademischen Betriebs auf sich ziehen.


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Anmerkungen

[1] Hier wird, anknüpfend an Aleida und Jan Assmann, diese Unterscheidung benutzt, um die institutionalisierten Gedächtnisformen von ihren Vorformen abzuheben.
[2] Daniela Dahn, Vereintes Land - geteilte Freude. In: Willy-Brandt-Kreis (Hg.), Zur Lage der Nation. Berlin 2001, S. 12.
[3] Jutta Voigt, Propaganda und Sehnsucht. Was habe ich mit Amerika zu tun?, in: Die Woche 41/01 vom 05. 10. 2001.
[4] Thomas Ahbe, Gruppenbild mit Banane. Aus dem Kulturalmanach des vereinigten Deutschland, in: Freitag v. 29. 09. 2000.
[5] Hellmuth Karasek, Selbstgemachte Konfitüre. Spiegel-Redakteur Hellmuth Karasek über die Diskussion um Christa Wolfs Erzählung "Was bleibt". In: Der Spiegel 26, 1990. Vgl. auch Rolf Becker und Hellmuth Karasek, Nötige Kritik oder Hinrichtung. Über die Debatte um Christa Wolf und die DDR-Literatur, in: Der Spiegel, 16. 7. 1990.
[6] Volker Braun, Lustgarten Preußen. Ausgewählte Gedichte, Frankfurt/M. 2000, S. S. 141.
[7]Peer Pasternack, Bewegung auf einem gesättigten Markt. Geistes- und sozialwissenschaftlichen Zeitschriften in Ostdeutschland nach 1989. Berlin (Edition Luisenstadt) 1998.
[8] Christoph Dieckmann, Sieger der Geschichte. In: DIE ZEIT vom 07.12. 2000, S. 7.
[9] Erhard Crome und Bernhard Muszynski, Politikbedingungen und politische Bildung in Ostdeutschland. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B25/2000, S. 21 - 28.
[10] Susanne Vieth-Entus, Hauptfach: DDR-Nostalgie. Manche Lehrer an Schulen in Ostbezirken vermitteln noch immer sozialistische Werte, ein Arbeitskreis fordert nun: Mehr West-Lehrer an Ost-Schulen, in: DER TAGESSPIEGEL vom 07. 11. 2001, S. 13.
[11] Wolfgang Jacobmeyer, DDR-Geschichte im Hauptschulbuch der Bundesrepublik. In: Arnd Bauerkämper, Martin Sabrow, Bernd Stöver (Hg.), Doppelte Zeitgeschichte. Deutsche-deutsche Beziehungen 1945-1990, Bonn 1998, S. 177.
[12] Konrad H. Jarausch, Kritische Perspektiven zur deutschen Vergangenheit: Folgen der Vereinigung für die Geschichtswissenschaft. In: Ders. und Matthias Middell (Hg.), Nach dem Erdbeben. (Re-)Konstruktion ostdeutscher Geschichte und Geschichtswissenschaft, Leipzig 1994, S. 29.
[13] Robert Hettlage, Kulturelle Integration. In: Hettlage, Robert und Karl Lenz (Hrsg.), Deutschland nach der Wende. Fünf-Jahres-Bilanz, München 1995, S. 17 - 18.
[14] "Sie wußten nicht, wie die westlichen Gesellschaften aufgebaut sind, welche Institutionen wichtig sind, welche Rolle Parteien, Gewerkschaften, Vereine spielen, wie Interessen artikuliert und Konflikte ausgetragen werden. Ostdeutschen ist die Kultur des Westens fremd. Sich individuell auf die Bundesrepublik einzustellen, das ist den meisten mittlerweile ziemlich gut gelungen. Aber sie haben die westliche Gesellschaft nicht verinnerlicht." Rolf Reißig, Der Osten will nicht verachtet werden. Interview mit R. Reißig, taz - Magazin vom 23./24 Mai 1998, S. VI - VII.
[15] Thomas Oberender, Nachholen der Vergangenheit. Der Tagesspiegel vom 02. 05.1999, S. W3.
[16] Ebd.
[17] Detlef Pollack, Wirtschaftlicher, sozialer und mentaler Wandel in Ostdeutschland. Eine Bilanz nach zehn Jahren, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 40/2000, S. 21.
[18] Stefan Wolle, Waschputzis Wahrheit. In: DIE ZEIT Nr. 46 vom 09. 11. 2000, S. 57.
[19] Thomas Ahbe, Gruppenbild mit Banane. Aus dem Kulturalmanach des vereinigten Deutschland, in: Freitag v. 29. 09. 2000.
[20] Christoph Dieckmann, Sieger der Geschichte. In: DIE ZEIT vom 07. 12. 2000, S. 7.
[21] Konrad H. Jarausch und Matthias Middell, Die DDR als Geschichte: Verurteilung, Nostalgie oder Historisierung? In: Dies. (Hg.), Nach dem Erdbeben. (Re-)Konstruktion ostdeutscher Geschichte und Geschichtswissenschaft, Leipzig 1994, S. 10.
[22] Super-Illu vom 26. 09. 1991 (Nr. 40), S. 10.
[23] Peter Hübner, "Geronnene Fiktionen"? Alltag in der DDR als Gegenstand der zeithistorischen Forschung, in: Konrad H. Jarausch und Matthias Middell (Hg.), Nach dem Erdbeben. (Re-)Konstruktion ostdeutscher Geschichte und Geschichtswissenschaft, Leipzig 1994, S. 266.
[24] Lutz Niethammer, Glasnost privat 1987. In: L. Niethammer, A. v. Plato u. D. Wierling, Die volkseigene Erfahrung. Berlin 1991, S. 68.
[25] wie Anmerkung 8 Detlef Pollack, Wirtschaftlicher, sozialer und mentaler Wandel in Ostdeutschland. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage 40/2000, S. 17.
[26] Vgl. Wolfgang Wagner, Kulturschock Deutschland. Hamburg 1996; Ders. Kulturschock Deutschland. Der zweite Blick, Hamburg 1999.
[27] Detlef Pollack, Wirtschaftlicher, sozialer und mentaler Wandel in Ostdeutschland. . Eine Bilanz nach zehn Jahren, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 40/2000, S. 17.
[28] Vgl. Thomas Beutelschmidt: Out of fashion oder mega in? Die DDR im Spiegel ihrer Objekte, Bilder und Töne, in: Rundfunk und Geschichte, 23. Jg. Nr. 4, Oktober 1997, S. 224.
[29] Antje-Ulrike Buckow und Uta Rinklebe: Deutsch-deutsche Partnerschaften - die Annäherung zweiten Grades. Seminararbeit Berlin 1998, S. 21.
[30] Gert Selle, Erinnern - Suchbewegung in der Wirklichkeit. In: Gerd Kuhn und Andreas Ludwig, Alltag und soziales Gedächtnis. Hamburg 1997, S. 87.
[31] Michael Rutschky: Wie erst jetzt die DDR entsteht. Vermischte Erzählungen, in: Merkur, Jg. 49 (1995), H. 9/10, S. 856.
[32] Matthias Naumann und Rainer Stefan, Der Ostdeutsche als westdeutsches Medienkonstrukt. In: telegraph 2/1999.
[33] Karl-Heins Bohrer, Kulturschutzgebiet DDR. In: Merkur 10/111990.
[34] Daniela Dahn, Vertreibung ins Paradies. Reinbek 1998, S. 78.
[35] Ulrich Greiner, Die deutsche Gesinnungspolitik. In: DIE ZEIT v. 01.11. 1990.
[36] Wolfgang Emmerich, Kleine Literaturgeschichte der DDR. Erweiterte Neuausgabe, Leipzig 1996, S. 503 u. 525.
[37] Wachsende Verstörung - florierender Betrieb. Symposium der deutschen Literaturkonferenz, in: ndl 41. Jg. 488. Heft, August 1993, S. 174.
[38] Interview mit Elmar Brähler, Berliner Morgenpost vom 25. 07. 1999.
[39] Roswitha Skare, "Das wahre Leben im falschen". Erscheinungsformen ostdeutscher Identität in Nach-Wende-Texten, in: Nordlit Nr. 5, Tromsø 1999.
[40] Volker Hage, Nacht mit Folgen. Immer wieder heraufbeschworen: Der große deutsche Roman über die Wende und Mauerfall. In: Der Spiegel 15/1995.
[41] Karl-Rudolf Korte, Demokratie braucht Literatur. Vom deutschen Umgang mit erzählender Literatur, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 13-14 (1996), S. 27
[42] Susanne Ledanff, Die Suche nach dem "Wenderoman" - zu einigen Aspekten der literarischen Reaktionen auf Mauerfall und deutsche Einheit in den Jahren 1995 und 1996. In: Glossen. Eine internationale Zeitschrift zu Literatur, Film und Kunst nach 1945, Heft 2, dickinson 1997 (Electronic Journal, http://www.dickinson.edu/glossen/) .
[43] Vgl. dazu auch Christine Cosentino, Ostdeutsche Autoren Mitte der neunziger Jahre: Volker Braun, Brigitte Burmeister und Reinhard Jirgl. In: The Germanic Review Vol. 1 No 3 (1996), S. 177-194.
[44] Daniela Dahn, Westwärts und nicht vergessen. Vom Unbehagen in der Einheit, Berlin 1996.
[45] Freya Klier, Penetrante Verwandte. Kommentare, Aufsätze und Essays in Zeiten deutscher Einheit, Frankfurt/M. 1996.
[46] Hans Misselwitz, Nicht länger mit dem Gesicht nach Westen. Das neue Selbstbewußtsein der Ostdeutschen, Bonn 1996, S. 107.
[47] zitiert nach: Christoph Dieckmann, Das wahre Leben im falschen. Geschichten von ostdeutscher Identität, Berlin 1998, S.101.
[48] Roswitha Skare, "Das wahre Leben im falschen". Erscheinungsformen ostdeutscher Identität in Nach-Wende-Texten, in: Nordlit Nr. 5, Tromsø 1999.
[49] Hans Misselwitz, Nicht länger mit dem Gesicht nach Westen. Vorwort zur 2. Auflage, Bonn 1996.
[50] Steffen Mensching (Hg.), Pygmalion : ein verloren geglaubter dubioser Kolportage-Roman aus den späten 80er Jahren. Halle 1991.
[51] Heike Henderson, Die deutsche Vereinigung im Spiegel der Literatur (Sammelrezension). In: Glossen. Eine internationale Zeitschrift zu Literatur, Film und Kunst nach 1945, Heft 6, dickinson 1999 (Electronic Journal, http://www.dickinson.edu/glossen/).
[52] Jens Bienioschek, Urst stark, echt verboten - Schwedter Theater präsentiert "Sonnenallee" als Schauspiel mit Musik. ddp-Korrespondenz, Theaternachrichten@Theaterkanal.de, Newsletter vom 23. 09. 2001.
[53] Jochen Schmidt, Triumphgemüse. München 2000.
[54] Susanne Ledanff, Die Suche nach dem "Wenderoman" - zu einigen Aspekten der literarischen Reaktionen auf Mauerfall und deutsche Einheit. In: Glossen. Eine internationale Zeitschrift zu Literatur, Film und Kunst nach 1945, Heft 2, dickinson 1997 (Electronic Journal, http://www.dickinson.edu/glossen/).
[55] Frauke Meyer-Gosau, Ost-West-Schmerz. Beobachtungen zu einer sich wandelnden Gemütslage, in: Heinz-Ludwig Arnold (Hg.), DDR-Literatur der neunziger Jahre, Text+Kritik IX/00, Sonderband, S. 11.
[56] Henryk M. Broder und Reinhard Mohr, Der Aufstand der Surfpoeten. In: DER SPIEGEL vom 07. Februar 2000.
[57] Herfried Münkler, Das kollektive Gedächtnis der DDR. In: Dieter Vorsteher (Hg.), Parteiauftrag
: ein neues Deutschland. Bilder, Rituale und Symbole der frühen DDR, Berlin 1997, S.465.
[58] Heinz Dieter Kittsteiner, Die "Heroisierung" im geschichtstheoretischen Kontext. In: Monika Flacke (Hg.), Auf der Suche nach dem verlorenen Staat. Die Kunst der Parteien und Massenorganisationen der DDR, Berlin 1994, S.157.
[59] Martin Warnke, Podiumsdiskussion. In: Monika Flacke (Hg.), Auf der Suche nach dem verlorenen Staat. Die Kunst der Parteien und Massenorganisationen der DDR, Berlin 1994, S.162.
[60] Der Umgang mit der Sitte-Ausstellung im Nürnberger Deutschen Nationalmuseum - ausgelöst durch die "Kunsthistoriker" vom Forschungsverbund SED-Staat der westberliner Freien Universität - ist das jüngste Beispiel dafür.
[61] Thomas Rausch, Zwischen Freiheitssuche und DDR-Nostalgie. Lebensentwürfe und Gesellschaftsbilder ostdeutscher Jugendlicher, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage 45/99, S. 38.
[62] Uwe Steimle, Deutschland macht mich rasend. In: DER TAGESSPIEGEL vom 10. 11. 2000, S. 34.


Dieser Aufsatz erschien 9/2002 in dem beim CAMPUS VERLAG von Konrad H. Jarausch und Martin Sabrow herausgegebenen Band "Verletztes Gedächtnis. Erinnerungskultur und Zeitgeschichte im Konflikt"